Das katholische Abendland

von Felix Dirsch
PDF der Druckfassung aus Sezession 94/Dezember 2020

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Wer auf den Begriff des christ­li­chen Abend­lan­des rekur­riert, wird meist dar­auf auf­merk­sam gemacht, daß es sich hier­bei um eine ana­chro­nis­ti­sche Sicht­wei­se han­delt – nicht nur wegen der reli­giö­sen Konnotation.
Tat­säch­lich darf ein Groß­teil der Deu­tun­gen des eige­nen Kul­tur­rau­mes (unge­ach­tet der Tat­sa­che, daß der Aus­druck »Abend­land« auf das frü­he 16. Jahr­hun­dert zurück­geht) als Ex-post-Dar­stel­lun­gen gel­ten. Das bedeu­tet, daß sie zu einem Zeit­punkt ver­faßt wur­den, als die kul­tu­rel­le Blü­te­zeit schon vor­über war. Das gilt für Nova­lis’ im Trau­er­ges­tus gehal­te­nen Essay Die Chris­ten­heit oder Euro­pa eben­so wie für den Best­sel­ler des agnos­ti­schen Pro­tes­tan­ten Oswald Speng­ler, der die Erlah­mung der einst kul­tur­er­schaf­fen­den Kräf­te in eine geist­vol­le wie angreif­ba­re Erzäh­lung pack­te. Das Lebens­ge­fühl vie­ler Men­schen nach dem Ers­ten Welt­krieg hat er wie kein Zwei­ter getroffen.

Die Per­spek­ti­ve des (bis­wei­len melan­cho­li­schen) Rück­blicks in wenig hoff­nungs­vol­len Zei­ten ist auch cha­rak­te­ris­tisch für die Abend­land­Re­nais­sance der 1920er und 1950er Jah­re. Haupt­säch­lich Katho­li­ken wie der Roma­nist Her­mann Platz waren es, die sich um die kurz­zei­tig erschei­nen­de Zeit­schrift Abend­land sam­mel­ten. Beson­ders die Erb­fein­de Deutsch­land und Frank­reich soll­ten sich ver­söh­nen, um für eine neue Blü­te­zeit Euro­pas zu sor­gen, des­sen Über­le­gen­heit ange­sichts des Auf­stiegs der »jun­gen« Mäch­te USA und Sowjet­ruß­land ein für alle­mal Geschich­te zu sein schien.

Noch ein­dring­li­cher stell­te sich nach 1945 die Fra­ge, wie Deutsch­land zurück­keh­ren kön­ne in die Rei­he der Kul­tur­völ­ker Euro­pas, so das übli­che Nar­ra­tiv. Der Abend­land­ge­dan­ke bot wei­ter die Mög­lich­keit der Abgren­zung gegen den Bol­sche­wis­mus. Die »Abend­län­di­sche Akti­on«, die Zeit­schrift Neu­es Abend­land und die »Abend­län­di­schen Aka­de­mien« in Eich­stätt stell­ten die für das Wir­ken her­aus­ra­gen­der Den­ker nöti­ge Infra­struk­tur zur Ver­fü­gung. Zu den emsigs­ten Akti­vis­ten sol­cher Kreise
zähl­te der CSU-Poli­ti­ker Ger­hard Kroll. Die­se Zir­kel sahen die jun­ge Bun­des­re­pu­blik und das Grund­ge­setz nicht als das »Ende der Geschich­te«. Zu den alter­na­ti­ven Kon­zep­ten zur rea­len Ver­fas­sung zähl­ten Vor­stel­lun­gen einer berufs­stän­di­schen Ord­nung, die in einer bestimm­ten Vari­an­te wäh­rend der Regie­rungs­zeit der Bun­des­kanz­ler Engel­bert Dol­lfuß und Kurt Edler von Schu­sch­nigg in Öster­reich prak­tisch umzu­set­zen ver­sucht wur­de. Als Ideen­ge­ber fun­gier­te beson­ders der Phi­lo­soph und Ökonom
Oth­mar Spann. Unter ande­rem dis­ku­tier­ten die Erneue­rer des Abend­lan­des ein par­la­men­ta­ri­sches Zwei-Kam­mern-Sys­tem. Bis in die prak­ti­sche Poli­tik reich­ten ihre Einflüsse.

Ab Mit­te der 1950er Jah­re gerie­ten die Ver­tre­ter die­ses Gedan­ken­guts immer stär­ker in die Kri­tik. 1958 stell­te die Zeit­schrift Neu­es Abend­land ihr Erschei­nen ein. Zuneh­men­der Wohl­stand und libe­ral-indi­vi­dua­lis­ti­sche Ten­den­zen brei­te­rer Bevöl­ke­rungs­schich­ten waren (neben­der Ero­si­on des katho­li­schen Milieus) die Haupt­grün­de für das abseh­ba­re Ende die­ser Abendland-Renaissance.

Nach den 1950er Jah­ren ist das Wort »Abend­land« aus Poli­ti­ker­re­den prak­tisch ver­schwun­den. Erst in den letz­ten Jah­ren eta­bliert sich der Topos als »Iden­ti­täts­mar­ker« (Her­fried und Mari­na Münk­ler) erneut und reizt das Estab­lish­ment zum Wider­spruch. Bereits vor den 2010er Jah­ren waren (häu­fig sub­ku­tan) Aus­ein­an­der­set­zun­gen um das eige­ne kulturelle
Erbe wahr­zu­neh­men. Als Bei­spiel sind Kon­tro­ver­sen um isla­mi­sche Ein­flüs­se im Kon­text der hoch­mit­tel­al­ter­li­chen Scho­las­tik zu erwäh­nen. Syl­va­in Gou­guen­heims Abhand­lung Aris­to­te­les auf dem Mont Saint-Michel (2011), die bei ihrem Erschei­nen im fran­zö­si­schen Ori­gi­nal für hef­ti­ge poli­tisch-kor­rek­te Ein­sprü­che sorg­te, belegt, daß aus dem isla­mi­schen Kul­tur­raum geflüch­te­te Mön­che auf dem Mont Saint-Michel die »Poli­tik« und ande­re Schrif­ten des Aris­to­te­les ins Latei­ni­sche über­setzt haben. Damit sind isla­mi­sche Ein­flüs­se auf die euro­päi­sche Kul­tur des Mit­tel­al­ters zumin­dest relativiert.

Wei­ter­hin ist auf die Deu­tungs­kämp­fe um Homer und Tro­ja seit rund 30 Jah­ren auf­merk­sam zu machen. Eine Rich­tung der Debat­te, die vom mitt­ler­wei­le ver­stor­be­nen Tübin­ger Archäo­lo­gen Man­fred Korf­mann ange­führt wor­den ist, iden­ti­fi­ziert Tro­ja mit der ehe­ma­li­gen hethi­ti­schen Metro­po­le Wilu­sa. Die Bot­schaft im Sub­text ist offen­kun­dig: Ohne maß­geb­li­che ori­en­ta­li­sche Ein­flüs­se kei­ne kul­tu­rel­le Gene­se des Okzidents!

Unter den Ver­tre­tern katho­li­schen Abend­land-Den­kens in den 1920er Jah­ren ragt der Schrift­stel­ler Theo­dor Haecker her­aus. Er stell­te zum 2000. Geburts­tag des römi­schen Natio­nal­dich­ters Ver­gil die­sen als »Vater des Abend­lan­des« her­aus. Etli­che ande­re Gelehr­te wie Rudolf Bor­chardt und Hugo von Hof­manns­thal hoben eben­falls die Bedeu­tung Ver­gils für die abend­län­di­sche Kul­tur her­vor. Haecker zog die Grund­li­ni­en der Ver­gil-Rezep­ti­on aus: Sie reicht von Augus­ti­nus über Dan­te und Vel­de­ke und Mur­ner bis T.S. Eli­ot und Her­mann Broch.
Haecker zufol­ge kön­ne Ver­gil Mark­stein sein »in dem gro­ßen geheim­nis­vol­len Pro­zess der Selbst­be­stim­mung des Abend­lan­des, einer Restau­ra­ti­on des Okzi­dents, wie sie dem tie­fah­nen­den Geist« eines Hof­mannsthals vor­ge­schwebt sei.

Zugän­ge zum Abend­land gab es in der Zeit unmit­tel­bar nach dem Zwei­ten Welt­krieg auch aus theo­lo­gisch-reli­gi­ons­phi­lo­so­phi­scher Per­spek­ti­ve. Roma­no Guar­di­ni leg­te 1950 sei­ne kri­ti­schen Betrach­tun­gen Das Ende der Neu­zeit vor. In die­ser Publi­ka­ti­on, die an eini­gen Stel­len an René Guen­ons Trak­tat Die Kri­sis der Neu­zeit erin­nert, skiz­ziert er die pro­me­t­hei­schen Grund­kräf­te der Neu­zeit als lang­sam erlahmend.
Die Res­sour­cen der Moder­ne sei­en all­mäh­lich erschöpft. Ab dem 14. Jahr­hun­dert bereits erkennt Guar­di­ni einen Nie­der­gang des­sen, was das Mit­tel­al­ter einst groß gemacht habe. Neu­zeit zeich­net sich für den Autor in ers­ter Linie dadurch aus, daß sie ver­schie­de­ne Facet­ten eines auto­no­men Bewußt­seins (in For­men von Natur, Kul­tur und Per­sön­lich­keit) her­vor­ge­bracht habe. Gott ver­lie­re auf die­se Wei­se sei­ne exzep­tio­nel­le Posi­ti­on. Guar­di­ni pro­phe­zeit, daß »der nicht-huma­ne Mensch und die nicht natür­li­che Natur … einen Grund­zug« aus­mach­ten, auf dem das »kom­men­de Dasein« auf­bau­en werde.

Kaum eine Zeit­dia­gno­se bringt die kul­tur­pes­si­mis­ti­schen Stim­mungs­la­gen der Zeit so sehr auf den Begriff wie die des öster­rei­chi­schen Kunst­his­to­ri­kers Hans Sedl­mayr. Metho­disch steht er der Wie­ner Schu­le sei­ner Leh­rer nahe (Alo­is Riegl, Juli­us von Schlos­ser), die die Sym­pto­me und Sym­bo­le der Kunst als Hin­weis auf den Zustand der Kul­tur gene­rell, ins­be­son­de­re aber auf die Stel­lung des Men­schen inter­pre­tier­ten. Sedl­mayr hat vie­le Stu­di­en über abend­län­di­sche Kunst und Künst­ler ver­faßt, etwa über die Ent­ste­hung der Kathe­dra­le, über Fischer von Erlach und Bor­ro­mi­ni. Abend­län­di­sche Kunst­über­lie­fe­rung und Moder­ne kon­tras­tiert er mit Vor­lie­be, so das Gesamt­kunst­werk der Kathe­dra­le mit der »Zer­spal­tung der Küns­te« ab dem 18. Jahrhundert.

Sedl­mayr schlägt am Ende sei­ner Unter­su­chung über die Ent­ste­hung der Kathe­dra­le den Bogen von der himm­li­schen zur irdi­schen Stadt, wie sie bei­spiels­wei­se beim füh­ren­den Revo­lu­ti­ons­ar­chi­tek­ten Clau­de-Nico­las Ledoux zum Vor­schein kam. Beson­ders ab 1760 sieht Sedl­mayr einen Zug der Kunst­mo­ti­ve hin zum Ratio­na­len und Abs­trak­ten. Ab die­sem Zeit­punkt wer­den Kir­chen und Schlös­ser als Zen­tral­auf­ga­be der Kunst all­mäh­lich ver­drängt. Es fol­gen in immer kür­ze­ren Zeit­räu­men ande­re The­men, vom Land­schafts­gar­ten bis zur Fabrik. In den äuße­ren Sym­pto­men erkennt Sedl­mayr eine »inne­re Revo­lu­ti­on von unvor­stell­ba­ren Aus­ma­ßen … die Ereig­nis­se, die man als ›Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on‹ zusam­men­faßt, sind selbst nur ein sicht­ba­rer Teil­vor­gang die­ser unge­heu­ren inne­ren Kata­stro­phe. Es ist bis heu­te nicht gelun­gen, die dadurch geschaf­fe­ne Lage zu bewäl­ti­gen, weder im Geis­ti­gen noch im Praktischen«.
So beginnt Sedl­mayrs Klas­si­ker Ver­lust der Mit­te. Die­se Mit­te wird nicht genau bestimmt. Gemeint ist wohl der ange­stamm­te Platz Got­tes. Des­sen Negie­rung füh­re »fort vom Men­schen« und »fort vom Humanismus«.

Sedl­mayr stellt exem­pla­risch die Zer­stö­rung umfas­sen­der meta­phy­sisch-reli­giö­ser Sinn­struk­tu­ren durch die got­tes­mör­de­ri­sche Moder­ne her­aus. Die dadurch exis­tie­ren­de Halt­lo­sig­keit der ex-zen­tri­schen Welt wer­de mit­tels künst­li­cher Sym­bo­li­ken aus Poli­tik, Tech­nik und Kul­tur ein­zu­däm­men ver­sucht. Die­se Sub­sti­tu­ti­ons­pro­zes­se wer­den mus­ter­gül­tig in den glo­ba­li­sie­rungs­theo­re­ti­schen Stu­di­en Peter Slo­ter­di­jks dargestellt.

Bei Apo­lo­ge­ten der Moder­ne wie Wer­ner Haft­mann, Theo­dor W. Ador­no oder Wil­li Bau­meis­ter rie­fen die groß­in­qui­si­to­ri­schen Urtei­le Sedl­mayrs hef­ti­gen Wider­spruch her­vor. Der bri­ti­sche His­to­ri­ker Chris­to­pher Daw­son beschreibt das reich­hal­ti­ge abend­län­di­sche Erbe in umfang­rei­chen his­to­rio­gra­phi­schen Unter­su­chun­gen. Anders als sein pro­mi­nen­ter Lands­mann Arnold Toynbee
scheu­te er vor posi­ti­ven Wert­ur­tei­len über das geis­ti­ge Erbe Euro­pas nicht zurück. In sei­ner 1945 in deut­scher Spra­che auf den Markt gekom­me­nen Ver­öf­fent­li­chung Gericht über die Völ­ker greift er zur Erklä­rung der Kata­stro­phe nicht auf einen spe­zi­fi­schen Ver­lauf der deut­schen Geschich­te zurück, wie es damals üblich war.
Statt­des­sen sucht er die ent­schei­den­den Fak­to­ren zur Erklä­rung der Ereig­nis­se im Nie­der­gang des christ­li­chen Glau­bens, der in ganz Euro­pa bemerk­bar sei. Das Böse sieht er »ent-per­sön­licht«. Von Saint-Just und Robes­pierre schlägt er einen Bogen zu Feliks Dzierżyń­ski, dem ers­ten Lei­ter der Tscheka.

Heu­ti­ge Leser sind über eini­ge Inter­pre­ta­tio­nen Daw­sons irri­tiert: Er stellt »Demo­kra­tie und tota­len Krieg« neben­ein­an­der. Das ver­bin­den­de Glied zwi­schen bei­den liegt aber auf der Hand: die Mas­sen, die man zum Guten wie zum Schlech­ten len­ken kön­ne. Libe­ra­le Demo­kra­tie kann unter bestimm­ten Umstän­den schnell in eine tota­li­tä­re umschlagen.
Hier trifft sich Daw­son mit den Ergeb­nis­sen der Abhand­lung des israe­li­schen His­to­ri­kers Jacob Tal­mon Ursprün­ge der Tota­li­tä­ren Demo­kra­tie. Daw­son ver­or­tet das Übel tie­fer als nur bei Hit­ler und sei­nen kri­mi­nel­len Spieß­ge­sel­len. Er führt die gro­ßen kul­tur­kri­ti­schen Seis­mo­gra­phen der Bar­ba­rei auf, die schon im 19. Jahr­hun­dert ein zukunfts­wei­sen­des Bild von der Brü­chig­keit der christ­li­chen Grund­la­gen der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on ent­wor­fen haben.

Aus­führ­lich unter­zieht er den Libe­ra­lis­mus einer kri­ti­schen Prü­fung. Daw­son dif­fe­ren­ziert den älte­ren Libe­ra­lis­mus, der vie­le Bestand­tei­le aus der christ­li­chen Kul­tur über­nimmt, von sei­ner neue­ren Vari­an­te, die die­se Zusam­men­hän­ge leugnet.
Die­ser Zug läßt sich bei sei­nen his­to­rio­gra­phi­schen Wer­ken beob­ach­ten, etwa in sei­nem Buch Die Gestal­tung des Abend­lan­des. Für ihn lie­fer­te das römi­sche Reich die Daseins­form des Abend­lan­des. Die katho­li­sche Kir­che, der die Ver­schmel­zung von Klas­sik und Moder­ne gelun­gen sei, habe jedoch die geis­ti­ge Ein­heit bewerk­stel­ligt. So sei es zur Aneig­nung die­ses Erbes in Wis­sen­schaft und Phi­lo­so­phie gekom­men. Man ver­glei­che den Lek­tü­re­plan eines höhe­ren Schü­lers im 18. Jahr­hun­dert mit dem eines gebil­de­ten Römers im ers­ten nach­christ­li­chen Jahr­hun­dert oder mit der gän­gi­gen Lek­tü­re im Mit­tel­al­ter. Daw­son beschreibt die diver­sen Kul­tu­ren, etwa auch die im ost­rö­mi­schen Raum, als Einheit.

Auch ande­re Ver­tei­di­ger der katho­li­schen Tra­di­ti­on wie der jüngst neu­ent­deck­te Schrift­stel­ler Hil­ai­re Bel­loc lei­ten den Nie­der­gang des Abend­lan­des aus häre­ti­schen Ent­wick­lun­gen ab, zu denen pri­mär der Glau­bens­ab­fall der Moder­nen zählt.
Wel­che Bedeu­tung kommt den Ver­tre­tern der (wenn auch kurz­zei­ti­gen) Abend­land-Renais­sance bald nach dem Ende bei­der Welt­krie­ge zu?

Zum letz­ten Mal konn­te eine weder links noch libe­ral anzu­sie­deln­de Strö­mung zumin­dest zeit­wei­lig kul­tu­rel­le Hege­mo­nie erlan­gen. Alle »Abend­län­der« sahen den Trend zur Säku­la­ri­sie­rung und Mar­gi­na­li­sie­rung des Glau­bens in der Neu­zeit als Grund­übel der Gesell­schaft. Sie teil­ten die Vor­stel­lung, daß die­se Ent­wick­lung sich stu­fen­wei­se voll­zo­gen habe: Vor­be­rei­tet durch die Refor­ma­ti­on und gip­felnd in der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on mit ihren Chris­ten­ver­fol­gun­gen, führt aus die­ser Per­spek­ti­ve eine direk­te Tra­di­ti­ons­li­nie zu den gott­lo­sen tota­li­tä­ren Regimes und ihren Ideo­lo­gien im 20. Jahrhundert.

Eine sol­che Dia­gno­se war grund­sätz­lich auch bei nicht­ka­tho­li­schen Kon­ser­va­ti­ven kon­sens­fä­hig. Vie­le Reprä­sen­tan­ten der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on teil­ten bis zu einem gewis­sen Grad die Dia­gno­se der Abend­län­der, zumin­dest aber deren damit ver­bun­de­ne kul­tur­pes­si­mis­ti­sche Fol­gen­ab­schät­zun­gen. Als Kon­se­quen­zen der Gott­lo­sig­keit wur­den die »Ver­wirt­schaft­li­chung des Lebens« (Oth­mar Spann), die »Selbst­zer­stö­rung der Völ­ker« (Paul Ernst), die »Kul­tur­lo­sig­keit des zivi­li­sa­to­ri­schen Zeit­al­ters« (Jung) und so fort genannt. Wie die Abend­län­der streb­ten auch die­se Prot­ago­nis­ten eine Revo­lu­ti­on zur Wie­der­her­stel­lung dau­er­haft­gül­ti­ger For­men an.

Der Kanon der erwähn­ten Gelehr­ten umfaßt Theo­re­ti­ker, die ein kul­tur­prä­gen­des, moder­ne­kri­ti­sches Chris­ten­tum favo­ri­sie­ren, das sei­ner­zeit zum letz­ten Mal eine brei­te­re gesell­schaft­li­che Basis beses­sen hat. Moder­ne-Kri­ti­kern wie Guar­di­ni und Sedl­mayr muß­te man wenigs­tens kon­ze­die­ren, daß sie die Moder­ne ernst genom­men haben, auch hin­sicht­lich ihrer destruk­ti­ven Poten­zen. Die­sen Grund­zug (in aller Ambi­va­lenz) zu erfas­sen, ist Carl Schmitt gelun­gen, als er 1950 ein letz­tes Mal im gro­ßen lite­ra­ri­schen Stil die Okku­pa­ti­on außer­eu­ro­päi­scher Gefil­de recht­fer­tig­te: »Es ist also ganz falsch, zu sagen eben­so gut wie die Spa­ni­er die Azte­ken und Inkas ent­deckt haben, hät­ten die­se umge­kehrt Euro­pa ent­de­cken kön­nen. Den India­nern fehl­te die wis­sens­mä­ßi­ge Kraft der christ­li­ch­eu­ro­päi­schen Ratio­na­li­tät, und es ist nur eine lächer­li­che Uchro­nie, sich aus­zu­ma­len, daß sie viel­leicht eben­so gute kar­to­gra­phi­sche Auf­nah­men von Euro­pa hät­ten machen kön­nen, wie die Euro­pä­er sol­che von Ame­ri­ka gemacht haben. Die geis­ti­ge Über­le­gen­heit war ganz auf Sei­ten der Euro­pä­er und zwar so stark, daß die neue Welt ein­fach ›genom­men‹ wer­den konnte.«
Es wäre sicher kein kur­zes Refe­rat, die Fol­gen die­ses Ver­lusts an kul­tur­ge­ne­rie­ren­der Potenz des Abend­lan­des und der Abend­län­der in der unmit­tel­ba­ren Gegen­wart auch nur skiz­zen­haft dar­stel­len zu wollen.

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