Krass – Martin Mosebachs neuer Roman

Seit Freitag wird Martin Mosebachs Roman Krass verkauft und besprochen: ein Meisterwerk. Hier meine aus Sezession 100 vorgezogene Rezension!

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Das sich spie­geln­de Vögel­chen auf dem Titel­um­schlag deu­tet es an: Ralph Krass ist ein Nar­zißt, und was für einer! Er, »nicht schön, aber Kraft und Intel­lekt aus­strah­lend«, kauft sich alles: Geschäf­te, Freund­schaf­ten, Lie­be­lei­en. Krass ist mas­sig, aber straff, in Form, ein Macher, ein Dezisio­nist, eher unge­bil­det, aber ein »Natur­in­tel­lek­tu­el­ler«. Sei­ne weni­gen Wor­te haben Gewicht. Wir Leser fin­den ihn in sei­nen bes­ten Jah­ren vor. Zunächst!

Mose­bach hat einen Roman in drei Sät­zen kom­po­niert. Der ers­te ist mit der Spiel­an­wei­sung »Alle­gro imba­raz­z­an­te« über­schrie­ben – eine glat­te Erfin­dung: »leb­haft pein­lich« viel­leicht? (Fol­gen wer­den das »Andan­te pen­sier­so« und »Mar­cia funebre«, die gibt es.)

Der ein­zig­ar­ti­ge Sti­list und beken­nen­de Reak­tio­när Mar­tin Mose­bach hat uns erneut eine Geschich­te beschert, die – wie man­cher Par­tei­hengst bekrit­teln wird – wie­der »ohne poli­ti­sche Rele­vanz« ist. Ein kunst­lo­ser Ein­wand! Herr Krass hat den ver­krach­ten, leid­lich begab­ten, immer­hin poly­glot­ten Jung­aka­de­mi­ker Herr Jün­gel (ein Cha­rak­ter, der in kei­nem Mose­bach-Roman fehlt) enga­giert, damit der sein zufäl­li­ges ange­wor­be­nes baby­lo­ni­sches Gefol­ge, eine zusam­men­ge­wür­fel­te, illus­tre Gesell­schaft, deutsch-ita­lie­nisch-fran­zö­sisch, durch Nea­pel führe.

Krass selbst schweigt bei den abend­li­chen Run­den meist »sphinx­haft« und herrscht mit »Ges­ten eines anti­ken Heerführers.«

Der Auf­takt: Jün­gel, die­ser schma­le, beflis­se­ne Unter­tan, hat die Rei­se­grup­pe ver­se­hent­lich statt in ein nea­po­li­ta­ni­sches Volks­stück in eine Zau­ber­auf­füh­rung geschickt. Wie Mose­bach den Magi­er sich »knapp ver­beu­gen« läßt, »als habe er sich mit sei­ner Num­mer vor allem selbst ein Ver­gnü­gen berei­tet« und wie Herr Jün­gel es ver­steht, rasant die »etwas irra­tio­na­le Rhe­to­rik« des Künst­lers mul­ti­lin­gu­al zu über­set­zen – das sucht seinesgleichen:

Es gibt Din­ge, die sind kein Trick, die sind uner­forsch­bar. Es gibt Phä­no­me­ne der Unbe­greif­lich­keit, einer Imprevisibilità.

Bei­sei­te spricht uns der Erzäh­ler an:

Welch ein Wort, gab es das über­haupt? Der Mann aus dem Nor­den tat so.

Mit sol­chen Prä­li­mi­na­ri­en ist das Pro­gramm die­ses Romans bereits umris­sen: In die­ser Welt ereig­net sich lau­fend Unglaub­li­ches. Die Din­ge, ein­mal ange­zet­telt, fügen sich über Jahr­zehn­te und über Kon­ti­nen­te anein­an­der, nichts dar­an ist jen­seits des Mög­li­chen, jede ein­zel­ne Sei­te ist ein Genuß.

Das liegt dar­an, weil Mose­bach nicht nur Stil­künst­ler ers­ten Ran­ges ist, son­dern auch Plots schreibt, die ihres­glei­chen suchen. Wie fast immer bei die­sem »lang­sam­schrei­ben­den« Dich­ter (der nicht jähr­lich etwas auf den Buch­markt wirft) geht es hier um ein offen­kun­dig präch­ti­ges Gewächs (hier: Ralph Krass), das im Kern doch den Keim des Mor­schen in sich trägt.

Im ers­ten Teil ist Krass ein Halb­gott. Er ködert nicht nur den sub­al­ter­nen Jün­gel, son­dern – viel­leicht – auch Lide­wi­ne, jun­ge Femme fata­le (und eins­ti­ge Magier­ge­lieb­te), deren ers­tes Attri­but die Unab­hän­gig­keit ist. Lide­wi­ne, die­se bezir­zen­de Lebens­künst­le­rin mit qua­dra­ti­schem Gesicht und beacht­li­chen Waden, ver­liert bald Kras­sens Gunst, weil sie sich aus spon­ta­ner Nei­gung einem Unter­ta­nen (natür­lich nicht Jün­gel mit sei­ner »fei­er­li­chen Ser­vi­li­tät«) hin­gibt. Krass ver­ab­scheut Illoyalität.

Der zwei­te Teil, anno 1989 und in Frank­reich spie­lend, besteht in Tage­buch­auf­zeich­nun­gen des kläg­lich von sei­ner Ver­lob­ten ver­las­se­nen Jün­gel. Er ist immer noch das­sel­be Jün­gel­chen wie im Jahr zuvor. Der arme Bub – wie lei­det er nun, der Narr, unter die­sem Lie­bes­ver­lust! Wo wur­de eine sol­che, übri­gens höchst moder­ne, Mes­al­li­an­ce, je trif­ti­ger beschrieben?

Im drit­ten Teil sind wir zwan­zig Jah­re wei­ter. Wir befin­den uns in Ägyp­ten. Ver­rückt! Durch Zufall, Impre­vi­si­bi­li­tà, sind sie alle hier! Herrn Krass’ mori­bun­de Morsch­heit ist offen­kun­dig. Die sorg­lo­se Cir­ce Lide­wi­ne hin­ge­gen ist kaum, und wenn: wert­stei­gernd geal­tert. Sind die­se »Gazel­len­au­gen« aber nicht doch »Kuh­au­gen?«

Mose­bach, Men­schen­ken­ner mit schar­fem Auge für Details, beherrscht die Kunst sol­cher Kipp­bil­der wie kein zwei­ter. Jün­gel ist – kaum zu glau­ben bei dem Sen­ti­men­ta­lis­ten, der er zwei Jahr­zehn­te zuvor war – inzwi­schen zwei­fach geschie­den und eini­ger­ma­ßen abge­fuckt im sou­ve­rä­nen Sinn. Nichts ist, wie es einst schien, und den­noch hat sich in all die­sen Lebens­läu­fen, auch in denen der Neben­fi­gu­ren, irgend etwas erfüllt. »Kar­ma« dahin­ter zu ver­mu­ten, ist bei die­sem dezi­diert katho­li­schem Autor wohl unsinnig.

Es ist kei­ner in Sicht, der dem Roman­cier Mose­bach hier und heu­te den Rang ablau­fen könn­te. Es liegt auf der Hand, Krass zu ver­fil­men. Man wüß­te gern, wer das Dreh­buch schrie­be und die Sze­nen aus­stat­te­te. Jeden­falls: Eine bes­se­re Vor­la­ge kann man sich kaum wünschen.

– – –

Mar­tin Mose­bach: Krass. Roman, Ham­burg: Rowohlt 2021. 528 S, 26 € – hier bestel­len.

 

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (26)

Monika

25. Januar 2021 17:17

Allein, um zu erfahren, wie man wertsteigernd altert, sollte ich wohl das Buch bestellen 🤔

Waldgaenger aus Schwaben

25. Januar 2021 17:29

Ach, herrje, da wird wieder viel zu viel in die FFP2-Maske rein interpretiert. Der Söder will Kanzler werden und muss alle paar Wochen was Neues bringen. Gehen die Infektionszahlen runter, wird er es uns wissen lassen, dass es seine Idee war, die den Durchbruch brachte. Gehen sie nicht runter, wird er es uns wissen lassen, dass er alles in seiner Macht stehende tut. 

BTW: Als kleiner Akt des zivilen Ungehorsams kann jeder eine bunte Stoffmaske über der FFP2 tragen, bei Widerspruch warten, bis die Polizei kommt und dann die Stoffmaske abnehmen. 

Monika

25. Januar 2021 20:04

Wird Zeit, dass Friseure und Schuhmacher wieder öffnen. Sonst verfällt Herr Mosebach der Häresie der Formlosikeit. Auch Herrenausstatter sollten bei Krawatten und Strümpfen besser beraten...👔👔👔

https://www.ardmediathek.de/ard/video/lesenswert/zoe-beck-und-martin-mosebach/3sat/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzEzODk2MjA/

Gracchus

25. Januar 2021 21:12

Darauf freue ich mich. Das klingt ja, als hätte sich Mosebach nochmals gesteigert. Ich schlage vor, den Strang hier offen zu lassen, bis ich mit meiner Lektüre durch bin, also ca. in 2 Wochen. 

Erstaunlich, dass Mosebach Bart trägt und der fürchterliche Denis Scheck einer Meinung mit Ellen Kositza ist.

Maiordomus

25. Januar 2021 22:14

@Der letzte bei Antaios bestellte Roman, u.a. wegen Thematik der Banater Schwaben gelesen habe, war "Drei Kilometer" von Nadine Schneider. Vergleiche ich es mit Catalin D.Florescu oder den schwächeren Werken der Ha. Müller, liegt von familiären Geschichten her Relevanz mit einschlägigem Bonus vor. Geschrieben ist es leider, wie man es in Literaturinstituten lernt. Also in der Art, wie es bessere Deutschschülerinnen hinkriegen. Bei N. Schneider kommt dazu, dass sie was zu erzählen hat. IM den letzten Jahren noch keinen neuen deutschsprachigen Roman gelesen, der annähernd mit Michail Prischwins von Eveline Passet und Ilma Rakusa vermittelten Meisterwerk "Der irdische Kelch", ebenfalls bei Ihnen bestellt, mithalten könnte, Chronik eines frühen Jahres nach der russ. Revolution. Und was erst für unvergleichliche Leseerlebnisse mir seit 2018 auch nur die Wiederlektüre  der "Toten Seelen" von Gogol gewährt hat, zu schweigen die Beschreibung des Newski Prospekt in St. Petersburg, den ich unterdessen nächtlicherweile abgewandert bin, dabei mich verirrend in Richtung Schauplatz der Novelle "Der Mantel". Diese Liga von "Meisterwerk" liegt nach meiner Erfahrung wohl jenseits des Potentials der gegenwärtigen deutschsprachigen Konfektionsliteratur mit viel dilettantischer  Überproduktion. Da aber Mosebach gewiss weniger Anfänger ist, möchte ich mich um Ihrer Begeisterung,  @EK, willen, der Bestellung von @Monika anschliessen. 

Laurenz

26. Januar 2021 02:16

@Monika

"Allein, um zu erfahren, wie man wertsteigernd altert, sollte ich wohl das Buch bestellen"

Nur zu. 

Es ist aber im Grunde einfach. Nur Sparsamkeit im direkten Umgang mit Männern schafft Begehrlichkeiten und Wert. 

Äußerlichkeiten sind nur für sehr junge Menschen entscheidend, da junge Menschen nichts wissen.

Entscheidend ist das Wesen.

Maiordomus

26. Januar 2021 07:23

@Der letzte bei Antaios bestellte Roman, den ich - wegen der Thematik der Banater Schwaben - gelesen habe, war "Drei Kilometer" von Nadine Schneider, nicht mehr und nicht weniger als in ansprechendem Schülerinnendeutsch geschrieben. I n  den letzten Jahren habe ich aber, ausser besten Essays, nichts Belletristisches gelesen, das mit Michael Prischwins "Der irdische Kelch" mithalten könnte. Wäre insofern bei Neuerscheinungen, die erst einige Tage alt sind, mit Bezeichnung "Meisterwerk" zurückhaltender als die Rezensentin. Gogol, auch in guten Übersetzungen, bleibt etwa ein Massstab für "Meisterwerk"; oder wenn es eine deutschsprachige Kriminalgeschichte als dörfliche Milieustudie sein soll,  "Unterm Birnbaum" von Fontane. In deutscher Sprache ist, das Mundartliche inbegriffen, dann und wann gleich gute Prosa geschrieben worden, bessere wohl nie; dabei war es ursprünglich ein Fortsetzungsroman für die "Gartenlaube", eine offensichtlich nachträglich unterschätzte Zeitschrift. Allein "Unterm Birnbaum" ersetzt als Menschenzeichnung wohl alles, was der Spiegel oder meinetwegen auch die Frankfurter Allgemeine in den letzten Jahren über die "Ossis" und allgemein über deutsche Männer und Frauen abgesondert haben. Soll keine Abwertung von Mosebach sein, weil von der Präzision der Erzählung mit dem besten Thomas Mann ebenbürtig, jedoch weniger manieristisch; weil einfach so nebenher mit höchstem Können in Sachen Menschenzeichnung hingeschrieben.

Hamatum

26. Januar 2021 16:02

Eine Rezension, zumal eine so wunderbare, nicht zum Verriss neigende, muss kein Gegenstand für sonstwie geartete Kommentare sein. Was die arrogante Selbstvermarkterin und Aktivistin Weisband (früher Piratin, heute "Pioneerin") zu Hetzklagen und Denunziation stimuliert, bleibt ihr Geheimnis. Als lebende Opferrolle wird sie ganz sicher nicht wertsteigernd altern.  

Beowulf

26. Januar 2021 16:19

Diese Rezension hat zumindest auf Twitter schon hohe Wellen geschlagen. Die Bezeichnung als "kluge und gehaltvolle Besprechung" und das Verlinken auf Sezession.de hat Patrick Bahners schon ziemlich viel Gegenwind eingebracht.

Maiordomus

26. Januar 2021 17:42

"Extremisten können Interessantes über Bücher sagen", liest man beim Autor Patrick Bahners. Fürwahr eine geistvolle Verteidigung, auch eine Aussage über den geistigen Zustand dessen, was sich Feuilleton nennt. 

Dieter Rose

27. Januar 2021 09:13

"Extremisten?"

vernünftig, intelligent, gehaltvoll

ist gleich

extrem?

Maiordomus

27. Januar 2021 11:10

Ehrlich gesagt ist die Welt auch von rechts und gerade erst recht von "konservativ" aus gesehen weit komplizierter, als in der öffentlichen Meinung dargestellt. Dir grossen Vereinfacher sollten zumal bei SiN nicht im Vordergrund stehen. Lichtmesz gehört meines Erachtens nicht zu dieser Sorte. Es scheint mir aber klar, dass das amerikanische Problem nicht einfach auf weiss - nichtweiss fokussiert werden kann. Es ist dies ein Punkt, wo offenbar Trump überdurchschnittlich und vorbildlich differenziert urteilt. Rein intelligenzmässig ist er zwar kein Bismarck, wie wir schon vor 4 Jahren hier konstatierten, aber doch klar über dem Durchschnitt derjenigen, die ihn weltweit kommentieren. 

Maiordomus

27. Januar 2021 13:25

@Mosebach unterdessen bzw. heute n der Neuen Zürcher Zeitung massgebend besprochen, nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt der religiösen Krise. 

 

 

Lumi

27. Januar 2021 22:06

Das liegt daran, weil Mosebach nicht nur Stilkünstler ersten Ranges ist, sondern auch Plots schreibt, die ihresgleichen suchen.

Also wenn aufgrund der FAZ allerlei Welt auf diese Rezi klickt, dann würde ich doch vielleicht die Konjunktion weil durch daß ersetzen, zumal von Stilkunst die Rede ist.

Man könnte auch erwägen, am Plot noch schwupps die zweite germanische Lautverschiebung durchzuführen, wonach dann aus einem Pflotz zwei Pflötze würden.

Krass könnte ein Buch für mich sein, aber ich lese langsam und die noch nicht gelesenen Bücher stapeln sich. Es ist mir schon immer unbegreiflich gewesen, daß manche Leute ihre riesenhaften Bücherwände in der Tat gelesen haben.

Slentz

27. Januar 2021 22:32

Der einzigartige Stilist und bekennende Reaktionär Martin Mosebach hat uns erneut eine Geschichte beschert, die – wie mancher Parteihengst bekritteln wird – wieder »ohne politische Relevanz« ist.

 

Eine sehr schön geschriebene Rezension, vor allem an obiger Stelle musste ich schmunzeln.

Monika

28. Januar 2021 09:49

@ Laurenz Nach der Lektüre der Rezension von Jörg Magenau in der Süddeutschen steht „Krass“ nun nicht mehr auf meiner Prioritätenliste. Bei „wertsteigernder Alterung“ dachte ich in meiner katholischen Einfältigkeit an so was wie Altersweisheit, Heilfasten im Kloster und ähnliches. Nein, Lidwine hüpft mit Krass in die Kairoer Kiste . Das will ich nun nicht verfilmt sehen! Nicht nur „Sparsamkeit im Umgang mit Männern“, sondern krasse Distanz zu diesen  hält dagegen die leider vergessene Journalistin  und Reiseschriftstellerin Alma M. Karlin ( „Ein Mensch wird“) , die 1919 alleine um die Welt reiste und bei ihren Begegnungen mit fremden Kulturen von identitären Vorstellungen geleitet wurde. Ich hoffe, die interessante Rezension  von Karl Markus Gauß ist nicht hinter Bezahlschranke.

https://www.nzz.ch/feuilleton/alma-karlin-trotz-laehmung-zur-grossen-reiseschriftstellerin-ld.1590175

Maxx

28. Januar 2021 14:44

Werde mir Mosebachs "Krass" zu gegebener Zeit auf jeden Fall vornehmen. Etliche der hier in den letzten Jahren vorgestellten Autoren und Bücher habe ich als echten Gewinn empfunden. Ich ignoriere den offiziellen Feuilleton- und Rezensionszirkus komplett (lese keine Tageszeitungen mehr), aber ohne die hier bei K&K vorgefundenen Besprechungen/Empfehlungen hätte ich viele hervorragende Bücher wahrscheinlich nie gelesen; hätte die einfach nicht entdeckt (oder wiederentdeckt) z. B. Matthias Politycki, Eugen Ruge, Jochen Lottmann, Hans Bergel, Horst Lange oder auch anno 2021 vergessene Namen wie Fernau und v. Salomon (keine abschließende Aufzählung). Daher: Trifft oft meinen Geschmack, außer wenn's linkslastig wird. Danke jedenfalls an Ellen Kositza und alle Mitstreiter - macht weiter so!

Monika

28. Januar 2021 18:29

Verdammt. Nach der Lektüre einer weiteren Rezension, der von Matthias Matussek, steht „Krass“ wieder auf meiner Leseliste. Matussek in der TAGESPOST:

“In diesem Roman geht Mosebach aufs Ganze, mehr als in seinen Vorgängerromanen, er verhandelt Leben und Tod und das, was möglicherweise danach kommt. Nämlich die großen Fragen, wie sie vom christlichen Glauben instrumentiert werden. Und das alles tief unterhalb der glitzernden Oberfläche.“ Ich werde mir nun ein eigenes Bild machen müssen ...🤔

links ist wo der daumen rechts ist

29. Januar 2021 01:16

Auflösung

Es gibt Romane, die möchte man nicht verfilmt sehen und Filme, die man nicht als Romane kennen möchte. Aber trifft das jeweils nicht auf alle Romane und Filme zu?
Ich gebe aber zu, daß ich als alter Byzantiner eher zu den Bilderverehrern gehöre.
Wie "opulent" könnte denn eine Verfilmung des hier beschriebenen Buches aussehen?
Und warum mußte ich an Viscontis "Gewalt und Leidenschaft" denken?
Oder geht es um Projektionen weiblicher vs. männlicher Lese-Erfahrungen?
Aber ein Thema des Buches scheint mir der Verfall zu sein, dem man als kleine (hilflose?) Geste den eigenen Formenzwang entgegensetzt.
Müdigkeit ist für mich die adäquatere Form.
In einer Rezension des Buches hieß es, es könnte auch Anfang des 20. Jahrhunderts oder in den 50er Jahren spielen. Die 50er waren die Hochblüte der Zeit, als die WK2-Teilnehmer als müde Krieger über ihre Erlebnisse schrieben.
Als kleine Wiederentdeckung dazu am Rande: Hans Joachim Lange, Die Mauer von Mallare.
Ein unspektakuläres Buch, vordergründig geht es während der brüchig werdenden deutsch-italienischen "Waffenbrüderschaft" um die Erschießung eines italienischen Deserteurs. Aber wie hier die alten und jungen Gesichter des in Auflösung befindlichen militärischen Formenzwanges beschrieben werden, während manche nur noch nach Hause wollen...
Deftige Liebesgeschichten gibt es übrigens keine, nur den (unerlaubten, aber geduldeten) Besuch einer Ehefrau im Divisionsstab.

Maiordomus

29. Januar 2021 06:46

Da ich nun schon seit über 50 Jahren ein eigentlich die fast ganze Szene ablesender "Reaktionär" bin, der sich freilich durch das gegnerische Lager ebenfalls hindurchliest. bin ich Mosebach gegenüber zunächst mal verblüffungsfest. Ich wäre positiv überrascht, wenn er zum Beispiel an den nicht lageridentifikationsmässig schreibenden, aber zeitkritisch äusserst in die Tiefe gehenden Volker Mohr herankommen würde. Zu einem Geheimtipp hat es nun mal schon immer gehört, dass man vom Feuilleton nicht oder nur am Rande zur Kenntnis genommen wird. Was natürlich noch lange nicht heisst, dass jeder mehr oder weniger privat sich druckende lassende ideologische Aussenseiter schon Samisdat-Rang hat. Unter den seit einigen Jahren stärker in Richtung rechts gewendeten Publizisten zähle ich persönlich Matussek allein schon im katholischen Lager nicht gerade zu den 100 besten mir bekannten einschlägigen Publizisten der Nachkriegszeit. Immerhin ist er relativ nahe am Puls der Zeit. Aber schon Hürlimann hat er zu dessen 70. wohl mehr geschadet als genützt.  

Maiordomus

31. Januar 2021 10:07

Was Schönes bei Mosebach, das bei Ihnen bestellte Buch ist noch nicht eingetroffen, ist bis anhin das Titelbild mit den beiden Bachstelzen, deren Namen schon im Althochdeutschen als "waszersteltze" auftritt, bei Albertus Magnus noch so genannt, besonders beliebt, weil mit der schwarzweissen Tracht der Dominikaner einherstelzend und einherfliegend, im Gegensatz zu "begesteltz", der gelben Bachstelze oder Schafstelze, nach der möglicherweise die ebenfalls gelblich oder "beige" einhergehenden Beginen genannt wurden. Ehrlich gesagt gefällt mir Albertus Magnus dann als grosser Schriftsteller am besten, wenn er in die lateinischen Texte deutsche Vogel-, Fisch- oder andere Tiernamen einstreut; im Zusammenhang mit dem Stör, den er in seiner Donauheimat "Hausen" nennt und der ihm in Regensburg als Fastenspeise diente, ist ihm von Köln aus die unterschiedliche Wassertemperatur des damals vergleichsweise sehr warmen Rheins im Vergleich zur Donau aufgefallen. Ob sich Mosebach lohnen wird, weiss ich noch nicht; bei Albertus finde ich einen lehrreichen Beitrag betr. Hintergrundwissen Klimaerwärmung, liest sich erst noch unterhaltsam. Vgl. Balls, Heinrich: Albertus Magnus als Biologe, Stuttgart 1947.

Monika

31. Januar 2021 10:14

Selten hat sich mir ein Buch so sehr über Rezensionen erschlossen. Nach einer weiteren Rezension, der von Tobias Rüther ( „Zwischen Pomp und Peinlichkeit“) , werde ich den Roman zunächst nicht lesen. Nach Rüther ist die eigentliche Handlung des Romans die Sprache. Das germanistische Geschwurbel von Patrick Bahners deutet in die gleiche Richtung. Kann man vergessen. Wenn es ja die Sprache wäre. Da wird von einer Szene berichtet, in der Krass sich Wein in den Hals schüttet, ohne zu schlucken. Bei Ernst Jünger klingt das so: „Er hatte eine Art zu trinken, die man beiläufig nennen könnte: Er go(ss) das Bier anstrengungslos hinunter, ohne dass der Kehlkopf sich bewegte - es floss am Schluckapparat vorbei.“ in :  ( Drogen und Rausch)

Unübertrefflich.

https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/martin-mosebachs-neuer-roman-krass-17161879-p2.html

 

anatol broder

31. Januar 2021 12:01

@ monika 

was für eine achterbahn so ein ungelesenes buch doch auslösen kann. ich versuche diese methode jetzt auch. da bleibt sicher kein auge trocken, was mir gerade im winter leider oft passiert. deshalb danke ich auch im namen meiner gesundheit für die berichte. mit krass wertgesteigerten grüssen ziehe ich auf eine echte vogelschau in den wald.

 

Gracchus

31. Januar 2021 16:58

Ein Zwischenfazit nach ca. der Hälfte: 

Wer Mosebach bisher nicht mochte, wird "Krass" auch nicht mögen. 

Ein guter Roman / eine gute Erzählung sind unverfilmbar. Ich kenne keine einzige gute Verfilmung eines guten Buchs. Verfilmungen von Kafka oder Proust oder Dostojewski weigere ich mich anzusehen. 

Mosebach schreibt sehr anschaulich und plastisch, dass es keine Verfilmung braucht. Man verfilmt das Buch sozusagen beim Lesen, hat dabei aber nicht die Schwierigkeit, wie das Innenleben der Figuren darzustellen sei.

Mit Mosebachs Sprache habe ich anders als Herr Rüther keine grundsätzlichen Probleme, und das als jemand, der Probleme hat, Thomas Mann zu lesen, und zwar wegen der Sprache. Ich finde, man wird von dem Sprachfluss angenehm getragen. Manchmal gerät es zu üppig, weniger wäre mehr; weil Mosebach so detailfreudig erzählt, bleibt der eigenen Fantasie zu wenig Raum. 

Ein zweiter Einwand: Wenn wir im 2. Teil das Tagebuch Jüngels lesen, ist dabei wenig von der existentiellen Erschütterung zu spüren, in der sich der Tagebuchschreiber zu befinden vorgibt; das, was wir da lesen, kann kaum als authentisches Dokument durchgehen, es ist ein erzählerischer Kniff.  

Maiordomus

1. Februar 2021 08:17

@Gracchus. Gegen die Filmfasssung von "Lolita" von Stanley Kubrick kann der seinerzeitige Skandalautor Navokov mit seinem Kitschroman einpacken. Der bestgemachte und bestfotografierte und philosophisch-historisch unübertroffene kürzlich zum besten Film aller Zeiten gewählte "Barry Lyndon", ebenfalls von Kubrick, bedeutet eine Wiederauferweckung des Meisterromans von Thackeray, der auch ohne den Film höchst lesenswert bleibt. Und wenn Hitchcocks "Rebecka" den Roman von Daphne M. nicht übertrifft, weiss ich auch nichts mehr. Habe mir jeden dieser Filme schon gegen ein Dutzend mal angesehen, wobei zumal Barry Lyndon unbedingt im Kino besichtigt werden sollte. Auch "The Shining" ist im Vergleich zur Kolportage von Stephen King doch eine ganz andere Liga. Eine Katastrophe aber Shining II, welcher Film scheint's den Segen Kings, der einen besseren Autor als sich selber nicht erträgt, erhalten hat. 

Hoffe ernsthaft, dass Mosebachs Buch mir halb so gefällt wie das Titelblatt.

Maiordomus

1. Februar 2021 08:26

PS. @Gracchus. Mein Widerspruch gegen Sie vernachlässigte, dass für Meisterwerke der Literatur der Begriff "unverfilmbar" in der Regel zutrifft, auch wenn Thackeray z.B. eine Ausnahme darstellt und "Lolita" nicht zu den 500 besten von mir gelesenen Romanen gehört. Beispielsweise sind die Verfilmungen von Dostojewskij und Kafka, so weit mir bekannt, krachend gescheitert. Nicht mal die "Blechtrommel" konnte die Wirkung des Originals erreichen. Erst gestern las ich die vernichtende Kritik eines Altlehrers von Graubünden an den Verfilmungen von "Heidi" v. Johanna Spyri im Vergleich zum Original. Sehr gut gelungen ist Hingegen "Es geschah am hellichten Tag" nach einer Kriminalnovelle von Dürrenmatt, welche derselbe aber bei der Verfilmung begleitete. In Sachen Krimi schaffte ebenfalls noch keine Verfilmung die Qualität der Hunkeler-Romane von ^Hansjörg Schneider zu erreichen. Um aber nicht als unkritischer Fan zu gelten: Kubrick ist ebenfalls gescheitert bei der Verfilmung der Traumnovelle von Schnitzler! Allerdings auf hohem Niveau.

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