Freyer lesen

von Thor von Waldstein
PDF der Druckfassung aus Sezession 94/Februar 2020

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Hans Frey­er (1887–1969) gehört zu jener Genera­ti­on von 1914, für die die Ein­bin­dung des ein­zel­nen in sein Volk zu einem unmit­tel­bar prä­gen­den Erleb­nis wer­den soll­te. Schon als jun­ger Wan­der­vo­gel stand Frey­er einem mate­ria­lis­ti­schen Zeit­geist des Kai­ser­rei­ches skep­tisch gegen­über, in dem »der Mensch … der Zivi­li­sa­ti­on, das Glück der Tech­nik, die See­le dem Fort­schritt auf­ge­op­fert« werde.
Wäh­rend sei­nes Phi­lo­so­phie­stu­di­ums in Leip­zig schloß er sich dem lebens­re­for­me­risch ori­en­tier­ten SeraKreis um den Ver­le­ger Eugen Diede­richs an. Nach sei­ner Pro­mo­ti­on 1911 in Leip­zig zähl­te Frey­er vor dem Ers­ten Welt­krieg zum Kreis der Meis­ter­schü­ler, die Georg Sim­mel in Ber­lin um sich versammelte.
Nach vier Jah­ren an der Front und einer schwe­ren Ver­wun­dung im Som­mer 1918 habi­li­tier­te sich Frey­er 1921 an der Uni­ver­si­tät Leip­zig mit einer Arbeit über Die Bewer­tung der Wirt­schaft im phi­lo­so­phi­schen Den­ken des 19. Jahr­hun­derts. Seit die­sem auf­se­hen­er­re­gen­den Werk, das, ganz der Tra­di­ti­on des deut­schen Idea­lis­mus ver­pflich­tet, sei­ne Kampf­an­sa­ge gegen die tech­nisch-öko­no­mis­ti­sche Flach­heit sei­ner Epo­che ver­kör­pert, galt Frey­er als jun­ger genia­ler Außen­sei­ter, von dem krea­ti­ve Denk­an­stö­ße für die neue Zeit zu erwar­ten waren. 

Das exis­ten­tia­lis­ti­sche Pathos, von dem ins­be­son­de­re Frey­ers Schrif­ten Antä­us (1918), Pro­me­theus (1923) und Pal­las Athe­ne (1935) gekenn­zeich­net sind, hat ihm spä­ter sogar den zwei­fel­haf­ten Titel eines »Ernst Bloch von rechts« (Ernst Nol­te) ein­ge­bracht. Unge­ach­tet die­ser essay­is­ti­schen Aus­flü­ge erhielt Frey­er 1922 sei­nen ers­ten Ruf an die Uni­ver­si­tät Kiel. Ab 1925 beklei­de­te er in Leip­zig den ers­ten deut­schen Lehr­stuhl für Sozio­lo­gie ohne Bei­ord­nung eines ande­ren Fachs.

Frey­er begrüß­te die Macht­er­grei­fung von 1933 anfangs durch­aus, geriet aber ab 1935 mehr und mehr unter poli­ti­schen Ver­dacht der NS-Macht­ha­ber, da in sei­nen Arbei­ten jeg­li­che Bezü­ge zu den Ras­se­dog­men des »Drit­ten Rei­ches« fehl­ten. Wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges als Gast­pro­fes­sor für deut­sche Kul­tur­ge­schich­te an die Uni­ver­si­tät Buda­pest abge­ord­net, ver­faß­te Frey­er dort sein his­to­ri­sches Haupt­werk Welt­ge­schich­te Euro­pas.

Mit sei­ner 1955 erst­mals erschie­ne­nen Theo­rie des gegen­wär­ti­gen Zeit­al­ters gelang Frey­er nach dem Krieg noch ein­mal ein gro­ßer sozio­lo­gi­scher Wurf: Die Appa­ra­tur der Tech­nik und das Getö­se des öko­no­mi­schen Ablaufs habe ein »sekun­dä­res Sys­tem« geschaf­fen, in dem das Indi­vi­du­um aus der Gemein­schaft aus­ge­fällt sei und am Ende einem »Sys­tem von Insti­tu­tio­nen« über­ant­wor­tet wer­de, »das die Men­schen redu­ziert, gegen­ein­an­der ver­ein­zelt und sekun­där massiert«.

Die Fich­te­sche Fra­ge auf­grei­fend, was ein »Volk« sei in der höhe­ren Bedeu­tung des Wor­tes, erin­nert Frey­er an die Geis­tes­welt des frü­hen 19. Jahr­hun­derts, in der ein Volk »als sitt­li­che Grö­ße, als meta­phy­si­sche Kraft, als welt­ge­schicht­li­ches Sub­jekt« erschie­nen sei. Die­ses (Selbst-)Verständnis daue­re fort, hin­zu­ge­kom­men sei aber im 20. Jahr­hun­dert ein wei­te­res: die Vor­stel­lung von Volk »als sozia­le Ord­nung, als mensch­li­ches Gefü­ge, das sich gegen die spren­gen­den Kräf­te in sei­nem Innern als halt­bar erweist«.

Die Idee der Gemein­schaft müs­se mit der Wirk­lich­keit Volk kon­fron­tiert wer­den; und aus die­ser Gegen­über­stel­lung wer­de klar wer­den, ob ein Volk tat­säch­lich mehr sei »als die abs­trak­te Zusam­men­fas­sung der Ein­zel­nen (…), denen die Ver­fas­sung bestimm­te poli­ti­sche Rech­te ver­leiht und die dann sekun­där durch Pro­gram­me und Orga­ni­sa­tio­nen zu Wil­lens­ver­bän­den gesam­melt werden«. 

Die­se indi­vi­dua­lis­ti­sche, ein Volk aus unzäh­li­gen Ele­men­tar­teil­chen kon­stru­ie­ren­de Theo­rie lehnt Frey­er ab. Für ihn ist Volk gera­de nichts Zusam­men­ge­setz­tes, son­dern eine Wesen­heit, die in sich selbst grün­det: Zum einen sei Volk »der schöp­fe­ri­sche Urgrund alles gestal­te­ten Geis­tes« wie etwa Spra­che, Sit­te, Glau­be, aber auch Recht, Kunst, Dich­tung und Musik.
Zum ande­ren wer­de das Volks­tum »in der Ein­zig­ar­tig­keit sei­ner Natur und sei­ner Bestim­mung nach­ge­ra­de zum princi­pi­um indi­vi­dua­tio­nis der geis­ti­gen Welt, (…) zur inhalt­li­chen Erfül­lung des sitt­li­chen Impe­ra­tivs«. Volk­wer­dung sei eine geschicht­li­che Aufgabe. 

Der Pro­zeß, »durch den das Volk aus einer Ein­heit der geist­lich-sitt­li­chen Natur zur geschicht­li­chen Gestalt, zum kon­kre­ten sozia­len Gefü­ge« wer­de, durch­lau­fe eine drei­fa­che Stu­fen­fol­ge: den Weg des Selbst­be­wußt­seins, den Weg der poli­ti­schen For­mung und schließ­lich den Weg der gesell­schaft­li­chen Gestal­tung. So ver­ständ­lich der theo­re­ti­sche Ver­such sei, mit­tels ein­zel­ner Merk­ma­le wie etwa Spra­che, Blut­gleich­heit oder poli­ti­sche Ein­heit dem Begriff des Vol­kes näher zu kom­men – am Ende müs­se man das Volk aner­ken­nen als ein Geschöpf sui gene­ris, das sich jedem sche­ma­ti­schen Defi­ni­ti­ons­zu­griff weit­ge­hend ent­zie­he: »Das Volk ist (…) nicht eine sozia­le Ord­nung, nicht ein Gefü­ge von Stän­den, Klas­sen, gesell­schaft­li­chen Leis­tun­gen und poli­ti­schen Rech­ten, son­dern es ist … ein Kraft­fonds und eine sitt­li­che Indi­vi­dua­li­tät, ein Wesen von natür­li­cher Eigen­art, ein schöp­fe­ri­sches Ver­mö­gen von sin­gu­la­rem Wert.

Anders aus­ge­drückt: das Volk ist (…) nicht eine poli­tisch-sozia­le Gestalt, son­dern eine see­lisch-geis­ti­ge Gestalt, es ist (…) nicht Gesell­schafts­ord­nung oder Staat, son­dern Volks­geist, Volks­tum.« Gera­de die Varia­ti­ons­brei­te, die in ihm wir­ke, mache – so Frey­er wei­ter – den Reich­tum eines Vol­kes aus. Als natür­li­che Sub­stanz sei ein Volk »ein brei­tes, viel­fäl­ti­ges Wesen, eins zwar nach Blut, Art und Geist, aber ver­zet­telt in sei­nem Bewußt­sein und viel­fäl­tig in sei­nen Leis­tun­gen. Ein Volk ver­gibt sich ganz an sei­ne Glie­der und ist immer kon­kre­ter Mensch, kon­kre­ter Hof, kon­kre­tes Werk. 

Was sei­nes Wesens sei, ist zwar deut­lich zu spü­ren, aber nicht in For­meln fest­zu­le­gen; denn daß es immer neu gebo­ren wird und ohne Ermü­dung, ohne Ein­tö­nig­keit, ohne ratio­na­len Plan immer neue Gedan­ken empor­wirft, das eben macht sein Wesen aus. Es ist einem Wald blü­hen­der Bäu­me gleich: eine ver­schwen­de­ri­sche Fül­le von Lebens­re­gun­gen, die nur sehr zum Teil ein­an­der ken­nen und die jeden­falls nicht von einem Punk­te aus bewegt werden«.
Über­haupt sei der Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis des­sen, was ein Volk aus­ma­che, der Respekt vor der Natur­haf­tig­keit sei­nes Wesens, das sich nicht her­stel­len oder erzwin­gen lasse.

Ganz von der Hegel­schen Phi­lo­so­phie geprägt, ist Frey­er davon über­zeugt, daß letzt­lich nicht Taten und Wer­ke, »son­dern das Leben und Weben, das Dich­ten und Trach­ten des Volks­geis­tes« die Essenz der Geschich­te dar­stel­len. »Volk« sei »der Name die­ser unver­gan­ge­nen, in uns gegen­wär­ti­gen Ver­gan­gen­heit«. Die­ses mix­tum com­po­si­tum der Volks­ele­men­te mache gera­de den über­zeit­li­chen Cha­rak­ter des Vol­kes aus.
Vor dem Hin­ter­grund die­ser ganz­heit­li­chen Sicht­wei­se ist es wenig über­ra­schend, daß Frey­er Indi­vi­dua­li­tät und Gemein­schafts­ori­en­tie­rung nicht als Gegen­sät­ze, son­dern als syn­the­ti­sche Ein­heit begreift. Der geis­ti­ge Gehalt des Vol­kes ver­tei­le sich auf die ein­zel­nen Glie­der, er ver­mäh­le sich mit ihrer Indi­vi­dua­li­tät und erzeu­ge eben dadurch die sozia­le Struk­tur des Gemein­schafts­kör­pers. Hier wer­de nicht ein sozio­lo­gi­scher Quer­schnitt gebil­det, »son­dern ein Gesamt­sub­jekt, in dem die Ein­zel­nen mit ihrer gan­zen Ver­schie­den­heit voll ent­hal­ten sind, trifft eine ein­heit­li­che Entscheidung.
Jede Gemein­schaft hebt in die­ser Wei­se die Indi­vi­dua­li­tät ihrer Mit­glie­der im posi­ti­ven Sin­ne des Wor­tes in sich auf. Sie ver­bin­det, ohne zu nivel­lie­ren. Sie macht eins, aber sie macht nicht gleich«.

Jen­seits aller pflan­zen­haf­ten Alle­go­rien ver­kennt Frey­er nicht, welch wesent­li­che Rol­le für Ent­ste­hung und Bestand eines Vol­kes der sub­jek­ti­ven Bewußt­seins- und Wil­lens­ebe­ne zukommt: »Ein Men­schen­tum wird in dem Maße Volk, als es sich als Volk weiß (…) Es ist Wil­le zum Volk, Bekennt­nis zu ihm, Lie­be zu ihm, nicht bloß theo­re­ti­sches Wis­sen von ihm.« 

Akteur auf der geschicht­li­chen Büh­ne kön­ne ein Volk nur sein als »auto­no­mes Wil­lens­sub­jekt«; der poli­ti­sche Wil­le sei der Motor der Welt­ge­schich­te und das Stre­ben nach Macht sei »eine der zusam­men­hal­ten­den und form­ge­ben­den Kräf­te der Men­schen­er­de«. Höre ein Volk auf, in die­ser Wil­lens­ka­te­go­rie zu den­ken und zu han­deln, sei sei­ne poli­ti­sche Exis­tenz unmit­tel­bar bedroht: »Daß das Volk sich selbst als poli­ti­sches Wesen auf­gibt, ist bestän­dig Gefahr. Einen poli­ti­schen Wil­len in ihm zu erwe­cken, ihn durch alle Bean­spru­chun­gen hin­durch zu behal­ten, ihn in den Stür­men des Gesche­hens zu fes­ti­gen und neu­en Anfor­de­run­gen gegen­über neu zu for­mie­ren, ist hier bereits Auf­ga­be. Nicht nur was das Volk zu tun habe, son­dern wie es sein müs­se, um eines geschicht­li­chen Tuns fähig zu blei­ben, ja ob es noch sei, näm­lich als Sub­jekt eines poli­ti­schen Wil­lens und als Trä­ger eines geschicht­li­chen Schick­sals noch vor­han­den sei, das ist hier bereits eine Fra­ge der Ethik – eine sehr ernst­haf­te Fra­ge ange­sichts der Tat­sa­che, daß ein Volk als zivi­li­sier­te Hor­de durch­aus wei­ter­zu­le­ben ver­mag, auch wenn es geschicht­lich tot ist.«

Über­le­bens­fä­hig sei ein Volk nur, wenn es die Kraft und den Wil­len zur Herr­schaft auf­zu­brin­gen in der Lage sei: »Sub­jekt eines poli­ti­schen Lebens zu wer­den, Sub­jekt eines poli­ti­schen Lebens zu blei­ben, dazu macht unter allen Kräf­ten, die in der Men­schen­welt wir­ken, nur die Herr­schaft ein Volk bereit. Sich fort­pflan­zen kann es auch ohne dies, wirt­schaf­ten auch, sogar zivi­li­siert leben. Aber eine geschicht­li­che Exis­tenz zu füh­ren, an der Idee sei­nes Reichs leben­dig fest­zu­hal­ten und, wenn es
not­tut, die Gegen­wart der Zukunft auf­zu­op­fern, damit bei­de der Ver­gan­gen­heit wür­dig sei­en – dazu gibt es für ein Volk kei­nen andern Weg, als daß es die inne­re Kraft auf­bringt, in ein Herr­schafts­ge­fü­ge ein­zu­ge­hen, an das es sel­ber glaubt.«

Modern, ja revo­lu­tio­när mutet Frey­ers Volks­theo­rie dort an, wo er – die sozio­lo­gi­schen Ver­wer­fun­gen des tech­nisch öko­no­mis­ti­schen 19. Jahr­hun­derts bilan­zie­rend – das Volk als poli­ti­sche Figur, als »offene(n) Gegen­spie­ler gegen das Sys­tem der indus­tri­el­len Gesell­schaft« auf dem Schach­brett des 20. Jahr­hun­derts in Stel­lung brin­gen will. Ent­ge­gen anders­lau­ten­den mar­xis­ti­schen Dog­men sei das Volk gera­de »kei­ne Gesell­schafts­klas­se, die gegen ihre Aus­beu­ter und Beherr­scher angeht«.

Nur wer die­se abge­leb­ten Ideo­lo­ge­me hin­ter sich las­se, kön­ne den neu­en Akteur auf der his­to­ri­schen Büh­ne erken­nen: »Nach­dem die Gesell­schaft ganz Gesell­schaft gewor­den ist, alle Kräf­te als Inter­es­sen, alle Inter­es­sen als aus­gleich­bar, alle Klas­sen als gesell­schaft­lich not­wen­dig erkannt und aner­kannt hat, erscheint in ihr das­je­ni­ge, was nicht Gesell­schaft, nicht Klas­se, nicht Inter­es­se, also nicht aus­gleich­bar, son­dern abgrün­dig revo­lu­tio­när ist: das Volk.
Gra­de der Abbau der Revo­lu­ti­on von links eröff­net die Revo­lu­ti­on von rechts.« Das Volk müs­se aus sei­ner pas­si­ven Rol­le, aus sei­ner Fehl­be­stim­mung als Roh­ma­te­ri­al des kapi­ta­lis­ti­schen Getrie­bes her­aus­tre­ten, um selbst poli­tisch aktiv zu wer­den: »Das Volk ist nicht ein gedul­di­ger Vor­rat, aus dem man Arbeit schöp­fen und Gesell­schaft for­mie­ren kann. Das Volk ist unend­lich vie­les, und unter ande­rem ist es auch dies: sonst wäre der Bau der indus­tri­el­len Gesell­schaft unmög­lich gewesen.
Aber als gegen­wär­ti­ge Wirk­lich­keit und als geschicht­li­che Kraft ist das Volk etwas ganz and­res. Es ist das neue Prin­zip, das sich auf dem Boden der indus­tri­el­len Gesell­schaft gebil­det hat. Die indus­tri­el­le Gesell­schaft erwacht nicht zum Volk, – das könn­te sie nicht. Aber das Volk erwacht in ihr: als das Sub­jekt der Revo­lu­ti­on, zu der sie reif gewor­den ist, indem sie sich vollendete.«

Strei­fe das Volk die Eier­scha­len des Indus­tria­lis­mus ab, dann wer­de es »aus einer vagen Idee zu einer geschicht­li­chen Rea­li­tät, aus einem Trost zu einer Gefahr, aus einer geruh­sa­men Ord­nung zum Sub­jekt einer Revo­lu­ti­on«. Vor­aus­set­zung hier­für ist nach Frey­er der unbe­ding­te Glau­be des Vol­kes an sich selbst, die rück­halt­lo­se Über­zeu­gung des Vol­kes, selbst – nicht als Getrie­be­ner, nicht als Knet­mas­se, son­dern als ein sich auto­nom bestim­men­des Wesen – in den his­to­ri­schen Pro­zeß ein­zu­tre­ten: »Es ist bei­na­he eine Kühn­heit, vom Vol­ke zu spre­chen: die Kühn­heit des Glau­bens, das sich die­ses Wesen Volk noch ein­mal in einem revo­lu­tio­nä­ren Feu­er rei­ni­gen wird, so daß es ganz hart und neu wird.«

Trotz die­ser wesent­li­chen, nun­mehr sogar revo­lu­tio­när geadel­ten Rol­le, die Frey­er dem Volk zuweist, kommt er im Rekurs auf die Antike,insbesondere auf den polis-Begriff des alten Grie­chen­land, nicht umhin, dem Volk, das poli­tisch gewor­den ist, einen Staat zur Sei­te zu stellen.
Die­ser Staat müs­se mit Hil­fe des Vol­kes dem Zugriff der Pres­su­re groups ent­zo­gen wer­den. Indem der Staat sich von der ihn fes­seln­den Gesell­schaft eman­zi­pie­re, wer­de er zur Waf­fe des Vol­kes im Kampf für des­sen eigen­stän­di­ge poli­ti­sche Exis­tenz: »Inmit­ten des Sys­tems der indus­tri­el­len Gesell­schaft (erwacht) das Volk zu poli­ti­schem Leben: es wird geschicht­li­cher Wil­le, es wird Staat. … Indem das Volk durch das Sys­tem der indus­tri­el­len Gesell­schaft durch­bricht, wird der gesell­schaft­lich erfüll­te, gesell­schaft­lich neu­tra­li­sier­te Staat gleich­sam von innen her umge­stülpt. In den Sub­jekt­lo­sen schießt ein drän­gen­des, for­dern­des, tat­be­rei­tes Sub­jekt ein.«
Auf die­se Wei­se ver­kör­pe­re der Staat die »Ein­heit des poli­ti­schen Vol­kes«; im Staat bün­de­le sich »der zusam­men­ge­raff­te Wil­le des Vol­kes: Das Volk, zumal das revo­lu­tio­nä­re, ist kein Kör­per, son­dern ein Kraft­feld. Der Staat, zumal der revo­lu­tio­när han­deln­de, ist nicht die Haut oder das Fell oder der Pan­zer jenes Kör­pers, son­dern er ist die Inte­gra­ti­on jenes Kraft­fel­des zu poli­ti­scher Geschich­te. In mil­lio­nen­fäl­ti­gen Antrie­ben und Auf­trie­ben regt sich das Volk: ein leben­di­ger Raum, der
in allen sei­nen Ele­men­ten zit­tert. Der Staat ist nichts als die geschicht­li­che Dyna­mik, zu der die­ser Raum zusam­men­schießt. Er ist nichts als das poli­tisch wer­den­de Volk, – aber das ist viel. Es ist das Erwa­chen des Volks aus zeit­lo­sem Dasein zur Macht über sich selbst und zur Macht in der Zeit«.

Ein zu poli­ti­schem Bewußt­sein geläu­ter­tes Volk müs­se aus eige­ner Kraft einer staat­li­chen Ver­faßt­heit zustre­ben, die sei­ner Eigen­art am bes­ten gerecht wer­de. Bei einer sol­chen »Eins­wer­dung von Volk und Staat im Pro­zeß der Revo­lu­ti­on von rechts« wer­de »der Staat, der die Revo­lu­ti­on des Volks führt, und der als Zustand aus ihr her­vor­geht, die Essenz des Volks sein: erst die kon­zen­trier­te Ener­gie sei­nes Sto­ßes, dann die kon­zen­trier­te Ener­gie sei­nes dau­ern­den Han­delns. Das Kraft­feld des Volkes
wird frei, und der Staat ist die Inte­gra­ti­on die­ses Kraft­fel­des zur poli­ti­schen Geschichte«.
In der Bereit­schaft des Vol­kes, sich staat­lich zu for­men, offen­ba­re sich sei­ne poli­ti­sche Potenz. Die Wand­lungs­fä­hig­keit eines Vol­kes, sein Geschick, sich neu­en For­men anzu­glei­chen, sei ein untrüg­li­ches Zei­chen für sei­ne poli­ti­sche Begabung.
Wie sehr sich Frey­ers Volks­ord­nungs­mo­dell von dem Wohl­fahrts­staat der moder­nen Indus­trie­ge­sell­schaft unter­schei­det, wird beson­ders an der Behand­lung der sozia­len Fra­ge deut­lich. Die Lösung die­ser Fra­ge bestehe nicht mehr dar­in, daß der Staat aus diver­sen Füll­hör­nern Gaben unters Volk streue, son­dern dar­in, daß »der neue Staat (…) iden­tisch (wer­de) mit der sozia­len Revo­lu­ti­on des Vol­kes«. Künst­li­che (und oft will­kür­li­che) Ver­teil­me­cha­nis­men wür­den also ersetzt durch eine Sozi­al­ord­nung, die mit der orga­ni­schen Struk­tur des Vol­kes deckungs­gleich sei.

Das Sozia­le sei danach kei­ne beson­de­re Kate­go­rie des Leis­tungs­staa­tes mehr, son­dern ein Wesens­ele­ment des Vol­kes unmit­tel­bar: »Wie der tech­ni­sche Appa­rat der kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft, so wird auch die and­re gro­ße Erfin­dung des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts: das Sozia­le, in dem neu­en Staat einen ent­schei­den­den Sinn­wan­del erfah­ren. Der Sinn die­ser Wand­lung ist genau der­sel­be wie dort. Das Sozia­le wird selbst­ver­ständ­lich, wäh­rend es bis­her eine Erfin­dung und eine Leis­tung war. Es wird in die Sub­stanz des Vol­kes auf­ge­nom­men, oder viel­mehr: es ist dar­in, ohne daß es orga­ni­siert zu wer­den braucht, vor­han­den. Es wird nicht etwa ›abge­baut‹, son­dern es ist ein­ge­baut.« Aus die­sem Plä­doy­er für ein neu­es Sozi­al­ge­fü­ge inner­halb eines gewach­se­nen Vol­kes resul­tie­ren gleich­zei­tig Frey­ers Ableh­nung der Mas­sen­or­ga­ni­sa­ti­on des NS-Staa­tes sowie sei­ne Front­stel­lung gegen das Her­an­dräu­en des Mas­sen­men­schen im west­deut­schen Wirtschaftswunderstaat. 

Die­ser Mas­sen­mensch, »der mit Haut und Haa­ren, mit Herz und Nie­ren an den Zivi­li­sa­ti­ons­ap­pa­rat angepaß­te Mensch«, habe sich sei­nem Volk ent­frem­det. Und ver­fal­le ein Volk zur Mas­se, so dege­ne­rie­re es – wie der moder­ne Ver­sor­gungs­staat – zu einem »sekun­dä­ren Sys­tem«, in dem das Gan­ze auf­ge­körnt und der Ein­zel­ne der Ver­ein­sa­mung anheim­fal­le. In die­sem »Staub der Indi­vi­du­en«, in die­sem »Sand­hau­fen der Mas­se« könn­ten aber Ele­men­te des Vol­kes nicht über­le­ben. Die­ses ver­küm­me­re zu einer Sum­me von Staats­bür­gern, die viel­leicht noch die Geset­ze befolg­ten, die aber kein Wir mehr bil­de­ten, »aus dem ein eigen­wüch­si­ger Wil­le auf­stei­gen könnte«. 

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