8. Februar 2021

Sonntagsheld (172) – Väterchen Frost

Gastbeitrag / 21 Kommentare

Auf eisglatten Wegen und Stegen

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  • Sezession

Hier in Halle soll es in der kommenden Woche bis zu 16 Grad minus geben, Temperaturen im Plusbereich sind keine angekündigt.

Wer sich am Wochenende zudem in der anstandsgemäßen Nichteinhaltung etwaiger Ausgangssperren und 15-Kilometer-Leinen erging, der wurde bereits jetzt mit dem Ausblick auf beeindruckend vollgeschwemmte Auwaldlandschaften belohnt, oder durfte bei Schrittgeschwindigkeit die launigen Polarböen eines veritablen Schneesturmes genießen.

Ich will gar nicht groß sentimental werden, aber solche Witterungen haben unter Berücksichtigung der Gesamtlage für mich schon einen geschichtsträchtigen Beigeschmack. Weniger im Sinne des vielbeschworenen „Jahrhunderts“, welches wahlweise Winter, Hochwasser, oder Fußballspiele präfigiert, denn als Kulisse der chaotischen Verhältnisse. 

Seien wir mal ehrlich: Das geballte Auftreten der Ausnahmezustände, der nicht abreißen wollende Strom unvorhergesehener und vorhergesehener Ereignisse macht sich einfach noch besser vor den knirschenden Untiefen meterhoher Schneeverwehungen.  „Auch das noch!“ mag der eine betroffen seufzen - „das auch noch!“ frohlockt hingegen der andere und wartet ungeduldig auf die nächste große Schmelze. 

Fakt ist jedenfalls, dass so eine Großwetterlage immer auch Chancen bietet. Mein dieswöchiger Heldenausruf geht daher kurz und bündig raus an alle Rodelrebellen und Wander-Widerständler, die - gerade wegen der widrigen Witterung - der Ordnungsmacht auf den Pisten und Stiegen der Republik das eine oder andere Schnippchen geschlagen haben.

Es gibt derzeit wenig Erbaulicheres, als den stets paarweise auftretenden Hygienehütern und Abstandsbewahrer dabei zuzusehen, wie sie sich bei ihren karikaturesken Verfolgungsjagden am Berg das gut gepolsterte Beamtenpopöchen prellen. Besser noch: Unbestätigten Gerüchten zufolge sollen an einzelnen Orten gar unbeaufsichtigte Streifenwagen unter sich spontan auftürmenden Schneemassen verschwunden sein - ein Beispiel, das Schule machen könnte.

Wegrennen ist nicht verboten (jedenfalls noch nicht) und der einwegbehandschuhte Arm des Gesetzes reicht einstweilen nur soweit, wie die spärliche Puste seiner strebermaskenbewehrten Büttel. Sportliche Betätigung an der frischen Luft ist ohnehin gut für die Gesundheit; das gilt im übrigen nicht nur für die Rodelpisten sondern auch für die Innenstädte der Republik.

Soweit, so gut. Meine Hymne für die kommenden Monate steht jedenfalls schon fest, und als mir gestern früh die ersten Wildgänse Richtung Norden entgegenflogen, habe ich sie vor mich hingesummt: 

Der lang genug mit viel Bedacht
des Hauses Haft ertragen,
hat über Nacht sich aufgemacht,
die große Fahrt zu wagen.

Der sich im Dunkel abgemüht,
ihn konnt kein Zwang mehr halten,
mit allem, was da grünt und blüht,
im Licht sich zu entfalten.

Gleich Vogel, Falter, Baum und Strauch,
befreit von Winters Banden,
ist er zu neuem Leben auch
erwacht und auferstanden.  

Und wenn er seiner Straße zieht,
wie es ihm will gefallen,
lässt er sein junges Wanderlied
hell in die Weite schallen.


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  • Sezession

Kommentare (21)

Slentz

8. Februar 2021 03:07

Es ist immer wieder erfreulich zu betrachten, wie einfache Naturereignisse (also etwa mehr als zehn Zentimeter Neuschnee) diesen Staat der hochgeschraubten Hygiene, Bürokratie und verwaltungsmäßiger Erfassung doch noch an seine Grenzen zu bringen vermögen. Das macht Hoffnung und gibt Lust auf mehr.

RMH

8. Februar 2021 06:58

"Das geballte Auftreten der Ausnahmezustände, ..."

War da nicht mal was bzgl. Herrschen lässt es sich am einfachsten in Ausnahmezuständen?

Das, was heutzutage als Ausnahmezustand propagiert wird, ist medial induziertes Irresein ohne echte Faktenbasis.

Es ist Februar - da hat es Schnee zu geben! Es ist Winter, da waren auch Tote durch Grippe oder Lungenentzündungen "normal".

Heute wird aus jeder Banalität ein medialer Panikmoment erzeugt - was macht man, wenn zur Abwechslung mal was ernsthaftes Schlimmes passiert?

Das wird dann lieber unter der Decke gehalten (siehe die Beispiele aus der Vergangenheit: Terror, Kriminalität etc.).

 

Laurenz

8. Februar 2021 09:45

Fähnrich Winterchen, würden die Russen sagen......

anatol broder

8. Februar 2021 14:12

das wanderlied ist hervorragend. befremdlich finde ich, dass für den namen seines autors kein platz im artikel war. meine folgenden verse sollen aufklären.

wer tapfer in den spiegel blickt,
erkennt des helden los:
erst wenn die lippe plötzlich dick,
werden die augen gross.

Dieter Rose

8. Februar 2021 15:44

Text von Alfred Ziesche,

gesungen von Ingmar Burghardt.

der bietet noch weiter schöne Lieder,

auch von einem Schweizer jenseits des Ufers . . .

@anatol broder

Laurenz

8. Februar 2021 18:29

@alle Literaturfreunde hier

https://de.wikipedia.org/wiki/Bodenseereiter

Vielleicht gelangt ja auch in unseren Tagen wieder einer auf die andere Seite.....

Dieter Rose

8. Februar 2021 18:34

nochmals zu oben:

Zschiesche heißt der Alf,

Wenn die bunten Fahnen wehen -

stammt auch von ihm.

anatol broder

8. Februar 2021 21:42

@ dieter rose

danke für die hinweise. da habe echt etwas verpasst.

Dieter Rose

9. Februar 2021 09:13

@anatol broder

gern geschehen! und:

@Laurenz 

mit Heinrich Anacker begibt man sich

heutzutage wahrlich auf dünnes Eis:

"Was du mir bist"

"Baum im Wald"

(warum eigentlich?:

wenn du so was zu hören bekommst.)

 

Laurenz

9. Februar 2021 10:12

@Dieter Rose

Habe in keiner Weise behauptet, daß ich das gut finde. Aber es provozierte zumindest Ihre Antwort.

Um mich auf den Artikel zu beziehen, ging es mir vordergründig um den winterlichen Bodensee-Reiter, den ich zu Schulzeiten im Unterricht las. Der Aufhänger, daß einer unserer bekanntesten Autoren der Gegenwart als Bodensee-Reiter herhalten muß, war meinerseits eben der Provokation geschuldet.

Laurenz

9. Februar 2021 10:41

https://de.wikisource.org/wiki/Der_Reiter_und_der_Bodensee_(Badisches_Sagen-Buch)

Dieter Rose

9. Februar 2021 12:30

@Laurenz

Sie dürften gerne H.A.  auch gerne hören. Mir geht es beim Anhören seiner vertonten Texte wie Ihnen mit dem Bodenseereiter: Erinnerungen an Kindheit und Landschaften werden evoziert.

Der Hinweis auf das "dünne Eis" geschah, weil die Biographie von H.A. ihn "verdächtig" macht. Eigentlich hätte ich auf vorauseilende Exculpationen verzichten sollen . . .

Ich lese Ihre Beiträge gerne.

 

ludovico

9. Februar 2021 13:31

Der Werktagsheld (1/2)

Was für ein Glück! Die Türe zum Vorraum des Geschäftes ist unverschlossen, wahrscheinlich wegen der Paketboten. Ich klopfe an die Ladentüre, einmal, zweimal, mehrmals. Es regt sich was. Die Türe wird geöffnet.

Kunde: Ich brauche dringend Wanderschuhe, Bergschuhe. Sie wissen doch, wir haben minus zehn Grad und der Schnee ist auch nicht gerade knapp. Ich brauche gutes Schuhwerk.

Verkäufer: Das Geschäft hat nicht geöffnet, es ist zu, die Außentüre war nur zufällig unverschlossen.

Kunde: Meine Schuhe sind hinüber - sehen Sie, irreparabel hinüber.

Verkäufer: Ich darf Ihnen nichts verkaufen, das ist verboten. Erst kürzlich war das Gesundheitsamt hier, zur Kontrolle. Die kontrollieren.

Kunde: Verboten ist heutzutage ja fast alles. Ich babe extra Hausschuhe mitgebracht, damit im Laden keine Schmutzspuren entstehen. Wir gehen zur Anprobe einfach in den Keller. Ohne Durchsuchungsbefehl dürfen die sicher nicht den Keller betreten. Ich zahle natürlich bar, die Kasse kann geschlossen bleiben. Wir runden den Betrag auf und auf ein Rückgeld verzichte ich. Außerdem kann man mich nicht orten, mein Handy ist zu Hause.

Verkäufer: Wir betreiben noch einen Webshop bei Amazon, bestellen Sie doch einfach dort.

Kunde: Wanderschuhe online bestellen? - Ich bitte Sie. Außerdem habe ich seit 2012 dort kein Konto mehr. Und mein Geld bei Jeff Bezos abgeben? Nicht mit mir.

 

ludovico

9. Februar 2021 13:32

Der Werktagsheld (2/2)

Der Verkäufer kannte Jeff Bezos nicht, er war jetzt irritiert.

Verkäufer: Hören Sie, der Chef ist nicht da, ich darf Sie nicht reinlassen, bitte gehen Sie.

Nun, Bergwanderer duzen sich, das schafft Nähe. Und diese Karte konnte ich noch ziehen.

Kunde: Überlege dir mal, wenn die Merkel und der Kretschmer morgen von uns Allen einen Analabstrich verlangen, was machen wir dann? Ziehen wir dann beim Gesundheitsamt eine Nummer, warten wir dann bis wir an der Reihen sind, beugen wir uns dann vor und ziehen die Arschbacken auseinander? Du würdest das mitmachen, stimmts?

Verkäufer: Nein! Natürlich nicht!

Die Antwort kam unmittelbar. Das gab mir Hoffnung.

Kunde: Nein? Dann sag' mir jetzt bitte wo deine Grenze ist. Sag' mir deine persönliche Grenze, wie weit gehst du noch mit? Sag' es mir und du bist mich los.

Der Verkäufer überlegte einige lange Sekunden. Endlich kam die Antwort.

Verkäufer: Komm rein.

Das Angebot war gut. Die Verkaufsberatung war kompetent und professionell. Die Schuhe passten perfekt. Der Preis war fair, ich rundete auf und gab Trinkgeld. Er hat über die offizielle Kasse abgerechnet.

Mein Gott, war ich auf dem Heimweg gut gelaunt. Und hier noch eine kleine Information für die bereits Konditionierten: Masken waren überhaupt kein Thema.

 

anatol broder

9. Februar 2021 16:11

ludovico

danke für die bericht. quentin tarantino erzählt in pulp fiction eine alternative entwicklung: zwangsmaske und analabstrich im keller eines zufällig unverschlossenen fachgeschäfts mit anschliessender selbstrettung und bestrafung der peiniger.

Koek Boeri

10. Februar 2021 11:32

Und natürlich ist der relativ kalte bzw. schneereiche Winter nur eine Naturerscheinung. Dagegen ist ein warmer Winter, wie 2019/20 ein Ergebnis der von Menschen verursachten "Globalerwärmung".

Ich selbst bin kein grosser Fan vom Winter und Frost, aber bin froh, wenn die Kämpfer gegen Globale Erwärmung und Greta-Anhänger frieren.

Laurenz

10. Februar 2021 12:55

@Koek Boeri

Laut Tichys ist die AfD am Winter schuld. Alle AfD-Wähler lassen den Kühlschrank offen stehen.

Siehe hier

https://www.tichyseinblick.de/feuilleton/glosse/merkels-treuester-fraktionschef-hofreiter-impft-die-welt/

Einsiedler

10. Februar 2021 16:30

@ ludovico  (Werktagsheld)

Vielen Dank, so was baut auf.

Koek Boeri

11. Februar 2021 09:57

Nicht weniger dumm ist es, wenn die Menschen des Nordens gezwungen sind, gegen diese "Globale Erwärmung" zu kämpfen. In der Tat ist das wärmere Wetter für sie alle günstig, gut und nützlich. Doch man sagt den Schweden und Polen, Russen und Engländern, Kasachen und Dänen, Kanadiern und Amerikanern aus den "Northern States", Mongolen und Finnen, dass sie ihre Wirtschaftsaktivitäten beschränken sollen, damit die Klima KÄLTER WIRD. Wenn es im Gegenteil in ihrem Interesse liegt, die Klima WÄRMER zu machen. Abgesehen davon, dass die Klima von der Sonne viel mehr abhängt, als von der menschlichen Tätigkeit, ist die wärmere Klima nützlich zumindest für die Landwirtschaft und auch, um Heizungskosten zu sparen. Das andere Problem ist Trockenheit, und es ist tatsächlich schlimm, wenn es zu wenig Regen und Schnee fällt.

Jedoch wenn man uns sagt, dass wir gegen die globale Erwärmung kämpfen müssen - auf unsere Rechnung und zu unserem Schaden eigentlich, weil diese Erwärmung den Menschen des Südens, Afrikanern usw., angeblich schadet, habe ich nur eine Frage: kümmert sich je irgendeiner Afrikaner, wenn Kasachen oder Kanadier, Finnen und Norweger und alle anderen Nordmenschen im kalten Winter frieren und dabei auch riesige Geldsummen für die Heizung bezahlen müssen? Nicht? Dann soll auch afrikanische Klimaprobleme uns egal sein.

Laurenz

11. Februar 2021 14:40

 

@Koek Boeri

Wir kommen aus einer sogenannten "Kleinen Eiszeit", die von ca. 1500 - 1850 reichte. Seitdem wird es langsam wärmer. Erdgeschichtlich ist es noch Schweine-kalt. Auch der CO2-Anteil der Luft ist Erd-historisch relativ niedrig. Von daher haben mit dem Klima Herr Gore & Seine Freunde nur wieder mal eine neue Religion erfunden. Und mit Gläubigen ist das Debattieren, wie Sie sicherlich wissen, extrem schwierig.

Natürlich hat der Mensch einen gewissen Einfluß auf das Mikro-Klima, wie man in Nord-Afrika und Südeuropa seit der islamischen Eroberung und dem Flottenbau seit dem Mittelalter feststellen kann. Man holzte einfach ab, ohne wieder aufzuforsten. Dieses Problem können Sie sogar im ältesten schriftlichen Werk der Menschheit, dem Gilgamesch-Epos finden. Dort schon besteht die Problematik der Abholzung der Zedern des Libanon und der Versalzung des Zweistrom-Landes.