1. Februar 2020

Karl Graf Stauffenberg – »Nicht gut genug für die Zigarre.«

Gastbeitrag

von Dirk Alt
PDF der Druckfassung aus Sezession 94/Februar 2020

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Eine überfüllte Gaststätte in Walsrode im niedersächsischen Heidekreis am Abend des 19. November 2019. Unter der Schirmherrschaft der Friedrich-Naumann-Stiftung findet ein von Christoph Giesa moderierter Vortrags- und Diskussionsabend statt, in dessen Mittelpunkt Karl Schenk Graf von Stauffenberg steht, der Enkel des Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Das Thema des Abends lautet: »Radikal vs. extrem. Wie viel ›radikal‹ muß eine Demokratie ertragen?« – In Wahrheit ist dies eine Frage, die niemand ernstlich zu stellen beabsichtigt.

Schon die Grußworte lassen ahnen, was sich gleich darauf bestätigt: Die Veranstaltung dient der Anprangerung des politischen Feindes, der AfD, der man sich zunächst mittels dämonisierender Umschreibungen annähert, als fürchte man, sie könne andernfalls plötzlich Gestalt annehmen.
Daß sich diese Furcht als grundlos erweist, ist auch auf die Zusammensetzung des zahlreich erschienen Publikums zurückzuführen: Ausschließlich aus Autochthonen und überwiegend aus Rentnern bestehend, repräsentiert es eine Klientel mit bildungsbürgerlich-liberalem Selbstverständnis – offenkundig angezogen von der Hoffnung auf eine quasi überzeitliche moralische Autorität, die sie mit dem Namen Stauffenberg verbindet.
Diese Hoffnung zerrinnen zu sehen, bereitet einem nur dann ein ungetrübtes Vergnügen, wenn man in der unfreiwilligen Demonstration genealogischen Niedergangs nicht zugleich auch ein Menetekel für die Gesamtheit unseres Volkes sieht. Und das ist es zweifellos: Denn wer an diesem Abend Referent Stauffenberg und Moderator Giesa nebeneinander sitzen sieht, kann sich des Eindrucks einer beklemmenden physiognomischen Verwandtschaft beider kaum entziehen. Sie teilen die gleiche Blässe und Weichheit, das Mausartige des Erscheinungsbildes, dem einzig der Bart Kontur verleiht.

Beide sind zudem miserable Redner. Stauffenberg, der seine Facebook-Leserschaft im Vorfeld der Veranstaltung wissen läßt: »Heute volle Hütte in Walsrode, ich bin aufgeregt«, kann über diese Schwäche dank einstudierter Ansprache zunächst noch einigermaßen hinwegtäuschen. Seine Vorstellung ist steckbriefartig: Alter, Schuhgröße, »leicht übergewichtig«. Die ser und weitere Anbiederungsversuche, die der gelernte Hotelfachmann beim Publikum unternimmt, können weder über die Dürftigkeit seiner Botschaft noch über seinen Mangel an historischen Kenntnissen hinwegtäuschen.
Über die Ereignisse des 20. Juli ist von ihm wenig mehr zu erfahren, als daß er lange Gespräche mit seiner Großmutter geführt habe, die seinen Großvater »gut gekannt« hätte. Darauf, ob der heute ein Demokrat wäre, will sich Stauffenberg, wie von der selbst aufgeworfenen Frage verunsichert, nicht festlegen. Gleichwohl, und das ist neben allerlei staatsbürgerlicher Phraseologie seine zentrale Aussage, empört ihn die Aneignung des Begriffs Widerstand durch die Rechte, denn Widerstand könne man nur in einem Unrechtsstaat leisten. Da zittert seine Stimme, ob vor Empörung oder Nervosität, ein wenig.

Auch das paßt ins Bild, denn Schwäche gehört zum Markenkern dieses Typus’. Warum sonst sollte er auf den ausgelegten Handzetteln auf seine Vergewaltigung durch zwei Männer und daraus folgende Depressionen hinweisen, wenn dies für das Thema keinerlei Rolle spielt? Führt man sich darüber hinaus die Tätigkeiten vor Augen, die er auf seiner Netzseite für nennenswert hält – Geschäftsführung der »Gräflichen Eventmanufaktur Stauffenberg«, Gründung des Vereins »Mittendrin statt extrem daneben«, FDP-Kreisvorsitz im unterfränkischen Irmelshausen –, und sieht ihn dort, auf der Netzseite, in ernster Einkehr an der Büste des Großvaters oder in gräflicher Pose mit angeleinten Jagdhunden vor Schloßkulisse, so liegt der Verdacht nahe, dieser Mann nähre sich von seinem Familiennamen wie ein Aasfresser.

Ein Buch hat er auch geschrieben – mit professioneller Hilfe, versteht sich. Es erscheint am Tag nach der Veranstaltung, und wird schon mal beworben. Aus Verantwortung. Was der moderne Liberalismus mit dem 20. Juli 1944 zu tun hat (Hamburg: Lau-Verlag 2019) fällt in die Sparte jener Bekenntnisliteratur mit Visitenkarten-Charakter, deren Verbreitung in umgekehrtem Verhältnis zur Zahl ihrer tatsächlichen Leser steht, und beinhaltet ein entweder binnen eines Nachmittages oder per Email geführtes Interview Stauffenbergs durch den Journalisten und Wulff-Biographen Armin Fuhrer (Co-Herausgeber von AfD – Bekämpfen oder ignorieren? Intelligente Argumente von 14 Demokraten, 2016).

Dieser Stichwortgeber läßt Stauffenberg viel Raum, ein Potpourri schablonierter Gedanken auszubreiten, deren Redundanz, intellektuelle Armut und unfreiwillige Komik den Leser mitunter sprachlos machen. Daß er Versuche unterläßt, seine Stellungnahmen mit zitierfähigen Fakten zu stützen, mag mit einer allgemeinen Gedächtnis- oder Zahlenschwäche zusammenhängen: Während er das personelle Netzwerk der Verschwörer des 20. Juli in seinem Buch unter Berufung auf die Schriftenreihe der Gedenkstätte Deutscher Widerstand auf »eine vierstellige Zahl« schätzt (S. 83), spricht er in Walsrode von »vierhundert«.

Allerdings geht sein Defizit an gedanklicher und sprachlicher Präzision über derlei Verwechslungen hinaus. Der synonyme Gebrauch von »radikal« und »extrem(istisch)« führt beispielsweise zu interessanten Effekten: So wird die AfD auf S. 78 noch als »rechtsextreme, neonazistische Partei« angesprochen und Björn Höcke vorgeworfen, »die Demokratie abschaffen und eine Nazi-Diktatur errichten« zu wollen. Nur sechs Seiten weiter nennt Stauffenberg Höcke dann auf einmal Seite an Seite mit dem Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert im Zusammenhang mit »krude(n) rechts- oder linksradikale(n) Thesen«.
Das gleiche Phänomen tritt zu Tage, wenn Stauffenberg die CSU kritisiert, »die keine Menschen aus anderen Kulturkreisen in Deutschland wie Muslime oder Hindus haben und daher Menschen aus anderen europäischen Ländern wie den Balkan-Staaten herlocken möchte« (S. 118), oder wenn, verblüffend wertfrei, von »christliche(n) Organisationen oder Pegidas« die Rede ist, »die sich gegen den Islam oder den Islamismus engagieren« (S. 119). Ein letztes Beispiel: Stauffenberg legt großen Wert auf die Feststellung, daß wir »ein sehr erfolgreiches Grundgesetz haben« und »in einer gut funktionierenden Demokratie« leben (S. 75).

Den Lesern jedoch, die hier zustimmend nicken, muß auf S. 102 angst und bange werden, denn dort fordert er, wir müßten »anfangen, eine Politik zu entwickeln, aus der die Wahrheit spricht. Mir kommt die Politik der vergangenen 70 Jahre seit der Gründung der Bundesrepublik, und da nehme ich die FDP überhaupt nicht aus, so vor, als sei sie beständig in genau die falsche Richtung gelaufen.« – Hört, hört!

Ähnlich amüsant lesen sich Passagen, in denen Stauffenberg Einblicke in seine Jugend und das damalige familiäre Umfeld gewährt: »Es mag komisch für andere klingen, aber für mich war das immer völlig normal, auf einem Schloss zu leben.« (S. 24) Von langen Gesprächen mit der Großmutter steht im Buch übrigens nichts zu lesen. Stattdessen ergibt sich der Eindruck, daß Nina Schenk Gräfin von Stauffenberg mit ihrem Enkel nichts anzufangen wußte und daß eine bleibende Fremdheit beider Verhältnis prägte: »Als Kinder hatten wir eher Angst vor ihr. Sie war einerseits eine sehr autoritäre Person, andererseits völlig unemotional. (…) Man hatte bei ihr oft das Gefühl, man störe sie.« (S. 39) »Sie hatte ihr Weltbild, und ich paßte da mit meinen langen Haaren eben nicht rein.« (S. 43)

Im höchsten Maße aufschlußreich erscheint die folgende freimütig preisgegebene Anekdote: Am Abend eines Familienfestes raucht der 20jährige Enkel mit der Großmutter Zigarren, die sich für sein Empfinden jedoch als alt und ungenießbar herausstellen, sodaß er die seine nach einem Zug ausdrückt. »›Die ist nicht gut‹, sagte ich zu ihr. Ihre Antwort lautete: ›Doch, die Zigarre ist gut, aber du bist nicht gut genug für die Zigarre.‹« (S. 43)

Im Lichte solcher, sich im Laufe von Stauffenbergs Biographie musterartig wiederholender Kränkungen komplettiert sich das Bild eines gänzlich talentlosen, mit Komplexen beladenen Charakters, dessen einzige politische Waffe das Gewicht der Leere ist, die er verbreitet. Deren Wirksamkeit wiederum hängt vom sozialen Rahmen, vom Anpassungsdruck ab. Das Publikum in Walsrode jedenfalls zerfällt in drei Gruppen: eine, die sich in ihrem Bekenntniseifer gegen den Feind zu überbieten sucht (und unter anderem fordert, AfD-wählenden Bundeswehrangehörigen das Wahlrecht abzuerkennen), eine zweite, die den Referenten mit historischen Nachfragen überfordert, und eine dritte, die schweigt, konsterniert vor sich hinstarrt oder die Veranstaltung vorzeitig verläßt.

Nur wenige Male brandet ein verhaltenes Raunen gegen die Gesprächsblase, die Stauffenberg und Moderator Giesa wie eine schützende Haut umschließt. An die Adresse der dritten Gruppe ist möglicherweise jener beschwichtigend klingende Satz gerichtet, den der Graf und Eventmanager auch in seinem Buch (S. 72) fallenläßt: »Politiker sind auch nur Menschen.« – Ganz recht, und manche sind einfach nicht gut genug für die Zigarre.


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