1. Februar 2020

Ökologische Betrachtungen (3): Lektüre-Plan

Jonas Schick

PDF der Druckfassung aus Sezession 94/Februar 2020

Stöbert man nach »ökologischer« Literatur, so erschlägt einen die schiere Masse an Publikationen in den ersten Sekunden der Suche. Besonders in einer klimabewegten Zeit will das schlechte ökologische Gewissen des Volkes auf der einen Seite gefüttert und auf der anderen gelindert werden.

Ein Blick auf das Programm des auf Öko-Literatur spezialisierten Oekom-Verlags führt einem dabei die Bandbreite an schriftlichen Erzeugnissen in diesem Bereich vor Augen: Während oberflächliche Wohlfühlratgeber wie Besser leben ohne Plastik oder Going Green – Warum man nicht perfekt sein muss, um das Klima zu schützen die Netzseite des Verlags dominieren, findet sich in den entlegenen Ecken Tieferschürfendes wie beispielsweise Nachhaltigkeit als Verantwortungsprinzip – Carlowitz weiterdenken oder den Heimatschutz betreffend Quo vadis Konservierungswissenschaften?.
Alles in allem überwiegt jedoch das Zeitgeistige: Titel à la Caring Masculinities? Männlichkeiten in der Transformation kapitalistischer Wachstumsgesellschaften sprechen Bände.

Bei diesem Überangebot an Lektürenebelkerzen fällt es schwer, zum Wesentlichen, an die radix des ökologischen Denkens vorzudringen. Um dieses aus dem Wust des Belanglosen herauszuschälen, empfehlen sich indes zwei Zugänge: Entweder man nähert sich historisch-chronologisch und beginnt mit den die Ökologie konstituierenden Klassikern – oder man stößt problemorientiert auf das Feld vor.

Erstere Vorgehensweise konfrontiert einen umgehend mit der Tatsache, daß die Ökologie in ihren Anfängen eine Hochburg des Konservatismus darstellte, die erst Ende der 1970er bis Anfang der 1980er von der Linken gekapert wurde. Als einer ihrer Gründerväter kann ohne Frage der Komponist und Professor an der Berliner Hochschule für Musik Ernst Rudorff gelten, der mit seinem 1880 erschienenen Aufsatz »Über das Verhältnis des modernen Lebens zur Natur« und seinem darauf folgenden, begriffsprägenden Buch Heimatschutz (1897), in denen er sich insbesondere gegen die Zerstörung der althergebrachten kleingliedrigen Landschaft wandte, wesentliche Stützpfeiler der Ökologie setzte.

Keine drei Jahre nach dem Ersterscheinen des Heimatschutzes von Rudorff, veröffentlichte der Architekt Paul Schultze-Naumburg im Münchener Kunstwart eine Artikelreihe unter dem Titel »Kulturarbeiten«, in der er anhand reicher Bebilderung die Kultivierung der Natur durch den Menschen dokumentierte, dabei eine Verhäßlichung menschlichen Wirkens in der Landschaft konstatierte und gegen diese anschrieb: »Wer eine Vorstellung davon hat, was einem Menschen, der seine Heimat liebt und mit ganzem Herzen daran hängt, ein schöner Ort bedeutet, ja, daß er ihm durch seine Schönheit zur geweihten Stätte werden kann, der wird die dumpfe Unvernunft nicht begreifen, die mit plumpen Händen an Dinge tastet, die für das eigentliche Leben eines Volkes tausendmal mehr bedeuten als die paar Klafter Holz, die man da herausholen kann.«
Ökologie ist bei diesen Pionieren nicht nur auf den Artenschutz oder die Eindämmung von Schadstoffen begrenzt, sondern umfaßt außerdem die Denkmalpflege und den Schutz des Landschafsbildes einschließlich der Ruinen.

Durch die enge Zusammenarbeit Rudorffs und Schultze-Naumburgs kam es 1904 zur Gründung des »Deutschen Bundes Heimatschutz«. Das konservative Nachdenken über die ökologischen Problemstellungen, die durch die fortschreitende Industrialisierung aufgeworfen wurden, feierte um die letzte Jahrhundertwende seine Hochzeit. Ein weiteres Erzeugnis dieser intensiven Schaffensphase bildete Ludwig Klages Mensch und Erde, in dem der Lebensphilosoph zur radikalen Anklage gegen die ökologischen Sünden der modernen Zivilisation anhebt: »Eine Verwüstungsorgie ohnegleichen hat die Menschheit ergriffen, die ›Zivilisation‹ trägt die Züge entfesselter Mordsucht.«

Ganz in dieser Tradition stand auch die erste wirkmächtige ökologische Wortmeldung der Nachkriegszeit, Friedrich Georg Jüngers Perfektion der Technik (1946). Jüngers zentrale These im Buch: Technik und Ausbeutung der Natur erzeugen keinen Reichtum, sondern zerstören den Überfluß der Natur. Die letzte gewichtige, ökologische Arbeit, die von konservativen
Denklinien durchzogen war, markierte Herbert Gruhls Ein Planet wird geplündert. Die Schreckensbilanz unserer Politik (1975). Breit rezipiert, war es ein radikal-konservativer Weckruf, derfür eine fundamentale Abkehr von einer wachstumsfixierten Wirtschaft eintrat und die Notwendigkeit eines umfassenden Geisteswandels in der Gesellschaft erörterte.
Derjenige, der es für »konservativ« oder »rechts« erachtet, was derzeit medial als unreflektierte Diesel-, SUV-und Fortschrittsapologie kursiert, wird durch diese Lektüre gegen entsprechende Denkweisen geimpft.

Ohnehin gilt: Wer sich an diesen sechs beispielhaft erwähnten Werken entlang arbeitet, wird einen umfassenden Einblick in die Umweltprobleme moderner Gesellschaften, in Ansätze zur Lösung der Umweltkrise sowie in die konservative Fortschritts- und Wachstumskritik erhalten, einen Einblick, der deutlich werden läßt, daß die Ökologie aus ungleich mehr als lediglich hysterischer Klimadebatte besteht.

Demgegenüber öffnet der zweite, problemorientierte Zugang die drei unweigerlich miteinander verwobenen Sphären »Ökonomie«,
»Ökologie und »Soziales«. Denn nur zu oft entpuppen sich bei eingehender Beschäftigung die hinter ökonomischen und sozialen Fragestellungen stehenden Prozesse als solche, die zudem die Ökologie betreffen.

Aus dieser Erkenntnis heraus redete der deutsch-britische Volkswirt Ernst Friedrich Schumacher bereits 1971, noch vor Gruhls Abrechnung, in seinem Band Small is Beautiful. Die Rückkehr zum menschlichen Maß einer ökologisch ausgerichteten Ökonomie das Wort, die sich dem Paradigma des »Postwachstums« verschreibt – ein Ansatz, an den der zeitgenössische Volkswirt Niko Paech als ausgewiesener Postwachstum-Theoretiker anknüpft.
In diesem Zusammenhang ist insbesondere seine Studie Nachhaltiges Wirtschaften jenseits von Innovationsorientierung und Wachstum (2005) hervorzuheben.

Ein Autor, der die Grenzen zwischen den drei Sphären auflöst und die Auswirkungen des menschlichen Wirtschaftens in all seinen Facetten auf Natur und soziale Organisationsformen sichtbar macht, ist der Universalgelehrte Rolf Peter Sieferle. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter umweltgeschichtlicher Forschung in Deutschland. Mit seiner formidablen Arbeit Der unterirdische Wald. Energiekrise und industrielle Revolution (1982), veränderte er den Blick auf die ansteigende Kohleförderung und -nutzung während der industriellen Revo-ution. Hier formuliert Sieferle erstmals sein in späteren Werken wiederkehrendes Schema des Übergangs aus dem solaren Energiesystem der Agrargesellschaften hin zu den fossilen Energiequellen des Industriezeitalters und beleuchtet die damit verbundene »kolossale Beschleunigung der Materialumsätze«.

Seine darauffolgenden Bücher Die Krise der menschlichen Natur. Zur Geschichte eines Konzepts (1989) und Bevölkerungswachstum und Naturhaushalt. Studien zur Naturtheorie der klassischen Ökonomie (1990), schärfen noch einmal den Blick für die durch die Moderne induzierte Umweltkrise, die das den »Westen« charakterisierende expansive Industriesystem ausdrücklich in Frage stellt – Sieferle ist zweifelsohne ein für den ökologischen Bücherschrank unverzichtbarer Autor.

Neben Sieferle ist ferner der deutsche Historiker Joachim Radkau zu nennen, der mit seinem umweltgeschichtlichen Werk Natur und Macht. Eine Weltgeschichte der Umwelt (2000) eine wesentliche in das Feld einführende Arbeit vorlegte. Darin spannt Radkau nach einer Reflexion über die »Umweltgeschichte« als eigenständige Fachrichtung von der ersten Nutzung des Feuers bis zur Globalisierung einen weiten geschichtlichen Bogen, der aus umwelthistorischer Perspektive seziert wird.

Als letzter Literaturhinweis muß ein englisches Buch herhalten, um das bei einer ökologischen Lektüre kein Weg vorbeiführt: Fred Cottrells Energy and Society. 1955 erschienen, wies es akribisch nach, inwieweit verschiedene Niveaus von Energieflüssen notwendig sind, um bestimmte Formen sozialer Systeme aufrechtzuerhalten oder zu verändern.

Cottrell kommt zum Ende seiner die modernen Industriegesellschaften betreffenden Analyse zu einem grundlegend pessimistischen Schluß: »Die meisten Menschen im ›Westen‹ sind von der Idee durchdrungen, daß die endgültige Perfektion eintreten wird, wenn sie nur den richtigen Gedanken anhängen und nach diesen handeln.« Jedoch machen die real existierenden Gegebenheiten deutlich, »daß der Mensch als irdisches Wesen nicht dazu in der Lage ist, die Grenzen, die ihm von der Natur (…) auferlegt werden, abzuschütteln«.

Ein Kerngedanke, der alle angeführten Autoren miteinander verbindet: es zeigt sich, daß eine ökologische Sicht auf die Dinge gegen die utopischen Verheißungen progressiver Ideologeme impft.



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