1. Februar 2020

Alternativweltgeschichte oder Was wäre wenn?

Gastbeitrag

von Konrad Markwart Weiß
PDF der Druckfassung aus Sezession 94/Februar 2020

 Gastbeitrag

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  • Sezession

»… jeglichen Traum vom Ruhme aufgebend, selbst den der Eroberung Italiens, von dem sein Bewusstsein erfüllt war, verirrte sich seine Vorstellungskraft zu mehreren Versuchen merkantiler Spekulation. Der Versand einer Kiste Bücher nach Basel war sein erster Anlauf und schlug fehl. Sogleich ersetzte er ihn durch einen weiteren, den er jedoch nicht verwirklichen konnte.«
(Général Comte de Ségur, Memoiren)

Theodor Herzl stellt diese Sätze von Napoleons Weggefährten und Biographen seiner Erzählung Der Unternehmer Buonaparte (1900) voran; diesem wird sein Generalsrang nicht bestätigt, »überhaupt waren ihm die Bureauleute aufsässig. Endlich reißt ihm der Geduldsfaden.«

Er zieht »die Uniform aus und Adieu, Soldatenhandwerk!« Buonaparte erschafft das »Magazin des Weltalls«, wo alles zu bekommen ist, »was ein Mensch von der Wiege bis zur Bahre braucht«, setzt seine Brüder und Schwäger von Joseph bis Murat als Leiter von Provinzniederlassungen ein und steigt immer höher. »Doch seine Unternehmungen waren zu ausgedehnt, seine Kühnheit zu groß, seine Mithelfer zu schwach oder zu treulos«.

Die Aristokraten, die diesem Bericht lauschen, resümieren angesichts der raschen Restauration: »Die Revolution hat kein Regierungstalent hervorgebracht. Ein einziger tüchtiger Mensch, der verwalten, befehlen, leiten konnte, hätte die Republik möglicherweise vor dem Untergang bewahrt«.

Der auf Thomas Morus’ Utopia (1516) zurückgehende, aus dem altgriechischen ou-topos hergeleitete Begriff der Utopie, bezeichnet den Entwurf einer Gesellschaftsordnung, die, sinngemäß, an keinem Orte ist; Uchronie hingegen Ereignisse in einer Vergangenheit, die zu keiner Zeit war. Aber was wäre wenn – wenn die reale Geschichte sich ab einem und durch einen bestimmten Divergenzpunkt anders entwickelt hätte?

Die folgenden Beispiele dieses überaus saftigen Genres sind bei entsprechender Neigung zum Gedankenspiel allesamt lesenswert; damit sie es auch dort bleiben, wo der Kitzel der Versuchsanordnung die literarische Qualität deutlich übersteigt, seien sie jeweils nur angerissen.

Winter 1865. Sorgenvoll korrespondiert Robert E. Lee mit Präsident Jefferson Davis, als Gewehrfeuer ungewöhnlichen Klangs und ungewöhnlicher, bald unerhörter Kadenz an sein Ohr dringt. Ein Händler mit niederländischem Akzent trägt Lee bahnbrechende Gewehre an; deren Spottpreis legt außerökonomische Motive nahe, es scheint ihm nur an einem Sieg der Südstaaten gelegen – und an einer überharten Haltung gegenüber Schwarzen. Diesen auch nur irgendwo Gleichheit zuzugestehen, »hieße den Weg einzuschlagen, sie überall gleichzustellen«, warnt der Fremde immer wieder eindringlich. Als die Kampfhandlungen wieder aufgenommen werden, können die besser geführten und kampfkräftigeren Konföderierten der materiellen Überlegenheit der Nordstaaten nun auch eine höhere Feuerkraft entgegensetzen, stehen alsbald vor den Toren Washingtons und dann des Weißen Hauses, wo Lincoln einem Frieden zustimmen muß. Und dann nimmt Harry Turtledoves The Guns of the South (1992) erst so recht Fahrt auf und entschädigt mit seinem farbenprächtigen Panorama für die eine, aber entscheidende – und entschieden nicht uchronistische – Anleihe bei H.G. Wells …Als rare Ausnahme im sonst bier- bis bitterernsten Genre kommt Hannes Steins Der Komet (2013) humorig einhergeflogen. Franz Ferdinand – »I bin doch net deppat, i fohr wieder z’haus« – verläßt Sarajewo rechtzeitig, beide Weltkriege entfallen, Österreich-Ungarn wird in eine Föderation von Kronländern umgewandelt.

Die Hitlerei erscheint nur in den Alpträumen eines einzelnen Psychoanalyse-Patienten und Anne Frank, mit dem Literatur-Nobel-preis ausgezeichnet, tritt häufig im Fernsehen auf. »Städte wie Wuppertal, Frankfurt und Bochum, die in ihrer Substanz seit einem Jahrhundert niemand angetastet hatte: Die schönsten Stadtlandschaften Europas waren jene im Deutschen Kaiserreich«. Die nonchalant geschriebene Tour d’Horizon durch ein imperiales Wien, nicht ohne Kenntnis, nicht ohne Fehler, gelingt dennoch, ohne daß »der Engel der Peinlichkeit durchs Zimmer geht« – anders als in Steins brotberuflicher Journalistenprosa und deren unumgänglichem Glanzstück, das er in der Welt nach der Wahlnacht veröffentlichte: »Am Wahlabend nahm ich ein Beruhigungsmittel und legte mich in mein weiches New Yorker Bett. Früh um vier stand ich auf: ›Donald Trump next US President.‹ Ich schlich zurück ins Schlafzimmer, aber meine Frau wachte dennoch auf. Zwischen uns schlief friedlich unser drei Jahre alter Sohn.
›Donald Trump hat die Wahl gewonnen‹, sagte ich leise. Meine Frau sagte nichts, dann fing sie an zu weinen. Ich nahm ihre Hand, so daß unsere Arme eine Art Brücke über unser Kind bildeten, dann weinte ich auch. ›Unser Sohn, unser Sohn‹, sagte ich.«Der schöngeistige Major von Allmen überzeugt Conrad von Hötzendorf in Guido Morsellis Licht am Ende des Tunnels(1977), einen solchen vom Vinschgau ins Veltlin schlagen zu lassen; aus diesem brechen alsbald Lastwagen hervor, »so dicht hintereinander, daß sie wie ein Zug aussahen«, zu einem Blitzkrieg avant la lettre, aber bereits von Rommel geführt, rasen nach Süden, setzen das Gros des italienischen Oberkommandos gefangen und Italien schachmatt. Im Westen verfährt Ludendorff ähnlich, und Rathenau schließt einen maßvollen Frieden.

Kurz durchbricht der Autor für ein Theoriegespräch mit dem Verleger – den er Zeit seines Lebens nie finden sollte – die vierte Wand: »Die Naht, mit der in der Erzählung die ›Alternativ-Vergangenheit‹ auf die tatsächliche Vergangenheit geheftet wurde, zeigt sich immer, wenn das Angemessene und Vernünftige an die Stelle des Unangemessenen und Unvernünftigen tritt«.
Bald darauf holt Hindenburg zum Staatsstreich gegen Rathenaus »Sozialistische Vereinigung Westeuropas« aus.

Apropos: Die Schweizer Sowjet Republik des »grossen Eidgenossen Lenin, der, anstatt in einem plombierten Zug in das zerfallende, verstrahlte Russland zurückzukehren in der Schweiz geblieben war«, ist Schauplatz von Christian Krachts Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten (2008). »Es waren nun fast einhundert Jahre Krieg. Es war niemand mehr am Leben, der im Frieden geboren war«. Nachschub an Menschen kommt aus den ostafrikanischen Kolonien, das inneralpine Réduit aber ist »die eigentliche Stärke (…) der SSR. Die Alpen waren von Stollen durchzogen (…), hunderttausende Soldaten konnten sich zurückziehen ins Innere des Massivs«.
Dorthin macht sich auch der Ich-Erzähler auf; unterwegs vergißt der Sohn deutscher Eltern Kracht nicht, beiläufig dem Vaterland zu geben, was des Vaterlandes ist: Für die weitaus abstoßendste Szene des alpdruckschweren Romans, durch dessen Schatten ohnehin kein Sonnenschein dringt, zeichnen in bundesbürgerlich-orthodoxer Literaturtradition Deutsche verantwortlich.

In die Literatur eingeführt wurde der Begriff Uchronie 1876 vom französischen Philosophen Renouvier durch sein gleichnamiges, sperriges Schlüssel- und Referenzwerk, dessen nutzbringende Lektüre solideste Kenntnis des Imperium Romanum erfordert. Hier setzt erst unter Commodus die unbarmherzige Verfolgung des Christentums ein, wirft es auf seine orientalische Ursprungsregion zurück, aus der es fanatisiert zu einem umgekehrten Kreuzzug auf Rom vorstößt, unterliegt, aber durch die von Germanien ausgehende Reformation allmählich, »der Hefe seiner Intoleranz beraubt ohne Widerstand in die europäische Welt eingeht«.

Der Titel von Emmanuel Carrères Die Nase der Kleopatra. Kleine Geschichte der Uchronie (1986) wiederum geht auf ein Wort Pascals zurück, wonach dieses ästhetische Detail den Lauf der Geschichte verändert hätte; das Werk selbst ist nicht nur für diesen Absatz, sondern zum Verständnis der Gattung insgesamt ebenso grundlegend wie anregend, wenn Carrère etwa Oscar Wilde zitiert – wonach »eine Tat zu bereuen die Vergangenheit verändern bedeutet« – und »etwas von diesem Gedanken im christlichen Mysterium der Beichte« verortet.

In Wladimir Tendrjakows Anschlag auf Visionen (1987) sehen sich Wissenschaftler im Moskau der 70er Jahre ob ihres marxistischen Rüstzeugs zwar in der Lage, die Gesetzmäßigkeiten der Abfolge unterschiedlicher Gesellschaftsformen zu durchschauen, aber nicht jene partikularen der Übergangsepochen. In einer solchen wähnen sie ihre eigene Gesellschaft und trachten, die Ursachen der vermeintlichen »Stagnation« zu ermitteln – die doch schon die Krankheit zum Tode war.

Wie viele andere »Uchronisten« interessiert die Forscher dabei besonders die Frage der (Un)Ersetzbarkeit herausragender Persönlichkeiten, auch im Sinne einer conditio sine qua non. Nach seiner »Zerlegung« in einzelne Merkmale und deren Programmierung ist es soweit: »Jesus Christus in Gestalt eines Stapels dünner, mit Löchern übersäter Pappkarten«. Nach Christi Tilgung aus dem Computerprogramm durch die Annahme einer Steinigung nach der Bergpredigt sind »sämtliche Spuren von dem Begründer des Christentums aus dem Maschinengedächtnis gelöscht« – aber dann: »Jesus, den wir getötet hatten, war auferstanden, die phantastischste aller Legenden der Evangelien wurde von der nüchternen Maschine wiederholt«.

Apropos Sowjetunion: George Orwells 1984 – zunächst als Dystopie ein Zweig der Utopie, ab dem namensgebenden Jahr Uchronie und allmählich Gegenwartsliteratur, zumindest hinsichtlich seiner Umdeutung von Begriffen in ihr schieres Gegenteil gerade in der BRD – beschreibt auch die kommunistische Praxis der Retusche von Fotografien, mit der die Vergangenheit realiter alternativweltgeschichtlich umgewandelt wurde; das Genre selbst findet denn auch in der Welt der Bilder reichen Niederschlag: So besteht in Frankreich – wo teils außerordentlich gehaltvolle Bildergeschichten für Erwachsene, denen man mit dem Begriff Comic grobes Unrecht täte, hoch im Kurs stehen – die vielbändige Serie Jour J, zu Deutsch in etwa »Tag X«, mit Bezugnahme auf den uchronistischen Divergenzpunkt.Auch Hollywood greift entsprechende Stoffe immer wieder auf, insbesondere nach Vorlagen eines seiner liebsten Stichwortgeber, Philip K. Dick.

Die Verfilmung von dessen Klassiker The Man in the High Castle (1962) schlug bereits vor Erscheinen hohe Wellen, da die begleitende Werbekampagne mit der Ästhetik des imperialen Japan und des Dritten Reiches kokettierte und alsbald zurückgezogen werden mußte.

Schon die Widmung dieses wohl bekanntesten alternativweltgeschichtlichen Werkes überhaupt ist bemerkenswert: »To my wife Anne, without whose silence this book would never have been written«. Deutschland und Japan haben hier den Zweiten Weltkrieg gewonnen und den Osten bzw. Westen der USA besetzt. Technologisch ist das Reich seinem asiatischen NochBundgenossen weit voraus und kolonisiert den Weltraum; hienieden wurde zudem das Mittelmeer trockengelegt und in Ackerland umgewandelt (in der Realität übrigens vom deutschen Architekten Herman Sörgel als Atlantropa-Projekt ausgearbeitet). Die Hoffnungen des spärli chen Widerstandes gelten dem legendären Hawthorne Abendsen, auf den sich der Titel bezieht, den Autor einer verbotenen Uchronie innerhalb der Uchronie, in der wiederum die Alliierten obsiegt haben.

Aus Sicht eines gleichnamigen Siebenjährigen schildert Philip Roth in The Plot Against America (2004) einerseits die eigene Kindheitswelt in einem jüdisch geprägten Teil New Jerseys zu Beginn der 40er Jahre – wie so oft stark autobiographisch und so meisterhaft, daß das Entsetzen des Knaben bei harmlosen Gängen in den Keller des eigenen Wohnhauses spürbarer wird als jenes gegenüber einem realen Verhängnis: Statt Roosevelt wird der durch die erste Nonstop-Alleinüberquerung des Atlantiks sowie die Ermordung seines Kindes ungeheuer populäre »gemarterte Titan« und Isolationist Charles Lindbergh zum Präsidenten gewählt.

Er hält die Vereinigten Staaten gänzlich aus dem Krieg heraus und vereinbart – mit Hitler auf Island, mit Japan auf Hawaii – friedliche Beziehungen und eine Nichteinmischung in die jeweilige Einflußsphähre. Zunächst scheinen zumindest deren innenpolitische Befürchtungen unbegründet, aber alsbald beginnt das Office for American Absorption, jüdische Familien in ländliche Gebiete umzusiedeln …»Träge strich naßkalter Wind durch die Gassen von Heydrich« hebt Otto Basils wüster, apokalyptischer Parforceritt Wenn das der Führer wüßte (1966) an – und heimeliger wird es bis zum infernalischen Schluß nicht mehr. »Strahlungsspürer« Albin Totila Höllriegl profitiert davon, daß »die metaphysische Richtung in Partei und SS gesiegt hat«, so wie Deutschland zwanzig Jahre davor im Weltkrieg; der Ural bildet nun den »Ostwall des Abendlandes«.

Das Verhältnis zum japanischen Verbündeten verdüstert sich rapide, der Stürmer zieht bereits gegen die »gelben Affen« zu Felde. Höllriegl hat eben den heiklen Auftrag erhalten, seine Strahlenspürerei bei einer ebenso illustren wie grauen Eminenz auszuüben, als »Odin seinen Meldegänger zum großen Rapport nach Walhall« ruft.

Erst »ertrinkt die Reichshauptstadt in schwarzem Tuch«, dann das Reich im Blute: Säuberungen, Diadochenkämpfe und schließlich Krieg gegen Japan mit Atombomben – aber auch »der gute alte Gurgelbiß kam wieder in Schwang«. In diesem rasenden Pandämonium findet Basil, der 1938 mit Schreibverbot belegt worden war, sogar noch Zeit für Anspielungen auf seine Zeitgenossen, von Doderer bis Heidegger.

Über dem Dritten Reich – das wie in der Realhistorie auch in der Alternativweltgeschichte der mit Abstand meistbeackerte Topos ist – wird es endgültig Nacht, und der Morgen thaut: Der entsprechende Plan wurde in Thomas Zieglers Stimmen der Nacht (1984) radikal exekutiert.

40 Jahre später, nach dem »Großen Exodus«, lebt die nationalsozialistische Herrschaft jedoch in »Deutsch-Amerika« mit dem »Andenpakt« unter Bormann bedrohlich fort. Deutschland selbst ist verarmt, deindustrialisiert, seine Städte dauerhaft zerstört, aber: »Man kann nicht mitten in Europa ein Grab schaufeln, ohne dass der ganze Kontinent zu einem Friedhof wird.«

Zu allem Überdruß der von der Werwolf-Guerilla beharkten Alliierten beginnen dann auch noch die Stimmen toter NS-Führer in den Ruinen des Kölner Doms zu raunen; dahinter stecken die mysteriösen »Kletten«, »Wunderwerke der Mikrotechnik«. Jakob Gulf wird in die wüste deutsche No-go-Zone entsandt, um dem Spuk ein Ende zu machen, da er mit dem Phänomen vertraut ist: Seit Jahren peinigen ihn in Form unentrinnbarer Kletten ununterbrochen bittere Vorwürfe seiner toten Frau. Zieglers nachtschwarzer Roman ist schiere Ausweglosigkeit, ohne einen Funken Hoffnung für irgend jemanden; für den einzigen Anflug unfreiwilliger Komik sorgt der Verlag im Klappentext, wenn er allen Ernstes dem Wiedererstarken des Nationalsozialismus im Buch »beklemmende Aktualität« in unseren Tagen zuschreibt.

Diese findet sich vielmehr in einem Wort des Hauptprotagonisten: »In einem Land, in dem keine Zeit vergeht, können keine Wunden heilen«. Christoph Ransmayr, Morbus Kitahara (1995): Morgenthau, die Zweite. Freilich von ganz anderer Qualität als beim etwas »trashigen« Ziegler – und ohne Zweifel literarisch das bedeutendste der hier vorgestellten Werke.

»Auf den Rübenfeldern und Schafweiden eines vergangenen Jahrhunderts« haust in seinem Eisengarten der »Vogelmensch« Bering, der Schmied von Moor, am Rande eines Hochgebirges, und dient dem »Hundekönig« Ambras, ehemals gefolterter Zwangsarbeiter und jetzt von den Alliierten eingesetzter, verhaßter Verwalter des dortigen Steinbruchs. Der »Friedensplan« stammt hier von Lyndon P. Stellamour – wie »die Bewohner der Besatzungszonen in einem langen Prozeß der Demontage und Verwüstung allmählich begriffen (…) nicht bloß irgendein neuer Name aus dem Heer und Regime der Sieger, sondern der einzige und wahre Name der Vergeltung«; und viermal jährlich werden die Einwohner zu »Stellamour’s Party in den Steinbruch befohlen«, wo der Kommandant ihnen quälende, »immer neue Rituale der Erinnerung« aufzwingt.

Christian von Ditfurth, ausgewiesener Spezialist für alternativweltgeschichtliche Gedankenspiele, läßt die Putschisten gegen Gorbatschow obsiegen. Sie führen unter Anspannung aller Kräfte die Sowjetunion militärisch auf unerreichte Höhen, wirtschaftlich aber endgültig in den Abgrund. In einem »gigantischen Befreiungsschlag« erlangt diese als Kompensation für die sowjetischen Verluste im Zweiten Weltkrieg unter Androhung eines dritten von den Westalliierten – »Why die for Germany?« – die deutsche Wiedervereinigung: Unter der Flagge der DDR.

Die SED garantiert den Fortbestand westdeutscher Freiheitsrechte, vorbehaltlich des Gummiparagraphen »Schutz der Demokratie vor verfassungsfeindlichen Bestrebungen«. Die Verfassungsschützer »konzentrierten sich auf Rechtsextremisten«; »heute weiß ich, daß sich die Backen der großen Stahlzange langsam schlossen, unmerklich oft«; »meist entdeckten wir erst im Nachhinein, daß wieder ein Tabu hinzugekommen war«: Auf dem Klappentext von Die Mauer steht am Rhein (1999) fehlt freilich jeder Hinweis auf »beklemmende Aktualität«.»Entwicklung zum grünen Sozialstaat, Sozialistisch-Ökologische Republik Deutschland« – recht gegenwärtig erscheinen auch die Visionen eines ermordeten Wissenschaftlers in der DDR des Jahres 2011: Statt der Wiedervereinigung gönnt ihr Simon Urbans im gleichen Jahr erschienener Plan D eine »Wiederbelebung« – trotzdem ist sie unter Egon Krenz wie gehabt pleite.

Am Leben hält sie die BRD unter Kanzler Lafontaine und seine »Koalition mit der Karnevalsfigur Claudia Roth und ihren grünen Jungs« durch Transferzahlungen. Für deren Fortdauer ist der Anschein von Rechtsstaatlichkeit entscheidend, den die obige, in alter Tradition der vermeintlich aufgelösten, von Mielke-Nachfolger Otto Schily runderneuerten Stasi verübte de facto Hinrichtung gefährdet. In einem Polit- und Spionagethriller, genreüblich zynischabgebrüht, ermittelt Volkspolizist Wegener; allerdings säumen statt der hergebrachten Leichen eher zahllose Schweinigeleien dessen Weg – etwa wenn er seinem westdeutschen Kollegen dessen »elektrische selbstreinigende Wandfotze mit Echthaar« neidet. Unterm Strich: Ein in jeder Hinsicht unerhörtes, höchst einfallsreiches Spiel mit der Geschichte.

Den Einwand, die Uchronie sei »doch bloß eine Spielerei«, erhob denn auch ein deutscher Großromancier vorweg gegenüber dem Autor dieses Querschnitts. Gewiß – und wenn schon! Zudem: Nicht wie oft behauptet der vom Fliegen, sondern jener, das Rad der Zeit zurückzudrehen, dürfte der älteste Traum des Menschen sein. Nur wenigen ist es wohl gegeben, dabei den Lauf der Zeit nicht auch verändern zu wollen. Die Alternativweltgeschichte macht damit auf höchst unterhaltsame Weise Ernst – und Freunden des Gedankenspiels ist das mehr als genug.


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