7. März 2021

Netzfundstücke (79) – Nagelprobe, Köppel, Lethen

Jonas Schick / 2 Kommentare

Die am Rande der Gesellschaft gegenüber dem Netzwerk Wissenschaftsfreiheit geäußerte Kritik erwies sich schneller als gedacht als gerechtfertigt.

In der letzten Folge, Nr. 14, des Podcasts »Am Rande der Gesellschaft« auf dem kanal schnellroda wurde das frisch ins Leben gerufene Netzwerk Wissenschaftsfreiheit sehr zurückhaltend aufgenommen und mit einer guten Portion Skepsis beäugt. Wie sich nun herausgestellt hat, waren die Vorbehalte vollkommen angebracht.

Denn nachdem der sachsen-anhalter AfD-Landtagsabgeordnete und habilitierte Islamwissenschaftler Dr. Hans-Thomas Tillschneider bei dem von mir moderierten »Lagebesprechung«-Podcast der Bürgerinitiative Ein Prozent zu Gast gewesen war (hier reinhören) und wir im Zusammenhang des von ihm durch seine scharfe Kritik an der Professorin für Kindheit und Differenz (Diversity Studies), Dr. Maisha-Maureen Auma, losgetretenen hochschulpolitischen »Eklats« auf das Netzwerk Wissenschaftsfreiheit zu sprechen kamen, reagierte ebenjene neue Vereinigung zur Verteidigung der Wissenschaftsfreiheit prompt und distanzierte sich von Tillschneider.

Anlaß für Sezession-Chefredakteur Götz Kubitschek, IfS-Leiter Dr. Erik Lehnert, Sezession- Literaturredakteurin Ellen Kositza und Sezession-Redakteur Benedikt Kaiser auch bei der neusten Ausgabe des Podcasts »Am Rande der Gesellschaft« noch einmal auf das Netzwerk zu sprechen zu kommen.

Ferner stand die Thematik »Staat oder Privatrechtgesellschaft?« ausgehend von dem Vorhaben des US-Bundesstaates Nevada, Regierungsmacht an Tech-Firmen abzutreten (hier geht es zum von Benedikt Kaiser erwähnten heise online-Artikel), im Fokus der Diskussion.

Den Abschluß machte dann die Causa »Werner J. Patzelt«, der immer wieder in der Gestalt des gutmeinenden Ratgebers für die AfD auftritt. Die Junge Freiheit räumt ihm dafür regelmäßig gehörig Platz in der Zeitschrift ein, verschleiert dabei aber die CDU-Mitlgiedschaft des Politikwissenschaftlers und damit den Kontext, in den man Patzelts Aussagen notwendigerweise stellen müßte.

2019 arbeitete er noch an der Wahlkampf-Strategie des CDU-Kandidaten und heutigen sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer mit. Ob die AfD solche Ratgeber braucht? Die Antworten gibt es hier:


Einen wohl besseren Ratgeber als Patzelt würde die AfD mit Sicherheit im Weltwoche-Chefredakteur Roger Köppel finden, speziell im Hinblick auf die drohende, nun erst einmal gerichtlich für einen gewissen Zeitraum aufgeschobene Beobachtung durch den Verfassungsschutz.

Vor allem Jörg Meuthens Appeasement-Politik kommt bei Köppel nicht gut weg. Bereits nach Meuthens katastrophaler Rede auf dem Parteitag in Kalkar hatte Köppel diese Vorgehensweise scharf kritisiert. Nun legt er in seinem »Weltwoche Daily«-Vlog aus gegebenem Anlaß noch einmal nach. Ein Auszug:

Und es kann doch nicht für Journalisten ein Kriterium sein, ob eine Partei jetzt irgend etwas sagt, was einem nicht so gefällt, und was nur im entferntesten Sinne vielleicht rechtfertigen könnte, daß man sie mit den Methoden des Spitzelstaates überwacht – das ist undemokratisch, wenn eine Regierung die Opposition auf diese Art und Weise stigmatisieren, anschwärzen kann, und auch überwachen kann, ist das nicht gut.

Man muß allerdings hinzufügen, daß die Partei sich auch selber geschadet hat, und zwar vor allem durch ihren Vorsitzenden Jörg Meuthen, der in einer Brandrede, die ich kritisiert habe, vor einigen Monaten, seine Partei kritisiert hat, und eben einzelne Exponenten seiner Partei in die Nähe des Rechtsextremismus gedrängt hat.

Damit hat er dem Verfassungsschutz seine Legitimationsgrundlage geliefert, die AfD unter das Mikroskop der Staatssicherheit zu legen. Also: Meuthen hat den Feinden, den Gegnern der AfD, der Konkurrenz der AfD, die Instrumente, die Waffen in die Hand geliefert.

Dieser Parteivorsitzende ist jetzt vermutlich auch blockiert in der Verteidigung seiner Partei. Also, was man daraus ableiten kann, vielleicht auch als Schlußgedanke: Wenn Sie in der Opposition sind, egal in welchem Land, wenn Sie in der Opposition sind, dann werden Sie angegriffen. Das ist völlig klar. Sie können nicht Oppositionspolitik machen und glauben, Sie sind der Liebling der Medien, oder der anderen Parteien, im Gegenteil.

Opposition bedeutet Nachteile auf sich nehmen. In Deutschland bedeutet das, daß man die Mittel der Staatssicherheit, der Bespitzelung, daß die Regierung alles aufbietet, um die Opposition, die jetzt von rechts kommt, das ist natürlich im neurotischen Politzusammenhang dieser ganzen Moralisierung und Geschichtsinterpretation und Geschichtsmißbrauchs irgendwo nachvollziehbar, aber trotzdem nicht zu rechtfertigen, in diesem Kontext heißt es eben auch, daß man dies als AfD in Kauf wird nehmen müssen, daß sie der Verfassungsschutz angreift, und Meuthen hat versucht hier, durch Appeasement-Politik, durch Beschwichtigungspolitik, quasi die oppositionelle Rolle etwas zurückzudrängen.

Zum ganzen Video geht es hier. Ab Minute 27:30 kommentiert Köppel die VS-Beobachtung der AfD:


Der Mann von Sezession-Autorin Caroline Sommerfeld, der linke Kulturwissenschaftler Helmut Lethen, hat seine Autobiographie Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug vorgelegt. Grund für den Deutschlandfunk der Person Helmut Lethen orientiert an seiner Autobiographie ein »Feature« von rund einer Stunde zu widmen.

Der Beitrag, in dem sowohl Helmuth Lethen und seine Frau als auch Lethens Weggefährten zu Wort kommen, zeichnet in einer unaufgeregten Weise das Leben eines linken Intellektuellen nach, der im Gegensatz zu vielen seiner Geistesgenossen nie davor zurückscheute, über den Tellerrand seines Weltanschauungskosmos hinauszublicken und sich daher eingehend mit rechten Autoren und Denkern wie Ernst Jünger oder Carl Schmitt auseinandersetzte.

Vielleicht mag diese grundsätzliche Offenheit gegenüber Personen mit völlig konträren Positionen zur eigenen ihren Beitrag dazu geleistet haben, warum die Ehe Lethen-Sommerfeld nicht an den tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten ab dem Jahr 2015 in die Brüche ging. Natürlich kommt der Beitrag nicht umhin, gerade das weltanschauliche Spannungsverhältnis zwischen Lethen und Sommerfeld in den Fokus zu rücken.

Hier geht es zum »Feature«:

Der Kulturwissenschaftler Helmut Lethen schreibt über sein Leben – Autobiografie  als Befreiungsschlag


Zurück zur Autobiographie – der Verlag, Rowohlt, beschreibt das Buch wie folgt:

Helmut Lethen berichtet in seiner Autobiographie, was ihn geprägt hat: von politischen und denkerischen Experimenten, von Weggefährten sowie Ideengebern wie Adorno und Enzensberger. Ein Entwicklungsroman der Bundesrepublik - wie ihn nur noch wenige Intellektuelle zu erzählen vermögen.

Die Autobiographie Lethens erhalten Sie natürlich wie immer beim konservativen Versandbuchhandel Ihres Vertrauens, direkt hier, bei Antaios.



Kommentare (2)

Waldgaenger aus Schwaben

7. März 2021 18:02

An einer  "Professorin für Kindheit und Differenz" übt man auch keine Kritik. Das heißt ja man nähme das auch nur ansatzweise ernst. Satire ist das Mittel der Wahl.

Vor fünfzig Jahren erfand Monty Python das   Das Ministerium für alberne Gangarten

Der Abstand zwischen Satire und Realität reicht heute angesichts einer "Professorin für Kindheit und Differenz" nicht mehr aus. Vielleicht gelingt einem begnadeten Satiriker wie Bernd Zeller ein update. 

Gracchus

9. März 2021 00:48

Komisch, dass hier niemand kommentiert. Das Lethen-Feature finde ich interessant. Ist es meiner Schwäche für Boulevardeskes geschuldet, wenn ich bei Lektüre von Lethens Autobiographie zu den "Szenen einer Ehe" vorblättere? Nicht nur. Meine eigener Zwiespalt zeigt sich darin. Vor dem Sprung, wie ihn Caroline Sommerfeld vollzogen hat, zögere ich. Es würde mir eher darum gehen, den Zwiespalt auszutragen und produktiv werden zu lassen. Lethen selbst sucht ja die Auseinandersetzung mit rechten Denkern. Es muss da ja eine gewisse Affinität bestehen. Was das ist, tritt mir nicht so deutlich vor Augen, es scheint mir von intellektuellen Formeln zugedeckt. 

Die Autobiographie ist da - und also eher gegen Ende hin - am langweiligsten, wo sie sich im intellektuellen Milieu verliert. Dieses Milieu hat etwas Steriles. Es täte gut daran, denkt man, sich von rechtem Denken irritieren oder unter Spannung setzen zu lassen. Meine Entfremdung von diesem Milieu begann im Übrigen mit der Hinwendung zur Religion. Die Religion als das Verdrängte. Dadurch bleibt ein sehr wesentlicher Bereich von Wirklichkeit versperrt. Auch Theweleit scheint dieser Bereich versperrt, ausser vielleicht wenn er Jimi Hendrix hört. Religion - das ist auch die Frage nach einem höheren Sinn und nach dem Opfer, letztlich der Frage, wofür man lebt und notfalls zu sterben bereit ist. 

 

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