12. März 2021

Sammelstelle für Gedrucktes (10)

Benedikt Kaiser / 60 Kommentare

In der dezidiert parteipolitischen Abteilung dieser Kolumne erhielten CDU/CSU, AfD und Die Linke bisher am meisten Aufmerksamkeit. Diesmal nicht.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Verantwortlich hierfür ist das neuerliche Elend der deutschen Sozialdemokratie im allgemeinen beziehungsweise der »Fall Wolfgang Thierse« im besonderen.

Die NZZ (v. 9.3.2021) weiß nämlich zu vermelden, daß sich die SPD-Führung in der Causa Thierse »selbst beschämt«. Die beiden Autoren Christoph Prantner und Alexander Kissler fragen sich: »Sind die Sozis denn noch zu retten?«

Das sind sie wohl ohnehin kaum, Thierse hin, Thierse her, aber zunächst zum konkretem Aufhänger:

Entzündet hat sich die sozialdemokratische Identitätspolitik-Debatte Mitte Februar. In einem von der Partei veranstalteten Online-«Jour fixe», den die Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission Gesine Schwan moderierte, kam die Kulturjournalistin Sandra Kegel zu Wort.

Diese hatte es gewagt, eine Initiative um Anerkennung homosexueller Schauspieler infrage zu stellen. Ein paar Tage später dann machte sich der frühere Bundestagspräsident und SPD-Altvordere Wolfgang Thierse in einem Essay in der «FAZ» Gedanken darüber, wie der erbitterte Streit über Rassismus, Postkolonialismus und Genderthemen den Gemeinsinn zu zerstören droht.

Was dann passierte, ist keine Überraschung: Der antifaschistisch-postmoderne Twittermob tobte sich aus, Thierse sah sich als »alter weißer Mann« (mindestens) oder gar als »Rassist« (maximal) tituliert, erfuhr (erwartungsgemäß) auf dem selben Medium aber kaum Solidarität seiner Parteigenossen.

Das liegt an der geballten Wut, welche die einen ergriff und die anderen abschreckte – man will ja nicht selbst ins Visier der »PoMo-Bubble« (d. i. ist der followerstarke Schwarm aggressiver Linksextremer, oft trotzkistisch beeinflußt und/oder BiPoC-nah und/oder LGBTQplus-affin) geraten, schon gar nicht wegen eines alten Mannes, erst recht nicht wegen – letztlich – einer einzigen Zeile aus dessen FAZ-Beitrag:

Der unabdingbare Respekt vor Vielfalt und Anderssein ist nicht alles.

Denn, so Thierse harmlos, auch Mehrheiten hätten doch ihre Rechte. Das war der vereinigten neu-neuen Linken zu viel des Guten:

Am nächsten Tag wusste das Onlinemedium «queer.de» zu berichten, das sei «neurechter Sprech». Der Berliner Landeschef von «SPDqueer» bekundete Wut und Verzweiflung. Thierse erklärte zwei Tage später im Deutschlandfunk, seine Auffassungen würden abgelehnt, weil es «die Ansichten eines alten weissen Mannes mit heterosexueller Orientierung, heteronormativer Orientierung» seien. Um Argumente ginge es gar nicht. Die Ablehnung eines Gegenübers, dessen Auffassungen man nicht teile, sei demokratiefremd, wenn nicht demokratiefeindlich.

Nun kann man Thierse daran erinnern, daß auch seine jahrzehntelange pauschale Agitation im »Kampf gegen Rechts« mit einiger Indulgenz zumindest als latent »demokratiefremd« bezeichnet werden könnte, aber wer gerade einen veritablen Shitstorm abbekommt, den darf man verschonen.

Dieser nahm erst an Fahrt auf, als die infantile Wut der PoMo-Akteure in den SPD-Vorstand selbst infizierte:

«Queer.de» zitierte aus einer Mail der SPD-Vorsitzenden Saskia Esken und des ehemaligen Juso-Chefs Kevin Kühnert an «rund 20 ausgewählte Personen, darunter Vertreter*innen aus der Community». Beide Politiker bekunden in dem Schreiben, «Aussagen einzelner Vertreter*innen der SPD zur sogenannten Identitätspolitik» hätten sie verstört und beschämt.

Von Thierses Frankfurter Intervention haben sich Kühnert und Esken indirekt distanziert,

was den Angegriffenen zu einer echten Frage in einem offenen Brief an Esken motivierte. Man möge ihm doch bitte mitteilen, ob er noch in der SPD erwünscht sei.

Thierse vergißt hierbei mehrere Fakten, die eine Bewertung seiner Lage beeinflussen: Erstens ist er lediglich noch einfaches Parteimitglied ohne herausragende Funktion, zweitens »menschelt« es beim Typ Esken auch dann nicht, wenn man ihm larmoyant entgegentritt, und drittens ist Kühnert selbst einflußreicher Akteur jener Thierse durchs Virtuelle jagenden postmodernen Linken, deren parteipolitische Dreiteilung auf Grüne, Die Linke und eben SPD keinem Beobachter der bundesdeutschen Linksparteien entgehen konnte.

Viertens, kann man mit Prantner und Kissler ergänzen, sind die derzeitigen SPD-Granden eben eminent nachtragend:

Vielleicht aber werden mit dem identitätspolitischen Radau auch nur alte SPD-Rechnungen beglichen. Thierse hatte nach der Wahl des neuen Vorsitzenden-Duos scharfe Kritik geübt. Unter Esken und Walter-Borjans werde sich der Absturz ebenso fortsetzen wie das «Klima der Unzufriedenheit, der Verdächtigungen und des Hasses».

Unterdessen hatte Thierse ebenjenen Haß auch dadurch verstärkt, daß er sich zu einer Äußerung hinreißen ließ, die im Sozi-Universum das größtmögliche Übel verkörpert. Der Tagesspiegel zitiert ihn wie folgt:

Der nationale Sozialstaat rettet uns. Es ist elitäre Dummheit, das nicht sehen zu wollen.

Damit formuliert Thierse eine kleine Quintessenz jenes solidarischen Patriotismus, der bewahrenswerte Elemente der Sozialdemokratie, die es in der deutschen Geschichte durchaus gibt, aufhebt und in etwas Neuartiges integriert. Trotz ideologischer Fehler und moralpolitischer Irrwege in der Vergangenheit seitens Thierses dürfte man also bereit sein, ihn im Lager des Sozialpatriotismus anzuhören. Vielleicht findet er hier mehr Gesprächskultur als in der Kühnert-Esken-SPD, die in akademischer wie tumber Identitätspolitik versinkt?

Gewiß: Thierse bleibt im Kampf gegen Rechts so verbohrt wie Kühnert und Esken im Kampf um »Sichtbarmachung« realer und fiktiver Minderheiten und Fetische. Dennoch bleibt sein Fall spannend, und er erhält endlich Nahrung durch weitere Stellungnahmen aus dem Nicht-PoMo-Lager der SPD, das in seiner Offenherzigkeit nicht mehr ernst zu nehmen ist, dafür aber für seine Weltfremdheit ein wenig Mitleid verdient.

Im Bezahlformat CiceroPlus (v. 9.3.2021) meldet sich etwa ein SPD-Bundestagsabgeordneter aus der zweiten Reihe spürbar verärgert zu Wort. Florian Post aus Bayern stellt fest:

In der SPD soll jetzt alles auf links gebürstet werden. Und Realos wie ich werden dann schnell in die rechte Ecke gestellt.

Na sowas. Das muß man natürlich gleich noch einmal wiederholen, gibt's ja nicht!

Alles soll in der SPD jetzt auf links gebürstet werden.

Die Botschaft kam an. Doch das ist ja längst nicht alles: 

Man wird ja in dieser Partei schon schief angeschaut, wenn man einen Anzug trägt!

AfD-Akteure werden ins Krankenhaus geprügelt und verlieren, so nicht in Parteianstellung befindlich, ihre beruflichen Perspektiven? Da kann man schweigen. Aber schief angeschaut werden, weil man Anzüge trägt? Das geht entschieden zu weit, dafür kann man sich mal mit dem eigenen Establishment anlegen. Denn dieses hat folgende Entwicklung zugelassen:

Den neuen sozialdemokratischen Dresscode gibt offenbar Kevin Kühnert vor.

Nun, mir fielen bei Kühnert einige Kritikpunkte ein, bevor ich mich an seinen Dauerstudenten-Look machen würde, aber immerhin weiß ja auch ein Florian Post, der zur kommenden Bundestagswahl von seiner Partei abgestraft und dementsprechend nicht neu aufgestellt wurde, daß es um mehr als nur um Kevins Hoodies geht. Kühnerts Gefolgschaft:

Das sind Bonsai-Jakobiner.

Ist Post spätestens mit dieser Wortneuschöpfung der lebendige Beweis, daß »Boomertum« (erklärt in der neuen Folge »Kulturlabor«!) nicht an die blaue Parteifarbe gebunden ist, bekommt er noch halbwegs die Kurve, indem er eine Erkenntnis formuliert:

Die Methoden, mit denen da im Hintergrund gearbeitet wird, sind Anzeichen dafür, dass das System am erodieren ist: Das ist ein Überlebenskampf. Anstatt darüber zu sprechen, wie man wieder groß werden kann, wird der Niedergang verwaltet.

Was Post hier artikuliert, korreliert auf einer übergeordneten Ebene mit der Analyse Christoph Müllers für den Merkur:

Hier kämpfen keine Flügel um Gestaltungseinfluss, sondern Individuen an der versiegenden Quelle relevanter Posten angesichts der nahenden Oppositionsrolle.

So, wie die Hardcore-Meuthenianer eben lieber eine Sechs-Prozent-AfD sehen wollen, in der sie allein die Posten besetzen, präferieren Kühnert und Co. eine geschrumpfte SPD, die woke, urban und entsprechend »auf Linie« gebracht wurde – ein ehernes Gesetz moderner Parteieitelkeiten, das »Solidarität und Respekt«, wie Post bekrittelt, »vermissen läßt«.

Der bayerische Sozialdemokrat gibt sich am Ende des Cicero-Gesprächs aber kämpferisch und schlägt den Bogen von seinem Fall zu jenem Thierses:

Ich unterstütze Thierse voll und ganz. Wir sollten uns von diesen Bonsai-Jakobinern doch nicht vorschreiben lassen, wie wir zu sprechen haben. »Kandidierenden-Plakate« stand in einer Mail, die ich gerade vom Generalsekretär Lars Klingbeil bekommen habe. Was ist das für eine Gaga-Sprache?

Nun, das ist nicht nur die Sprache der PoMo-Bubble, der Kühnerts und Eskens, der Grünen und Roten, der Dunkelroten und Blutroten; das ist seit kurzem auch die Sprache der Tagesschau, von Profi-Fußballvereinen und Verbänden – es ist die »Sprache der BRD« 2.0, mithin der Beweis dafür, daß Manfred Kleine-Hartlage für eine Erweiterung seines Standardwerkes beständig neues Material erhält.

Das Elend der Sozialdemokratie wäre indessen nicht das Elend der Sozialdemokratie, wenn die innerparteilichen Gegner der Kühnert-Eskapaden nicht ebenso enervierend wären wie der Gegenstand ihrer Kritik. Ein Beispiel hierfür ist Nils Heisterhagen. Er, dessen Analysen zu Mängeln seines Lagers ich in Blick nach links noch partiell fruchtbar machen konnte, steht in seiner aufdringlich-eitlen Redundanz auf Twitter seinen Antipoden in nichts nach.

Wohltuend sachlich ist da geradezu sein aktuelles Interview »Identitätspolitik atmet das Ich« in der katholischen Wochenzeitung Die Tagespost (v. 11.3.2021). Heisterhagen ahnt allmählich, daß man ideologischen Antifaschismus nicht ohne dem ihm immanenten Säuberungsfetischismus bekommen kann, der fortwährend neue Gegner in den eigenen Reihen produziert:

Man muss sich nur mal vor Augen führen, wen die linksidentitäre Reinigungsbewegung mittlerweile alles erwischt. Noch vor ein paar Jahren war der Konflikt Linksliberale in der SPD gegen Thilo Sarrazin, dann kam Linksliberale gegen Heinz Buschkowsky, dann kam Linksliberale gegen Sigmar Gabriel, dann kam Linksidentitäre gegen die Katholikin Andrea Nahles und jetzt sind es Linksidentitäre sogar gegen Linksliberale wie Gesine Schwan und Wolfgang Thierse.

Gewiß hat Heisterhagen Recht, wenn er daraufhin hinweist, daß

Identitätspolitik oft sehr von persönlicher Betroffenheit, Gefühlen und Subjektivismus getrieben

sei. Ein Blick auf die Profile narzißtischer Multiplikatoren von »Linkstwitter« ist schon ausreichend, um diese Erkenntnis zu unterstreichen; eine experimentelle Parteiaktivität in der SPD (oder bei den Grünen, oder bei den Linken) ist hierfür nicht vonnöten.

Heisterhagen, und hier unterscheidet er sich dann doch von Kühnert und Konsorten, wäre ein Linker, mit dem es sich geistig zu duellieren lohnte. Er liegt zwar (aus rechter Perspektive) oft falsch, aber über einige seiner Thesen ließe sich sachlich-fachlich streiten:

Progressive Politik ist für mich im Gegensatz universalistisch, auf Allgemeinheit, Gleichheit und Solidarität bezogen. Identitätspolitik atmet das Ich. Universalismus atmet das Wir. Das ist der intellektuelle Unterschied, den Menschen wie Gesine Schwan und Wolfgang Thierse ausdrücken und die Linksidentitären nicht mehr verstehen oder nicht mehr verstehen wollen.

Freilich überschätzt Heisterhagen die politische Ausstrahlung Thierses:

Eine SPD, der Lady Bitch Ray wichtiger ist als Wolfgang Thierse, hat keine Zukunft mehr.

Hätte denn eine altbackene Thierse-SPD mit ihren altbekannten Gebetskreisen »gegen Rechts« mehr Zukunftsoptionen, wäre das ein Neudenken sozialdemokratischer Praxis für das 21. Jahrhundert? Birgt nicht Thierses moralistische Aufladung von Politik bereits den Samen für die aus ihm erwachsenden Exzesse der hypermoralischen Identitätspolitik?

Diese Fragen wurden Heisterhagen von der Tagespost nicht gestellt, aber gerade ein prononciert »materialistisch« denkender Kopf müßte auch hierzu kritisch Stellung beziehen, denn daß heute Millionen Deutsche, die sozialer Politik gegenüber aufgeschlossen sind, parteipolitisch »heimatlos« sind (Grüß' Dich, AfD!), kann ebenso wenig verwundern wie die analoge Heimatlosigkeit entsprechend ausgerichteter politischer Publizisten.

-- -- --

Zu letzterem Typus zählt sich explizit Bernd Stegemann. Der Berliner Dramaturg ist ebenfalls in der druckfrischen Tagespost-Ausgabe vertreten: Mit »Unter falscher Flagge« ist sein Beitrag überschrieben, und auch er ergreift, wie Heisterhagen, Partei für Thierse und Schwan und damit gegen Kühnert, Esken und die Mehrheitssozialdemokratie.

Um die brisante Dimension dieses Konfliktes zu ermessen,

führt Stegemann aus,

muss man sich vor Augen führen, welchen Weg die SPD in den letzten zwanzig Jahren zurückgelegt hat. Ihre Wahlergebnisse sind von 40 Prozent auf inzwischen 15 Prozent abgestürzt. Der Absturz begann mit einer weltanschaulichen Neuausrichtung unter Gerhard Schröder. Die Agenda-Reformen und vor allem die Hartz-IV-Gesetze waren Ausdruck eines Wirtschaftsliberalismus, den die Wähler der SPD noch nie wollten und der auch nicht in ihrem Interesse war. Schröder war der Genosse der Bosse, das haben ihm die SPD-Wähler nie verziehen.

In dieser materialistischen Stoßrichtung weiß sich Stegemann mit Heisterhagen einig, wenngleich Heisterhagen eine »mittige« SPD favorisiert und Stegemann eine dezidiert linke, kapitalismuskritische – nur eben ohne Identitätspolitik, postmoderne Albernheiten und antifaschistischen Dogmatismus.

Stegemann ordnet die Bemühungen der postmodernen Linken, die ihren Frieden mit den woken, also politisch korrekt und linksliberal daherkommenden Kapitalfraktionen gemacht haben, ein:

Die Ohnmacht vor den globalen Kräften des Kapitals scheint so lähmend, dass man sich auf das einzige Feld zurückzieht, wo noch Gerechtigkeit erreicht werden kann. Statt soziale Fragen anzugehen, soll die Anerkennung besser verteilt werden. Und es stimmt tatsächlich, Anerkennungspolitik ist im Kapitalismus gut durchzusetzen. Denn eine gerechte Anerkennung kostet wenig Geld, bringt aber den Unternehmen großen Gewinn.

Diese These untermauert der Autor mit einem aktuellen Beispiel:

Die hitzige Debatte um die Umbenennung der Zigeuner-Sauce hat jüngst diese Rechnung entlarvend auf den Punkt gebracht. Während die identitätspolitischen Aktivisten die Zigeuner-Sauce als Symbol für menschenfeindliche Sprache anprangerten, beschloss der Hersteller der umkämpften Sauce drastische Sozialkürzungen in seinen Betrieben.

Das Resultat ist bekannt: Die Umbenennung der Sauce wurde als großer Erfolg gefeiert, der Sozialabbau schaffte es bei all dem Getöse um den Saucen-Namen in keine Schlagzeile. Nun heißt sie PaprikaSauce, und das war weniger ein wertvolles Geschenk an die Community der Sinti und Roma als eine willkommene Ablenkung von den eigentlichen Plänen des Unternehmens.

Stegemann scheint verärgert darüber, daß diese Offensichtlichkeiten von der neuen Mehrheitslinken nicht mehr gewürdigt werden. Den Grund hierfür liefert er den Tagespost-Lesern aber frei Haus: das »Gesetz des Kindergartens«. Dieses funktioniert wie folgt:

Wer am lautesten schreit, gewinnt. Und damit ist man im Zentrum der Cancel Culture. Mit diesem Begriff kann man die schädlichen Wirkungen der Identitätspolitik zusammenfassen. (...) Ihr Dogma lautet: Dem Opfer muss immer geglaubt werden, und wer sich am lautesten empört, hat den größten Anspruch auf seine Opferwahrheit. Die Folgen sind eklatant. Die Gesellschaft zerfällt in immer kleinere Empörungskollektive, die jedes für sich einen absoluten Anspruch auf Gehör reklamieren.

Daß die Empörungszusammenschlüsse immer kleiner und ausdifferenzierter werden, ist richtig; daß sie aber mittlerweile in den Redaktionen der Öffentlich-Rechtlichen ebenso stilbildend sind wie in linksliberalen Tageszeitungen, dürfte die katholisch-konservativen Leser wie den originär linken Autor gleichermaßen beunruhigen, da sie beide Teil jener Mehrheit der Gesellschaft sind, die sich den neuen Sprach- und Verhaltensregeln der aggressiven PoMo-Szene unterordnen soll.

Wer sich dieser Politik nicht unterwirft, so wie Thierse und Schwan in ihren Artikeln, der muss gecancelt, also ausradiert werden. Mit dieser Methode erreichen die identitätspolitischen Aktivisten einen Sieg nach dem anderen. Denn immer weniger Menschen sind bereit, sich in einen Konflikt zu begeben, wo die eine Seite versucht, fair zu argumentieren, während die andere Seite zur Cancel Culture der persönlichen Beleidigungen und Diffamierungen der Person greift.

Freilich bleibt auch bei Stegemann ein blinder Fleck frappierend: Ungeachtet seiner präzisen Kritik der Cancel Culture und ihrer Einzelbestandteile übersieht – übergeht? – er, daß es der bewährte (und immer häufiger: bewaffnete) Kampf gegen Rechts ist, in dem die Keime für all das Monierte liegen.

Wozu braucht es Argumente, wenn es doch viel wirkungsvoller ist, unliebsame Meinungen durch Ächtung auszuschließen?,

bemängelt Stegemann, und ebendiese Frage ist ja explizit eine solche, die sich im Milieu rechts der Mitte seit Jahrzehnten gestellt wird; einem Milieu, gegen das die Ächtung von Meinungen und Personen also schon wirksam in Stellung gebracht wurde, als es noch keine Natascha Strobls, Quattromilfs oder Alice Hasters auf Twitter gab.

Das dürfte Stegemann insgeheim ahnen, doch ein Aussprechen dieser Tatsache würde wohl nur den nächsten (mehr oder weniger) alten weißen Mann aufs Twitter-Schaffot führen. Aber vielleicht vollzieht sich diese Entwicklung auch so. Dafür sprechen zahlreiche Stellen in Stegemanns jüngst publiziertem Buch Die Öffentlichkeit und ihre Feinde. Dort berührt er unter anderem Thierses Feld der sozialen Frage im Nationalstaat.

Wer die Frage stellt, wie ein Sozialstaat mit einer grenzenlosen Migration zu vereinbaren ist,
so Stegemann,
wird von den Mitgliedern des neuen Liberalismus als gefährliches Subjekt beschimpft. (...) Alle sollen kommen dürfen, um den Rest kümmert sich ›die‹ Gesellschaft. Und da es sehr unwahrscheinlich ist, dass die Migranten sich ein Leben in den teuren Stadtvierteln leisten können, ist die Gesellschaft dann überall, nur nicht vor der eigenen Haustür.
Geschützt vor derartiger Kritik wird sich bei den identitätspolitischen Linken (inner- wie außerhalb der SPD) durch aggressive »Wokeness«, die fortwährend neue Feindbilder generieren muß, um sich konstant auf jenem Empörungslevel zu halten, über das sie in ihrem Business zwingend verfügen muß:
Die Wokeness sucht aktiv nach den Ereignissen, über die sie sich selbst empört in Szene setzen kann. Es geht ihr nicht um eine Verbesserung der Welt, sondern um den Skandal, der ihren öffentlichen Wert steigert, indem er andere beschämt.

Was in diesem Buch wie im Tagespost-Artikel spürbar wird, ist, daß Stegemann ahnt, daß das Ringen zwischen dem sozialen Restflügel der SPD und ihrem postmodern-identitätspolitischen (ergo: Antifa-nahen) Lager ein ungleiches ist; letztere Strömung hält alle Trümpfe in der Hand, ist jünger, dynamischer, kämpferischer, ideologisch geschlossener.

Doch damit wildert die neue, verjüngte SPD in Gefilden, in denen bereits die Linkspartei und die Grünen zugange sind; die Grüne Jugend beispielsweise betreibt postmoderne Identitätspolitik pur et dur, in der Linken haben entsprechende Kreise bis auf Wagenknecht-Reste und KPF-Relikte keinen Widerspruch mehr zu erwarten, zumal diesem Kurs gegnerisch gesonnene Akteure wie Fabio De Masi für Rückzug statt Angriff optierten.

Die SPD taumelt damit – ganz wie Die Linke – den Grünen in der identitätspolitischen Entwicklung hinterher, und Stegemann schließt seinen Artikel:

Die kommenden Wahlen werden zeigen, wie viele heimatlose Sozialdemokraten sie damit gewinnen. Aber man muss kein Hellseher sein, um den weiteren Gang in die Bedeutungslosigkeit vorherzusehen.

Dort warten für einige Sozialdemokraten, identitätspolitischen Zuschnitts oder nicht, Kummer und Leid.

-- -- --

Das paßt übrigens recht gut zu den ersten Entwürfen der SPD-Wahlkampfdesigns. Die für den Normalwähler wohl eher verwirrende als anziehende Mischung aus Sowjetoptics für Arme, Buchcovern der 1920er Jahre und Agit-Prop-Stil kursiert momentan noch ohne inhaltliche Ausgestaltung.

Man liest dort, wo bald SPD-Slogans stehen sollen, einstweilen nur den klassischen Fake-Latein-Fülltext à la Lorem Ipsum Dolor Amet Sit. Es handelt sich hier um eine ostentative Sinnlosigkeit, die bewußt vom Graphiker eingesetzt wird, um das prüfende Auge nicht von den Designs fernzuhalten.

Bei der SPD von heute trägt auch dies einen Doppelcharakter. Denn in der Originalsequenz Ciceros, aus der heraus der Blindtext am ehesten abstrahierbar wäre, heißt es:

Neque porro quisquam est, qui dolorem ipsum, quia dolor sit, amet, consectetur, adipisci velit.

Zu deutsch:

Es gibt niemanden, der den Schmerz selbst liebt, der ihn sucht und haben will, einfach, weil es Schmerz ist.

Vielleicht gibt es ja doch welche: Etwa Sozialdemokraten, die auch nach dem SPD-Katastrophenjahr 2021, das hiermit ausgerufen und am Sonntag in Rheinland-Pfalz sowie in Baden-Württemberg elektoral eingeleitet wird, das rote Parteibuch behalten. Denn eine gewisse Lustgewinnung ob chronischer Schmerzen wäre dann nicht länger von der Hand zu weisen.


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


Kommentare (60)

brueckenbauer

12. März 2021 07:53

Identitätspolitik lebt davon, dass sie den "Benachteiligungsverdacht" (J. Fernau) schürt und seine prospektiven Opfer an sich bindet. Das war aber doch schon immer die politische Grundlinie der SPD; nur scheint sich die Zahö der Konkurrenten erhöht zu haben, die nach derselben Maxime arbeiten.

Maiordomus

12. März 2021 08:13

Das Zitat des echten Cicero zum Schluss krönt die lesenswerte Analyse. Wäre noch der genaue Beleg dabei gewesen, der Professor Manfred Fuhrmann selig, Cicero-Biograph, hätte seine helle Freude daran gehabt, die Einordnung des Leidens scheint mir ein antiker Bestätigungsbeleg, was mit der Leidensmystik der Eckharte und der Seuse wirklich gemeint ist. Fuhrmann war wohl einer unserer gebildetsten Deutschen unserer noch Zeitgenossenschaft, am Rande des äussersten Südens. Auch ein sehr bedeutender Lehrer, wenngleich für meine Tochter ein vielleicht zu anspruchsvoller Gesprächspartner für ein Mittagessen am Bodensee. Was ein grosser Lehrer ist, im Sinne von Sokrates und Platon in der Tat nicht honorarorientiert, als Dorfschulmeister gemäss Jean Paul ("Wuz") in Deutschland einst ein verachteter ärmlicher Beruf, wurde grandios konzipiert an der Pariser Sorbonne, die Meister Eckhart lediglich "die Schule" nannte. Der dazu passende Text heisst "de magistro" von Thomas von Aquin, dem besten Schüler des wohl besten deutschen Lehrers, Albert von Lauingen, auch Albertus Magnus genannt. 

Laurenz

12. März 2021 08:41

(1)

Nur einmal in der vergleichsweise langen Geschichte der SPD, hat diese Partei ihre Wähler-Klientel nicht verraten & beschissen. Das war recht mutig am 24.03.1933.

Wenn man, wie im Artikel geschehen, also die Reaktion der SPD-Wähler in den letzten 20 Jahren (von 40 auf 15%) resümiert, fällt die über 100 Jahre andauernde Verrats-Symptomatik diesen potentiellen SPD-Wählern doch recht spät auf, und wenn, dann doch mehr emotional, intuitiv & weniger bewußt wahrnehmend.

Das, was Schröder & Co. durchgezogen haben, vor allem in der Abwertung der Deutschmark in den Euro, war der größte Verrat in der Deutschen Geschichte am gesamten Deutschen Volk überhaupt. Diesen "Liberalisierungsakt" hätte sich eine Kohl- oder frühe Merkel-CDU nie getraut.

Die geistige Verzwergung der jetzigen Minderheiten-SPD durch die linksliberale Kühnert-Esken-Bande war eben nicht die Antwort, die sich SPD-Wähler auf das Desaster der Schröder-Zeit gewünscht hatten, ein Phänomen, welches sich durch alle im Parlament vertretenen Parteien zieht & solange kein Problem ist, solange sich alle (Parteien) an dieses Prinzip halten. Auch bei 20% Wahlbeteiligung würde der Bundestag voll besetzt sein.

Laurenz

12. März 2021 08:42

(2)

Von daher werden wir in den nächsten 10 Jahren eine Fusion der Linken, der Grünen & der SPD sehen, damit überhaupt noch wer über die 5%-Hürde kommt, was auch dem "woken" Bevölkerungsanteil (inklusive unserer woken Gastarbeiter) entsprechen dürfte. Denn irgendwann fällt auch mutmaßlich dem Letzten auf, daß es bei den gebaerbockten Grünen vor allem mit dem Denken hapert.

Entscheidend ist dann an der Urne, wer wie viel profitiert.

Nur der solidarische Patriotismus ließe eine Mehrheit profitieren.

Hier der größte Tenor aller Zeiten, Fritz Wunderlich, mit dem bekanntesten & politisch inkorrekten Lied aus der Operette "Gräfin Mariza" von Emmerich Kálmán.

https://youtu.be/BoTGZpy1CPI

Ich warte nur darauf, daß Wunderlichs Nachfolger "Komm SinthiRoma" singen.

@BK

Schwan & Thierse haben doch selbst, die Parallele zur CDU ist nur allzu deutlich, ihre Erben bestimmt. Was gibt es da zu jammern? Kein Mitgefühl. 

Und Ihr zitierter Stegemann sagt doch selbst, daß die "Sachlichen" auf der Strecke bleiben. Nur die Eskalation im Ton durch die Konservativen kann die Waage halten. Was schlecht ist, Weimar, kommt wieder.

Gustav Grambauer

12. März 2021 08:46

Unsereins stand schon immer fasziniert vor dem Phänomen, daß es akrobatische Spezialnummern zu breitesten Paradigmen bzw. Lebensleitmotiven eigentlich kluger Leute wie Thierse schaffen konnten - wie z. B.

* Antifa, Kahane und Kampf gegen Rächzzz: wollen wir -
Intoleranz und Cancel Culture: wollen wir nicht

* Antidiskriminierungsideologie-Popanz: wollen wir -
aggressive Minderheitentyrannei: wollen wir nicht

* Buntheit, Vielfalt, Aufklärung, Fortschritt und "Solidarität": wollen wir -
Parallelgesellschaften und archaische Gewaltexzesse: wollen wir nicht

* aggressiven Antirassismus: treiben wir voran -
wer uns mit "Unverschämtheiten" wie "ihr selbst werdet die ersten Opfer des aggressiven Antirassismus sein" kommt: den vernichten wir

u. v. a. m.

Offenbar haben sich die Betreffenden an ihrem Demiurgen-Selbstverständnis berauscht. "Im besten Widewidewittdeutschland, das wir je hatten, werden wir nach unserem Oberlehrer-Gusto alle und alles inkludieren und dabei alles unter Kontrolle haben, einfachste Volksweisheiten wie

"Wer sich mit den Hunden schlafen legt, wacht mit den Flöhen auf"

gelten für uns nicht (weil wir ja Demiurgen sind).

("Denn wir sind die, die 'aus der Geschichte gelernt haben', deswegen ist unsere Strahlkraft die unwiderstehlichste im ganzen Universum, bis in den hintersten Winkel werden alle von unserer Attraktivität geblendet sein!")

... da bleibt nur noch, kühl zu beobachten, wie diesen Bonsai-Luzifers jetzt die Teile um die Ohren fliegen.

- G. G.

RMH

12. März 2021 08:51

Der  künftige SPD Wahlkampfslogan "Für Dich" sowie die vom Autor am Ende des Artikels aufgebrachte Erkenntnis des Lustgewinns durch chronische Schmerzen bei SPDlern, weckte in mir die Assoziation zum Album "Tyranny >For You<" der belgischen Combo Front 242.

Glast

12. März 2021 09:20

Der Wahlsonntag wird für die SPD aber erstmal geradezu prickelnd gut! 

Dreyer wird die Wahl haushoch gewinnen. Viele Grünenwähler werden die SPD wählen, um den Zweikampf SPD/CDU zu entscheiden. Kriegen die Grünen halt nur 10%. Die Ampel wird fortgeführt - das Schreckgespenst der Union. 

Und in Baden-Württemberg wird die SPD vermutlich einstellig. Macht aber überhaupt nichts. Denn dafür tritt man als Juniorpartner in eine Ampelkoalition unter Kretschmann ein - Regierungsverantwortung als Sieg. 

Geht gut los das Superwahljahr für die Sozen - Gräben werden so aber erstmal nicht zugeschüttet. 

Andreas Walter

12. März 2021 10:03

“Hunde und Katzen sind Klimakiller“

https://www.tagesspiegel.de/politik/haustierboom-in-der-coronakrise-hunde-und-katzen-sind-klimakiller/26992320.html

Eine Satire? Ich befürchte beinahe nein. Auch Deutschlands Zustand ist daher wesentlich ernster, als es den meisten Menschen hierzulande bewusst ist. Das zeigt sich auch im Umgang mit politischen Gegnern, dessen Pathologie mich an die Keller der Lubjanka erinnert:

https://www.mdr.de/sachsen/leipzig/delitzsch-eilenburg-torgau/ermittlungen-soko-linx-nach-angriff-100.html

Wer die deutsche Sprache beherrscht bemerkt übrigens sofort, dass das Wort “verletzt" erst im Nachhinein noch ausgetauscht wurde, anstatt ich vermute mal zertrümmert.

Warum setzt sich die Sezession daher überhaupt noch mit solchen Spinnern auseinander? Aus falsch verstandenem Anstand? Aus falsch verstandener Nächstenliebe? Oder "weil doch nicht alle Linken so sind"? Doch, sind sie. Die Linken sind alle entweder Spinner, Träumer, Betrüger, Lügner oder Gewalttäter. Genauso wie auch die Grünen:

https://www.welt.de/politik/deutschland/article228082095/Gruene-rudern-nach-Falschmeldung-zu-Fukushima-zurueck.html

Mit solchen Menschen ist eine friedliche Koexistenz daher unmöglich.

Dietrichs Bern

12. März 2021 12:35

Die Thierse-Episode ist genau das, künftig wird er halt den Mund halten oder verschwinden. Reicht ja, dass Edathy noch Parteimitglied sein soll - mehr muß man über die SPD nicht wissen.

Mich stört eher, dass auch hier die "soziale Politik" beschworen wird, diese Fata Morgana vermeintlicher Gerechtigkeit.

Und was heißt das jetzt? Platte und Mao-Hemdchen für alle? Und wer würde denn bitte ein "mehr" bezahlen? Familie Quandt ? Oder doch wieder meine Frau und ich, wie wir dass seit mehr als dreißig Jahren tun. Und das ist dann "sozial" ?

 

Gotlandfahrer

12. März 2021 13:59

Freitagsgebet zum obigen Mitschnitt aus dem Narrenkäfig:

1/4

Zunächst, was ich beim schriftlichen Ausatmen in letzter Zeit oft vergaß, herzlichen Dank! Ihnen, Herr Kaiser, und allen hier in der oberen Etage „Schreibenden“ gilt mein Respekt für Verve, Akribie, Standhaftigkeit und Mut zum offenen Visier.

Was ich mich bei Themen wie diesem immer frage: Warum dem Zickentheater Aufmerksamkeit schenken? Da zerfällt also die SPD und es kreisen sich alle linken Parteien selber mit Identitätsschwachsinn ein. Birgt das Erkenntnisse, die helfen? Eher sehe ich eine Gefahr: Allein die Wiedergabe ihrer geisteskranken Begrifflichkeiten wie PoMo-Bubble, BiPoc, LGB Eisenbahn Kurplus… holt den Schwachsinn aus diesen sauerstoffverödeten Darkrooms und schenkt ihnen, wonach sie gieren: Aufmerksamkeit. Ich WILL gar nicht wissen, was die sich wieder für Müll ausgedacht haben. Ich weiß genug von Ihnen. Ich weiß, dass die sich selbst zerfleischen.  Deren Funktionscode ist trivial, empirisch voll ausgeleuchtet.  Wollen wir uns darüber unterhalten, dass es dort welche gibt, die aufgrund der Widersprüche ihrer zum Herrschaftsnarrativ hochgejazzten Triebverklausulierungen nach und nach kalte Füße kriegen und nach den persönlich durchlaufenen Phasen des Profitierens, des weiteren Mitmachendürfens, ersten Irritiertseins, des Appeasements nun in zögerliches Bedenkenäußern übergehen und darin umkommen?

Gotlandfahrer

12. März 2021 14:03

2/4

Thierse, ich bitte Sie: Allein die Frisur! Klar ist seine „kleine Quintessenz“ des nationalen Sozialstaates richtig.  Na und, wo war Thierse?  Ist die Frage, ob seine Aufladung den „Samen“ der Exzesse trägt, ernst gemeint, nur, weil sie irgendeinem Pressekorporierten gar nicht erst in den „prononciert »materialistisch« denkenden Kopf kam? So ein Kopf KANN nicht auf die Frage kommen!  Seine Tarnung als „soziales Gewissen“ ist immer nur Ticket für Sichdurchsetzen.  Ob Kinderarbeit in Manchester oder Aldi-Kassiererin: Vehikel, mehr nicht.  Und die Aldi-Kassiererin taugt nicht mehr, denn mittlerweile gibt es bessere.  Das einzige, was materialistischen Denkern auffällt, ist ihr ausbleibender Erfolg, dann, wenn Füllhorne versiegen.  Diese Köpfe werden nie verstehen, dass „Wokeness“ die unvermeidbare finale Konsequenz ihres Denkens ist.  „Woke“ ist Attacke auf die, die mit dem Leben zurechtkommen durch die, die dies nur in Form von Attacke können.  So ein Tun frisst erst die Attackierten, und dann die Attackierenden auf.  Wer, wie jeder Materialist, „Kapitalismuskritik“ mit Kritik an Saat und Ernte, Handwerk und dem freien Tauschverkehr der Seßhaften verwechselt und sich als „Kampf gegen Rechts“ schönreden lässt, um jede Beihilfe der Finanzaristokratie zum Brandschatzen annehmen zu können, fällt für jede Lösungsdiskussion mental vollständig aus.

Gotlandfahrer

12. März 2021 14:07

3/4

Das „Gesprächsangebot“ an Thierse seitens des Sozialpatriotismus mag als taktisches Mittel taugen, um einer Handvoll Wankelmütiger einen weiteren Nachweis dafür zu signalisieren, dass man für das eintritt, was der gute Opa schon gewählt hat, man sich also nun doch endlich mal trauen sollte, auf einen Kaffee vorbeizuschauen.  Aber wozu? Um sich in erweiterter Runde, der Neue ganz verstohlen noch, darüber zu mokieren, dass Florian Post angesichts verprügelter AfD-Leute verdruckst schweigt? Schaut man zu denen, die dann ja wohl doch Recht hatten, denn auf?

Natürlich ist der Kampf gegen Rechts der blinde Fleck aller Materialisten, gleich welcher eingetretenen Bewusstseinsschattierung:  Er ist die weil als unnötige Unterdrückung empfundene vollständig abgelegte Selbstzüchtigung der Materialisten im Zuge ihres blanken Willens des Habenwollens und des geschickten Lavierens im vorgeblichen Interesse ebenfalls angeblich Zukurzgekommener, die stets und immer gegen alles gerichtet bleiben wird, was durch die Seßhaften erschaffen wurde.  Das Rechte ist dieses Erschaffene, das in Besitz zu bringen den linken Selbstauftrag zum Kampfe ausmacht.  Man kann diesen Kern jeder linken Erzählung, gleich in welcher Phase sie sich befindet, nicht entfernen, modifizieren oder gar „heilen“, ohne jeden, der seinen Gewinn daraus zu ziehen glaubt, nackt auf seine Eigenverantwortung zurückzuwerfen.  Ohne ihn müssten sie anerkennen, geistig im Regen zu stehen.

Gotlandfahrer

12. März 2021 14:09

4/4

Denen braucht man nicht mit „Alternative“ zu kommen. Wenn mir im Bekleidungsgeschäft die vom Verkäufer gezeigte gestreifte Unterhose nicht gefällt, dann frage ich, ob es eine „Alternative“ gibt.  Dann zeigt er mir vielleicht eine mit Punkten, also das gleiche, nur nicht in Grün.  „Alternative“ ist das, auf was man erst als zweites kommt, ja, man kann sogar zwischen dem Erstgedachten und seiner „Alternative“ alternieren, also hin und her gehen.  Womöglich beliebig. 

Linke zu beachten und sich als „Alternative“ zu ihnen anzubieten, in Bezug also, kommt aus Anerkennung heraus, die zwar in ihrer Schadhaftigkeit überwunden werden, aber noch irgendwie innerhalb und mit ihr stattfinden soll. Es geht aber ums Abwimmeln der ewigen Störenfriede. „Alternativlosigkeit für Deutschland“ wäre eine klarere Ansage. Aber wir waren ja bei der SPD.

PS: Lady Bitch Ray statt Thierse, das ist die hineinrotierte Schlußpuppe im letzten Akt, der noch gegeben wird bevor der Vorhang fällt.  Ob den Zuschauern für ihren Besuch wenigstens noch gedankt wird wage ich zu bezweifeln.  Denn während das Licht schon ausgeht sind die Ausgänge längst verschlossen.

PPS: „Kandidierenden-Plakate“ – das hat mittlerweile sogar meine Pogo-Bubble erreicht, ich erhielt letztens eine Firmenmail, wo es um „Eure Mitarbeitenden“ ging (zunächst dachte an auslaufende Verträge oder Feierabendregelungen, da ich bislang nur Mettenden kannte).

Benedikt Kaiser

12. März 2021 14:56

@"Dietrichs Bern":

Mich stört eher, dass auch hier die "soziale Politik" beschworen wird, diese Fata Morgana vermeintlicher Gerechtigkeit.

Und was heißt das jetzt? Platte und Mao-Hemdchen für alle? Und wer würde denn bitte ein "mehr" bezahlen? Familie Quandt ? Oder doch wieder meine Frau und ich, wie wir dass seit mehr als dreißig Jahren tun. Und das ist dann "sozial" ?

1. Klick

2. Klick. (Korrekte Minute bereits eingestellt!)

Niekisch

12. März 2021 17:32

"Trotz ideologischer Fehler und moralpolitischer Irrwege in der Vergangenheit seitens Thierses dürfte man also bereit sein, ihn im Lager des Sozialpatriotismus anzuhören. Vielleicht findet er hier mehr Gesprächskultur "

Darf ich, Herr Kaiser, bitten, diesen Gedanken fallen zu lassen: Wolfgang Thierse hat 2006 seiner Partei geraten, "Günter Grass nun nicht als Aussätzigen zu behandeln", als dieser sich als ehemaliger Waffen-SS-Mann in der Division Frundsberg outete. Der Mann ist nicht berechenbar...

Benedikt Kaiser

12. März 2021 17:34

@Niekisch:

Direkt im Folgeabsatz hab ich das Gedankenspiel doch verworfen. 

Imagine

12. März 2021 17:59

1

In der SPD gibt es – wie überall in der heutigen Gesellschaft – viele Schwätzer und Dilettanten, aber nur wenige Denker und keinen Großdenker.

Ein politischer und strategischer  Großdenker in der Sozialdemokratie war Richard Löwenthal. Zum 100. Geburtstag des Politologen und Publizisten hat Heinrich August Winkler in einem Artikel in der WELT „Ein Denker des Jahrhunderts der Extreme“ https://bit.ly/3bHf2qI  an ihn erinnert.

1947 veröffentlichte Löwenthal sein erstes Buch unter dem Pseudonym Paul Sering  Es trug den Titel: „Jenseits des Kapitalismus“ und formulierte eine Theorie des „Dritten Weges“ einer sozialdemokratisch geprägten Gesellschaft al Alternative zum US-Kapitalismus und Sowjetkommunismus. Dieses Buch fand großen Widerhall in der wiedergegründeten SPD und vor allem bei Intellektuellen. 1977 gab es eine Wiederauflage mit neuem Vorwort https://bit.ly/2OR7x7h.

Löwenthal schrieb 1981 in „Neue Gesellschaft“ einen Artikel „Identität und Zukunft der SPD“ https://bit.ly/3ticOUD , welcher der Sozialdemokratie eine politische Orientierung geben sollte.

Es sei mir gestattet, längere Passagen zu zitieren, weil sie nach wie vor aktuell sind und viel zum Verständnis der gesellschaftlichen Entwicklung beitragen.

Imagine

12. März 2021 18:01

2

Löwenthal wies darauf hin, dass die derzeitige Jugendrebellion von völlig anderer Art als die 68-er-Studentenrevolte von einst:
Denn „die Masse der friedlichen, von humanen Motiven bewegten Protestler von heute wollen die Gesellschaft nicht revolutionieren: Sie wollen großenteils aus einer als hoffnungslos empfundenen Gesellschaft aussteigen und Inseln bilden, auf denen sie sich vor ihren Gefahren schützen können.

Das betrifft  „einen erheblichen Teil der grünen Welle – jene selbstgetauften »Alternativen«, die eben eine Alternative neben der arbeitsteiligen Industriegesellschaft, an ihrem Rande, schaffen wollen.

 Damit beschreibt Löwenthal, was er für den Kern des Problems hält:
„ein sehr sichtbarer Teil der heutigen Jugend – nicht die Jugend, aber doch ein nicht unwichtiger Teil – will unsere Gesellschaft nicht verändern, sondern sich aus der arbeitsteiligen Industriegesellschaft zurückziehen. Die Grundauffassung allzu vieler, die über die berechtigte Sorge um die Umwelt und den notwendigen Kampf gegen ihre Vergiftung hinaus eine »alternative« Ideologie vertreten, ist der Glaube, daß alle moderne Technik des Teufels ist und die Schaffung der Industriegesellschaft ein historischer Irrweg war.
 […]

Imagine

12. März 2021 18:02

3

Aber Aussteigen ist kein Weg der Reform. […] in unserer Gesellschaft ist Arbeit, die auf die zur ökonomischen Rationalität erforderliche Spezialisierung verzichtet, bei noch so ehrenhaften Motiven und größtem Eifer meist objektiv parasitär

Als parasitär werden sie aber auch, meist ohne Anerkennung der ehrenhaften Motive, von der Masse der Berufstätigen empfunden.
[…]
Die humanen Motive [der Grün-Alternativen] widersprechen nicht denen der Sozialdemokratie – wohl aber die politischen oder vielmehr antipolitischen Ziele. Die Sozialdemokratie ist ein Produkt der Industriegesellschaft und ein Vorkämpfer der Demokratie in Staat und Gesellschaft. Sie kann mit denen, die die moderne Welt fur einen weltgeschichtlichen Irrweg halten, keinen Kompromiß schließen: Sie muß klar sagen, daß die menschenwürdige Versorgung der Milliarden Menschen, die heute die Erde bevölkern, ohne die Industriegesellschaften und ihre berufliche Arbeitsteilung unmöglich und daß alle Alternativen dazu reaktionäre Utopien sind. Sie darf sich auch nicht in der Illusion wiegen, die Bildung von Inseln am Rand der Gesellschaft sei eine Form der Partizipation: Partizipation heißt Teilnahme, Beteiligung an einem größeren Ganzen; Aktivität von Gruppen, die sich vom Ganzen der Gesellschaft abkapseln, ist keine Partizipation. […]

Imagine

12. März 2021 18:03

4

Es ist kein Zufall, daß die Gleichgültigkeit gegenüber Rechtsnormen im alternativen Lager so häufig und keineswegs auf die bösartigen Gewaltanbeter beschränkt ist. Das Recht ist, ebenso wie die Arbeitsteilung, eines der grundlegenden Bindemittel der Gesamtgesellschaft – und wer in seiner Grundhaltung aus dieser aussteigt, wird leicht auch jenes geringschätzen. […]

 Die Auseinandersetzung […] ist also nicht die zwischen einem zum Teil konservativ gewordenen Stamm von Arbeiterwählern […] und einer kritischen Jugend, die sich vorwiegend aus den »neuen« Gesellschaftsschichten rekrutiert. Sie ist der Konflikt der Haltungen und Interessen zwischen den »Aussteigern« und der Masse der Berufstätigen aller Art, also der Arbeiter, der Angestellten, der Selbständigen und des Großteils des öffentlichen Dienstes […] Eine Partei, die für die Probleme und Motive der Aussteiger Verständnis zeigt, kann gewiß hier und da einen Teil von ihnen integrieren, aber nur wenn sie ihrem Weltbild mit klaren Argumenten entschieden entgegentritt. Eine Partei, die in dieser Auseinandersetzung eine klare Stellungnahme vermeidet, kann nur sich selbst desintegrieren.

Imagine

12. März 2021 18:04

5

 Die Auseinandersetzung mit den »grünen« und »alternativen« Jugendlichen muß zwischen konkreten, konstruktiven Beiträgen zur Verbesserung der Umweltpolitik, zur Humanisierung der Arbeitsbedingungen und zur Korrektur anderer Mängel unserer Gesellschaft einerseits und der Ideologie und Praxis eines Aussteigertums, das der arbeitsteiligen Industriegesellschalt feindlich ist und vom demokratischen Prozeß nichts wissen will, klar unterscheiden.

Wenn die Sozialdemokratie die konstruktiven Beiträge ermutigt, aber die Grenze zu den Aussteigern mit unmißverständlicher Schärfe zieht, wird sie keines der grundlegenden Elemente verlieren, die das nach Godesberg entstandene breite soziale Bündnis getragen haben. Wenn sie diese Grenzziehung versäumt, wird sie ihre Basis nicht nur unter den Facharbeitern, sondern in allen berufstätigen Schichten untergraben. Die Zukunft der Sozialdemokratie hängt von der klaren Herausstellung ihrer Identität als einer Partei der demokratischen und sozialen Fortentwicklung der arbeitsteiligen Industriegesellschaft ab."
[Hervorh. im Text Löwenthals durch mich]

Niekisch

12. März 2021 18:14

@ Benedikt Kaiser: danke, explizit ausgesprochen sah ich es nicht, sehe mich jetzt beruhigt und werde auf meine schon etwas älteren Tage in aller Ruhe und nicht einmal schadenfroh zuschauen, wie die SPD ihr Ende findet. Sagen wir es doch einmal deutlich: die Sozialdemokratie hatte sich bereits 1932 überlebt, als sie durch Verweigerung einer minimalen Erhöhung der Rentenversicherungsbeiträge die große Koalition unter Müller scheitern ließ und den radikalen Republikfeinden das Feld überließ. Ebenso wie der Expressionismus in der Kunst waren auch die "Weimarer" kein Überlebensmodell mehr und konnten nach 1945 nur künstlich unter missionarischer Begleitung der Sieger wiederbelebt werden. Jetzt geht dem Ganzen die Luft aus und wir sollten unter einem Quietschen verpuffenden Ballon nicht im Geringsten noch Luft einzuhauchen versuchen. 

Da ist auch ein "Sozialpatriotismus" nicht mehr herauszuretten: die Begriffe passen nicht zusammen. Patriot sein ist ein Gefühl, sozial sein eine Haltung, die politisch-weltanschaulich untermauert sein muss und für die Zukunft systemisch in das Werkzeug Staat integriert, nomotisch festgelegt sein muss, um den Anfechtungen des allumfassenden Dekonstruktivismus, besonders globalistischer Natur, gewachsen zu sein. 

Ein Blümchen durchbricht den Asphalt, wird aber durch die Dampfwalze überrollt...

 

Eo

12. März 2021 18:31

Höhöhö, der olle Thierse,
früher mal von der Titanic als bedenkentragender Ossi-Bär verspottet, hat sich lange genug für Multikulti und die Bunte Republik einspannen lassen ...

Aber immerhin oder inzwischen
scheint ihm ein Licht aufgegangen zu sein, daß er mir derzeit wieder etwas sympathischer vorkommt, gemäß dem Jesus-Wort 'Es ist mehr Freude im Himmel über einen Sünder, der usw.', da er nun den Minderheitenterror problematisiert, ohne den MHT auch so zu nennen.

Aber das tut er imgrunde nur,
weil er begriffen hat, daß er als 'alter weißer Mann' nun selbst zum genuinen Haßobjekt geworden ist und damit nicht mehr klar kommt, weil er nun auch von seinen Junggenossen zu denen gezählt wird, gegen die er früher so leidenschaftlich und gerne gehetzt hat.

Und auch damals im 'Schrippenkrieg'
vom Prenzelberg hat er mit seim Weckenhaß eine doch eher zweifelhafte Rolle eingenommen.

 

(2. Versuch)

Elvis Pressluft

12. März 2021 19:38

Wenn ich bitte um Pardon bitte dürfte: Ohne eine einzige Zeile von BKs Referat für kritikwürdig zu halten, sehe ich dessen Sinnhaftigkeit nicht – außer vielleicht zum Zeitvertreib, der darin besteht, einen intralinken Diskurs zu beobachten. Unterhaltung für die ganze Familie, wie der sonntägliche Besuch im Zoo. Was hier alles kreucht, wie possierlich! Und da balgen sich zwei Brüllaffen und ihre Horden! Ob man sie aus sicherer Entfernung füttern darf?

Ich gehe da völlig mit @Andreas Walter konform: Thierse ist aufgrund anderer Sozialisierung noch auf der Detailebene (!!) vernunftanfällig; das unterscheidet ihn von dem homosexuellen Callcenterboy und Artverwandten. Eine Analogie: Habermas zu lesen ist, rein intellektuell genommen, erträglicher als eine Habeck-Lektüre. Thierse möchte alle Rechten „nur“ sozial und politisch ausschalten; der Kevinisierte hat auch nichts gegen die Anwendung brutaler physischer Gewalt (nur daß er sich selbst nicht die Hände schmutzig macht – dafür hat man seine Leute).

Thierse vs. Esken ist am Ende maximal bessere Spiegelfechterei. Die „Feinde“ (eher Spielkamerad*innen) meiner Feinde sind auch meine Feinde – und bleiben es.

Laurenz

12. März 2021 19:46

 

@Dietrichs Bern

"Reicht ja, dass Edathy noch Parteimitglied sein soll"

Über die abnorme sexuelle Fokussierung Edahtys waren doch alle Entscheidungsträger lange informiert. Man hat dann dieses Wissen nur benutzt, um Edahty als Vorsitzenden der NSU-Untersuchungsausschusses zu ernst-röhm-isieren.

Linke sind abnormen sexuellen Fokussierungen, auch wenn es Minderjährige betrifft, recht aufgeschlossen. Das störte nicht weiter. Aber wenn dieser Vorsitzende im Staats-TV öffentlich anprangert, daß Polizei & VS ihm Akten verweigern, dann muß der Mann weg, wie auch immer.

Hitler wußte ganz genau, welche Schwulenkneipen Berlins Ernst Röhm öfters besuchte. Trotzdem war Röhm einer der wenigen Duz-Freunde (kann man an einer Hand abzählen) Hitlers. Nur als Röhm gefährlich wurde, benutzte man Röhms Homosexualität dazu, um seine Beseitigung zu rechtfertigen.

Heutzutage braucht man nur noch selten jemanden umbringen, der virtuelle Tötungsakt reicht, wie auch im Fall Thierse, meist aus. Man sieht, die SPD-Führung ist nicht weit von der NSDAP entfernt und Edahty war noch nicht mal einer aus der Führunsgriege.

Valjean72

12. März 2021 21:12

@Niekisch:

Was ist an Thierses Auspruch in Bezug auf Günter Grass' Vergangenheit in der Waffen-SS auszusetzen?

Oder anders gefragt: Sind sie der Auffassung, dass Grass, der sich als Heranwachsender in den letzten Kriegsmonaten der Waffen-SS anschloss, wie ein "Aussätziger" hätte behandelt werden sollen?

Diesen Fragen schiebe ich hinterher, dass ich weder mit dem Autoren, noch mit der politischen Figur "Grass" viel anfangen kann.

Laurenz

12. März 2021 22:45

@Niekisch @BK

"Da ist auch ein "Sozialpatriotismus" nicht mehr herauszuretten: die Begriffe passen nicht zusammen. Patriot sein ist ein Gefühl, sozial sein eine Haltung, die politisch-weltanschaulich untermauert sein muss"

Damit begeben Sie Sich auf ganz dünnes Eis, Niekisch. Wen interessiert schon irgendeine Defintion? Auch die Ihre bleibt belanglos. Wir sind die Neue Rechte, und wir geben die Antwort auf die post-globalistisch-liberale Zeit verunstaltet durch die ewig linken Gestrigen.

Der Solidar-Patriotismus wird zwangsläufig kommen. Die ganze Debatte hier zielt seit Wochen darauf ab, da in Deutschland nur noch Minderheiten durch Parteien repräsentiert werden. Es war nur noch keiner da, dem das aktuelle Parlaments-Konstrukt im Machtgefüge nicht! genug wäre. Die Zeit ist vielleicht auch noch nicht ganz reif dafür, weil der Schmerz der Mehrheit noch zu gering ist. Aber was sind schon 20 oder 30 Jahre im historischen Kontext, Niekisch....

Laurenz

12. März 2021 22:51

@Elvis Pressluft

"sehe ich dessen Sinnhaftigkeit nicht – außer vielleicht zum Zeitvertreib, der darin besteht, einen intralinken Diskurs zu beobachten."

Dann sollten Sie vielleicht mehr GK-Artikel lesen.

Gk hat nicht empfohlen, wie die Grünen oder Linken neu-kreierte - oder alte Religionen zu verkaufen. Aber Er hat, in meinen Augen völlig zurecht, darauf hingewiesen, eigene politische Aussagen der Rechten auf ein Mindestmaß zu reduzieren, und stattdessen permanent den politischen Gegner durch den Kakao zu ziehen.

Diese Aufgabe erfüllt und löst der BK-Artikel auf höchstem Niveau.

Zum Glück hat die Linke keinen BK, der unserem BK auch nur ansatzweise das Wasser reichen könnte.

LotNemez

13. März 2021 02:42

@Kaiser

Haben Sie schon mal überlegt, dass es den "Bonsai-Jakobinern" möglicherweise gar nicht um das Vorankommen ihrer eigenen Partei geht, sondern um das Voranbringen ihrer blockparteiübergreifenden Projekte? Diese Protagonisten kennen doch keine Parteitreue, sind erst vor wenigen Jahren eingetreten, fühlen sich eher anderen, parteiübergreifenden Netzwerken verbunden. Das Parteibuch haben woke-Krieger und Klimaaktivisten nur, um den Agenden dieser Netzwerke zu dienen. Mit Wahlschlappen kann man jungen Parteieliten deshalb gar nicht mehr drohen. Die dürften längst einkalkuliert sein. Wenn die SPD oder die Linke verlieren, wen juckt's? - dafür gewinnt eben die Grüne oder die CDU. Überall sitzen mittlerweile diese Leute, die das gemeinsame Projekt voranbringen. Sie wissen sehr gut: der rechtsverängstigte Wähler kann nicht ausweichen, außer ins Nichtwählerlager, wo er auch keinen Schaden anrichtet. Es gilt: Das Haus gewinnt immer. 

Dazu passend häufen sich in den letzten Jahren parteiinterne Anfeindungen auf schwarze Schafe, während Angriffe auf konkurrierende Parteien an Schärfe verloren haben und eigentlich kaum noch wahrnehmbar sind. Weil es sich eben auch nicht mehr Konkurrenten handelt. Das war zu DDR-Zeiten nicht anders, wo sich die Blockparteien untereinander kein Auge aushackten.

Dieter Rose

13. März 2021 09:15

@Valjean

bei Grass stieß einem seine Selbstgerechtigkeit auf!

Imagine

13. März 2021 09:43

1/4

Der Analyse von Richard Löwenthal würde ich in einigen Punkten widersprechen.

Richtig ist, dass – historisch betrachtet – die SPD eine Partei der Industriearbeiter, insbesondere der qualifizierten Facharbeiter, gewesen ist. Aber das war die Nachkriegs-SPD nicht mehr. Sie war zwar noch immer eine „Partei der Arbeit“, aber zunehmend mehr eine „Partei des öffentlichen Dienstes“.

Sie war keine sozialistische Partei mehr, sondern zu einer sozialliberalen Partei geworden und hatte sich mit dem Godesberger Programm vom Endziel des Sozialismus verabschiedet. Sie hat sich vom SDS, der Organisation der sozialistischen Intelligenz getrennt, und sogar einen Unvereinbarkeitsbeschluss getroffen und SDS-Mitglieder ausgeschlossen. Obwohl Helmut Schmidt nach dem Krieg SDS-Vorsitzender gewesen war.

Sozialdemokraten wie Kurt Schumacher und Richard Löwenthal waren echte revolutionäre Sozialisten, echte Klassenkämpfer  und echte Widerstandskämpfer gewesen. Das traf auf Leute wie Willy Brandt und Helmut Schmidt nicht zu.

Löwenthal idealisierte und überschätzte die westliche Kultur (cf. „Von der Einzigartigkeit des Westens“, 1979). So wie er den „Westen“ wahrnahm, war dieser längst nicht mehr. Das war ja auch der Hauptgrund für die Entstehung der APO und der 68-er-Revolte.
 

Imagine

13. März 2021 09:45

2/4

Die Industriearbeiterschaft ist eine untergehende Klasse. Nur noch ca. 10% oder weniger sind heute noch im produktiven Bereich tätig. Früher war es die Mehrheit der Arbeitsbevölkerung. Heute sind die SPD und die Gewerkschaften machtlos und korrumpiert. Die Arbeitsbevölkerung besteht hauptsächlich aus Dienstleistungsberufen, davon über die Hälfte in gesellschaftlich unnützen Bullshit-Jobs in der Unterhaltungs- und Kulturindustrie,  in derWerbe- und PR-Branche sowie in Geschwätz-Berufen.

Diese Leute sind – aus sozialistischer Perspektive – objektiv parasitär. Aber eben nicht subjektiv, sondern subjektiv erleben sie sich als progressiv und humanistisch.

Aus dieser kognitiven Dissonanz resultiert die „Identitätspolitik“:
objektiv: parasitär und reaktionär, subjektiv: modern, progressiv und humanistisch.

 
Falsch ist bei Löwenthal auch die Gegenübersetzung von grün-alternativer Jugendbewegung ums Jahr 1980 versus APO und 68-er-Revolte.

Herbert Marcuse propagierte die „Große Verweigerung“ (s. hier).

Imagine

13. März 2021 09:46

3/4

Auch unter der 68-er-Bewegung gab es einen großen Teil von Aussteigern, die in Hippie- oder Land-Kommunen gingen bzw. alternative Subkulturen in den Städten mit Kneipen, Discos, Projekten etc. bildeten. Oder in neu-religiösen esoterischen Kreisen und Sekten lebten, wie Psycho- oder Öko-Gruppen, K-Gruppen oder als Bhagwan-, Scientology-Anhänger etc.

Die wollten die Gesellschaft nicht mehr revolutionieren, sondern reservatsähnliche Milieus, Soziotope und Enklaven bilden.

Viele wurden dann in der Lebenswirklichkeit aus – häufig nur in der Phantasie – „Aussteigern“ zu Aufsteigern, behielten jedoch ihre sozialparasitäre Identität und Leistungsverweigerung bei.

Die Kultur- und Unterhaltungsindustrie, die Werbe- und PR-Branche sowie die politischen Parteien sind voll von solchen „linken“ und „grünen“ Typen.

Wenn das rechte Milieu betrachtet wird, dann gibt es auch dort oppositionelle Verweigerer und Aussteiger sowie die Bildung von Kommunen oder alternativer Lebenszusammenhänge. Auch „Schnellroda“ kann man so sehen. Man denke auch an die „national befreite Zonen“.

Man schaue sich rechte Biographien an. Viele Rechte arbeiten nicht in den Berufen, die sie studiert haben. Es gibt viele Studienabbrecher oder Studienaussteiger als „Bachelor“, also auf wissenschaftlichem Undergraduate-Niveau wie früher das Vordiplom. Einige werden AfD-Parteipolitiker, andere rechte APO-Berufspolitiker.

Imagine

13. März 2021 09:53

4/4

Auch wenn sich die Ideologie der Neuen Rechten grundlegend von jener der 68-er unterscheidet, von der psychosozialen Struktur und der praktischen Lebensorientierung gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen der Generation der Neuen Rechten und der 68-er-Generation.

Beide Generationen sind oppositionell gegenüber der vorgefundenen gesellschaftlichen Wirklichkeit, beide wollen ein selbstbestimmtes und natürliches Leben, nicht so leben wie die Systemsklaven und die Plastic People. Beide stehen der Konsumwelt kritisch gegenüber und idealisieren einen freiheitlichen, mutigen und kämpferischen Bürger.

Diese Gemeinsamkeiten zeigen sich dann z.B. bei Demonstrationen gegen die Globalisierung oder gegen das „Pandemie-Regime“.

Aber das Gros der Rechten nimmt diese Gemeinsamkeiten nicht wahr, weil sie bewusstseinsmäßig auf die Zwischenkriegszeit fixiert sind und darüber mehr wissen als über die Entwicklung unserer Gesellschaft seit den 60-er Jahren und insbesondere über APO und Studentenbewegung. Darüber wissen sie nur das, was ihnen in Schule und Medien falsch vermittelt wurde.
Sie lesen antiquarische Bücher über rechts-oppositionelle Politik, wie damals die Linken  Luxemburg, Lenin, Trotzki et al. lasen und nicht begriffen, dass diese Zeit längst untergegangen war.

Die „Konservative Revolution“ ist genauso Geschichte wie die revolutionäre Arbeiterbewegung.

Niekisch

13. März 2021 10:08

@ Valjean72 12.3. 21:12: ein kleiner Text zum Klarstellen:

 

Deutsche Soldaten

 

Die Tage zerbrechen: Tand.

Der Ewigkeit sind wir zu eigen.

Von Mutter und Heimatland

lernten wir lange zu schweigen.

 

Die Namen zerfliegen: Spreu.

Kameraden wir heißen.

Und unsere Treu

kann kein Tod zerreißen.

 

Die Worte verwehen: Dunst.

Nur Schreie. Blicke. Taten.

Wir rühmen uns keiner Kunst.

Wir sind deutsche Soldaten.

 

Dietrichs Bern

13. März 2021 12:11

@Benedikt Kaiser: 

Zu Click 1: Danke, Kämpfe mich gerade durch "Der Vater" und entdecke meine preußische Leidendsfähigkeit neu.

Zu Click 2: Haha, mit Tattoos bemalte Hefeklöpse als Referenz, mutig, damit nach vorne zu gehen.  

 

RMH

13. März 2021 12:26

Unser Sozialstaat mit seinen Säulen Sozialversicherung und Besteuerung ist von der grundsätzlichen Konzeption sehr gut aufgestellt - da gibt es nicht mehr viel Optimierungsbedarf im Grundsätzlichen, außer dass man die sog. versicherungsfremden Leistungen gründlich auf den Prüfstand stellt und das die Staatshaushalte massiv belastende Problem der grassierenden Pensionslasten (nur ein verbeamteter Lehrer war ja ein guter Lehrer etc.) angeht. Das sind aber eher technokratisch- bürokratische Fragen, bei denen man sich fragt, wie man damit bei den Wählern, die nicht merken wollen, was für Bomben hier bereits seit längerem ticken, punkten kann.

Ununterbrochener Zuzug von Transferempfängern plus die Überalterung und das in Rente gehen der Generationen, die als "Boomer" verspottet werden, aber sich über Jahrzehnte durch braves Einzahlen in die Kassen entsprechende Ansprüche erworben haben, sind die Herausforderungen, die aber seltsamerweise keine Wahlkampfthemen wurden und werden.

Zumindest die AfD ist meiner Meinung nach im Sozialen programmatisch aktuell besser aufgestellt, als getan und propagiert wird bzw. ist besser als ihr Ruf.

Bei den LT-Wahlen morgen spielt das Soziale offenbar keine große Rolle. Bei den Kleinparteien prognostiziere ich ein Reüssieren der FDP, die von Corona mehr profitieren wird, als die AfD. Das Thema 2021 ist Freiheit und nicht der Sozialstaat.

Dietrichs Bern

13. März 2021 12:39

@Laurenz: Das man Erkenntnisse über Parteigenossen zu gegebener Zeit "nutzbringend" verwendet, mag tatsächlich zur Politik seit ehedem gehören; inwieweit dies bei Edathy geschah, kann ich gar nicht beurteilen. 

Immerhin blieb Zeit, rechtzeitig den Laptop gestohlen zu bekommen und was da sonst noch alles verdeckt wurde, kann man nur ahnen.

Im Ergebnis wurde hier ein Verbrecher doch recht sanft zur Seite geleitet; wenigstens, sein "Schutzengel" Oppermann muss sich vor einem höheren Richter verantworten, die einzig festellbare Gerechtigkeit in diesem Fall.

 

Niekisch

13. März 2021 17:07

"Wen interessiert schon irgendeine Definition? Auch die Ihre bleibt belanglos. Wir sind die Neue Rechte, und wir geben die Antwort auf die post-globalistisch-liberale Zeit verunstaltet durch die ewig linken Gestrigen.

Der Solidar-Patriotismus wird zwangsläufig kommen."

@ Laurenz, 12.3. 22:45: Interessant, ein Argument aus bloßer Behauptung eigener Position ohne Widerlegen meiner Aussage...und mit der Zwangsläufigkeit hat es schon bei den Verkündern der klassenlosen Gesellschaft nicht funktioniert. 

@ Imagine: Als Miterlebender der 60iger Jahre stimme ich Ihrer Bewertung der 68iger-Bewegung  weitgehend zu. Leider hat die Studentenbewegung die Vätergeneration derart verunglimpft, dass diese nicht einzugliedern war. Das geschieht auch heute bei der "Neuen Rechten" wieder, indem sie die Großväter, soweit sie guten Glaubens und unbefleckt waren, nicht in Schutz nimmt, zugleich übersieht, wo im deutschen Volk noch Deutsches glüht, nämlich überwiegend beim sog. kleinen Mann der Vätergeneration. 

heinrichbrueck

13. März 2021 20:37

Ist die BRD ein Zuwanderungsland, wird der Planet Erde ein potentielles Deutschland. Die deutsche Mehrheit wird zu einer globalen Minderheit, nach dem Herrschaftssystem Demokratie ohnehin, und die Ressourcenverteilung jeden Diskurs auslachen kann. Denken die Genossen etwa wirklich, sie hätten Macht, weil ihr ideologisches Marionettendasein eine Steuerungsaufgabe erfüllt? Hochmut ist nicht mit Macht zu verwechseln, wie bei diesen Verrätern, deren Stolz käuflich bleibt. Wählerstimmen sind nicht entscheidend, wichtig ist nur die Umsetzung der Ideologie. Es ist ein klar zu beweisender Genozid. Die Urheber der Ideologie, nicht mit der Funktion zu verwechseln, werden sich keine Mühe geben, diese Umvolkungsideologie zu stoppen. Alles andere, Burnham und Andreotti inbegriffen, verschleiert die politische Agenda, deren antiweiße Zielsetzung nicht mehr geleugnet werden kann. Die Frage, wie die Weißen, die kein Wir kennen, aus dieser Ideologie ausbrechen werden, wird nicht unbeantwortet bleiben. Ob negativ oder positiv, eine Variante wird sich durchsetzen. Es wird aber nicht diejenige Variante sein, die sich ein falsches Wir anmaßt.

Laurenz

13. März 2021 22:21

@Niekisch

Auch Sie weise ich (wahrscheinlich zum 20ten mal auf diesem Forum) auf diesen CS-Artikel https://sezession.de/63878/demos-in-wien-system-und-lebenswelt ... hin. Dieser Artikel beschreibt, vielleicht sogar ungewollt, auf den Betroffenheits-Faktor in Mitteleuropa hin. Wann bewegt sich der Mitteleuropäer politisch? Genau, wenn er existentiell selbst betroffen ist, sonst nicht. An diesem Punkt führt keine Reform, kein Widerstand, keine Alternative vorbei.

Die Linke/die Kommunisten achteten bei ihrer historischen Agitation immer darauf, die materielle Betroffenheit der Masse oder Mehrheit zu beschleunigen, vor allem durch Streiks. Das tun sie immer noch. Der Unterschied zur Historie ist, daß sie jetzt an der Macht sind und eine andere Oppositionskraft von zunehmender materieller Betroffenheit des einzelnen profitieren wird. Und solange Wahlen stattfinden werden, werden diejenigen Mehrheiten hinter sich vereinigen können, die Interessen von Mehrheiten berücksichtigen, was aktuell keiner macht. Das ist offensichtlich und mich wundert, daß ich Ihnen das noch erklären muß.

Laurenz

13. März 2021 22:32

@Dietrichs Bern @Laurenz 

"Das man Erkenntnisse über Parteigenossen zu gegebener Zeit "nutzbringend" verwendet, mag tatsächlich zur Politik seit ehedem gehören"

Was meinen Sie, wo 1,1 Milliarden Euro (gut 3 Mio Euro am Tag) im "Kampf gegen Rechts", auf deutsch, "Kampf gegen Nicht-Regierungskonforme" hingehen? Natürlich, in anti-oppositionelle Propaganda. Das läuft rund um die Uhr, 24/7. Da ist nichts mit "zu gegebener Zeit". "Zu gegebener Zeit" ist immer, ist exakt jetzt.

Edahty ist doch kein Einzelfall. Die ganzen Alt-Grünen und sonstigen Kommunisten befürworteten in den 80ern geschlechtlichen Verkehr mit Minderjährigen, ob Cohn-Bendit, Trittin oder sonstwer, keiner stand bemerkbar innerparteilich dagegen auf. Das erkennen Sie auch gut bei den Beiträgen von Imagine in manchen HB-Artikeln. Linke wollen Kindern die Seele nehmen, ja sie geradezu vernichten.

Laurenz

13. März 2021 22:38

@heinrichbrueck

Zum wiederholten Male haben Sie Recht mit Ihrem letzten Beitrag.

Der Haken an der Geschichte, der mir schleierhaft bleibt, ist, daß die Weißen des Planeten dieses System finanziell tragen. Irgendwer muß ja zu versteuernde Gewinne erwirtschaften. Nur wieso schwächt man weiter die weiße Welt, in Anbetracht dessen, daß China zukünftig die Welt dominieren wird, ohne Macht-Teilnahme der Globalisten. Die Globalisten schießen sich gerade so dermaßen ins eigene Knie, daß sie lange nicht mehr aufstehen werden.

Maiordomus

14. März 2021 10:14

@heinrichbrueck. Burnham sah 1964/65 in den von Goldwater bekämpften Massnahmen und Gesetzen der Administrationen Kennedy-Johnson gegen die sog. Segregation einen Bestandteil des westlichen Selbstmordes. Er gehörte nun aber wie Goldwater und Schlamm zur jüdischen, damals auch dezidiert antikommunistischen Rechten, die ausser zu Israel zu Südafrika und Ian Smiths Rhodesien hielt. Es scheint, dass diese Richtung, zu der heute wohl auch Broder zu zählen ist, es Ihnen nicht recht machen kann. Schlamm, der indessen für einen 3. Weltkrieg 100 Millionen Atom-Tote für im Interesse der Zivilisation für riskierbar hielt und insofern trotz seiner imponierenden Analysen gegen den roten und braunen Totalitarismus in den Dreissigerjahren sich zu Fanatismus verleiten liess, wurde dann als führender bundesrepublikanischer Kolumnist durch Hans Habe abgelöst. Immerhin war Schlamms späte, mit Rudolf von Habsburg herausgegebene Zeitbühne eine ehrenwerte Zeitschrift mit guten Beiträgern geworden, so. z.B. dem Literaturkritiker Herbert Eisenreich und  mit Erik v. Kuehnelt-Leddihn, den ich hier wiederholt als interessanten nonkonformen zwar radikalen, aber nicht extremistischen Denker gewürdigt habe.  

Imagine

14. März 2021 13:13

1/5

@Niekisch   13. März 2021 17:07
„Als Miterlebender der 60iger Jahre stimme ich Ihrer Bewertung der 68iger-Bewegung weitgehend zu. Leider hat die Studentenbewegung die Vätergeneration derart verunglimpft, dass diese nicht einzugliedern war.“

Das habe ich anders erlebt.

Bei der Elterngeneration sahen wir, dass sie mitgemacht haben, aber nicht als selbstbestimmte Subjekte, sondern als Objekte eines wie eine Naturkatstrophe ablaufenden Gesellschaftsprozess.

Das war wie eine Massenpsychose und die Individuen sind danach aufgewacht und konnten sich – sofern sie mitgemacht hatten – nicht damit identifizieren, weil sie weder Krieg und schon gar nicht den Massenmord an den Juden wollten.

Die Elterngeneration war eine vom herrschenden Establishment betrogene Generation.

Massenmord und Kriegsverbrechen geschahen selbstverständlich auch auf Seiten der Alliierten, man denke an den Bombenterror gegen die Zivilbevölkerung.

Die Mitläufer in der Elterngeneration waren mehr Opfer denn Täter. So erlebten sie sich.

Die Verbrecher waren ganz oben beim Adel, Großindustrie, Großfinanz, Militär und den Nazi-Spitzen gewesen. Die Nazi-Größen waren kleinbürgerliche Aufsteiger, die zu einem neuen Adel werden wollten.

Niklas Frank hat dies gut in seinem Buch „Der Vater“ herausgearbeitet.

Imagine

14. März 2021 13:15

2/5

Das deutsche Establishment war verbrecherisch und schreckte vor Massenmord nicht zurück, verheizte für ihre Interessen die eigene Bevölkerung.

Aber diese Verbrechen waren nicht einzigartig in der Geschichte. Man denke an den Massenmord an den Indianern oder an die 4 – 6 Millionen Negersklaven, die allein durch den Transport nach Amerika umkamen. Oder an den Massenmord an der japanischen Zivilbevölkerung, wo man zwei Atombomben unterschiedlichen Typs ausprobierte und die Folgen mit wissenschaftlicher Akribie durch Mediziner-Teams erfasste.

Mit (Ex)Nazis sind wir aufgewachsen. Ich denke an einen Lehrer, der noch nationalsozialistischer Idealist war und stolz verkündete, dass er SA-Mann gewesen war. In den Pausen lief er immer mit der National-Zeitung unterm Arm herum.

Ein Klassenkamerad war Hitler-Fan, ein Judenhasser, der sich an Ford und Folter an jüdischen Menschen aufgeilte und wiederholt „Juda verrecke!“ rief.

Wir nahmen diese Menschen hin, wie man heute Veganer, Esoteriker, Feministen und Geschlechtsverirrte hinnimmt.

Damals wurde der Jude nach wie vor als Personifikation des anti-deutschen Charakters gesehen, voll mit negativen Eigenschaften, wie geldgierig, feige, heuchlerisch. Es war damals normal, zu sagen „Ich bin doch kein Jude!“, wenn es um Geiz, Faulheit, Feigheit oder Lüge ging.

Diese idiotische Projektion und Gegenidentifikation war normal, obwohl wir keinen einzigen Juden kannten.

Imagine

14. März 2021 13:16

3/5

So wie heute die Linken in die Rechten negative Eigenschaften hineinprojizieren und umgekehrt die Rechten in die Linken. Die meisten Rechten sind Linkenhasser, so wie ihre (Ur)Großväter Judenhasser gewesen waren.

Mit dem WK II waren Massenmord, Kriegsverbrechen, Folter und Terror zwar in West-Deutschland, aber global nicht zu Ende.

Es war klar, dass die USA vom organisierten Verbrechen dominiert waren. Daher die Morde an J.F. Kennedy und M.L. King, daher die imperialistischen Kriege.

Wir kannten die Kriegsverbrechen der US-Army in Vietnam und den millionenfachen Massenmord an Vietnamesen mittels Napalm und Agent Orange.

Deshalb gab es die Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg und gegen den Schah, der ein Verbrecher, Folterer und Mörder war.

Unsere Befürchtung war, dass Faschismus und Barbarei zurückkehren. Daher der Kampf gegen die Notstandgesetze, weil diese Vorratsgesetze zu legalen Errichtung einer Diktatur waren.

Diese Angst vor der Wiederkehr einer faschistoiden Terrorherrschaft in Deutschland kam auf insbesondere durch den Mord an Benno Ohnesorg. Der Polizist Kurras hatten dem friedlich demonstrieren Studenten Ohnesorg von hinten in den Kopf geschossen. Klarer Fall von Mord. Aber die Justiz sprach Kurras frei wegen, weil ihm eine „Putativnotwehr“ zugebilligt wurde.

Imagine

14. März 2021 13:19

4/5

Nazi-Verbrecher und Demokratie-Heuchler fanden sich damals in der BRD in höchsten Kreisen und Positionen, darunter SS-Mörder und Justizmörder, superreiche Profiteure von Krieg und der Arbeitsversklavung jüdischer Menschen und russischer Kriegsgefangener.

Eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit - insbesondere gegen die kritische Intelligenz - war im „christlichen“ CDU-CSU-Milieu noch normal. Strauß ist ein Beispiel dafür. Von den Linken sprach man als „rote Ratten“.

Der Ungeist des Anti-Humanismus und der Barbarei war noch existent und dies nicht nur in Deutschland. So wie heute der Bellizismus und der Rassismus in den USA am stärksten sind.

Die 68-er-Bewegung war keineswegs nur ein deutsches, sondern ein globales Phänomen. Man denke an Muhammad Ali, Angela Davis, John Lennon etc. Die 68-er-Bewegung richtete sich gegen die kapitalistische Verbrecherherrschaft, gegen Imperialismus und Kolonialismus, gegen verbrecherische Kriege und Diktaturen.

Die 68-er-Bewegung wollte eine Welt  mit „Love & Peace“, das drückte sich in ihrer Musik, Kunst und den politischen Aktionen, wie Demonstrationen und Happenings, aus. Natürlich ging es auch um sexuelle Befreiung gegen die Welt der zwanghaften und konformistischen Spießer sowie um Befreiung vom kapitalistisch-industriellen Arbeits- und Konsumzwang.

Imagine

14. März 2021 13:20

5/5

Die 68-er-Bewegung war kein deutsches Phänomen und richtete sich nicht primär gegen die Elterngeneration. Das war kein Generationenkonflikt, auch wenn es auf familiärer Ebene zu Konflikten mit der Elterngeneration kam.

Die Nazi-Ära erlebten wir zum einen als Vergangenheit, zum anderen als bedrohliche Zukunft.

Die APO-Bewegung war von der Grundstruktur bürgerlich-konservativ, weil sie die freiheitlich-demokratische Grundordnung bewahren wollte gegen die Notstandsgesetzgebung mit ihren Einschränkungen von bürgerlichen Freiheitsrechten und der Legalisierung einer möglichen Diktatur.

 

Gustav

14. März 2021 15:32

@ imagine

"aber nicht als selbstbestimmte Subjekte, sondern als Objekte eines wie eine Naturkatstrophe ablaufenden Gesellschaftsprozess."

Mein Vater und seine zwei Brüder haben sich freiwillig gemeldet, und das niemals bereut,ganz im Gegenteil.

"Die meisten Rechten sind Linkenhasser, so wie ihre (Ur)Großväter Judenhasser gewesen waren."

Sie sollten sich endlich einmal die Frage stellen, woher das kam. Das Deutsche Reich hatte 1916 den Krieg gewonnen, Frankreich und England waren am Boden. Es waren dann Juden, die im Tausch gegen Palästina die USA dazu brachten, in den Krieg einzutreten ( Balfour-Deklaration ). Diese Machenschaften ,die Beteiligung an der Revolution, die nachfolgenden Betrugs- und Wuchergeschäfte während der Weimarer Republik haben dafür gesorgt, das die Deutschen die Juden mit anderen Augen sahen, als davor.

Die Nazi-Ära erlebten wir zum einen als Vergangenheit, zum anderen als bedrohliche Zukunft."

Schön, wenn wir so eine Zukunft noch hätten!

Gustav

14. März 2021 15:41

@ Laurenz

"Nur wieso schwächt man weiter die weiße Welt...."

Weil sie immer renitent war, weil sie andere Vorstellungen hatte, bezüglich der Art und Weise zu leben. Die Welt zu beherrschen geht ohne Weiße viel einfacher. Gewinne werden auch dann noch genügend übrigbleiben, gleichzeitig hat "man" mehr Ruhe.

Lesen Sie "Die Kultur der Kritik" von Prof.Kevin McDonald (als pdf im Netz). Sie werden sich wundern!

Laurenz

14. März 2021 17:03

@Gustav @Laurenz

"Prof.Kevin McDonald"

Da steht aber nix von Chinesen.

 

Niekisch

14. März 2021 17:38

@ Laurenz 13.3. 22:21: den verlinkten Artikel hatte ich gelesen, aber nicht für bedeutsam befunden, weil für mich die Repressionen "bei Gelegenheit" der Pandemie zu sehen sind.

Ich kann nicht nachvollziehen, wieso der Artikel meine Aussage entkräften soll. Zur APO-Zeit war z.B. gerade die große Bergbaukrise mit Zehntausenden zusätzlichen Arbeitslosen. Dennoch fand das studentische Begehren unter den Bergleuten keinen Anklang. Auf den Loren war stattdessen "NPD" zu lesen. 

@ Imagine: Es wäre schön, wenn Sie nicht zumeist fas alle Ereignisse und Personen pauschalisieren. Die Mitglieder und Anhänger der NSDAP und ihrer Organisationen waren durchaus nicht nur überrumpelte Opfer, sondern waren oft denkfähig, haben sich ganz bewusst entschieden und trotz mancher Kritik übergeordnete Gesichtspunkte berücksichtigt, wie sie @Gustav hinreichend geschildert hat. Warum müssen wir Deutsche unser Licht unter den Scheffel stellen? Wenn es wegen Verbrechen unserer Vorfahren ist, dann empfiehlt es sich, Greuelpropaganda von Historie zu scheiden...

Nordlicht

14. März 2021 19:03

"... auch Mehrheiten hätten doch ihre Rechte."

 

Das sind WIR. Und wir sollten aufpassen, nicht zur Minderheit im eigenen Land zu werden. 

Das ist nach meiner Ansicht die wichtigste Aufgabe des Deutschen Volkes.

heinrichbrueck

14. März 2021 19:26

@ Maiordomus

„Der Liberalismus ist die Ideologie des westlichen Selbstmords.“ (S. 332) + „Ohne den Feind von rechts gibt es keinen Liberalismus.“ (S. 245) – Burnham

Nordlicht

14. März 2021 20:04

@Imagine:

"SDS - Organisation der sozialistischen Intelligenz"

Ist das ernst gemeint?

Die Trennung von bzw duch die SPD erfolgte, als diese im Verlauf der sog. "Studenterevolte" völlig von der Arbiter- und Gewerkschaftsschicht abhob, und ausschliesslich Soziologie- und Politologie-Studenten das Sagen hatten. Da ich zu der Zeit bei VW und Conti  vor und während des Studiums (- nein, nicht "Geistes"wissenschaften) am Band arbeitete, kannte ich die Meinung der treuen SPD-Wähler und IG-Metaller über Rudi Dutrschke und die anderen SDSler.

Dass der Prof. Abendroth trotz seines strammen Marxismus in der SPD blieb und gleichzeitig beim SDS wohlgelitten war (- auch als die Grenzen zum RAF-Terrorismus schwammig wurden), er gleichzeitig über die DDR-gesterteuerten Ostermärsche und andere Stasi-Tarnorganisationen gute Drähte zur SED hatte, weiss man seit 1990 noch in Mark und Pfennig.

Während der 60er Jahre war die SPD eine Arbeiter- und Gewerkschaftspartei; das Godesberger Programm hat der Partei erst ermöglicht, 40 und mehr Prozent Wählerstimmen zu bekommen, um regieren zu können. 

Die SPD entwickelte sich ab Mitte der 70er stark im Öff. Dienst, als dort der Peronalbestand explodierte.

Dietrichs Bern

14. März 2021 20:33

@Laurenz: Nein, ich denke nicht, dass man Edathy und Milliarde gegen rechts im Zusammenhang sehen kann.

Bei der Milliarde gegen rechts geht es um die Finanzierung und Ausweitung politischer Netzwerke der Linken, denen eine Merkel-CDU nicht widersprechen zu schwach ist, wohl weil der einzelne vielleicht auch ein paar Brosamen einzustreichen erhofft. So wird die 24//7 Agitation gegen "rechts" ausgeweitet, Organisationen und Handlanger mit der eigenen verbunden, Gewalt mindestens mittelbar finanziert um Angst und Schrecken zu verbreiten und Posten und Pöstchen für das eigene Personal, ggf. als Austragsstüberl  geschaffen. Die verwendeten Summen stoßen dabei in neue Dimensionen vor. Der Plan ist insgesamt so clever wie skrupellos.

Bei der "Vorhaltung nachteiliger Infos der eigenen Parteigenossen auf Vorrat" um diese dann zu nutzen, sofern hier nicht wie gewünscht gespurt wird, geht es ja zunächst um die Wirkung in die eigenen Organisation, der politische (oder gesellschaftliche) Gegner ist hier gar nicht das Ziel.

Ob das für Edathy zutrifft, weiß ich nicht. Immerhin ist er insgesamt glimpflich davongekommen.

Was Sie über die Sicht der Linken auf Kinder und deren körperliche und seelische Unversehrtheit gesagt haben, sehe ich ganz genau wie Sie.

Laurenz

14. März 2021 23:17

@Dietrichs Bern @Laurenz

Im Fall Edahty glaubte dieser, zu fest im Sattel zu sitzen. Seine öffentliche Beschwerde über VS und Polizei, die gerade in der NSU-Affaire extrem gefährlich für Regierende war, war der Auslöser ihn zu röhmisieren. Der NSU-Schauprozeß mit einem politischen Urteil zu München, ohne entsprechende Beweislage, zeigte dies allzu deutlich.

@Niekisch @Laurenz

Woher wollen Sie wissen, daß die Einschränkung der Freiheitsrechte des Bürgers nicht bleibt? Wir haben keine nennenswerte Übersterblichkeit zu verzeichnen. Von daher war und ist der Lockdown & weiteres, wie Maskenpflicht, absurd.

Die Aussage von CS im besagten Artikel zeigt, wer in Wien auf die Straße geht, & zwar vor allem diejenigen, die materiell vom Lockdown betroffen sind. Und es ist doch nicht schwer zu prognostizieren, daß die Zahl derer, die materiell durch die zeitgeistige Politik betroffen sind, steigen wird. Somit steigt auch die Zahl derer, die Widerstand gegen die gegenwärtige Despotie leisten.

Imagine

15. März 2021 01:47

@Niekisch   14. März 2021 17:38
„Die Mitglieder und Anhänger der NSDAP und ihrer Organisationen waren durchaus nicht nur überrumpelte Opfer, sondern waren oft denkfähig, haben sich ganz bewusst entschieden und trotz mancher Kritik übergeordnete Gesichtspunkte berücksichtigt …“

Dem würde ich auch gar nicht widersprechen wollen. Denn am Nationalsozialismus ist weder die nationale noch die sozialistische Orientierung zu kritisieren.

Aber anders als der nationale Sozialismus der Sozialliberalen in der SPD oder bei Friedrich Naumann war dieser bei den Hitleristen nur eine ideologische Verkleidung für eine verbrecherische Politik des Establishments mit dem Kriegsziel einer Raub- und Versklavungsökonomie über die Ostvölker.

Davon zu unterscheiden sind die echten nationalen Sozialisten. Echte Aristokratie im Wortsinne. Auch die gab es unter unseren Lehrern und in unserem Umfeld. Die sahen sich von Hitler getäuscht und betrogen.

Gegen die patriotische Gemeinwohlorientierung („Gemeinnutz geht vor Eigennutz") ist nichts einzuwenden. Aber bei den Verbrechern in der Nazi-Führung war dies nur Rhetorik.

Die Mehrzahl der heutigen Rechten ist jedoch wirtschaftsliberal bis hin zum libertären Anarchokapitalismus. Diese sind Feinde einer sozialistischen Gemeinwohlorientierung. Am Nationalsozialismus kritisieren sie den Sozialismus, während sie gegen Rassismus, rassistische Herrenmenschenideologie und Sozialdarwinismus nichts einzuwenden haben.

Götz Kubitschek

15. März 2021 08:40

badeschluß.

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