18. März 2021

Sammelstelle für Gedrucktes (11)

Benedikt Kaiser / 25 Kommentare

Nicht nur Deutschlands parlamentspolitische Rechte ist in sich gespalten, auch bei unseren Nachbarn in den Niederlanden dominieren Brüche.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Dort hat man es aber nicht mit einer einzigen Partei zu tun, die in sich extrem polarisiert und fragmentiert, wenn nicht unheilbar zerrissen ist, sondern bereits mit zwei (eigentlich sogar drei, dazu später mehr) strikt getrennt agierenden Formationen, die um Stimmen konkurrieren und jeweils stark auf eine Person zugeschnitten sind.

Auf der einen Seite steht Geert Wilders (geb. 1963) mit seiner 2006 gegründeten Partei für die Freiheit (PdV, Partij voor de Vrijheid), auf der anderen Seite sein zwanzig Jahre jüngerer Herausforderer Thierry Baudet mit dem 2015 erst gegründeten Forum für Demokratie (FvD, Forum voor Democratie), das aus außerparlamentarischen Denkzirkeln und Aktivistengruppen hervorging.

Der promovierte Rechtsphilosoph Baudet verdrängte zwischen 2015 und 2019 mit seinem modernen, sozialkonservativen Programm die neokonservative Geert-Wilders-Fraktion von der Spitze der niederländischen Rechten. Der Höhepunkt dieser Ablösungsentwicklung war 2019 erreicht, als Wilders bei den Europawahlen nur 3,5 Prozent erhielt, was einem einzigen Mandat entsprach, während parallel Baudets Liste aufgrund 11 Prozent der niederländischen Wählerstimmen reüssierte und fortan über vier Mandate in Brüssel und Straßburg verfügte. Außerdem wurde Baudets Partei, die heute 30 000 Mitglieder zählt (zum Vergleich: AfD 32 000), stärkste Kraft bei den Provinzwahlen im selben Jahr.

Baudet, dem deutschsprachigen Leser bekannt durch seine im Ares Verlag vorgelegte konzise Analyse der Oikophobie, des nationalen Selbsthasses oder »Nationalmasochismus« (Armin Mohler), konnte dabei nicht nur (gleich der AfD in der BRD und dem Rassemblement National in Frankreich) zahlreiche Nichtwähler, sondern zusätzlich auch das Gros bisheriger Wilders-Wähler von sich überzeugen, denen erstmals überhaupt eine rechte Alternative zu Wilders Schwarz-Weiß-Weltbild geboten wurde.

Wilders' Patchwork-Ideologie, so sollte sich vergegenwärtigt werden, ist strukturiert durch eine verkürzte Problemanalyse (»der Islam« als Problem, »der Markt« als Lösung) und pseudoelitäre Gesinnung, beinhaltet eine unverhohlene Affirmation von »LGBTQ+«-Anliegen und inszeniert sich nicht zuletzt damit stets als Vorkämpfer westlicher Aufklärung und eben aus ihr abgeleiteter liberaler Prinzipien, die es gegen die quasisozialistische EU und »die Muslime« zu verteidigen gelte.

Thierry Baudet hingegen, »der neue Shootingstar der rechten Szene«, ist von vornherein mit der Erkenntnis angetreten, daß dieses Programm mehr Probleme zu schaffen verspricht als sie zu lösen, ja er hatte bereits vor seinem Engagement als Politiker die Erkenntnis postuliert, daß eine solche Sprache und Geist »entliberalisiert« werden müßten.

Eine »postliberale Zukunft«, die Baudet anstrebt, wurde 2019 dementsprechend von den einen als künftiges Denkmodell enthusiastisch begrüßt, von den anderen, der absoluten Mehrheit (von Wilders bis zu Linken aller Schattierung), als »rechtsradikal« verworfen.

Doch dann kamen die Skandale, und hier setzt Daniel Steinvorths Reportage »Der flegelnde Holländer« in der NZZ (v. 15.3.2021) an, der Baudets Entwicklung ab 2019 im typischen Sound zusammenfaßt:

In seiner Siegesrede von 2019 wurden sensible Geister hellhörig, denn Baudet hatte nicht bloss Hegel zitiert oder Europas «kulturelles Vakuum» bedauert. Er warnte auch von den Bedrohungen «unserer borealen Welt». Wer diese Hundepfeife hören konnte, verstand sofort: «Boreal», ein anders Wort für «nordisch», steht in völkischen Kreisen für «weiss».

Die auf diese Rede folgende Daueragitation in Politik, Gesellschaft und Medien konnte Baudets Partei nicht schwächen, weil man – für deutsche Beobachter: erstaunlich – geschlossen und angriffslustig jede Attacke parierte.

Allein, kein Höhenflug hält ewig:

Der jähe Absturz des FvD erfolgte im November 2020, als rassistische und antisemitische Sprüche in Whatsapp-Gruppen junger Parteimitglieder an die Presse gelangten. Anstatt die Jugendbewegung aufzulösen, warf man zuerst die Whistleblower hinaus. Dann kolportierten Parteimitglieder, der Chef habe sich selbst verschwörerisch über George Soros und die Entstehung von Covid-19 geäussert.

Einmal mehr waren also interne Zersetzungsprozesse und krasse Verfehlungen einzelner Protagonisten ursächlich für das Abstürzen in Umfragen und Spaltungstendenzen. Baudet, nur scheinbar resigniert ob des Vertrauensentzugs weiter Teile des Parteiapparates, trat von der Spitze des FvD zurück, um wenige Monate später von der Basis wieder dorthin gewählt zu werden.

Die logische Folge dieses von Erfolg gekrönten Aufstands von unten war ein Exodus der Baudet-Gegner aus dem FvD. Sie gründeten die Partei Richtige Antwort 21 (JA 21, Juiste Antwoord21), die sich als Partei des EU-skeptischen Reformkonservatismus stilisiert: weder Baudets »Rechtsradikalismus« noch Wilders' aggressive Vulgärismen. Zahlreiche Mandate wanderten beim Spaltungsprozeß mit; Baudets FvD sah sich fortan neben Wilders PdV mit einer weiteren, im weitesten Sinne rechten Konkurrenz konfrontiert.

Das war die Voraussetzung vor wenigen Wochen, als die heiße Wahlkampfphase für die niederländischen Parlamentswahlen eingeleitet wurde, die am 15. März begann und am gestrigen Tag, für deutsche Verhältnisse ungewöhnliche Werktage also, abgeschlossen wurde.

Doch »heiß« war der Wahlkampf selten, denn die Parteien verzichteten aufgrund der Covid-19-Situation überwiegend auf flächendeckende Vor-Ort-Präsenz. Die selbstbewußte Ausnahme: Thierry Baudets FvD.

Baudet war, so teilt es auch Steinvorth mit,

in diesen Tagen der einzige Spitzenkandidat, der sich auf öffentlichen Wahlkampfveranstaltungen blicken lässt.

Seine Agenda sei klar gewesen.

Er sieht sich als Widerstandskämpfer gegen ein Regime der Unfreiheit, dem sich der Rest der politischen Klasse in Den Haag unterworfen habe.

Baudet entschied sich für eine Wahloffensive mit zahlreichen Einzelstationen:

In mehr als 40 Orten ist sein amerikanisch anmutender Tross schon aufgetaucht. «Kies voor vrijheid» (Wähle die Freiheit) steht auf dem riesigen Bus. Auf die rote Baseballkappe, wie Donald Trump sie trägt, hat Baudet heute verzichtet. Dafür bekommen die Bürger in Zwolle saftige Botschaften serviert: Ein «niederländisches Parteienkartell», sagt er, habe aus Corona eine Religion gemacht, ein Evangelium. Wer Einwände habe, werde zum Ketzer erklärt,

was nach Auffassung des hegemonialen Lagers in den Niederlanden natürlich ebenso wenig droht wie in Deutschland.

Apropos »amerikanischer Tross«: Ist Baudet »Trumpist?« Er selbst äußert sich gegenüber der NZZ offen:

«Ich vermisse seine Reden, seine Tweets, seine Persönlichkeit.» Aber letztlich habe es auch Trump nicht geschafft, das «Kartell liberaler Globalisten» zu brechen.

Baudet erinnert in seiner liberalismus- und globalismuskritischen Wortwahl und auch in seiner recht »smart« dargebotenen Synthese aus Nationalkonservatismus und Sozialpopulismus zwar oft an Marine Le Pens Rassemblement National. Doch in der Corona-Krise positionierte er sich deutlich markanter als das französische Quasi-Pendant:

«Es wird immer wieder Grippewellen geben, selbst wenn ihr euch impfen lasst», dröhnt seine Stimme über den Rasen. «Das ist ein Teil des Lebens.» Corona sei vielleicht eine schwere Grippe, aber nicht tödlicher als die saisonale Grippe.

Kommt derartiges bei den Niederländern an?

Schenkte man den Wahlumfragen Glauben, dann keineswegs: Baudets FvD stand maximal bei 2 bis 3 Prozent, wohingegen Wilders' PVV, die sich eher an der offiziellen Coronapolitik der bürgerlich-liberalen Regierungspartei Volkspartei für die Freiheit (VVD, Volkspartij voor Vrijheid) unter Ministerpäsident Mark Rutte bewegt, mindestens 13 Prozent vorausgesagt wurden.

Daniel Steinvorths Vorwahlfrage war also berechtigt:

Kann man mit der Theorie vom völligen Staatsversagen und dem Schüren von Misstrauen gegen «die Eliten» und gegen die Wissenschaft im Jahr zwei der Pandemie politisch punkten?

Das Ergebnis liegt heute, ein Tag nach dem Wahlabend, fast vollständig (Änderungen können noch erfolgen) vor: Baudet konnte das Ergebnis der Parlamentswahl von 2017 fast verdreifachen: Diesmal stimmten 5,0 Prozent für seine Liste, was acht Mandaten entspricht (plus sechs), was zwar ein Erfolg ist, aber weit entfernt von dem angesiedelt bleibt, was man 2019 bei Europa- und Kommunalwahlen erzielen konnte.

Immerhin ist man freilich aus der Spaltungskrise gestärkt herausgekommen und sorgt wieder für Unwohlsein im Juste Milieu:

Vor allem das Forum für Demokratie von Thierry Baudet, das sich nach internem Gezänk um rassistische und antisemitische Äußerungen offenbar wieder erholt hat, konnte deutlich hinzugewinnen.

Interessant sind zudem die Wahlergebnisse der beiden anderen (im weitesten Sinne) »rechten« Parteien: Die Anti-Baudet-Abspaltung JA21 kam auf 2,3 Prozent bzw. vier Mandate (2017: naturgemäß nicht angetreten), Wilders PVV auf 10,9 Prozent bzw. 17 Mandate, was einem Verlust von etwas mehr als 2 Prozentpunkten und drei Mandaten entspricht. Man darf mutmaßen, daß diese Wähler in Richtung JA21 verloren gingen.

Im Parlamant sind alle genannten Parteien vertreten, da man in den Niederlanden automatisch Parlamentssitze erhält, wenn über 0,67 Prozent der Stimmen (1 aus 150) auf sich vereint werden können; eine Fünfprozenthürde oder vergleichbar hohe Sperrklauseln gibt es nicht.

So werden diesmal 17 Parteien (!) in den Genuß von Parlamentssitzen samt entsprechender Stellenpools gelangen, deren repräsentative Legitimität durch eine – ob der Corona-Sonderlage erstaunliche –82prozentige Wahlbeteiligung gewährt scheint.

Wahlsieger ist derweil einmal mehr die Regierungspartei VVD (22 Prozent), vor den Linksliberalen der Demokraten 66 (14,9), den Christdemokraten (9,7), den Sozialisten (6), den Sozialdemokraten (5,7), den Grün-Linken (5) und eben Baudets FvD. Kleinere Formationen wie die linksliberal-paneuropäische Volt, die Migrantenparteien DENK und BIJ1 oder auch die Calvinisten der Christenunion ziehen ebenfalls in die Zweite Kammer ein. An der minimalen 0,67-Hürde gescheitert sind hingegen die libertäre Kleinpartei und eine Gruppe von Corona-Maßnahmengegnern.

Überhaupt: Corona. Das Thema war auch in den Niederlanden das Thema der Regierenden. Baudets rigider Anti-Lockdown-Kurs hat ihm offenkundig nicht geschadet, da er aus zwei Mandaten acht machte, aber ein Durchbruch sieht anders aus. Währenddessen hat Wilders' Mitsegeln im Schatten der Regierungsparteien wohl seiner Partei eher geschadet als genutzt, wenngleich ich der Ferndiagnose zuneige, die Verluste nicht allein auf diesem Feld begründet zu sehen. Mit JA21 gab es schlichtweg erstmals eine weitere dezidiert liberale Rechtspartei neben ihm, die zwar islamkritisch agiert, aber auf Wilders' »Islamfaschismus«-Show verzichtet.

Für Deutschland, das in vielen zentralen Aspekten gänzlich anders konstituiert ist als sein kleiner Nachbar im Westen, sind kaum Lehren aus diesen Wahlen zu extrahieren, außer einer universellen: Die Zeit der akuten Coronalage ist die Zeit der Herrschenden; der Wähler fordert mit dem Stimmzettel Stabilität und Kontinuität ein (wie in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg).

Die Frage, die sich nun für die weiteren Monate des deutschen Superwahljahres daraus ergibt, ist nur: Was ist, wenn diese akute Coronaphase nicht enden will?


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


Kommentare (25)

Der_Juergen

18. März 2021 21:15

Baudet hat sicher wesentlich mehr Format als Wilders mit seiner simplen "Bekämpft den Islam, denn der bedroht die Schwulen und die Juden"-Ideologie. Vor kurzem fiel Baudet dadurch positiv auf, dass er den Nürnberger Prozess kritisierte, weil dort eine retroaktive Gesetzgebung angewendet worden sei.

Nebenbei haben sowohl Wilders als auch Baudet indonesisches Blut, was man ihnen auch ansieht. (Nicht, dass das ein Minuspunkt wäre; es lässt jedoch das "Rassismus"-Geschrei gegen die beiden nur doppelt absurd erscheinen.)

 

Gotlandfahrer

18. März 2021 22:03

Zur abschließend gestellten Frage möchte ich den bisherigen Stand meiner Lebensermittlungen, in die ich dankbar auch die Beiträge von Herrn Kaiser einhefte, komprimiert zusammenfassen: Zorro buhlt nicht. Beantragen tut er schon gar nicht.

Man sieht sich.

Solution

18. März 2021 22:43

Beide sind Cuckservative. Der eine feiert seine nichteuropäischstämmigen Freunde als Original-Holländer (Baudet), der andere schielt ständig nach Israel (Wilders). Einen ethnischen Volksbegriff lehnen sie ab. Wie bei der AfD.

Laurenz

19. März 2021 06:26

Ein Vergleich mit unseren niederdeutschen Nachbarn ist schon interessant, unterscheiden Sie Sich diametral in der ökonomischen Historie von uns. (Wir Hochdeutschen mußten für unseren Unterhalt immer selbst arbeiten.) Bis heute gibt es keinen inneren Konflikt mit dem kolonialen Zeitalter & jeglicher Form "liberal" sklavischer Ausbeutung, auch wenn der Kaaskopp, wie @Der_Juergen schreibt, keine oder geringere Angst vor Identitätsverlusten hat. In der nahen Ferne ist dem Kolonialisten jede Frau recht.

Das Krisenmanagement einer Krise, die keine Krise ist, verfängt gemäß dem Artikel, im Kaaskopp-Land genauso, wie bei uns. Es erinnert mich an Konrad Lorenz, der sagte, daß nur ein sehr geringer Teil einer menschlichen Bevölkerung (2,5%) in der Lage ist, über den Tellerrand zu schauen.

Wir sind, entgegen der Meinung der Abrahamiten, doch wohl mehr Tier & weniger Mensch, als uns lieb ist.

"Was ist, wenn diese akute Coronaphase nicht enden will?"

Das ist der entscheidende Satz.

Die akute Coronaphase endet solange nicht, wie das Regime die materielle Versorgung aufrecht erhalten kann. Totalitäre Regimes brauchen, auch in Zeiten des virtuellen Zeitalters, zu viele Kontrolleure, die nichts produzieren & nur kosten. An diesen Kosten scheiterte bisher jedes Regime.

RMH

19. März 2021 08:52

 " ... als auch Baudet indonesisches Blut, was man ihnen auch ansieht."

".. feiert seine nichteuropäischstämmigen Freunde als Original-Holländer"

"In der nahen Ferne ist dem Kolonialisten jede Frau recht.

.... doch wohl mehr Tier & weniger Mensch, als uns lieb ist."

Da die Sezession bekanntermaßen die letzte amtliche Stelle der Literarturvermittlung ist, möchte ich in diesem Zusammenhang die Lektüre von Stefan Zweigs "Amok" in Erinnerung rufen.

Die Flachlanden "van Duitsen bloed" mit dem lustigen deutschen Dialekt taugen nicht als Lehrstück für die AfD. Zur Realisierung muss man in Vor-Covid-Zeiten nur einmal mit diesen Brüdern und Schwestern an einem Ski-Lift in den Alpen angestanden sein - wenn das nicht langt, dann vor Ort in einer Stadt in Gelderland darauf einen Genever, denn man nach solchen Leckereien wie Bitter Balls, Frikandel  & Co. auch "bitter" nötig hat ...

Laurenz

19. März 2021 09:21

@RMH

Man muß nicht alle über einen Kamm scheren, RMH, auch bei uns hat der gefährliche Virus der Blödheit eine riesige Mehrheit infiziert & auch wir müssen mit diesen, im Prinzip "Geisteskranken" entsprechend menschlich umgehen. Rabiate linke Lösungen, wie der "Home-Gulag", stehen uns nicht an. Insofern haben Sie Recht, wir müssen natürlich vor unserer eigenen Türe kehren.

Andererseits wissen wir auch nicht, von welch informellen Seiten Leute, wie Wilders & Baudet einem vorstellbaren Druck ausgesetzt sind & andererseits geht es auch um Mehrheiten, um die zu kämpfen ist.

Sie können das hervorragend an Frau Wagenknecht & Herrn Jebsen wahrnehmen, beides wohl deutsch-persische Mischungen, die beide aus einer Zerrissenheit ihrer Identität, Identität zu einer "No-Go-Area" machen, da ja sonst die eigene Existenz an einem bestimmten Punkt in Frage gestellt würde, nämlich bei der alles entscheidenden Frage, wer bin ich? Woher komme ich? & wohin gehe ich? Letztere Frage ist nur durch Beantwortung der 2ten Frage, zu lösen.

Phil

19. März 2021 10:11

@Der_Juergen

Nebenbei haben sowohl Wilders als auch Baudet indonesisches Blut, was man ihnen auch ansieht. (Nicht, dass das ein Minuspunkt wäre; es lässt jedoch das "Rassismus"-Geschrei gegen die beiden nur doppelt absurd erscheinen.)

Nö. Jünger meinte, dass die Fixierung auf die "Reinheit des Blutes" ein Kennzeichen der Mischlinge sei. Mir sind Beispiele dafür begegnet.

Allein der Name Forum voor Democratie weckt bei mir schon Skepsis: Was will man hinter diesem betont harmlosen Namen verstecken?

Niekisch

19. März 2021 12:09

@ Laurenz 6:26 und RMH 8:52: Es ist schön, wenn Sie weitere Herabsetzungen unserer bis 1648 zum Reich zählenden Landsleute unterlassen. Denn wir sitzen in  e i n e m  Boot, das zunehmend leck schlägt. Wenn Sie wie ich verwandtschaftliche Beziehungen in die Achterhoek hätten, dann wüssten sie, welcher Bewusstseinswandel dort eingetreten ist. Wurde ich da 1975 noch verunglimpft, so kaufen Niederländer jetzt in Elten und Umgebung Häuser, bewundern uns immer noch wegen unserer medizinischen Versorgung, wählen nicht nur viel stärker als wir "rechts", sondern haben sogar unabhängig von der Politik funktionierende Netzwerke aufgebaut, über deren genauen Inhalt ich mich hier nicht auslassen will. 

Laurenz

19. März 2021 12:53

@Niekisch @Laurenz

Unsere Niederdeutschen Landsleute, die ja zu den "Guten" gehören, benahmen sich in Ostasien, wie auch unser anderer Nachbar, der Franzmann, (von den Inselaffen ganz zu schweigen) auch nach dem II. Weltkrieg noch wie die Sau, was im Grunde das heute gültige Geschichtsbild extrem untergräbt. Natürlich gab es auch schon immer "andere" Niederländer. Im Grunde sind "wir" die Befreier Ostasiens.

Das berühmteste Beispiel einer niederländisch & niederländisch-indischen Mischung, welches hier @Der_Juergen anführt, ist Eddie van Halen. 

https://de.wikipedia.org/wiki/Eddie_Van_Halen

Mein liebstes Lied von Ihm, ist "Atomic Punk" aus dem Jahre 1977(78). 

https://youtu.be/1m-DYM7JvMA

Niekisch

19. März 2021 15:28

"benahmen sich in Ostasien"

@ Laurenz: Welch konstruktive Antwort auf meine Jetztzeitbeurteilung...Aber wenn Sie schon auf das Damals zurückgehen: Ich weiß, dass in Amsterdam Deutsche im Amsterdamer Zoo Tieren vorgeworfen und von diesen zerfleischt wurden. Es ist mir auch bekannt, wie viele Mitglieder die Mussert-Bewegung hatte.

HannesB

19. März 2021 15:50

Eine Korrektur: Die Behauptung, Baudets FvD sei eher sozialstaatlich, während die PVV neoliberal sei, trifft nicht zu. Es ist umgekehrt: Baudets FvD setzt auf die freie Martkwirtschaft, während Wilders auf soziale Marktwirtschaft und den Wohlfahrtsstaat pocht. Baudet bezeichnete Wilders gar als verkappten Sozialdemokraten.

"Auch in Wirtschaftsfragen trennten laut Baudet FvD und PVV Welten. FvD sei eine klassisch-liberale Partei, die auf freie Marktwirtschaft setzt. Wilders sei dagegen ein heimlicher Sozialdemokrat, der an staatliche Wohlfahrt glaube, so Baudet. Eine Zusammenarbeit mit der PVV schließt Baudet dennoch nicht kategorisch aus."
https://www.uni-muenster.de/NiederlandeNet/aktuelles/archiv/2019/1103-Forum-voor-Democratie.html

Der_Juergen

19. März 2021 16:16

@RMH

Ja, "Amok" von Stefan Zweig- der üherhaupt ein vorzüglicher Autor ist - "Verwirrung der Gefühle", "Magelan" und "Die Schachnovelle" zählten zu den Lieblingswerken meiner Jugend - ist höchst lesenswert.

@Phil 

Ob man bei einem Menschen mit iranischem Blut schon von einem "Mischling" reden kann, weiss ich nicht; viele Iraner gingen äusserlich mühelos als Italiener durch, aber dazu kommt natürlich der kulturelle Aspekt. Bei Wagenknecht habe ich mir die Frage nach dem gespaltenen Bewusstsein auch schon gestellt, vermutlich zu Unrecht, denn im Vergleich zum Rest des grünen Jammerhaufens ist sie ja geradezu eine glühende teutsche Nationalistin.

Ich erinnere mich, einmal von einem lateinamerikanischen Schriftsteller - sein Name ist mir entfallen - gelesen zu haben, der europäisches, afrikanisches und indianisches Blut hatte, also ein Extremfall war, und ständig darüber klagte, dass er sich innerlich völlig zerrissen fühle. Das von Ihnen skizzierte Problem existiert ganz sicher, aber es gibt auch Gegenbeispiele wie Puschkin mit seinem abessinischen Vorfahren. Einen feurigeren Patrioten als diesen genialen Dichter kann man sich schwer denken. Ob, wie der Puschkinforscher Sikorski meint, seine abnorme physische Audauer, seine rasende Eifersucht und sein ungestümes Temperament auf diesen Ahn zurückgingen, bleibe dahingestellt.

Valjean72

19. März 2021 17:11

@Niekisch:

Die von Ihnen erwähnte Geschichte mit dem Amsterdamer Zoo war mir nicht bekannt.

Aber schon allein der Umgang mit Deutschland und den Deutschen, von 1945 bis in die 1990er Jahre hinein, z.B. im Rahmen von Fussballspielen von Vereins- und Nationalmannschaften, war von Seiten der Niederländer zumeist gemein.

Aber auch das Selbstbild der liberalen Niederlande: hier die freien, liberalen, weltoffenen (!), kreativen Niederländer, dort die tumben, konservativen, obrikeitshörigen, steifen, humorlosen Deutschen etc.

Ja, die Niederländer waren ursprünglich mal Niederdeutsche aber nach der Trennung 1648 entwickelten sie sich - getragen von calvinistischer Pflicherfüllung - merheitlich zu einem Volk von erfolgreichen Krämern (ähnlich die Bundesdeutschen nach 1945) aber mit wenig seelisch-geistigem Tiefgang.

Womöglich ist mein Urteil zu harsch, ihr allzu naives Selbstbild hat die Niederländer allerdings schon längst eingeholt.

 

 

Phil

19. März 2021 17:26

Der_Juergen, ich glaube, Sie meinen Laurenz; ich habe von Wagenknecht und Jebsen nicht gesprochen, und finde den Unterschied zwischen Iranern und Europäern auch nicht so groß.

Es ist bekannt, dass intelligente Mulatten durchaus in eine Identitätskrise geraten auf Grund ihrer verschiedenen Wurzeln; Obama ist so ein Fall. Möglich, dass sie sich deshalb mit Drogen betäuben, bis ihnen die Beliebigkeit linksliberaler Ideologien als Rettung erscheint.

Niekisch

19. März 2021 19:42

@ Valjean72 17:11: Es wurden sogar gefangengenommene deutsche Soldaten in engen Straßen mit heißem Öl übergossen. Das war der Dank für das weitestgehend humane Verhalten gegenüber der niederländischen Zivilbevölkerung ( außer den Juden ). Es gibt immer solche und solche Menschen...Jedenfalls wurde mein Schwiegervater durch einen deutschen Offizier vor einem Blindgänger gewarnt, meine Schwiegermutter durch deutsche Soldaten mit Medizin und Textilien versorgt, ein Schuhmacher der Wehrmacht reparierte der Familie die Schuhe. Die Niederländer haben das Überliberale und die Provozeit hinter sich, fürchten sich heute massiv vor Überfremdung. Daneben wissen sie, dass die Niederlande wirtschaftlich von Deutschland abhängig sind. Im Notfall  können wir uns wieder mit ihnen vereinigen. Ein Gleichklang ist noch immer da...

Valjean72

19. März 2021 21:53

@Niekisch:

Heftige Dinge, die Sie da erzählen, erinnern mich an Geschichten, die mein Vater mir aus Gesprächen mit Sudetendeutschen weitergab. Wenig bis nichts ist darüber in der breiten Masse bekannt.

Die wirtschaftliche Abhängigkeit der Niederlande von der BRD wird sich womöglich bald verringern, da die deutsche Wirtschaft mE bereits seit einigen Jahren zielgerichtet gegen die Wand gefahren wird (EU-Sanktionen gegen Russland & Iran, Euro-Rettungsprogramme, Energiewende, Diesel-Gate & Elektromobilität, Bayer/Monsanto, Masseneinwanderung, Corona-Lockdown ...)

Dann wird sich zeigen, ob es noch andere Bande gibt zwischen NL & D als die rein ökonomische Verflechtung.

Aber haben auch die jüngeren Niederländer das Überliberale satt oder sind sie nicht genauso wie ihre bundesdeutschen Altersgenossen in großer Zahl hyperliberale und gender-bewegte Umwelt- u. Anti-Rassismus-Aktivisten?

Trotz allem glaube ich wie Sie, dass es nach wie vor Anknüpfungspunkte gibt, dass es weit mehr Gemeinsames als Trennendes gibt.

 

Laurenz

20. März 2021 06:51

@Niekisch

Ich frage mich gerade, wo Ihre Wahrnehmung der Gegenwart bleibt.

Sie sitzen damit in demselben Boot, wie meine europäischen Gesprächspartner auf historischen-, meist Schlachtschiff-Kanälen auf YouTube, deren Boot ich regelmäßig anbohre.

Solange die ehemaligen Alliierten den Sieg über das III. Reich am D-Day feiern & wir bis 2030 dafür offiziell Reparationen zahlen, ist diese Vergangenheit Teil unserer Gegenwart. Und natürlich erst recht, alles, was danach geschah, vor allem dann, wenn man im moralischen Modus verbleibt.

Muß mich schon sehr über Ihr mangelndes Geschichts-Bewußtsein wundern, Niekisch.

Niekisch

20. März 2021 11:53

"Ich frage mich gerade, wo Ihre Wahrnehmung der Gegenwart bleibt.....Muß mich schon sehr über Ihr mangelndes Geschichts-Bewußtsein wundern, Niekisch."

@ Laurenz 6:51: Es sei Ihnen unbenommen. Dennoch: woran genau machen Sie beides fest? Und schweifen Sie bitte nicht ab...

Laurenz

20. März 2021 12:45

@Niekisch @Laurenz

"Welch konstruktive Antwort auf meine Jetztzeitbeurteilung"

 

Niekisch

20. März 2021 14:45

@ Laurenz 12:45: Wer meine Beiträge v. 19.3. 12:09 und 19:42 liest, der sieht, dass sie Vergangenheits- und Gegenwartselemente enthalten. Ich weiß nicht, was Sie eigentlich wollen. Was stört Sie daran? Was ist aus Ihrer Sicht falsch? Wieso fehlt mir Geschichtsbewußtsein? ...Wenn Sie nicht antworten können oder wollen, so ist es mir auch recht; es gibt hier diskursbereite Kollegen...

Laurenz

20. März 2021 16:12

@Niekisch @Laurenz

Ich ging davon aus, daß Sie Ihrer legitimen Ironie freien Lauf ließen. Und im Gegensatz zum Erlöser habe ich auch keine Problem damit, wenn wir hier mit virtuellen Steinen schmeißen.

https://youtu.be/2haQJ-dfNFE

Die deutsche Synchronisation ist besser als das englische Original. 1979 waren wir einfach noch auf qualitativ höheren Niveau als der Rest des Planeten. Paßt auch gut zum JS-Artikel und EKs "Gewalt durch Frauen".

RWDS

21. März 2021 11:36

Die Vorstellung von 17 Parteien im Bundestag ist zwar ganz witzig. Wenn man sich dann aber vor Augen führt, dass mit Steuergeldern solche Spinner wie BIJ1 finanziert werden, wird einem ganz anders.

Lotta Vorbeck

21. März 2021 12:35

@RWDS - 21. März 2021 - 11:36 AM

"Wenn man sich dann aber vor Augen führt, dass mit Steuergeldern solche Spinner wie BIJ1 finanziert werden, wird einem ganz anders."

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Wie finanzieren sich diese Spinner denn jetzt?

Imagine

21. März 2021 12:36

Bei kritischer Betrachtung – und das zeigen auch die Parlamentswahlen in den Niederlanden – wird man feststellen:

Parteipolitik im Empire – ob rechts oder links – ist systemkonform, d.h. stellt die herrschende wirtschaftliche und politische Struktur als „westliche Staatengemeinschaft“ aka US-NATU-Imperium nicht in Frage.

Alle parlamentarisch etablierten Parteien – ob rechts oder links - sind transatlantisch ausgerichtet und sehen Russland und China als feindliche Mächte.

Die Parteien sind mafiaähnliche Organisationen, deren Hauptziel es ist, „den Staat zur Beute zumachen“ und ihren Funktionären hochdotierte Jobs zu verschaffen.

Den  Führern dieser Parteien geht es vor allem darum, selbst möglichst weit „nach oben“ zu kommen.

Langfristige Ziele der Neugestaltung der Gesellschaft , so wie diese früher sozialistische, was früher kommunistische und nationalsozialistische Parteien kennzeichnete, haben die heutigen Systemparteien nicht mehr.

Es sind alles liberale Parteien, die sich nur in Nuancen unterscheiden.

Ihre Hauptfunktion  besteht darin, in der Parteienkonkurrenz möglichst viele Stimmen zu requirieren, um so an Jobs und Staatsgelder zu kommen.

So sind auch die Gemeinsamkeiten zwischen den niederländischer Parteien groß und die Unterschiede gering. Die Präferenzen der Wähler wechseln wie die Moden, sehr häufig orientiert an der Person des Parteiführers.

Laurenz

21. März 2021 16:18

@Imagine

"Es sind alles liberale Parteien, die sich nur in Nuancen unterscheiden."

Was schlagen Sie vor, um das zu ändern?

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