Netzfundstücke (81) – Scherbengericht, Hydra, Postliberal

Der Ostrazismus, zu deutsch »Scherbengericht«, war in der griechischen Antike eine Methode, um unliebsame Bürger aus der Polis zu verbannen.

Die Pra­xis war spe­zi­ell in Athen weit ver­brei­tet gewe­sen. Heu­te erle­ben wir in der Form der Can­cel Cul­tu­re sei­ne Auf­er­ste­hung in moder­nem Gewand. Das auf dem kanal schnell­ro­da und auch hier auf Sezes­si­on im Netz oft erwähn­te und gleich­sam kri­ti­sier­te Netz­werk Wis­sen­schafts­frei­heit hat sich als Reak­ti­on auf die Aus­wei­tung die­ses Phä­no­mens gegründet.

Auf der Netz­sei­te des Netz­werks defi­niert man sei­nen Zweck wie folgt:

Wir sind ein Zusam­men­schluss von Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­lern, die sich für ein frei­heit­li­ches Wis­sen­schafts­kli­ma ein­set­zen. Dar­un­ter ver­ste­hen wir eine plu­ra­le von Sach­ar­gu­men­ten und gegen­sei­ti­gem Respekt gepräg­te Debat­ten­kul­tur und ein insti­tu­tio­nel­les Umfeld, in dem nie­mand aus Furcht vor sozia­len und beruf­li­chen Kos­ten For­schungs­fra­gen und Debat­ten­bei­trä­ge meidet.

Die Aus­wüch­se der neu­en Lust an der sozia­len Ver­ban­nung bekom­men mitt­ler­wei­le auch libe­ra­le Pro­fes­so­ren zu spü­ren. Das geht so weit, daß man links­li­be­ra­len Intel­lek­tu­el­len wie der Phi­lo­sphin Sven­ja Flaß­pöh­ler das Eti­kett »rechts­re­ak­tio­när« anhef­tet, um sie aus dem eige­nen Dunst­kreis zu exklu­die­ren und in einer Gesell­schaft mit einem aus­ge­prägt pho­bi­schen Ver­hält­nis zur poli­ti­schen Rech­ten voll­um­fäng­lich zu diskreditieren.

Der taz, eigent­lich ein klas­si­scher Hort für moder­ne Scher­ben­ge­rich­te, gab Flaß­pöh­ler ein Inter­view, über das ich dank Sezes­si­on-Lite­ra­tur­re­dak­teu­rin Ellen Kositza gestol­pert bin, die es über ihren Twit­ter-Account emp­foh­len hat­te. Hier ein Auszug:

Gibt es den Teu­fel eigent­lich auch in weib­li­cher Form? Ist das Teil irgend­ei­nes Dis­kur­ses oder darf der als ein­zi­ger männ­lich bleiben?

Das weiß ich nicht, aber es gibt ganz sicher eine weib­li­che Form von Gewalt. Mich hat jeden­falls von Anfang an skep­tisch gemacht, dass alle, wirk­lich alle #MeToo super fan­den, von Ali­ce Schwar­zer und Ange­la Mer­kel über Gio­van­ni di Loren­zo bis hin zur lin­ken Femi­nis­tin in Neu­kölln. Da wird eine Qua­si­re­li­gi­on auf­ge­baut und wer es wagt, die zu kri­ti­sie­ren, ist rechts­re­ak­tio­när. Das hat nichts mit einem offe­nen, libe­ra­len, demo­kra­ti­schen Dis­kurs zu tun.

Wenn jetzt von rech­ter Sei­te aus faschis­to­ide Vor­stel­lun­gen wie­der als wün­schens­wert arti­ku­liert und als poli­tisch durch­setz­bar gedacht wer­den und von einer sich als pro­gres­siv ver­ste­hen­den Sei­te der Gesell­schaft auch das Rein­heits­pos­tu­lat kommt, wo bleibt denn der auto­no­me Raum?

Da kann ich jetzt mal als Betrof­fe­ne ant­wor­ten. Dass mei­ne The­sen streit­bar sind, ist doch völ­lig klar. Aber was mich erschreckt hat, ist, dass man­che Leu­te wegen mei­nes #MeToo-Buches den Dis­kurs mit mir ver­wei­gern. Als wäre ich ein Nazi.

Was für Leu­te sind denn das?

Zum Teil Bekann­te, die dem­sel­ben Milieu entstammen.

Zum gan­zen, eigent­lich von Kositza geho­be­nen Fund­stück geht es hier:

Von mora­li­schem Tota­li­ta­ris­mus – Hören Sie auf, Sie belei­di­gen uns!


 End­lich, nach etli­chen Auf­schü­ben, bie­tet sich nun die Gele­gen­heit ein hörens­wer­tes Fund­stück auf­zu­neh­men: die Lage­be­spre­chung #49 mit Micha­el Schäfer.

Schä­fer zeich­net für den ers­ten rech­ten Comic-Ver­lag, Hydra-Comics, ver­ant­wort­lich (hier geht es zur Netz­sei­te.). Der in Dres­den ansäs­si­ge, non­kon­for­me Klein­ver­lag sorgt seit meh­re­ren Wochen für Furo­re in der deut­schen Comic­welt. Lus­ti­ger­wei­se muß­te die Hydra dafür nichts wei­ter machen, als zu existieren.

Weil das alt­ge­dien­te deut­sche Fach­ma­ga­zin Comi­xe­ne in einer Aus­ga­be einen kur­zen Text abdruck­te, der das Pro­jekt »Hydra-Comics« ohne die sonst typi­schen War­nun­gen und »kri­ti­schen« Ein­ord­nun­gen vor­stell­te, sahen meh­re­re Gesin­nungs­wäch­ter ihre Zeit gekom­men, um die typi­schen Mecha­nis­men der oben bereits ange­führ­ten Can­cel Cul­tu­re ins Rol­len zu bringen.

Die kom­plet­te Geschich­te mit all ihren skur­ri­len Aus­wüch­sen hören Sie hier:


Die Coro­na-Pan­de­mie und die Poli­tik der »Lock­downs« ist nicht nur die Zeit der gro­ßen Platt­form­ka­pi­ta­lis­ten wie Ama­zon, son­dern auch die Stun­de der Pod­casts. Über­all plop­pen neue For­ma­te auf. So auch beim kon­flikt-maga­zin, das zusätz­lich zur Netz­prä­senz den »kon­flik Pod­cast« auf­nimmt (Hier geht’s zum YouTube-Kanal.).

Neben dem klas­si­schen Gesprächs­for­mat wid­met man sich auch theo­re­ti­schen Exkur­sio­nen. Eine die­ser Exkur­sio­nen führt in die Gedan­ken­wel­ten von Theo­dor W. Ador­no, die Kri­ti­sche Theo­rie. Genau­er stellt man sich die Fra­ge, wie das Den­ken Ador­nos dem »Kon­ser­va­ti­ven im 21. Jahr­hun­dert von Nut­zen sein« könnte.

Im Grun­de ist das die strin­gen­te Fort­füh­rung der Nutz­bar­ma­chung »milieuf­rem­der« Kon­zep­te, mit der man die Neue Rech­te spe­zi­ell im Hin­blick auf Gram­scis Theo­rie der Kul­tu­rel­len Hege­mo­nie gemein­hin asso­zi­iert. Sezes­si­on-Autor Nils Weg­ner hat dies bereits hier in sei­nen »Über­le­gun­gen zu einer post­mo­der­nen Rech­ten« in der Sezes­si­on 92 auf den Post­mo­der­nis­mus und in der Sezes­si­on 95 auf den Akze­le­ra­tio­nis­mus ausgeweitet.

Hier geht es zum ers­ten Teil der hörens­wer­ten Rei­he »Post­li­be­ral« des »kon­flik Podcasts«:

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Kommentare (11)

Laurenz

20. März 2021 14:42

@JS

Mag Ihnen widersprechen. Ein Scherbengericht wurde durch alle "Bürger" vorgenommen, und nicht nur von einem Teil einer Bevölkerung, wie jetzt durch ca. 13% Anywheres. Die Idee ist doch ganz nett. Und wenn Studenten so ihre Professoren aussieben, ist das doch in Ordnung. Denn jeder kriegt das, was er verdient. Bei Politikern wäre das doch auch eine gute Maßnahme, Horst Drehhofer muß dann ins Ösi-Exil.

 

Niekisch

20. März 2021 15:16

Ein weiterer hoch interssanter Hinweis auf Svenja Flaßpöhler in der Sendung : "Freiheit, Gleichheit, Hautfarbe..warum hat Rassismus mit uns allen zu tun?..

WDR: Warum hat Rassismus mit uns allen zu tun? (1/2) | ARD Mediathek

WDR: Warum hat Rassismus mit uns allen zu tun? (2/2) | ARD Mediathek

Hier dürfte vorläufig der Gipfel der Anmaßung gegenüber uns hier heimischen Deutschen erreicht sein...man achte besonders auf die devote Haltung des Herrn Schönenborn...

Laurenz

20. März 2021 15:30

Dem Podcast fehlt etwas Struktur, da sind die Autoren-Besprechungen von GK & EL einfach besser vorbereitet & professioneller durchgeführt, trotz oder vielleicht wegen eines überschaubaren, wahrscheinlich wohlverdienten Alkoholkonsums während der Sendung.

Für mich lassen sich im Podcast mehrere Haken erkennen.

Philosophen sind in ihrer Motivation, und ihrer zuvorderen Absicht nicht gleich. zB Francis Bacon trennte zwangsläufig Karriere & Philosophie. Seine philosophische Absicht bestand u.a. darin, die Wissenschaft & die diesbezügliche Herangehens-Methodik an sich zu verändern.

Bei Marx oder Paulus ist dem nicht so.

Hier steht der Austausch der herrschenden Klasse im Vordergrund der philosophischen Absicht.

Etwas anderes anzunehmen, ist auch für Philosophie-Studenten schwer zu beweisen. Und es kann auch kein Zweifel daran bestehen, daß die ersetzende neue Herrscher-Klasse nicht oder besser nie der Arbeiterschaft angehört.

Laurenz

20. März 2021 15:30

(2)

Ein exemplarisches Beispiel des Unverständnis dieses historischen Tatbestands ist Rudi Dutschke, auch wenn Rudi Dutschke richtig erkannte, daß zwischen dem Marxismus & dem Nationalsozialismus nur das Privateigentum & die Weltrevolution stehen. 

Und, bei aller Moskau-Kritik des westlichen Marxismus, so muß man doch konstatieren, daß die Deutschen Kommunisten, welche das Hotel Lux überlebten, ob Wehner, Honecker oder Ulbricht, etc. tatsächlich fast ausnahmslos aus der Arbeiterklasse stammten. Dementsprechend wurden in der DDR diejenigen gefördert, die nicht aus großbürgerlichen Verhältnissen kamen, wie zB Adorno. Und weder Josef Stalin noch Josef Fischer wurden von ihren akademischen Kumpels für voll genommen.

Und wenn Adorno jemals annahm, der Marxismus sei aus einem philosophischen Selbstzweck entstanden, dann lag Adorno falsch. Der Marxismus, mit dem entscheidenden Verbot des Privateigentums, dient rein einer Erlangung totalitärer Macht.

Lotta Vorbeck

20. März 2021 19:26

@Laurenz - 20. März 2021 - 03:30 PM

"... daß die Deutschen Kommunisten, welche das Hotel Lux überlebten, ob Wehner, Honecker oder Ulbricht, etc. tatsächlich fast ausnahmslos aus der Arbeiterklasse stammten. ..."

---

Hotel Lux, Honecker?

Wann soll sich Erich Honecker im Hotel Lux befunden haben?

Laurenz

21. März 2021 01:20

@Lotta Vorbeck

"Erich"

Ja, Du hast natürlich Recht, er war dazu im Grunde etwas zu jung. Hatte wohl nur noch im Kopf, daß die KPD ihn, als jungen Mann, auch mal nach Moskau schickte.

RWDS

21. März 2021 09:46

Was mich beim Lesen des Interviews auf taz wirklich wütend macht - wieso kann die Rechte nicht von diesem Ungeist, der durch die linke Mehrheitsgesellschaft wabert profitieren? Wo bleiben die Normies, die sich sagen: "Jetzt reicht's. Ich bin rechts und das ist gut so?"

Laurenz

21. März 2021 14:20

@RWDS

"Jetzt reicht's."

Eine linke Mehrheitsgesellschaft existiert nicht. Der Wahlbürger wählt das, was er kennt & unbewußt aus Nostalgie. Als ob die SPD noch eine Deutsche Partei wäre. Esken würde doch am liebsten das D streichen.

In einer Partei-internen Umfrage der CDU hat Laschet keine 70% bekommen, wird also als Kanzler ungeeignet angesehen. Bei den Mitgliedern liegt Merz weit vorne. Wird Laschet nominiert, werden sich über 50% der CDU-Mitglieder nicht am Wahlkampf beteiligen.

Was sagt uns das? Der Widerstand, auch bei politisierten Bürgern, bleibt passiv.

Der Grund dafür liegt in der materiellen Besitzstandswahrung. Die Mehrheit in unserem Lande, vor allem im Westen, hat noch etwas zu verlieren.

Wenn Sie wollen, daß es dieser Mehrheit reicht, müssen Sie dieser Mehrheit das wegnehmen, was sie noch besitzt.

Laurenz

21. März 2021 14:41

@RWDS

Korrektur: Natürlich keine 30%.

Gracchus

21. März 2021 22:56

In Adornos "Minima moralia" habe ich erst neulich wieder reingelesen. Es lohnt sich - in Zeiten der Lockdown-Pandemie. Lange dürfte er sich nicht mehr im linken Kanon halten. Abgesehen von der Verwendung des N-Worts finden sich dort Stellen mit ethnopluralistischen Anklängen und Warnungen vor der Homosexualisierung. Ich zitiere: "Totalität und Homosexualität gehören zusammen." Nr. 24). Natürlich geht es Adorno nicht um homosexuelle Akte, sondern um einen Typus, der keine Differenzen mehr erträgt. 

Von Adorno kommend kann ich also nur den Kipf schütteln über die "Identitätslinke". Damit zu Flasspöhler, die genau das beklagt. Das Interview finde ich daher gut. Sie bringt es sehr gut auf den Punkt. 

heinrichbrueck

22. März 2021 02:07

@ Gracchus

Simone Weil bringt es sehr gut auf den Punkt: https://existentialcomics.com/comic/307 

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