20. März 2021

Netzfundstücke (81) – Scherbengericht, Hydra, Postliberal

Jonas Schick / 11 Kommentare

Der Ostrazismus, zu deutsch »Scherbengericht«, war in der griechischen Antike eine Methode, um unliebsame Bürger aus der Polis zu verbannen.

Die Praxis war speziell in Athen weit verbreitet gewesen. Heute erleben wir in der Form der Cancel Cultureseine Auferstehung in modernem Gewand. Das auf dem kanal schnellroda und auch hier auf Sezession im Netz oft erwähnte und gleichsam kritisierte Netzwerk Wissenschaftsfreiheit hat sich als Reaktion auf die Ausweitung dieses Phänomens gegründet.

Auf der Netzseite des Netzwerks definiert man seinen Zweck wie folgt:

Wir sind ein Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich für ein freiheitliches Wissenschaftsklima einsetzen. Darunter verstehen wir eine plurale von Sachargumenten und gegenseitigem Respekt geprägte Debattenkultur und ein institutionelles Umfeld, in dem niemand aus Furcht vor sozialen und beruflichen Kosten Forschungsfragen und Debattenbeiträge meidet.

Die Auswüchse der neuen Lust an der sozialen Verbannung bekommen mittlerweile auch liberale Professoren zu spüren. Das geht so weit, daß man linksliberalen Intellektuellen wie der Philosphin Svenja Flaßpöhler das Etikett »rechtsreaktionär« anheftet, um sie aus dem eigenen Dunstkreis zu exkludieren und in einer Gesellschaft mit einem ausgeprägt phobischen Verhältnis zur politischen Rechten vollumfänglich zu diskreditieren.

Der taz, eigentlich ein klassischer Hort für moderne Scherbengerichte, gab Flaßpöhler ein Interview, über das ich dank Sezession-Literaturredakteurin Ellen Kositza gestolpert bin, die es über ihren Twitter-Account empfohlen hatte. Hier ein Auszug:

Gibt es den Teufel eigentlich auch in weiblicher Form? Ist das Teil irgendeines Diskurses oder darf der als einziger männlich bleiben?

Das weiß ich nicht, aber es gibt ganz sicher eine weibliche Form von Gewalt. Mich hat jedenfalls von Anfang an skeptisch gemacht, dass alle, wirklich alle #MeToo super fanden, von Alice Schwarzer und Angela Merkel über Giovanni di Lorenzo bis hin zur linken Feministin in Neukölln. Da wird eine Quasireligion aufgebaut und wer es wagt, die zu kritisieren, ist rechtsreaktionär. Das hat nichts mit einem offenen, liberalen, demokratischen Diskurs zu tun.

Wenn jetzt von rechter Seite aus faschistoide Vorstellungen wieder als wünschenswert artikuliert und als politisch durchsetzbar gedacht werden und von einer sich als progressiv verstehenden Seite der Gesellschaft auch das Reinheitspostulat kommt, wo bleibt denn der autonome Raum?

Da kann ich jetzt mal als Betroffene antworten. Dass meine Thesen streitbar sind, ist doch völlig klar. Aber was mich erschreckt hat, ist, dass manche Leute wegen meines #MeToo-Buches den Diskurs mit mir verweigern. Als wäre ich ein Nazi.

Was für Leute sind denn das?

Zum Teil Bekannte, die demselben Milieu entstammen.

Zum ganzen, eigentlich von Kositza gehobenen Fundstück geht es hier:

Von moralischem Totalitarismus – Hören Sie auf, Sie beleidigen uns!


 Endlich, nach etlichen Aufschüben, bietet sich nun die Gelegenheit ein hörenswertes Fundstück aufzunehmen: die Lagebesprechung #49 mit Michael Schäfer.

Schäfer zeichnet sich für den ersten rechten Comic-Verlag, Hydra-Comics, verantwortlich (hier geht es zur Netzseite.). Der in Dresden ansässige, nonkonforme Kleinverlag sorgt seit mehreren Wochen für Furore in der deutschen Comicwelt. Lustiger Weise mußte die Hydra dafür nichts weiter machen, als zu existieren.

Weil das altgediente deutsche Fachmagazin Comixene in einer Ausgabe einen kurzen Text abdruckte, der das Projekt »Hydra-Comics« ohne die sonst typischen Warnungen und »kritischen« Einordnungen vorstellte, sahen mehrere Gesinnungswächter ihre Zeit gekommen, um die typischen Mechanismen der oben bereits angeführten Cancel Culture ins Rollen zu bringen.

Die komplette Geschichte mit all ihren skurrilen Auswüchsen hören Sie hier:


Die Corona-Pandemie und die Politik der »Lockdowns« ist nicht nur die Zeit der großen Plattformkapitalisten wie Amazon, sondern auch die Stunde der Podcasts. Überall ploppen neue Formate auf. So auch beim konflikt-magazin, das zusätzlich zur Netzpräsenz den »konflik Podcast« aufnimmt (Hier geht’s zum YouTube-Kanal.).

Neben dem klassischen Gesprächsformat widmet man sich auch theoretischen Exkursionen. Eine dieser Exkursionen führt in die Gedankenwelten von Theodor W. Adorno, die Kritische Theorie. Genauer stellt man sich die Frage, wie das Denken Adornos dem »Konservativen im 21. Jahrhundert von Nutzen sein« könnte.

Im Grunde ist das die stringente Fortführung der Nutzbarmachung »milieufremder« Konzepte mit der man die Neue Rechte speziell im Hinblick auf Gramscis Theorie der Kulturellen Hegemonie gemeinhin assoziiert. Sezession-Autor Nils Wegner hat dies bereits hier in seinen »Überlegungen zu einer postmodernen Rechten« in der Sezession 92 auf den Postmodernismus und in der Sezession 95 auf den Akzelerationismus ausgeweitet.

Hier geht es zum ersten Teil der hörenswerten Reihe »Postliberal« des »konflik Podcasts«:



Kommentare (11)

Laurenz

20. März 2021 14:42

@JS

Mag Ihnen widersprechen. Ein Scherbengericht wurde durch alle "Bürger" vorgenommen, und nicht nur von einem Teil einer Bevölkerung, wie jetzt durch ca. 13% Anywheres. Die Idee ist doch ganz nett. Und wenn Studenten so ihre Professoren aussieben, ist das doch in Ordnung. Denn jeder kriegt das, was er verdient. Bei Politikern wäre das doch auch eine gute Maßnahme, Horst Drehhofer muß dann ins Ösi-Exil.

 

Niekisch

20. März 2021 15:16

Ein weiterer hoch interssanter Hinweis auf Svenja Flaßpöhler in der Sendung : "Freiheit, Gleichheit, Hautfarbe..warum hat Rassismus mit uns allen zu tun?..

WDR: Warum hat Rassismus mit uns allen zu tun? (1/2) | ARD Mediathek

WDR: Warum hat Rassismus mit uns allen zu tun? (2/2) | ARD Mediathek

Hier dürfte vorläufig der Gipfel der Anmaßung gegenüber uns hier heimischen Deutschen erreicht sein...man achte besonders auf die devote Haltung des Herrn Schönenborn...

Laurenz

20. März 2021 15:30

Dem Podcast fehlt etwas Struktur, da sind die Autoren-Besprechungen von GK & EL einfach besser vorbereitet & professioneller durchgeführt, trotz oder vielleicht wegen eines überschaubaren, wahrscheinlich wohlverdienten Alkoholkonsums während der Sendung.

Für mich lassen sich im Podcast mehrere Haken erkennen.

Philosophen sind in ihrer Motivation, und ihrer zuvorderen Absicht nicht gleich. zB Francis Bacon trennte zwangsläufig Karriere & Philosophie. Seine philosophische Absicht bestand u.a. darin, die Wissenschaft & die diesbezügliche Herangehens-Methodik an sich zu verändern.

Bei Marx oder Paulus ist dem nicht so.

Hier steht der Austausch der herrschenden Klasse im Vordergrund der philosophischen Absicht.

Etwas anderes anzunehmen, ist auch für Philosophie-Studenten schwer zu beweisen. Und es kann auch kein Zweifel daran bestehen, daß die ersetzende neue Herrscher-Klasse nicht oder besser nie der Arbeiterschaft angehört.

Laurenz

20. März 2021 15:30

(2)

Ein exemplarisches Beispiel des Unverständnis dieses historischen Tatbestands ist Rudi Dutschke, auch wenn Rudi Dutschke richtig erkannte, daß zwischen dem Marxismus & dem Nationalsozialismus nur das Privateigentum & die Weltrevolution stehen. 

Und, bei aller Moskau-Kritik des westlichen Marxismus, so muß man doch konstatieren, daß die Deutschen Kommunisten, welche das Hotel Lux überlebten, ob Wehner, Honecker oder Ulbricht, etc. tatsächlich fast ausnahmslos aus der Arbeiterklasse stammten. Dementsprechend wurden in der DDR diejenigen gefördert, die nicht aus großbürgerlichen Verhältnissen kamen, wie zB Adorno. Und weder Josef Stalin noch Josef Fischer wurden von ihren akademischen Kumpels für voll genommen.

Und wenn Adorno jemals annahm, der Marxismus sei aus einem philosophischen Selbstzweck entstanden, dann lag Adorno falsch. Der Marxismus, mit dem entscheidenden Verbot des Privateigentums, dient rein einer Erlangung totalitärer Macht.

Lotta Vorbeck

20. März 2021 19:26

@Laurenz - 20. März 2021 - 03:30 PM

"... daß die Deutschen Kommunisten, welche das Hotel Lux überlebten, ob Wehner, Honecker oder Ulbricht, etc. tatsächlich fast ausnahmslos aus der Arbeiterklasse stammten. ..."

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Hotel Lux, Honecker?

Wann soll sich Erich Honecker im Hotel Lux befunden haben?

Laurenz

21. März 2021 01:20

@Lotta Vorbeck

"Erich"

Ja, Du hast natürlich Recht, er war dazu im Grunde etwas zu jung. Hatte wohl nur noch im Kopf, daß die KPD ihn, als jungen Mann, auch mal nach Moskau schickte.

RWDS

21. März 2021 09:46

Was mich beim Lesen des Interviews auf taz wirklich wütend macht - wieso kann die Rechte nicht von diesem Ungeist, der durch die linke Mehrheitsgesellschaft wabert profitieren? Wo bleiben die Normies, die sich sagen: "Jetzt reicht's. Ich bin rechts und das ist gut so?"

Laurenz

21. März 2021 14:20

@RWDS

"Jetzt reicht's."

Eine linke Mehrheitsgesellschaft existiert nicht. Der Wahlbürger wählt das, was er kennt & unbewußt aus Nostalgie. Als ob die SPD noch eine Deutsche Partei wäre. Esken würde doch am liebsten das D streichen.

In einer Partei-internen Umfrage der CDU hat Laschet keine 70% bekommen, wird also als Kanzler ungeeignet angesehen. Bei den Mitgliedern liegt Merz weit vorne. Wird Laschet nominiert, werden sich über 50% der CDU-Mitglieder nicht am Wahlkampf beteiligen.

Was sagt uns das? Der Widerstand, auch bei politisierten Bürgern, bleibt passiv.

Der Grund dafür liegt in der materiellen Besitzstandswahrung. Die Mehrheit in unserem Lande, vor allem im Westen, hat noch etwas zu verlieren.

Wenn Sie wollen, daß es dieser Mehrheit reicht, müssen Sie dieser Mehrheit das wegnehmen, was sie noch besitzt.

Laurenz

21. März 2021 14:41

@RWDS

Korrektur: Natürlich keine 30%.

Gracchus

21. März 2021 22:56

In Adornos "Minima moralia" habe ich erst neulich wieder reingelesen. Es lohnt sich - in Zeiten der Lockdown-Pandemie. Lange dürfte er sich nicht mehr im linken Kanon halten. Abgesehen von der Verwendung des N-Worts finden sich dort Stellen mit ethnopluralistischen Anklängen und Warnungen vor der Homosexualisierung. Ich zitiere: "Totalität und Homosexualität gehören zusammen." Nr. 24). Natürlich geht es Adorno nicht um homosexuelle Akte, sondern um einen Typus, der keine Differenzen mehr erträgt. 

Von Adorno kommend kann ich also nur den Kipf schütteln über die "Identitätslinke". Damit zu Flasspöhler, die genau das beklagt. Das Interview finde ich daher gut. Sie bringt es sehr gut auf den Punkt. 

heinrichbrueck

22. März 2021 02:07

@ Gracchus

Simone Weil bringt es sehr gut auf den Punkt: https://existentialcomics.com/comic/307 

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