Lehnert und ich über Hans Fallada

Erik Lehnert und ich haben zwei Stunden lang über Hans Fallada gesprochen – hier die ganze Sendung, veröffentlicht im Kanal Schnellroda.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Es war unser bis­lang längs­tes Gespräch – das liegt an der Fül­le des Mate­ri­als und dar­an, daß wir Neben­fra­gen behan­del­ten: Wie stand es um den Ver­such, mit­tels Anpass­sung und Ver­tei­di­gung der schrift­stel­le­ri­schen Auto­no­mie den Hin­der­nis­lauf durch die NS-Kul­tur­po­li­tik zu meis­tern? Wer war im III. Reich Best­sel­ler-Autor? Wel­cher Autor war damals und wel­cher wäre heu­te mit Fal­la­da vergleichbar?

Hier also die gesam­te Sen­dung. Die genann­ten Roma­ne und gute Lite­ra­tur über Fal­la­da fin­den Sie zur Nach­be­rei­tung in unse­rem Bücherschrank.

– –

War­um Fal­la­da? Die­se Fra­ge haben Erik Leh­nert und ich beant­wor­tet, hier noch ein paar Hinweise:

Da ist Fal­la­das Land­volk­ro­man Bau­ern Bon­zen und Bom­ben – Stamm­hö­rer unse­rer Lite­ra­tur­ge­sprä­che erin­nern sich sicher­lich dar­an, daß wir auf die­se wich­ti­ge Bewe­gung schon ein­mal aus­führ­lich hin­wie­sen, und zwar in unse­rer Sen­dung über Ernst v. Salo­mon. Sein (anti­qua­risch uner­schwing­lich teu­rer) Roman Die Stadt the­ma­ti­siert die Land­volk­be­we­gung auf ganz ande­re Art als Fal­la­das Werk.

Dann: Wer eine Ahnung davon bekom­men möch­te, wie der wirt­schaft­li­che Zusam­men­bruch samt Hyper­in­fla­ti­on 1922/1923 die Struk­tu­ren traf und Mil­lio­nen Deut­sche ins Elend stürz­te, muß Wolf unter Wöl­fen lesen. Leh­nert hat die­ses Werk in unse­rem Buch im Haus neben­an bereits emp­foh­len; in unse­rem Live-Gespräch wer­den wir es eben­falls aus­führ­lich behandeln.

Ein Drit­tes: Fal­la­da war ein Best­sel­ler-Autor – sein Roman Klei­ner Mann, was nun? hat ihn welt­be­rühmt gemacht, und bis heu­te sind sämt­li­che sei­ner Wer­ke ver­füg­bar. Das ist bis­wei­len erstaun­lich, und dar­über wird zu reden sein.

Wir spre­chen mit Hans Fal­la­da natür­lich wie­der über einen Autor, der die Wei­ma­rer Repu­blik und die berühm­ten zwölf Jah­re mit­er­lebt und durch­lit­ten hat, der das Land also nicht ver­ließ, son­dern schrei­bend zurecht­zu­kom­men ver­such­te unter ver­än­der­ten kul­tur­po­li­ti­schen Bedingungen.

Bis auf Armin Moh­ler und Joa­chim Fernau war jeder der Autoren, über die wir spra­chen, in die­se Jah­re der inne­ren und äuße­ren Ent­schei­dung ver­strickt, und was wir uns am Blick auf sie auf­er­le­gen soll­ten, ist Abstand zu jener bil­li­gen, nach­ge­reich­ten Moral, mit der heu­ti­ge Leser und Bio­gra­phen es bes­ser wis­sen. Das wäre viel­leicht sogar ein­mal ein pole­mi­sches Pro­jekt: “Rat­schlä­ge für Verstorbene”…

Fal­la­da: Er war da ab und an ein Cha­mä­le­on, und nach dem Krieg schrieb er gewohnt stil­si­cher und in der gewohnt rasen­den Geschwin­dig­keit den Wider­stands­ro­man der klei­nen Leu­te: Jeder stirbt für sich allein.

Die genann­ten Roma­ne und gute Lite­ra­tur über Fal­la­da fin­den Sie zur Vor und Nach­be­rei­tung in unse­rem Bücherschrank.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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Kommentare (30)

RMH

22. März 2021 15:14

Das sehe ich mir doch gerne an. Schon mal Danke im Voraus.

"Der Trinker" könnte gerade  auch wieder an Aktualität gewinnen.

Maiordomus

22. März 2021 15:38

Dass sich im vorigen Strang jemand über den bei diesem literarischen Abendgespräch präsentierten  "Muff der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts" despektierlich ausgelassen hat, möchte ich im Hinblick auf den Orientierungsgehalt für unsere Zeit für das angesagte und die früheren Gesprächsprogramme dieser Art zurückweisen. Unbeschadet, dass Kleist auch jenseits von Spiegel-Fechtereien in der deutschen Literatur, gegenüber Hans Fallada und anderen, eine eigene Liga darstellt, auf welche Wessels mit Fug und Recht aufmerksam gemacht hat. Das älteste mir bekannt gewordene Fallada-Zitat liegt für mich schon über 60 Jahre zurück, ereilte mich bei einem Spital-Aufenthalt. Es lautete: "Kleiner Mann, was nun?"

Skeptiker

22. März 2021 15:42

Ich bin sehr begeistert, dass Sie sich Hans Fallada annehmen. "Kleiner Mann, was nun?" ist für mich eines der schönsten Bücher in deutscher Sprache. Es ist ohnehin erstaunlich, wie Fallada bei der eigenen Lebensgeschichte Romane zu schreiben vermochte, aus denen diese unbeschreibliche menschliche Wärme spricht.

Mauerbluemchen

22. März 2021 16:50

Der Gipfel des Fallada'schen Werkes ist - ohne Witz - sein völlig verkanntes Epos vom Dachs Fridolin. Es gibt kaum Bücher, die man immer wieder, lebenslang, lesen kann - von den frühen Tagen des angeborenen Anaphabetentums (in denen man immerzu die lesekundigen Angehörigen bedremmeln mußte) über das eigene Dechiffrieren und später gekonnte Vorlesen bis hin in jenes Alter, wo die Lese-/Lebenszeit langsam knapp wird und man sich auf die wirklich  wertvollen und bewährten Werke beschränkt.

Als Kind staunte ich zB über die ausufernde Schilderung von Fridolins erster Verkostung der Pflanze Süßwachs; Jahre später half sie mir, Süchtige im Allgemeinen und Alkoholiker im besonderen zu verstehen. Wie der Dachs, so auch der Mensch - und das alles in diesem einzigartigen Tonfall Ostelbiens.

Auf den kommenden Mittwochabend freue ich mich ganz besonders.

KlausD.

22. März 2021 17:59

Wer Hans Fallada, wie und wo er von 1933 bis 1945 lebte und arbeitete, "hautnah" kennenlernen möchte, dem sei ein Besuch in seinem als Museum eingerichteten und wunderschön gelegenen Haus in Carwitz nahe dem mecklenburgischen Feldberg empfohlen. Nun, das Hans-Fallada-Museum Carwitz wird als eines von 22 Museen in Ostdeutschland im "Blaubuch der Bundesregierung" als "kultureller Gedächtnisort von nationaler Bedeutung" geführt. Was das wohl heutzutage heißen mag ...? Jedenfalls hat mich dies und der dort sichtbare "Mensch Fallada" nicht dazu veranlasst, mich näher mit seinen Werken zu beschäftigen. Aber vielleicht ändert sich das ja ab dem 25. März ...

https://fallada.de/museum-oeffnungszeiten/

RMH

22. März 2021 18:23

@M.D.,

das mit dem "Muff" im anderen Strang war von mir nur eine kleine Provokation im Hinblick auf eine Erweiterung der besprochenen Zeitalter und nicht bierernst gemeint.

Wie geschrieben, auf den Abend über Fallada freue ich mich auch.

anatol broder

22. März 2021 19:26

@ mauerblümchen 16:50

danke für den hinweis auf den dachs fridolin.

der kluge titel jeder stirbt für sich allein zusammen mit dem lustigen namen fallada gehörten in meinem elternhaus zu den buchrücken, die mir in erinnerung blieben. weiter kam ich aufgrund von anderweitigen interessen nicht.

Fredy

22. März 2021 20:36

Wie soll eigentlich die Akademie stattfinden angesichts des Corona-Maßnahmenirrsinns? In Sachsen ist es ab heute zulässig Bürger zu bis zu 2jährigen Haftstrafen zu verurteilen, die sich "ansammeln".

Frieda Helbig

22. März 2021 22:02

Akademie, wie gehabt, mit Altersbeschränkung?

Frage für einen Freund :-)

ja. unter 35.

Gracchus

22. März 2021 23:42

Fallada ist leider eine Lücke.

Die letzte Folge hat mich dazu verleitet, mich nach 20 Jahren Abstinenz wieder mit Benn zu beschäftigen. Ich schließe mich RMH aus dem zu schnell geschlossenen Kleist-Thread an und plädiere für: Kleist. Interessant: Carl Schmitt: Zwei Gräber - über einen Besuch von Kleists Grab am Wannsee. Sehr schön: Robert Walser: Kleist in Thun. 

links ist wo der daumen rechts ist

23. März 2021 08:02

Bitte den Kleist-Kommentarstrang wieder zu öffnen. Die Handvoll Literaturbegeisterten im Forum würden sich gern noch ein bißchen austoben.

machen Sie das hier, bitte.

Maiordomus

23. März 2021 14:50

Über Kleist scheint mir Wesentliches gesagt; Fallada scheint mir von ganz hohem Interesse zu sein. Die Debatte um ihn ist von zahlreichen Tabus umstellt.- Von der schriftstellerischen Qualität her scheint mir eine Aufwertung fällig. 

Skeptiker

23. März 2021 16:08

Ich lese immer besonders gerne Autoren, die mich auch in ihrer Persönlichkeit ansprechen bzw. ich spannend finde. Das ist sowohl bei Kleist als auch Fallada der Fall. Die Literaturdebatte finde ich in diesem Forum total spannend. Hier weiß ich, dass über fiktionale Texte gesprochen wird; bei der Corona-Debatte kann ich nicht mehr zwischen Dichtung und Wahrheit unterscheiden. Ich bin hier aber auch durchaus von der Phantasie einiger angetan. Erinnert mich teilweise an Erzählungen/Romane der Romantik, wo sich Realität und Fiktionalität mischen und ergänzen!

RMH

23. März 2021 16:26

Fallada steht in seiner Zeit mit an der Spitze. Was will man da groß aufwerten? Aus der sich anbahnenden Vergessenheit kann man ihn holen, ja, aber bewerten?

Kleist ist dennoch ein ganz anderes, spezielles Kaliber. Das hat auch ein Goethe erkannt und ihn entsprechend auflaufen lassen.

Herr K aus O

23. März 2021 16:27

Wenn ich ergänzen darf: “Wer einmal aus dem Blechnapf frisst”, seine Erlebnisse im Knast. 

Und die Kurzgeschichte “Sachlicher Bericht über das Glück, ein Morphinist zu sein” 

Das ist neben Döblin die einzige Großstadtliteratur, die mir in Erinnerung blieb.

Laurenz

23. März 2021 18:01

Hans Fallada geht wohl über die intellektuelle Leserschaft hinaus, was ich als Auszeichnung erachte.

Desweiteren warte ich einfach ab, was GK & EL uns erzählen werden.

Interessant finde ich es, auf das Forum bezogen, daß die hier auch die rechten Müsli-Spartaner stillschweigend über die Schwächen des Mörders/Sterbehelfers & Selbstmörders Kleist (es ist ganz sicher davon auszugehen, daß seinerzeit ein Leutnant a.D. schießen konnte) & des Morphium-Junkies Fallada hinweg gegangen wird. Bei solchen Autoren ist man diesbezüglich, in reverser Art, überschwänglich großzügig.

Maiordomus

23. März 2021 18:14

@Goethe hat Kleist nicht plump verkannt: er bezeichnete als Theaterdirektor den "Zerbrochenen Krug" als "unsichtbares Theater", weil hier - vor der Erfindung des Krimis. - die Analyse im Vordergrund steht und weniger das Zeigen einer Handlung. Es stimmt aber, dass das radikalpessimistische Weltbild und später auch der Nationalismus von Kleist dazu beitrugen, dass dieser Autor, wie später E.T.A. Hoffmann, aus Weimarer Sicht, das Publikum inbegriffen, chancenlos war. Natürlich wurde die für die Praxis eines Theaterabends angepasste Aufteilung eines ewig langen Einakters (vgl. Hitchcocks "The rope", nicht durchgesetzter Sonderfall der Filmgeschichte betr. Einstellungen) für Kleists Auffassung der dramatischen Spannung - sozusagen alles in einem Satz sagen! - dem beim Publikum durchgefallenen Stück zum Verhängnis. Da ist einer fürwahr zu früh gekommen. Falsch wäre es, die Falschbehandlung von Kleist und Hölderlin lediglich auf eine monopolitische Diktatur der Goethe, Schiller und Wieland zu reduzieren. Die Genies Hölderlin u. Kleist waren bei ihrem ersten schwierigen Auftreten keineswegs eine ernstzunehmende Konkurrenz für einen wie Goethe. Eher stärker kritisieren würde ich beim Weimarer die Verkennung Schuberts zugunsten seines Freundes Zelter bezüglich  Gedichtvertonungen.

RMH

23. März 2021 20:16

@Laurenz,

es spricht wohl eher für das Abstraktionsvermögen der hier Lesenden und Schreibenden, wenn sie nicht in die links-denunziatorische Art verfallen und ein Werk wegen vermeintlicher, "moralischer Verfehlungen" oder pc- Verstößen des Autors ablehnen, sondern sich damit auseinandersetzen.

@M.D,

Goethe hat Kleist meiner Meinung nach nicht verkannt sondern durchaus erkannt, aber es passte ihm nicht in seine Vorstellung von Klassik und da war er dann doch ein Stück weit streng. Kleist hat durchaus "moderne" Züge und wird von manchem gar als "Wegbereiter der Moderne" bezeichnet (im Nachhinein tut man sich leicht mit solchen Zuschreibungen). Richtig ist, dass sich eine Novelle von Kleist für heutige Zeitgenossen vermutlich deutlich leichter lesen lässt, als bspw. der Roman Wahlverwandtschaften von Goethe (1809, also durchaus zeitgenössisch zu Kleist).

Die Anekdote von der Aufführung des zerbrochenen Kruges in Weimar geht ja auch dahin, dass das Stück erst aufgeführt wurde, nachdem das Publikum bereits eine Oper hinter sich bringen musste. Dann noch zerhackt in 3 Akte mit Pausen ... Heute ist der zerbrochene Krug längst ein echter Bühnenklassiker.

Ein gebuertiger Hesse

25. März 2021 08:43

@ Marcel

Prächtig gesagt. Genau so ist es und deshalb sind wir hier.

RMH

25. März 2021 09:09

Vielen Dank!

Das war wieder ein sehr guter Abend. Ich hoffe, dass Format geht weiter. Wenn etwas eine Nation verbindet, dann seine Sprache und seine Literatur. 

Es müssen ja nicht immer >2 Stunden sein, von daher gerne auch mal kürzer. Besser, als dass gar nichts mehr gebracht wird.

Der Joseph

25. März 2021 10:11

Abends habe ich andere Verpflichtungen. Da fällt es mir schwer 2 Stunden aufzubringen. Habe mir die gesellige Runde, bei der man am liebsten dabei wäre, gleich heute morgen angeschaut. Für mich sind die Autorenbesprechungen auf dem Kanal Schnellroda unglaublich wertvoll.
Die Leidenschaft, mit der Fallada besprochen wurde reißt mich mit. Bisher habe ich nichts von ihm gelesen. Mein Bild der Zeit nach dem 1.Weltkrieg bis zu Hitler ist von Stefan Zweig und Sebastian Haffner geprägt worden.
Bei Fallada folge ich der Empfehlung von Lehnert und Kubitschek für "Bauern, Bonzen und Bomben".
Danke an das Team Schnellroda!

Maiordomus

25. März 2021 11:13

Das mit den 2 Stunden stellt für diejenigen, die noch entweder beruflich oder auch danach an Projekten arbeiten, ein Zeitproblem dar. Im Grunde wäre, bei genügender Vorbereitung und Vorbesprechung, ein kompaktes, dafür stärker konsultiertes Format mutmasslich machbar. Es geht wohl darum, nicht unbedingt Gleichgesinnte aus den Resten eines durchaus noch vorhandenen Bildungsbürgertums und aus Kreisen junger Neugieriger - die gibt es als Hoffnungsträger  tatsächlich! - zu gewinnen. Gerne verweise ich nämlich darauf, dass bei diesbezüglichen Vermittlungen in Schnellroda nicht zuletzt dank der Interventionen und Fragenkommunikation via Frau K. - das Niveau höher und der Horizont breiter ist als bei diversen auf ihr Ansehen pochenden Medien und eigentlich natürlich auch im Bundestag. Die dortigen Debatten - Opposition inbegriffen - interessieren immer weniger. Stehe mit dieser Ansicht wohl kaum allein.   

Phil

25. März 2021 14:55

Es war wie immer ein Genuss, Euch zuzuhören.

Und wie immer hat man durch Euer Gespräch Lust bekommen, mehr vom jeweiligen Autor zu lesen (oder überhaupt mit ihm anzufangen).

Falls ausnahmsweise doch mal ein fremdsprachiger Autor behandelt werden sollte, wäre auch mein Wunsch: Hamsun.

PS.: "Der Mann ohne Eigenschaften" steht bei mir seit Jahren ungelesen im Regal, und Dostojewski wie Hamsun gehören zu meinen absoluten Favoriten: Diese Gemeinsamkeiten haben mich gefreut.

Pferdefuss

25. März 2021 15:01

Kaum einer ist mehr dazu eignet, von allen gelesen zu werden. als Fallada. Was will man mehr! 

Fallada gehört zu jenen Autoren, die ihre Figuren nicht in Missetäter und Opfer aufteilten, sondern allen gleichermaßen Verständnis, wie sagt man heute, Empathie, ein Grundverständnis menschlicher Stärke und Schwäche entgegengebracht hat. Ein anderer Meister dieses Humanismus war Fontane.  

Dass Konservative nun nicht nur das Pantheon, sondern die 'gute Stube' entdecken - ein Gewinn! Denn es gibt nicht wenige unter uns, die die zweite Reihe der Künstler bisher  als trivial, Kitsch, Schmarren verschmähten. 

Bei den Filmen noch deutlicher, gelten doch bei den Cineasten nur die Film-Klassiker etwas. Dabei lebte und lebt der Kintopp von Trivialität,  Kitsch, Traum, Traumfabrik eben!  

Maiordomus

25. März 2021 15:22

@Phil. Hamsun, der zwar die Schweiz "ein kleiner Scheissland in den Alpen" genannt hat, wäre nicht allein wegen "Hunger", sondern als literarhistorische Figur ein anzupackendes  Thema. Über Dostojewskij ist es schwer, nicht schon Gesagtes zu wiederholen, aber bei Solschenizyn wäre die Zitrone längst noch nicht ausgedrückt; zumal es ihm nicht nur um den Gulag geht; eher schon an seiner Kritik an westlicher Gutmenschenideologie, übrigens grandios in der Erzählung "Das Lächeln des Buddha" innerhalb des Romans "Der erste Kreis der Hölle", letzteres eine Darstellung der Luxusabteilung der  nicht rechtgläubigen Gelehrten in der  Hölle von Dante, bei S. auf das Sowjetsystem bezogen. Am allertiefsten gehen aber mutmasslich die Ausführungen über Sterben und Tod in "Krebsstation" als Appell gegen die Tabus der Materialisten. 

Es war aber und ist grossartig, Fallada auf die Traktandenliste zu bringen!

 

Gracchus

25. März 2021 20:11

War sehr interessant. Die Begeisterung hat abgefärbt. Wenn Fallada nur nicht so dicker Dinger geschrieben hätte. Am meisten angefixt hat mich Wolf unter Wölfen. 

Den Titel Bauern Bonzen und Bomben finde ich nicht so gelungen. Schon sehr aufdringliche Aliteration. 

Was meinte E. Kositza mit "bemühter Realismus" - klang nicht so begeistert. Hat Fallada nicht auch etwas Regressives. Die riesengroße übermächtige Welt, die einem keine Chance lässt, so dass man sich in den Rausch flüchten muss?

Mögliche Nachfolger/Verwandte: Jörg Fauser, Ralf Rothmann? Denis Johnson?

Mann ohne Eigenschaften habe ich den 1. Teil gelesen. Das ist schon gut. Aber total aus dem Ruder gelaufen. Die kürzeren Sachen von Musil finde ich besser.

Gracchus

25. März 2021 20:29

Noch eine Frage (vielleicht ist die auch im Stream beantwortet worden): "Kleiner Mann was nun?": im Aufbau gibt es die Originalausgabe mit noch unveröffentlichten Passagen; im Kampa-Verlag gibt es die Erstausgabe mit Zeichnungen von Grosz. Ist es richtig, dass Original- und Erstgausgabe nicht identisch sind? Die Kampa- und Aufbau-Ausgabe also textlich differieren? 

RMH

25. März 2021 21:02

@Gracchus,

"die Verwirrungen des Zöglings Törleß" von Musil ist groß. Fauser ist eine Klasse für sich (das er von Reich-Ranicki verrissen wurde, ist im Nachhinein eine Auszeichnung) unter den dt. Nachkriegsautoren, auch weil er klar den Ansatz hatte, dass Literatur den Leser auch unterhalten soll und weil er eben nicht wie Böll, Grass und die etablierte deutsche Nachkriegsliteratur schrieb, ja weil er sich von den "hard boiled" Autoren wie Chandler und vor allem D. Hammet, über die bis heute viele Nase rümpfen, inspirieren lies. Fauser zählte Fallada zu seine Einflüssen, so reiste er nach Neumünster, um auf den Spuren Falladas Eindrücke zu sammeln (dazu gibt auch einen Text von Fauser). Dennoch ist Fauser m.M.n. kein Epigone Falladas.

Ich habe vor Jahren einmal hintereinander Roths "Die Legende vom heiligen Trinker", Fausers "Rohstoff" und Falladas "Der Trinker" gelesen (für alle 3 eine klare Leseempfehlung von mir). Ich wäre nie auf die Idee gekommen, diese Werke irgendwie in Verbindung zu "Annäherungen" von Jünger zu bringen, da Jünger einen komplett anderen Ansatz mit seinem Buch hatte, als mit den zuvor genannten Büchern verfolgt wurde.

Maiordomus

26. März 2021 07:21

Die hier ausgeführten Bemerkungen über Lese-Erfahrungen sind im Vergleich zu einem Teil der immer wieder ähnlich geführten politischen Debatten mit mehr Überraschungsmoment und Ausdruck eines offiziell eigentlich nicht zur Kenntnis genommenen wirklichen Geisteslebens in Deutschland, bei dem letztlich die Lesenden (ich sage bewusst nicht bloss Leser) wirklich diejenigen sind, auf die es ankommt. Ein Autor ist letztlich noch so viel wert wie der Kreis derjenigen, die ihn noch verstehen, was natürlich auch gewisse distanzierende Feststellungen nicht ausschliesst. Man muss ja diese Autoren auch wieder nicht überschätzen. Was die Trunksucht betrifft, so mache ich gern noch auf den Klassiker aller Klassiker, Edgar Allan Poe, aufmerksam, aber selbst sog. christliche Autoren wie Werner Bergengruen, Reinhold Schneider und Edzard Schaper sind auf diesem Feld nicht zu unterschätzen. "Winter in Wien" wie auch "Der letzte Rittmeister" wurde zum Teil, wie das Spätwerk Dürrenmatts, in alkoholisiertem Zustand geschrieben. Jünger hat zu Alkohol die selbe Einstellung wie zur Politik: unbefangene Distanz! Siehe auch sonstige Drogen. 

Götz Kubitschek

26. März 2021 10:57

Erik Lehnerts Antwort auf die Frage zu den Fassungen von "Kleiner Mann - was nun?"

Es gibt drei verschiedene Textausgaben:

1932/1933: Originalausgabe (der Umschlag wurde zunächst von George
Grosz, ab 1933 dann von Walter Müller-Worpswede gestaltet), deren Text
auch seit 1950 wieder verwendet wurde

ab 1934 bis Kriegsende dann die Ausgabe mit den Änderungen (Torwart
Lauterbach)

2016 erschien dann die ungekürzte "Originalfassung", so wie Fallada das
Buch damals beim Verlag abgegeben hatte (wo es dann gekürzt und
lektoriert wurde)

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