1. April 2021

»Orbáns Illiberalismus ist die Rückkehr des Politischen«

Gastbeitrag

Das nachfolgende Gespräch erschien zuerst in Heft 188 (Februar/März 2021) des französischen Magazins éléments.

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Anlaß war das Buch Pourquoi Viktor Orbán joue et gagne (dt. Warum Viktor Orbán spielt und gewinnt ) aus der Feder von Thibauld Gibelin, erschienen bei Éditions Fauves, Paris 2020, in dem Gibelin das Erfolgsrezept Orbáns zu entschlüsseln versucht.

François Bousquet, éléments-Redakteur und Verantwortlicher der Nouvelle Librairie in Paris, sprach mit Gibelin.

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éléments: Nach dem Aufstand von 1956 in Budapest ist Ungarn gewissermaßen von den Radarbildschirmen verschwunden. Heute steht es wieder im Mittelpunkt des politischen Machtspiels. Bei der Lektüre Ihres Buches fühlt man sich an jene – um mit Milan Kundera zu sprechen – »kleinen, von allmächtigen Nachbarn umgebenen Länder« Mitteleuropas erinnert. Ist die Einzigartigkeit Ungarns darin begründet?

Thibaud Gibelin: Von Frankreich aus betrachtet, ist Ungarn sicherlich ein neu zu entdeckendes Land. Wir haben einander unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, als der Vertrag von Trianon das Königreich des heiligen Stephan um zwei Drittel seines Territoriums brachte, mit erkalteten Gefühlen den Rücken gekehrt. Danach sollten Kommunismus auf der einen und Nationalsozialismus auf der anderen Seite dem imperialistischen Streben Rußlands und Deutschlands lediglich eine neue Tünche verleihen. Nun, Mitteleuropa befindet sich mitten zwischen diesen Riesen.

Der Aufstand von 1956 versinnbildlicht die Hartnäckigkeit der nationalen Geisteshaltung im Schatten der UdSSR. In dieser Lage befinden sich auch Polen und Tschechien, eingekesselt von imperialen Großräumen. Ungarn sticht seit nunmehr zwei Jahrhunderten durch seine politischen wie kämpferischen Fähigkeiten hervor, mit deren Hilfe es seinen Kurs trotz widriger Umstände beizubehalten versucht. Viktor Orbán ist heute dessen Gesicht.

éléments: Auf der internationalen Bühne streiten heute zwei Ungarn um den Wahrnehmungsvorrang: George Soros und Viktor Orbán. Versinnbildlicht dieses Duell die großen Schlachten von morgen?

Gibelin: Mit Sicherheit die große Schlacht von heute: das heißt die Vollendung oder aber das Scheitern jener »Neuen Weltordnung«, die Präsident George Bush am Ende des Kalten Krieges versprochen hatte. Die zwei Lager haben gegensätzliche Ziele. Soros, der sich mit Beginn der 1980er Jahre an die Spitze der internationalen Spekulation gestellt hatte, ist einer der Protagonisten der Neuen Weltordnung. Orbán hingegen geht es darum, dem ungarischen Staat einen gewissen Handlungsspielraum im Dienste der nationalen Kontinuität zu sichern – unter dem Beschuß unzähliger feindseliger Kräfte.

Von großer Wichtigkeit ist dabei, daß das ungarische Volk 2010 eine Entscheidung getroffen hat und daß Orbán 2014 und 2018 erneut mit einer konstitutionellen Mehrheit ins Parlament eingezogen ist. Mehr noch: Die globalistischen Gewaltstreiche zugunsten einer systemischen Migration und einer gesellschaftlichen Umwandlung zwangen Ungarn, eine illiberale Alternative zum Modell der »offenen Gesellschaft« immer klarer herauszuarbeiten.

éléments: Wie würden Sie die politische Persönlichkeit Orbáns definieren?

Gibelin: Die vorher erwähnten zwei Lager bilden die Kulisse. 1988 ist Viktor Orbán eines der Gründungsmitglieder des Bundes Junger Demokraten (Fidesz), die im westlichen Modell eine Ausbruchsmöglichkeit aus der realsozialistischen Sklerose sehen. Doch ist der junge antikommunistische Dissident damals kaum darüber hinausgegangen; die nationalkonservative Kehre des Fidesz zeichnet sich erst ab 1993 ab.

Zudem haben die sozialistischen Eliten ihr Mäntelchen schnell nach dem Wind gehängt, als sie sich die liberale Ideologie zu eigen machten und die Linke des ungarischen politischen Spektrums besetzten. Im Gegensatz zu diesen wetterwendischen »Volks«-Vertretern bemühte sich Viktor Orbán um eine Verankerung im Volk. Diese unbeirrte Ausrichtung erklärt sich durch seine soziale Herkunft: Orbáns Familie lebte auf dem Land, das hat zweifelsohne sein politisches Schicksal mitbestimmt: Im Laufe der dreißig Jahre seiner politischen Karriere schält sich immer deutlicher das Profil eines autoritären Demokraten heraus.

éléments: Der Populismus scheint an einem vorprogrammierten Verschleiß zu kranken, der ihn daran hindert, eine dauerhafte Einrichtung zu werden. Aus dieser Perspektive ist Orbán eine Anomalie. Was unterscheidet ihn von den übrigen populistischen Leadern?

Gibelin: Viktor Orbán hatte sich schon früh engagiert. Die jungen Dissidenten, die sich zu einer Gruppe zusammenschlossen, als er 25 Jahre alt war, bilden den harten Kern seines Teams, das zehn Jahre später an die Macht kam. Der Fidesz ist eine organisierte, fest etablierte und auf ihren charismatischen Anführer ausgerichtete Partei. Dieser ist als Politiker ein schrecklicher Gegner, unleugbar von Machthunger getrieben, und er konnte in Budapest als unumstrittener Anführer der ungarischen Rechten die populistische Grundströmung auffangen.

Der ungarische Ministerpräsident ist eine Synthese politischer Knechtschaft und nationaler Größe. Im Gegensatz zu anderen populistischen Leadern begnügt er sich nicht mit der Rolle des Bauchredners, der lediglich die Unzufriedenheiten seines Volkes kundtut. Außerdem besitzt er ein untrügliches Gespür für historisch einmalige Gelegenheiten. Angefangen mit dem Fall des Kommunismus bis hin zum apokalyptischen Verfall des liberalen Westens weiß er die Gunst der Stunde zu nutzen und die Verwerfungen des Systems auszubeuten.

Angesichts der seit 2008 gleichermaßen totalitären wie künstlich erzeugten Finanzmatrix verleiht Orbán seinen politischen Entscheidungen ein philosophisches Gewicht, wenn er das Christentum gegen den liberalen Westen ins Feld führt, den Wert der Arbeit gegen ein Sterben auf Kredit, die Familie gegen das sich selbst entwerfende Individuum usw. Und dies gerade deshalb, weil eine ausgeglichene, ihre Früchte zeitigende Ordnung die einzige realistischerweise anzustrebende Option angesichts des nihilistischen Chaos ist, das (noch) dominiert.

éléments: Orbán ist der erste und vorerst einzige Staatschef, der sich explizit auf den Begriff des »Illiberalismus« beruft. Ist dieser Illiberalismus geeignet, dem Populismus einen politischen Inhalt zu geben?

Gibelin: Die liberale Logik fleddert den politischen Körper, um auf diese Weise die optimale Wirtschaftlichkeit des investierten Kapitals zu garantieren. Damit aber setzt sie den Großteil des Volkes und dessen historische Kontinuität aufs Spiel.

Orbáns Illiberalismus bedeutet die Rückkehr des Politischen. Und selbst wenn es sich nur um eine partielle Kontrollübernahme handelt, so stellen seine Anstrengungen doch einen starken Kontrast zur beispiellosen Abdankung der politischen Eliten im Westen dar. Die erste erforderliche Tugend ist Mut – eine selten anzutreffende Ressource in unserer Zeit.

éléments: Orbáns Entwicklung ist interessant: vom Liberalismus der 1990er Jahre hin zum Illiberalismus der 2010er Jahre. Schwerlich kann man sie als opportunistischen Winkelzug abtun …

Gibelin: Mitteleuropa ist ein Baustein des christlichen Westens – im Gegensatz zur orthodoxen Welt. Der Zusammenbruch des Kommunismus hat – in den Augen der betroffenen Länder – eine Rückkehr zur Normalität ermöglicht. Das Kräfteverhältnis war unerbittlich: Serbien hat für seinen Ansatz eines dritten Weges mit der Zerlegung seines Territoriums bezahlt.

Übrigens war die rasante Entwicklung, die das westliche Eu­ropa nehmen sollte, damals kaum abzusehen. Ein Besuch in Berlin, Paris oder Mailand, die Lektüre der damaligenSchulbücher – all das vermochte die jungen Antikommunisten vor dreißig Jahren kaum vor den Kopf zu stoßen. Heute hingegen trennen sich Ungarn und Polen von einem toten Stern, der zum Schwarzen Loch geworden ist. Die Lage der westlichen Länder erinnert an jene des berühmten Frosches im Topf, der langsam aufgekocht wird, ohne Schock also.

éléments: Wie kann man der EU widerstehen, ohne die EU zu verlassen? Wird dies ermöglicht durch das Zustandekommen regionaler Allianzen nach dem Vorbild der Visegrád-Gruppe? Welche Lehre können wir Europäer daraus ziehen?

Gibelin: Um einer unheilvollen Isolation vorzubeugen, ist Orbán um das Schmieden eines mitteleuropäischen Konsenses bemüht, der am Verhandlungstisch in Brüssel ein Gegengewicht darzustellen vermag. Dieses Ziel wurde bisher hauptsächlich in der Migrationsfrage erreicht.

Es scheint überhaupt nur zwei Möglichkeiten zu geben, die EU zu beurteilen: entweder als einen parasitären Befall des Kontinents oder aber als den unerläßlichen europäischen Rahmen in unserer Zeit, wie es vor zwei Jahrhunderten die Heilige Allianz war oder vor tausend Jahren das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Mitteleu­ropa zeigt da einen pragmatischen Weg auf.

éléments: Mehrheiten sind unbeständig. Wie sehen Orbáns Chancen bei der nächsten Wahl aus?

Gibelin: Angesichts der gegenwärtigen geschichtlichen Überhitzung erweist sich jede vorschnelle Prognose als müßig. Was wird ausschlaggebend sein? Machtverschleiß oder System­erschöpfung, ein möglicher Fehler Orbáns oder der globalistische Irrsinn? Die Waagschalen sind ständig in Bewegung.

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In Heft 101 der Sezession (April 2021) führen wir unsere Erkundung der ungarischen Lage intensiv fort. Abgedruckt sind ein programmatischer Aufsatz eines ungarischen Rechtsintellektuellen und historische Beleuchtungen ungarischer Zäsuren. 


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