Hedwig Richter und ihre Feinde (1) – Eine Debatte

Ein Buch zur Geschichte der Demokratie in Deutschland ist nicht gerade etwas, das eine aufregende Sache zu sein verspricht.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Das Feld ist ideo­lo­gisch so deut­lich abge­steckt, daß es schwer­fällt, aus­ge­rech­net aus der Geschichts­wis­sen­schaft Inno­va­ti­ves zu erwar­ten; selbst dann nicht, wenn der Unter­ti­tel von einer „deut­schen Affä­re“ spricht, was immer­hin nach einer lei­den­schaft­li­chen Ange­le­gen­heit klingt. Inso­fern ist die Auf­re­gung erklä­rungs­be­dürf­tig, die es um das Buch von Hed­wig Rich­ter (Mün­chen: C.H. Beck 2020, 400 Sei­ten, 26 Euro) vor allem in der Geschichts­wis­sen­schaft gege­ben hat (und noch gibt).

Hed­wig Rich­ter, geb. 1973, ist seit Janu­ar 2020 Pro­fes­so­rin für Neue­re und Neu­es­te Geschich­te an der Bun­des­wehr-Uni­ver­si­tät in Mün­chen. Für ihre Dis­ser­ta­ti­on über den Pie­tis­mus in der DDR (2008) wur­de sie eben­so wie für ihre Habi­li­ta­ti­on, eine ver­glei­chen­de Stu­die über die Wah­len in Preu­ßen und den USA im 19. Jahr­hun­dert (2016), ausgezeichnet.

Letz­te­re wur­de ähn­lich kon­tro­vers bespro­chen wie ihr aktu­el­les Buch über die Demo­kra­tie, das im August 2020 im Ver­lag C.H. Beck erschien. Die Auf­nah­me in den Feuil­le­tons war zwie­späl­tig. In der Süd­deut­schen gab es einen Ver­riß von Fran­zis­ka Aug­stein, in der FAZ ein Lob von Ste­phan Spei­cher, die Taz, der Spie­gel und der Deutsch­land­funk urteil­ten kri­tisch in ver­schie­de­nen Abstu­fun­gen. Als das Buch in der drit­ten Auf­la­ge vor­lag, was für solch ein The­ma sehr beacht­lich ist, grif­fen zwei Kol­le­gen von Rich­ter zur Feder und lie­ßen kein gutes Haar an dem Buch.

Chris­ti­an Jan­sen, Pro­fes­sor in Trier, gibt auf der Rezen­si­ons­platt­form H‑Soz-Kult (Febru­ar 2021) den ent­täusch­ten Leser, der einen Best­sel­ler zu dem The­ma aus volks­päd­ago­gi­schen Grün­den ger­ne sieht, aber einen ande­ren erwar­tet hat. Er bemän­gelt sowohl For­ma­lia (feh­ler­haf­te Bele­ge), Schlud­rig­kei­ten in der Argu­men­ta­ti­on (unschar­fe Begrif­fe, feh­ler­haf­te Kon­tex­tua­li­sie­run­gen, bana­le For­mu­lie­run­gen, Nicht­be­ach­tung des For­schungs­stan­des zu ein­zel­nen Aspek­ten) als auch eini­ge Wer­tun­gen Rich­ters, die sei­ner Mei­nung nach die preu­ßi­schen Refor­men nach 1806 zu posi­tiv sieht (und zu oft Nip­per­dey zitiert).

Posi­tiv beur­teilt er ledig­lich Rich­ters Inte­gra­ti­on der „Kör­per­ge­schich­te“ in die Demo­kra­tie­ge­schich­te: „Für Rich­ter ist die ent­schei­den­de Vor­aus­set­zung für (moder­ne) Demo­kra­tie und die Idee der Gleich­heit, dass die Men­schen den Kör­pern ihrer Mit­men­schen Respekt zoll­ten und ‚Fol­ter und Prü­gel­stra­fen nicht mehr als Unter­hal­tungs­spek­ta­kel, son­dern als wider­lich, schließ­lich sogar als Skan­dal‘ emp­fan­den.“ Das hält Jan­sen für eine ori­gi­nel­le The­se, wohin­ge­gen er die ande­ren The­sen Rich­ters als „kon­sens­fä­hig“ beurteilt.

Der zwei­te Kol­le­ge, der auf der Platt­form sehe­punk­te zur Feder griff, Andre­as Wir­sching, ist Pro­fes­sor in Mün­chen und Direk­tor des Insti­tuts für Zeit­ge­schich­te in Mün­chen, womit sein Wort in die­sen Fra­gen eini­ges Gewicht hat. Auch er hat For­ma­lia und Begriffsun­klar­hei­ten zu bemän­geln, geht Rich­ters Buch aber eher ideo­lo­gisch an, so daß man der Mei­nung sein könn­te, man habe es bei dem Werk mit einer revi­sio­nis­ti­schen Schrift zu tun.

Bei Rich­ter, so Wir­sching, stün­den am Ende „auch die dun­kels­ten Kapi­tel der deut­schen Geschich­te und mit ihnen der Natio­nal­so­zia­lis­mus in einem struk­tu­rel­len Zusam­men­hang mit der Demo­kra­tie“. Rich­ters Satz: „Der Natio­nal­so­zia­lis­mus ent­stand aus einer Demo­kra­tie und aus weit über hun­dert Jah­re alten demo­kra­ti­schen Tra­di­tio­nen“, sei „unsäg­lich“.

Rich­ter spie­le mit ihrer „linea­ren Par­la­men­ta­ri­sie­rungs­the­se“, die längst über­holt sei, „jenen neo-natio­na­lis­ti­schen Kräf­ten in die Hän­de, die die deut­sche Geschich­te ger­ne im Sin­ne einer gera­de im inter­na­tio­na­len Ver­gleich harm­los-demo­kra­ti­schen Linea­ri­tät umschrei­ben würden“.

Nach die­sen Fron­tal­an­grif­fen aus dem Kol­le­gen­kreis ergriff Patrick Bah­n­ers in der FAZ das Wort, um auf eini­ge Merk­wür­dig­kei­ten hin­zu­wei­sen. Denn sosehr sich die Kri­ti­ker auch in der Auf­zäh­lung von ver­letz­ten Wis­sen­schafts­stan­dards ergin­gen, am Ende bestehe der eigent­li­che Skan­dal für die bei­den dar­in, daß Rich­ters Buch so erfolg­reich sei, es sich nicht nur gut ver­kau­fe, son­dern auch im (ahnungs­lo­sen) Feuil­le­ton unkri­tisch betrach­tet wor­den sei.

Es fällt Bah­n­ers leicht, letz­te­res zu ent­kräf­ten (sie­he oben):

Das Bild einer Ein­heits­front ahnungs­lo­ser jour­na­lis­ti­scher Rezen­sen­ten, wel­che die Fach­kri­ti­ker gezwun­gen habe, das ganz schar­fe Mes­ser aus­zu­pa­cken, ist eine Legen­de – eine umge­kehr­te Dolch­stoß­le­gen­de, die der Ent­schul­di­gung der Mes­ser­ste­cher dient.

Bah­n­ers kommt zu dem Schluß, daß die freud­lo­sen Kol­le­gen neben dem Neid auf den Erfolg auch „das Spie­le­ri­sche, die gewag­te Kom­bi­na­ti­on von The­sen­bil­dung und Enthu­si­as­mus“, störe.

In der Welt kommt Marc Reich­wein zu einem ähn­li­chen Resü­mee der Debat­te, ord­net die­se aber in einen grö­ße­ren Zusam­men­hang ein, wenn er spe­ku­liert, ob die Prä­senz in Social-Media-Kanä­len wie Twit­ter, in dem Rich­ter über 18.000 Fol­lower ver­fügt, für die Repu­ta­ti­on mitt­ler­wei­le wich­ti­ger sei als wis­sen­schaft­li­che Korrektheit:

Dass der sonst so sophis­tisch an Begriff­lich­kei­ten inter­es­sier­te Bah­n­ers den von Wir­sching an Rich­ters Bücher her­an­ge­tra­ge­nen Vor­wurf der begriff­li­chen Unschär­fe non­cha­lant über­ging, spricht Bän­de. Twit­ter för­dert und for­dert Soli­da­ri­tät unter Gleich­ge­sinn­ten, Rudel­bil­dung ist dort im Zwei­fel wich­ti­ger als eine Debat­te zur Sache.

Ande­rer­seits kon­sta­tiert Reich­wein in der deut­schen Geschichts­wis­sen­schaft eine Into­le­ranz gegen­über „exter­nen Per­spek­ti­ven“, wofür er die Reak­tio­nen auf Gold­ha­gens Hit­lers wil­li­ge Voll­stre­cker und Clarks Schlaf­wand­ler als Beleg anführt.

(Teil 2, zum Gegen­stand der Debat­te, folgt morgen.)

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Hed­wig Rich­ter: Demo­kra­tie. Eine deut­sche Affä­rehier bestel­len. 

Hed­wig Rich­ter: Auf­bruch in die Moder­ne. Reform und Mas­sen­po­li­ti­sie­rung im Kai­ser­reichhier bestel­len. 

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Hed­wig Rich­ter – eine deut­sche Affä­re? Dar­über dis­ku­tier­ten wir in der 17. Fol­ge des Schnell­ro­da-Pod­casts »Am Ran­de der Gesellschaft«.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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