15. April 2021

Erziehungsgrundsätze, überdacht (2)

Caroline Sommerfeld / 33 Kommentare

Teil 2 der Erziehungsgrundsätze, die ich angesichts der Lage überdacht habe und nun zur Diskussion stelle: Geist, Askese, Verlassenheit, Unverdrehtheit.

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

4. Geist ist das, was uns hinaufzieht, ist Vertikalspannung, Hingezogenheit zu Gott, Sehnsucht nach einer höheren Ebene. Der Erwachsene wird gehoben und zieht dadurch das Kind.

Hans-Magnus Enzensberger schrieb einmal über den mittelalterlichen Gelehrten Philipp Melanchthon, der ein Klosterleben führte, dieser sei "ein reicher Geist in einer objektiv beschränkten Welt" gewesen. Unsere Außenwelt ist im Laufe eines Jahres objektiv beschränkt worden, ein Ende des Dauerlockdowns und der Repressionen ist derzeit nicht abzusehen. Aus der drangvollen Enge der Zwangsmaßnahmen, die für uns angesichts unserer Kinder besonders spürbar werden, führt indes ein Weg hinauf. Bedrängnis hat den Sinn, daß im Menschen zunächst Sehnsucht nach Freiheit entsteht. Diese kann sich aber nicht unmittelbar Bahn brechen, sondern aus dem Schmerz des Widerspruchs zwischen ursprünglicher Freiheit und offenkundigem äußerem Zwang entsteht etwas Neues: der Wunsch danach, daß der feindlichen Macht der Zugriff auf meine Seele und die Seelen meiner Kinder verwehrt wird. Dies aber kann ich als Mutter genausowenig wie jeder Mensch allein bewerkstelligen, sondern hier muß ich mich selber erst heben lassen. Der er-zogene, empor-gezogene Erwachsene erst kann erziehen. Ein "reicher Geist" zu werden während der Ausgangssperren ist keinesfalls ein schlechter Trost. Denn es gibt große Vorbilder des Widerstands und der Gottsuche in unserer Tradition.

Geistige Ernährung ist in schlechten Zeiten wichtiger denn je. Wem Kirchen verwehrt sind (die Unterwerfung der Amtskirchen unter das neue weltliche Glaubenssystem und seine Rituale hält so manchen aufrechten Christen fern), der versucht verzweifelt, im häuslichen Alltag eine praxis pietatis zu entwickeln. Ich beschrieb schon in Wir erziehen die Szene aus Gottfried Kellers Grünem Heinrich, in der Heinrichs Mutter das Tischgebetsprechen einführen will - Heinrich schweigt beharrlich. Kinder spüren, wenn Eltern krampfhaft eine Lücke füllen wollen. Es gibt tausend Bücher, Sprüche, Gebete, Rituale, die niemandem zu nahe treten, winzig klein sind inmitten des schnöden Alltags und doch eine Aufwärtsbewegung spüren lassen. Ab heute gibt es mehr als das immergleiche Frühstückmittagabendbrot.

 

5. Askese heißt, sich selber führen zu können, die »Führung in mir« zu verspüren. Sich-etwas-versagen-Können, Selbstdisziplin, Entwicklung von Versuchungswiderstand: Askese ist innere Freiheit.

Askese besteht generell darin, daß man sich selbst weniger erlaubt, als von außen erlaubt ist,

schrieb der Kulturtheoretiker Boris Groys. Auch hier könnte das Mißverständnis (ähnlich wie bei der Distanz und weiter unten bei der Verlassenheit) entstehen, ich verdopple nur die Maßnahmenpropaganda und wolle wohl noch weniger erlauben, als was uns gerade noch erlaubt sei. Groys fährt jedoch erklärend und für den von mir gemeinten Zusammenhang sehr erhellend fort:

Die Askese besteht nicht darin, daß man die Grenzen positiv akzeptiert, die einem von außen aufgezwungen sind, sondern darin, daß man seine Grenzen viel enger zieht, als es nötig ist. Erst durch diese enge Limitierung werden Souveränität, Autorschaft, Autonomie gewonnen.

Ich schrieb für das Magazin COMPACT einen Beitrag über Kinder im "Lockdown". Darin fragte ich:

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, daß alle Leute unentwegt davon reden, was sie „nach Corona“ machen wollen? Auf Kinder hat dieser Köder eine besonders starke Wirkung, ähnlich wie versprochene Süßigkeiten oder Geschenke. Eine Lehrerin verkündete bei der ersten Online-Stunde nach Weihnachten, dass die Klasse im Sommer auf Klassenfahrt fährt, sie ein Sportfest veranstalten und endlich wieder Schwimmunterricht haben werden. Die Pfadfindergruppe rüstet sich schon zum Sommerlager. Sie meinen es gut, sie hoffen es ja auch selber, weil ihnen versprochen worden ist. Doch Vertrösten bedeutet, einen Schwächeren bei Laune zu halten – und zwar die Behörden von der Regierung, die Pädagogen von den Behörden, die Eltern von den Pädagogen, die Kinder von beiden, immer von oben hinunter zum Schwächeren. „Ein Mächtiger deckt den anderen; hinter beiden stehen noch Mächtigere“ (Koh 5,7) heißt es schon in der Bibel. Die Devise muß lauten: nicht utopisch wegflitzen in die Zeit "nach Corona" oder davor, als alles noch heile war. Im Hier und Jetzt zu leben hilft gegen Köder.

Versuchungswiderstand muß sich derzeit gegen einige neue Verlockungen richten. Es wäre ein leichtes, durch Test und Impfung das "alte Normal" zurückzubekommen, flüstert die Propaganda. Selbst wenn man diesen Methoden gründlich skeptisch gegenübersteht, hören sie nicht auf zu locken: für den einen Schwimmbadspaß oder die Reise in die alte Heimat könnte man doch ... Selbst wann man da hartbliebe, rutscht sofort der nächste Köder nach: die Demo gegen Testzwang in den Schulen, juristische Erfolge gegen PCR-Test und Maske bei Kindern, Auswandern in ein Land ohne Lockdown. Askese hieße hier, sich einen Träumereistop selbst zu verordnen: Innerlich seinen Frieden damit zu machen, daß selbst bei gewissen Siegen gegen das System immer ein Rest bleiben wird, dem man nicht auskommen kann, und der deshalb ertragen werden muß.

Kindern kann man Askese nicht direkt abverlangen, zumal deren ganzer Sinn Selbst-Disziplin ist und nicht fremdauferlegte Disziplin. Ihnen die Hoffnung auf den Urlaub oder die Freunde madig zu machen führt dazu, daß sie "nimmer über Corona reden" wollen, wie ich selbst erfahren mußte. Askese teilt sich mittelbar mit: die "objektiv beschränkte Welt" wird nicht bejammert, sondern täglich neu geordnet, gereinigt, genutzt.

6. Verlassenheit und gelegentliches Ausgesetztsein in Erprobungssituationen sind die Voraussetzungen für das Wachstum der inneren Kräfte.

Der Verlassenheit hatte ich den größeren Teil des COMPACT-Beitrags gewidmet. Hier will ich noch einmal neu ansetzen.

Für die Zeit vor 2020 habe ich feststellen können: Je enger die Freizeitaktivitäten getaktet waren, je länger die Aufbewahr-Zeit in Ganztagsschule und Hort war, je mehr Eltern ihre eigenen Konsumbedürfnisse den Kindern übergestülpt haben, desto weniger gute, entwicklungsförderliche Verlassenheit konnten die Kinder erleben. Ist es also positiv zu bewerten, daß Kinder plötzlich nicht mehr auf diese Weise in Dauerbeschäftigung eingespannt sind, weil das soziale Leben durch die „Corona“-Maßnahmen schockgefroren worden ist?

Keineswegs. Tagesbetreuung und Freizeitpark, die nun flachfallen, sind ja genauso von Übel wie häusliche Quarantäne, Bildschirmeinsamkeit und der Spaziergang um den Block "zur psychischen und physischen Erholung", wie es im Gesetzestext der Stadt Wien zur Ausgangssperre heißt. Der Teufel wird mit dem Beelzebub ausgetrieben.

Gerade mit Blick auf den Erziehungsgrundsatz der heilsamen Verlassenheit müssen wir konstatieren: vom Ideal bleibt kaum etwas übrig. Forderten Erziehungsratgeber der 90er und 2000er Jahre noch "Mehr Matsch!" oder fragten nach dem "Letzten Kind im Wald?", richtete sich der Appell an Eltern als entscheidungsfähige Individuen, die einen Gestaltungsspielraum hatten, den sie sich bewußtmachen mußten und dann Wohnort, Schultyp oder Wochenendgestaltung ändern. Die Lebenswelt wurde inzwischen fast vollständig vom System kolonisiert. Auch Dorfkinder sind online und der Matschplatz ist gesperrt.

Bleibt ein Aspekt der Verlassenheit, dem sich unser Vorlesebuch ausgiebig widmet: das Abtauchen in eigene Welten beim Lesen. Auch hier wird deutlich: selbst die Alltagsgeschichte einer Familie, in die ein Schweinchen einzieht, spielt in einer verlorenen, mit prallem Leben gefüllten Welt ohne Masken, Abstand und Computer. Dies allerdings trifft  - vom aktuell gehypten weil "so aktuellen" Genre des dystopischen Jugendromans abgesehen - auf alle Kinderbücher zu (lustige Maskenbilderbücher und Querdenkerschimpfe vom Polizistenkind kloppen wir ungelesen in die Tonne). Vorlesen jedenfalls ist der für uns noch gangbare Balanceakt zwischen Engung und Weitung.

 

7. Unverdrehtheit ist eine Mischung aus gesundem Menschenverstand, Lebenserfahrung und erprobten Maßstäben. Sie wappnet gegen Manipulation, Propaganda und Täuschung.

Dieser Grundsatz ist in der unmittelbaren Gegenwart und erwartbaren Zukunft von entscheidender Bedeutung. Hier brauchen wir nicht zu zagen, ob uns unsere altbewährten Maximen und Reflexionen noch helfen. Hier geht's in die Vollen!

Ein erster, ja der entscheidende Schritt ist geschafft, wenn die uns anvertrauten Kinder keine Angst verspüren. Keine Angst, mit Kindern zu spielen, Leuten die Hand zu geben, Oma zu besuchen oder todkrank zu sein, wenn sie eine Rotznase haben. Man kann es kaum anders denn als eine geglückte "Psy Op" bezeichnen, daß eine überwältigende Mehrheit von Gesunden dieser Tage glaubt, "asymptomatisch" zu sein.

Kindern ohne einen triftigen Grund inmitten ihrer geistigen Entwicklung solche Maßnahmen und so eine Verantwortung aufzubürden, halte ich für höchst bedenklich,

äußerte sich der ehemalige Gesundheitsamtsleiter Friedrich Pürner. Das Aufbürden einer nicht entwicklungsgemäßen Verantwortung gehört zum selben Problemkreis wie die digitale Zweitidentität. Falsche Verantwortung kommt den Lesern von Wir erziehen bekannt vor. Dort habe ich den Soziologen Frank Furedi erwähnt, der es "paranoid parenting" nannte, Kinder gleichzeitig wie Babys überzubehüten und wie kleine Erwachsene verantwortlich für alles mögliche zu machen. Kinder über falsche Verantwortung zu manipulieren ist spielend leicht. "Willst du das nicht selber bestimmen?" lautet die Suggestivfrage. Auch das "verantwortliche" Händewaschen, Masketragen und Babyelefantenabstandhalten wird auf diese Weise erzeugt: "Du willst doch nicht schuld sein, wenn ...".

Ein nützliches Kriterium ist die einfachste Definition von Manipulation: wenn einer dem anderen seine Interessen als dessen Interessen unterjubelt.

Dieses Kriterium können wir als Eltern an jede einzelne Maßnahme, Statistik, Versprechung und Wortneuschöpfung des Systems herantragen. Älteren Kindern läßt sich diese Denkweise trefflich erklären. Ein gewisses Gefühl des "Wir-gegen-den Rest-der-Welt" kann daraus entstehen, mit dem man vorsichtig umgehen sollte. Im Elternhaus "die Lügen zu durchschauen" kann arrogant und weltfremd machen und insbesondere Jugendliche mit tiefgehender kognitiver Dissonanz strafen. Unverdrehtheit heißt nicht Weltverachtung, sondern birgt eine Aufgabe in sich: die Verdrehung der Welt wieder zurückzudrehen, damit sie ins rechte Lot kommt. Um das zu schaffen, benötigt man das gesamte Ensemble der Tugenden meines Erziehungsbuches. Drei folgen noch.

-- -- --

Caroline Sommerfelds Wir erziehen. Zehn Grundsätze (2. Auflage) kann (und sollte) man hier bestellen.


Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.


Kommentare (33)

Laurenz

15. April 2021 10:55

Dieses Jahr habe ich mich spät entschlossen zu fasten, also die Fastenzeit quasi nach hinten verschoben, zwar keine Härtner-Kneipp-Tortur, aber quasi Kerker-Kost. Aber der Verzicht oder die CS-Askese, ist immer Luxus. Nur derjenige, der etwas hat, kann auch verzichten. 

Aber was ist, wenn es nichts mehr zum verzichten gibt?

Es ist fast wie gestern, wenn ich mich an meine eigene Schulzeit erinnere. Im Gymnasium stellten meine verlinksten Mitschüler oft die Frage, "wie konnte die Machtergreifung der Nationalsozialisten passieren?". Heute frage ich mich, wo meine damaligen Mitschüler sind? Geschichte wiederholt sich, wir stehen vor demselben Phänomen.

Ich habe bezüglich des Netzzugangs keine so großen Sorgen, Frau Sommerfeld. Der nächste Blackout kommt gewiß. Dann verzichten alle, auch auf eine Anbindung an das Netz. Die in Deutschland verbliebene Aluminium-Bearbeitung mußte im letzten Jahr ca. 80x reduziert oder eingestellt werden. Das ist zwar nur ein Symptom, aber zumindest ein echtes.

Ein gebuertiger Hesse

15. April 2021 10:57

Großartig Punkt 7. Wir können nur ahnen, welche Anstrengungen es für die Kinder später mal bedeuten wird, die induzierte Angst wieder abzuschütteln, zu transzendieren, mit Hauruck-Stolz in was anderes zu verwandeln. Man kennt es vielleicht selbst. Hatte jemand der hier Kommentierenden übersorgsame Eltern, deren Furcht er nolens volens übernahm? DASS er auf SiN gelandet ist (vielleicht dennoch oder gerade deshalb), ist nicht zuletzt das Ergebnis einer solchen Abschüttelung. Man perspektiviere das auf die Kinder, denen seit einem Jahr die natürliche Gemeinschaft und der OFFENE MUND verboten wird. Wir dürfen auf die Gegenreaktionen gespannt sein, irgendwann mal, so wir dann noch unterwegs sind.

Maiordomus

15. April 2021 13:28

@Gottfried Benn nennt "Gott" etwas salopp "das Wort, das meinem Stil fremd ist." Im Sinn von Nietzsche hat zumindest der "Tod Gottes" etwas mit der fatalen Situation des Geistes im Zusammenhang mit dem Hereinbrechen des Nihilismus zu tun. Wie auch immer, wenn Dürrenmatt und andere sich Atheisten nennen, ev. sogar der Marxist Bloch, drängt sich der Verdacht auf, sie wollten zumal nicht mit den Frommen und Gottgläubigen verwechselt werden.

Ja, Fasten tut gut. Dass es mit den Religionen in Verbindung gebracht wird, ist kein Zufall, weil es ohne Änderung der Ernährungsgewohnheiten nichts gibt, was sich an uns im inneren Personkern noch ändern könnte. Über das Religiöse hinaus und neben demselben hat es auf jeden Fall mit unserem Selbstverständnis als geistige Existenz zu tun. Mein eigener Fehler war indes, an Ostern auf die Waage zu stehen. Das gelassene Fasten ist völlig unabhängig von irgendwelcher zu erbringender Leistung. Dabei ist Hungern zwischen Ostern und Pfingsten jahreszeitlich sinnvoller und sogar noch "geistiger" als das herkömmliche, längst nicht mehr kirchlich betonte Fasten, zu dem traditionell auch die zwar dispensationsfähigen Milchprodukte gehörten. 

Imagine

15. April 2021 13:54

Gerade rechtskonservative Eltern – so meine These – überschätzen regelmäßig den Einfluss der familiären Erziehung auf die Entwicklung ihrer Kinder.

Denn deren Denken ist von anachronstischen und obsoleten Vorstellungen sowie Wunschdenken hinsichtlich der gesellschaftlichen Entwicklung und des Sozialisationsprozesses bestimmt.

Die kritischen wissenschaftlichen Forschungen und die Theorieentwicklung werden ignoriert. Das betrifft nicht nur Laien, sondern auch und gerade gerade Menschen, die beruflich als Erzieher, Lehrer, Psychotherapeuten etc. tätig sind.

Kommentar Sommerfeld: Dann nennen Sie mir die "kritischen wissenschaftlichen Forschungen und die Theorieentwicklung", und ich will sehen, ob ich sie nicht kenne, ignoriere oder mich bewußt dagegen richte.

anatol broder

15. April 2021 14:26

aus ansichten eines clowns von heinrich böll:

clown. die erstaunlichste erfahrung unserer kind­heit war die erkennt­nis, dass wir zu hause nie richtig zu fressen bekamen.

vater. du meinst, ihr wärt nie richtig satt geworden?

clown. genau das, wir sind nie richtig satt geworden, wenig­stens zu hause nicht. ich weiss bis heute nicht, ob es aus geiz oder aus prinzip geschah, mir wäre lieber, ich wüsste, dass es aus geiz geschah – aber weisst du eigent­lich, was ein kind spürt, wenn es den ganzen nach­mittag rad­ge­fahren, fuss­ball gespielt, im rhein geschwommen ist?

vater. ich nehme an, appetit.

clown. nein, hunger. verdammt, wir wussten als kinder immer nur, dass wir reich waren, sehr reich – aber von diesem geld haben wir nichts gehabt – nicht einmal richtig zu essen.

vater. hat es euch je an etwas gefehlt?

clown. ja, ich sag’s ja: an essen – und ausser­dem am taschen­geld. weisst du, worauf ich als kind immer hunger hatte?

vater. mein gott, auf was?

clown. auf kartoffeln. aber mutter hatte damals schon den schlank­heits­fimmel – du weisst ja, sie war immer ihrer zeit voraus –, und es wimmelte bei uns ständig von irgend­welchen dummen schwätzern, von denen jeder eine andere ernährungs­theorie hatte, leider spielte in keiner einzigen dieser ernährungs­theorien die kartoffel eine positive rolle.

Maiordomus

15. April 2021 14:42

Zu den "kritischen wissenschaftlichen Forschungen". Der "Emile" von Rousseau enthält als Meisterwerk einige der genialsten Trouvaillen in der menschheitlichen Geschichte der Pädagogik, zum Beispiel den Umgang des Erziehers mit Emil im Zusammenhang mit der magnetischen Ente, ich glaube im 4. Buch: Jenseits letztlich unpädagogischer  Überlistung könnten Lehren, Lernen und Erleben nicht besser praktiziert werden, und dies auf auch inhaltlichem Spitzenniveau in der Begegnung eines genialen Erziehers und ebenso genialen Schülers. Aber solche Erziehungsmomente sind quasi wie die Offenbarungen des Göttlichen gnadenhaft, sie können eintreten, wenn von den Beteiligten und der Situation her schlicht alles stimmt, fast so wie bei einer sportlichen Spitzenleistung, sei es im Tennis oder im Schach. @Imagine hat aber recht im Hinblick auf die Besorgnisse von "uns" Rechtskonservativen. Toll finde ich, dass "links" erzogene Kinder sich nicht selten eher, bei Desillusionierung, nach rechts wenden als Kinder von Rechten, deren Eltern es in ihrem Sinn vielleicht allzu gut meinen. 

Maiordomus

15. April 2021 14:58

@anatol broder. Böll war mir zu Lebzeiten ein vielfach gehässig scheinender Miesmacher des bundesrepublikanischen Betriebes. Ich sah aber dann spätestens bei der Rezension seines  "Ekelbuches" gegen die CDU, "Frauen vor Flusslandschaft", dass er ein im besten Sinn doch ein  kritischer und nicht zu korrumpierender eigenständig und selbständig denkender Christ und Katholik war, der übrigens auch Solschenizyn gegenüber eine hohe Achtung bewahrte. Wiewohl es letztlich brillantere Autoren gab und gibt, war er als Repräsentant der damaligen bundesrepublikanischen Literatur für mich glaubwürdiger als etwas Küng-Freund Jens, Erich Fried und zumal auch immer glaubwürdiger als Grass. Der Nobelpreis an ihn war im Prinzip keine Fehlentscheidung, so wenig wie Jahrzehnte später derjenige an Handke. Im Gegensatz sagen wir mal zur Jelinek. 

Mauerbluemchen

15. April 2021 20:23

@Imagine

Haben Sie Kinder (ich meine damit, richtig Kinder; also rund um die Uhr, jeden Tag die Woche mit ihnen und ihrer Mutter unter einem Dach wohnen, einen gemeinsamen Haushalt haben und sich in jeder Hinsicht um sie kümmern müssen - und das ganze auch noch von der Zeugung/spätestens der Geburt der lieben Kleinen an)? Als Alibi langt auch ein spätgeborenes Einzelkind.

Der Bitte Frau Sommerfelds schließe ich mich in aller Bescheidenheit  an: eine beispielhafte Theorie aus dem offenbar üppigen Blütenkranz kritischer Wissenschaften und ebensolcher Theorien mag genügen, um zu erkennen, ob und was unsereins so sträflich zu ignorieren scheint.

AmazonBesteller

15. April 2021 21:49

@Imagine

Ich schließe mich der Forderung von Frau Sommerfeld und Mauerbluemchen an. Präsentieren Sie uns bitte die kritischen Forschungen. Und zwar schön forumsgerecht aufbereitet. Keine Verweisungen auf Dritte wie es Maiordomus gerne macht. Wir wollen Aussagen und Ergebnisse.

hic rhodus hic salta

Das gilt übrigens für alle Ihre Aussagen, Imagine. Sie behaupten immer so viel. Plattitüden, Phrasen und Allgemeinplätze. Wenn dann jemand kritisch nachfragt, sagen Sie einfach, die Person hätte keine Bildung, wäre dumm oder hat die falsche Ausbildung. Wer klug ist und wissenschaftlich denken kann, der versteht das…

Des Kaiser neue Kleider Rhetorik. 

 

@ Maiordomus

Sie erklären auch nichts. Stattdessen verweisen Sie immer auf andere Autoritäten. Was soll das? Soll ich mir das jetzt alles durchlesen?

Gracchus

15. April 2021 23:28

Wie @Maiordomus neulich schrieb wirken Sommerfelds Reflektionen geerdet erdend. Die Grundsätze kann man auch zur Selbsterziehung nutzen.  

@anatol broder: Auch Goethe lehnte Kartoffeln ab. 

@Laurenz: Zustimmung. 

@imagine: Ohne wissenschaftliche Theorie machen Sie wohl keinen Schritt. 

@AmazonBesteller: Rosseau können Sie ruhig lesen. Erst recht Kellers Grünen Heinrich. Ein wunderbarer Autor.

@Ein gebürtiger Hesse: "Hatte jemand der hier Kommentierenden übersorgsame Eltern, deren Furcht er nolens volens übernahm?" Könnte auf mich zutreffen. 

links ist wo der daumen rechts ist

15. April 2021 23:33

Mutter Courage

Bei Erziehungsprogrammen (oder -anleitungen) habe ich oft den Eindruck, daß es sich um Sinnstiftungsprogramme (und der damit verbundenen Selbstvergewisserung) handelt, die man als "erziehungsberechtigte Person" aus der Erwachsenenwelt in die der eigenen Kinder projiziert. Stichwort: Askese (ich weiß die Entgegnung, aber...).
Anders formuliert: gibt es nicht ebenso viele Beispiele gefestigter Persönlichkeiten, die aus desolaten Familien kommen wie umgekehrt? Benns Gedicht "Menschen getroffen" im Hintergrund...
Zum anderen: welche Rolle spielt in der Erziehung der eigenen Kinder der Kontrast aus der Welt der Eltern und der anderer wichtiger Bezugspersonen (Großeltern, Tante, Onkel, Babysitter, Lehrerin usw.)? Dabei geht es doch auch zentral um Begriffe wie Verbot und Erlaubnis usw.
Der Begriff der "Verlassenheit" scheint mir dabei ein klarer Grenzfall zu sein.
Kein Kind kann Verlassenheit ertragen, vielleicht ist aber auch der Begriff der Einsamkeit im Sinne Hannah Arendts gemeint als Voraussetzung für die innere Zwiesprache, vgl.

http://gellhardt.de/arendt_bluecher/5_Zusammenhang_v_Denken_u_Moral.pdf

Nicht umsonst endet ein Buch, das "Verhaltenslehren der Kälte" oder so ähnlich heißt mit einem Hinweis auf Hannah Arendt und einer über die Schlachtfelder wandelnden verlassenen Kreatur namens Mutter Courage...

Imagine

16. April 2021 00:20

1/2

Die Diskussion Sozialisation versus Erziehung ist schon alt.

Die heutige Megamaschine des politökonomischen Systems zwingt die Individuen in die Rolle eines systemkonform funktionierenden Rädches.

Zugleich werden diese Systemzwänge von den Individuen geleugnet und in freiwilliges, selbstbestimmtes Handeln umgedeutet.

So beispielsweise, wenn es um die Lehrerrolle geht. Lehrer sind Staatsdiener, deren Haneln völlig fremdbestimmt ist: Ein Lehrer bekommt seine Unterrichtsinhalte und –ziele vorgeschrieben, erhält seine Unterrichtsmaterialien vorgegeben etc.

So wie das Verhalten der anderen Rädchen - eines Verkäufers, eines Industriearbeiters, eines Betriebswirts, eines Polizisten etc. - fremdbestimmt ist.

Nur weiß ein Industriearbeiter, dass er die Funktion eines Rädchens innerhalb des Betriebs innehat, der Soldat die eines Befehlsempfängers und jeder Polizist weiß, dass er ein Exekutivorgan der Politik ist.

Ein Lehrer hingegen schwätzt über die Bedeutung der Persönlichkeit des Lehrers und der pädagogischen Beziehung – und dies im Widerspruch zur gesellschaftlichen Realität.

Diese Realitätsverleugnung und falsche Idealisierung des pädagogischen Handelns kennzeichnet die Profession der Lehrer, trotz eines Siegfried Bernfelds, eines Klaus Mollenhauers, eines Hans-Jochen Gamms oder einer Ingrid Lohmann oder einer Ursula Reitemeyer.

Diese Namen sind unter Lehrern weitgehend unbekannt.

 

Imagine

16. April 2021 00:21

2/2

Dabei wäre gerade eine kritische Erziehungswissenscheaftlerin wie Ingrid Lohmann aktuell hochinteressant, weil sie schon seit langer Zeit die ökonomischen Interessen aufzeigt, die hinter den Schul- und Hochschulreformen und hinter der „Digitalisierung“ der Schulen und Hochschulen stehen.

Es ist aussichtslos, jenen Eltern die Erziehungsillusion nehmen zu wollen, die glauben, sie hätten entscheidenden Einfluss, erfolgreich auf die Persönlichkeitsentwicklung ihrer Kinder nach ihren Wertvorstellungen einwirken zu können.

Was nützt es da, auf Erich Fromm, Alexander Mitscherlich, Heidi Rosenbaum,
Neil Postman, Christopher Lash, Richard Sennett, Reimer Gronemeyer, Niklas Luhmann et al. hinzuweisen?

All diese Wissenschaftler zeigen, dass die Bemühungen jener Eltern, die gegen die herrschende Gesellschaft erziehen wollen, ohnmächtig sind gegen die riesigen Sozialisationskräfte der Systemwirklichkeit, der Medien, der Werbung, der staatlichen Sozialisationsagenturen (Kita, Schulen, Hochschulen) etc.

Aus aufgeklärter wissenschaftlicher Perspektive wirkt dies alles als lächerlich, als Donquichotterie.

So wie zum Beispiel dann Kindern aus links-grünen Elternhäusern zu Neo-Nazis werden, eben weil die gesellschaftliche Wirklichkeit immer anti-humaner, sozialdarwinistischer und sadistischer wird.

Kommentar Sommerfeld:
Jetzt verstehe ich Sie und Ihre Forderung nach mehr Theorie. Mit Luhmann läßt sich hier unterscheiden zwischen Systemtheorie und Handlungstheorie (als Interaktionstheorie). Ich nehme in dem Moment, wo ich über Beziehungen nachdenke, die Handlungsperspektive (alter - ego, Erleben - Handeln) ein. Das ökonomische System (womöglich als Supersystem, von dem her alles übercodiert ist) ist dann genauso mein "blinder Fleck", wie aus der Wirtschaftssystemperspektive heraus Themen wie "psychische Reifung", "Elternrolle", "Hierarchie" oder "Intimität und Takt" unsichtbar sind. Sollen aber - kritischer Einwand aus konservativer Perspektive - Ihrer Ansicht nach solange die "Systemfrage" nicht gelöst ist, Eltern und Lehrer von ihren Bemühungen, Kinder als Individuen zu erziehen oder deren Umwelt gedeihlich einzurichten, abstandnehmen?

Maiordomus

16. April 2021 00:45

@Maiordomus. Ich hätte im Zusammenhang mit Rousseau, dessen Buch in Sachen Erziehung wertvoll bleibt, betonen müssen, dass es mit dem realen Leben jenes grossen Autors leider nichts zu tun hatte. Und Böll ist für mich überhaupt keine Autorität, nur Beispiel für einen Autor, dem es gelungen ist, glaubwürdig zu bleiben. Nein, ich komme nicht mit Autoritätsbeweisen. Aber es lohnt sich, die wirklich grossen Werke zu lesen, nicht die sogenannten neuesten Forschungen, die ein paar Jahre später oder schon zuvor oder schon beim Erscheinen veraltet sind. Natürlich bringen Comenius, Rousseau, Pestalozzi, Jean Paul abgesehen von anthropologischen Überlegungen langfristig mehr als das Haschen nach dem sog,. neuesten Stand, bei welchem bestenfalls das alte Wahre differenziert bleibt. Trotz der übrigens zu starken Betonung des Züchtigens bringt die Bibel ansonsten pädagogisch noch viel, jedoch stark differenziert durch die differenzierten Erziehregeln der Jesuiten von Esslingen, welche Tatzen, Kopfnüsse, Ohrfreigen und dergleichen ein für allemal als ungeeignet eingeschätzt haben zugunsten der Persönlichkeitsbildung, siehe hier noch die Werke von Pestalozzi-Nachfolgern wie den Schweizern Arthur Brühlmeier und Hans Zulliger. Auch Fröbel ist noch immer eine Beschäftigung, wert, warum nicht Rudolf Steiner? 

Nath

16. April 2021 02:54

@Sommerfeld

"...schrieb über den mittelalterlichen Gelehrten Philipp Melanchton..."

Man kann jemanden, der im 16.Jahrhundert lebte (1497-1560) kaum als "mittelalterlich" bezeichnen. Vielmehr gilt er als typischer Renaissance-Gelehrter und Reformations-Theologe. Er war sogar jünger als Leonardo, Michelangelo und Erasmus.

RMH

16. April 2021 06:51

"Soll ich mir das jetzt alles durchlesen?"

schadet zumindest nicht.

Das Erziehung zu einem erheblichen Stück weit Illusion ist, merkt doch jeder aufmerksame Beobachter des Lebens ab einem gewissem Alter selber.

Gerade als Konservative und Rechte wissen wir, dass die schlichte Biologie eine große Rolle spielt und spätestens mit dem Einschießen der Hormone wird aus manchem Vorzeigekind auf einmal etwas anderes. Zudem sind Menschen immer auch zu einem erheblichen Teil das, was sie nun mal sind. Aus einem Grobian wird kein Sensibelchen und umgekehrt, allenfalls gewisse Kanten und Ecken werden abgeschliffen oder ausgefaltet.

Ich verstehe "Bildung" als Angebot und Eröffnung von Möglichkeiten, Erfahrungsräumen und zur Unterstützung und Förderung. Bis zu einem gewissen Alter darf man dabei durchaus auch mit Autorität einmal etwas durchsetzen, um bspw. Erfahrungsräume zu erschließen (kleines Beispiel: "Du gehst jetzt mit zur Wanderung, zur Fahrradtour, mit ins Museum" etc. und - Oh Wunder - sobald die Gemaule-Schwelle überwunden ist, scheints dann doch Spaß zu machen). Das geht aber auch nur, wie geschrieben, bis zu einem gewissen Alter.

Was später dann junge Erwachsene durchaus brauchen und schätzen, ist eine Art Mentor, der sie bei ihren ersten Studien- und Berufsschritten unterstützt, fördert und manchmal auch noch die Hand über sie hält.

Monika

16. April 2021 09:38

Ich halte die genannten Erziehungsgrundsätze ( bzw. das Einüben von Tugenden) für wichtig, frage mich aber, welchen Einfluss christlich-konservative Elternhäuser überhaupt noch haben können in einem  werterelativistischem Umfeld und in Zeiten des Absterbens  des öffentlichen Lebens ( Schule, Kirche, Sport usw.) Die Erstkommunion war eine traurige „Veranstaltung“ in  diesem Jahr.  Man wird auf sich selbst zurückgeworfen. Und wo da nichts oder wenig ist oder entstehen kann, fallen auch Kinder ins Leere. Vielleicht müssen wir erst bei uns selbst anfangen? Von Romano Guardini gibt es das Büchlein „Briefe über Selbstbildung“. In 9 Briefen werden Tugenden entfaltet. ( etwa: Von der Freudigkeit des Herzens, Von der Wahrhaftigkeit des Wortes, Vom Beten , Von der Freiheit usw.) Guardini: „Die Freudigkeit des Herzens...macht uns unabhängig von den äußeren Ereignissen. Was uns äußerlich zustößt, kann uns nichts mehr anhaben, wenn wir innerlich froh sind. Wer freudig ist, hat zu allen Dingen den rechten Stand.“

Den „r e c h t e n Stand“ haben, darum geht es doch in diesen Zeiten 🤔

Monika

16. April 2021 10:01

Im ersten Teil Ihrer Erziehungsgrundsätze sprachen Sie von der richtigen Nähe und der richtigen Distanz. Dazu eine Ergänzung. In der Zeitschrift SCHÖNER WOHNEN gibt es in der Maiausgabe die Beilage „Neue Kinderzimmer“. Eine Auswahl der Überschriften: Viel zuhause? Gern! ...Jetzt noch besser kuscheln...hier kommt kein Krisengejammer, sondern ganz viel schönes für die Zimmer Eurer Kleinen. Damit sich alle noch viel wohler fühlen. Mein kleines Reich , für junge Träumer.... Es gibt Abenteuer Tapeten ( Heidi in den Bergen ) Indianerzelte fürs Zimmer, Minibibliotheken usw. Die Außenwelt wird ins Kinderzimmer verlegt. 🤔 Dieser Ansatz scheiterte schon bei Heidis Freundin Klara in Frankfurt :) Letztens   beim Besuch des Opel-Zoos ( in Kronberg/Ts.) durften  500 Personen nach Anmeldung aufs Gelände. Die Kinder waren nach dem Einlass wie von der Rolle und stürmten die Tiergehege. Dicht gedrängt und voller Freude.

Ein paar aufgeregte Mütter: „Aufpassen Kinder! Haltet Abstand“. 

AmazonBesteller

16. April 2021 11:45

@ RMH

Sie haben also die Schriften der referenzierten Autoren von Maiordomus gelesen?Herzlichen Glückwunsch. Sie müssen sehr viel Zeit haben. Normal arbeitenden (also keine Lehrer, Professoren etc.) Eltern mit Kindern ist das nicht gegeben.

Hermann Hesse hat mich mit seinen Geschichten und Gedichten schon als Kind tief berührt. Unterm Rad. Das ist Literatur, Führung und Warnung. Mir reicht das. Den Rest erwarte ich vom Kommentariat zusammenfasst präsentiert. Ansonsten ist das hier reine Bildungsprotzerei ohne Mehrwert. Dieses ständige Verweisen auf Dritte ohne Aussage und Erläuterung empfinde ich mittlerweile als Zumutung. Die Sezession auf Wikipedianiveau.

Der Rest Ihres Kommentars ist doch genau das, was Imagine belegen soll.  Sie haben das nur umformuliert. Ich freue mich auf Imagin’s Ausarbeitung. Mich interessiert das sehr. Vielleicht kann RMH helfen?

anatol broder

16. April 2021 12:13

@ sommerfeld, mauerbluemchen, amazonbesteller

bedrängt ihr imagine, damit in ihm «sehnsucht nach freiheit entsteht»? bitte beachtet, «dass er ein im besten sinn doch ein kritischer und nicht zu korrumpierender eigen­ständig und selbständig denkender» hegelianer und marxist ist.

Maiordomus

16. April 2021 12:30

@Monika. Guardini hat uns in der Tat was zu sagen; die Bedeutung der Erstkommunion war leider bei meinen eigenen Enkeln vor allem auf die sehr weltlichen Geschenke fokussiert, von einem religiösen Erleben konnte nicht die Rede sein. Finde es nachgerade richtig, hat sich mein älterer Enkel von der Firmung abgemeldet, übrigens "musste" ich mal einem Paten jungen je zusammen mit der Patin das für die Firmung das halbe Geld für ein Moped aushändigen. Da kann man nur noch sagen: diese Art Säkularisierung eines Sakramentes kann uns gestohlen bleiben! Gilt analog leider auch für die protestantische Konfirmation. 

Sekundant

16. April 2021 13:22

An alle, an alle, an alle:
1. Wer h i n t e r Hegel und Marx zurückfällt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.
2. Auf das Niveau eines Rudolf Steiner sollte man sich keinesfalls hinab begeben.

Kommentar Sommerfeld:
Begründen Sie. Ich stelle die Gegenthese auf. Wenn Sie nur blinken wollen und keine Debatte: paßt schon.

Imagine

16. April 2021 13:30

1/3

@ C.S.
„Sollen aber - kritischer Einwand aus konservativer Perspektive - Ihrer Ansicht nach solange die "Systemfrage" nicht gelöst ist, Eltern und Lehrer von ihren Bemühungen, Kinder als Individuen zu erziehen oder deren Umwelt gedeihlich einzurichten, abstandnehmen?“

Aus meiner Sicht ist nicht die Frage, ob die Eltern erziehen sollen oder „Laissez-faire“ betreiben sollen.

Sondern Erziehung ist notwendiger denn je, um den Kindern ein gutes und gelingendes Leben zu ermöglichen.

Die Frage also „Wie?“ und mit welchen Zielen Erziehung erfolgen soll?

Dazu braucht es selbstverständlich gute Theorien und ein realistisches Verständnis über die zukünftigen gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen.

Gerade letzteres fehlt bei den meisten konservativen Elternhäusern, denn die wollen zurück in die Vergangenheit und deren literarischer Bezug besteht meist aus antiquierten Büchern, während sie aktuelle Theorieentwicklungen ignorieren.

Die Völkischen wollen „das alte Deutschland zurück!“

Aber das alte Deutschland ist unwiderruflich untergegangen und wird niemals eine Renaissance erleben. So wie die gesamte westlich-kapitalistische Zivilisation keine Zukunft hat und wie die mittelalterliche Zivilisation durch eine fortschrittlichere abgelöst werden wird.

Welche wichtigen neuen Grunderkenntnisse gibt es in der wissenschaftlichen Entwicklungstheorie?

Imagine

16. April 2021 13:30

2/3

Selbstverständlich braucht es zur Beantwortung dieser Frage ein entsprechendes Studium, was die biologischen, psychologischen und soziologischen Aspekte von Entwicklung umfasst.

Eine Erkenntnis ist, dass Sozialisation vor allem Selbstsozialisation ist (vgl. Luhmann). Das Kind passt sich an die vorgefundenen Verhältnisse so an, dass es ihm emotional gut geht. Es kann sein, dass es ihm bei Internetspielen und YT-Konsum am besten geht oder beim Drogenkonsum oder beim rechtsradikalen Hooliganismus. Usw. Usf.

Aufgabe der Eltern wäre es, die Kinder auf den zu erwartenden Lebenskampf vorzubereiten.

Das zukünftige Leben wird ein anders sein als jenes der Eltern, was zugleich auch eine andere Psychostruktur impliziert. Diesbezüglich können die meisten konservativen Eltern nicht das Modell sein.

Denn es hat sich etwas in der Gesellschaft ereignet, was bei R. Sennett im Originaltitel seines bekanntesten Buches deutlich wird: „The Corrosion of Character“. Der deutsche Titel ist ein Euphemismus, denn zum Erfolg als flexibler Mensch im kapitalistischen System wird Charakterlosigkeit, also beliebig zu wechselnde Moral und fehlende Vernunft des Handelns, benötigt. Was selbstverständlich allen konservativen Prinzipien des Erziehens widerspricht.

Imagine

16. April 2021 13:31

3/3

Das Kind muss darauf vorbereitet werden, dass sich in seiner Heimat und seinem Vaterland ein unaufhaltsames Niedergangsszenario abspielen wird, was kein Höcke oder Sellner verhindern werden. Ein Strache ist inzwischen von einem rechten Hoffnungsträger zu einer Witzfigur geworden. Und keine rechte Partei wird das „alte Deutschland“ wiederherstellen können.

Viele Kinder haben sich bereits von der deutschen Sprache, Rechtschreibung und Literatur verabschiedet und praktizieren ein „Denglisch“.

Viele bereiten sich auf eine Auswanderung vor, indem sie Fremdsprachen erlernen und Auslandsemester und –praktika wählen.

Für die deutschen Nachkriegsgenerationen waren die USA das „gelobte Land“. Aber wer in den USA war und sich die Realität dort kritisch angeschaut hat, hat längst bemerkt, dass sich die USA im Niedergang befinden und immer mehr in Richtung eines „Failed State“ gehen.

Natürlich ist es schwer, damit umzugehen, dass sie Kinder auswandern werden und nie mehr in die Familie und den Heimatort zurückkehren werden. Schon bei meiner Klasse (Abi 1967) ist das bei weit über der Hälfte der Klassenkameraden der Fall gewesen, aber immerhin blieben die meisten noch in Deutschland.

Dies zu realisieren, fällt den „Glucken-Müttern“ und deren Kindern schwer, welche möglichst lange im „Hotel Mama“ bleiben möchten.

Sekundant

16. April 2021 15:27

Hier die gewünschte Begründung:

zu Ziff.1) Hegel lesen, Marx lesen

zu Ziff.2) Rudolf Steiner lesen 

Übrigens: wie lautet Ihre Gegenthese zu meiner

1. "These" 

Kommentar Sommerfeld:
Alles bereits erledigt. Meinen Sie die "These" mit dem Leben und der Jogginghose ... äh, Marx-Hegel-Lektüre?

Dietrich Egon

16. April 2021 16:43

@Imagine:

Dies vorausgeschickt: wenn Sie ´67 Ihr Abi gemacht haben, dürften uns gute 30 Jahre trennen. Dennoch trifft Ihre Analyse den Kern des Pudels. Sie haben -leider- absolut recht.

Meine drei Kinder sind alle noch unter zehn Jahren alt, mir steht also all das, was die meisten Foristen hier schon hinter sich haben, noch bevor. Wir erziehen Sie, so sehr mir das auch weh tut, in dem Bewußstein, daß das "alte Deutschland" (für mich als Kind der 80er ist das sicher ein anderes als für Sie) nicht mehr wiederkommen wird. Hier entsteht gerade etwas großes, neues - ich bin, glücklicherweise, noch jung genug, mich zu adaptieren; auf der anderen Seite aber schon zu alt, als das dies ohne Schmerzen abginge.

Meine Kinder hingegen wachsen zwar einerseits in der "neuen Welt" auf, sind aber noch klein Genug, erst nach dem Niedergangsszenario ins Erwerbsleben aufbrechen zu müssen. Wir werden dann wieder auf dem Stand der 50er Jahre leben - mit Internet und Heimbüro- aber vielleicht ist das auch gar nicht so verkehrt.

links ist wo der daumen rechts ist

16. April 2021 18:45

Zappelphilipp

Als ein bekannter Kulturwissenschaftler anläßlich einer Übersiedlung einen beträchtlichen Teil seiner Bibliothek aussortierte und ich einer der Hauptprofiteure sein durfte, fiel mir unter diesen Gaben ein Buch besonders auf:

Anita Eckstaedt: „Der Struwwelpeter“. Dichtung und Deutung. Eine psychoanalytische Studie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-518-40786-4

Es war noch eingeschweißt, eigentlich (auf meine Anregung hin) als Geschenk gedacht - somit also ungelesen im Regal abgelegt.
Kurz: in diesem Buch wird die These aufgestellt, daß Heinrich Hoffmann, der seine Mutter als Kleinkind verloren hatte (auf der ersten Seite ist sie als Christkind dargestellt), seine Kindheit in vielfältigster Art imaginierend auf schnellstem Wege den Tod finden möchte, um sie möglichst bald im Himmel wiederzusehen. Starker Tobak, aber als Selbstanalyse irgendwie überzeugend (dabei geht es neben den vier Elementen eines Zu-Tode-Kommens auch um die Farben der Gewänder usw.).
Selbst vor dem Hintergrund dieser prototypischen Schwarzen Pädagogik ist nun also als Ergebnis eine reife Persönlichkeit vorstellbar.
Daß im berüchtigten "Struwwelhitler" Adolf die Figur des Zappelphilipp übernehmen durfte und es dann hieß:
„Uncle Sam said: Boy! Behave! Aunt Britannia looked grave.“
wäre noch ein kleiner Nachtrag zur Schuld(kult)-Debatte im Nachbarstrang. Aber da wird's gleich wieder happig.

Gracchus

17. April 2021 11:11

@imagine: Ich kann Ihnen nur schwer folgen, weil Sie so viel in einen Topf werfen. Ihre Antwort auf die Frage, wie erziehen, lautet anscheinend: erst gar keine kriegen. 

Maiordomus

18. April 2021 06:28

@Amazon Besteller. Ich möchte festhalten, dass ich so gut wie nie hier was beitrage, das Sie bei Wikipedia nachschauen können, sei es Rousseau oder Guardini oder der von Ihnen geschätzte Hesse, über dessen Schweizer  Hintergründe zum Roman "Peter Camenzind" ich gerade einen Aufsatz schreibe. Was nun aber Rousseau betrifft, ist es nun mal bei aller Umstrittenheit das berühmteste Buch aus der Geschichte der Pädagogik, aus welchem ich nun mal auf das didaktisch interessanteste Beispiel verwiesen hat, hängt immerhin mit der Rezeption Newtons zusammen, also gerade nicht "Kindergartenniveau", wobei für letzteres immerhin Fröbel wenn möglich im Original zu kennen ist, sonst sollte man diesen Begriff meiden. Und war auch Rousseau als Vater, dessen Hintergründe einschliesslich die Praxis des Weggebens seiner Kinder durch die Mutter seiner Geliebten (Rousseau fahndete zum Teil nach den selben) man einschliesslich der Pariser Waisenhausgeschichte im 18. Jahrhundert man kennen sollte. Sommerfeld ist eine Autorin auf hohem Niveau, sie kennt ihren Rudolf Steiner, der nun mal zu den vielseitigsten humanistischen deutschen Gelehrten der letzten 200 Jahre gehörte, Von hier darf in der Debatte angesetzt werden. Das Goetheanum in Dornach sah ich selber erstmals im Alter von 6 Jahren, die Orientierung darüber erfolgte natürlich erst später. Hermann Hesse las man in meiner Jugend mit 14 Jahren, nach dem Ende der Karl-May-Phase. 

Imagine

18. April 2021 10:38

@Dietrich Egon  16. April 2021 16:43
„Meine drei Kinder sind alle noch unter zehn Jahren alt, mir steht also all das, was die meisten Foristen hier schon hinter sich haben, noch bevor. Wir erziehen sie, so sehr mir das auch weh tut, in dem Bewusstsein, daß das "alte Deutschland" (für mich als Kind der 80er ist das sicher ein anderes als für Sie) nicht mehr wiederkommen wird. Hier entsteht gerade etwas großes, neues - ich bin, glücklicherweise, noch jung genug, mich zu adaptieren; auf der anderen Seite aber schon zu alt, als das dies ohne Schmerzen abginge.
Meine Kinder hingegen wachsen zwar einerseits in der "neuen Welt" auf, sind aber noch klein Genug, erst nach dem Niedergangsszenario ins Erwerbsleben aufbrechen zu müssen.“

Für mich ist das „alte Deutschland“ meiner Jugend- und Studienzeit, für das ich noch gerne arbeitete und kämpfte, schon lange untergegangen. Ab und zu kommt noch ein Phantomschmerz auf, ansonsten sehe ich, dass es seit fast einem halben Jahrhundert in der Gesamttendenz unaufhaltsam abwärts geht.

Selbstverständlich ist nicht alles in Deutschland schlecht. Jedoch ist es beispielsweise schwierig und fast aussichtslos geworden, eine gute staatliche Schule zu finden. Aber es gibt es noch Möglichkeiten, Programme und Stipendien, begabten Kindern Auslandaufenthalte zu ermöglichen, wo sie ihre sprachliche und kulturelle Kompetenz in einem weltoffenen, humanistisch-kosmopolitischen Sinne entwickeln können.

Imagine

18. April 2021 10:40

2/2

Trotz und wegen der Globalisierung verläuft die Entwicklung in der heutigen Welt gegenläufig. Es geht nicht überall und generell abwärts, sondern die Entwicklung ist heterogen. So wie sich in Deutschland die Schere zwischen arm und reich sowie gering- und hochqualifiziert immer weiter öffnet, so ist es auch in der Welt.

In China und Asien geht es für die Normalbevölkerung aufwärts, in Europa und den USA abwärts.

Insgesamt erlebe ich die Situation in Deutschland wie auf einem sinkenden Schiff, aber im Augenblick kann man es noch verlassen. Zudem ist man als deutscher Staatsbürger zugleich EU-Bürger. Das ist ein großer Vorteil gegenüber früher.

Grobschlosser

18. April 2021 10:56

- keine Konsumelektronik - kein TV ; Bastelarbeiten ( Holz , einfache Dinge herstellen , ein Floß , ältere Kinder basteln ein Segelflugzeug ( einfache Bausätze in Süddeutschland beim Fachhändler erhältlich ) ; deutsche Lektüre - EKD Dummsprechpredigten vermeiden - "das "Wort zum Sonntag" gilt für christliche Schafe , nicht für das heidnische Raubtier .

 

Und ja - das Universum ist ein kalter Ort . 

Und weil das so ist : Mathematik , Physik, Werkstoffkunde . 

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.