5. Mai 2021

Deutschland. Aber normal

Götz Kubitschek / 60 Kommentare

Für das seit Jahren kräftig austreibende alternative, bürgerliche und widerständige Milieu muß eine Ausrichtungsfrage beantwortet werden:

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Was ist politisch noch möglich, wie lautet "unser" politisches Minimum? Man kann zur Beantwortung dieser sehr wichtigen und dringenden Frage auf dutzende Stellungnahmen aus den vergangenen Jahrzehnten zurückgreifen, aber bevor man dies tut, muß eines festgehalten werden:

Das Politische folgt anderen Bewegungsgesetzen als das Metapolitische. Was für den einen Bereich zwingend gilt, darf im anderen vernachlässigt werden oder kann sogar außer acht bleiben. Diese beiden Bereiche erneut deutlicher voneinander zu scheiden, mag also eine Nebenwirkung der folgenden Überlegungen sein, und das bedeutet: Neben einem politischen Minimum wird ein metapolitisches Maximum herausgearbeitet werden müssen - später einmal.

+++

1994 veröffentlichte der damals 35jährige Historiker und Gymnasiallehrer Karlheinz Weißmann unter dem Titel "Herausforderung und Entscheidung" einen Text "Über einen politischen Verismus für Deutschland" (so der Untertitel). Dieser Aufsatz erschien in dem von Heimo Schwilk und Ulrich Schacht herausgegebenen Sammelband Die selbstbewußte Nation – einem der wichtigsten und wirkmächtigsten Projekte der sogenannten "Neuen demokratischen Rechten", die den nicht-linken Schwung der Revolution von 1989 aufnehmen und Kräfte für eine politische Wende zu sammeln versuchte.

Neben Weißmann, Schwilk und Schacht ist der organisationsstarke Rainer Zitelmann als treibende Kraft dieses Versuchs zu nennen. 1994 war dieses Gegenlager auf dem Höhepunkt seines Einflusses angelangt, aber bereits Ende 1995 existierte die "Neue demokratische Rechte" nicht mehr, und es folgten die für den rechtskonservativen Ansatz schrecklichen zehn bleiernen Jahre – eine unerträgliche Zeit des Niedergangs der Projekte der Vorgängergeneration und des selbstausbeuterischen, unglaublich zähen Ausbaus weniger verlorener Posten: Die Junge Freiheit wäre an erster Stelle zu nennen, aber auch das Institut für Staatspolitik, der Verlag Antaios und die Sezession gehören dazu.

Zurück zu Weißmanns Text von 1994. Weißmann stellte darin zehn Thesen auf, in denen er die politische Lage zu beschreiben und Handlungsoptionen für eine realpolitische Rechte aufzuzeigen versuchte. Interessant sind seine Überlegungen auch nach fünfundzwanzig Jahren noch.

Er betonte das sich abzeichnende globale Pluriversum, thematisierte den schlechten Einfluß der Postmoderne auf die notwendige Verbindlichkeit der Institutionen , forderte mehr Staat und ein neues Denken und skizzierte die Umrisse eines "neuen Meinungslagers", das "im innenpolitischen Streit eine exzentrische Position bezieht, die jenseits der alten Abgrenzungen liegt".

Das für die Frage nach dem politischen Minimum Interessanteste an Weißmanns Text ist aber, daß er einen politischen Begriff zu setzen versuchte, hinter dem sich die "Neue demokratische Rechte" nicht nur sammeln, sondern mit dem sie zugleich Bescheidenheit nach außen signalisieren und eine Wahrnehmungs- und Sprechweise nach Innen festlegen sollte. Im Vorspann zu seinen Thesen schreibt Weißmann:

Als 'Verismus' bezeichnet man in der Kunstgeschichte eine Tendenz, die die Dinge ihrer 'wahren' Natur gemäß zeigt, d.h. auch vor der 'häßlichen Wahrheit' nicht zurückscheut, sondern dem Betrachter alles, wie es ist, vor Augen führt. Unter politischem 'Verismus' sei deshalb eine Position verstanden, die sich der Realität verpflichtet weiß, die 'Tabuisierung der Wirklichkeit' (Armin Mohler) ablehnt, den tröstlichen Unsinn meidet und dem inflationär gewordenen Schonungsbedürfnis mißtraut.

Soweit, und der einem politischen Verismus innewohnende Verzicht auf jedes Pathos, dieses Bescheidenheitssignal nach außen, diktierte Weißmann sozusagen die zehnte These in die Feder – sie wirkt wie eine nach außen gekehrte Handfläche, wie ein "seht her, wir kommen unbewaffnet". Sie lautet:

Alle großen politischen Verschiebungen haben vor allem einen Wandel der Mentalität zur Folge. Das gesellschaftliche Klima schwankt erst unmerklich, dann deutlicher, was Auswirkungen auf die kollektiven Wertvorstellungen und Dispositionen hat. In diesen Zusammenhang gehören zum Beispiel die Phasen der Großen Ernüchterung in der Geschichte, etwa der Übergang zur "Realpolitik" nach den Blütenträumen der 48er Revolution im 19. Jahrhundert. Dem vergleichbar ist der 'Verismus' bis jetzt nur ein Niederschlag der veränderten politischen Atmosphäre, es handelt sich noch nicht um eine 'Weltanschauung', noch nicht um eine 'Lehre'. Es entsteht vielmehr eine Plattform für Denkversuche, man beläßt es bis auf weiteres bei der Möglichkeit zur Revision und bewahrt sich davor, allzu schnell die notwendigerweise schwierigen Überlegungen abzuschließen.

In die Gefahr, schwierige Überlegungen allzuschnell abzuschließen, geriet die "Neue demokratische Rechte" gar nicht mehr – sie zerflatterte, nachdem ein erster großer, bis in die CDU hinein reichender Schulterschluß an der berühmten Feigheit der Mitte scheiterte. Was seit diesem Versuch immer und immer wieder im neurechten Lager diskutiert wird (nicht bezogen auf das innere geistige Reich, sondern ausschließlich auf Umsetzungsfragen!), hat in Weißmanns Text über den politischen Verismus eine Grundlegung erfahren.

Weißmanns nur andeutender, weil eben öffentlicher Hinweis auf ein kluges, mit einer seiner Lieblingsvokabeln ausgedrückt: realpolitisches Verhalten im vorpolitischen Raum, hat das schwierige und langwierige Herüberziehen der für Mehrheiten unabdingbaren Mitte bereits zum Hauptziel erklärt, dem alles andere unterzuordnen sei. Denn wer politisch gestalten will, braucht Macht, und Macht ist in einer Demokratie nur über demokratisch legitimierte Mehrheiten zu erreichen – parlamentarisch, direkt oder appellativ.

Auf dem mühsamen Weg dorthin muß die mögliche Mehrheit an Vokabeln, Argumente, Grundlagen, Wertungen und Tabus gewöhnt werden, deren sie jahrzehntelang entwöhnt wurde. Die Neudeutung und Rekonstruktion der kaputten Begriffe und falschen Schlußfolgerungen muß dabei wie ein langsames Unterschieben organisiert werden.

Die Gefahr der Ungeduld und der Machtphantasie bewog Weißmann dazu, der konservativen Intelligenz eine sehr bescheidene, aber gerade dadurch vielversprechende Grundlagenarbeit zu empfehlen: Ihr "politischer Verismus" müsse als ein Sammeln, Hinweisen, Aufdecken, Sortieren auftreten, keinesfalls als reine Lehre oder eine irgendwie geartete Kompromißlosigkeit, kurz: nicht als weltanschauliches Maximum, sondern als politisches Minimum, als anschlußfähiger Minimalkonsens, abgesichert durch eine geradezu brutale Abtrennung jener Teile von rechts, die in die Mitte hinein nicht vermittelbar wären.

Wer Weißmann je über das Scheitern der "Neuen demokratischen Rechten" sprechen hörte, weiß, daß dies sein politisches Trauma war und ist und daß er angesichts einer zweiten Chance (also jetzt, heute, gerade eben!) deren möglichen Verankerung in der mehrheitsbeschaffenden Mitte alles andere unterordnen würde.

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Sprung, dreizehn Jahre später, 2007, wiederum Weißmann. Er schrieb, das war selbstverständlich, den Eröffnungsband für die neue "reihe kaplaken" im Verlag Antaios. Das konservative Minimum erschien im Herbst und hat sich über die Jahre zu einem der bestverkauften Bände der Reihe entwickelt.

Weißmanns Ton ist in diesem Buch ein anderer als der von 1994. Das hat seinen Grund in der politischen Flaute, in der damals agiert werden mußte, in den von außen auferlegten Beschränkungen auf die Ausgestaltung und Konsolidierung der eigenen Strukturen. Noch 2011 bezeichnete Weißmann etwa die Junge Freiheit und das Institut für Staatspolitik als Projekte, die "zu einer Zitadellenpolitik gezwungen" seien.

In dieser Lage schrieb Weißmann härter, direkter, unversöhnlicher als 1994. Sein konservatives Minimum ist in seinen eigenen Worten "eine Kampf-Ansage". Er hatte längst die Gefahr erkannt, daß der Begriff "konservativ" zu einer Versöhnungs- und Beschwichtigungsfloskel verkommen würde, zu einem Sedativum, einem politischen Beruhigungsmittel. "Das", so Weißmann,

bedeutet allerdings einen Mißbrauch, dem hier begegnet werden soll. Deshalb ist das folgende als Inhalts- und Positionsbestimmung zu verstehen, als ein Versuch, dem Begriff 'konservativ' wieder einen guten Sinn zu geben, und das heißt: ihn als Kampfbegriff zu etablieren." Der Kampf müsse aufgenommen werden: "Das, was Reinhard Maurer treffend als 'nachfaschistischen Defaitismus' bezeichnet hat, müssen wir hinter uns lassen, den Kleinmut abstreifen, die lähmende Empfindung der vorweggenommenen Niederlage.

Das konservative Minimum ist die stringente und dichte Aufladung eines Kampfbegriffs. Um die harte Entgegensetzung zu illustrieren, zitierte Weißmann den damaligen Papst Benedikt XVI. und Thomas Mann: "Leben", so Mann, sei der "im höchsten, religiösen Sinn konservative Begriff"; und der Papst sprach mit Blick auf unsere Zeit von einer "Kultur des Todes", die sich als Vitalität maskiere und alles abräume, was an gedeihlicher Substanz, an Hegung, Dankbarkeit, Wohlverhalten, an Respekt vor der Vielgestaltigkeit, dem Schicksal und der Geschichte vorhanden sei.

Dagegen habe man anzutreten, so Weißmann, denn:

Unsre Existenz ist bindungslos, heimatlos, haltlos, glaubenslos geworden, und damit sind dem Leben feindliche Kräfte aufgestiegen." Daraus sei Legitimität zum Widerstand abzuleiten, und wenn dieser Kampf, dieser Widerstand heute möglich scheine, "jedenfalls aussichtsreicher als in der jüngeren Vergangenheit, dann vor allem, weil die Konservativen weniger Rücksicht zu nehmen haben. Die Parteiraison kann ihnen gleichgültig sein, denn von denen, die sie vertreten, haben sie nichts zu erwarten.

Weißmann wähnt – zurecht – die Wirklichkeit auf seiner Seite und schreibt in einem verhaltenen Zorn gegen den "Konsens der Beschwichtiger" an,

deren Entschlossenheit, die Fakten zu verschweigen oder ruchlosen Optimismus zu pflegen umso größer wird, je eindeutiger die Tatsachen gegen sie sprechen.

Und weiter:

Es geht aber um Tatsachen, ganz gleich, ob es sich dabei um die Kriminalitätsrate handelt oder um den Analphabetismus, um die Kosten der europäischen Integration oder die Fälschung der deutschen Geschichte. Die Tatsachen bilden – nach einem Wort Heimito von Doderers – 'unter den Erscheinungen des Lebens gewissermaßen das gemeine Volk … allerdings ein Volk mit derben Fäusten.

Es steckt in dieser optimistischen Legitimation des konservativen Widerstands die Überzeugung, daß die bizarren Gesellschaftsexperimente und Identitätskonstrukte, der hybride Individualismus und die Verbiegung des gesunden Menschenverstands, mithin die Vernutzung der Bestände tatsächlich von den derben Fäusten der Tatsachen und den kalten Duschen der Realität vertrieben und weggespült würden, wenn sie denn endlich mit voller Wucht direkt auf den Lebensvollzug durchschlügen.

So ähnlich hatte Weißmann das 1994 auch schon ausgedrückt, und das Warten auf den Kairos, den Einbruch der Tatsachen ist ja nachgerade eine konservative, rechte Hoffnungsphrase. Spätestens der Blick auf das Jahr 2015 sollte jedoch klarmachen: Die Hoffnung auf die Belehrung durch die Realität ist eben doch nur eine Phrase.

Bleibt eines zu erwähnen: Den Begriff "politischer Verismus" versuchte Weißmann in seinem "konservativen Minimum" nicht erneut zu setzen.

+++

Es ist ein müßig, immer wieder auf die Bilanz der Politik der letzten Jahrzehnte hinzuweisen. Dieser schleichenden Katastrophe, dieser Auflösung aller Dinge fehlt das Alarmierende. Unsere Zivilisation? Für Arnold Gehlen ist das nichts anderes als die "Katastrophe im Zustand ihrer Lebbarkeit".

Das von Max Weber beschriebene "stählerne Gehäuse" aus Institutionen, Bedürfnisbefriedigung und Verwaltungsnotwendigkeit, in das sich der einzelne Mensch innerhalb der Massengesellschaft gezwängt sieht, garantiert diese Lebbarkeit und schnürt natürlich auch den Politiker in ein Korsett:

Er wird zum anti-erhabenen Typ – wenn er es nicht schon immer war – und kann keine Alternative mehr formulieren. Die einzig realistische politische Alternative besteht in der Erkenntnis, daß, wenn überhaupt, dann in der Stärkung des Mehrheitsprinzips noch Widerstandsreserven gegen die massiven staatlichen Selbstzerstörungstendenzen zu finden sind.

Dazu aber ist nicht nur eine eindeutige Parteinahme für die Demokratie erforderlich, sondern auch die Bereitschaft, "anknüpfend" zu agieren. Denn wo außer in einer Mobilisierung der "Mitte", im Namen des gesunden Menschenverstandes, wäre es heute noch möglich, Mehrheiten für eine andere Politik zu finden?

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Der wortgewaltige, SPD-konservative Publizist Peter Glotz prägte 1994 für die zu Anfang erwähnte Gruppe der "Neuen demokratischen Rechten" einen zweiten Begriff. Er nannte sie die "Normalisierungsnationalisten", und er tat dies nicht in zustimmender, sondern in beschreibend-entlarvender Absicht.

Denn in dem durchaus treffenden Wort steckte zugleich die recht bescheidene Absicht des Projekts (nämlich: der Normalität wieder zu ihrem Recht zu verhelfen) und eine Warnung (nämlich: vor einem neuen Nationalismus in einem größer gewordenen, vielleicht doch nicht ganz widerlegten Deutschland).

Ich plädiere dafür, diesen Begriff nun zu setzen, ihn affirmativ zu verwenden, denn er ist eingängiger als der vom "politischen Verismus" und dynamischer als der immer wieder kursierende "neue politische Realismus".

Aber: Geeigneter und treffender als die von Peter Glotz verwendete Variante ist eine um seinen denunziatorischen Aspekt bereinigte Fassung: Nichts dürfte das AfD-Projekt und sein "politisches Minimum" so genau treffen wie der Begriff "Normalisierungspatriotismus". Darin stecken Minimalziel, Anknüpfungsfähigkeit, Ungefährlichkeit, Bezugspunkt, kurz: der kleinste gemeinsame Nenner in einem Wort.

Die Normalisierung der Verhältnisse, die Herstellung von Normalität in allen Lebensbereichen, Verfahrensfragen und Politikbereichen ist zugleich eine politische Minimalforderung und beinahe schon eine Überspannung der Kraft, und dies, obwohl in dem Aufruf zur Normalisierung das Defensive, das In-ein-Gleichgewicht-Bringen steckt – und keinesfalls eine Überdehnung in die andere, die nicht-linke Richtung.

Normalisierungspatriotismus: Das ist die Wiederherstellung des Selbstverständlichen und Tragfähigen, die Rekonstruktion des Angemessenen und Zuträglichen, und bereits das ist, so bescheiden es klingt, eine Herkulesaufgabe. Sie anzugehen und zu meistern, bedarf eines Bekenntnis- und Widerstandsmutes, der weit jenseits dessen liegt, was dem durchschnittlichen Bürger unserer Tage zuzumuten wäre. Gleichzeitig aber muß dieser überschießende Mut zur Normalisierung getragen werden von einer "Einsicht in das, was geht". Dies ist im übrigen noch keine Annäherung an das Establishment, sondern eine an den großen, täglich größer werdenden verunsicherten Teil der Bevölkerung.

Der Normalisierungspatriotismus ist der kleinste gemeinsame Nenner und das maximal erreichbare politische Ziel. Man muß es beschreiben, formulieren, seine Sprödigkeit betonen, und man muß eine Art zurückhaltender Begeisterung für diese Sprödigkeit, diesen Rückbau, diesen nüchternen Dienst an und in einer Massendemokratie wecken.

Wer auf Seiten der Alternative (und das heißt: auf Seiten der Normalisierung) mittun möchte, muß wissen: Dort geht es um Politik, und das ist: das Anti-Erhabene und seine zähen Vertreter. Mehr gibt es nicht.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.


Kommentare (60)

Laurenz

5. Mai 2021 23:26

Diesmal war der Artikel nicht so einfach zu verstehen.

Soweit ich ihn verstanden habe, teile ich ihn nicht ganz. Der Terminus "Normalisierungspatriotismus" paßt schon recht gut. Erachte ihn in der faktischen Konsequenz der "Mosaikrechten" in der politischen Theorie als Sinn stiftend. 

Allerdings sehe ich die Notwendigkeit des Einsatzes in der politischen Praxis aktuell als nicht dienlich an. In der aktuellen Situation werden wir nur nach und nach Mehrheiten erreichen, vor allem im aktuellen Osten, wo die seit Jahrzehnten fortschreitende "Entnormalsierung" früher beendet sein wird, als im alten Westen. Die politische Rechte oder gerne auch die Konservativen ist/sind nicht in der Lage, die Entnormalisierung zu ihrer Eskalation zu beschleunigen. Hier muß sich die Rechte voll auf den politischen Gegner verlassen. Nur die Neo-Weimarisierung wird in Deutschland einen neo-demokratischen Paradigmenwechsel erzeugen. Und hier müssen wir jetzt dafür sorgen, daß die Fehler des alten Weimar nicht wiederholt werden, und Bürgerlichkeit den Karren aus dem Dreck ziehen wird.

Fredy

5. Mai 2021 23:33

Der Begriff "normal" ist ja wohl einer der relativsten Begriffe überhaupt. Damit unterliegt er vor allem dem was die Mehrheit empfindet. Damit ist die AfD, die ungefähren Wählerwerte sind bekannt, sind wir, eben nicht normal, sondern unnormal, anders. Anders kann dabei alles sein: wohl traditioneller, patriotischer, familiärer, geistig gesünder ... jedenfalls nicht normal, wenn  dieser Staat und seine Anhänger sich als normal ansehen, und sie tun es zurecht, weil sie in der Mehrheit sind.

Nein, normal, ist gewiss nicht der geeignete Begriff. Die richtige Intention dahinter sehe ich schon: das früher gewöhnliche wieder normal, d.h. modern und akzeptiert zu machen. Aber das passt hier nicht. Weißmann wurde sowieso als Vordenker überschätzt. Der sich vermeintlich als Schüler haltende war stets seinem, als den Mentor gehaltenen, überlegen. Die Entwicklung gab dieser Einschätzung dann recht. Nicht, dass ich einen richtig guten Begriff hätte, aber selbst Gewohnheitspatrotismus oder Instinktnationalismus wäre besser, normal ist jedenfalls dermaßen relativ-schwammig und auch anbiedernd, da geh ich nicht mit.

ede

6. Mai 2021 00:07

Großartig.

Franz Bettinger

6. Mai 2021 02:39

"Das Politische folgt anderen Gesetzen als das Metapolitische.“ Damit kann mMn nur die Matrix gemeint sein, in der man agiert. Auf der einen Ebene handelt man, auf der anderen denkt man. Die eine ist zu Kompromissen genötigt, die andere nicht. Christen z.B. beziehen ihre Stärke aus dem Glauben an einen gerechten Gott; Buddhisten denken an ihr Karma und ein richtendes Jenseits. Hinduisten sind noch extremer. Für solche Gläubige gibt es also Wichtigeres als die schnöden ephemeren Vorteile des Jetzt. Sie werden die Krise besser durchstehen als Ungläubige, deren Lebensplan nur im Ausnutzen der Gegenwart besteht. Qanon-Gläubige hoffen auf einen Ausgang im Kaninchenbau, in den sie immer tiefer hinabsteigen. Und ich? Mache einfach weiter, was mir der Charakter zur Pflicht vorlegt. Und suche Gleichgesinnte. Und finde sie auch. Mühsam ernährt sich das Eich-Hörnchen.

anatol broder

6. Mai 2021 04:48

der «normalisierungspatriotismus» soll offensichtlich «unsere» (?) verluste ausgleichen. der begriff ist auf die politische ebene zugeschnitten, aber wegen der länge wenig alltagstauglich. schon bald nach seiner einführung werden viele leute normal-patriotismus sagen.

ist eine beständigere, «in die mitte hinein vermittelbare» umschreibung möglich? was kennt die mitte «jetzt, heute, gerade eben» mit sicherheit, das sie gemeinsam verlor? um welches symbol lässt sich dort eine überzeugende bewegung aufbauen?

kubitscheks vorschlag über weissmanns zehn thesen gestülpt brachte mich auf gausszehner. ich beziehe mich dabei auf den 10-mark-schein, der 1994 in der brd im umlauf war. er zeigte den kopf von carl friedrich gauss; daneben die als gaussglocke bekannte normalverteilung. freilich merkte kaum jemand die würdigung von gauss. doch in der mitte lebt noch sicherlich die errinerung an den verlust dieses geldscheins. nicht umsonst begann die afd als anti-euro-partei.

auch für konservative ohne eigene erinnerung an die d-mark klingt gauss als vorzeigedeutscher im besten sinne patriotisch, während der zehner die normalisierung andeutet. die erklärungsnot gegenüber dem politischen gegner wird der «zähe vertreter» übrigens nicht mit einem begriff los.

ich hoffe, dass der gausszehner «anti-erhaben» genug ist, und freue mich über jede «zurückhaltende begeisterung» für meine metapher. «mehr gibt es nicht», bis santa gauss kommt.

Gustav

6. Mai 2021 08:37

„Kirchhorst, 25 März 1946

Unruhig geschlafen, da eine Typhus-Impfung in mir ihr Wesen trieb. Die Zwangsmaßnahmen werden jetzt mit der Ausgabe der Lebensmittelkarten gekoppelt; der Brotkorb wird dem entzogen, der sich ihnen nicht unterwirft. Der Staat hat aus der Hungerknute ein so ideales Mittel herausgebildet, daß er, wie ich fürchte, schwer wieder darauf verzichten wird, auch wenn es Nahrung in Fülle gibt.

Die Impfung fasse ich als besonders brutalen Eingriff in die Gesundheit auf. Sie trifft Verfügung über das Kapital an unmittelbarer Heilkraft, und zwar eine Verfügung, die, wie alles heute, von Spezialisten getroffen wird, also von Intelligenzen, die sich aus ihrer Beschränktheit einen Titel gemacht haben und alle fünf Jahre eine neue Theorie vortragen.

Ich sehe den Vorgang etwa so, als ob ich im Keller eine Wassermenge zur Bekämpfung von Feuersbrünsten bereit hielte. Nun drängt sich eine Kommisssion ein und zapft für spezielle Möglichkeiten ein oder zwei Tonnen ab, auf solche Weise ein Potential angreifend, von dessen Bedeutung sie keine Ahnung hat. Da diese Leute die Macht der Providenz nicht kennen, geht alles in der Versicherung auf. Am Ende kommen die Großbrände. Inzwischen läuft ein Geschlecht herum, das nie recht krank ist und nie gesund.”

(Ernst Jünger, „Strahlungen III”)

Volksdeutscher

6. Mai 2021 08:48

@Laurenz - "In der aktuellen Situation werden wir nur nach und nach Mehrheiten erreichen, vor allem im aktuellen Osten, wo die seit Jahrzehnten fortschreitende "Entnormalsierung" früher beendet sein wird, als im alten Westen."

Ich befürchte nur, daß die liberalbolschewistischen Grünen Deutschland zugrunderichten werden, wenn nicht ein Wunder geschieht. Ich sehe auch nicht, wer dieses Wunder zustandebringen könnte: im Westen sind die Leute Schlafmützen, im Osten DDR-Romantiker. Unser Volk droht vor die Hunde zugehen. Zwar kann ich keine negativen, lethargischen oder pessimistischen Töne ertragen, und sie machen mich seit einiger Zeit auch wütend und hilflos. Aber ich kann nirgends eine positive Wendung zur Normalität hin erkennen. Vielleicht geht es auch anderen damit so oder ähnlich. Unser Volk befindet sich in einer so großen existenziellen Gefahr, daß, wenn nichts geschieht, es ultimativ vernichtet wird. Was ihm und uns droht, sind Afrikanisierung (andere nennen es Vernegerung) und Islamisierung.

Ihrem obigen Gedanken kann ich aus dem Grunde nur schwer folgen. Woher nehmen Sie es denn, daß das, was Sie da aussprechen, auch eintreten wird? Und was geschieht in der Zwischenzeit?

RMH

6. Mai 2021 09:02

Nach bald 242 Jahren der Dauerdekonstruktion, der Umwertung der Werte, des dazu gezielt eingesetzten Werterelativismus errichten sich - seit einigen Jahren auch für jeden sichtbar - die neuen Normen für die globale Weltgesellschaft. Das Vehikel des Werterelativismus wird leise in die Halle geschoben, abgestellt und mit einer Plane zugedeckt. Vor diesem Hintergrund wirkt der Begriff der Normalisierung spröde, ein Beitrag, wie der von @Fredy zeigt das Problem.

Ein gebuertiger Hesse

6. Mai 2021 09:24

Wenn der Begriff, der sich für unsere Ohren zunächst flach anhören mag, einmal die Runde macht, wird man sehen, wie sehr ihm ein Provokationselement innewohnt. Denn in Zeiten, in denen die Entgrenzung und Auflösung alles Bewährten zur Norm geworden ist (mal offen, mal zwischen den Zeilen), ist der "Normalisierer" ein Störenfried erster Rangordnung. So er sich zudem noch als Patriot erklärt, wird er für den Gegner eine einzige revisionstische Brüskierung sein. Wofür das (dieses vermeintliche Minimum) bereits ausreichend ist, werden wir sehen.

MARCEL

6. Mai 2021 09:40

Schließe mich den Vorrednern an.

Zielsetzung ist erkannt, aber der Gegner ist längst auch soweit. Die Repression zielt darauf ab, solcherart Normalität schon im Ansatz zu verhindern und damit abzuschrecken. Klar, das auszuhalten und trotzdem hartnäckig zu bleiben ist Auftrag/Pflicht alternativer Politik, auch der Metapolitik, also all derjenigen, die in der Sichtbarkeit agieren müssen.

Daneben würde ich den (hoffentlich großen) Bereich einer "Infra-Politik" setzen, gleichsam eine Art Infrarot-Strahlung, Teil des Spektrums, aber unerkannt, unsichtbar, nicht zu detektieren. Das mag nach fixer Idee klingen, aber anders lässt sich m. E. Initiative nicht wirklich wiedergewinnen.

Ein Schlusszitat aus Gerd Koenens lesenswertem Buch "Das rote Jahrzeht":

"Erst mit der Auflösung von APO und SDS 1969/70 wurde aus der antiautoritären Jugendrevolte eine echte, generationell geprägte Massenbewegung" (S.18)

Wie wahr!

RMH

6. Mai 2021 09:52

@geb. Hesse,

Genau da liegt der Punkt:

Die anderen setzen die Normen und zwar absoluter als zuvor. Das echte, wahre Normale wird zur Provokation, zu etwas, was man öffentlich cancelt und was dann Nachts, wenn es keiner sieht, als fast noch kleinstes Übel das Auto angezündet bekommt.

Mitleser2

6. Mai 2021 10:01

Ein paar Anmerkungen zu den Einflussmöglichkeiten in 2021:

Weiter oben wurde kommentiert: "Nur die Neo-Weimarisierung wird in Deutschland einen neo-demokratischen Paradigmenwechsel erzeugen."

Das sehe ich ähnlich. Mein Beispiel, Gemeinde in Oberbyern, 30% Grüne bei der letzten Kommunalwahl. Hier gibt es kein Problembewußtsein, Migraten halten sich in Grenzen, wenig Mieter, viele EFH. Es kann sich hier nur was ändern, wenn ein massiver Wohlstandsverlust breiter Kreise eintritt. Natürlich ist das hier nicht repräsentativ, aber im Westen, mit der Bevölkerungsmehrheit, gibt es viele solche Plätze. Wahrscheinlich braucht es tatsächlich erst mal eine Grün-dominierte Regierung bevor eine Veränderung eintritt.

Sekundant

6. Mai 2021 10:06

Nur zum besseren Verständnis eine Frage an RMH: welches bewegende Ereignis, das Europa erschütterte und die "Dauerdekonstruktion" einleitete, soll sich 1779, also vor 242 Jahren, Ihrer Meinung nach ereignet haben?

Noch ein Hesse

6. Mai 2021 10:07

Etwas "unterhalb" von Kubitscheks Ansatz würde ich die ganze Sache übrigens folgendermaßen zusammenfassen: Nach 75 Jahren Umerziehung ist es in D gerade den "normalen" Menschen psychologisch nicht mehr möglich, sich zur Wahrung ihrer eigenen politischen Interessen zusammenzuschließen. Wir können uns (per Demonstration, Verein oder NGO) für das Weltklima, für Flüchtlinge, für sexuell desorientierte Minderheiten etc. einsetzen, soviel wir wollen, aber sobald drei Deutsche zusammenkommen und sich für ihr wohlverstandenes Eigeninteresse organisieren wollen, schreit irgendjemand "Nazi". Sieht man ja derzeit sehr schön an den Coronamaßnahmen-Gegnern. Die kommen durchaus zusammen, immerhin, aber eine schlagkräftige Einheit wird nicht draus, im Gegensatz zu den schwarz vermummten Gegendemonstranten. Und Tatsache ist ja, dass trotz einiger Reichsflaggen 95% der "Querdenker" et al. sich geradezu verzweifelt von allem abgrenzen, was irgendwelche "rechten" Assoziationen hervorrufen könnte - außer dass sie eben für sich selbst, für ihre eigenen Interessen auftreten, aber das reicht, um diffamiert zu werden, und das weiß auch Otto Normalverbraucher nur zu gut. M. E. haben wir weniger ein metapolitisches als ein psychologisches Problem.

Noch ein Hesse

6. Mai 2021 10:11

Und zum vorgeschlagenen Begriff: Ja, es geht um den Patriotismus, natürlich. Ein völlig normaler Begriff auf der ganzen Welt, eine Selbstverständlichkeit, und mir fällt aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis NIEMAND ein, bei dem nicht die Nazisirene losheulen würde, wenn ich mich als Patriot bezeichnen würde. (Interessanterweise vielleicht die Schwiegereltern.)

Der_Juergen

6. Mai 2021 10:41

Die von Kubitschek angeführten Weissmann-Zitate haben mich beeindruckt; sie allein deuten schon darauf hin, dass Weissmann  ein Denker von erheblichem Format ist.

Allerdings zeichnete es sich bereits 1994 ab, dass eine nationale Rechte, die diesen Namen verdient, auf demokratischem Wege nichts mehr bewirken können würde. Schon damals hatte die Umerziehung so tiefe Wurzeln zu schlagen und waren die Medien so fest in Feindeshand, dass genuin rechte Positionen im allerbesten Fall noch einem Viertel des deutschen Volkes zu vermitteln waren. 2007 war das noch deutlicher geworden, und heute sind wohl bei den allermeisten von uns auch die letzten Illusionen geplatzt. Es wäre übrigens interessant, wie Weissmann die jetzige Lage, in der es um die nackte Existenz des deutschen Volkes und darüber der weissen Menschheit geht, beurteilt. Meines Erachtens ist er einfach zu intelligent, um zu glauben, mit einer Stimmabgabe für die AFD liesse sich der Great Reset noch stoppen.

Dieter Rose

6. Mai 2021 10:52

Meiner bescheidenen Meinung nach ist das Hauptproblem, dass das Grundgesetz nicht mehr beachtet wird und zur Verfügungsmasse für willfährige Juristen und Pseudo-"Volksverteter" degradiert worden ist. Philosophische Betrachtungen lösen das Problem nicht.

tearjerker

6. Mai 2021 10:53

Der Begriff der Normalität sagt vielen Leuten einfach nichts. Was für meine Grosseltern als normal galt, war schon in meiner Generation Schnee von gestern und die nächste Generation prüft auch wieder für sich selbst, wozu der ganze alte Plunder noch taugt. Ich sehe auch nicht wie das als Politslogan differenzieren kann, wenn der Gegner parallel dazu bereits mit der ‚neuen Normalität‘ hausieren geht und rund um die Uhr dafür Propaganda betreibt. In diesem Sinne ist es auch ein grosser Fehler, in der jetzigen Situation auf die Mitte zu hoffen. Die Dynamik wird aus der Ecke derjenigen kommen, die nicht in den Zirkus investiert sind. Und das sind nicht die Rentner, Lehrer, Beamten oder Eltern.

RMH

6. Mai 2021 10:53

@Sekundant,

Ich habe mich verrechnet. Gemeint war die franz. Revolution 1789. Gut, nach Tocqueville hatte die ja einen längeren Vorlauf, aber das war nicht gemeint. Schlichter Rechenfehler, Sorry.

Franz Bettinger

6. Mai 2021 11:01

Was nutzen Worte, noch dazu solche mit zehn Silben, in einer Zeit reinsten Orwellismus'?! Das Wort Normalität ist längst vom Gegner besetzt. Die Begriffe Nation und Patriot sind Tabus, deren Brecher man bestenfalls lächerlich macht, schlimmstenfalls lyncht. Welche Begriffe wird das Volk hinausschreien, wenn es die Schuldigen aus ihren Löchern ziehen wird? (Der Tag kommt gewiss.) Ganz andere Worte werden es sein, und in erster Linie negative! Wir sollten uns nicht mit Worten aufhalten. Ansonsten: viele gute Kommentare.

Nemo Obligatur

6. Mai 2021 11:05

@ Noch ein Hesse 6. Mai 2021 10:07

Einer der besten Beiträge hier überhaupt. Da stimmt jedes Wort.

Ich bin nur noch rein metapolitisch orientiert. Es geht allein darum, möglichst viele kulturelle Bestände irgendwie zu retten, zu konservieren. Die neue Zeit hält niemand auf. Aber irgendwann schwingt das Pendel zurück, dann muß man etwas anzubieten haben. Bis dahin spielen ein paar mehr oder weniger Wählerstimmen, der Einzug in ein Parlament hier oder das Ausscheiden dort überhaupt keine Rolle.

Simplicius Teutsch

6. Mai 2021 11:13

@ Götz Kubitschek: > Nichts dürfte das AfD-Projekt und sein "politisches Minimum" so genau treffen wie der Begriff "Normalisierungspatriotismus". Darin stecken Minimalziel, Anknüpfungsfähigkeit, Ungefährlichkeit, Bezugspunkt, kurz: der kleinste gemeinsame Nenner in einem Wort. <

Der „kleinste gemeinsame Nenner“ ist ein ziemlich großes Wortungetüm, aber mir fällt - gerade jetzt im aktuellen politischen, hysterisierten Corona-Kontext - auch nichts besseres ein: „Normalisierungspatriotismus“.

Jedenfalls wird damit eine Absicht geäußert, die das Tun einfordert: "Normalisierungspatriotismus".

„Normalpatriotismus“ wäre der statische, undynamische, nur beschreibende, falsche Begriff, auf den @ anatol broder oben schon hingewiesen hat.

Laurenz

6. Mai 2021 11:13

@alle Teilnehmer

Der Unterschied zur Religion ist, daß Marx das Paradies vom jenseits ins diesseits verlegte & auch alle anderen Ersatzreligionen, wie Klima oder Pandemie, beziehen sich nie auf ein jenseits. Würden alte Religionen tatsächlich an das jenseits glauben, müßten sie im diesseits keine Kriege führen.

Auch ein Fehler des Artikels, wie die mancher Beiträge hier, ist die historische "Mitte". Die Mitte, bis auf ein paar propagandistische Wahlkampagnen der FDP oder AfD, existiert gar nicht mehr. Alle diejenigen, die sich heute noch auf eine Mitte beziehen, haben sich soweit aus ihr wegbewegt, daß die Mitte in der Realität leer, ohne Hosen dasteht. Insofern sind die gekoppelten Termini "Normalität & Patriotismus" durchaus Sinn erheischend. Auch ein Ernst Thälmann war noch ein Patriot.

Und hier noch irgendetwas retten zu wollen, ist nachwievor ein eklatanter politischer Denkfehler, den auch Größen, wie Robert Lambrou, begehen.

Es wird, wenn, nur ein Phönix aus der Asche geben. Und dann stellt sich die Frage, wer wird den Phönix steuern.

links ist wo der daumen rechts ist

6. Mai 2021 11:22

@ Gustav

Aufrichtig wäre es, auch die Quelle des Jünger-Zitats anzuführen:

https://www.klonovsky.de/acta-diurna/

Apropos Klonovsky:

Offenbart sich in dieser Person nicht das ganze Dilemma einer neurechten Positionierung?

Dieser DM-Flüchtling und Zeitgeist-Schreiber, der DEM Sozialismus nie verziehen hat, daß er einem bohemienhaft-goscherten Lagerarbeiter keinen Aufstieg in „bessere Kreise“ (die gab es nicht) ermöglichen konnte, ist doch für ein konservatives Lager so typisch wie eine sich der Reproduktion verweigernde, in atypischen Verhältnissen lebende ehemalige Investmentbankerin oder ein ehemaliger Lehrer, der wie eine aus dem 19.Jahrhundert übriggebliebene „Lehrer Lämpel“-Karikatur wirkt. Eigentlich ein Gruselkabinett schmallippiger Lehrmeister. Die unmögliche Synthese aus Askese und Hedonismus.

Schade, daß dagegen Ruhe und Sicherheit ausstrahlende Väter- und Großvätergesichter wie die Meuthens und Gaulands durch Appeasement oder Überalterung nichts mehr bewirken werden können.

Aber zurück zum „Gaußzehner“ (@ anatol broder).

Man vergleiche diese blassen Geldscheine mit den Banknoten davor. Herrliche Gesichter aus der Dürer- und Cranach-Zeit. Melancholisch, aber vor Selbstbewußtsein strotzend. Was schien da nicht alles möglich 100 Jahre vor dem 30jährigen Krieg...

Ein gebuertiger Hesse

6. Mai 2021 11:24

@ Jürgen

"Meines Erachtens ist er [Weißmann] einfach zu intelligent, um zu glauben, mit einer Stimmabgabe für die AFD liesse sich der Great Reset noch stoppen."

Es mag ein Segen sein, daß wir die Träume der anderen nicht einsehen können, denn nur so können wir die Hoffnung hegen, daß sie weniger finster sind als unsere eigenen.

Gustav

6. Mai 2021 12:34

@ links ist wo der daumen rechts ist

Was für ein widerliches Zeug.

Deshalb erst recht mehr von dem " bohemienhaft-goscherten Lagerarbeiter":  

"Dieses Melden, dieses Anschwärzen (sic!), dieses Schießen aus dem sicheren Biwak des Zeitgeistes, platzend vor grundgutem Gewissen. Grundgütiger! 

Wenn ich sage, die DDR sei ein Drecksstaat gewesen, meine ich nicht „die Menschen”, sondern tatsächlich den Staat, die Parteibonzen, die bösen Greise des Politbüros, die Spitzel, die Mitmacher, die Beflissenen…

Liebe Kinder, die Demokratie ist nichts Heiliges. Die Demokratie ist kein Religionsersatz. Die Demokratie ist kein Geschichtsziel. Die Demokratie ist ein Mittel zum Zweck, sie ist das Mittel, um zu einer guten Regierung zu kommen bzw. eine schlechte Regierung wieder loszuwerden. Erfüllt ein Mittel seinen Zweck nicht, muss darüber nachgedacht werden, ob es am Mittel oder an der Art seiner Anwendung liegt. Ich fürchte freilich, dass in den Köpfen vieler gewählter Regierender sogar der Zweck fraglich ist."

Vultus Animi

6. Mai 2021 13:37

„Dazu aber ist nicht nur eine eindeutige Parteinahme für die Demokratie erforderlich, sondern auch die Bereitschaft, "anknüpfend" zu agieren. Denn wo außer in einer Mobilisierung der "Mitte", im Namen des gesunden Menschenverstandes, wäre es heute noch möglich, Mehrheiten für eine andere Politik zu finden?“

Daran anknüpfend: Am Ende verspricht nur ein „konservativer Marsch durch die Institutionen Erfolg“.

So verstehe ich auch die Lehre vom von @Marcel zitierten Gerd Koenen.

Uodal

6. Mai 2021 13:43

Die meisten Kommentatoren können nicht so Recht etwas mit dem Begriff "Normal" anfangen. Aber ist das denn die Frage, was ein Dutzend Kommentatore hier davon halten? Entscheidend ist doch nicht, ob der Wurm dem Angler schmeckt, sondern dem Fisch, d.h. spricht er ein Gefühl, ein Bedürfnis der Wähler - nicht irgendwelcher, sondern der potentiellen AfD Wähler - an? Ich meine, Ja. Er schließt an, und nicht erst seit der Pandemie, an eine verbreitete Sehnsucht nach einer «Normalität», die weit über die bisherige AfD-Wählerscbichten hinausreicht.

Während die Alt-Parteien anscheinend keinen Zugang mehr zu dieser Sehnsucht haben, sich statt dessen in der Beschäftigung mit Gendersternchen und Partikularinteressen überbieten, ihr "Augenmerk auf immer kleinere und skurrilere Minderheiten richten" (Wagenknecht) und sich immer weiter in politischer Korrektheit verirren, hat die AfD hier eine kluge Ansprache an die immer noch "normale" Mehrheit gefunden.

Silent Reader

6. Mai 2021 14:02

Dies ist die echte Alternative für die BRD — die Urbanen, eine Hip-Hop Partei geführt von Raphael Moussa Hillebrand.

https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Urbane._Eine_HipHop_Partei

 

limes

6. Mai 2021 14:21

Normalisierungspatriotismus ist in »Corona-Zeiten« kein Minimum mehr, sondern bereits ein recht sportliches Ziel.

Den Kampf gegen das Vaterland glaubt die Gegenseite bereits gewonnen und hat sich mit der klaren Ansage, dass es »ein Zurück zur alten Normalität« nicht geben werde, bereits zum Sieger einer Entscheidungsschlacht erklärt.

Neben Institutionen, Verbänden und »Zivilgesellschaft« wirken vor allem die Medien, die Perspektive der »Bevölkerung« bestimmend, als normative Kraft. Durch den kritischen Vorstoß des beliebten Mimen Jan Josef Liefers und dessen drohende berufliche Hinrichtung aber droht nun der Triumphzug der Dekonstruktion ins Stocken zu geraten. Ausgerechnet der Börsenverein des Deutschen Buchhandels schlägt nun eine »Charta der Meinungsfreiheit« vor, und ein illustres Bündnis von »Organisationen und Unternehmen, darunter … der Fußballclub Eintracht Frankfurt, Amnesty International, … die Bundeszentrale für politische Bildung, … das Goethe-Institut… und Reporter ohne Grenzen« (Epoch Times) wollen nun eine Woche lang auf allen Kanälen für ihre Auslegung von Meinungsfreiheit trommeln.

Volksdeutscher

6. Mai 2021 14:28

Mitleser 2 - "Wahrscheinlich braucht es tatsächlich erst mal eine Grün-dominierte Regierung bevor eine Veränderung eintritt."

Malen Sie mal nicht den Teufel an die Wand. Mit dem Wirklichkeit gewordenen Albtraum einer grün-bolschewistischen Regierung würde in der Tat eine Veränderung eintreten, aber nicht so, wie Sie das suggerieren. Kein Widerstand, keine Veränderung könnten ab dem Zeitpunkt mehr möglich sein und werden, wenn die anfangen, in die Gesetzgebung hineinzupfuschen. Die Grün-Bolschewiken würden Gesetze erlassen, Gesetze abschaffen und Gesetze ignorieren gegen Volk, Nation, Rechtsstaat, Tradition zugunsten von Fremden, Familienauflösung, Willkür, Rechtlosigleit, Multikulturalismus, Denunziantentum. Die würden alle Parteien, Vereine, Stiftungen von rechts verbieten, rechte Personen drangsalieren, schleifen und verfolgen. Noch nie ist die Gefahr einer neuen Räterepublik greifbar näher gerückt als in unserer Zeit.

brueckenbauer

6. Mai 2021 14:45

Nun ja. Ich lese das als Antwort auf diejenigen, die sich letztens positiv und bereitwillig für die Teilnahme am Nazi-Zoo ausgesprochen hatten (vielleicht stand ich da ja nicht alleine). Die also bereit sind, sich in eine Minderheit einflechten zu lassen, die keinerlei Chance auf eine Mehrheit hat (außer wenn die politische Gesellschaft einmal total zersplittert und nur noch Regierungskoalitionen von zufällig zusammengerafften Minderheiten möglich sind, was jeder beteiligten Minderheit wenigstens ein negatives Veto gewähren würde).

Mein Problem mit Kubitscheks Lösung: Mit "Normalisierungspatriotismus" sind wir von den realen Leuten noch einen Schritt weiter weg als mit "Normalisierungsnationalismus". Denn was ist schon ein "Vaterland" - eine Karte, eine Gruppe von Institutionen, ein "deep state" jenseits der Parteien?

Wie wäre es denn mit "Normalisierungsethnizismus"? Das "Volk" müsste dringender normalisiert werden als das "Vaterland", und da sind wir wieder an den realen Menschen dran (allerdings, wenn es nun also um Mehrheiten gehen soll, auch an der Frage: Hat denn die deutsche Volksgruppe - wohl verstanden - noch eine Mehrheit in der Bundesrepublik?).

Kriemhild

6. Mai 2021 14:49

Den Kommentar des Kollegen aus Hessen (10:07) finde ich ganz hervorragend, er trifft den Nagel auf den Kopf. Aus genau diesem Grunde sind die Querdenker und sämtliche anderen Demonstranten gegen die Corona-Maßnahmen auch strukturell rechts zu verorten, selbst wenn sie sich teilweise vehement gegen diese Etikettierung wehren. Allein der Umstand, dass Bürger politisch agieren und sich untereinander verständigen, um ihre eigenen Belange wahrzunehmen statt aktiv gegen die eigenen Interessen zu mobilisieren, stellt einen gegen den linken Konsens gerichteten Akt dar, den das "verfassungspatriotische" Establishment nicht tolerieren kann.   

micfra

6. Mai 2021 14:57

Dieser Artikel erschien das erste Mal am 30. September 2019. Offensichtlich hat sich seit Herbst 2019 nichts wesentliches geändert und so kann man diesen Text unverändert nochmals publizieren und niemand merkt es. Die Kommentare wirken diesmal noch etwas depressiver.

links ist wo der daumen rechts ist

6. Mai 2021 14:58

@ Gustav

Wissen Sie, was einen wirklich anwidern kann? Es ist diese typisch deutsche Jammerlappen-Mentalität:

Ach, die Umerziehung (die begann nicht am 8. Mai 1945, sondern 1917: Rudolf Steiner gegen Wilson vs. Lenin), wo bleibt nur die erinnerungspolitische Wende (die fand Ende der 90er statt), huch, der drohende Volkstod (das Gejammere begann in einschlägigen Kreisen Ende der 70er, als die BRD trotz allem ein ökonomisch mächtiger und politisch selbstbewußter Staat war). Usw.

Der Anfang vom Ende war dann die „Wiedervereinigung“, erkauft um den Preis der Abschaffung der DM. Und die, die damals die Befürworter eines eigenständigen Mitteldeutschlands als Vaterlandsverräter gebrandmarkt haben, trauern heute dieser Variante nach.

Der Kohl-Patriotismus als kollektive Umnachtung ließ!

anatol broder

6. Mai 2021 15:00

wie kann normal ge­setzt werden? aus der pessi­misti­schen sicht ist die ant­wort klar: normal ist, wer im zwei­fel ver­zichtet. da liegt das kon­serva­tive mini­mum, das gegen­teil vom «ruch­losen opti­mis­mus».

um synonyme für normal zu finden, spalten wir den be­griff in seine innere und äussere be­deutung:

der innere ver­zicht ist edel (götz kubitschek: «er­haben»). hier treffen wir auf liebe und kunst. das edel­ste sub­jekt hier ist jesus. aus grossem stein wird edel­stein: «kubitschek glaubt nicht an die wirk­sam­keit vieler worte.»

der äussere ver­zicht ist rein (@ fredy: «gewöhnlich»). dort treffen wir auf recht und wissen­schaft. das rein­ste ob­jekt dort ist der tod. aus grosser lehre wird reine lehre: «mittler­weile weiss kubitschek, wo­mit er gar nicht erst an­kommen muss.»

somit können wir normal durch edel oder rein er­setzen.

ferdinand kürn­berger stimmt zu: «und alles, was man weiss, nicht bloss rauschen und brausen ge­hört hat, lässt sich in drei worten sagen.»

Der_Juergen

6. Mai 2021 15:31

@links wo...

"Schade, daß dagegen Ruhe und Sicherheit ausstrahlende Väter- und Großvätergesichter wie die Meuthens und Gaulands durch Appeasement oder Überalterung nichts mehr bewirken werden können." Ist das Satire? Wenn ja, sollten Sie sie mit "Achtung, Satire" kennzeichnen. Dass der zwiespätige Gauland oder gar der Erzschelm Meuthen "Ruhe und Sicherheit" ausstrahlen sollen, schlägt dem Fass wirklich den Boden aus.

Auch Ihre Angriffe auf Klonovsky, der bei all seinen Minuspunkten (worunter ich vor allem seine eiserne Weigerung verstehe, die Gründungslüge der BRD in Frage zu stellen) ein hervorragender Stilist ist und in manchen zentralen Punkten die Wahrheit und nichts als die Wahrheit schreibt, sind völlig überzogen. Wir haben in Deutschland heute nicht so viele brillante Federn, dass wir es uns leisten könnten, sie als "Lehrer Lämple-Karikaturen" abzutun.

Der_Juergen

6. Mai 2021 15:43

Teil 1

Im folgenden wird keine Behauptung aufgestellt, sondern eine Frage aufgeworfen, die an alle Interessierten geht:

Wenn ein Rechter von "Metapolitik" spricht, meint er damit, dass die Rechte bestrebt sein soll, der herrschenden linken und liberalen Ideologie die Deutungshoheit über die Begriffe streitig zu machen; sie muss versuchen, das geistige Klima in ihrem Sinne zu ändern, indem sie, da sie die breiten Massen nicht erreichen kann, nach und nach eine eigene Elite herausbildet, die am Tag X bereit ist, politische Verantwortung zu übernehmen. Dies kann man als "Gramscismus von rechts" bezeichnen (Irrtum vorbehalten, stammt der Ausdruck von A. de Benoist).

Schon vor Jahren habe ich auf diesem Forum die Meinung vertreten, der Rechten gehe langsam die Zeit aus, weil die Umvolkung so rapid voranschreite, dass bis in spätestens zwei Jahrzehnten irreversible Zustände geschaffen sein würden; das einzige, was eine nationale deutsche Bewegung dann noch anstreben könne, sei die Errichtung eines deutschen Staates auf einem Teil des heutigen deutschen Gebiets.

Der_Juergen

6. Mai 2021 15:46

Teil 2

Durch den monströsesten Schwindel aller Zeiten hat sich die Lage natürlich drastisch verschärft. Um die Katastrophe zu stoppen und somit wenigstens das Schlimmste zu verhindern, bleibt sehr wenig Zeit. Wie kann man unter diesen Umständen noch "Metapolitik" betreiben, in der Hoffnung, in zehn oder zwanzig oder fünfzig Jahren das herrschende geistige Klima so verändert zu haben, dass ein politischer Paradigmenwechsel und Machtwechsel möglich sein wird? Braucht es den Menschen der Tat, der direkt politisch handelt und dabei auch grösste Risiken in Kauf nimmt, heute nicht ungleich mehr als den Schreibtisch-Intellektuellen, der ja noch so viel über George und Jünger wissen mag, aber jeder physischen Konfrontation angstvoll aus dem Wege geht, da diese nichts für feine Geister wie ihn ist?

Carsten Lucke

6. Mai 2021 17:02

@ Linksdäumling

Ihr erbärmliches Gegeifere gegen Klonovsky ist doch niedrigstes Ressentiment und fällt ja bloß auf Sie selbst zurück - widerlich !

> Hervorragender Text von Götz Kubitschek - Dank dafür !

Laurenz

6. Mai 2021 17:05

@limes

Das glauben Sie doch Selbst nicht, was Sie da schreiben.

https://jungefreiheit.de/kultur/gesellschaft/2021/totalitarismus-woche-der-meinungsfreiheit/

Die Grünen waren bereits 7 Jahre dran. Aber außer einer Spritsteuer gegen Arme & einem mißglückten Dosenpfand ist alles Symbolpolitik geblieben. Arbeitnehmerrechte wurden beschnitten, die Sozialversicherten beraubt & man zog in einen nicht erklärten Krieg. Daran knüpft Frau Koboldbock an. https://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/511705/Baerbocks-geopolitisches-Konzept-Gemeinsam-mit-den-USA-gegen-autoritaere-Systeme?src=XNASLSPREGG

Die ganze linke Mischpoke von CDU über Grün bis Die Linke, wissen haargenau, daß sie den Karren an die Wand fahren. Man wird mit immer härteren Maßnahmen versuchen, sich weitere Zeit der Macht zu kaufen, das geht doch schon seit 2 Jahrzehnten so. Aber sonst wird sich unter Koboldbock nichts ändern, es wird bei Symbol-Politik bleiben, & man wird den Bürgern immer mehr abnehmen, um den eigenen Status aufrecht zu erhalten.

tearjerker

6. Mai 2021 17:06

„Durch den monströsesten Schwindel aller Zeiten hat sich die Lage natürlich drastisch verschärft.“ (Jürgen).

Man kann die Ereignisse der letzten 2 Jahrzehnte auch als Auflösungserscheinung des globalistischen Lagers lesen, soweit es Europa betrifft: von der Ablehnung einer europäischen Verfassung durch Franzosen und Niederländer, über Gewalt als Antwort auf deren Expansion in Georgien/Ukraine, die „Rettungen“ um notdürftig die nationalen Interessenkonflikte mit Geld zuwerfen zu können, die Migrationskrise, in der abermals Regeln und Freizügigkeit von den Rändern her in Frage gestellt wurden bis zum Märchen von der ach so gefährlichen Krankheit, die jetzt als Vorwand gilt, die Grenzen entlang der Völker neu zu errichten und die Ökonomie als Basis des gesamten Konstruktes substantiell und unwiederbringlich zu beschädigen. Es tun sich überall Risse und Brüche auf, die zur Zeit von Weissmanns Überlegungen noch undenkbar waren. Hier gilt es anzusetzen.

Ein gebuertiger Hesse

6. Mai 2021 17:10

@ Jürgen

"Braucht es den Menschen der Tat, der direkt politisch handelt und dabei auch grösste Risiken in Kauf nimmt, heute nicht ungleich mehr als den Schreibtisch-Intellektuellen, der ja noch so viel über George und Jünger wissen mag, aber jeder physischen Konfrontation angstvoll aus dem Wege geht, da diese nichts für feine Geister wie ihn ist?"

Sie stellen eine geradezu schmerzhaft wesentliche Frage, die sich nur mit Ja beantworten läßt. Eigentlich. Nur: wie könnte, sollte, dürfte, müßte eine solche Tat aussehen und wie besser nicht? Bedenkt man dies, was notwendig ist, bewegt man bereits wieder unter den Geistern, die Sie - und ich verstehe es - sozusagen als bloße Sofa-Rechts-Revoluzzer kritisieren. Schwierig. Als Lektüre zu der Frage empfehle ich in GKs "Provokation"-Büchlein das Kapitel "Das Zögern". 

Laurenz

6. Mai 2021 17:20

@RMH

"Sorry" = Ihr könnt mich mal.

Wenn Sie Sich entschuldigen wollen, dann tun Sie das.

@Anatol Broder

Könnten Sie bitte Ihre Meinungsäußerung etwas weniger geschwollen, sprich weniger edel, aber vielleicht auch nicht ganz so gewöhnlich formulieren, damit es auch ganz normale "Normalisierungspatrioten" verstehen können?

@Silent Reader

"Die Urbanen"

Wenn Sie Sich Relotius-Umfragen anschauen, will eine Mehrheit der Stadtbewohner gar nicht in der Stadt leben. Diese Mehrheit macht es nur aus existentiellen Gründen. Die meisten träumen eher von dem Model "Schnellroda". Ist ja auch logisch, lieber in der Hütte eines verarmten Ritters, als in der Legebatterie eines Hühner-KZs. Die Grüne NomenKlatura aus Neu-Wandlitz will, daß alle in der Stadt leben, weil dort die Kontrolle aller einfacher ist.

heinrichbrueck

6. Mai 2021 18:05

"Die Demokratie ist ein Mittel zum Zweck, sie ist das Mittel, um zu einer guten Regierung zu kommen bzw. eine schlechte Regierung wieder loszuwerden."
Wer glaubt diesen vorgegebenen Fettdruck? Keine Panik, das Mittel erfüllt seinen Zweck, nur anders, als von den Demokraten gedacht. Was die Demokratie sein sollte, nicht was sie ist. Synthetisches Denken, langfristig orientiert, demokratisch gewissenhaft, dem Volksgewissen dienend, und nicht einer abstrakten Theokratie unterworfen. Die Demokraten müssen die Demokratie verstehen lernen. 
"Erfüllt ein Mittel seinen Zweck nicht, muss darüber nachgedacht werden, ob es am Mittel oder an der Art seiner Anwendung liegt."
Mit dem Fahrrad einen Porsche überholen wollen, die Demokratie erlaubt es. 
Es gibt ein Muster, in der Anwendung wiederkehrend. 

Gotlandfahrer

6. Mai 2021 18:17

Mit „Normalisierungspatriotismus“ wüssten selbst in der AfD nur wenige etwas anzufangen, geschweige denn, dass mit diesem sich Beschränken in der Praxis irgendein Blumentopf gewinnbar wäre.  Frau Weidel hat dies bei Lanz gezeigt: Alles richtig, und doch nur Defensive.  Wenn Weißmann schon 1994 sich nur eines „andeutenden“ Hinweises bedienen konnte, sagt das alles:  Wir sind nicht nur nicht frei im Sinne einer gegen uns gerichteten Gesinnungsherrschaft – was stabile Refugien, akzeptierte Linien zuließe, so, wie es Kirche im Sozialismus gab.  Sondern wir – der alarmierte Teil des Staatsvolkes – sind steigernder Einschnürung ausgesetzt, die nicht auf einen „Deal“ abzielt.  Was haben wir anzubieten, damit uns „Normalität“ gelassen wird?  Wenn Miteinandersprechen verweigert wird, bleibt nur Übereinandersprechen.  Konsequent nur auf eigenen Kanälen, konsequent deren Rechtsbruch, deren Morallosigkeit, deren die gegen die Menschlichkeit gerichtete Praxis benennend.  Wer Lanz guckt, ist unwichtig.  Masse folgt, wenn sich eine selbstbewusste Avantgarde zeigt.  Um eine solche muss es gehen, eine sehr kleine Gruppe von gefeierten Köpfen, die sich nicht um Umfragen schert, aber die glasklar „die“ benennen, die „uns“ ohne Aussicht auf Erträglichkeit angreifen.  Es hat sich, trotz vieler guter Köpfe, noch nicht herausgebildet: Das von "uns" unangefochtene Sieger-Gesicht der Alternative.

Imagine

6. Mai 2021 19:15

Da ich ungefähr so alt bin, wie @Maiordomus, bin ich Zeitzeuge einer Entwicklung, welche fast 70 Jahre umfasst.

Ich kann mich noch an das ärmliche Leben in der Nachkriegszeit erinnern, habe die Besatzungszeit und deren Ende erlebt, habe dann die Fress-, Auto- und Reiswelle mitbekommen, das konservative CDU-CSU-Deutschland, die APO und die Studentenbewegung, die Modernisierung durch die SPD im Interesse des Großkapitals, die bleierne Zeit in den 70-er Jahren, den geistig-moralischen Verfall Deutschlands während der Kohl-Ära, die zweite Modernisierung durch SPD und Grüne im Interesse des Groß- und Globalkapitals, die zweite große Dekadenzperiode Deutschlands in der Merkel-Ära, in der alles zertrümmert wurde, was die positiven Seiten des westlichen Nachkriegsdeutschlands ausmacht, nämlich Demokratie, Rechts- und Sozialstaat.

Heute sehe ich ein Deutschland, das immer mehr auf einen „failed state“ hinsteuert.

Eine grün-schwarze Regierung mit Kanzlerin Baerbock wird vermutlich eine dritte Welle der Modernisierung im Interesse der globalen Kapitale durchführen, in der die westlichen Gesellschaften durch eine Trennung zwischen Herrenmenschen und der sklavenartigen Massen der Arbeits- und Nutzmenschen gekennzeichnet sein werden, die jeweils in anderen Alltagswelten leben, so wie früher die „Idiotes“ in Griechenland, die Plebs im Römischen Reich und die Negersklaven (cf. „Uncle Tom“) in den USA.

 

Apostat

6. Mai 2021 19:16

Norm- im Sinne von Selbstverständlichkeit, nicht Erklärungsbedürftig, kann nach der Säkularisierung nur noch Gültigkeit für das individuelle Leben haben.

Gesellschaftliche Normen sind, wie alles in der Politik, Interessenbestimmt und somit wandelbar.

In Zeiten linker Identitätspolitik, drohendem Quotensozialismus und Ersetzungsmigration würde mein konservatives Minimum "Gemeinwohlpatriotismus" heißen. 

 

brueckenbauer

6. Mai 2021 19:52

Beim zweiten Durchdenken kann ich Kubitschek seinen Normalisierungspatriotismus nicht verübeln. Wer einmal darauf vereidigt worden ist, "sein Vaterland" zu verteidigen, wird kaum umhin können zu glauben, dass es so etwas wie ein "Vaterland" wirklich gibt.  Ich respektiere also seine Glaubensüberzeugung, kann mich ihr aber beim besten Willen nicht anschließen.

Mitleser2

6. Mai 2021 20:30

@Imagine: " die Modernisierung durch die SPD im Interesse des Großkapitals"

Das kann ich als Arbeiterkind mit Abitur 1974 überhaupt nicht so sehen. Für mich war das die Möglichkeit der Entfaltung. Unabhängig davon: die Förderung der Naturwissenschaften ab 1969 (z.B. Max-Planck-Gesellschaft) hat Deutschland massiv vorangebracht. Wo sie da das "böse" Großkapital sehen, ist mir rätselhaft.

 

Lotta Vorbeck

6. Mai 2021 20:37

@Imagine - 6. Mai 2021 - 07:15 PM

"Ich kann mich noch an das ärmliche Leben in der Nachkriegszeit erinnern, habe die Besatzungszeit und deren Ende erlebt ..."

---

"Ach was?"

Wann soll sie denn zu Ende gewesen sein, die Besatzungszeit?

Die Besatzungstruppen nebst ihrem in die Hundertausende gehenden, zivilen und paramilitärischem Gefolge sind jedenfalls nach wie vor sehr präsent im Lande und aktuell hyperaktiv am Boden, in der Luft und zur See unterwegs.

limes

6. Mai 2021 20:57

@ Laurenz (6. Mai 2021 17:05) @limes

Sie, Laurenz, schreiben mir: »Das glauben Sie doch Selbst nicht, was Sie da schreiben.«

Pardon, lieber Laurenz: Wie verstehen Sie meine Zeilen? Ich sehe in meinem Kommentar keinen Widerspruch zu Ihren an mich gerichteten Ausführungen.

Laurenz

6. Mai 2021 21:30

@Gotlandfahrer

"Mit „Normalisierungspatriotismus“ wüssten selbst in der AfD nur wenige etwas anzufangen, geschweige denn, dass mit diesem sich Beschränken in der Praxis irgendein Blumentopf gewinnbar wäre."

Also, abgesehen davon, daß ich den Artikel nicht als einfach ansehe, hatte ich sofort ein Verständnis von "Normalisierungspatriotismus". Ich gehe nicht davon aus, daß GK von Seiner Empfehlung an den politischen Arm der konservativen Rechten abweichen will, politische Agitation in der Öffentlichkeit inhaltlich auf ein Minimum zu beschränken. Innerhalb der immer noch existenten Mosaik-Rechten & gar anderer, meist außerparlamentarischer oppositioneller Gruppen, bietet der Begriff allen den Patrioten Identität, die "normal" ohne Umerziehung leben wollen. Was ist, wenn man, wie zB die Polen, nicht auf dem Fußballplatz den Knie-Idioten zugunsten einer ethnischen Minderheit in den USA machen will, der es in den USA besser geht, als nur unter ihresgleichen in Afrika?

Markus Lanz ist für die Blöden dieses Landes & unerträglich. Auch Weidel macht die Sendung nicht besser. Denke, die Südtiroler werden sich ob dieses Exports schämen. Das sollten sie auch.

Gotlandfahrer

6. Mai 2021 22:01

@ Laurenz: "... bietet der Begriff allen den Patrioten Identität, die "normal" ohne Umerziehung leben wollen"

Das mag ja das sein, was uns reichte.  Aber so erreichen wir es nicht.  Um ein überstrapaziertes und wohl überwiegend falsch verwendetes historisches Phänomen zu bemühen:  Hätte Stalin die Wehrmacht nur bis zur polnischen Grenze zurückschlagen wollen können?  Etwas tiefer gehängt lautet die Botschaft an die Top-down Putschisten: Diese Stadt ist zu klein für uns alle, jedenfalls wenn Ihr hier so ein Theater macht.

Waldgaenger aus Schwaben

6. Mai 2021 22:28

Dem Wortungetüm Normalisierungspatriotismus  haftet der Ruch des Elitären an. Kann sich jemand vorstellen im Straßenwahlkampf zu verkünden: "Wir sind Normalisierungspatrioten!"

Und, wesentlicher, der Begriff setzt ein vergangenes goldenes Zeitalter voraus, das heutzutage nicht im Mystischen verordet werden kann, sondern konkret als die Adenauerzeit, die Jahren nach der Wiedervereinigung, die Gründerzeit ab 1870 benannt werden muss mit all den daraus folgenden Diskussionen.

Mit Normal ist IMHO vernünftig gemeint und damit wäre der bessere Begriff:

Vernunftspatriotismus oder "vernünftiger Patriotismus"

 

Imagine

6. Mai 2021 23:03

@Mitleser2  6. Mai 2021 20:30
„Das kann ich als Arbeiterkind mit Abitur 1974 überhaupt nicht so sehen. Für mich war das die Möglichkeit der Entfaltung.“

Die SPD hat durch die Überproduktion akademisch qualifizierter Arbeitskräfte deren Arbeitskraft immer billiger gemacht. Genau dies war im Interesse des Großkapital. Immer mehr bekamen ein Abitur und durften studieren, aber danach verdienten sie zum Teil weniger als ein Facharbeiter. Zunehmend landen sie heute als Arbeitslose im HartzIV-System.

Zweites Beispiel:
Die Mitbestimmungsgesetze. Da hat man Gewerkschafter als „Arbeitsdirektoren“ zu Co-Managern gemacht, deren Stellung und Einkommen vom Unternehmensprofit abhängig war. Die haben dann alles mitgemacht: Lohnsenkungen, Betriebsverlagerungen, Beschäftigung von Leiharbeitern, Import ausländischer Arbeitskräfte usf.
Typisch: Peter Hartz war früher ein sozialdemokratischer Gewerkschafter.

Imagine

6. Mai 2021 23:04

@Lotta Vorbeck  6. Mai 2021 20:37
„Wann soll sie denn zu Ende gewesen sein, die Besatzungszeit?“

Die militärische Besatzung endete mit dem Abzug der Besatzungstruppen.
Damit war die alliierte Herrschaft nicht zu Ende.

Aber soziologisch sollte man schon zwischen Besatzung und Herrschaftsausübung unterscheiden können.

Mitleser2

7. Mai 2021 08:28

@Imagine

Warum werfen Sie Dinge in einen Topf, die 50 Jahre auseinanderliegen. Die Bildungsexpansion der 70er Jahre war vollkommen richtig und nötig, genauso wie die SPD von damals und heute fast nichts mehr miteinander zu tun haben. Und natürlich ist die Entwertung des Abiturs seit ca. 2000 auch eine Tatsache, die Prekarisierung betrifft aber hauptsächlich die Geschwätzwissenschaften. Ich bestreite nur, dass es 1970 schon falsch war.

Gelddrucker

7. Mai 2021 11:50

@Volksdeutscher:

Meinen Sie nicht, Sie übertreiben etwas mit den grünen Horrovorstellungen? Genau wie es die AfD nicht schaffen würde, in 4 Jahren das Land zu retten, werden es die Grünen nicht in 4 Jahren zerstören? Es könnte tatsächlich nötig sein, um einigen klarzumachen, was sie da gewählt haben. Sagt Ihnen ein ehemaliger Grünwähler, der der festen Überzeung war, er würde was für die Umwelt tun.

Götz Kubitschek

7. Mai 2021 12:02

badeschluß. und eines der vollständigkeit halber, etliche habens ja bemerkt: dieser text stammt aus dem herbst 2019, er ist unter "normalisierungspatriotismus" schon einmal veröffentlicht worden. ich zog ihn noch einmal hoch, weil er aktuell ist. sehr interessant: die diskussion ist tatsächlich ernüchternd im vergleich zur antriebskräftigeren von vor anderthalb jahren. nichts für ungut also!

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