10. Juni 2021

Staat oder Staatsferne – eine Debatte

Götz Kubitschek / 50 Kommentare

In der 102. Sezession, gerade erschienen, debattieren Benedikt Kaiser und Erik Lehnert indirekt miteinander.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Indirekt heißt: Kaiser hat für das Themenheft "Angst" einen Beitrag über den Komplex "Angst und Ökonomie" geschrieben, Lehnert las - und setzte einen Beitrag daneben, in dem es über politische Manipulation durch Angstszenarien geht. Sein Beitrag mündet in einer Beschreibung des unguten Abhängigkeitsverhältnisses der betreuten Bürger von ihren Betreuern.

Lehnert geht in seinem Beitrag mit keiner Silbe auf Kaisers Überlegungen ein, aber man versteht, daß er manches anders wahrnimmt und den Menschen anders auf den Sattel setzen will. Kaiser wiederum baut mit seinen Artikeln eine Position aus, über die er unter dem Titel Solidarischer Patriotismus bereits ein Buch schrieb, das in der 2. Auflage vorliegt.

Worum geht es? Kaiser erläutert in seinem Beitrag, warum und wo der deutsche Staat das, was er seinen Bürgern verspricht, nicht mehr einzulösen vermag. Er argumentiert für die Arbeitnehmer und kleineren Selbständigen, deren Lebenssituation schon vor der Corona-Krise prekärer geworden sei, und zwar in mehrerlei Hinsicht:

Nach und nach habe ein Umbau des Arbeitsmarkts in flüssigere, flexiblere Modelle stattgefunden. Festanstellungen seien Zeitarbeitsverträgen und befristeten Arbeitsverhältnissen gewichen. Die Bezahlung sei schlechter geworden, ein einziges Familieneinkommen reiche nicht mehr aus. Die Zahl der Pendler habe zugenommen, die Pendelstrecken seien länger geworden, die Arbeitsplatzsicherheit sei nicht mehr gewährleistet, kurzum:

Das Versprechen der BRD, ein im Grunde unpolitisches, jenseits jedes deutschen Sonderwegs angesiedeltes Leben in Sicherheit, Wohlstand, Ruhe, Ordnung und persönlicher Ausgestaltungsmöglichkeit zu leben, könne nicht mehr gehalten werden, und das bringe die Soziale Frage zurück auf die Agenda.

Denn aus dem Versprechen, das dieser Staat seinen Bürgern gegeben habe, könne ein Anspruch abgeleitet werden: der Anspruch auf eine Politik, die dieses Versprechen einlöse. Wenn dies nicht mehr gegeben sei, müsse dieser Anspruch laut formuliert werden, denn nur auf diese Weise würde der Riß zwischen Behauptung und Realität sichtbar. Das Geld für eine solidarisch-patriotische Politik sei nämlich vorhanden, bloß würde es nach ganz oben und an die ganz Fremden umverteilt.

Lehnert, ich, jeder aus unserem Beritt wird die Feststellung teilen, daß genügend Geld vorhanden sei und daß unsere Solidarität unseren Leuten gehöre, daß also der von den Deutschen eingerichtete, ausgebaute und finanzierte Sozialstaat der beruflichen Absicherung und finanziellen Unterstützung derjenigen Deutschen dienen soll, die in eine Notlage geraten sind.

Auch über Beschränkung der Bereicherungsmöglichkeiten der reichsten zwei, drei Prozent in Deutschland wird es unter uns keine zwei Meinungen geben: Ich selbst, um ein Beispiel zu nennen, plädiere für die Rückverstaatlichung von Bahn und Post, von Banken, von Wasserversorgung, Stromversorgung, städtischem Wohneigentum, von vielem also, das mit deutschem Volksvermögen aufgebaut worden ist und in den vergangenen dreißig Jahren an private Investoren verscherbelt wurde.

Ich plädiere (um einen Gedanken aus einem früheren Text zu verwenden) für staatliche Bereiche, die der Konkurrenz und der Rendite entzogen sein müssen. Die für manche Regionen verheerende Privatisierung von Krankenhäusern ist ein gutes Beispiel dafür. Ich bin strikt dafür, den massiven Land- und Waldankauf durch Superreiche und Fonds zu verbieten und schlage vor, die staatsfinanzierte Rettung und Unterstützung von Großkonzernen an eine Staatsbeteiligung zu knüpfen.

In der Debatte zwischen Kaiser, Lehnert (und anderen und mir) geht es aber um etwas anderes. Es geht um die Frage, in welchem Umfang der Staat überhaupt als Betreuer auftreten sollte. Not abzufangen ist etwas anderes, als Lebensverhältnisse sicherzustellen.

Auf einer höheren Ebene stellt sich außerdem die Frage, ob nicht gerade der Betreuer-Staat selbst dann, wenn er nicht in einer multikulturellen Gesellschaft agieren würde, durch ein Übermaß an Betreuung aus unabhängigen abhängige Bürger machte. Wieviel Anspruchshaltung, wieviel Bequemlichkeit, wieviel Infantilität steckt in erwachsenen Leuten, deren erster Ruf stets dem Betreuer gilt, wenn sie Unsicherheit oder sogar Umbrüche auf sich zukommen ahnen?

Und weiter: Welches Potential an Angstpolitik steckt in soviel Anspruch und Unselbständigkeit? Haben die Betreuer vielleicht ein Interesse daran, den Betreuten Fürsorge angedeihen zu lassen, um weiter oben, dort, wo es um den Umbau des Staates geht, freiere Hand zu haben?

Kaiser bringt es (wie oben ausgeführt) in seinem Artikel mit Carl Schmitt auf die Formel, daß der Staat Sicherheit, Ordnung und Ruhe zu gewährleisten habe und daß unser Staat dieses Versprechen gebrochen habe.

Ich habe in meiner knappen Analyse zur Wahl in Sachsen-Anhalt diese Bestandsaufnahme durch eine These ergänzt: Unser Staat in seiner derzeitigen Ausprägung leistet diese Forderungen im Großen tatsächlich nicht mehr, hat sich die Lämmertreue seiner Bürger aber durch eine Politik erkauft, die auf privater Ebene relativ viel Sicherheit, Ordnung und Ruhe ermöglicht. Noch keine politisch relevante Gruppe so unter existentiellem Druck, daß ein Wendewille durchschlüge.

Sicherheit, Ruhe, Konsummöglichkeit sind für die überwältigende Mehrheit aller Angestellten und Arbeiter ein Argument, maulend zwar, aber faktisch dennoch mit diesem Staat zurechtzukommen, der im Großen und Ganzen die Zukunft des deutschen Volkes verspielt. Man kann sich einrichten, man kann das berühmte richtige Leben im falschen führen, das Ätzende ätzt nicht durch bis in den Alltag, und das macht das Herrschaftssystem der Betreuer über die Betreuten so sehr viel geschmeidiger und undurchsichtiger als jedes harte Regime.

Von diesem Punkt aus gibt es zwei Optionen:

1. Es gibt vor allem unter kleinen und größeren Selbständigen eine starke Tendenz zu einer Abwendung von diesem Staat. Martin Lichtmesz wird für die 103. Sezession (August) über diese Haltung schreiben und sie unter dem Begriff "situationslibertär" oder "lagelibertär" zu fassen versuchen.

Dieser Begriff ist hervorragend geeignet, den Dauer- und Totallibertären, die nun eine libertäre Wende wähnen, den Wind aus den Segeln zu nehmen: Wenn sich Leute wie wir vom Staate abwenden, dann nicht vom Staat und der Staatsidee an sich, sondern nur lagebedingt von seiner derzeitigen Ausformung. Man muß sich nur ein einziges Mal vorstellen, wohin das abfließt, was denjenigen abgepreßt wird, die tatsächlich zum Plus in diesem Lande beitragen, anderen Leuten Arbeit geben und nicht nach vierzig Stunden Feierabend haben.

Man wendet sich ab von einem Staat in seinem derzeitigen Zustand als erbeuteter Institution, die von den Beutemachern ausgequetscht, deformiert, pervertiert und in ihrer ganzen Autorität gegen diejenigen gewendet wurde, die um den großen Wert der Staatsautorität wissen und sich ihr verpflichtet fühlten.

Man wendet sich ab, weil man die ethnische Umverteilung ebenso ablehnt wie die nach ganz weit oben und natürlich auch die, deren einschläfernde Wirkung bei der letzten, vorletzten, vorvorletzten Wahl sich niederschlug.

2. Die Gefahr, die hinter dieser Abwendung steht, ist nicht klein: Institutionen aufzugeben ist einfacher als zu ihnen zurückzukehren. Die Gefahr, zum libertären, liberal-zynischen Einzelgänger zu werden und daran Gefallen zu finden, ist groß.

Dies ist wohl das Hauptargument Kaisers, die Verteidigung und den Ausbau des Sozialstaats immer noch besser zu finden als die Roßkur, die darin bestünde, den Leuten wieder beizubringen, was es heißt, harten Zeiten mit Kreativität, Selbstbewußtsein, mehr Fleiß, weniger Urlaub, materiellem Verlust, aber ideeller Reifung zu begegnen  - und zu wissen, daß der Staat schon da ist, wenn einem nichts mehr einfällt.

Kaiser will den Staat als Institution keinesfalls beschädigt sehen, will ihn sozusagen durch sein derzeitiges Außerformsein hindurch zu fassen kriegen und ihn wieder zu dem zu machen, was er sein sollte. Man könnte es eine Umformung, eine Rekonstruktion im laufenden Galopp nennen. Sein Vorschlag ist, Masse dadurch zu mobilisieren, daß man in ihrem Namen den Anspruch an den Staat formuliere, solidarische und patriotische Politik für unser Volk umzusetzen.

Diejenigen hingegen, die sich nun abwenden, lageabgewandt weitermachen, meinen, daß so eine Restitution im laufenden Galopp nicht gelingen könne, sondern daß das Pferd straucheln müsse. Zu viele Betreuer, zu viele an Betreuung gewöhnte, zu viel Anspruchshaltung, zu wenig Selbständigkeit im guten Sinne, dazu die Gefahr, durch einen parteipolitisch zweckdienlichen Opferpopulismus die Realität nicht zu erfassen.

Das ist die Debatte, sie muß geführt werden, und das ist die Bandbreite unserer Zeitschrift, für deren 102. Heft ich hiermit werbe: Kaisers und Lehnerts Grundsatzbeiträge sind darin zu lesen, dazu viel anderes. In Heft 103 wird die Debatte dann in größerem Umfang fortgesetzt.

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Sezession 102, Juni 2021 - hier bestellen.

Kaiser: Solidarischer Patriotismus - hier bestellen

Lehnert (Hrsg.): Staatspolitisches Handbuch- hier bestellen.


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.


Kommentare (50)

Dietrichs Bern

11. Juni 2021 07:50

Die Anhänger des Staates gehen davon  aus, dass dieser der eigenen Weltanschauung gemäß handelt, oder sich in diese Richtung entwickelt, hinter dieser Sicht sammeln sich auch alle, die ein autoritäres Wesen kennzeichnet und denen der Nachbar, der nicht so lebt wie sie geradezu seelische Pein bereitet.

Das ist erkennbar falsch. Der reife Staat verselbstständigt sich immer in ein technokratisches Monstrum, dessen Fortschreiten und Ausgreifen in die kleinsten Lebensbereiche seiner Untertanen unaufhaltsam ist.

Staatsferne ist das einzige Konzept, dass der Entwicklung eines gigantischen Chinas im Wege steht. Merkwürdig, dass auf dem Boden derjenigen, die einst gegen eine zentralistische Supermacht kämpften um ihre Freiheit und Unabhängigkeit zu bewahren, diese Sicht so verloren gegangen ist.

RMH

11. Juni 2021 08:28

Dann hoffe ich, dass das neue Heft der Sezession bald in meinem Briefkasten ist. 

Ein Punkt in dem im Artikel aufgeworfenen Themenumfeld ist auch, welche politischen Erwartungen man als Opposition hat, die die Lage nunmal so hinzunehmen hat, wie sie sich entwickelt. Glaubt man, dass die stattfindende relative Verelendung zu einem Bewusstseinswechsel hin zu bspw. Änderung des Wahlverhaltens führt (an revolutionäre Zustände mag ich in Deutschland, so lange es noch den ethnischen Kern der Deutschen gibt, nicht glauben)?

Ich persönlich lehne die These ab, dass es den Leuten erst einmal schlecht gehen muss, damit sie sich wehren. Ich denke eher, dass eine Verelendung dazu führt, dass die Platte einfach still und diskret abgeräumt wird. Nur der Bürger mit Wohlstand kann etwas ändern, wenn er Netzwerke aufbaut. Keine Revolution kam aus dem Nichts und nur, weil ein paar Leute verhungert sind oder ganze Bevölkerungskreise verarmt waren.

MARCEL

11. Juni 2021 08:48

@Dietrichs Bern

sehe ich ähnlich.

Regeneration leider nur noch durch die Roßkur, zu vieles ist zu verfault, zudem fehlt überall der fähige Nachwuchs. Das war früher Aufgabe der Kriege, es wird wohl zu "Kriegs-Ersatzhandlungen" kommen.

Von einer Staatsvorstellung im Sinne des 19. Jahrhunderts muss man sich m. E. verabschieden. Die verängstigt-verwöhnten "Landeskinder" sollte man konsequent darauf vorbereiten.

Gustav

11. Juni 2021 09:00

Das Problem liegt möglicherweise tiefer, nämlich bei den Begriffen, bei dem, was wir mit ihnen assoziieren und wem wir die Deutungshoheit darüber zubilligen. Entscheidend dürften hier Ideen und ins Volk gepresste Narrative sein, die als heiße Träume in die Herzen gepflanzt werden, die bei ihrer Umsetzung dann als eiskalte Konstrukte das Gegenteil von dem bewirken, was die Entflammten sich erhofft hatten. Bis zur abkühlenden Ernüchterung dieser brennenden, ideologisierten Herzchen braucht es nämlich Zeit –Zeit, die genutzt wird, um genau das durchzusetzen, was man von Anfang an bezweckte: Ergreifung der Macht und Unterdrückung anderer oder einfach nur Chaos und Zerstörung. Eine gute Idee, wie zum Beispiel die vom Anspruch auf soziale Gerechtigkeit, ist eine Flamme, die nie vollständig erlischt und immer wieder genutzt werden kann. Die Spielarten des sich darauf gründenden sozialistischen Demokratismus sind vielseitig, und kaum hat die eine Generation das Schlimmste vergessen, steht die nächste schon bereit, sich hinter das dämokratische Licht führen zu lassen –ein wahrhaft teuflisches Spiel, aber das ist der Kern aller machtzentristischen Korporationen wie der EUdSSR, wie auch der mit Heimtücke betriebenen Aushöhlung des Subsidiaritätsprinzips.

http://www.familienwehr.de/rechtsgesellschaft-statt-demokratie.pdf

Bernard Udau

11. Juni 2021 10:28

Wenn die Alternativen nur aus "mehr Staat" einerseits, "mehr Markt" andererseits bestehen, kommen wir nicht weiter. Eine Reform oder ein "dritter Weg" kommt unter diesen Umständen immer darauf hinaus, ein anderes Mischungsverhältnis von Staat und Markt anzustreben. Was not tut, ist jedoch ein Ausbrechen aus dieser beschränkten Matrix. Sowohl der Staat als auch der Markt zerstören die gewachsenen Solidarbeziehungen, die den eigentlichen Humus einer jeden Gesellschaft bilden.

Die Institution Familie wird z.B. vom (Sozial-)Staat und vom Markt zerstört. Der Markt sorgt dafür, daß das Generationenband meist nur noch 18 Jahre hält. Der Sohnemann geht dann irgendwann nach Australien, weil er dort einen "Megajob" bei einer Software-Firma gefunden hat. Der Sozialstaat sorgt dafür, daß sich die 4-fache Mutter ohne große Probleme von ihrem Mann trennen kann, da sie zahllose Ansprüche auf Stütze gegen den Staat hat (oder mit Hilfe des Staates gegen ihren Mann durchsetzen kann).

Wem die gewachsenen Strukturen und Institutionen wichtig sind, der muß eben auf diese Strukturen und Institutionen setzen, was heißt, daß er sie gegen Eingriffe durch den Staat und den Markt schützen muß - egal, wie wohlmeinend sie daherkommen.

Hier liegt m.E. der Hund begraben, hier sollte deutlich mehr Gehirnschmalz hinfließen als in diese ewige und unlösbare Debatte, ob mehr Staat oder mehr Markt sinnvoll sind.

Monika

11. Juni 2021 11:05

Ich teile die tiefe Abneigung gegen den Betreuer- und Versorgerstaat, den Zungenschlag  der Nanny-Medien ( was wir dürfen/was wir nicht dürfen/ wo dürfen wir jetzt Urlaub machen ?  usw.), die Betüttelung und Infantilierung der Alten zu „Senioren“. Es ist dieses Gefühl,bis in den letzten Winkel seiner Existenz betreut und versorgt zu werden, das jedem Freigeitsliebenden die Luft abschneidet. Die Coronazeit hat diese Tendenz noch verstärkt. Diese Stimmung macht mich (leider) aggressiv. Zur liberalen Option eine Anzeige der Initiative für Soziale Marktwirtschaft INSM. Keine Ahnung , wer dahintersteckt 🤔https://www.insm.de/insm/themen/soziale-marktwirtschaft/gruene-verbote

Mich würde wirklich mal interessieren, wie die neuen, jungen Männer nach ihrer Abenteuerfahrt über das Meer diese bleierne, deutsche Gesellschaft empfinden? Da bleibt fast nur Randale aus Frust...

Laurenz

11. Juni 2021 11:45

(1)

Selten ist mir ein Artikel in der letzten Zeit so aus dem Herzen geschrieben worden, wie dieser.

Das ist genau mein Weltbild von Staatspolitik, nur könnte ich es nicht so kurz & bündig formulieren.

Vor allem die Bereitschaft im Grunde linke Politik umzusetzen, wie die Verstaatlichung territorialer & souverän machender Institutionen, ist ein anti-libertäres Bekenntnis, welches auch beim Bürger zB in der Wasser- & Waldfrage auf Gegenliebe stößt.

Ärmere Zeiten als heute, überlebten Menschen überall mit eigenen Gärten, in der Sowjetunion waren sogar die Vorgärten der Mietskasernen mit Gemüse & Obst bebaut. Das will aber niemand, wenn es nicht sein muß, auch wenn es hier Ausnahmen gibt.

Was rechts, ähnlich dem Adel bis vor 100 Jahren, immer wieder unterschätzt wird & wo Kompetenzen fehlen, ist das Geld, die Währungsfrage. Ist sie doch für den Sozial - & Nationalstaat die wichtigste Frage überhaupt.

Auch hier auf der SiN wird von einigen Foristen immer von Gold-Deckung gefaselt, woran man das mangelnde Bildungsniveau, welches uns gegenüber den Exkrement-Liberalen unterlegen macht, gut erkennen kann. Das hat seinen Hintergrund darin, daß den meisten Deutschen volkscharakterlich Geld nur als Mittel zum Zweck dient, mir auch. Nur mein Schicksal belehrte mich eines besseren.

Laurenz

11. Juni 2021 11:45

(2)

Das bodenlose keyneseanische Gelddrucken, wie eine unverantwortliche, dem Deutschen Volke nicht gerecht werdende Ausgaben-Politik, führte seit (auch schon vor) 1999 zur asozialen Inflation, die jetzt gerade beginnt, zu traben.

Über Inflation werden Normalbürger enteignet & natürlich vor allem die sozial Schwachen, da steigende Zuwendungen nie die Inflation kompensieren. Die Bürger reagieren im Grunde undeutsch, aber vernünftig, nicht umsonst legt man in Rekordzahlen das Ersparte in ETFs an, Investment-Fonds, die gestreut in Aktien & Edelmetallen investieren. Nicht jeder mag oder kann sich Immobilien kaufen, die ebenfalls als Anti-Inflation-Investment gelten. Nicht umsonst gräbt da die Linke in Berlin an den Renditen. Niemand will den individuellen Bürger so arm machen, wie die Linke.

Die BK/EL-Debatte ist im Grunde keine. BK liegt schon insofern richtig, daß man keine sozialisierte Gesellschaft von heute in 2 Tagen davon überzeugen kann, den Lebens-Stil zu ändern. Und die Anti-Kennedy-Anspruchshaltung an den Staat reicht von unten bis in die Oberschicht.

Mitleser2

11. Juni 2021 13:04

@RMH: "Nur der Bürger mit Wohlstand kann etwas ändern, ..."

Sie schreiben "kann". Woraus folgern Sie, dass er das auch tun "will" und "wird"?

Ich wäre da sehr skeptisch. Da glaube ich eher an die Folgen von Abstieg als Änderungs-Auslöser.

 

 

RMH

11. Juni 2021 14:04

@Mitleser2,

Vermutlich ist es ein Mittelding. Wer was hat und merkt oder befürchtet, dass ihm die Felle davon schwimmen, hat Anlass, sich zu bewegen. Wer dagegen, wenn auch nur vermeintlich, "unten" ist, bei dem kann sich eine "ist doch eh alles egal" Stimmung verfestigen.

Dietrichs Bern

11. Juni 2021 14:42

@Laurenz: Was bitte sind "Exkrement-Liberale?

kire

11. Juni 2021 15:40

Bernard Udau

 

Im Gegensatz zu dem Staat, den ich in seiner jetzigen Verfasstheit nicht für erfolgreich reformierbar halte, ist es nach meiner Wahrnehmung der Markt sehr wohl. Der Staat hat

diesen Markt seinen Regeln entzogen. Die allgemeinen Regulatoren eines freien Marktes existieren praktisch nicht mehr. Dem Mittelstand ergeht es wie dem Bürger und wenn Sie genau hin schauen finden Sie vergleichbare Verhaltensmuster. Es gibt die Unternehmer die aufgegeben haben und es noch tun werden, es gibt die „Mitläufer“ (z.B. die „Flüchtlingsindustrie“) und es gibt die Patrioten die Ihre Unternehmen und damit auch ihre Angestellten anständig durch diese schwere Zeit bringen wollen. Dabei zähle ich die Großkonzerne nicht zum Markt. Diese sind es doch die über den Staat den freien Markt bekämpfen. Diese Differenzierung möchte ich einwerfen.

Dabei glaube ich auch ein freier Markt braucht Regeln die der gedeihlichen Entwicklung des Individuums gerecht werden.

Sekundant

11. Juni 2021 16:28

Die Folge von Abstieg als "Änderungsauslöser" ist keine Frage des Glaubens, sondern reiner Fakt: wenn der Abstieg zum Beispiel die Grenze erreicht hat, daß die Miete für die Wohnung nicht mehr gezahlt werden kann, folgen freiwilliger Auszug bzw. nach mehr oder weniger langem rechtsförmigen Verfahren die Zwangsräumung der bisherigen Wohnung. Und die neue Behausung ist sicher keine keine bessere.

Niekisch

11. Juni 2021 17:20

Staatsdiskussionen erfordern als ersten Schritt das Klären der Frage, ob der Staat in der Form, in der er vom  Souverän, dem Volk, implementiert oder zumindest als fait accompli geduldet wurde, überhaupt noch existiert. Annexion, Subjugation und Debellation liegen jedenfalls nicht vollständig vor, möglicherweise wegen Art. 23 ff. Grundgesetz aber die sog. Selbstaufgabe wegen selbstgewählter Übertragung und Aufgabe von Hoheitsrechten an europäische bzw. transnationale Institutionen. Der aktuelle Streit zwischen Europäischem Gerichtshof, EU-Kommission, Bundesregierung und Bundesverfassungsgericht um die EZB - Rechte zeigt, wie weit der staatliche Zerfallsprozess fortgeschritten ist.

 

Nordlicht

11. Juni 2021 19:17

Nicht alles, was privatisiert wurde, beispielsweise die Deutsche Bahn, ist in der Hand (privater) Investoren. Die DB AG gehört zu 100 Prozent dem Staat, die Rückumwandlung in eine andere Rechtsform würde keine Eigentumsverhältnisse ändern. Die Einführung von Wettbewerb auf dem Schienennetz hat mE zu Verbesserungen für die Bahnkunden geführt.

Was linke Nachwuchspolitiker wie Kevin Kühnert (SPD) bei ihren Forderungen nach Verstaatlichung zB von BMW nicht wahrnehmen ist, dass eine Bewirtschaftung durch Beamte in der Regel nicht zu besseren Arbeitsbedingungen und nicht zu soliderem Wirtschaften führt. 

"The market is a good servant, but a bad master" - d.h. der Staat sollte die Vorteile des marktfömigen Wettbewerbs bei der Erledigung seiner Aufgaben nutzen, aber darf nicht zum Anhängsel des Kapitals werden.

Nordlicht

11. Juni 2021 19:18

(2)

Ein Gewebe aus Großkapital (Finanzwirtschaft), neuen Netzgiganten und Medienwirtschaft hat die Staaten, also auch deren Volkswirtschaften am Gängelband; dabei sind Demokratie, gesellschaftliche Solidarität und staatliche Handlungsmöglichkeiten auf der Strecke geblieben. Die arbeitenden Steurzahler dürfen dann für Fehlspekulationen wie den Crash 2007 haften; in der Summe hat das Großkapital gewonnen. Der Wirtschaftscrash durch die Corona-Politik hat die Umverteilung von unten nach oben nochmals verstärkt.

Im Rahmen des GG und der EU sehe ich keine Möglichkeiten für ein Aufbrechen dieser Machtstrukturen. Clinton, Blair und Schröder haben mE die letzten Bremshebel abgebaut und weggeworfen.

tearjerker

11. Juni 2021 20:19

Und so verabschiedet die Rechte sich aus der Geschichte. Gute Reise!

Ralf Poehling

11. Juni 2021 21:10

Zitat:"... als die Roßkur, die darin bestünde, den Leuten wieder beizubringen, was es heißt, harten Zeiten mit Kreativität, Selbstbewußtsein, mehr Fleiß, weniger Urlaub, materiellem Verlust, aber ideeller Reifung zu begegnen... "
An dieser Roßkur führt kein Weg vorbei. Gerade für Libertäre nicht.
Wer Freiheit will, der muss mit ihr umgehen können. In einem freien Land macht das Volk den Staat, nicht der Staat das Volk. Das setzt voraus, dass das Volk selbst dazu befähigt ist, den Staat mit Leben zu füllen. Ganz ohne Staat geht es jedoch nicht. Denn nur der Staat in seiner Gesamtheit ist fähig, das Lebensumfeld seiner einzelnen freien Bürger zu schützen. Ein Einzelkämpfer auf freiem Felde hat gegenüber einer organisierten Truppe, geschützt innerhalb ihrer eigenen Trutzburg, nicht den Hauch einer Chance. Die Schweizer wissen wie man es richtig macht.

Carsten Lucke

11. Juni 2021 21:44

@ Ralf Poehling

Ihr schroffer Text gefällt mir sehr !

Solche dieser Art und einige von Kubitschek - man könnte die Welt aus den Angeln heben !

"Doch das möchte Dr, Stratzenstaller nicht." (Günter Eich)

Dietrichs Bern

11. Juni 2021 22:08

@Ralf Poehling : ja, Prinzip des Minimalstaates. Aus meiner Sicht das beste Konzept. Dafür gibt es unter Libertären Ansprechpartner aber auf der Rechten, die vom Anschluss  Österreichs träumt usw. nicht.

Laurenz

12. Juni 2021 01:59

@Dietrichs Bern @L.

"Exkrement-Liberale"

Das ist kurz & bündig meine Sicht der Dinge auf unsere (neo-) liberalen Freunde. Ich versuche nur in der Regel (nicht immer) einen sachlichen Ersatz-Begriff für den volksnahen Terminus zu finden, um den Ton in diesem hohen Forum nicht durch meinen vulgären Sprachgebrauch nach unten zu ziehen.

Auch wenn ich die echte Kunst der möglichen Verkürzung auf das Wesentliche nie erreichen werde, kann man sich dennoch ein Beispiel nehmen, so gut es eben geht.

Laurenz

12. Juni 2021 02:30

@Dietrichs Bern & Carsten Lucke @Ralf Poehling

Die Liberalen oder von mir aus Libertären, die vergebens von freien Märkten in einem Wolkenkuckucksheim träumen & auch noch faseln, sind schon lange gescheitert. Dieses Modell führt schlicht in den Totalitarismus, da keiner das Kapital in seine Schranken weist.

Heutzutage bringt man politische Gegner nur noch selten um, weil die weltweiten Lubjankas einfach gar nicht die Kapazitäten haben, so viele politische Gegner zu beseitigen. Man erschafft heute einfach Abschreckung.

Jeder vernünftige Politiker weiß, man kommt am Kapital nicht vorbei.

Aber man braucht eben Institutionen, die in der Lage sind, Grenzen zu setzen. In Rußland entsorgte man zwar 1 oder 2 renitente Klein-Oligarchen, ließ aber Chodorkowski 10 Jahre im Knast schmoren. Das reichte, um den meisten Oligarchen die Lust am Sägen der politischen Stühle zu vergällen. In China war man der Meinung, es langt als Abschreckung, einen der Alibaba-Gründer für 8 Monate einzubuchten & den Konzern monetär zu erleichtern.

https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/china-alibaba-wettbewerbsrecht-strafe-1.5261272

https://www.handelsblatt.com/technik/it-internet/alibaba-gruender-jack-ma-ist-wieder-aufgetaucht-doch-die-sorgen-in-chinas-tech-branche-wachsen/26835484.html

Das können Sie in einer "libertären" Gesellschaft einfach abhaken.

Schwarzseher

12. Juni 2021 07:25

Staatsferne

Bernard Udau

12. Juni 2021 07:40

kire:

Diese Gedanken müßten Sie genauer erklären. Der Markt sei reformierbar, sagen Sie, der Staat nicht. Gut. Der Markt brauche allerdings Regeln, ergänzen Sie.

Wer setzt nun diese Regeln? Der nicht reformierbare Staat?

Wie ich das sehe, wollen Sie, daß der nicht reformierbare Staat den Markt reformiert. Das könnte schwierig werden. Oder ich habe Ihren Punkt nicht richtig verstanden...

Gustav Grambauer

12. Juni 2021 08:17

Mich ödet das ewige Durchdeklinieren der Staatsfrage in dieser stupiden Eindimensionalität nur noch an. Eigentlich wollte ich hierzu gar nichts mehr schreiben bei so viel Ignoranz, warum auch?!

Mir kommt es vor, als ob jemand einen Splitter im Finger hat und es von Anfang an nicht einer Pinzette gefehlt hat. Aber er hat von Anfang an eine innere Sperre gegen die Pinzette gehabt und hält auch an dieser inneren Sperre fest, wenn jetzt der eiternde, geschwollene, violette, hämmernde, schmerzende Finger schon ins Stadium der Blutvergiftung übergeht.

Die Dreigliederungsidee liegt schon lange auf dem Tisch. Unendlich oft wurde hier mit Engelsgeduld darauf hingewiesen. (Ich weise hier - eigentlich - schon lange nicht mehr darauf hin.)

Diese Affenzivilisation insgesamt wählt ja nahezu durchweg den Weg des größten Schmerzes. (Bitte sehr, dem spricht nichts entgegen ...) Man könnte ihr einfache, weniger belastendere Wege aufzeigen. Aber wenigstens ein winziges Minumum an Interesse und Respekt müßte dafür schon da sein.

- G. G.

RMH

12. Juni 2021 11:35

Nachdem sich der alte Nachtwächter-Staat, mit Beamten, die es auch mal gut mit ihren, neudeutsch, "Klienten" meinten und so etwas wie Ermessen auch noch mit Leben ausfüllen konnten, bereits verabschiedet hat und wir vom kleineren Nationalstaat zu Superorganisationen wie einer EU mit den Mitteln von big data und entsprechender Überwachung und Kontrolle gewandert sind, bei dem einstmals Garanten einer Rechtsstaatlichkeit wie Richtervorbehalte zu Feigenblättern herabgestutzt wurden (gibt es eigentlich eine Statistik, bei wie viel Prozent aller beantragten Eingriffsmaßnahmen mit Richtervorbehalt sich die beantragende Behörde eine Abfuhr eingefangen hat?), ist eine mehr als gesunde Staatsskepsis das Gebot der Stunde.

Das bspw. die FDP in kleinerem Maßstab bei den Wahlen wieder reüssieren konnte, hat genau darin seinen Hintergrund. Ein Staat, der Gängelung auf allen Ebenen mit dem schönen Wort "Compliance" beschönigt und auf ein Heer willfähriger Vollstrecker setzen kann, die kein Pflichtgefühl im alten Sinne haben, sondern nur ihren "job" machen, um dann an den Fleischtopf der überalimentierten Altersbezüge zu gelangen, der hat sich überlebt. Ich habe meine Zweifel, ob man mit der auch hier bei vielen Staatsbefürwortern gezeigten Nostalgie überhaupt noch weiterkommen würde, wenn man denn je mal etwas vom Kuchen der Macht abbekommen würde.

kire

12. Juni 2021 12:33

Bernard Udau:

Der Markt ansich braucht den Staat nicht. Der Austausch zwischen den Marktteilnehmern läuft nach den Regeln des freiwilligen Eingehen von Absprachen (nennen das heute Verträge). Diese Vertragsfreiheit ist selbstregulieren ähnlich wie ein Naturprozess. Unstimmigkeiten gleichen sich aus. Er, der Markt, ist aber zugleich ein Spiegelbild der Entwicklung der Gesellschaft. Damit eröffnen sich Spielräume für die Marktteilnehmer die sich in Regeln gießen lassen.

Und natürlich braucht eine entwickelte Gesellschaft einen Überbau. Ich habe lediglich gesagt das der Staat, so wie wir ihn heute kennen, wohl nicht sonderlich geeignet ist und aus sich heraus wohl auch nicht in der Lage sich zu reformieren. 

Laurenz

12. Juni 2021 13:58

@kire @Bernard Udau

Die Existenz eines Marktes ist nur sehr bedingt vorhanden. Es gibt keine Märkte ohne Staat.

3 historische merkantile "Staaten" gingen aufgrund mangelnder territorialer Masse oder der politischen Führung durch Kaufleute unter. Hierbei handelt es sich um Karthago, Die Hanse & Venedig. Die Venezianer erkannten dies & erweiterten das Territorium Venedigs so gut es ging. Aber nach der Eroberung durch Bonaparte, sah dieser keine Basis um Venedig als pseudo-souveräne Einheit aufrecht zu erhalten, es war zu klein & hörte auf zu existieren.

Die politischen Einflußnahmen auf Märkte sind derart extrem, daß man in keiner Weise von der Existenz von freien Märkten sprechen kann, kleine Erinnerung, zB. Erdgas. 

Franz Bettinger

12. Juni 2021 14:21

@GG schreibt etwa: "Mich ödet das ewige Durch-Deklinieren der Staatsfrage in dieser stupiden Eindimensionalität nur noch an. Mir kommt es vor, als ob jemand einen Splitter im Finger hat und es von Anfang an nicht an einer Pinzette gefehlt hat, aber er benutzt sie aus Doofheit einfach nicht. ... Die Dreigliederungs-Idee (FB: GG meint wohl Gewaltenteilung, oder?) liegt schon lang auf dem Tisch.“ 

Ich denke, @GG meint, der Staat, den wir hatten, war eigentlich gut konzipiert, das Konzept wurde nur nicht redlich angewendet, es wurde unterlaufen. Ein reformierter Staat Deutschland (aber nicht nur D), wenn es ihn denn je nach der gegenwärtigen Katastrophe geben sollte, müsste viel resilienter gegen Machtmissbrauch geschützt sein. Ja, dem stimme ich zu. Also müsste die Diskussion in diese Richtung laufen: Wie kann man den Staat gegen Machtmissbrauch schützen?

Carsten Lucke

12. Juni 2021 14:55

@ Gustav Grambauer

Endlich spricht's einer mal aus : "Affenzivilisation" ! Nachgerade euphemistisch, wie ich finde.

Ich lebe in einem 90er Affenblock - freilich selbst als Affe - und erlebe fast täglich das Groteske. Das Unbeschreibliche.

Mir gegenüber 5 Blöcke mit gleicher Kapazität. Belegt mit 60% Halbaffen (Studenten) und 40% schwer festzumachender Herkunft, ha.

Eine richtig große Freude das. 

Jedoch : Es gibt hier zwei Leute, die schwer in Ordnung sind. Zwei !

Das ist viel und gibt mir Kraft !

 

Lotta Vorbeck

12. Juni 2021 15:39

@Franz Bettinger - 12. Juni 2021 - 02:21 PM

"Ich denke, @GG meint, der Staat, den wir hatten, war eigentlich gut konzipiert, das Konzept wurde nur nicht redlich angewendet, es wurde unterlaufen."

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"Der Sozialismus war eigentlich eine gute Idee, sie wurde nur schlecht umgesetzt." - erzählten sie den Leuten in der ganz späten TäTäRä.

Der geschätzte Gustav Grambauer schreibt nicht "Doofheit", sondern "Ignoranz". 

Die vom Gustav Grambauer erwähnte Dreigliederungs-Idee dürfte sich auf die Lehre Rudolf Steiners beziehen.

Niekisch

12. Juni 2021 18:41

Den Staat oder ein der kommenden Lage angemessenes Surrogat sollten wir nur dann als eine Form der Gemeinschaft akzeptieren, wenn er aus indigen volklichem Leben und sich Regen entsteht und in seiner Organisation die Wesensgesetzlichkeit und Lebensordnung des Volkes bzw. seiner Reste spiegelt. Ist der Staat nicht vom lebendigen, kreativen Volk inspiriert, hat der Staatsmechanismus den Geist überwuchert, ja ausgeschaltet, dann wird er gehasst wie ehedem von Friedrich Nietzsche: "Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer" Volk und Staat sind für ihn unüberbrückbare Gegensätze: "Wo es noch Volk gibt, da versteht es den Staat nicht und haßt ihn als bösen Blick und Sünde an Rechten und Sitten" Staat ist für ihn völlige Falschheit: "Falsch ist alles an ihm; mit gestohlenen Zähnen beißt er, der bissige. Falsch sind selbst seine Eingeweide". Er nennt ihn das "kalte Untier, erfunden "für die Überflüssigen"..."Lieber zerbrecht doch die Fenster und springt ins Freie!" Nur dem antidemokratischen Staat, dem Militärstaat gesteht er ein Lebensrecht zu, denn er ist "das allerletzte Mittel...." ( Zarathustra )

Überlegen wir, wie die heutige entkernte, aber noch wild um sich schlagende Verwaltungsmaschine namens Staat vom indigenen Restvolk überführt werden kann in einen uns wesensgemäßen, quasireligiösen Kampftempel der verbliebenen Getreuen.

Weg mit dem Alten - auf zu neuem Gestalten!

 

Ralf Poehling

12. Juni 2021 20:33

@Carsten Lucke: Danke
@Dietrich Berns & Laurenz:
Das Problem ist, dass der Begriff vom Libertarismus von vielen unterschiedlich ausgelegt wird. Die europäische Auslegung, die bisweilen sehr links-grün daherkommt und einen Sozialstaat bzw. ein BGE als Grundlage einfordert, sehe ich als vollkommen falsch an. Auf der anderen Seite bin ich aber auch kein Neoliberaler der amerikanischen Schule, sondern genau dazwischen.
Die Frage wäre, wie erreicht man ein Maximum an individueller Freiheit, ohne dabei eine Nation ins Chaos abgleiten zu lassen. Und das haben die Schweizer mit Bravour bewerkstelligt.

Laurenz

12. Juni 2021 22:03

@Ralf Poehling

Auch die Schweiz gleitet auch aus der Rütli-Wiese. Die guten alten Zeiten sind fast vorbei.

Sie sehen das wohl politisch, aber abgesehen von den Grippe-Maßnahmen der Berliner & Berner Junta, wie der üblichen Hofberichterstattung, ist das weniger ein politisches Problem, als ein ökonomisches. Schon 80% alles gastronomischen Hühnchen-Fleisches kommt aus asiatischen Zucht-Gulags. Aktuell kostet das Ei einer Legehenne auf 30 Quadrat-Zentimetern 6 Cent, auf 8 Quadratmetern Freiland 27 Cent. Wie soll der ehemalige Gulag-Betreiber mit ausländischen Billig-Importen mithalten? Da bleiben dann nur die Trump'schen Strafzölle & schon ist der freie Welthandel hinüber. Die wenigsten Asiaten besitzen ein Auto, wollen aber eins haben, ebenso die mit Kohlestrom betriebene Klimaanlage in der heimischen Hütte. Wer soll hier mit den teuersten Energiepreisen des Planeten in Energie-affinen Industrien, wie zB Windräder, da mithalten können? Mit EU-Düngemittelverordnungen weltweit sind knapp 8 Milliarden Menschen nicht zu ernähren. Erklären Sie uns bitte, wie Sie da Freiheit erschaffen wollen? Sie & ich wissen, mit den Grünen gewiß nicht.

Gustav Grambauer

13. Juni 2021 00:00

Franz Bettinger

I

"verloren ging das große Dau
güte und rechtschaffenheit entstand
hervortrat die klugheit
die große heuchelei entstand
zerrissen war die sippe
der familiensinn entstand
in wirrnissen zerfiel der staat
der treue minister entstand" - Lat-Tse, Tao-te-King / 17 (übrigens gern und oft von Bahro zitiert)  

An diesem Abgrund standen wir vor 2.600 Jahren, heute sind wir den sprichwörtlichen Schritt weiter. Aber wir sehen: der Weg zurück zum "treuen Minister" wäre viel zu kurz, selbst wenn es ihn gäbe. Das Problem des Staatszerfalls müßte, wenn man es ernst meinte, viel tiefer erfaßt und Lösungen müßten aus einer ganz anderen Tiefe geholt werden. Ist es für Sie als Arzt denn nicht naheliegend, den menschlichen Organismus in seiner Gliederung, mit seiner Ökonomie / Ökologie, seinen Richtkräften u. a. als Urphänomen oder meinetwegen Archetypus des sozialen Organismus zu nehmen?!

Gustav Grambauer

13. Juni 2021 00:01

II

Es flottieren die Theorien, Utopien, "Zukunftsvisionen", Ideologien, Weltrettungsszenarien, "Politikansätze", Strategien und Taktiken, Parteiprogramme, Manifeste, Datenmodelle, Statistiken - alles in allem abstrakte, verkopfte, tote Hirngespinste auf Basis von Fiktionen - durch die hohe Luft (die neueste Mode dabei: im Namen der "Rettung der Erde"), und jedes dieser Hirngespinste führt uns nur noch weiter vom Naheliegendendsten weg: davon, mit striktem organischem Denken, d. h. auch in strikter Erdung, jedes Problem usw. auf sein organisches Wesen zurückzuführen.

Gustav Grambauer

13. Juni 2021 00:02

III

Dies gilt selbstverständlich auch für das Problem des Staatszerfalls. Disputationen über Etatismus versus Libertarismus und Positionspapiere zur Feinjustierung der Positionen zu Vollkasko-Betreuung und Umverteilung erinnern nicht nur, Verzeihung bitte, an den "trocknen Schleicher" in der Studierstube, sie sind auch völlig fruchtlos, zumal, wenn man im betreffenden Staat sowieso nichts zu sagen hat. Mit organischem, genauer gesagt goetheanistischem Herangehen würde man zunächst die Hauptursache des Staatszerfalls darin sehen, daß der Staat in seiner heutigen Form nicht mehr der heutigen psychischen Struktur entspricht, und daß die Staatsbürger ihn derzeit einfach gedankenlos ablegen wie ein zu eng gewordenes Hemd (und dann, wenn es kalt wird, eben sinnbildlich ohne Hemd dastehen werden). Und man würde ihnen etwas Geeigneteres vorschlagen wollen.

- G. G.

kire

13. Juni 2021 08:01

Laurenz:

"Die politischen Einflußnahmen auf Märkte sind derart extrem, daß man in keiner Weise von der Existenz von freien Märkten sprechen kann, kleine Erinnerung, zB. Erdgas."

Kein Widerspruch was die politische Einflußnahme anbetrifft. Der Markt aber existiert fort, auch wenn politische Systeme untergehen. Werden Sie, wenn z.B. das Geldsystem des gegenwärtigen Systems an die Wand fahren wird, als Marktteilnehmer ausscheiden? Ich glaube nicht. Der Austausch von Waren und Dienstleistungen wird weitergehen, weitergehen müssen. Vielleicht sollte man darüber nachdenken wem das Primat gebührt. Dem politische System oder dem Markt!

Sekundant

13. Juni 2021 09:13

Wenn der Austausch von Waren und Dienstleistungen, also der Markt, ohnehin immer weitergeht, wie kire schreibt, ist doch dessen Frage, wem das Primat gebührt, eindeutig mitbeantwortet. Dem politischen System natürlich!

Laurenz

13. Juni 2021 09:37

@kire @Laurenz

Nein, es ist exakt umgekehrt. Ein Staat, solange er existiert, braucht nicht an irgendeinem Markt teilhaben. Das beste Beispiel sind Krypto-Währungen, hinter denen nur Energie-Kosten & umweltschädliche Rechner-Kapazitäten stehen. Aber der Erzeuger einer Krypto-Währung ist auf die produzierte Energie eines Staates angewiesen. Und nur dieser hat auch die Hoheit über den Strom inne & kann ihn abstellen. Elektrische Energie ist auch das beste Beispiel für das Diktat der Politik. Weder Sie noch ich können als EU-Bürger Kohlestrom aus Polen, Atomstrom aus Frankreich oder der Tschechei ordern. & haben Sie von irgendeinen Hilfs-Lindner für Arme, Hyper-Libertären auf der SiN, Globalisten oder gar einem Linken schon mal gehört, daß man das ändern müßte?

@Gustav Grambauer

Das haben Sie ja wunderbar beschrieben, aber stellen wir jetzt einfach alle Debatten ein?

Laurenz

13. Juni 2021 09:54

@kire @L. (2)

Kommen wir zur Moral. Sozialstandards, Kinderarbeit, Umweltstandards interessieren den Markt einen exkrementalen Kehricht. Würde man einen freien Markt präferieren, kann man auch gleich wieder Leibeigenschaft & Sklaverei einführen, macht ja eh keinen Unterschied. 

Das ist im übrigen auch das, was gerade passiert. Weltweit, also global, versucht man wieder die Stände in den Staaten einzuführen. Mit Quoten-Frauen, -Negern, -Schwulen, -Kopftuchträger, -sonstwas, schafft man die Qualifikation ab, sondern erschafft ein Standesrecht aus Herkunft & Eigenschaften, das so gut wie nichts mit der Arbeitskraft an sich zu tun hat.

Nur der Nationalsozialismus & die Bonner Republik boten, China & Rußland, bedingt, bieten dem Bürger "soziale Marktwirtschaft" an. Die soziale Marktwirtschaft funktioniert aber nur, wenn das Bildungssystem optimiert führend ist oder über regulierte Märkte.

Das machen sogar die Amis im Rüstungssektor so. Wenn Sie heute planen, morgen Boing zu übernehmen, sind Sie gestern bereits tot.

Ralf Poehling

13. Juni 2021 16:40

@Laurenz Zitat:"Da bleiben dann nur die Trump'schen Strafzölle & schon ist der freie Welthandel hinüber."
Das ist der Trick dabei. Man kann Freiheit nach eigenen Maßstäben in seinem eigenen geopolitischen Biotop erreichen. Wenn man sein geopolitisches Biotop zu anderen geopolitischen Biotopen hin öffnet, unterwirft man sich den Gesetzmäßigkeiten der anderen. Und genau das ist im Zuge der Globalisierung ja auch passiert: Der US Markt hat sich den Gesetzmäßigkeiten des chinesischen Marktes angepasst. Man will seine Produkte ja auch dort veräußern. Was dann im Rahmen der Produktionsoptimierung in die USA zurückgeschlagen ist. Das fremde Biotop hat also das US Biotop auch politisch beeinflusst. Mit desaströsen gesellschaftlichen Folgen. Dieses Problem ist mittlerweile erkannt worden und man baut wieder heimatnahe Industrie auf. In den USA und auch in der EU. In diesem Zusammenhang war der "Unfall" im Suezkanal wohl kein Zufall.
Die westliche Welt wird mit ihren individuellen Werten nur dann bestehen, wenn sie sich nicht zu sehr an den Rest der Welt ausverkauft. Beim Einknicken Schweiz kommt der Druck aus dem Handelspartner EU. Was wiederum zu dem Schluss führt, dass die EU ein Problem mit der individuellen Freiheit hat. Aber das ist ja schon länger klar.

kire

13. Juni 2021 17:33

Sekundant:

Interessant Ihr Einwurf. Obwohl ich es eigentlich so gar nicht verstanden haben wollte ist das von Ihnen gesagte doch sehr überlegenswert. Natürlich zwingt der Lebensrealismus die Menschen zu marktkonformen Verhalten. Die Rahmenbedingungen werden spätestens dann wenn es um sein oder nicht sein geht zur Nebensache. Aber in der Schöpfung geht es natürlich um mehr. Wenn ich Sie so richtig verstanden habe stimme ich Ihnen zu. 

Nemo Obligatur

13. Juni 2021 18:10

Nr. 102 lag bei mir am Samstag im Briefkasten. Die ersten Beiträge sind schon gelesen. Die Kaiser-Lehnert-Debatte allerdings noch nicht. Das habe ich mir zum Schluss auf. Die Frage mehr oder weniger Markt, mehr oder weniger Staat, das ist für mich neben Migration und Europa eine der zentralen Fragen für das patriotische Lager. Die Antworten sind alle nicht so klar, wie sie scheinen. Interessant wären Bereiche, wo weder Staat noch Markt etwas zu suchen haben. Familie fällt mir dazu zuerst ein, aber auch Kirche/Religion, vielleicht auch der vorpolitischen Raum wie Vereine etc. 

anatol broder

13. Juni 2021 19:47

spätestens seit zwei generationen kann sich jeder eine arm­band­uhr leisten, die monate­lang läuft. wie lange noch sollen kirchen­glocken die uhr­zeit über die luft durch­geben?

Dietrichs Bern

13. Juni 2021 20:43

@Nemo Obligatur: Sie wie auch @Laurenz und viele andere, verstehen einfach den grundlegenden Unterschied zwischen Staat und Freiheit nicht: Ob eine Einmischung in höchst private Dinge wie Familie und Religion durch freie Markteilnehmer stattfindet bleibt Ihre eigene Entscheidung. Wenn eine grüne Regierung ihnen ihren  8 jährigen Sohn wegnimmt, weil Sie sich einer Geschlechtsumwandlungs-OP des Kindes, dass auf einmal meint im falschen Körper zu sein behauptet, verweigern - stehen Sie dem wehrlos gegenüber.

Darum geht es. 

Andrenio

14. Juni 2021 07:04

Wir leben im Zeitalter der Kuckuckswespe:

Eine Diebeskaste hat sich erfolgreich organisiert und vernetzt, um bestehende Strukturen zu besetzen und auszubeuten. Die Waben sind die Nationalstaaten, besonders beliebtt sind solche mit fleissigen Arbeitsbienen. Das Zuckerwasser ist das fiat money, das Geld aus dem Nichts, der Hase aus dem Zylinder.

Käuflich ist fast jeder, es geht nur um den Preis. Die ausgetauschte Königin ist die Zentralbank, dirigiert und kontrolliert vom „Turm von Basel“, der über eine kommunizierendes Röhrensystem mit den anderen Schaltstationen in der City of London und der FED verbunden ist.

Grandtheftworld heisst ein empfehlenswerter Blog des Historikers Richard Grove. 

Unser Staat funktioniert auf der Basis eines gut ausgebildeten Verwaltungsapparats. Nach dem Trägheitsprinzip läuft dieses Staatsschiff weiter, obwohl das Pflichtethos, das Prinzip des Dienens bereits weggemendelt wurde. Die Uńtereinheilt Nationalstaat hat seine Mohrenschuldigkeit noch nicht ganz erfüllt, weshalb er noch als Hülle weiter am Leben gelassen wird.

Kosmetische Operationen an dieser Hülle erscheinen deshalb akademisch.

Andrenio

14. Juni 2021 07:17

Zur Ergänzug:

Es wurde hoffentlich klar, dass hier auf „the new world order“ abgehoben wurde. Ob dieser den diskreten Charme des „Judaskusses der chinesischen Dystopie“ ausstrahlt (siehe entsprechenden Beitrag in den letzten beiden Ausgaben von Tumult oder eher  dem des WEF, bleibt für uns letztlich unerheblich.

Die Grenzen des zukünftigen, weltweiten Helotentums sind abgesteckt. Es bleibt noch eie Nische im Spezialistentum, die aber zunehmend kleiner wird. Auch dort wird es so etwas wie ein garantiertes Grundeinkommen geben, nur auf einem etwas höherem Niveau.

Die Zahl der zu fütternden Mäuler wird man in Zukunft genau kontrollieren. Die Mittel werden allerdings etwas subtiler als bei der Durchsetzung der Einkinderpolitik der Chinesen. Den Eugenikern gehört die Welt.

Franz Bettinger

14. Juni 2021 08:22

@GG fragt (so wie ich ihn verstehe): „Ist es für einen Arzt nicht naheliegend, den menschlichen Organismus in seiner Gliederung (Zelle, Gewebe, Organe) und seinen Richtkräften (Trieben Hunger, Sex, Brutaufzucht, Schutz, Flucht, Angriff...) als Bauplan für den ganzen sozialen Organismus aufzufassen (Gesellschaft, Clan, den Staat)?“ 

Der Gedanke leuchtet unmittelbar ein. Ist er aber nicht banal? Ist die menschliche Gesellschaft nicht notwendiger Weise et faute de mieux  (Mangels Besserem, und zu diesem Besseren hätte Laotse etwas zu sagen) ein Abbild des Individuums? Ja! Der Mensch gestaltet seine Umwelt, darin auch die soziale, wie er sie benötigt und nach einem inneren Plan, der in ihm ist, über den er nicht nachzudenken braucht. Auf die Weise (durch das Erschaffen und Gestalten; durch Handeln also viel mehr als durch Denken) stiftet der Mensch (aber auch die Ameise) für sich Sinn. Er findet diesen Sinn nicht (wie die Denker irriger Weise vermuten) indem er nach ihm sucht. Nein, er verschafft sich den Sinn seines Seins durch selber tätig werden (wie Ameisen eine Ameisenburg bauen). 

Was bedeutet das konkret? Es gibt eine Hierarchie der Triebe: das Hemd sitzt näher als die Jacke. Bevor ich nicht satt bin und einen schützenden Ort finde, ist an Fortpflanzung nicht zu denken. Hab ich die Burg, die Arbeiter, die die Felder bestellen, und die Soldaten, die die Burg beschützen, dann und erst dann kann man über die Grenzen hinaus schauen und evtl. anderen Zielen nachgehen. 

Götz Kubitschek

14. Juni 2021 08:33

badeschluß.

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