1. April 2020

Hanau und „The Hunt“ – die brüchige Zivilgesellschaft

Martin Lichtmesz

PDF der Druckfassung aus Sezession 95/ April 2020

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Im August 2019 wurde ich in einem Wiener Café am hellichten Tag attackiert. Jemand hatte sich von hinten an mich herangeschlichen und eine Cola-Flasche über meinem Kopf entleert. Ich drehte mich um und blickte in ein haßverzerrtes Gesicht. Der Typ beschimpfte mich: »Wegen dir müssen Menschen sterben, du Faschist!« Diese Annahme gab ihm offenbar das gute Gewissen, vor einem Dutzend Zeugen einen tätlichen Angriff zu begehen. Es war übrigens der zweite dieser Art innerhalb von zwei Monaten.

Im Frühling des Jahres hatte es in der österreichischen Presse eine große Hetzkampagne gegen Martin Sellner und die Identitäre Bewegung gegeben, die ohne jeden Beweis mit Terrorismus und Gewalt in Verbindung gebracht wurde. Dabei wurde auch mein Name ein paar Mal genannt. Waren die Angriffe eine Frucht dieser Hetze?

»In Hanau kann es jeden treffen«, betitelte die Welt am 30. März 2017 einen Artikel über den hessischen »Gewaltbrennpunkt«: »Junge Männer schlagen sich und andere krankenhausreif. Opfer wird, wer den Streit suchenden Halbstarken in die Quere kommt.« Wie kam es dazu? Der Artikel zitierte den Hanauer Sozialdezernenten Axel Weiß-Thiel (SPD): »Migrations- und Zuwanderungsbewegungen spielen eine Rolle. Dadurch tritt eine Verschärfung auf.« Mit anderen Worten handelte es sich um Rudelkämpfe ethnischer Banden, etwa Türken und Afghanen. »Die Polizei muß durchgreifen«, forderte der wackere Sozialdemokrat – im Klartext also Gewalt anwenden. »Die Täter sollen die Stärke des Staates zu spüren bekommen. Sie müssen kapieren, dass es Regeln und Gesetze gibt.«

Fast drei Jahre später, am 19. Februar 2020, wurden im selben hessischen Hanau zehn Menschen ermordet. Neun der Opfer, die der Tod in zwei verschiedenen Shisha-Bars ereilt hatte, hatten einen »Migrationshintergrund« (darunter Kurden, Türken, Roma, ein Afghane, ein Bosnier). Das zehnte war die 72jährige Mutter des mutmaßlichen Täters Tobias Rathjen, der sich anschließend selbst gerichtet hatte.

Es gab etliche Augenzeugenberichte, die von mehr als nur einem Killer sprachen, und einige wollten einen gänzlich anderen Mann gesehen haben, als jenen, der am nächsten Tag als Täter präsentiert wurde: Bei dem 43jährigen Deutschen habe es sich um einen »Rechtsextremisten« gehandelt, die Tat sei ein »rassistischer Terroranschlag« gewesen. Basis dieser Behauptungen war ein im Internet auffindbares »Manifest«, in dem der Täter nicht nur die hohe Ausländerkriminalität beklagte, sondern auch noch der Ansicht war, daß zwei Dutzend außereuropäischer Völker »komplett vernichtet werden« müssen.

Danach müsse »die Fein-Säuberung kommen, diese betrifft die restlichen afrikanischen Staaten, Süd- und Mittelamerika, die Karibik und natürlich das eigene Volk«, in dem es schließlich nicht nur »Reinrassige« gebe. Dies müsse geschehen, damit die Menschheit nicht länger an der »Lösung des Rätsels« des Universums gehindert werde. Er zöge es dabei vor, die Sache kurz und schmerzlos per Knopfdruck zu erledigen.

Es gebe aber noch eine weitere Mission zu erfüllen: »Zudem müssen wir eine ›Zeitschleife‹ fliegen und den Planten [sic], den wir unsere Heimat nennen zerstören, bevor vor vielen Milliarden Jahren das erste Leben entstand. Denn wir können nicht, dass was alles jemals auf dieser Erde passiert ist, das Millionenfache Leid dass Menschen erlitten haben, so stehen lassen.« Diese »einzigste relevante Mission« müsse schnell erfüllt werden, ehe »uns« Naturkatastrophen dezimieren, »bevor wir das Ziel erreicht haben.«

Und nicht nur das: Rathjen schildert, wie er seit seiner Kindheit von Geheimdiensten überwacht werde, die auch vereitelt haben, daß er eine Frau finden konnte, die seinen hohen Ansprüchen genügt. Dabei wurden zahlreiche Ideen zu Hollywoodfilmen direkt aus seinem Kopf gestohlen, ebenso wie eine geniale »Strategie für den DFB, um wieder Turniere gewinnen zu können.«

Spätestens an dieser Stelle sollte jedermann mit noch einigermaßen intakter Urteilskraft begriffen haben, daß es sich bei Rathjen um eine klassische paranoide Schizophrenie gehandelt hat, ähnlich dem berühmten Fall des Psychotikers Schreber, den Elias Canetti in Masse und Macht behandelt hat, um das Wesen von Auslöschungs- und Allmachtsphantasien zu erkunden. Diese offenkundige Tatsache hinderte die mediale Maschinerie nicht daran, die Tat politisch auszuschlachten und als exemplarische Manifestation eines in Deutschland wachsenden »Rassismus« hinzustellen.

Der Psychotiker wurde zum »Rechtsterroristen« à la Breivik oder Tarrant ernannt, der seine Stichworte von der AfD empfangen haben soll (wofür es nicht den leisesten Beweis gibt). AfD-Politiker, die sich diesen Schuh nicht anziehen wollten, wurden der »Abwiegelung, Verantwortungsabwälzung, Instrumentalisierung« (Matthias Kamann, Politikredakteur der Welt) bezichtigt, wobei letzteres eine besonders dreiste Projektion ist. Horst Seehofer erklärte, daß Hanau gezeigt habe, daß die »Gefährdungslage durch Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus in Deutschland sehr hoch« sei und man darum Links- und Rechtsextremismus nicht auf eine Stufe stellen dürfe. Die Bundeskonferenz der Migrantenorganisationen (BKMO) forderte in einem offenen Brief an Angela Merkel einen »Masterplan gegen Rechtsextremismus« sowie die Verankerung von »Vielfalt als Staatsziel im Grundgesetz«.

Exakt dasselbe Schauspiel war bereits im Juni 2019 anläßlich des Mordes an dem CDU-Politiker Walter Lübcke zu beobachten gewesen. Da der Tatverdächtige ein »Rechtsextremist« mit krimineller Vergangenheit war, hagelte es eine ähnliche Flut an Anklagen wider die AfD und die Rechte überhaupt. Auch bei diesem mutmaßlichen Täter, der sein Geständnis widerrief, besteht der Verdacht auf eine psychische Störung. 1995 war er vom Landgericht Wiesbaden wegen versuchten Totschlags verurteilt worden: »Damals kam ein Gutachter zu dem Schluss«, er »leide unter einer Borderline-Störung«, die unter anderem von plötzlichen Aggressionsschüben und mangelnder Impulskontrolle gekennzeichnet ist. »Die Kammer ging daraufhin von einer ›verminderten Schuldfähigkeit‹ aus.« (Der Spiegel, 22. November 2019).

Zwischen Lübcke und Hanau tauchte ein vermutlich »echter« Rechtsterrorist auf: Am 9. Oktober 2019 versuchte Stephan Balliet in Halle in eine Synagoge einzudringen, um dort ein Massaker zu begehen, das er per Livestream übertragen wollte; als ihm dies mißlang, tötete er willkürlich zwei Menschen, die beide keinen »Migrationshintergrund« hatten. Über seine psychische Disposition erfuhr man lediglich, daß er »sozial isoliert« gewesen sei. Die Kampagne lief nach dem üblichen Muster ab; hier wird Schicht für Schicht immer wieder dasselbe Bild aufgetragen und verfestigt, das im kollektiven Bewußtsein die Angst vor einer permanenten »rechten Gefahr« erzeugen soll. Der (im Fall Hanau buchstäblichen) Psychose des Täters folgt die mediale »Psychose«, die zum Teil politischem Kalkül entspringen mag, zum Teil tatsächlich Züge von Massenwahn trägt. Kern ist die hartnäckige Verkennung der Tatsache, daß nicht der »Rassismus«, sondern der »Multikulturalismus« ein »strukturelles« Problem darstellt: der Allzwecksündenbock »Rassismus«, wie auch immer man ihn definieren mag, ist nur eine seiner zwangsläufigen systemimmanenten Folgen. Die Tatrelativierung durch Verweis auf die psychische Instabilität des Täters ist nur dann gültig, wenn es sich um Migranten- oder Ausländergewalt handelt, sei es der Eriträer, der im Juli 2019 in Frankfurt eine deutsche Frau und ihr achtjähriges Kind vor einen einfahrenden Zug stieß, oder der Jordanier, der im selben Monat in Stuttgart auf offener Straße einen Kasachen mit einem Schwert zerstückelte.

Fälle dieser Art gehören zu einem trotz aller medialen Vernebelung immer lauter werdenden Grundrauschen importierter Gewalt, deren Palette von Messerattacken, Vergewaltigungen, Schulmobbings, Morden, Clankriminalität bis zu islamistischen Anschlägen reicht. Keine ernsthafte Diskussion über wachsenden »Rassismus« kann diese Zusammenhänge ausblenden, ohne das Bild komplett zu verzerren. Wenn die Kritik an diesen Zuständen als »Dünger für Gewalt« (NZZ vom 26. August 2019) verunglimpft wird, dann bedeutet dies nur, den Deckel auf den kochenden Topf zu pressen. Auch wenn die Tat von Hanau kaum als »Terrorismus« interpretiert werden kann, so erscheint es unzweifelhaft, daß die innergesellschaftlichen Spannungen, die durch das multikulturalistische »Experiment« (Yascha Mounk) erzeugt werden, immer wieder schlafende Hunde wecken, für die durchaus der Psychiater zuständig wäre. Dazu gehören gewiß auch etliche der »kleineren« islamistischen Attentate, die ebenfalls eher amoklaufartige Züge aufweisen. Wenn die Zivilisation brüchig wird, fungieren psychisch Labile wie Seismographen. Auf letztere einzuschlagen verhindert bekanntlich kein Erdbeben.

Diesen Job des Einschlagens übernehmen antifaschistische Truppen, deren Aufgabe es ist, jegliche Opposition zum Linkskurs des Establishments gewaltsam einzuschüchtern. Die Zielgruppe wurde nach der Causa Thüringen über die AfD hinaus bis in die »Werte-Union« und sogar bis in die FDP ausgeweitet; allein im März 2020 wurden zwei AfD-Politiker, Nicolaus Fest und Tino Chrupalla, Opfer eines Brandanschlages auf ihre Autos. Beschmierte Hauswände, eingeschlagene Scheiben, Morddrohungen, tätliche Übergriffe und ähnliches sind für viele AfD-Politiker traurige Normalität geworden. Diese Gewalt ist eine klare Folge der Kampagnen des Establishments, das schon lange an dem »Narrativ« arbeitet, den »Rechten« grundsätzlich als eine Art Werwolf hinzustellen, der sich als normaler Mensch oder »besorgter Bürger« tarnt, während er in Wahrheit nur nach beliebigen Alibis sucht, um sein altbekanntes Triebtätertum von der Leine zu lassen. Das ist auch der Kern der »NSU«-Geschichte, die der Öffentlichkeit über die angeblichen Taten der dreiköpfigen »braunen Terrorzelle« seit Jahren aufgetischt wird: Der »Nazi« ist jemand, der aus purer Lust tötet, sein »Rassismus« ist eine rein pathologische Disposition ohne jeglichen Wirklichkeitsbezug. Derart dämonologisch wird auch der historische Nationalsozialismus dargestellt, der von den »Experten« des Establishments Tag für Tag nekromantisch beschworen wird, um ihn wie einen Film auf die Leinwand der Gegenwart zu projizieren, die als ein »neues Weimar« interpretiert wird (häufig ohne die damalige Rolle der kommunistischen Bedrohung zu erwähnen).

Das ist ein internationaler Trend: In allen Ländern, in denen eine massive Multikulturalisierungspolitik betrieben wird, propagieren die Medien das Schreckbild der »weiß-suprematistischen« Gefahr des weißen Rechtsterroristen, der von »Haß« und »toxischer Männlichkeit« zerfressen ist. Die im Februar 2020 angelaufene Amazon-Serie Hunters zeigt das traditionelle »weiße« Amerika der siebziger Jahre als von deutschen »Nazis« infiltriert, die als comicartige Serienkiller und Lustmörder gezeichnet werden und ein »viertes Reich« planen. Ihre antisemitischen und rassistischen Ideen sind in der Parallelwelt der tarantinoesken Serie selbstverständlicher Bestandteil des weißen Mainstreams, was sich in heiteren Quizshows äußert, in denen die Kandidaten zum Besten geben dürfen, warum »jeder die Juden haßt«. Die »Nazis« sind in hohen Regierungspositionen tätig und haben sadistische junge Männer auf ihrer Seite, denen vierzig Jahre vor Charlottesville Parolen der »Altright« in den Mund gelegt werden. Eigentlicher Inhalt ist allerdings, wie das aus Juden und »People of Color« bestehende »Jäger«-Team diese »Nazis« ausfindig macht, um sie genüßlich zu foltern und zu töten, was als heroische, gerechte Tat dargestellt wird, da es sich bei den Opfern ohnehin kaum noch um menschliche Wesen handelt. Gleichzeitig bemüht sich die Serie, das weiße Amerika schlechthin als kryptonazistisch zu denunzieren.

Ebenfalls im Februar 2020 veröffentlichte der pakistanischstämmige britische Rapper und Schauspieler Riz Ahmed einen Kurzfilm, den er als Reaktion auf den »Brexit« verstanden wissen will: The Long Goodbye (»Der lange Abschied«) zeigt, wie eine fröhliche pakistanische Familie von englischen Nationalisten aus ihrem Haus auf die Straße gezerrt und zusammen mit anderen Einwanderern verschleppt und teilweise exekutiert wird, während die Polizei und die weißen Nachbarn tatenlos zusehen. Der Film endet mit einer langen Rede Ahmeds, in der er den britischen Kolonialismus und die Ausbeutung seiner Landsleute anprangert, deren »braune Körper dieses Land aufgebaut haben«: »Wo ich her bin, ist also nicht dein Problem, Brudi.« Dieses Horrorszenario, in denen nette, integrierte Pakistanis hilflose Opfer einer brutalen ethnischen Säuberung werden, findet in einem Land statt, in dem die weiße Stammbevölkerung unerbittlich zur Minderheit schrumpft, in dem etliche Städte und Stadtteile bereits in muslimischer Hand sind, in dem pakistanische Gangs zwei Jahrzehnte lang tausende weiße Mädchen zur Prostitution zwangen, sexuell mißbrauchten, folterten und zum Teil sogar töteten, und das in den letzten Jahren Schauplatz etlicher islamistischer Attentate war. Gleichzeitig herrschen drakonische Gesetze gegen »Haßrede« und »Rassismus«. Ahmed als Star der Unterhaltungsbranche kann selbst wohl kaum für sich beanspruchen, »diskriminiert« zu werden. Kommentare auf YouTube preisen das Video für seine angebliche Wirklichkeitsnähe, negative Wortmeldungen wurden massenweise gelöscht. Nicht anders als »Hunters« schürt es den Haß auf den »weißen Rassisten«, dessen eigene Angst vor »ethnischer Säuberung« (in Form der demographischen Verdrängung) keinerlei Berechtigung zugesprochen wird.

Man kann unschwer erkennen, wie mit Propaganda dieser Art Gewaltenthemmung gegen »Weiße«, »Rassisten«, »Rechte« psychologisch vorbereitet und legitimiert wird. Hier wird zweifellos das gute Gewissen für künftige Übergriffe aufgebaut. Immerhin gibt es allmählich Gegenströmungen: Der 2019 gedrehte, im März 2020 in den amerikanischen Kinos angelaufene Film The Hunt zeigt, wie linksliberale Eliten Menschenjagd auf »deplorables«, »abgehängte« konservative Weiße und Trump-Anhänger machen. Das einschlägige Portal Salon schäumte und sprach von »Pro-Trump-Propaganda«, die »aus Tätern Opfer« mache. Der Rezensent Matthew Rozsa unterstellte, daß sich Trump-Anhänger offenbar »verzweifelt danach sehnen, tatsächlich verfolgt zu werden«: »Wenn Sie der Botschaft dieses Filmes zustimmen, dann ist Ihre Seele ernsthaft krank.«

Aha: Im Gegensatz also zu der »Botschaft« von Hunters? 


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Kommentare (0)