22. Juni 2021

Der deutsche Angriff, Gauland und Scheil

Götz Kubitschek / 50 Kommentare

Heute vor 80 Jahren kam die deutsche Wehrmacht der Roten Armee zuvor: Sie griff an.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Beide totalitäre Regime hatten, abgesichert durch den Nichtangriffspakt vom Sommer 1939, bereits regional begrenzte Kriege geführt und fast alle gewonnen:

Die Sowjetunion war in Polen einmarschiert, hatte den östlichen Teil besetzt und dabei rund 25000 Offiziere, Polizeibeamte und Intellektuelle in den Wäldern um Katyn ermordet und verscharrt.

1940 besetzte sie die baltischen Staaten und Bessarabien, das zuvor zu Rumänien gehört hatte. Den "Winterkrieg" gegen Finnland, der vom November 1939 bis zum März 1940 dauerte, gewann die Sowjetunion zwar unter erheblichen Verlusten, konnte aber ihre ursprünglichen Pläne nicht durchsetzen: Finnland blieb unabhängig und kämpfte später an deutscher Seite, um die Gebietsverluste des Winterkriegs wettzumachen und die Gefahr eines erneuten Okkupationsversuchs präventiv abzuwehren.

Das Deutsche Reich hatte nach dem Sieg über Polen zunächst keinen weiteren Krieg zu führen. Die Kriegserklärungen durch Frankreich und England blieben folgenlos, beide Nationen hatten Polen nicht beigestanden und im Westen keine zweite Front eröffnet. 1940 hatte Deutschland den Wettlauf um Norwegen (und damit um den Erzhafen Narvik) knapp gewonnen. Im Mai und Juni 1940 warf es Frankreich nieder.

Im April und Mai 1941 sah sich das Deutsche Reich gezwungen, den britischen Einfluß auf dem Kontinent zurückzudrängen und den militärischen Pfusch Italiens auszubügeln: Der Balkanfeldzug endete an der Seite Bulgariens und Rumäniens mit Siegen über Jugoslawien und Griechenland. Erfolglos blieb Deutschland im Luftkrieg um England.

Das deutsche Reich und die Sowjetunion – das bedeutete bis Mitte 1941: Aufteilung der Machtsphären, Sicherung des Nachschubs an Rohstoffen, Meereszugänge, Bereinigung auf Nebenkriegsschauplätzen. Die eigentliche Auseinandersetzung würde gegeneinander geführt werden, als Weltanschauungskrieg, als Krieg ums Sein oder Nichtsein und um den Status der dominierenden europäisch-kontinentalen Weltmacht.

Es war nicht zuletzt der junge Schweizer Armin Mohler, der am Morgen des 22. Juni 1941 vom Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion hörte und wußte, daß es nun "um die Wurst" gehe, eben um alles oder nichts und nicht nur um Elsaß-Lothringen oder Posen oder eine Einflußsphäre in Skandinavien.

Es war das Unvermeidliche, das in Gang kam und das auf beiden Seiten mit aller Härte ausgeführt wurde. Unvermeidlich: Das haben die Sieger nach dem Krieg bestritten, erst leise, dann laut, und am lautesten bestreiten es nun die Deutschen selbst, die längst jede Siegererzählung bis ins Vokabular hinein übernommen haben und mittlerweile einander mit allen Spielarten von Schuldstolz, nachgereichter Verurteilung, Wiedergutmachungswettlauf und antideutscher Zukunftsverhinderung überziehen - und tatsächlich glauben, daß nicht das nationalsozialistische Regime widerlegt worden sei, sondern die Deutschen, sie selbst also, an sich.

Wir, also die Deutschen, waren in der Debatte um den deutsch-sowjetischen Krieg schon einmal weiter, viel weiter. Diejenigen Nationen, die nach dem Ende des Kriegs unter den sowjetischen Einfluß gerieten oder sogar einverleibt wurden (allen voran die baltische Staaten), betonen seit 1990 zumindest den antitotalitären Konsens, mit deutlicher Gewichtung gegen den roten Terror, der ihre Länder beinahe ausgelöscht hätte.

Aber bei uns kippte alles zurück in eine unhistorische Eindimensionalität. Und so hoffte man im Rahmen des alternativen Aufbruchs auch auf alternative Erzählungen, auf geschichtspolitische Souveränität. Dr. Alexander Gauland im Bundestag:

Dr. Stefan Scheil reagierte zunächst auf Facebook, hier nun erweitert:

Am 9. Juni veranstaltete der deutsche Bundestag eine aktuelle Stunde zum achtzigsten Jahrestag des deutschen Angriffs auf die UdSSR im Jahr 1941. Für die Bundestagsfraktion im deutschen Bundestag wurde es eine Stunde der Wahrheit.

Man musste ja nicht unbedingt erwarten, daß Alexander Gauland als Fraktionssprecher der AfD vor dem Bundestag in heikle Geschichtskontroversen einsteigt oder gar den Angriff auf Russland als Präventivangriff bezeichnet. Es wäre aber beispielsweise möglich gewesen, den russisch-deutschen Krieg etwa als Tragödie zweier Völker zu bezeichnen (die beide gleichzeitig selbst mit einer Diktatur im Inneren zu kämpfen hatten) und als Ausdruck von politischen Konflikten, die damals mit Mitteln ausgetragen werden sollten, die wir heute bitte nicht wieder sehen wollen.

Bei Bedarf ließen sich auch andere allgemeine Worte finden.

Was Gauland jedoch statt dessen auf geradezu überschießende Art und Weise vorgetragen hat, unterstützte tatsächlich die Wiederbelebung stalinistischer Propaganda von 1939-1953. Diese wird vom russischen Präsidenten Wladimir Putin seit Jahren allen Ernstes wieder belebt und in Europa verbreitet. Etliche deutsche Geschichtsprofessoren wurden von staatlichen russischen Stellen persönlich angeschrieben, wie der Kriegsausbruch von 1939 und die Jahre danach zu sehen seien.

Gauland ist praktisch komplett den aktuellen Vorgaben aus Moskau gefolgt, die in Stichworten lauten: "Hitler war der Aggressor, der Westen feige, Stalin clever und er tat das Nötige. Polen war mitschuld". Der Fraktionssprecher hat zugleich den Deutschen auf eine wirklich spektakuläre Art eine Kollektivschuldschelle verpaßt und einen historischen Maulkorb umgehängt.

Das läßt sich kaum anders denn als unnötig, peinlich und politisch schädlich bezeichnen. Es sei denn, die AfD möchte sich dauerhaft als die "russische Partei" in Deutschland inszenieren. Dafür bekäme sie dann aus Moskau zur Belohnung die Feststellung einer - 1939 zweifellos vorhandenen - polnischen Mitschuld geliefert, müßte sich aber weiter unverdrossen "faschistischer" deutscher Verbrechen schuldig bekennen, während von den Kriegstreibern und Massenmördern in Moskau bitteschön zu schweigen sei. Das ist sachlich völlig falsch und auch politisch nicht klug.

Leider stellt Gaulands Vortrag keinen Einzelfall dar, und so spricht manches dafür, daß Gauland und die Fraktionsführung in der Tat davon Abstand nehmen (oder die Phantasie dazu gar nicht haben) tatsächlich eigene Akzente beim Blick auf die Jahre 1939 bis 1941 zu setzen. Man sieht nur die Wahl zwischen der westlichen Variante und der sowjetischen "Meistererzählung" und entscheidet sich für den Osten. Das ist zu wenig, um eine Alternative zu sein.

Wo stehen wir also geschichtspolitisch? Ordnen wir eine deutsche Sicht auf den Krieg mit der Sowjetunion heutigen bündnisstrategischen Erwägungen unter? Oder einer Parteitaktik? Oder geben wir einer Sehnsucht nach Ruhe an der geschichtspolitischen Front nach?

Manchmal hat man den Eindruck, als hätten Scheil und Weißmann, Schultze-Rohnhof und Hinz nur so zum Spaß geschrieben und darauf beharrt, daß man den Schlägen mit der Faschismuskeule nicht dadurch ausweichen könne, indem man mitschlägt.

Alternativ sein bedeuten manchmal: mindestens schweigen.

-- -- --

Vertieft hat Stefan Scheil den Forschungsaspekt zum Präventivkrieg in seinem knappen, bereits in der 5. Auflage vorliegenden Bändchen Präventivkrieg Barbarossa (hier bestellen) und in seinem Buch Die Eskalation des Zweiten Weltkriegs (hier bestellen).

Alle vier Studien Scheils zu Brennpunkten der Kriegsausweitung sind zum Paketpreis hier erhältlich.

Den besten Überblick über den Kriegsverlauf bietet (samt Kartenmaterial) Heinz Magenheimers Buch Die deutsche militärische Kriegsführung im II. Weltkrieg (hier erhältlich).


Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.


Kommentare (50)

MARCEL

22. Juni 2021 10:04

Hugo Ernst Fischer (1897-1975) bezeichnet in seiner berühmten Lenin-Studie den Ersten Weltkrieg selbst als Revolution, die sich als Staatenkrieg "getarnt" hätte. Auch der Kampf des Reiches mit der Sowjetunion (und auch mit den USA) ging über einen Staatenkrieg weit hinaus.

Nicht zu vergessen: Der Wehrmacht schlug anfänglich, nicht nur in der Ukraine, viel Sympathie seitens der russischen Bevölkerung entgegen!

Stalin hatte aber bereits in den 30igern (im Zuge der Kollektivierung/Säuberung - aber nicht nur!) NKWD-Offiziere als eine Art rotes "Stay behind"-Netzwerk in den westlichen Landesteilen inkognito installiert. Sie waren dann die ersten, welche die sowjetische Partisanenbewegung aufbauten. Durch die extrem kurzsichtige (gelinde gesagt) deutsche Besatzungspolitik umso leichter.

Trotz all dem: Russland ist in meinen Augen nach wie vor der natürliche Verbündete eines noch halbwegs europäischen Europas - der Rest (EU, USA oder gar China) nicht!

Ein gebuertiger Hesse

22. Juni 2021 10:27

Wichtige Richtigstellung in der wichtigen Sache. Alles andere, gerade auch wozu sich Gauland herabläßt, spielt den Gegnern immer nur aufs Neue in die gezinkten Karten.

links ist wo der daumen rechts ist

22. Juni 2021 10:37

Nun also wieder das Stöckchen „Präventivkriegsthese“. Wie ermüdend. Stattdessen schlage ich vor:

Alle Ereignisse von WK2 können nur auf der Folie des (leider) verlorenen Krieges von 1914 betrachtet werden; auch und v.a. die Geschichte des deutschen „Ostimperiums“ vom Frühling 1918 bis Kriegsende. Die militärstrategischen Fehler dazu hat – wie so oft – Sebastian Haffner genial analysiert.

Der „Generalplan Ost“ – mit seiner Gewalteskalation der Killing Fields auf beiden Seiten - war dann in seiner totalitären Maßlosigkeit (Achse Archangelsk – Astrachan) nur die blutige Parodie auf die frühere Besatzungszeit.

Obwohl die infrastrukturellen Aufbaumaßnahmen beachtlich waren: von der Umspurung der russischen Breitspur bis hin zu der trassierten Autobahn nach Baku; mein Großvater mütterlicherseits war beim „Großbrückenbau Dnepropetrowsk“. Die Autobahnbrücke über den Dnepr war fertig und wurde auf dem Rückzug gesprengt…

Interessanterweise war das Donezbecken unter deutscher Herrschaft tatsächlich ein zweites Ruhrgebiet mit entsprechenden deutschen Städtepartner-Namen.

 

Der_Juergen

22. Juni 2021 10:49

Hervorragender Artikel, an dem es nichts zu bemäkeln gibt. Hinzufügen kann man natürlich unendlich viel. Hier nur zwei Punkte:

Die von Kubitschek erwähnten deutschen "Barbarossa-Revisionisten" wie Scheil und Schultze-Rohnhof haben ausgezeichnete Arbeit geleistet, die von dauerhaftem Wert ist, aber das weitaus wichtigste Buch zur Frage ist Michael Meltjuchow, "Upuschtschenny schans Stalina" (Stalins versäuimte Chance), das wegen seines Riesenumfangs (bisher) nicht ins Deutsche übersetzt worden ist. Eine Kurzfassung, in der die wichtigsten Punkte figurieren, findet man in dem Sammelband "Überfall auf Europa? Russische Historiker belasten Stalin". Meltjuchow, ein russischer Nationalist und Stalin-Bewunderer, bedauert übrigens ausdrücklich, dass die UdSSR nicht rechtzeitig zuschlug, denn das hätte dem Land den mörderischen Krieg auf eigenem Gebiet erspart.- Das von ihm angeführte Schlüsseldokument ist der sowjetische Kriegsplan von 1940-1941, von dem fünf verschiedene Varianten existieren; all diesen war gemeinsam, dass sich die Kriegshandlungen ausschliesslich ausserhalb der Sowjetunion, auf polnischem und deutschem Territorium, abspielten und kein Gedanke an Defensive verschwendet wurde.

Solution

22. Juni 2021 10:53

Volle Zustimmung. Die AfD hat leider schon zu oft versagt.

Nicht nur Gauland ist im Auftreten und inhaltlich unerträglich. "Wir sind bereit für Israel zu kämpfen und zu sterben" war kein Ausrutscher von ihm, sondern ist Programm. Ein Fraktionskollege ergänzte: "Israel wird am Brandenburger Tor verteidigt".

Dann die Abwendung vom ethnischen Volksbegriff. Damit das Überschreiten der wichtigsten roten Linie.

Man könnte eine lange Liste erstellen, die die AfD und viele ihrer Vertreter in einem ungünstigen Licht dastehen ließe.

Das Maß ist schon lange voll. Wenn jetzt auch noch so eine Unsinn - wieder unter dem Beifall der Fraktionskollegen - verbreitet wird, bin ich froh, daß ich da nicht dabei bin. 

Für mich ist die AfD eine einzige Kette von Zumutungen und Enttäuschungen. War wohl nicht anders zu erwarten. 

Was übrig bleibt, ist der Versuch von außen Einfluß zu nehmen und deren Personal zu stellen und zu konfrontieren. Wer meine Stimme will, muß sich anders positionieren, sonst ist er politischer Gegner. Das sehen auch viele andere so, die ich kenne.

Schnellroda kommt die Aufgabe zu, Inhalte zu liefern, zu schulen und kritisch zu begleiten. Dafür mein Dank und meine Unterstützung.

Der_Juergen

22. Juni 2021 11:03

Es gibt ein russisches Buch, das wegen der scheinbaren Wahnwitzigkeit seiner Grundthese praktisch unbeachtet blieb. Ich habe es noch nicht gelesen, weiss aber grob, worum es geht. Bei einem Telefongespräch, das ich kurz vor dessen Tod mit dem verdienstvollen österreichischen Anwalt Dr. Herbert Schaller führte, sagte mir dieser, er sei im Juni 41 als Leutnant an der Sowjetgrenze stationiert gewesen. Ein paar Tage vor Kriegsbeginn habe er erfahren, dass Stalin den Deutschen erlaubt habe, durch russisches Gebiet in den Irak vorzustossen und die Briten von dort zu vertreiben; man werde nächstens die Züge besteigen. Das hat sich Schaller nicht aus den Fingern gesogen. Es entspricht der Grundthese des eben erwähnten Buchs und könnte den Schlüssel zu dem liefern, was vor dem 22. Juni 41 WIRKLICH geplant worden ist. Warum die Geschichte dann ganz anders verlief, wissen wir nicht, und vom Putin-Regime ist wirklich keine Aufklärung zu erwarten.

RMH

22. Juni 2021 11:05

Der aktuelle Beitrag von S. Scheil in Sezession #102 ist zu diesem Thema ergänzend zu empfehlen. @links ist etc., in diesem Artikel schlägt Scheil auch den Bogen von 17/18 zu 41.

Ein gebuertiger Hesse

22. Juni 2021 11:13

Exzellent, Solution. Diese deutlichen (fast hätte ich "deutschlichen" geschrieben) Worte sprechen aus, was jedem gesund-patriotischen AfD-Freund an der Seele nagt.

Sandstein

22. Juni 2021 11:19

Vllt als kleine Anmerkung: die Finnen haben letztlich mit der Roten Armee gegen die Wehrmacht gekämpft. 

..was mich an Text und Struktur stört: der Verweis auf Katyn und die Angriffspläne der Roten Armee. Ist das relevant? Ist das schon eine präventive Verteidigung der Wehrmacht? 

Sagt doch einfach was war: das Reich wollte die Sowjets überrollen, wie die Gegner zuvor. Das Konzept Lebensraum war Grundlage, völlig egal was die Russen gemacht oder nicht gemacht hätten.

wahrer Stolz und echte Würde gehen nicht ohne Veritas! 

Grüße eines Urenkels Stalingrads.

links ist wo der daumen rechts ist

22. Juni 2021 11:21

Wäre eine deutsche Vorherrschaft 1918 im Osten zum Gedeihen Europas gewesen, wäre ein beginnender Kalter Krieg zwischen dem Deutschen Reich und Sowjetrußland sehr bald zugunsten Deutschlands ausgegangen. Auch hätten wir uns sehr wahrscheinlich das erspart, was – jenseits von außen aufgetragener Buß- und Schuldrituale – unser historisches Gewissen belastet. Dazu eine Palastrevolution unter dem „Realo“ Albert Speer…

Aber leider. Der Hauptfeind stand halt weiterhin im Westen.

Den Feldzügen der Deutschen bis zum Sommer 1941 mit ihrer erfolgreichen Blitzkriegsstrategie muß man dabei fast uneingeschränkt Respekt zollen. Ähnliche Leistungen gab es erst wieder auf den Rückzügen unter den österr. Generälen Löhr und Rendulic (allen z.T. berechtigten Vorwürfen zum Trotz).

Mit dem Krieg gegen Rußland trat die Politik an die Stelle der Militärstrategie und Kriegsdiplomatie; allein die Tragödie Wlassow…

Verglich Haffner den „Eisenbahnvormarsch“ im Osten 1918 mit jemandem, der noch im Fallen etwas an sich raffen will (die im Westen dringend benötigten Reserven wurden nicht bereitgestellt), war die Lage im Sommer 1941 von Beginn an von dieser untypisch deutschen Hybris gekennzeichnet.

RMH

22. Juni 2021 11:47

Nachfrage an die historisch besser Bewanderten zu den Schlusssätzen der Gauland Rede:

Wann - DDR bleibt außen vor - war Russland denn der "älteste und längste Verbündete" Deutschlands? Oder schwebt der alte Herr Gauland schon wieder in Sphären seines persönlichen Lieblingskanzlers Bismarck?

Die in der Gauland Rede aufgeworfene Frage, wie das alles zu verhindern gewesen wäre, ist ausnahmsweise einmal recht schnell zu beantworten: Wenn Frankreich und UK ihren vollmundigen Bündniszusagen gegenüber Polen nicht nur mit simplen Kriegserklärungen nachgekommen wären und schon während des Polenfeldzuges einfach in Deutschland einmarschiert wären, wäre das Kartenhaus Deutschland eingefallen (Deutschland hatte 39 noch lange keine militärische Kriegsfähigkeit auf größerem Niveau erreicht). Aber dann wäre eine Kriegseskalation, wie später geschehen, ausgeblieben.

Nemo Obligatur

22. Juni 2021 11:47

@Sandstein

"Sagt doch einfach was war: das Reich wollte die Sowjets überrollen, wie die Gegner zuvor. Das Konzept Lebensraum war Grundlage, völlig egal was die Russen gemacht oder nicht gemacht hätten."

Genau so ist es. Wir könnten heute nicht mehr die Schlachten von gestern gewinnen. Wir sollten nach vorne schauen.

Den Scheil-Beitrag in der Sezession fand ich ziemlich schwach. Da wird so getan, als sei erst 1941 ein neues Kapitel in Sachen nationalsozialistischer Gewaltherrschaft aufgeschlagen worden ("Mit Erschütterung reagierten die Augenzeugen auch auf die Bestätigung der schlimmsten Befürchtungen hinsichtlich der Brutalität des sowjetischen Systems"). Dabei hatte zu dem Zeitpunkt das große Morden in Polen schon begonnen und die Einsatzgruppen hinter der vorrückenden Wehrmacht verloren ebenfalls keine Zeit.

Gotlandfahrer

22. Juni 2021 11:52

Für diese Klarstellung mein Dank! 

In diesem Zusammenhang kommt mir oft der Kriegstagebucheintrag Halders in den Sinn, worin er die am Vortag des Angriffes gehaltene Rede H.s an die Generäle zu den Zielen der Operation u.a. wie folgt stichwortartig wider gab:

"Kampf gegen Rußland: Vernichtung der bolschewistischen Kommissare und der kommunistischen Intelligenz.

Die neuen Staaten müssen sozialistische Staaten sein, aber ohne eigene Intelligenz. Es muß verhindert werden, daß eine neue Intelligenz sich bildet. Hier genügt eine primitive sozialistische Intelligenz.

Der Kampf muß geführt werden gegen das Gift der Zersetzung."

Immerhin schien H hier die Vision "sozialistischer Staaten" vorzuschweben.  "Primitive sozialistische Intelligenz", das immerhin wurde auf deutschem Boden mittlerweile erreicht. 

Quelle: https://www.ns-archiv.de/krieg/1941/halder-tagebuch.php

Auch interessant: "Das Endziel der Operation ist die Abschirmung gegen das asiatische Russland", so in der Weisung Nr. 21 "Fall Barbarossa", S. 3 zu finden.

Uwe Lay

22. Juni 2021 11:52

Die ängstliche AfD:

Der Bundesvorstand der AfD fordert jetzt Disziplinarmaßnahmen gegen Uwe Junge, weil er das Tragen eine Homosolidaritätsbinde des Torwartes der Fußballnatiinalmanschaft kritisierte. Genau diese Ängstlichkeit prägt auch die hier zu recht kritisierte Rede Gaulands: Es ist zwar wahr, daß der "Überfall" ein Präventivkrieg gegen die angriffsbereite Sowjetunion war, aber das dürfe die AfD eben nicht laut sagen. Aber couragierter war Gauland, als er auf Polens Mitverantwortung auf den Ausbruch des Krieges verwies.Politisch klüger wäre es aber vielleicht gewesen, J. Stalin zuzustimmen,(denn den kann man politisch korrekt als großen "Antifaschisten" zitieren)  daß der 2.Weltkrieg erst mit den Kriegserklärungen Englands und Frankreichs an Deutschland begonnen habe, vordem war es nur ein bilateraler Krieg und noch kein Weltkrieg.

tearjerker

22. Juni 2021 12:36

@Sandstein, von Enkel zu Enkel: Ungeachtet von Absichten und Plänen können doch sehr wohl zusätzliche Gründe existieren, die Massnahmen geradezu herausfordern. Zu unterstellen, die damalige Führung wäre frei von realpolitischen Überlegungen rein ideologisch motiviert in ihren Untergang gerannt, verstellt diesen Aspekt komplett und ist Teil der politischen PR, die darauf zielt, die Formulierung eigenständiger deutscher Interessen zu verhindern. Insofern ist das Thema für die Gegenwart sehr relevant. Sie sollten sich Scheils Buch hierzu wirklich mal zu Gemüte führen. Sein Logik der Mächte ist zu genau diesem Thema ebenfalls sehr empfehlenswert.

deutscheridentitaerer

22. Juni 2021 13:11

@Sandstein, Nemo Obligator

Ich verstehe, wo Sie herkommen, aber Sie schießen übers Ziel hinaus. Ich nehme Scheil und generell den Vertretern der Präventivkriegsthese vollständig ab, dass sie von dem redlichen Bemühen nach Wahrheitsfindung getrieben sind.

Allerdings halte ich die Präventivkriegsthese so, wie sie in Scheils Kaplakenband dargestellt wird, nicht für überzeugend. Es werden durchaus genügend Indizien geliefert, dass man sagen kann, ja - so könnte es sich abgespielt haben, aber sicher wissen tut man danach nichts. Klar lief alles auf eine, und das ist ja unstrittig, von beiden bzw. allen drei Seiten gewollte Eskalation hinaus. Entscheidend ist aber das Unmittelbarkeitsmoment der feindlichen Angriffsabsichten, d.h. der russische Angriff hätte 41 erfolgen müssen und das hätte von der deutschen Führung auch so gesehen werden müssen. Ob dem so war, lässt sich angesichts der widersprechenden Quellenlage wohl nicht mehr eindeutig klären. Ich halte es für politisch auch bedeutungslos.
 

RMH

22. Juni 2021 13:28

Ich sehe es auch so, dass Deutschland im Sommer 41 den Russen zwar mit hoher Wahrscheinlichkeit zuvor gekommen war, aber dieser präventiver Schlag war nicht der einzige Grund, den Krieg gegen die UdSSR zu führen. Die gesamte NS Bewegung war eine im Kern antibolschewistische Bewegung, sowohl "Mein Kampf" als auch das damals nicht veröffentlichte "2. Buch" gehen von der Bildung eines deutschen Imperiums unter Raumgewinnung im Osten und der Zerschlagung des Bolschwismus aus. Von daher war das Motiv zum Angriff immer da, der konkrete Anlass kann dann auch präventiv gewesen sein. Was im nachhinein Fragen aufwirft, ist der gesamte zeitliche Ablauf, insbesondere, wenn man die ursprünglichen zeitlichen Aufrüstung Pläne Deutschlands berücksichtigt.

Wie auch immer, der Tenor des Artikels von G.K., dass es manchmal besser ist, zu schweigen, ist in Bezug auf die Gauland Rede richtig. Reden wie diese leisten dem Ressentiment des Establishment, dass die AfD von Moskau gestützt sei, irgendwie Vorschub.

Der Gehenkte

22. Juni 2021 13:33

Gerade eben hatte CS auf die Gefahr der Cluster-Bildung aufmerksam gemacht – und schon sind wieder mittendrin!

Wenn man historische Themen bespricht, muß man sich folgende Prämisse stets vergegenwärtigen. „Geschichte“ gehört nicht zum ontologischen Bereich, sondern zum narrativen. Es „gibt“ keine Geschichte, es gibt nur Geschichten. Zwar gibt es historische Ereignisse, doch diese können sich nicht selber aussagen. Sie müssen erzählt werden und damit beginnt die „Geschichte“ sich vom Kollektivsingular zum Plural zu wandeln. Das ist unhintergehbar.

Ergo gibt es verschiedene Erzählungen dessen, was geschehen ist. Diese müssen sich an den noch nachzuvollziehenden Ereignissen in Form von Dokumenten, Artefakten und vor allem anderen Erzählungen beweisen. Dieser Prozeß ist unbeendbar – das Problem in diesem Falle ist, daß die Diskussion schon lange beendet wurde; daher sind Scheil und Kubitschek verdienstvoll … aber sie können irren.

Gauland hängt nun einer anderen Erzählung an – das ist legitim und logisch. Ihm zu unterstellen, er verfolge damit parteitaktische Ziele und spräche nicht offen seine Meinung, bedarf der konkreten Beweise – ansonsten ist es unredlich. Ich halte ihn für integer genug, in voller Überzeugung seine Sicht auf die historischen Dinge ausgesagt zu haben. Diese steht ebenso wie die These Scheils zur Diskussion. Man nennt das Meinungsstreit – Wahrheit ist dort in der Regel nicht zu haben, nur diverse Annäherungen an diese.

Gustav

22. Juni 2021 13:39

@ links ist..

Ihren Haffner können sie behalten. Wer vor und während des Krieges als Propagandist in England gegen sein Vaterland arbeitet, ist mehr als nur unglaubwürdig.

Bismarck sprach am 2. März 1885 vor dem Deutschen Reichstag: ..Es liegt eine eigentümlich prophetische Voraussicht in unserem alten nationalen Mythus, daß sich, so oft es den Deutschen gut geht, wenn ein deutscher Völkerfrühling . . . wieder ausbricht, daß dann auch stets der Loki nicht fehlt, der seinen Hödur findet, einen blöden, dämlichen Menschen, den er mit Geschick veranlaßt, den deutschen Völkerfrühling zu erschlagen. . Nach dem Krieg von 1870/71, am 2. Mai 71, tat der große Kanzler die ewig hemmungslos hassenden Zänker, ebenfalls vor dem Deutschen Reichstag, mit den Worten ab: ..Diejenigen krankhaften Ausnahmen, die etwa den Krieg wollten in der Hoffnung, ihr eigenes Land werde unterliegen - sie sind des Namens nicht würdig, ich zähle sie nicht unter die Deutschen!"

Solution

22. Juni 2021 13:44

Es gibt viele gute Bücher zum Präventivschlag. Eines meiner Meinung nach der besten und materialreichsten stammt von dem Ex-NVA-General und Militärhistoriker Bernd Schwipper: "Deutschland im Visier Stalins" (hier zu haben). Nach dessen Lektüre bleiben zum Präventivschlag nur wenige Fragen offen.

Marc_Aurel

22. Juni 2021 14:10

An der Frage wer 1941 nun wem zuvor kam, sollte man sich nicht aufreiben. Wie der Artikel bereits herausarbeitet, standen sich damals zwei auf Expansion drängende Machtblöcke gegenüber. M. A. n. war ein Konflikt zwischen beiden keine Zwangsläufigkeit, er schwebte aber latent wie ein Damoklesschwert über ihnen. Alt. Handlungsoptionen für Deutschland hätte es gegeben, wie etwa das Aufrollen der ressourcenreichen engl. Peripherie, man entschied sich aber, wie Bonaparte, für den großen Brocken und hat sich daran verschluckt… sei's drum.

In Russland ist das Ganze aus heutiger Sicht ein wichtiger Teil der eigenen Identität (glorr. Sieg mit schweren Opfern), fast jeder ist persönlich davon betroffen (Tote in der Familie), das ist das eine, dann besteht natürlich dort auch kein Interesse daran den Scheinwerfer auf die Verbrechen der Bolschewisten zu richten, verständlich, da den Russen keiner von außen Masochismus eingeimpft hat, das ist das andere.

Wie sollte das patriotische dt. Lager nun heute damit umgehen? In der geg. Ausgangslage ist Russland einer der wenigen pot. Verbündeten, um die Herrschaft der Yankee-Oligarchen über unser Land dauerhaft abzuschütteln. Um die Russen nicht, wegen im Moment eher nebens. Angel. zu verprellen und aber auch Deutschlands Schild zu wahren, sollte man eher von einer gem. erlittenen Tragödie sprechen, herausstellen das man es heute besser machen kann und dass man sich nicht erneut von Dritten in einen Konflikt treiben lassen sollte.

MikeForester

22. Juni 2021 14:34

@deutscheridentitaerer

Wenn Ihnen die Ausführungen von Dr. Scheil oder der Vorkriegskontext von Schultze-Rhonhof nicht genügen, verweise ich Sie auf die 2015 veröffentlichte militärwissenschaftliche Studie von Generalmajor a.D. (NVA) Dr. mil. Bernd Schwipper "Deutschland im Visier Stalins". Untertitel: "Der Weg der Roten Armee in den europäischen Krieg und der Aufmarsch der Wehrmacht 1941 - Eine vergleichende Studie anhand russischer Dokumente"

Schwipper, promovierter Militärwissenschaftler in der DDR, hatte Zugang, von denen die Exilanten in Form von Wladimir Resun (alias "Victor Suvorov") oder amerikanischen Vertreter der Lehrmeinung wie David Glantz nur träumen konnten; nämlich zu den Archiven der Militärakademie von Moskau, an der Schwipper selbst studiert hat. Er spricht daher fließend russisch und stellt (fast) wörtlich übersetzte Auszüge von Befehlen, Verordnungen und Reports zur Verfügung.

Die Studie behandelt Operationspläne, Mobilisierung und Bereitstellung der Roten Armee seit Kriegsbeginn 1939 und setzt sie in Vergleich mit den bekannten Zahlen und Daten der Deutschen Wehrmacht. Quellenmaterial ist fast ausschließlich aus sowjetrussischen Beständen und Veröffentlichungen. 

Es ist das umfassendste Werk, das, ohne es selbst direkt zu thematisieren, die These zum Präventivschlag im Juni 1941 auf Grundlage sowjetischer Quellen untermauert.

Der_Juergen

22. Juni 2021 14:44

Nachtrag zu meiner zweiten Wortmeldung: Das erwähnte Buch wurde von Alexander Osokin verfasst; sein Titel lautet "Velikaja Taina Velikoi Otetschestwennoi" (Das Grosse Geheimnis des Grossen Vaterländischen Kriegs). Die These lautet, dass Stalin und Hitler eine gemeinsame Invasion Englands vorbereitet hatten; 800.000 sowjetische Soldaten plus Kriegsgerät sollten der Verabredung zufolge bis zum Ärmelkanal gebracht werden. Zugleich erhielten die Deutschen ein Durchmarschrecht durch die UdSSR, um die Briten im Süden anzugreifen, angefangen beim Irak. - Es gibt sehr gewichtige logische Einwänder gegen diese These, aber auch eine Menge gewichtiger Indizien zu ihrer Stütze. Jedenfalls ist Osokin kein Spinner. Der von mir erwähnte Herbert Schaller war bestimmt nicht der einzige deutsche Offizier, dem seine Vorgesetzten von dem Durchmarschrecht berichtet hatten.

Osokin hält es für möglich, dass Stalin seinen Gegenspieler überlisten wollte und dass die in Europa befindlichen sowjetischen Truppen dann plötzlich gegen die Deutschen zugeschlagen hätten - so wie Hitler ihm zufolge am 22. Juni Stalin narrte und statt gegen England gegen die UdSS zuschlug.

Александр Осокин о сговоре Гитлера и Сталина - YouTube

Wahrheitssucher

22. Juni 2021 14:58

„Es gab für Hitler keine andere Möglichkeit mehr, als uns anzugreifen. Er hätte seinen Krieg mit England niemals beenden können.“ (Vjaceslav Molotov)

Zitiert nach Stefan Scheil, „1940/41 Die Eskalation des Zweiten Weltkriegs“, S. 8

Valjean72

22. Juni 2021 15:01

@RMH:

Aber dann wäre eine Kriegseskalation, wie später geschehen, ausgeblieben.

Und das ist der springende Punkt: diese Eskalation sollte eben nicht ausbleiben.

Als Deutschland Polen angriff, erklärten sowohl Frankreich als auch Großbritannien Deutschland sogleich den Krieg. Als zwei Wochen später die Rote Armee in Ostpolen einmarschierte, erfolgte keine Kriegserklärung Frankreichs und Großbritanniens an die UdSSR. Weshalb nicht?

Nach dem Kriege durfte Stalin die polnische Osthälfte behalten und das gesamte "Neu-Polen" wurde kurzerhand der sowjetischen Hemisphäre zugeordnet.

Die vor dem Krieg von den Westalliierten eingegangenen Beistandsverpflichtungen in Bezug auf Polen waren im Kern weniger pro-polnisch, sondern in erster Linie anti-deutsch.

Es ging den West-Alliierten nie um Polen, dieses wurde mE gezielt gegen Deutschland in Stellung gebracht und hernach eiskalt geopfert.

Durch die Zerschlagung Polens entfiel dieser Staat als Puffer zwischen dem Reich und der UdSSR, zudem wurde der Roten Armee eine signifikative Frontlinie mit Deutschland eingeräumt.

 

 

Elvis Pressluft

22. Juni 2021 15:12

Ich befürchte, was Gaulands Gerede motivierte, geistert auch hier wieder durch Kommentare: die Halluzination eines „Verbündeten“ Putin. Derselbe sucht ebensowenig Verbündete oder „Partner“, wie Stalin es tat. Wer ihm nicht an Kraft und Brutalität ebenbürtig ist, eignet sich nur zum Vasallen. In welche Kategorie die BRD (mit der AfD im Kanzleramt? oder doch eher Laschet?) fallen würde, dürfte auf der Hand liegen. Die Neigung gewisser Teile der Rechten, mit einer Art Ostpolitik zu kokettieren, ist bestenfalls (solange nicht in Aktion umsetzbar) eine harmlose Grille, eher schon ein böser Wahn.

Sandstein

22. Juni 2021 15:23

An die Kritiker:

..der Krieg war ideologisch getrieben, hätten die richtigen Militärs und nicht die NSDAP-Klumpfuß-Bonzen entschieden wäre der Krieg eventuell anders verlaufen. 
Die Generalität wollte auf Moskau, Hitler mit drei Stosskeilen alles auf einmal. Stalingrad hat ihn besonders gereizt, offensichtlich wieso. 
 

Die NSDAP-Führung war militärisch völlig unbewandert, Projekte wie der Maus Panzer und die schwachsinnige Breitenrüstung sind nur zwei von unendlich vielen Punkten. Da waren die achso -doofen Russen deutlich cleverer! 

Ps: Dünkirchen, Operation Seelöwe. Alles AHs Ängsten und Hoffnungen zuzuschreiben. 
Ebenso wie die Erfolge meist auf resoluter Befehlsverweigerung (Rommel) beruhten. Wer das nicht sieht...

Gustav

22. Juni 2021 15:26

Mein Gott, wir reden hier über ein Sowjetrussland, das bis zum Zeitpunkt des Angriffs sein eigenes Volk versklavte und ermordete, seine Nachbarvölker mit Krieg und Annexionen (Finnland, Baltikum) überzog, dem Rest der Welt mit der "Weltrevolution" drohte, also ein durch und durch verbrecherisches Regime verkörperte. Die ganze restliche Welt hätte Grund dazu gehabt, es zu bekriegen.

Aber nein, Roosevelt erkennt es 1933 auch noch sofort bedingungslos an, liefert im Krieg Waffen wie doof, und am Ende befindet sich der gesamte Osten unter kommunischter Knute.

Und hier wird über für und wider gestritten, als ginge es um Pizza Salami oder Pizza Fungi..

 

Niekisch

22. Juni 2021 16:04

Da noch all zu viele Archive geschlossen und Güterzüge voller Dokumente verschwunden, ganze Fälscherfabriken die Tatsachen umgemünzt haben, beschränke ich mich darauf , meines in oder bei Stalingrad vermissten Onkels Willy, Angehöriger des Klever Infanterieregiments, in dieser Stunde zu gedenken. Guten Glaubens zog er zur Wolga, um sein Deutschland und ganz Europa zu beschützen. Auch und gerade Herr Gauland hat kein Recht, sein Andenken zu beschmutzen.

kikl

22. Juni 2021 16:10

Bernd Schwipper: "Deutschland im Visier Stalins" ist auch meiner Meinung nach die fundierteste Studie über die Präventivkrieg-Theorie.

Der große Vorteil an dem Buch ist, dass hier ein General die Pläne der Sowjetunion analysiert. Über die Dislozierung und Konzentration von Truppen kann man - so habe ich es gelernt - ganz klar die Absichten des Gegners erkennen. Wieso, weshalb, warum, bitte nachlesen.

Weiterer Vorteil: Das Buch beruht im wesentlichen auf sowjetischen Dokumenten, die Schwipper in den sowjetischen Archiven aufgedeckt hat.

Es erscheint aber ein gewisser Trend in der Mainstream-Geschichtsschreibung nun einzusetzen. Weil die militärischen Angriffsbemühungen der UDSSR im Frühjahr 1941wohl nicht mehr zu leugnen sind, wird jetzt ausgehend von dem Dogma der sowjetischen Unschuld versucht sie umzuinterpretieren. "Angriff ist die beste Verteidigung" und Stalin habe seinerseits einen Präventivkrieg gegen Deutschland geplant, ist die letzte Stellung in einem aussichtslosen Rückzugsgefecht.

Wenn es wirklich Forschungs- und Meinungsfreiheit in Deutschland gäbe, dann würde wir darüber längst nicht mehr diskutieren. 

Wer die Präventivkriegtheorie vertritt, ist auch kein "Apologet" Hitlers sondern schlicht ein Apologet der historischen Wahrheit. Auch werden damit nicht Kriegsverbrechen der Wehrmacht legitimiert. Das Jus ad bellum und das Jus in Bello sind immer noch zwei Paar Schuhe.

RMH

22. Juni 2021 16:17

@Der_Juergen,

Hitlers dokumentierte England Bewunderung und sein den Kriegserfolg-Verschenken bei Dünkirchen zu Gunsten des Empire (Flug von Hess?) sprechen klar gegen die These des russischen Autors.

@Valjean,

Wenn man Orwells "Mein Katalonien" liest, erhellen sich die Seltsamkeiten im Zusammenspiel von Hitler-Stalin Pakt und dem Zusammenkommen von Fr., UK und UdSSR.

Klar, auf den Seiten der WK 1 Alliierten war man schon lange auf der Linie ceterum censeo Germaniam esse delandam ... (die USA übrigens mal wieder Anfangs am wenigsten) hat man auch gnadenlos umgesetzt und Hitler war der Stier, den man am Nasenring durch die Manege gezogen hat bzw. der, der in einen Honigtopf nach dem anderen willig getappt ist.

Laurenz

22. Juni 2021 16:20

(1)

Die Putin'sche Sicht auf die Geschichte des 20. Jhdts läßt sich nur verstehen, wenn man sich in die Lage des führenden russischen Politikers hineinversetzt. Putin ist mutmaßlich der Meinung, daß die Russen keinen Schuldkult aushalten würden, der vielleicht sogar angemessen wäre, sondern, daß die Russen auch kein 100%iges Versagen der Sowjetunion als Weltmacht ertragen würden, was in der Tat einer tatsächlichen Wahrheit entsprechen würde. Die Sowjetunion hat bis auf den Sport, von den Deutschen eroberte Raketen- & Nukleartechnik, in der Folge Sputnik/Juri Gagarin & zuletzt dem Sieg im Großen Vaterländischen Krieg, nichts vorzuweisen. Wenn man dann noch weiter denkt & den Russen erklären würde, daß sie um ihre Unfreiheit kämpften, um weiterhin für 45 Jahre hinter dem eisernen Vorhang eingesperrt zu sein, würde dieses eine tiefe Depression bedeuten, etwas, von dem Putin wohl glaubt, daß dies Rußland als Föderation nicht überleben würde.

Denn die Frage unter welchem Diktator, Stalin oder Hitler, die Russen besser gelebt hätten, stellt sich doch erst gar nicht, wenn man die 6 Friedensjahre des Nationalsozialismus & das deutsche Nachkriegs-Wirtschaftswunder betrachtet. Das weiß eigentlich jeder, natürlich auch ein Putin.

Laurenz

22. Juni 2021 16:52

(2)

Gauland ist wohl der Meinung, daß es keinen Sinn macht, diesen schwer zu regierenden russischen Staat weiter zu schwächen, im Gegenteil, daß wir zukünftig ein starkes Rußland brauchen, um jemals die Chance auf mehr eigene Souveränität in irgendeiner Zukunft zu wahren. Vermutlich hat Er deswegen diese zweifelhafte Rede im Reichstag gehalten. Was Gauland zugute zu halten ist, er denkt & spricht über Seinen eigenen Tod hinaus, das ist eines Politikers würdig.

Jetzt kann man natürlich alle politische Diplomatie in den Wind schießen & Recht behalten wollen, wie Scheil es zu tun pflegt, da wir auch unsere eigene Volkspsyche im Auge behalten müssen, um die es nicht wirklich gut bestellt ist. Im Verhältnis zur Gauland-Rede ist dies quasi eine politisch historische Wette, wie wir mittelfristig, mit Blick auf die nächsten 20-30 Jahre, eine bessere Überlebenschance generieren. Beantworten kann diese Wette aktuell niemand. Die Wette ist die nächsten 10 Jahren nicht einzulösen.

Man muß die Sicht der Dinge Scheils, Irvings oder Schultze-Rohnhofs nicht (im Detail) teilen. Allerdings was unsere Hofhistoriker Scheil in Seiner Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Stefan_Scheil

als Revisionisten vorwerfen, ist qualitativ & fachlich einfach jämmerlich, eher beklagenswert, auf welchem unterirdischen Niveau wir uns in einer sozialistisch geführten Bananenrepublik hier imaginär bewegen.

deutscheridentitaerer

22. Juni 2021 17:08

@MikeForester

Danke für den Lektüretipp, das klingt auf jedenfall interessant. Mein Problem mit Scheil liegt darin, dass er hauptsächlich herausarbeitet, dass Stalin vor hatte zum günstigsten Zeitpunkt Deutschland anzugreifen. Das ist aber wohl im Großen und Ganzen eh unstrittig. Man kann dann schon sagen, dass die Ausschaltung einer solchen Partei ein Präventivschlag ist. Aber meinem Verständnis nach setzt ein Präventivschlag einen unmittelbar bevorstehenden Angriff und nicht nur eine latente Drohung voraus. Und ob es diesen unmittelbar bevorstehenden Angriff nun gab, bleibt bei Scheil unklar, da er zwar die üblichen Indizien wie eine offensive Dislozierung der Roten Armee oder Stalins Ansprache an die Offizierschüler anbringt, die aber keinen absoluten Beweiswert liefern.

@Sandstein

Niemand hier schreibt was gegen Russen oder für Hitler, insofern verstehe ich die Zielrichtung Ihres Kommentars nicht. Ich weise aber daraufhin, dass das Bild von Hitler als Ursache allen Misserfolgs ein bequemes, in der Nachkriegszeit von den Generälen gesponnenes Narrativ war, das so nicht stimmt. Das würde hier zu weit vom Thema führen, ist aber grundsätzlich ein interessantes Thema. Heute ist auch die populär vermittelte Geschichtsschreibung jedenfalls längst von diesen Thesen abgerückt.

Ein gebuertiger Hesse

22. Juni 2021 17:42

@ Niekisch

Wenn unsere lieben Verblichenen, wo immer sie auch sein mögen, mal wieder einen Grund haben sollten, lächelnd in unsere Richtung zu schauen und vielleicht zu denken, daß eben doch nicht alles umsonst war, dann, wenn sie auf die von Ihnen vorgelebte Weise erinnert werden.

 

Kriemhild

22. Juni 2021 17:57

Ist das Unternehmen Barbarossa überhaupt ein Thema, zu dem sich Konservative und Rechte zu verhalten haben? Die Gründe, warum die post-68er-Linke die Deutschen als gescheitertes Volk ansieht und Deutschland vertilgen will, liegen nicht hier. Wer genau hinhört, weiß: den Angriff auf die Sowjetunion wirft man dem NS gar nicht so sehr vor ... Im Gegenteil: die US-treuen Grünen hätten wahrscheinlich nichts dagegen einzuwenden, das Reich des Bösen von Putin und Lukaschenko mit Krieg zu überziehen und zusammen mit der angelsächsischen Weltmacht auf den Spuren Napoleons/Hitlers zu wandeln ("Freiheit das Ziel, Sieg das Panier") ... Zumal Russland seit jeher Feindbild Nr. 1 des Maoismus gewesen ist, aus dem die westlichen Kulturrevolutionäre hervorgegangen sind ...  

Marc_Aurel

22. Juni 2021 18:25

@Elvis Pressluft
Sie wollen doch nicht ernsthaft Putin mit Stalin gleichsetzen...oder doch? In der Neigung gewisser Teile der Rechten, häufig die transatl. Wahrheitspresse zu konsumieren, inkl. der täglichen „Putin hat...“-Schlagzeile, offensichtlich ohne über die dafür nötige kritische Distanz zu verfügen, sehe ich den wesentlich bedrohlicheren Wahn. Das die alten Ostkämpfer nach dem Krieg antisowj. Ressentiments anhingen und sich so leicht in stramme kalte Krieger verwandeln ließen, ist verständlich, aber was wollen Sie mit einer solchen Haltung heute, gefangen zwischen den Stühlen? Für die Eliten hintern Teich ein ungeliebter Hiwi, vielleicht gut genug als Kanonfutter, als Malocher und als Zahlmeister, aber nie als gleichwertig angesehen und obendrauf noch freigegeben zur Umvolkung, der sich aus den falschen Gründen selbst isoliert gegen Fraktionen, die ihm zumindest tendenziell eher wohlgesonnen sind. Es gab wohl selten ein so deutschfreundliches Staatsoberhaupt in Russland...es gibt dort insgesamt viel Bewunderung für die deutsche Kultur und es ist eine Tragödie, das diese Chance von Deutschland momentan nicht genutzt werden kann, um die Beziehungen nach Osten zu verbessern, weil die Lakaien Washingtons, die hier regieren, natürlich kein Interesse daran haben (dürfen). Die Gefahr, das wir selbst bei enger Kooperation mit Russland von selbigem vereinnahmt werden, sehe ich nicht, erst recht nicht in der Art, wie uns die USA vereinnahmen, dominieren und umerziehen wollen.

MikeForester

22. Juni 2021 18:45

@deutscheridentitaerer

Die Indizien, auf die Dr. Scheil nur verweisen kann, werden durch Schwipper in zahlreichen Kapiteln nach wissenschaftlicher Methode mit Beweisen untermauert. Auch er kann freilich kein definitives Datum sagen; wer kann das schon bei einer rollenden Mobilisierung, wie sie in der UdSSR (und weiland schon im Rußland von WK I, bedingt durch die Größe des Landes) stattfand.

Schwipper erörtert die Operationspläne seit der großen Säuberung der Roten Armee 1937. Bereits in jenem Frühjahr 1941 kann -- und das stellt Schwipper auf Kartenmaterial dar -- nicht mehr nur von einer "latenten Bedrohung" die Rede sein. Wenn im Sommer 1940 bereits 7 mechanisierte Korps zwischen Baltikum und Schwarzem Meer ihre Bereitstellungsräume beziehen und 4 davon mehr oder weniger unmittelbar an der Demarkation zum Generalgouvernement und südlichem Ostpreußen konzentriert werden, muß man sich über konkrete Angriffsabsichten seines Gegenübers Sorgen machen. Wenn Abt. FHO im Verlauf des Jahres 1940 auch nur die Hälfte dieser 7 (+1 in Moskau) Korps nachrichtendienstlich ggü. OKW/WFSt. bestätigen konnte, mußte man sowohl im Bendlerblock als auch in der Reichskanzlei Maßnahmen unternehmen.

All diese militärischen und volkswirtschaftlichen Fakten bzgl. Mobilisierung und Bereitstellung trägt Schwipper zusammen. Ein sehr trockener Stoff. Wir reden hier nicht über erzählende Geschichtsschreibung, sondern um eine kompromißlose militärwissenschaftliche Arbeit.

Valjean72

22. Juni 2021 19:04

@RMH:

Ich würde es nicht mit "Honigtopf" umschreiben, denn der Leidensdruck der Deutschen in der Tschechoslowakei und in Polen war real und spitzte sich gerade in Polen im Sommer 1939 zu.

„Illoyale und staatsfeindliche“ Deutsche werden zu Tausenden nach Innerpolen transportiert und in Lagern konzentriert. Polnische Betriebe entlassen massenweise Arbeiter mit deutscher Muttersprache [...]

Im Juli und August setzt eine Flüchtlingswelle von „Volksdeutschen“ nach Deutschland ein, die sich, wie kurz vor dem Bau der Mauer 1961 in Berlin, von Tag zu Tag verstärkt. Am 17. August zählt man inzwischen über 76.000 Flüchtlinge an den polnisch-deutschen Grenzen und weitere 18.000 auf Danziger Gebiet.

(Quelle: G. Schultze-Rhonhof: „1939 – Der Krieg der viele Väter hatte“, S.417)

Es erhöhte sich in Deutschland zunehmend der Druck der Öffentlichkeit, diesem polnischen Vorgehen nicht tatenlos zuzusehen.

 

Brandolf

22. Juni 2021 19:41

Die Im Zuge des sogenannten Großen Terrors erfolgte Säuberung des Militärs, bei welcher beinahe die gesamte Führungsebene physisch liquidiert wurde; die enge Kooperation der UdSSR unter Lenin und später Stalin mit dem demokratischen Deutschland in den 19020er Jahren auf wirtschaftlichem und militärischem Gebiet und die imperiale, revanchistische oder irredentistische Motivation der Aggressionen der UdSSR gegen Finnland, Rumänien, Polen und die Baltenländer (sowie zuvor in den 1929 und 1934 gegen China) sprechen ebenfalls dagegen.

Ich bevorzuge die Theorie von der Verantwortung der USA und Großbritanniens für beide Weltkriege.

Die Übernahme der von mir genannten Theorie wäre für uns Deutsche und Österreicher bei Verwindung der durch den Schuldkult geprägten Mentalität von Vorteil, weil die - wie der Politologe und Ökonom Guido Preparata zutreffend vermutet - vorsätzliche Darstellung Adolf Hitlers als ultimativer Inkarnation des Bösen durch Erkenntnis der Tatsache, dass dieser unwissentlich eine Marionette der angelsächsischen Machteliten gewesen war (und dies erst in später Einsicht erkannte), radikal in Frage gestellt, nachhaltig erschüttert und womöglich endgültig verunmöglicht werden könnte.

Hier sind zwei interessante Artikel eines freien Mediums über die besagte Theorie:

https://www.rubikon.news/artikel/hitlers-helfer

https://www.rubikon.news/artikel/hitlers-helfer-2

Brandolf

22. Juni 2021 20:18

Fragt Ihr euch nicht alle auch, warum die Slowakei nie als dritter Aggressor bei Diskussionen über den Beginn des Zweiten Weltkrieges bzw. den Überfall auf Polen erwähnt wird?

Selbst im von der derzeitigen PiS-Regierung Polens geschaffenen opfermythologisch fundamentierten Verständnis der Geschichte des Zweiten Weltkrieges bleibt die Slowakei völlig unberücksichtigt!

Polen war eigentlich Opfer von gleich drei angreifenden Staaten.

 

 

 

Brandolf

22. Juni 2021 20:24

Marc_Aurel

Deutschland würde eher im Falle einer Kooperation mit China als im Falle einer Zusammenarbeit mit Russland zu einem Klientelstaat degradiert werden.

Die Regionalmacht Großbritannien behandelt unser Land allerdings ebenfalls wie einen Klientelstaat! Falls Sie die Aktivitäten des MI6 in Deutschland im Kontext der sogenannten Integrity Initiative analysiert haben, wissen Sie wovon spreche.

 

Elvis Pressluft

22. Juni 2021 21:06

@Marc_Aurel

Putin ist ein Killer, und er respektiert nur den ebenbürtigen Killer; alles andere ist Gewäsch; damit kann man keine Politik machen wollen. Ohne entsprechende (zumindest „defensive“) Bewaffnung würde ich auch keine „Shisha-Bar“ betreten – und Sie? – Abgesehen davon unterlasse ich es, mich selbst zum Thema Vertreibung (pp.) zu zitieren. Vielleicht respektieren Sie, daß man mit diesem familiären Hintergrund lieber „zwischen den Stühlen“ verbleibt, anstatt sich mit östlichen Potentaten solidarisieren zu wollen. Wir entfernen uns vom ursprünglichen Thema (sowas kommt vor …), aber der derzeitige Topos „EM-Stadion in Regenbogenfarben“ konzentriert das alles auf seltsame Weise: Ich will menschenwürdige, d.h. hier – im linken Jargon – „homophobe“ Politik in (Rest-) Deutschland; ich will nicht nach Budapest oder Moskau blicken müssen, um Elemente davon anzutreffen. Weil das nicht kapiert wird, bin ich bspw. auch mit „compact“ durch (Ausnahme: das Corona-Extrablatt, das hier beworben wurde, allerdings wesentlich Bekanntes enthielt).

OttoS

22. Juni 2021 21:56

Die Frage ob Stalin angegriffen hätte, kann heute leicht nachvollzogen werden. Eine andere Frage ist es, ob Hitler und die Wehrmacht davon ausging dass die Su angreifen würde. Kann ebenfalls aus deutschen Dokumenten erschlossen werden. Nachrichtendienstliches Material usw. Man kann sehr genau nachvollziehen wie Entscheidungen getroffen wurden.

Ich würde schon gerne wissen wem und warum wird Deutsche es zu verdanken haben, in einen Zweifrontenkrieg verwickelt worden zu sein, völlig zerstört mit Millionen Toten. Und dann letztlich völlig umgevolkt wurden. Was z. B. Haushofer vorhergesagt hatte. Angenommen es war kein Präventivkrieg. Warum zum Teufel sollte das deutsche Volk die Verantwortung für Hitlers Entscheidungen tragen? Hätte man im Hinblick auf das Resultat nicht eher gewissen Leuten dafür die Haut bei lebendigem Leib herunter ziehen müssen? 

RMH

22. Juni 2021 22:14

@E-Pressluft,

da sich Gaulands Rede - übertrieben formuliert - fast wie eine Bewerbung um Unterstützung aus Moskau anhört, liegt es auf der Hand, dass auch das gegenwärtige Verhältnis zu Russland Eingang in die Diskussion findet.

Als direkter Abkömmling von Vertriebenen sehe ich die Sache zwar durchaus differenziert (O-Ton meiner Oma: Die Tschechen waren schlimmer ...), dennoch kann ich die Sehnsucht einiger nach einer Anlehnung an Russland nicht teilen und damit auch Gaulands Rede, die auch dem Druck der VS-Beobachtung den Wind aus den Segeln zu nehmen versucht, nicht nachvollziehen.

Gauland ist Jahrgang 41, hat den Krieg noch als Kleinkind erlebt und ist mit den Generationen der Kriegsteilnehmer und der deutschen Opfer groß geworden. Dass gerade so jemand sich so einseitig positioniert und komplett die Greuel der Sowjettruppen und ihrer Auxiliaren wegen des Tag des "Überfalls" ausblendet, kann man nur als VS-Beobachtungs- induzierten Gang nach Canossa wegen seines "Vogelschisses" erklären, nur dass in Gaulands Canossa nicht Pabst Gregor der VII residiert, sondern Haldenwang als bad cop und Putin als (vermeintlicher) good cop. 

PS: Für Steinmeier kann man sich hingegen noch nicht einmal mehr fremdschämen.

Der_Juergen

22. Juni 2021 23:01

@Marc Aurel (18.25)  @Pressluft (21.06)

Als russlandfreundlicher deutscher (nicht passdeutscher) Nationalist möchte ich mich zu Ihren Ausführungen äussern. Ganz naiv ist Presslufts "Putin ist ein Killer". Was soll das? Wen hat er gekillt? Nemtsov, dessen Tod ihm tausendmal mehr Ärger einbrachte, als er daraus eventuell Nutzen hätte ziehen können? Skripal (der vier Jahre lang in einem russischen Gefängnis hockte und den man tausendmal hätte liquidieren können) und Nowalny hat Putin bestimmt nicht gekillt, denn die haben die (offenbar unglaublich stümperhaft durchgeführten) Anschläge der "russichen Mordkommandos" ja überlebt...

Doch angenommen, Putin habe Nemtsov umbringen lassen, und die Anschläge auf Nawalny und Skripal hätten tatsächlich stattgefunden und wären erfolgreich gewesen. Na und? Mir wäre das völlig egal, wenn eine fruchtbare deutsch-russische Kooperation und damit eine Befreiung Deutschlands von US-Joch möglich wäre. Hat ein Regime wie das heute in der BRD regierende, das sein eigenes Land in ein gigantisches Gefängnis verwandelt, irgendein Recht, andere Staaten wegen "Menschenrechtsverletzungen" zu kritisieren?

Der_Juergen

22. Juni 2021 23:10

2. Teil

Dass ich Putin gegen die heuchlerischen Vorwürfe aus dem Westen verteidige und Russland bei seiner Konfrontation mit der Nato unterstütze, ist nicht mit einer Pro-Putin-Haltung zu verwechseln. Ich vertraue Putin spätestens seit Anfang 2020 in keiner Hinsicht mehr. Sein Regime ist ein Bestandteil der NWO; es geht ihm nur darum, für Russland, bzw. die ausbeuterische russische Führungsclique (die ethnisch grossenteils aus Nichtslawen besteht) einen möglichst grossen Teil vom Kuchen zu sichern. Er lässt es zu, dass örtliche Machthaber a la Sobjanin die Menschen mit Coronaterror quälen, lässt blutsaugende Oligarchen das Volk auch weiterhin ausbeuten, duldet Korruption unvorstellbaren Ausmasses und sieht zu, wie Millionen und Abermillionen Russen in immer tiefere Armut versinken. Von der dreisten Geschichtsfälschung im Zusammenhang mit dem 2. Weltkrieg und insbesondere dem 22. Juni 1941 ganz zu schweigen.

Fips

22. Juni 2021 23:11

Wenn hier Gauland kritisiert wird, sollte man nicht vergessen, wer hinter ihm steht bzw. für ihn die Reden schreibt- Michael Klonovky. Und dieser sieht sich nicht nur als die Stimme seines Herrn, sondern als das Hirn. Als er vom Focus zur Afd und Petry wechselte, verkündete er in einem Interview mit der TAZ: " Ich stelle ihr und der AfD gewissermaßen meinen Kopf zur Verfügung. Im angelsächsischen Raum gibt es für das, was ich tun soll, die Bezeichnung Spin Doctor. Alles Weitere wird sich ergeben."

Andreas Walter

22. Juni 2021 23:53

Mir scheint diese Erklärung bisher am plausibelsten:

https://www.rferl.org/a/did-us-lend-lease-aid-tip-the-balance-in-soviet-fight-against-nazi-germany/30599486.html

https://en.wikipedia.org/wiki/Lend-Lease

Habe auch schon öfters gelesen, dass der Ostfeldzug schlecht vorbereitet gewesen sein soll, was auch auf eine überhastete Aktion schließen lässt.

Die Idee dahinter war wohl Blitzschlag versus Wettrüsten, denn letzteres hätte Deutschland gegen die Sowjetunion mit auch noch Hilfe der Alliierten niemals gewinnen können.

Barbarossa war eine Verzweiflungstat, die auch den Deutschen so aber nicht verkauft wurde. Schon der Hitler-Stalin-Pakt war ja ein Kompromiss, weil die Engländer nicht zu einem Friedensvertrag bereit waren.

Götz Kubitschek

23. Juni 2021 07:55

feierabend!

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