Sammelstelle für Gedrucktes (23)

Zum Spiel des bundesdeutschen Teams gegen die ungarische Nationalmannschaft wird hier kaum etwas beigetragen.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Die Poli­ti­sie­rung des Spie­les, die Ver­höh­nung der unga­ri­schen Fans durch BRD-Sport­jour­na­lis­ten, die LGTBQ-Pro­pa­gan­da, die Dau­er­be­schal­lung in Print­pres­se, Radio, Inter­net und TV – man will dazu nichts schreiben.

Und wer sich für das unglück­li­che Aus der unga­ri­schen Mann­schaft und das frap­pie­rend ideen- wie lust­lo­se Geki­cke von Goretz­ka, Sané und Co. an sich inter­es­siert, wird hier fün­dig – ohne belehrt, indok­tri­niert, genervt zu werden.

Vik­tor Orbán dürf­te trotz des star­ken Spiels der eige­nen Natio­nal­mann­schaft nicht mit sei­ner Ent­schei­dung hadern, auf die Rei­se nach Mün­chen ver­zich­tet zu haben. Er wur­de mas­sen­me­di­al zur Per­so­na non gra­ta sti­li­siert, weil er gesetz­lich (und grund­ge­setz­lich) die Kern­fa­mi­lie als bewah­rens­wer­te Insti­tu­ti­on einer Gemein­schaft begreift.

Daß vie­les, was man Orbán unter­schiebt, vor­wirft und ankrei­det rei­nen Pro­jek­tio­nen des west­le­ri­schen Links­li­be­ra­lis­mus ent­spricht – geschenkt. Daß man vie­les an Orbán kri­ti­sie­ren könn­te – an die­ser Stel­le nicht wei­ter relevant.

Das Bemer­kens­wer­te ist indes, daß Orbán nicht ein­fach »nur« unga­ri­scher Minis­ter­prä­si­dent ist, son­dern zur Chif­fre wur­de; zur Chif­fre für einen mehr­heit­lich belieb­ten mit­tel­eu­ro­päi­schen Lan­des­va­ter einer klei­nen Nati­on, der in den Diver­si­ty- und Mul­ti­kul­ti-Chor der ver­ei­nig­ten lin­ken Mit­te nicht ein­stim­men will und sich der west­li­chen Domi­nanz nicht ohne wei­te­res in jeder Detail­fra­ge sub­or­di­nie­ren möchte.

Jetzt hat, glaubt man der NZZ (v. 21.6.2021), auch ein Nach­bar­land Ungarns einen »Orbán«. Jeden­falls über­ti­telt man Vol­ker Pabsts Bericht aus Ljub­l­ja­na mit »Slo­we­ni­en begehrt gegen sei­nen ‘Orban’ auf«. Was ist pas­siert? Eine Volks­er­he­bung gegen einen unde­mo­kra­tisch an die Macht gelang­ten Tyrannen?

Nein. Aber, so erfährt man bereits in der Aus­gangs­the­se tendenziös:

Unter Janez Jan­sa schlägt das Land einen rechts­staat­lich bedenk­li­chen Kurs ein – in der Zivil­ge­sell­schaft regt sich Widerstand.

Nun weiß man am bes­ten in der Bun­des­re­pu­blik, daß man über­all dort, wo von einer sich regen­den und weh­ren­den »Zivil­ge­sell­schaft« phan­tas­tiert wird, schleu­nigst Abstand gewin­nen soll­te; das Elend des hyper­mo­ra­li­schen, sat­ten, ali­men­tier­ten Geflechts aus links­ra­di­ka­len, links­li­be­ra­len und libe­ra­len Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen (NGOs), die gar nicht mal so regie­rungs­fern erschei­nen, darf als bekannt vor­aus­ge­setzt werden.

Selbst ein pro­non­ciert lin­ker Autor wie Wolf Wet­zel kommt ob die­ser vor­geb­lich regie­rungs­fer­nen Zivil­ge­sell­schaft nicht umhin, von einem »Begleit­schutz der Gro­ßen Koali­ti­on« zu spre­chen. Wet­zel äußert die­se zutref­fen­de Kri­tik in bezug auf die Coro­na­kri­sen­po­li­tik der Zivil­ge­sell­schaft; frei­lich kann – muß – man das Feld aber erweitern.

Slo­we­ni­en also, slo­we­ni­scher Orbán, slo­we­ni­sche Zivilgesellschaft.

Jede Woche ver­sam­meln sich in der slo­we­ni­schen Haupt­stadt Regie­rungs­geg­ner, um gegen Minis­ter­prä­si­dent Janez Jan­sa zu demons­trie­ren. Der Ort und die Teil­neh­mer­zahl vari­ie­ren, eben­so der the­ma­ti­sche Schwerpunkt.

Wären die Regie­rungs­geg­ner nicht links­li­be­ral, dürf­te bei der­lei Indif­fe­renz das Attri­but »dif­fus« wohl nicht feh­len. Links­li­be­ral ist dabei kei­ne Unter­stel­lung; der Auf­hän­ger der Pro­tes­te ist ein genu­in links­li­be­ra­ler Tra­di­ti­ons­ver­ein, das Radio Stu­dent, das aus der nicht­au­to­ri­tär-lin­ken Stu­den­ten­be­we­gung der spä­ten 1960er Jah­re hervorging.

Es geht, ganz bun­des­deutsch-zivil­ge­sell­schaft­lich, ums Geld.

Ver­gan­ge­ne Woche stand die Ein­stel­lung der staat­li­chen Finan­zie­rung für den tra­di­ti­ons­rei­chen Sen­der Radio Stu­dent im Mit­tel­punkt. 14 Tage davor hat­te eine gros­se Men­ge Jan­sas Rück­tritt und vor­ge­zo­ge­ne Neu­wah­len gefor­dert. Die­ser «All­slo­we­ni­sche Auf­stand» war die bis­her gröss­te Kund­ge­bung, eini­ge Akti­vis­ten spre­chen von meh­re­ren zehn­tau­send Teil­neh­mern. Ljub­l­ja­na hat 300 000 Ein­woh­ner, im gan­zen Land leben knapp 2 Mil­lio­nen Menschen.

Wenn »eini­ge Akti­vis­ten« von »meh­re­ren zehn­tau­send Teil­neh­mern« spre­chen, weiß der Onfray-geschul­te Leser: Es dürf­ten weni­ger als zehn­tau­send Teil­neh­mer gewe­sen sein. Auch dies: geschenkt. Wie in Ungarn geht es bei den Demos um den gewähl­ten Landeschef:

Der Rechts­po­pu­list Jan­sa, der nach dem Sturz der Vor­gän­ger­re­gie­rung vor einem Jahr zum drit­ten Mal zum slo­we­ni­schen Minis­ter­prä­si­den­ten gewählt wur­de, ist seit Jahr­zehn­ten eine Reiz­fi­gur lin­ker und libe­ra­ler Krei­se. Dafür tra­gen bei­de Sei­ten Ver­ant­wor­tung. Ideo­lo­gi­sche Gra­ben­kämp­fe sind in dem Land, des­sen star­ke gesell­schaft­li­che Pola­ri­sie­rung bis auf den Zwei­ten Welt­krieg zurück­geht, an der Tagesordnung.

Da ist er seit Jahr­zehn­ten Reiz­fi­gur für die gute Sei­te – und wird den­noch immer wie­der gewählt. Die­se Ost­mit­tel­eu­ro­pä­er. Nun muß man dazu wis­sen, daß die Pres­se­land­schaft im beschau­li­chen Slo­we­ni­en zwi­schen Mari­bor, Ljub­l­ja­na und Koper durch­aus west­le­risch geson­nen ist: Die frü­he EU- und NATO-Inte­gra­ti­on (2004), die Über­nah­me des Euro als Wäh­rung (2007; wohin­ge­gen das benach­bar­te Kroa­ti­en 2021 immer noch mit Kuna bezahlt), die West­bin­dung – nichts davon wird sei­tens der gro­ßen Medi­en hinterfragt.

Jan­sa ist auf die­sen Kern­fel­dern im übri­gen eini­ger­ma­ßen vor­sich­tig – nur schert er gele­gent­lich aus, wenn es um Coro­na­maß­nah­men, per­so­nel­le Kon­ti­nui­tä­ten lin­ker Seil­schaf­ten und ein­sei­ti­ge För­de­rung links­of­fe­ner Medi­en­an­stal­ten geht.

In der NZZ erläu­tert man das dann so:

Janez Jan­sa pole­mi­siert in trump­scher Manier gegen die Medi­en des Lan­des. Nicht alle Not­ver­ord­nun­gen der Regie­rung, die unmit­tel­bar vor dem Aus­bruch der Pan­de­mie an die Macht kam, las­sen sich epi­de­mio­lo­gisch begrün­den. In vie­len öffent­li­chen Insti­tu­tio­nen und staats­na­hen Betrie­ben fand zudem nach dem Regie­rungs­wech­sel ein radi­ka­ler Per­so­nal­wech­sel statt.

Und kürz­lich berich­te­ten hoch­ran­gi­ge Ver­tre­ter von Ver­fas­sungs­ge­richt und Rech­nungs­hof von wach­sen­dem Druck auf ihre Insti­tu­tio­nen. Mit Blick auf das Nach­bar­land Ungarn macht das Schlag­wort der «Orba­ni­sie­rung» die Run­de. Der unga­ri­sche Regie­rungs­chef ist ein enger Ver­bün­de­ter von Janez Jansa.

Orbán – hier in der Rol­le einer Bil­lard­ku­gel, um einen Kol­le­gen zu des­avou­ie­ren, der allem Anschein nach mit einem Eti­kett zu ver­se­hen ist. Wie Orbán agie­re Jan­sa gegen exter­ne Play­er, was Freun­de der­sel­bi­gen in die Lar­moy­anz zu trei­ben scheint:

«Frü­her haben wir Kam­pa­gnen­ar­beit gemacht», erklärt Maja Cimer­man von der Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on Danes je nov dan. Doch mit die­ser Regie­rung gebe es kei­nen Dia­log. NGO und ihre ver­meint­li­chen Hin­ter­män­ner wie der ame­ri­ka­ni­sche Mil­li­ar­där Geor­ge Soros sind ein bevor­zug­tes Feind­bild von Janez Jansa.

Und so geht es im Arti­kel dann wei­ter. Wes­halb wird plötz­lich dem klei­nen Slo­we­ni­en die­se inter­na­tio­na­le Auf­merk­sam­keit zuteil? Das Land über­nimmt am 1. Juli tur­nus­ge­mäß die EU-Ratspräsidentschaft.

Das allei­ne ist jedoch nicht der Aufhänger:

Die höchs­ten Wel­len schlägt aber Jan­sas Feld­zug gegen die Medi­en. Die slo­we­ni­sche Pres­se­land­schaft, glaubt er, sei noch immer von sozia­lis­ti­schen Krei­sen geprägt, wel­che die Unab­hän­gig­keit des Lan­des unter­grü­ben. Manch­mal geht es auch um Nich­tig­kei­ten. Der Regie­rungs­chef bezeich­ne­te die Nach­rich­ten­agen­tur STA öffent­lich als natio­na­le Schan­de, nach­dem ein Inter­view mit einem regie­rungs­kri­ti­schen Rap­per län­ger aus­ge­fal­len war als der Bericht über sein Tref­fen mit Vik­tor Orban.

Die Links­ten­denz eines rele­van­ten Tei­les der Medi­en­land­schaft zu kri­ti­sie­ren, stößt deren Kol­le­gen im Wes­ten frei­lich auf. Also dort, wo man unga­ri­sche oder rus­si­sche Medi­en als »regie­rungs­nah« titu­liert und zum Teil kenn­zeich­net (mar­kiert), wohin­ge­gen man selbst – man den­ke an das ZDF in der gest­ri­gen Halb­zeit­pau­se des BRD-Spiels gegen Ungarn – offen­kun­dig selbst als regie­rungs­na­hes Bericht­erstat­tungs­or­gan fungiert.

Wie in Deutsch­land und Ungarn ste­hen der­weil in Slo­we­ni­en bald natio­na­le Wah­len an:

Die meis­ten Beob­ach­ter bezwei­feln, dass es Jan­sa erneut gelin­gen wird, eine Regie­rungs­ko­ali­ti­on zu schmie­den. Zur­zeit regiert er ohne par­la­men­ta­ri­sche Mehr­heit, schon im Febru­ar muss­te er sich einem Miss­trau­ens­vo­tum stel­len. Allein kommt sei­ne Slo­we­ni­sche Demo­kra­ti­sche Par­tei nicht über 30 Prozent.

«Macht­ver­hält­nis­se wie in Ungarn wird es hier nicht geben», sagt der «Mladina»-Journalist Bot­te­ri. «Die Fra­ge ist für mich nicht, ob Jan­sa wie­der abge­wählt wird, son­dern, wie viel Scha­den er bis dahin anrichtet.»

Der Scha­den für das slo­we­ni­sche Volk, den Jan­sa ob staat­li­cher Kür­zun­gen für links­of­fe­ne Medi­en ver­ur­sa­chen soll, dürf­te deut­lich gerin­ger sein als jener Scha­den, den links­of­fe­ne Medi­en von Ljub­l­ja­na bis Ber­lin anrich­ten, wenn man sie in ihrem Tun nicht nur bestärkt, son­dern ihnen dar­über hin­aus noch mit erkleck­li­chen Finanz­sprit­zen täti­ge Bei­hil­fe leistet.

(P.S.: Müßig zu erwäh­nen, daß Jan­sa kein »Rechts­po­pu­list« oder gar »Natio­na­list« ist, wie ihm Kri­ti­ker unter­stel­len, son­dern Christ­de­mo­krat der alten Schu­le; daß er in einer Vie­rer­ko­ali­ti­on mit Libe­ra­len, Christ­lich-Kon­ser­va­ti­ven und Pen­sio­nis­ten regiert; daß sich die (poli­tisch mar­gi­na­li­sier­te) Rech­te dem­ge­gen­über in der Oppo­si­ti­on befin­det; daß Jan­sa bereits zwei­mal demo­kra­tisch abge­wählt wor­den ist, um dann erneut Wahl­sie­ger zu wer­den – daß er also wie­der­holt bewies, mit dem urde­mo­kra­ti­schen Pro­ze­de­re der Macht­ab­ga­be bei Nie­der­la­ge ver­traut zu sein.)

– –

Mit Nie­der­la­gen ver­traut zu sein, ist eine Cha­rak­ter­ei­gen­schaft, die man Poli­ti­kern der Links­par­tei jen­seits von Erfurt wohl fort­an abver­lan­gen muß. In Umfra­gen nahe an der Fünf­pro­zent­hür­de, weit ent­fernt vom selbst­ge­steck­ten Ziel der Zwei­stel­lig­keit, tau­melt man vor sich hin, ab und an inter­ne Süpp­chen kochend und aus­löf­felnd, gele­gent­lich auch verschüttend.

In Leip­zig kam es jetzt zu einer erneu­ten Aus­ein­an­der­set­zung inner­halb der lin­ken Samm­lungs­par­tei, weil ein loka­ler Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ter Sah­ra Wagen­knecht für eine Wahl­kampf­ver­an­stal­tung ein­lud, was eine loka­le Land­tags­ab­ge­ord­ne­te zur Weiß­glut trieb.

Wir fin­den es uner­träg­lich, dass Ihr ihr ein sol­ches Podi­um bietet,

schrieb Julia­ne »Jule« Nagel, MdL aus der Mes­se­stadt, ihren Genoss*innen ins Stamm­buch, wie die Leip­zi­ger Volks­zei­tung (v. 21.6.2021) zu berich­ten weiß:

In der par­tei­in­ter­nen E- Mail bit­ten sie dar­um, Wagen­knechts Teil­nah­me noch ein­mal zu über­den­ken. Grund: Sie habe sich „in den ver­gan­ge­nen Wochen gegen die Prin­zi­pi­en unse­rer Par­tei gestellt“ und spie­le die Men­schen „in per­fi­der Manier“ gegen­ein­an­der aus. Nagel und Wagen­knecht sind schon lan­ge kei­ne Par­tei­freun­din­nen mehr. Sie habe, so Nagel schon vor drei Jah­ren über die frü­he­re Bun­des­tags­frak­ti­ons­vor­sit­zen­de, „in einer sozia­lis­ti­schen, frei­heit­li­chen, eman­zi­pa­to­ri­schen Par­tei nichts, gar nichts mehr zu suchen“.

In sozia­len Medi­en fin­det die Kri­tik an Wagen­knechts Teil­nah­me Unter­stüt­zer. Ob Pell­mann denn wis­se, frag­te ein User auf Twit­ter, „wie vie­le Stim­men ihm und sei­ner Par­tei flö­ten gehen, weil der mit der Quer­front-Tan­te Wagen­knecht auftritt?“

In Leip­zig hat nun­mal jene anti­deutsch durch­setz­te »Life­style-Lin­ke«, die Wagen­knecht in ihrem neu­en Buch (Die Selbst­ge­rech­ten) befeh­det, ihren fes­tungs­ähn­li­chen Con­ne­wit­zer Hei­mat­ha­fen. Wer sich dort zu Wagen­knecht bekennt, gilt als Ver­fem­ter, wenn nicht direkt als poten­ti­el­ler Über­gän­ger ins rech­te Lager.

Doch ein­mal mehr wird eine Ein­heit, die kei­ne mehr ist, viel­leicht auch nie­mals eine war, medi­al suggeriert:

Stadt­vor­sit­zen­der Adam Bed­nars­ky habe am Wochen­en­de das Gespräch mit allen Betei­lig­ten gesucht. Zudem wider­sprach Pell­mann der The­se, dass es inner­halb der Lin­ken vie­le Kri­ti­ker von Wagen­knecht gebe. „Viel ist rela­tiv“, sag­te er. „Es sind eher weni­ge, aber die­se sind dann sehr laut.“

Womit wir dann wie­der bei den The­men BRD ver­sus Ungarn sowie laut­star­ken Min­der­hei­ten ange­langt wären.

– –

Doch hier­zu, ich sag­te es ein­lei­tend, wird in die­ser »Sam­mel­stel­le« kaum etwas bei­getra­gen – daher blei­ben wir lie­ber bei der Lin­ken, genau­er gesagt: bei der Life­style-Lin­ken. In der aktu­el­len Aus­ga­be deren Flagg­schiffs, der Jung­le World (v. 24.6.2021), gönnt man sich ein klei­nes Die-Lin­ke-Spe­zi­al, und Sebas­ti­an Wei­er­mann, Jour­na­list aus Wup­per­tal, lei­tet es ein.

Es geht in sei­nem Bei­trag »Poli­tik für Polo-Fah­rer« vor allem um das kli­ma­po­li­ti­sche Teil­pro­gramm, das er so beschreibt:

Die Par­tei for­dert unter ande­rem die kon­se­quen­te Ein­hal­tung des 2015 von 195 Staa­ten unter­zeich­ne­ten Pari­ser Kli­ma­ab­kom­mens, ein kli­ma­neu­tra­les Deutsch­land bis 2035, den Koh­le­aus­stieg bis 2030, die sofor­ti­ge Abschal­tung des Stein­koh­le­kraft­werks Dat­teln 4 in Nord­rhein-West­fa­len und die Ein­füh­rung eines Straf­tat­be­stands »Öko­zid«, also Umwelt­zer­stö­rung. Für Autos mit ­Ver­bren­nungs­mo­tor soll ab 2030 ein Zulas­sungs­ver­bot gel­ten, Kurz­stre­cken­flü­ge sol­len durch Bahn­fahr­ten ersetzt werden.

Soweit, so grün, und wer sich für die­se an Fri­days for Future und der (jun­gen) Kli­ma­be­we­gung ori­en­tier­te Pro­gramm inter­es­siert, fin­det in der genann­ten Aus­ga­be der Jung­le World noch ein Gespräch über die sich ver­än­dern­de Mit­glie­der­struk­tur des »Team fünf Pro­zents« (so heißt es süf­fi­sant auf dem Titelblatt).

Wer sich nicht dafür inter­es­siert, kann der­ar­ti­ge Schwer­punk­te über­ge­hen und zu einer Sache vor­sto­ßen, die auch für die poli­ti­sche Rech­te hoch­bri­sant ist. Es geht näm­lich um poten­ti­el­le Man­dats­räu­ber, und natür­lich denkt man da rechts der Mit­te an das »Team zwan­zig Pro­zent plus« (so die libe­ral-liber­tä­re AfD-Abspal­tung LKR unge­fähr über sich selbst), das nur durch punk­tu­el­le AfD-Zuwäch­se am Leben gehal­ten wird.

Und auch im Hin­blick auf die Bun­des­tags­wahl im Sep­tem­ber 2021 fürch­tet man ja nicht unbe­grün­det, daß der ein oder ande­re AfD-Funk­tio­när »die Petry« oder »die Guth« macht und kurz nach erfolg­ter Pfrün­de­si­che­rung, das heißt unter Bei­be­hal­tung des aus­schließ­lich auf AfD-Ticket erwor­be­nen Man­dats, das Lager wech­selt, weil man schließ­lich immer den kon­ti­nu­ier­li­chen Rechts­ruck, das Radi­ka­le, den Höcke (u. dgl. nach­träg­li­che Begrün­dun­gen mehr) abge­lehnt habe.

Gewiß, die Sor­gen sind nicht der Alter­na­ti­ve vor­be­hal­ten. Auch bei der Links­par­tei ent­zün­det sich immer wie­der der Streit ent­lang der Fra­ge, inwie­weit WASG-Res­te, PDS-Vete­ra­nen, Life­style-Lin­ke, Links­na­tio­nal­staat­ler, Trotz­kis­ten, Anti­deut­sche, Gewerk­schafts­lin­ke usw. über­haupt noch einen kleins­ten gemein­sa­men Nen­ner fin­den kön­nen – oder ob eine Tren­nung nicht rat­sa­mer erschiene:

Wie tief die Sor­ge vor einer Spal­tung ist, zeigt ein Bei­spiel aus Nord­rhein-West­fa­len. Der Kreis­ver­band Wesel ver­schick­te vor weni­gen Wochen eine »Ehren­er­klä­rung« zur Unter­schrift an alle nord­rhein-west­fä­li­schen Kandi­datinnen und Kan­di­da­ten für die Bun­des­tags­wahl. Die poten­ti­el­len Abge­ord­ne­ten soll­ten ver­si­chern, dass sie in der kom­men­den Legis­la­tur­pe­ri­ode in der Bun­des­tags­frak­ti­on der Links­par­tei blei­ben wer­den, soll­ten sie gewählt werden,

womit der Blick nach links auch in die­sem Fall einen real­exis­tie­ren­den Mehr­wert ver­spricht. Denn exakt dies emp­fiehlt sich ab sofort jed­we­dem Lan­des­ver­band der AfD: Sobald alle Lan­des­lis­ten gewählt sind (vor­her wäre es ungleich bes­ser; Ende Juni ist es hier­für aber vie­ler­orts zu spät), soll­te die Basis dar­auf bestehen, daß jeder berück­sich­tig­te Kan­di­dat eine ent­spre­chen­de »Ehren­er­klä­rung« zur AfD-Kon­ti­nui­tät abgibt (min­des­tens mit einer 24monatigen »Par­tei­aus­tritts­sper­re« ausgestattet).

Denn die letz­ten Fäl­le in Schles­wig-Hol­stein, Nie­der­sach­sen oder Brüs­sel haben gezeigt, daß es immer wie­der »libe­ral­kon­ser­va­ti­ve« Man­dats­räu­ber gibt, die damit nicht nur den Wäh­ler­wil­len ver­fäl­schen, son­dern jenen scha­den, die sie selbst auf ent­spre­chen­de Lis­ten hiev­ten. Durch »Ehren­er­klä­run­gen« ist man davor frei­lich nicht in jedem Ein­zel­fall gefeit; aber der Druck, die Auf­merk­sam­keit, die Bin­de­kräf­te sind höher als regulär.

Mein Vor­schlag wäre, daß – bei­spiels­wei­se – die unter­le­ge­nen AfD-Funk­tio­nä­re um die Spit­zen­kan­di­da­tur, Joana Cotar und Joa­chim Wund­rak, mit gutem, sym­bol­star­kem Bei­spiel vor­an­schrei­ten, die Initia­ti­ve ergrei­fen und eine sol­che Abfol­ge von Ehren­er­klä­run­gen ins Rol­len bringen.

Das wäre ein Signal der Geschlos­sen­heit, bei dem jeder, der zu offen­sicht­lich zögert, zumin­dest kri­ti­schen Fra­gen der Par­tei­ba­sis aus­ge­setzt wäre. Für eine emi­nent basis­de­mo­kra­ti­sche For­ma­ti­on wie die AfD wäre das einer­seits ein Schritt zur inter­nen Ver­trau­ens­stär­kung und ande­rer­seits zur Geschlos­sen­heit ob exter­ner Ein­flüs­se. Die kom­men­den Mona­te wer­den hart genug – zumin­dest die Man­dats­räu­ber­fra­ge wäre somit ein wenig eingehegt.

Immer­hin hat es nicht nur die AfD schwer. Auch bei den Dun­kel­ro­ten bleibt es ja haarig:

Der Links­par­tei bestehen schwie­ri­ge Mona­te bevor. Sie hat ein Wahl­pro­gramm beschlos­sen, in dem Kli­ma­ge­rech­tig­keit und Anti­ras­sis­mus zen­trale The­men sind. Pro­mi­nen­te Par­tei­mit­glie­der wie Wagen­knecht befür­wor­ten die­se Poli­tik aller­dings nicht,

wes­halb man eine wei­te­re Par­al­le­le zur Alter­na­ti­ve für Deutsch­land vor­fin­den kann – ein Pro­gramm, von dem sich pro­mi­nen­te Akteu­re nicht ange­spro­chen füh­len und das sie daher öffent­lich nicht bewerben.

Hier geht es aber abschlie­ßend ja um Die Lin­ke, und sollte

die Par­tei den Ein­zug in den Bun­des­tag ver­feh­len, könn­te sie auf abseh­ba­re Zeit nur noch in der Lis­te der »Sons­ti­gen« vorkommen.

Und da sage noch ein Sezes­si­on-Leser, die »Sam­mel­stel­le« wäre im real­po­li­ti­schen Beritt oft­mals zu resi­gnie­rend. Das ist doch ein Aus­blick, für den es sich poli­tisch zu arbei­ten lohnt.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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Kommentare (8)

Niekisch

24. Juni 2021 17:06

Zu Maja Cimerman: World Debate Institute: 2010

Dieter Rose

24. Juni 2021 17:34

Da müsste man vor Ungarn in die Knie gehen, oder um Verzeihung bitten.

Und wenigstens ein paar sollten das von GK  im letzten Kapitel seines neuen Buches erwähnte Gebet sprechen, soweit es ihnen denn bekannt gemacht würde. Aber man kann es ja so sprechen, wie man meint dass es lauten könnte. Gute Gedanken helfen immer weiter. Irgendwie. Vielleicht auch auf Umwegen . . .

Absonsten lasst sie doch ihren Staat kaputt spielen (meine Umformung eines Ausspruchs von GK).

 

heinrichbrueck

24. Juni 2021 18:13

Ein Pseudostreit, wenn Loïc Nego im demokratischen Overton-Fenster ignoriert wird. Man kann nicht gleichzeitig den Kuchen essen und behalten. 
Bevor die Regenbogenfahne (Schwarz-Rot-Gelb ist schlimmer) dekonstruiert werden kann, müssen die Leute (Demokraten) etwas über die reale Welt lernen und darüber, wie sie wirklich funktioniert. 

Laurenz

24. Juni 2021 19:09

Fast der gesamte Planet ist orbanisiert. Nur in der Oase unserer pseudo-bunten Ex-Republik merkt das keiner.

Das Hauptproblem zwischen Nagel & Wagenknecht liegt doch gar nicht im politischen Inhalt (der ist dehnbar), sondern im Persönlichen (Wer ist Platzkuh?).

Beide sahen mal gut aus, Wagenknecht tut es immer noch, weil Sie wohl nicht, wie Nagel, das Äußere direkt in "Überzeugungsarbeit" für die Karriere nutzte. So würde zumindest Michelangelo argumentiert haben.

Amos

25. Juni 2021 08:10

Also ich habe seit Mittwoch eine Ungarnfahne am Haus und die bleibt erst mal da. Da die ANDERN Ungarn, Orban und ihre Symbole quasi zum Anti-Gutmenschenparadies, zum Anti-Merkel und zur Anti-Regenbogenfahne gepuscht haben, liefern sie uns ein Symbol des Widerstandes frei Haus. Diese Fahne können sie nicht so schnell verbieten wie die des Kaiserreiches, ein Eigentor sozusagen. Übriges hat Klonovsky einen inzwischen gelöschten Tweet festgehalten, der die Beflaggung des Münchner Rathauses zeigt: diesen Mittwoch und irgendwann in den dreißiger Jahren. Die Zeiten mögen sich ändern, hinter irgendwas herlaufen werden unsere Minderbemittelten solange die Welt sich dreht ....

Marc_Aurel

25. Juni 2021 10:50

"...in der Zivilgesellschaft regt sich Widerstand"

Das ist eine Chiffre, sie bedeutet normalerweise, dass Agenten der Provokation, Nichtregierungsorganisationen und Medien bereits vor Ort aktiv sind und das eine aktivistische Kampagne im Sinne von Bernays in Gang ist. Vermutlich wird auch wieder viel Geld verteilt, um "dem Widerstand" Leben einzuhauchen.

Volksdeutscher

28. Juni 2021 10:39

@Amos

Meines Wissens wollten sie nur die Reichsflagge verbieten, es gelang ihnen aber nicht.

Laurenz

28. Juni 2021 16:49

@Volksdeutscher @Amos

Mir reichte schon der Bundschuh als Flagge.