Der Kapp-Putsch und seine Lehren

von Konstantin Fechter -- PDF der Druckfassung aus Sezession 95/ April 2020

 Gastbeitrag

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Woher rührt das bis heu­te tief ver­an­ker­te Miß­trau­en vie­ler Deut­scher gegen das eige­ne Mili­tär? Kaum eine ande­re Insti­tu­ti­on wird in die­sem Land mehr bearg­wöhnt als die Armee. Dies liegt kei­nes­wegs nur an der pazi­fis­ti­schen Grund­hal­tung der Bun­des­re­pu­blik, der Aver­si­on gegen jeden Krieg. Die Ableh­nung geht tie­fer, läßt die Furcht erken­nen, in den Bara­cken jen­seits des Sta­chel­drahts einen ver­schwö­re­ri­schen Staat im Staa­te vor­zu­fin­den. Der durch Preu­ßen gepräg­te Dienst­e­thos, die Unter­ord­nung unter Pflicht und Gehor­sam, steht im Ver­dacht, Sol­da­ten zu erzeu­gen, die außer­halb ihrer Gemein­schaft nicht mehr kon­trol­lier­bar sei­en. Reden zu Rekru­ten­ver­ei­di­gun­gen in Deutsch­land ent­hal­ten daher kei­ne aner­ken­nen­den Wor­te über Mut und Opfer­be­reit­schaft, son­dern mah­nen zur Gesetzes­treue und Loya­li­tät. Die Poli­ti­ker wir­ken bei die­sen Pflicht­be­su­chen mehr wie Domp­teu­re einer Raub­tier­meu­te, so als wür­den Straf­ge­fan­ge­ne und kei­ne Staats­die­ner vereidigt.

Geht man die­sen unaus­ge­spro­che­nen Vor­wür­fen aber näher auf den Grund, wird schnell ersicht­lich, daß es sich hier­bei mehr um ein nebu­lö­ses Unbe­ha­gen als um fak­ti­sches Geschichts­be­wußt­sein han­delt. Denn die preu­ßisch-deut­sche Mili­tär­ge­schich­te kann kei­nen aus­ge­präg­ten Hang zur Jun­ta-Bil­dung vor­wei­sen. Im Gegen­teil – in ihr fin­den sich nur drei nen­nens­wer­te Bei­spie­le von offe­nem Auf­be­geh­ren der Offi­zie­re gegen ihre Regie­rung: die Kon­ven­ti­on von Tau­rog­gen, der Kapp-Putsch und die Ver­schwö­rung des 20. Juli. Nun eig­nen sich weder Yorcks eigen­mäch­ti­ges Vor­ge­hen gegen den preu­ßi­schen König noch der Stauf­fen­berg­sche Auf­stand des Gewis­sens für eine Exem­pli­fi­zie­rung der The­se eines die Poli­tik bedro­hen­den Offi­zier­korps. Es waren Ermes­sens­ent­schei­dun­gen, getrof­fen in unüber­sicht­li­chen Not­la­gen. Viel eher liegt die Tra­gik der deut­schen Offi­zie­re in einer aus­ge­spro­che­nen Unter­ord­nung unter das Pri­mat der Politik.

Die ein­zi­ge Aus­nah­me stellt der Kapp-Putsch im März 1920 dar. Ein son­der­ba­res Ereig­nis, des­sen eigent­li­cher Ver­lauf schnell erzählt ist, aber aus dem sich doch man­che Leh­re zie­hen läßt, und zwar des­we­gen, weil sein Schei­tern schon sehr bald fest­stand. Daß das Haupt­ge­sche­hen auf den 15. März fiel, ist eine jener Ana­lo­gien, die nur die Geschich­te kennt: Es sind die Iden des März, die schon Cae­sar zum Ver­häng­nis wur­den und die seit­dem zum Syn­onym des Ver­rats, aber auch der Ver­ken­nung der poli­ti­schen Lage gewor­den sind. Denn wie schon die letz­ten Tage der römi­schen Repu­blik zei­gen, muß einen Umsturz­ver­such mehr aus­zeich­nen als der Wil­le zur Macht. Bru­tus und die ande­ren Ver­schwö­rer appel­lier­ten an den Idea­lis­mus ihrer Mit­bür­ger und ver­zich­te­ten auf poli­ti­sche Kon­zep­te jen­seits der Restau­ra­ti­on. Sie erwar­te­ten von die­sen nach der Ermor­dung des Dik­ta­tors ein Bekennt­nis zur Repu­blik. Nicht mehr, aber auch nicht weni­ger. Doch die Bür­ger Roms wand­ten sich dem­je­ni­gen zu, der die meis­ten Legio­nä­re auf­stell­ten konn­te und von dem die aus­schwei­fends­ten Fes­ti­vi­tä­ten nach dem Sieg im Bür­ger­krieg zu erwar­ten waren. Die Fehl­ein­schät­zung und Kon­zept­lo­sig­keit der Ver­schwö­rer wur­de letzt­lich ihr Verhängnis.

Der Kapp-Putsch begann, wie so vie­les in die­ser Zeit, mit Sol­da­ten, die nach vier Jah­ren Gra­ben­kampf dem plötz­li­chen Frie­den miß­trau­ten. Nach­dem sie ihren letz­ten Marsch been­det hat­ten und wie­der Hei­mat­bo­den unter den Stie­feln spür­ten, gab es drei Optio­nen. Sie stan­den vor der Wahl zwi­schen einer Rück­kehr ins Zivi­le, einer oppor­tu­nis­ti­schen Kar­rie­re oder Zorn. Für den ers­ten Weg ent­schie­den sich Mil­lio­nen. Sie woll­ten nichts mehr zu tun haben mit dem Mili­tär, dem Dienst, der Gewalt. Fern­ab der Front erhoff­ten sie im All­tag Hei­lung für ihre kör­per­li­chen und see­li­schen Wun­den zu fin­den. Man­chen gelang dies, ande­re muß­ten fest­stel­len, daß die­se neue Welt sich gründ­lich von der des Juli 1914 unter­schied. Das Kai­ser­reich war am Ende, Deutsch­land wirt­schaft­lich abge­schnürt. Arbeit zu fin­den war schwer, gut bezahl­te nahe­zu unmög­lich. Inva­li­den sam­mel­ten sich wie Müll an der Stra­ßen­ecke, gede­mü­tigt, weil sie nun bei denen bet­teln muß­ten, die die Kriegs­jah­re zuhau­se für den beruf­li­chen Auf­stieg genutzt hatten.

Wer blieb und in der vor­läu­fi­gen Reichs­wehr vor­an­kom­men woll­te, der muß­te die neu­en Mög­lich­kei­ten zu neh­men wis­sen. Die Gene­ra­le Seeckt, Rein­hardt und Groe­ner waren die­ser Typ Mann. Mit Leib und See­le Sol­dat, war ihnen das Schick­sal der Repu­blik egal. Sie respek­tier­ten sie, weil sie im Moment des Cha­os immer noch mehr Ord­nung als das ster­ben­de Kai­ser­reich zu schaf­fen ver­moch­te. Daher besaß sie ihre Loya­li­tät, aber nicht ihre Lie­be. Doch ein Reichs­wehr­mi­nis­ter konn­te sich im Moment nicht mehr erhof­fen und bau­te auf die­se prag­ma­ti­schen Män­ner, belohn­te sie mit Dienst­gra­den und ein­fluß­rei­chen Ver­wen­dun­gen. Im Gegen­zug ach­te­ten sie auf die Homo­ge­ni­tät der neu­en Armee. Gene­ral­stabs­of­fi­zie­re, auch wenn sie nie­mals die Front gese­hen hat­ten, erhiel­ten das Vor­recht, in ihr zu dienen.

Ande­re im deut­schen Offi­zier­korps ver­bit­ter­ten jedoch. Für sie war durch den Abgang des Kai­sers alles zu einer Lüge gewor­den. Sie schäm­ten sich beim Appell vor der neu­en Fah­ne, ver­ach­te­ten die Erfül­lungs­po­li­tik ihrer Regie­rung. Den Krieg zu ver­lie­ren war eine Schan­de, die Hei­mat noch dazu ein Unglück. Sie waren Offi­zie­re geblie­ben, weil ein ande­res Leben für sie schlicht nicht vor­stell­bar war, doch in ihnen sam­mel­te sich kal­ter Zorn. Vie­le von ihnen ver­such­ten ihr Glück in den Frei­korps. Die has­tig auf­ge­stell­ten Frei­wil­li­gen­ver­bän­de ver­ström­ten den Geruch von Aben­teu­er und Gefahr. Sie boten das, wonach sich man­cher sehn­te: Jagd­kampf ohne star­re Konventionen.

Die Stim­mung zu Beginn des Jah­res 1920 war gereizt. Der Aus­bruch eines Bür­ger­krie­ges konn­te in den Mona­ten zuvor müh­sam ver­hin­dert wer­den, doch jeder Tag im geis­ti­gen Kli­ma der Repu­blik war von sei­nem Fie­ber geprägt. Zwar befand sich die Regie­rung in einer Pha­se der Kon­so­li­die­rung, aber sie war geschwächt. Seit der Novem­ber­re­vo­lu­ti­on war sie nicht durch Wah­len bestä­tigt und daher zum anhal­ten­den Pro­vi­so­ri­um gewor­den. Ohne Akkla­ma­ti­on durch das Volk haf­te­te ihr immer noch der Geruch von Usur­pa­ti­on an. Ver­schär­fend kam hin­zu, daß die­ser Tage die Bestim­mun­gen des Ver­sail­ler Ver­tra­ges in Kraft tre­ten soll­ten. Dies beinhal­te­te auch die dras­ti­sche Redu­zie­rung der Trup­pen auf 100 000 Mann. Zugleich kehr­ten seit Ende des Jah­res 1919 die letz­ten Res­te der Bal­ti­k­um­kämp­fer in die Repu­blik zurück. Im Osten hat­ten die­se Frei­korps eine Odys­see erlebt, geprägt von blu­ti­gen Par­ti­sa­nen­kämp­fen und Meu­te­rei gegen die Regie­rung. Der oft dia­gnos­ti­zier­te Zivi­li­sa­ti­ons­bruch – im Bal­ti­kum hat­te er tat­säch­lich statt­ge­fun­den. Die Bal­ti­k­um­kämp­fer hör­ten nur auf jene Füh­rer, die in die­sem Schlacht­haus ihr Ver­trau­en gewon­nen hat­ten. Ihre Auf­lö­sung im Zuge der Ver­sail­ler Bestim­mun­gen erschien illusorisch.

Für die Unzu­frie­de­nen im Offi­zier­korps war die dro­hen­de Wehr­un­fä­hig­keit des Deut­schen Rei­ches eine rote Linie. Hier ver­schränk­ten sich inter­na­tio­na­le Demü­ti­gung und Angst vor Schutz­lo­sig­keit inein­an­der. Ihr Wort­füh­rer wur­de der Gene­ral Walt­her von Lütt­witz. Er war ein Empör­ter, was sei­nen poli­ti­schen Scharf­blick beein­träch­tig­te. So deu­te­te er das Gerau­ne in Offi­ziers­ka­si­nos, das aus Zuspruch für einen Putsch bestand, als ver­bind­li­che Zusa­gen und nicht als abwar­ten­de Inter­es­sen­be­kun­dun­gen. Wie Bru­tus über­sah er, daß zwi­schen inne­rer Oppo­si­ti­on und offe­nem Auf­be­geh­ren ein wei­tes Feld liegt. In der Wahl sei­ner Mit­ver­schwö­rer besaß er eben­falls kein Gespür. Er ent­schied sich für Wolfang Kapp als sei­nen poli­ti­schen Arm. Der Gene­ral­land­schafts­di­rek­tor aus Königs­berg war jedoch nur ein mit­tel­mä­ßi­ger Netz­wer­ker und besaß kei­ne visio­nä­re Über­zeu­gungs­kraft. Der von Kapp mit­ge­grün­de­ten »Natio­na­len Ver­ei­ni­gung« gehör­ten zwar mit Erich Luden­dorff und Wal­de­mar Pabst bekann­te Geg­ner der Repu­blik an, doch besaß die Orga­ni­sa­ti­on wenig Ein­fluß. Selbst bei natür­li­chen Ver­bün­de­ten wie der natio­nal­kon­ser­va­ti­ven DNVP stieß ihr Putsch­vor­ha­ben auf ableh­nen­de Skepsis.

Lütt­witz ließ sich davon jedoch nicht beir­ren und über­schritt sei­nen Rubi­kon am ers­ten März­tag 1920. Dort hielt er eine Rede vor der Mari­ne­bri­ga­de Ehr­hardt, in der er klar­stell­te, daß unter sei­nem Kom­man­do kei­ne Trup­pen­tei­le auf­ge­löst wer­den wür­den. In den fol­gen­den Tagen ver­such­te Lütt­witz noch bei Reichs­prä­si­dent Ebert eine Auf­he­bung des Auf­lö­sungs­be­fehls zu erwir­ken. Als dies abge­lehnt und Gene­ral Lütt­witz durch Ebert auf­grund von Befehls­ver­wei­ge­rung zur Dis­po­si­ti­on gestellt wor­den war, setz­te die­ser in der Nacht auf den 13. März die Mari­ne­bri­ga­de Ehr­hardt nach Ber­lin in Marsch. Der Kapp-Putsch – der eigent­lich Lütt­witz-Putsch hei­ßen müß­te – hat­te begonnen.

Das über­eil­te und schlecht abge­stimm­te Vor­ge­hen offen­bar­te sich jedoch schon in den ers­ten Stun­den des Umsturz­ver­suchs. Die Bri­ga­de Ehr­hardt konn­te die Regie­rung unter Reichs­kanz­ler Bau­er nicht in Ber­lin fest­set­zen: die­se blieb nach ihrer Flucht von Stutt­gart aus wei­ter hand­lungs­fä­hig. Kapps Aus­ru­fung zum Reichs­kanz­ler blieb wei­test­ge­hend unge­hört, und ein Groß­teil der Wehr­kreis­be­fehls­ha­ber war­te­te in Ruhe ab, wel­che Sei­te die Ober­hand gewin­nen wür­de. End­gül­tig geschei­tert war der Putsch am 15. März, als sich deutsch­land­weit der größ­te Gene­ral­streik in der deut­schen Geschich­te (und der ers­te, dem sich die Minis­te­ri­al­bü­ro­kra­tie voll­stän­dig anschloß) voll­zog. Die Put­schis­ten waren nun voll­stän­dig iso­liert, besa­ßen kei­ne finan­zi­el­len Mit­tel und konn­ten auf­grund der bestreik­ten Bahn­stre­cken kei­ne wei­te­ren Frei­korps in Bewe­gung set­zen. Zwei Tage spä­ter floh Kapp nach Schwe­den, und Lütt­witz brach im Zuge eines Amnes­tie­ver­spre­chens den Putsch ab.

Anders als wäh­rend der Ope­ra­ti­on Wal­kü­re gab es 1920 kei­ne inne­re Dra­ma­tik der Ereig­nis­se. Zu kei­nem Zeit­punkt war der Ver­lauf der Geschich­te offen, kei­ne Zufäl­le oder Schick­sals­fü­gun­gen erho­ben Anspruch auf den Erfolg des Unter­neh­mens. Da Geschich­te jedoch nie­mals sinn­los ist, offen­bart gera­de die Deut­lich­keit, mit der Lütt­witz und Kapp schei­ter­ten, die real­po­li­ti­schen Zustän­de der frü­hen Wei­ma­rer Repu­blik und dient dadurch als Beweis­füh­rung für die Rich­tig­keit meta­po­li­ti­scher Kernsätze.

1. Nicht ein­mal im Kapp-Putsch wur­de an die Rück­kehr des Kai­sers gedacht.

Der Umsturz­ver­such resul­tier­te aus ent­schie­de­ner Ableh­nung der repu­bli­ka­ni­schen Erfül­lungs­po­li­tik, ver­band das aber nicht mit einem aus­drück­li­chen Wunsch nach mon­ar­chis­ti­scher Restau­ra­ti­on. Die Wie­der­her­stel­lung der Mon­ar­chie wur­de nie durch die Put­schis­ten in Aus­sicht gestellt und wäre, wenn über­haupt, in einer sehr ein­ge­schränk­ten Wei­se erfolgt. Dies zeigt, wie brüs­kiert auch wei­te Tei­le der Rech­ten über den als »Fah­nen­flucht« wahr­ge­nom­me­nen Exil­gang des Kai­sers waren. Die­ser hat­te das Haus Hohen­zol­lern nach­hal­tig des­avou­iert und schloß eine Rück­kehr jen­seits sym­bo­li­scher Reprä­sen­ta­ti­on voll­stän­dig aus. 1918 war in man­cher Hin­sicht ein Bruch, der sich nicht mehr kit­ten ließ.

2. Die ent­schei­den­de Bedro­hung der jun­gen Repu­blik kam von links.

Der Kapp-Putsch war ein ver­zwei­fel­tes Auf­bäu­men alter Eli­ten, die den eige­nen Macht­ver­lust zu ver­hin­dern such­ten. Viel auf­schluß­rei­cher hin­ge­gen sind die Ereig­nis­se, wel­che sich ab dem 15. März 1920 abspiel­ten. Der Gene­ral­streik ver­hin­der­te auf ver­gleichs­wei­se gewalt­freie Wei­se Lütt­witzs Absich­ten, zugleich dien­te er jedoch als Mobil­ma­chung sämt­li­cher Rot­front­kräf­te im gesam­ten Reich. Die lin­ken Repu­blik­fein­de waren in der Wei­ma­rer Früh­zeit deut­lich zahl­rei­cher, bes­ser ver­netzt und vor allem gewillt, ihre poli­ti­schen Vor­stel­lun­gen umzu­set­zen. Allei­ne die Rote Ruhr­ar­mee stell­te dazu über 100 000 Mann auf. Der Kampf um die Kon­trol­le von Ruhr­ge­biet, Sach­sen und Thü­rin­gen bestimm­te das Jahr 1920. Iro­ni­scher­wei­se war die Reichs­re­gie­rung dar­auf ange­wie­sen, die Auf­stän­de mit Hil­fe von Frei­korps und der soeben noch put­schen­den Bri­ga­de Ehr­hardt zu bekämp­fen. Der Kapp-Putsch, der Marsch auf die Feld­her­ren­hal­le und Feme­mor­de, all das waren aus­sichts­lo­se Unter­fan­gen, wel­che die Repu­blik in ihren frü­hen Jah­ren nie sub­stan­ti­ell gefähr­den konnten.

3. Sou­ve­rän ist, wer über den Aus­nah­me­zu­stand entscheidet.

Eine der rät­sel­haf­tes­ten Rol­len spiel­te der Chef der Hee­res­lei­tung Seeckt. Die ers­te Reak­ti­on die­ser Sphinx in Uni­form war es, sich krank zu mel­den. So stand er nicht offi­zi­ell in der Ver­ant­wor­tung, den Auf­stand ande­rer Offi­zie­re nie­der­zu­schla­gen. Er ließ ihn ein­fach ins Lee­re lau­fen. Sein berühm­ter Aus­spruch »Reichs­wehr schießt nicht auf Reichs­wehr« wur­de zwar immer wie­der als Unter­stüt­zung der Put­schis­ten durch Unter­las­sung miß­ver­stan­den. Seeckt war sich jedoch im kla­ren da­rüber, daß ein Putsch die Ver­kör­pe­rung der Fra­ge nach dem Aus­nah­me­zu­stand dar­stellt. Sein Spiel bestand in der Beschwö­rung der Eska­la­ti­on und dem anschlie­ßen­den Ver­such, als ein­zig legi­ti­me Ord­nungs­macht im gestif­te­ten Cha­os zu reüs­sie­ren. Genau die­sen Aus­nah­me­zu­stand aber ver­wei­ger­te Seeckt den Auf­stän­di­schen. Indem er nicht auf die Her­aus­for­de­rung Lütt­witz’ reagier­te, sprach er ihm die Feind­schaft ab. Er mar­gi­na­li­sier­te den Putsch­ver­such, indem er ihm kei­ne Gewalt ent­ge­gen­setz­te (die wie­der­um sicher­lich wei­te­re Frei­korps und Wehr­kreis­be­fehls­ha­ber auf Lütt­witz’ Sei­te getrie­ben hät­te). Seeckt aber demons­trier­te in die­sen Tagen durch Unter­las­sung die wah­re Sou­ve­rä­ni­tät. Das war kein unent­schlos­se­nes Abwar­ten, son­dern kal­te Berechnung.

4. Der Macht­re­vo­lu­ti­on muß die Kul­tur­re­vo­lu­ti­on vorausgehen.

Im bür­ger­li­chen Indus­trie­staat läßt sich die Sou­ve­rä­ni­tät nicht durch blo­ße Gewalt ergrei­fen. Das linea­re Vor­ge­hen von Lütt­witz – Marsch auf Ber­lin, Fest­set­zen der Regie­rung – hät­te viel­leicht 1848 zum Erfolg geführt, 1920 aber war die Zeit eine ande­re. Der Kapp-Putsch stell­te die Bür­ger vor voll­ende­te Tat­sa­chen und erwar­tet deren Fügung in das Unver­meid­li­che. Der Gene­ral­streik, dezen­tra­ler zivi­ler Wider­stand und Lahm­le­gung der Infra­struk­tur über­rasch­ten Lütt­witz voll­kom­men. Die kul­tu­rel­le Hege­mo­nie lag wäh­rend der März­i­den 1920 längst nicht mehr bei den vor­re­pu­bli­ka­ni­schen Rech­ten. Im Vor­feld des Umsturz­ver­suchs war kei­ne Kul­tur­re­vo­lu­ti­on erfolgt, kei­ne Beset­zung von Begrif­fen, kei­ne Pro­pa­gie­rung zukünf­ti­ger Staats­ge­stal­tung. Im moder­nen Indus­trie­staat stellt dies jedoch das wich­tigs­te Fun­da­ment einer Revo­lu­ti­on dar. Der Kapp-Putsch kam aus dem Nichts und ver­schwand dort wie­der schnell. Die Rech­te wur­de der Wei­ma­rer Repu­blik erst sub­stan­ti­ell gefähr­lich, also sie es ver­moch­te, mit dem Natio­nal­so­zia­lis­mus ein alter­na­ti­ves Gesell­schafts­mo­dell zu präsentieren.

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