Asabiya und Cliodynamik: Porträt Peter Turchin

von Johannes Konstantin Poensgen -- PDF der Druckfassung aus Sezession 95/ April 2020

 Gastbeitrag

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Gro­ße wis­sen­schaft­li­che Ent­de­ckun­gen kom­men oft aus uner­war­te­ter Rich­tung. Peter Tur­chin, Vater der Klio­dy­na­mik und bekannt für sei­ne Pro­gno­se­mo­del­le zivi­li­sa­to­ri­scher Zyklen von Inte­gra­ti­on und Des­in­te­gra­ti­on, datiert den Beginn sei­ner For­schun­gen auf sei­nen Besuch der Kathe­dra­le von Char­tres im Alter von 21 Jah­ren, als er die Sowjet­uni­on ver­ließ. Kurz dar­auf beleg­te der jun­ge Bio­lo­gie­stu­dent einen Uni­ver­si­täts­kurs in goti­scher Kunst und Archi­tek­tur. Die Fra­ge, die ihn umtrieb, betraf jedoch nicht das idea­le Maß­ver­hält­nis des Chors zum Kir­chen­schiff, son­dern das War­um über­haupt. War­um hat­ten die Men­schen des euro­päi­schen Mit­tel­al­ters die­se gigan­ti­schen Kathe­dra­len errichtet?

Dar­über wur­de Tur­chin einer jener Wis­sen­schaft­ler, wel­che die noch in den Neun­zi­gern domi­nie­ren­de Ratio­nal-Choice-Theo­rie zur Erklä­rung zwi­schen­mensch­li­cher Koope­ra­ti­on fun­da­men­tal in Fra­ge stell­ten und sich Evo­lu­ti­ons­mo­del­len zuwand­ten, die von Meh­re­be­nen­se­lek­ti­on aus­ge­hen und so die »Ultraso­zia­li­tät« erklä­ren: die mensch­li­che Fähig­keit zur Bil­dung abs­trak­ter Groß­grup­pen wie Natio­nen, aber bereits schon mitt­le­rer Städ­te, in denen jedes ein­zel­ne Grup­pen­mit­glied nur einen klei­nen Teil der ande­ren Mit­glie­der per­sön­lich kennt und mit noch weni­ger direkt ver­wandt ist.

Dabei ging Tur­chin aller­dings nicht in die Rich­tung ande­rer, spä­ter oft im poli­tisch dis­si­den­ten Bereich anzu­tref­fen­der Wis­sen­schaft­ler, die die gene­ti­sche Kom­po­nen­te mensch­li­cher Koope­ra­ti­ons­be­reit­schaft erforsch­ten, son­dern kon­zen­trier­te sich auf die kul­tu­rel­le Evo­lu­ti­on. Ob dies einer auf­rich­ti­gen Über­zeu­gung ent­sprach oder doch dem Wunsch, sei­nen Lehr­stuhl und sei­ne wis­sen­schaft­li­che Repu­ta­ti­on zu behal­ten, läßt sich wie in vie­len ähn­li­chen Fäl­len nicht genau sagen. Auf bio­lo­gi­sche Huma­ne­vo­lu­ti­on kam Tur­chin jeden­falls erst viel spä­ter, in sei­nem 2016 erschie­ne­nen Buch Ultra­so­cie­ty zurück, das sich wei­test­ge­hend mit der vor­ge­schicht­li­chen Ent­wick­lung mensch­li­cher Koope­ra­ti­ons­fä­hig­keit befaßt.

Mehr als irgend­ei­nem moder­nen Wis­sen­schaft­ler ver­dankt Tur­chin jedoch dem gro­ßen nord­afri­ka­ni­schen Sozio­lo­gen des 14. Jahr­hun­derts, Ibn Khal­dun. Des­sen Begriff der »Asa­bi­ya« für den Zusam­men­halt von Grup­pen und ihre Fähig­keit zum gemein­sa­men Han­deln hat Tur­chin über­nom­men, und ein Groß­teil sei­nes Wer­kes befaßt sich mit der Fra­ge, unter wel­chen Bedin­gun­gen Asa­bi­ya ent­steht und wie­der schwin­det. Dies führ­te Tur­chin mit sei­nem 2006 erschie­ne­nen Buch War and Peace and War fast zwangs­läu­fig zum ältes­ten Unter­fan­gen der Geschichts­phi­lo­so­phie, dem Ver­such die Gesetz­mä­ßig­kei­ten hin­ter dem Auf­stieg und dem Fall von Groß­rei­chen zu ergrün­den. Turchins The­se zur Grün­dung von Groß­rei­chen lau­tet fol­gen­der­ma­ßen: Groß­rei­che ent­ste­hen um eine impe­ria­le Nati­on her­um, die auf­grund einer meta­eth­ni­schen Gren­ze einen beson­ders hohen Grad an Asa­bi­ya erwor­ben hat. Als metha­eth­ni­sche Gren­ze (von grie­chisch »meta« jen­seits und »eth­nos« Volk) bezeich­net Tur­chin geo­gra­phi­sche Bruch­li­ni­en, an denen radi­kal ver­schie­de­ne eth­ni­sche Groß­grup­pen auf­ein­an­der­tref­fen. An die­sen Bruch­li­ni­en ist nicht nur der Druck äuße­rer Feind­schaft beson­ders hoch und fegt Grup­pen hin­weg, die kei­nen star­ken inne­ren Zusam­men­halt und kei­ne Kul­tur per­sön­li­cher Opfer­be­reit­schaft ent­wi­ckeln; die ganz Frem­den auf der ande­ren Sei­te erleich­tern auch die Inte­gra­ti­on ver­wand­ter Völ­ker­schaf­ten in das Reich der impe­ria­len Nati­on, wel­che ansons­ten ent­schie­den auf ihrer Unab­hän­gig­keit bestan­den hät­ten. Tur­chin gelingt es, die­se The­se durch ein­drucks­vol­les empi­ri­sches Mate­ri­al zu unter­mau­ern. So kann er auf­zei­gen, daß alle grö­ße­ren Staa­ten, die auf den Trüm­mern des römi­schen Rei­ches ent­stan­den, ihren Ursprung inner­halb der nur sie­ben Pro­zent der euro­päi­schen Land­flä­che aus­ma­chen­den Hun­dert-Mei­len­zo­ne um die römi­schen Gren­zen hat­ten. Das gilt etwa für Byzanz, wel­ches aus der Bevöl­ke­rung auf der römi­schen Sei­te der illy­risch-daki­schen Grenz­re­gi­on geschmie­det wur­de. Im drit­ten Jahr­hun­dert stell­te Illy­ri­en zehn­mal so vie­le Sol­da­ten wie Ita­li­en. Eine Umkehr der Ver­hält­nis­se des 1. Jahr­hun­derts. Dio­kle­ti­an, wie auch der Vater Kon­stan­tins des Gro­ßen waren Söh­ne illy­ri­scher Bauern.

Auch Rom selbst wuchs erst auf­grund der alle Ita­li­ker bedro­hen­den gal­li­schen Gefahr zum Welt­reich her­an. Und es besteht gro­ße Ähn­lich­keit zwi­schen Ata­man Jer­mak Tim­ofe­je­witsch, der 1582 die Tar­ta­ren jen­seits des Urals bei Sibir schlug, und dem »Schwert Allahs«, dem früh­is­la­mi­schen Feld­herrn Kha­lid ibn al-Walid, der 633 den ers­ten erfolg­rei­chen Zug gegen die Per­ser durch die ira­ki­sche Wüs­te führ­te. Kosa­ken wie Ara­ber waren durch die stän­di­ge Gefahr der Grenz­re­gi­on und durch einen mono­the­is­ti­schen Glau­ben zu einer fest­ge­füg­ten, schlag­kräf­ti­gen Ein­heit zusam­men­ge­schmie­det und über­wan­den selbst tief im Fein­des­land zah­len­mä­ßig zwar über­le­ge­ne, doch inner­lich unei­ni­ge Fein­de. Im spä­te­ren Auf­satz »A Theo­ry for For­ma­ti­on of Lar­ge Empi­res« zeig­te Tur­chin auf, daß von vier Aus­nah­men abge­se­hen alle 65 Staa­ten, die vor 1800 eine Aus­deh­nung von über einer Mil­li­on Qua­drat­ki­lo­me­tern erreich­ten, an der Gren­ze zwi­schen noma­di­schen Step­pen­völ­kern und seß­haf­ten Bau­ern ent­stan­den. Er ent­wi­ckel­te dar­aus die The­se der »Spie­gel­im­pe­ri­en«, wonach an die­sen Step­pen­gren­zen Noma­den wie Agrar­staa­ten ein­an­der durch ihre gegen­sei­ti­ge Feind­schaft zu immer grö­ße­ren Staats­bil­dun­gen und Zusam­men­schlüs­sen zwan­gen, so daß oft gleich­zei­tig auf einer Sei­te ein agra­ri­scher Groß­staat, auf der ande­ren Sei­te eine Groß­fö­de­ra­ti­on der Noma­den­stäm­me entstand.

Ein hier­aus ableit­ba­rer offen­sicht­li­cher Grund für den Nie­der­gang von Impe­ri­en besteht dar­in, daß erfolg­rei­che Groß­rei­che die meta­eth­ni­sche Gren­ze von sich fort­schie­ben und damit die Quel­le ihrer Asa­by­ia ver­lie­ren. So geschah es dem ehe­ma­li­gen römi­schen Grenz­land am Rhein, das die euro­päi­schen Rei­che des 1. Jahr­tau­sends, dar­un­ter das Fran­ken­reich, her­vor­brach­te, doch ab dem 12. Jahr­hun­dert eine zer­split­ter­te poli­ti­sche Nul­li­tät und Spiel­ball frem­der Mäch­te ist. Die ein­zi­ge Aus­nah­me von die­ser Regel bil­de­te Chi­na: An der gro­ßen inne­r­asia­ti­schen Step­pen­gren­ze zu den Mon­go­len und Turk­völ­kern gele­gen, wur­de es über zwei­tau­send Jah­re hin­weg immer wie­der von die­ser Gren­ze aus vereinigt.

Impe­ria­le Natio­nen sind zu Beginn, an der Gren­ze (!), meist sehr ega­li­tär und von hoher sozia­ler Mobi­li­tät und Auf­stiegs­chan­cen geprägt. Die hohe Ungleich­heit und Kas­ten­bil­dung spä­te­rer Tage löst auch die stärks­te Asa­bi­ya auf. Doch sind auch klei­ne­re Zyklen von Inte­gra­ti­on und Des­in­te­gra­ti­on nach­weis­bar, die nicht nur für Impe­ri­en gel­ten und hier betre­ten wir den eigent­li­chen Bereich der Klio­dy­na­mik. Klio­dy­na­mik ist der Ver­such, die Geschich­te mit­tels der Theo­rie non­linea­rer Dyna­mi­ken zu begrei­fen. Ihre Metho­dik gleicht am ehes­ten der­je­ni­gen, die in den Natur­wis­sen­schaf­ten zum Ver­ständ­nis von Öko­sys­te­men ver­wen­det wird. Die Klio­dy­na­mik pos­tu­liert kei­ne Bere­chen­bar­keit der Welt­ge­schich­te. Der Grund dafür liegt in den Model­len selbst. Clio­dy­na­mi­sche Model­le stel­len die Inter­ak­tio­nen und Wech­sel­wir­kun­gen ver­schie­de­ner Ein­zel­dy­na­mi­ken dar. Der sprin­gen­de Punkt ist, daß linea­re oder zumin­dest ein­fach bere­chen­ba­re Ein­zel­dy­na­mi­ken im Zusam­men­spiel zu non­linea­ren, bei aus­rei­chen­der Zeit und Kom­ple­xi­tät zu chao­ti­schen Dyna­mi­ken füh­ren. Das bedeu­tet auch, daß die Model­le nicht belie­big kom­plex sein kön­nen, weil sonst bereits kleins­te Feh­ler ins Cha­os füh­ren. Die ein­zi­ge Lösung ist die Zer­le­gung der Theo­rie in Ein­zel­mo­del­le. Die­se sind jedoch »dyna­misch unvoll­stän­dig« und bil­den nicht alle Rück­wir­kun­gen ab. Zudem kann gemäß dem Schmet­ter­lings­ef­fekt bei ent­spre­chen­der Auf­ska­lie­rung selbst eine klei­ne, unkal­ku­lier­ba­re Ursa­che gro­ße Wir­kun­gen ent­fal­ten. Napo­le­ons Anwe­sen­heit auf dem Schlacht­feld ent­sprach, so eine Kal­ku­la­ti­on, 30 Pro­zent zusätz­li­cher fran­zö­si­scher Trup­pen. Durch ihre Hier­ar­chi­sie­rung und die Grö­ße ihrer Orga­ni­sa­ti­on sind mensch­li­che Ver­bän­de auf in der Natur ein­zig­ar­ti­ge Wei­se für die­se Auf­ska­lie­rung von Indi­vi­du­al­hand­lun­gen geeig­net. Treit­sch­kes Mann, der Geschich­te macht, steht nicht im Gegen­satz zu clio­dy­na­mi­schen Erkenntnissen.

Die Grund­an­sät­ze von Turchins clio­dy­na­mi­scher Zyklen­theo­rie sind bereits in War and Peace and War und des­sen Vor­gän­ger His­to­ri­cal Dyna­mics von 2003 ange­legt. 2009 arbei­te­te er sie mit Ser­gey A. Nefe­dov in Secu­lar Cycles wei­ter aus und unter­füt­ter­te sie mit wei­te­ren Fall­stu­di­en. Sie beru­hen auf drei Grund­an­nah­men über die lang­fris­ti­gen Dyna­mi­ken einer Agrar­ge­sell­schaft. Die ers­te stammt von Mal­thus. Die Bevöl­ke­rung steigt schnel­ler als die ver­füg­ba­ren Pro­duk­ti­ons­mit­tel. Vor allem Acker­land ist begrenzt. Ange­bot und Nach­fra­ge bestim­men den Preis. Zu Beginn eines Zyklus steht einer gerin­gen Bevöl­ke­rung viel Land zu Ver­fü­gung. Pacht­summen sind gering, Löh­ne hoch und die Gesell­schaft ist ver­gleichs­wei­se ega­li­tär. Mit stei­gen­der Bevöl­ke­rungs­zahl wird das Ver­hält­nis von Men­schen und ver­füg­ba­rem Land ungüns­ti­ger. Der Lebens­stan­dard der ein­fa­chen Men­schen fällt, doch die Rei­chen, die für ihren Land­be­sitz nun mehr Pacht und Abga­ben ver­lan­gen kön­nen und wegen dem Arbeits­kräf­te­über­schuß gerin­ge­ren Lohn zah­len müs­sen, wer­den rei­cher. Auch tritt der soge­nann­te Mat­thä­us-Effekt ein. Wer in der all­ge­mei­nen Not hat, dem wird gege­ben. Er kann die Pro­duk­ti­ons­mit­tel sei­ner ver­elen­de­ten Nach­barn auf­kau­fen. Die­ser Zustand dau­ert an, bis sich die Bevöl­ke­rungs­dich­te, durch Krieg, Hun­ger und Seu­chen, nicht zuletzt aber durch nied­ri­ge Gebur­ten­ra­ten wie­der ver­rin­gert hat, wodurch sich auch die Ein­kom­men wie­der annähern.

Tur­chin stellt aller­dings fest, daß die Wirk­lich­keit nicht in rei­nen Mal­thus­zy­klen ver­läuft. Son­dern daß sich die Zeit abneh­men­der Bevöl­ke­rungs­zahl meist zu einer lang­dau­ern­den Kri­sen­zeit voll inne­rer Auf­lö­sung und häu­fi­ger Bür­ger­krie­ge aus­dehnt. Dazu macht er die Beob­ach­tung, daß sich die Eli­te wäh­rend der Blü­te­zeit, vor allem aber zu Beginn der Kri­se, schnel­ler ver­meh­re als das gemei­ne Volk, zum einen durch bes­se­re Hygie­ne­be­din­gun­gen, vor allem aber durch sozia­len Auf­stieg über den Mat­thä­us-Effekt. Turchins zwei­te Grund­an­nah­me ist, daß die­se Eli­ten­über­pro­duk­ti­on mit­tel­fris­tig zu erbit­ter­ten Ver­tei­lungs­kämp­fen füh­re, sowohl zwi­schen den Eli­ten, als auch zwi­schen oben und unten, weil Eli­ten­an­ge­hö­ri­ge immer mehr aus dem ver­arm­ten Volk her­aus­pres­sen müß­ten, um ihren eige­nen Sta­tus zu wah­ren. Dazu kämen als drit­ter Fak­tor Staats­kri­sen aus Man­gel an Geld­mit­teln. Nicht nur ver­rin­ge­re sich die Steu­er­ba­sis, auch Eli­ten, die ihren Sta­tus aus eige­nen Ein­künf­ten nicht mehr bestrei­ten könn­ten, zapf­ten den Staats­haus­halt für Pos­ten und vor allem Pfrün­de an. Unzu­frie­den­heit der Mas­sen und Eli­te­ri­va­li­tät unter­mi­nier­ten den Staat, staat­li­cher Kon­troll­ver­lust wie­der­um, vor allem das Ende sei­ner Sicher­heits­ga­ran­tien, schlü­ge unmit­tel­bar auf die Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tät durch. Durch die­se Wech­sel­wir­kun­gen schauk­le sich die Kri­se hoch, wel­che sich erst nach Jahr­zehn­ten wie­der ent­spannt, wenn sich der Unter­schied zwi­schen Eli­te und Bevöl­ke­rung durch Krieg, Mord und sozia­len Abstieg wie­der ver­rin­ge­re. Reicht die übrig­ge­blie­be­ne Asa­by­ia aus, kön­ne es dann einen erneu­ten Auf­schwung geben. So kommt es, daß in der Geschich­te agra­ri­scher Staa­ten, ent­ge­gen der The­se Gun­nar Hein­sohns, die gro­ßen Kon­flik­te bei abneh­men­der, nicht zuneh­men­der Bevöl­ke­rungs­zahl auf­tra­ten. Die Gesamt­zeit eines sol­chen Jahr­hun­dert­zy­klus betrug zwi­schen 200 und 300 Jahren.

In Ages of Dis­cord beschäf­tigt sich Tur­chin dann mit der für uns drän­gen­den Fra­ge, ob die­se Dyna­mi­ken mit der Indus­tria­li­sie­rung und der Post­in­dus­tria­li­sie­rung der Ver­gan­gen­heit ange­hö­ren. Ages of Dis­cord ist auch das for­mal mit Abstand anspruchs­volls­te sei­ner Bücher, er prä­zi­siert und for­ma­li­siert dar­in sei­ne frü­he­ren Theo­rien. Sein Unter­su­chungs­ob­jekt sind hier­bei die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka, begin­nend mit der sozio­lo­gi­schen Vor­ge­schich­te des Sezes­si­ons­krie­ges. Sei­ne Ant­wort auf die oben gestell­te Fra­ge lau­tet Nein. Die Jahr­hun­dert­zy­klen der Agrar­ge­sell­schaf­ten bestehen wei­ter­hin. Tur­chin modi­fi­ziert aller­dings sei­ne Model­le. Anstel­le der Mal­thus­gren­ze in der Lebens­mit­tel­pro­duk­ti­on ste­hen jetzt sin­ken­de Real­löh­ne durch ein Über­an­ge­bot an Arbeits­kraft. Der Lebens­stan­dard der Bevöl­ke­rung wird nicht mehr in Wei­zen­äqui­va­len­ten son­dern im Ver­hält­nis zum Brut­to­so­zi­al­pro­dukt pro Kopf ange­ge­ben. Tur­chin nennt dies den rela­ti­ven Lohn. Zudem kommt zu den bis­he­ri­gen drei Fak­to­ren: Bevöl­ke­rung, Eli­te und Staat ein vier­ter hin­zu. Insta­bi­li­tät, wel­che Phä­no­me­ne von radi­ka­len Ideo­lo­gien, Unru­hen bis hin zu Bür­ger­krie­gen umfaßt, wird als eigen­stän­di­ger Fak­tor gewer­tet, der mit den ande­ren drei interagiert.

Tur­chin modi­fi­ziert den 1991 von Gold­stone ent­wi­ckel­ten Poli­ti­cal Stress Indi­ca­tor (PSI), des­sen drei Indi­ka­to­ren (Mas­sen­mo­bi­li­sier­bar­keit, Eli­ten­mo­bi­li­sier­bar­keit und Staats­fi­nanz­pro­ble­me) er aus Unter­fak­to­ren zusam­men­setzt. Hein­sohns »youth bul­ge« (also: Jugend­über­schuß) ist hier ent­hal­ten, fällt aber nur mit einem Drit­tel der Mas­sen­mo­bi­li­sier­bar­keit, ins­ge­samt also mit einem Neun­tel ins Gewicht. Eben­so for­ma­li­siert Tur­chin die noch kür­ze­ren, etwa 50-jäh­ri­gen Vater-Sohn-Zyklen poli­ti­scher Insta­bi­li­tät, nach denen auf eine Genera­ti­on, die selbst Krieg erlebt hat, eine Zeit des Frie­dens selbst unter insta­bi­len sozio­öko­no­mi­schen Bedin­gun­gen folgt, bis eine neue Genera­ti­on am Ruder ist. Tur­chin zeich­net zwei Jahr­hun­dert­zy­klen der ame­ri­ka­ni­schen Geschich­te nach. Einen von der »Era of good Fee­lings« in den 1820ern über den Bür­ger­krieg bis zur inne­ren Kon­so­li­die­rung in der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts, einen zwei­te von den 1950ern an. Der zwei­te befin­det sich heu­te – mit sin­ken­den rela­ti­ven Löh­nen, sich rapi­de ver­schär­fen­der Eli­ten­kon­kur­renz und aus­ufern­den Staats­schul­den – bei PSI-Wer­ten, die nicht nur denen vor dem Sezes­si­ons­krieg, son­dern auch denen vor dem eng­li­schen Bür­ger­krieg im 17. Jahr­hun­dert glei­chen. Die Zei­chen ste­hen auf Sturm. Daß Tur­chin einen wesent­li­chen modellex­ter­nen Fak­tor zuge­ste­hen muß – es han­delt sich um das Sin­ken der rela­ti­ven Löh­ne ab den 1970ern, bedingt vor allem durch Ein­wan­de­rung und Frau­en­ar­beit –, ändert nichts an der Pro­gno­se für die poli­ti­sche Sta­bi­li­tät. In Punk­to Ein­wan­de­rung ist das Gegen­teil der Fall.

Was kön­nen wir Deut­sche von Tur­chin ler­nen? Vie­le Ent­wick­lun­gen, die er für Ame­ri­ka dia­gnos­ti­ziert, sind auch bei uns wahr­nehm­bar. Wich­tig ist auf lan­ge Sicht: Die Glo­ba­li­sie­rung hat metateh­ni­sche Bruch­li­ni­en mit­ten durch unse­re Städ­te gezo­gen. Es ist nicht klar, wohin das füh­ren wird. Eine wich­ti­ge Erkennt­nis Turchins ist jedoch, daß die dazu­ge­hö­ri­ge kul­tu­rel­le Evo­lu­ti­on Zeit braucht. Mul­ti­kul­ti führt nicht zur plötz­li­chen Ein­heit des Vol­kes, aber es bleibt auch nicht fol­gen­los. Die Evo­lu­ti­on von Asa­bi­ya dau­ert. Drei Jahr­hun­der­te vor Jer­mak Tim­ofe­je­witschs Sieg über die Tata­ren bei Sibir lie­ßen sich die rus­si­schen Fürs­ten ein­zeln von der Gol­de­nen Hor­de ver­spei­sen. Auch unse­re Vor­fah­ren brauch­ten zwei Jahr­hun­der­te Krieg mit den Römern, bis sie davon absa­hen, ihre Füh­rer zu ermor­den, sobald die Legio­nen im Win­ter­quar­tier waren. 

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