1. April 2020

Asabiya und Cliodynamik: Porträt Peter Turchin

Andrea SC

von Johannes Konstantin Poensgen -- PDF der Druckfassung aus Sezession 95/ April 2020

  • Sezession

Große wissenschaftliche Entdeckungen kommen oft aus unerwarteter Richtung. Peter Turchin, Vater der Kliodynamik und bekannt für seine Prognosemodelle zivilisatorischer Zyklen von Integration und Desintegration, datiert den Beginn seiner Forschungen auf seinen Besuch der Kathedrale von Chartres im Alter von 21 Jahren, als er die Sowjetunion verließ. Kurz darauf belegte der junge Biologiestudent einen Universitätskurs in gotischer Kunst und Architektur. Die Frage, die ihn umtrieb, betraf jedoch nicht das ideale Maßverhältnis des Chors zum Kirchenschiff, sondern das Warum überhaupt. Warum hatten die Menschen des europäischen Mittelalters diese gigantischen Kathedralen errichtet?

Darüber wurde Turchin einer jener Wissenschaftler, welche die noch in den Neunzigern dominierende Rational-Choice-Theorie zur Erklärung zwischenmenschlicher Kooperation fundamental in Frage stellten und sich Evolutionsmodellen zuwandten, die von Mehrebenenselektion ausgehen und so die »Ultrasozialität« erklären: die menschliche Fähigkeit zur Bildung abstrakter Großgruppen wie Nationen, aber bereits schon mittlerer Städte, in denen jedes einzelne Gruppenmitglied nur einen kleinen Teil der anderen Mitglieder persönlich kennt und mit noch weniger direkt verwandt ist. Dabei ging Turchin allerdings nicht in die Richtung anderer, später oft im politisch dissidenten Bereich anzutreffender Wissenschaftler, die die genetische Komponente menschlicher Kooperationsbereitschaft eforschten, sondern konzentrierte sich auf die kulturelle Evolution. Ob dies einer aufrichtiger Überzeugung entsprach oder doch dem Wunsch, seinen Lehrstuhl und seine wissenschaftliche Reputation zu behalten, läßt sich wie in vielen ähnlichen Fällen nicht genau sagen. Auf biologische Humanevolution kam Turchin jedenfalls erst viel später, in seinem 2016 erschienenen Buch Ultrasociety zurück, das sich weitestgehend mit der vorgeschichtlichen Entwicklung menschlicher Kooperationsfähigkeit befaßt.

Mehr als irgendeinem modernen Wissenschaftler verdankt Turchin jedoch dem großen nordafrikanischen Soziologen des 14. Jahrhunderts, Ibn Khaldun. Dessen Begriff der »Asabiya« für den Zusammenhalt von Gruppen und ihre Fähigkeit zum gemeinsamen Handeln hat Turchin übernommen, und ein Großteil seines Werkes befaßt sich mit der Frage, unter welchen Bedingungen Asabiya entsteht und wieder schwindet. Dies führte Turchin mit seinem 2006 erschienenen Buch War and Peace and War fast zwangsläufig zum ältesten Unterfangen der Geschichtsphilosophie, dem Versuch die Gesetzmäßigkeiten hinter dem Aufstieg und dem Fall von Großreichen zu ergründen. Turchins These zur Gründung von Großreichen lautet folgendermaßen: Großreiche entstehen um eine imperiale Nation herum, die aufgrund einer metaethnischen Grenze einen besonders hohen Grad an Asabiya erworben hat. Als methaethnische Grenze (von griechisch »meta« jenseits und »ethnos« Volk) bezeichnet Turchin geographische Bruchlinien, an denen radikal verschiedene ethnische Großgruppen aufeinandertreffen. An diesen Bruchlinien ist nicht nur der Druck äußerer Feindschaft besonders hoch und fegt Gruppen hinweg, die keinen starken inneren Zusammenhalt und keine Kultur persönlicher Opferbereitschaft entwickeln; die ganz Fremden auf der anderen Seite erleichtern auch die Integration verwandter Völkerschaften in das Reich der imperialen Nation, welche ansonsten entschieden auf ihrer Unabhängigkeit bestanden hätten. Turchin gelingt es, diese These durch eindrucksvolles empirisches Material zu untermauern. So kann er aufzeigen, daß alle größeren Staaten, die auf den Trümmern des römischen Reiches entstanden, ihren Ursprung innerhalb der nur sieben Prozent der europäischen Landfläche ausmachenden Hundert-Meilenzone um die römischen Grenzen hatten. Das gilt etwa für Byzanz, welches aus der Bevölkerung auf der römischen Seite der illyrisch-dakischen Grenzregion geschmiedet wurde. Im dritten Jahrhundert stellte Illyrien zehnmal so viele Soldaten wie Italien. Eine Umkehr der Verhältnisse des 1. Jahrhunderts. Diokletian, wie auch der Vater Konstantins des Großen waren Söhne illyrischer Bauern.

Auch Rom selbst wuchs erst aufgrund der alle Italiker bedrohenden gallischen Gefahr zum Weltreich heran. Und es besteht große Ähnlichkeit zwischen Ataman Jermak Timofejewitsch, der 1582 die Tartaren jenseits des Urals bei Sibir schlug, und dem »Schwert Allahs«, dem frühislamischen Feldherrn Khalid ibn al-Walid, der 633 den ersten erfolgreichen Zug gegen die Perser durch die irakische Wüste führte. Kosaken wie Araber waren durch die ständige Gefahr der Grenzregion und durch einen monotheistischen Glauben zu einer festgefügten, schlagkräftigen Einheit zusammengeschmiedet und überwanden selbst tief im Feindesland zahlenmäßig zwar überlegene, doch innerlich uneinige Feinde. Im späteren Aufsatz »A Theory for Formation of Large Empires« zeigte Turchin auf, daß von vier Ausnahmen abgesehen alle 65 Staaten, die vor 1800 eine Ausdehnung von über einer Million Quadratkilometern erreichten, an der Grenze zwischen nomadischen Steppenvölkern und seßhaften Bauern entstanden. Er entwickelte daraus die These der »Spiegelimperien«, wonach an diesen Steppengrenzen Nomaden wie Agrarstaaten einander durch ihre gegenseitige Feindschaft zu immer größeren Staatsbildungen und Zusammenschlüssen zwangen, so daß oft gleichzeitig auf einer Seite ein agrarischer Großstaat, auf der anderen Seite eine Großföderation der Nomadenstämme entstand.

Ein hieraus ableitbarer offensichtlicher Grund für den Niedergang von Imperien besteht darin, daß erfolgreiche Großreiche die metaethnische Grenze von sich fortschieben und damit die Quelle ihrer Asabyia verlieren. So geschah es dem ehemaligen römischen Grenzland am Rhein, das die europäischen Reiche des 1. Jahrtausends, darunter das Frankenreich, hervorbrachte, doch ab dem 12. Jahrhundert eine zersplitterte politische Nullität und Spielball fremder Mächte ist. Die einzige Ausnahme von dieser Regel bildete China: An der großen innerasiatischen Steppengrenze zu den Mongolen und Turkvölkern gelegen, wurde es über zweitausend Jahre hinweg immer wieder von dieser Grenze aus vereinigt.

Imperiale Nationen sind zu Beginn, an der Grenze (!), meist sehr egalitär und von hoher sozialer Mobilität und Aufstiegschancen geprägt. Die hohe Ungleichheit und Kastenbildung späterer Tage löst auch die stärkste Asabiya auf. Doch sind auch kleinere Zyklen von Integration und Desintegration nachweisbar, die nicht nur für Imperien gelten und hier betreten wir den eigentlichen Bereich der Kliodynamik. Kliodynamik ist der Versuch, die Geschichte mittels der Theorie nonlinearer Dynamiken zu begreifen. Ihre Methodik gleicht am ehesten derjenigen, die in den Naturwissenschaften zum Verständnis von Ökosystemen verwendet wird. Die Kliodynamik postuliert keine Berechenbarkeit der Weltgeschichte. Der Grund dafür liegt in den Modellen selbst. Cliodynamische Modelle stellen die Interaktionen und Wechselwirkungen verschiedener Einzeldynamiken dar. Der springende Punkt ist, daß lineare oder zumindest einfach berechenbare Einzeldynamiken im Zusammenspiel zu nonlinearen, bei ausreichender Zeit und Komplexität zu chaotischen Dynamiken führen. Das bedeutet auch, daß die Modelle nicht beliebig komplex sein können, weil sonst bereits kleinste Fehler ins Chaos führen. Die einzige Lösung ist die Zerlegung der Theorie in Einzelmodelle. Diese sind jedoch »dynamisch unvollständig« und bilden nicht alle Rückwirkungen ab. Zudem kann gemäß dem Schmetterlingseffekt bei entsprechender Aufskalierung selbst eine kleine, unkalkulierbare Ursache große Wirkungen entfalten. Napoleons Anwesenheit auf dem Schlachtfeld entsprach, so eine Kalkulation, 30 Prozent zusätzlicher französischer Truppen. Durch ihre Hierarchisierung und die Größe ihrer Organisation sind menschliche Verbände auf in der Natur einzigartige Weise für diese Aufskalierung von Individualhandlungen geeignet. Treitschkes Mann, der Geschichte macht, steht nicht im Gegensatz zu cliodynamischen Erkenntnissen.

Die Grundansätze von Turchins cliodynamischer Zyklentheorie sind bereits in War and Peace and War und dessen Vorgänger Historical Dynamics von 2003 angelegt. 2009 arbeitete er sie mit Sergey A. Nefedov in Secular Cycles weiter aus und unterfütterte sie mit weiteren Fallstudien. Sie beruhen auf drei Grundannahmen über die langfristigen Dynamiken einer Agrargesellschaft. Die erste stammt von Malthus. Die Bevölkerung steigt schneller als die verfügbaren Produktionsmittel. Vor allem Ackerland ist begrenzt. Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Zu Beginn eines Zyklus steht einer geringen Bevölkerung viel Land zu Verfügung. Pacht­summen sind gering, Löhne hoch und die Gesellschaft ist vergleichsweise egalitär. Mit steigender Bevölkerungszahl wird das Verhältnis von Menschen und verfügbarem Land ungünstiger. Der Lebensstandard der einfachen Menschen fällt, doch die Reichen, die für ihren Landbesitz nun mehr Pacht und Abgaben verlangen können und wegen dem Arbeitskräfteüberschuß geringeren Lohn zahlen müssen, werden reicher. Auch tritt der sogenannte Matthäus-Effekt ein. Wer in der allgemeinen Not hat, dem wird gegeben. Er kann die Produktionsmittel seiner verelendeten Nachbarn aufkaufen. Dieser Zustand dauert an, bis sich die Bevölkerungsdichte, durch Krieg, Hunger und Seuchen, nicht zuletzt aber durch niedrige Geburtenraten wieder verringert hat, wodurch sich auch die Einkommen wieder annähern.

Turchin stellt allerdings fest, daß die Wirklichkeit nicht in reinen Malthuszyklen verläuft. Sondern daß sich die Zeit abnehmender Bevölkerungszahl meist zu einer langdauernden Krisenzeit voll innerer Auflösung und häufiger Bürgerkriege ausdehnt. Dazu macht er die Beobachtung, daß sich die Elite während der Blütezeit, vor allem aber zu Beginn der Krise, schneller vermehre als das gemeine Volk, zum einen durch bessere Hygienebedingungen, vor allem aber durch sozialen Aufstieg über den Matthäus-Effekt. Turchins zweite Grundannahme ist, daß diese Elitenüberproduktion mittelfristig zu erbitterten Verteilungskämpfen führe, sowohl zwischen den Eliten, als auch zwischen oben und unten, weil Elitenangehörige immer mehr aus dem verarmten Volk herauspressen müßten, um ihren eigenen Status zu wahren. Dazu kämen als dritter Faktor Staatskrisen aus Mangel an Geldmitteln. Nicht nur verringere sich die Steuerbasis, auch Eliten, die ihren Status aus eigenen Einkünften nicht mehr bestreiten könnten, zapften den Staatshaushalt für Posten und vor allem Pfründe an. Unzufriedenheit der Massen und Eliterivalität unterminierten den Staat, staatlicher Kontrollverlust wiederum, vor allem das Ende seiner Sicherheitsgarantien, schlüge unmittelbar auf die Produktionskapazität durch. Durch diese Wechselwirkungen schaukle sich die Krise hoch, welche sich erst nach Jahrzehnten wieder entspannt, wenn sich der Unterschied zwischen Elite und Bevölkerung durch Krieg, Mord und sozialen Abstieg wieder verringere. Reicht die übriggebliebene Asabyia aus, könne es dann einen erneuten Aufschwung geben. So kommt es, daß in der Geschichte agrarischer Staaten, entgegen der These Gunnar Heinsohns, die großen Konflikte bei abnehmender, nicht zunehmender Bevölkerungszahl auftraten. Die Gesamtzeit eines solchen Jahrhundertzyklus betrug zwischen 200 und 300 Jahren.

In Ages of Discord beschäftigt sich Turchin dann mit der für uns drängenden Frage, ob diese Dynamiken mit der Industrialisierung und der Postindustrialisierung der Vergangenheit angehören. Ages of Discord ist auch das formal mit Abstand anspruchsvollste seiner Bücher, er präzisiert und formalisiert darin seine früheren Theorien. Sein Untersuchungsobjekt sind hierbei die Vereinigten Staaten von Amerika, beginnend mit der soziologischen Vorgeschichte des Sezessionskrieges. Seine Antwort auf die oben gestellte Frage lautet Nein. Die Jahrhundertzyklen der Agrargesellschaften bestehen weiterhin. Turchin modifiziert allerdings seine Modelle. Anstelle der Malthusgrenze in der Lebensmittelproduktion stehen jetzt sinkende Reallöhne durch ein Überangebot an Arbeitskraft. Der Lebensstandard der Bevölkerung wird nicht mehr in Weizenäquivalenten sondern im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt pro Kopf angegeben. Turchin nennt dies den relativen Lohn. Zudem kommt zu den bisherigen drei Faktoren: Bevölkerung, Elite und Staat ein vierter hinzu. Instabilität, welche Phänomene von radikalen Ideologien, Unruhen bis hin zu Bürgerkriegen umfaßt, wird als eigenständiger Faktor gewertet, der mit den anderen drei interagiert.

Turchin modifiziert den 1991 von Goldstone entwickelten Political Stress Indicator (PSI), dessen drei Indikatoren (Massenmobilisierbarkeit, Elitenmobilisierbarkeit und Staatsfinanzprobleme) er aus Unterfaktoren zusammensetzt. Heinsohns »youth bulge« (also: Jugendüberschuß) ist hier enthalten, fällt aber nur mit einem Drittel der Massenmobilisierbarkeit, insgesamt also mit einem Neuntel ins Gewicht. Ebenso formalisiert Turchin die noch kürzeren, etwa 50-jährigen Vater-Sohn-Zyklen politischer Instabilität, nach denen auf eine Generation, die selbst Krieg erlebt hat, eine Zeit des Friedens selbst unter instabilen sozioökonomischen Bedingungen folgt, bis eine neue Generation am Ruder ist. Turchin zeichnet zwei Jahrhundertzyklen der amerikanischen Geschichte nach. Einen von der »Era of good Feelings« in den 1820ern über den Bürgerkrieg bis zur inneren Konsolidierung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, einen zweite von den 1950ern an. Der zweite befindet sich heute – mit sinkenden relativen Löhnen, sich rapide verschärfender Elitenkonkurrenz und ausufernden Staatsschulden – bei PSI-Werten, die nicht nur denen vor dem Sezessionskrieg, sondern auch denen vor dem englischen Bürgerkrieg im 17. Jahrhundert gleichen. Die Zeichen stehen auf Sturm. Daß Turchin einen wesentlichen modellexternen Faktor zugestehen muß – es handelt sich um das Sinken der relativen Löhne ab den 1970ern, bedingt vor allem durch Einwanderung und Frauenarbeit –, ändert nichts an der Prognose für die politische Stabilität. In Punkto Einwanderung ist das Gegenteil der Fall.

Was können wir Deutsche von Turchin lernen? Viele Entwicklungen, die er für Amerika diagnostiziert, sind auch bei uns wahrnehmbar. Wichtig ist auf lange Sicht: Die Globalisierung hat metatehnische Bruchlinien mitten durch unsere Städte gezogen. Es ist nicht klar, wohin das führen wird. Eine wichtige Erkenntnis Turchins ist jedoch, daß die dazugehörige kulturelle Evolution Zeit braucht. Multikulti führt nicht zur plötzlichen Einheit des Volkes, aber es bleibt auch nicht folgenlos. Die Evolution von Asabiya dauert. Drei Jahrhunderte vor Jermak Timofejewitschs Sieg über die Tataren bei Sibir ließen sich die russischen Fürsten einzeln von der Goldenen Horde verspeisen. Auch unsere Vorfahren brauchten zwei Jahrhunderte Krieg mit den Römern, bis sie davon absahen, ihre Führer zu ermorden, sobald die Legionen im Winterquartier waren. 


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