3. Juli 2021

Schilfrohr im Wind

Heino Bosselmann / 57 Kommentare

Konservativer Ansatz: Was wir ererbten Wesens und mit biographischer Prägung sind, das gilt es zu pflegen, also zu entwickeln.

Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

  • Sezession

Indem wir dankbar zu sein haben für unsere Existenz, was einschließt, daß wir sie – neben allem Wundervollen daran – in ihrer Armseligkeit, Dramatik und mit ihrem Leid hinzunehmen lernen.

Wir sollen dieses vermeintlich Negative eben gerade nicht negieren, sondern umgekehrt genau als den Kern des Lebens begreifen, und dies guten Mutes.

Glück wird zeitweilig erfahrbar, wenn wir uns bescheiden, also die Bedürfnisse unserer Natur reduzieren, und wenn wir zu würdigen wissen, was uns zukommt. Wir können es mit sanfter Hand festzuhalten versuchen. Aber sobald wir ein ersehntes Geschick herbeizerren wollen, wird es uns entgleiten. Das Geschick trägt oder verwirft uns, nicht umgekehrt.

Das vitale Wollen liegt in unserer Natur – wie in der jedes Mitgeschöpfs. Aber anders als die Tiere und Pflanzen vermögen wir es zu erkennen, dazu auf Abstand zu kommen und es nach unserem Maß einzurichten, wenn wir denn unser Maß finden und die Kraft, uns bedachtsam zu bescheiden.

Entgrenzen wir, überheben wir uns, fallen wir der Hybris anheim. Verfallen wir gar der Anmaßung und dem Hochmut, so befinden wir uns im Bereich von aller Sünden Anfang, der Superbia.

Man kann das religiös oder mythologisch auffassen, wenn man anders nicht darauf zu kommen vermag, man kann es philosophisch herleiten, aber vor allem wird man es unweigerlich selbst im Lebenslauf erfahren. Wir alle haben es probiert, Herren über das Schicksal sein zu wollen – und sind damit gescheitert.

Offenbart sich das nicht an äußeren Zeichen, so an den inneren Rissen, die manche von uns wie ein Pilzgeflecht durchziehen, selbst wenn sie Zuschnitt und Oberfläche nach über einen Beach-Body verfügen und damit im Porsche sitzen, was ihnen gegönnt sei, denn häufig liegt genau darin eine Kompensation empfundener Unzulänglichkeit oder gar des tiefen Bewußtseins unentrinnbaren Lebensleids.

Beständig haben wir uns zu stellen, uns zu positionieren. Sind wir wachen und offenen Sensorium, entbirgt sich uns das Wichtige und Entscheidende, häufig eher intuitiv und nur selten so, daß wir es begrifflich zu fassen vermögen.

Was wir empfangen, ist nicht sicher. Das Signal selbst vielleicht schon, unsere Widerspieglung und die so hochgehaltene Vernunft weniger. Also nachschwingen lassen, was uns erreicht, Zeit nehmen, Ruhe suchen. Irren werden wir immer, aber vermutlich weniger (also weniger gefährlich), wenn wir die innere Aufmerksamkeit pflegen und wissen, daß wir uns letztlich nicht sicher sein können. Skeptisch bleiben im Geiste, dabei aber fest in der Haltung.

Als vermeintliches Vermögen, in der Erkenntnis sichergehen zu können, ist der Begriff der Urteilskraft allzu schnell aufgerufen. Kant etwa verwandte sein ganzes Leben darauf, zu prüfen, was genau das kritische Denken gegebenenfalls vermag. Am Ende blieb viel weniger, als die übrigens höchst populistische Bildungspolitik locker jedem verspricht.

Demut hingegen wird heutzutage verlacht, aber gerade sie kann als der Tugenden wichtigste gelten, bewahrt sie doch vor der Entgrenzung ebenso wie vor kurzschlüssiger Fehl- oder Halberkenntnis. Demütig wissen wir: Bei uns selbst liegt nicht viel, im gesamten Sein jedoch alles.

Passe ich in meinem Dasein zum Sein, befinde ich mich – vorübergehend nur – im Zustande der Gnade, der Angenommenheit. Diesen Segen kann ich zu jonglieren versuchen, was nicht garantiert, daß ein paar Meter weiter der Absturz erfolgt, den ich hinzunehmen habe. Was sonst? Die freie Gnadenwahl, von der das Christentum ausgeht, ist dafür tiefer Ausdruck: „Denn er spricht zu Mose (2. Mose 33,19): ‚Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.‘ So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.“

Man kann das sogar naturalistisch-physikalisch und dabei etwas trivial denken: Füge ich mich physiologischen Grundgegebenheiten nicht ein, erkranke ich. In gewisser Weise dürften u. a. Verfettung und Verblödung als Folgen eines falschen Lebens zu erkennen sein.

Aber die Mitmenschlichkeit, die Gesellschaft, das Gemeinwesen? Wir können nicht ohne, schon der Arbeitsteilung wegen nicht. Nur ist mitunter von den anderen weniger zu erwarten als beständig verheißen. Sie sind mit ihrer eigenen Jonglage beschäftigt. Eher also ihnen zusehen, davon lernen, insbesondere von den Fallbeispielen fatalen, ja unweigerlichen Scheiterns.

Politik als die so oder so gestaltete Form der öffentlichen Angelegenheiten ist organisatorisch und systemisch notwendig, kann aber nur eine stets neu anzupassende Art des Krisenmanagements sein, das auf die großen Widrigkeiten zu reagieren versucht, etwa so wie die Kommandobrücke eines Schiffes in hoher See entscheidet und den Kurs zu halten versursucht. Aber häufig stimmt schon der Kurs nicht, und noch jedes Schiff – künstlich wie alle unsere Konstrukte und die vermeintlichen „Grundvereinbarungen“ der Politik – sank oder wurde irgendwann abgewrackt. Nicht das Schiff ist die Hauptsache, sondern das Meer, die „schwere See“, in der wir uns täglich befinden. Wir sind und bleiben das Pascalsche Schilfrohr im Wind.

Die Demokratie als ein im Gesellschaftsvertrag gebildetes Kollektivorgan menschlicher Vernunft zu begreifen mag einer der gefährlichsten Trugschlüsse der Geschichte sein. Weit wahrscheinlicher vermutlich, daß ein absolutistischer Monarch einzeln und für sich „vernünftig“, so aber gleichsam zum Wohle seiner Landeskinder entscheidet, als daß die es kraft einer Art von Schwarmintelligenz verstünden. Und selbst wenn sie das Richtige erkannten, setzten sie es nicht unweigerlich um, sobald sich dieses Erkannte zwar als gut und richtig, aber dennoch gegen ihre kurzfristigen und egoistischen Interessen gerichtet erweist. Was man als Einzelner begreift und als richtig oder segensreich erkennt, dem kann sich die Masse auf ewig verschließen – oder umgekehrt: Das Gute, Wahre und Schöne verschließt sich ihr.

Zur Demokratie bemerkte kürzlich Salman Rushdie in einem F.A.Z.-Interview:

„(…) Mit der Demo­kra­tie verhält es sich wie mit Geld oder mit Gott. Geld hat keinen Wert, solan­ge wir uns nicht darüber einig sind, daß es Wert besitzt. Gott exis­tiert nicht, solan­ge wir nicht verein­ba­ren, daß er exis­tiert. Dinge haben einen Wert, wenn wir an sie glau­ben.“

Hierzulande ist dieser Glaube an die Demokratie durchbefohlen. – Aber: Noch jede Demokratie bedurfte irgendwann einer Tyrannis, um das zu sprengen, was sich als – Kraft Mehrheitsentscheidungen! – unkorrigierbar, aber korrekturbedürftig verbaut erwies. – Den Sturm auf das Capitol haben wir unlängst erlebt … – Befinden wir uns jetzt in einem „zivilisierten Zwischenspiel“, wie Rushdie es im erwähnten Interview nennt?

Hebräer 13,14: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, und die zukünftige suchen wir.“ Das erste ist unmittelbar evident, die Unsicherheit, die Wanderschaft, das zweite läßt sich nur religiös oder quasireligiös hoffen. Eine nützliche Übung mag jedoch darin bestehen, vom Glauben an ein finales Ziel, gar von der Hoffnung auf eine Erlösung von zwangsläufiger Schuld konsequent abzusehen. Man bleibe im Jetzt und wende sich den kleinen Dingen zu. Die gestalte man, so gut es geht, richtig. Non multa!

Die derzeit immer impertinenter erfolgende „politische Bildung“, all die staatlichen Kampagnen für Gerechtigkeit, Antidiskriminierung, Gleichberechtigung, ganz zu schweigen von verlogenen AgitProp-Begriffen wie „Toleranz“, „Buntheit“, „Diversität“ und „Inklusion“, suggerieren wieder mal die Konstruierbarkeit eines Himmels auf Erden, eines Paradieses, in dem der Wolf beim Lamm liegt.

Der staatlich subventionierte Dauergebrauch dieser Worte deutet aber tiefenpsychologisch vielmehr darauf hin, genau das intensiv zu beschwören, von dem man nicht mal selbst überzeugt ist. Der Sozialismus kündete beständig vom hohen Ziel weltweiter Menschheitsbefreiung, ja -erlösung, ohne dem auch nur ein Stück näher zu kommen. Er wollte nicht weniger als alles, ein säkularisiertes Himmelreich, aber er gewann nichts. Je tiefer die unausgesprochene Einsicht in die Vergeblichkeit erfolgte, um so mehr rüsteten die Funktionäre die Rituale auf, um so schriller wurden die Losungen und um so größer die Transparente. So interessant wie pervers, daß die chinesischen Kommunisten für ihren erhofften Endsieg sogar den kapitalistischen Drachen reiten.

Ausnahmslos beschworen linksutopische Versuche den Horror herauf, dem sie entrinnen wollten. Je intensiver sie „die Massen“ dem vermeintlichen Glück entgegentrieben, um so schneller verließ der Mensch das politisch halbwegs sichere Gelände, weil er sich überhob, indem er seine eigenen Defekte zu bedenken vergaß. Immer wenn er meinte, nur gut sein zu können und dabei zu allem befähigt und berechtigt, war er heillos verloren. Sozialismus beginnt nicht mit einer irrigen Ökonomik, sondern mit einem verklärten Menschenbild.

Die Linke kreierte einen gefährlichen Religionsersatz, gemodelt aus der Genetik des deutschen Idealismus und von Marx, Lenin, Mao materialistisch überformt. Sie erkennt den Menschen pauschal als gut; jedenfalls wäre er das, wird argumentiert, wenn man ihm nur endlich gefällige Umstände einrichte. Gerade soll es wieder soweit sein und der Mensch ganz bei sich selbst ankommen können, meinen die linksgrünen Verheißer.

Die Rechte indessen mahnt. Sie mahnte immer und suchte ihre Legitimation u. a. im katholischen Menschenbild oder in Varianten pessimistischer Anthropologie, die den Menschen immerhin so nahm, wie er ist – und nicht so, wie er sein sollte. Damit bekommt man keinen Beifall, weil der Mensch sich von einem kritischen Bild seiner selbst gekränkt fühlt. Der treffende Aphorismus, den Kapitalismus habe man nicht erst erfinden müssen, den Sozialismus hingegen schon, könnte man dahingehend erweitern, daß man möglichst den Menschen ebensowenig neu erfinden sollte, da man sonst gefahrlaufe, monströse Chimären hervorzubringen.

Eine negative Anthropologie, aus der heraus der Nächste zwar als das Mängelwesen angesehen wird, das er ist, sich aber dennoch angenommen finden darf, und sei’s mindestens durch Gott, ist ein modus operandi, der das Mögliche versucht, anstatt das Unmögliche zu versprechen und damit Gefahr heraufzubeschwören. Den Menschen in seiner Beschränktheit zu sehen, das ist eben kein Totalitarismus, sondern dessen Verhinderung.

Der ehrenvollster und mutigster Teil der Rechte schritt ein, wenn die Hoffnungen und Utopien ins Irre wucherten. War die Linke zu sehr aufs irdische Leben versessen, hielt die Rechte ihr entgegen: Viva la muerte! Mitunter bedarf es dieser Konsequenz, mindestens in der Polarisierung der Kräfte. Offenbar ist es wieder an der Zeit, wenigstens Freikorps eines radikal konservativen Denkens zu bilden. Zur dringend notwendigen Korrektur einer höchst gefährlichen Tendenz.


Heino Bosselmann

Heino Bosselmann studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

  • Sezession

Kommentare (57)

Volksdeutscher

3. Juli 2021 11:42

"Was wir ererbten Wesens und mit biographischer Prägung sind, das gilt es zu pflegen, also zu entwickeln."

Diesem dem geschichtlichen Bewußtsein huldigenden Spruch kann man uneingeschränkt zustimmen. Man kann ihn sogar biologisch wenden: "Was wir mit biologischer Prägung sind, das gilt es zu pflegen, also zu entwickeln." Vieles davon freilich, was unsere Biologie als Deutsche, Europäer und Weiße ausmacht, können wir nicht in ihrem Innersten beeinflussen, wohl aber in ihrem Äußeren durch unsere begangenen oder unterlassenen Handlungen. Auch unsere Biologie hat eine eigene Geschichte, auch sie gehört mit zu unserer großen Geschichte.

Franz Bettinger

3. Juli 2021 12:53

In jeder Lage, auch in widrigen, unverkrampft und schicksalsergeben sein Bestes zu geben, genügt, um zufrieden (mit sich) zu sein. Mehr geht nicht. 

Franz Bettinger

3. Juli 2021 13:11

@Bosselmann schreibt "Noch jede Demokratie bedurfte irgendwann einer Tyrannis, um das zu sprengen, was sich als unkorrigierbar, aber korrektur-bedürftig erwies. – Den Sturm auf das Capitol haben wir unlängst erlebt.“

Zwei für mich völlig unverständliche Sätze! Wird hier der Tyrannis (einer Merkel oder eines deep state) das Wort geredet? Und was hat das (zumal noch inszenierte) Stürmchen des Volkes auf das Capitol der USA damit zu tun? Sehnt sich Herr Bosselmann nach großen tyrannischen Paukenschlägen?  War die Welt vor 2006 (ja gar vor 2015) so schlecht, dass man sie zum Teufel wünscht? Ich sehe das ganz anders.

Eo

3. Juli 2021 13:14

Wir sind mehr die Kinder
unserer Eltern als die Kinder unserer Zeit; die wir natürlich auch immer sind.

Monika

3. Juli 2021 14:24

Für diese Erkenntnis braucht es nicht unbedingt einen konservativen Ansatz, sondern nur etwas Menschenkenntnis oder Lebenserfahrung. Man lese mal wieder „Von der Kürze des Lebens“( Seneca) , das „Narrenschiff“ ( Sebastian Brant) oder „Das Lob der Torheit“ ( Erasmus von Rotterdam) . Tief im Innern weiß auch der moderne Mensch um die Vergeblichkeit irdischen Tuns und, dass er nur ein Schilfrohr im Wind ist. Ich wage mal die steile These, dass Annalena genau aus diesem Grunde zum Sündenbärbock gemacht wird. Ich finde es erstaunlich, wieviele Menschen ( Männlein wie Weiblein) sich mit Inbrunst an dieser Frau abarbeiten. Vielleicht, weil sie mit erstaunlicher Naivität und Selbstüberschätzung mit „diesem Land was machen will.“ 🤔Dabei weiß der wartende Mensch: „Das Tiefste, Beste kann man überhaupt nicht machen, es wird. Gott schafft es, und die Natur, seine Magd. Dem muss man Zeit lassen, Raum geben.“( Romano Guardini) 

Gracchus

3. Juli 2021 15:10

Seltsame Koinzidenz: Gestern Nacht vor dem Zubettgehen ereilten mich ähnliche Gedanken, allerdings mit partiell anderem Ergebnis. 

Die (eigenen) Grenzen kann man nicht erfahren, wenn man sie nicht ausgetestet hat. An die eigenen Grenzen zu gehen, gehört offensichtlich zur condition humaine. 

Warum nicht Herr über das eigene Schicksal werden wollen? Bzw. das Schicksal in die Hand nehmen wollen? Was ist das Schicksal? Ist es deterministisch? Es belässt bzw. eröffnet doch Gestaltungsräume. 

Wenn jemand einen sogenannten Schicksalsschlag erleidet - zum Beispiel er wird durch einen Unfall an einen Rollstuhl gefesselt -, kann er damit vor allem innerlich ganz unterschiedlich umgehen. 

Dieter Rose

3. Juli 2021 15:37

 @Franz Bettinger 12:53

Aequam memento rebus in arduis servare mentem.

Denke daran, in schwierigen Lagen Gleichmut zu bewahren.

Carsten Lucke

3. Juli 2021 18:13

So geht's nicht, sehr verehrter Herr Bosselmann,

erst verwöhnen Sie einen mit wirklich erstklassigen Texten - geistreich, realistisch, immer den Punkt treffend und sprachlich hervorragend (freilich auch hier) - um anschließend eine Predigt zu halten !?

Will ich nicht ! Bitte behalten Sie Ihre schöne, impertinente Sachlichkeit bei - mit der Ihnen wohl innewohnenden unnachahmlichen Nachsicht ! 

Auch mir ist die "Schöpfung" sehr wichtig - jedoch nur in der Kunst. Nur dort.

Hochachtungsvoll ! C.L.

 

 

 

 -

 

AmazonBesteller

3. Juli 2021 19:12

@ Franz Bettinger

"In jeder Lage, auch in widrigen, unverkrampft und schicksalsergeben sein Bestes zu geben..." 

Sie meinen wie der römische Legionär, der weiter Wache steht, während gerade der Pompeji Lava speit?

 

@ Heino Bosselmann

"Wir alle haben es probiert, Herren über das Schicksal sein zu wollen – und sind damit gescheitert."

So wie Sie das schreiben, könnte man meinen Sie leiden an einer ernsten Krankheit (hoffentlich nicht)?

Und die Rechten als bloßer Geist der stets verneint? Die Mahner? Klugscheißer? Damit könnten Sie recht haben. Was auch ganz gut die Perspektivlosigkeit und Ideenlosigkeit der Rechten illustriert. Ein Selbstbild, mit dem ich mich nicht identifiziere.

"Der ehrenvollster und mutigster Teil der Rechte schritt ein, wenn die Hoffnungen und Utopien ins Irre wucherten. "

Oh, oh, oh... Erlöserdenken. Zu viel Comics gelesen?

Wir befinden uns im Jahre 2021 n.Chr. Ganz Deutschland ist vom Globohomo besetzt... Ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Deutschen bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten... 

Heino Bosselmann

3. Juli 2021 19:13

@ Carsten Lucke: Ich danke Ihnen. Und verstehe, was Sie meinen. Nachvollziehbar. Manchmal reißt es einen dann doch zu Grundsätzlichem hin und man spricht plötzlich in der ersten Person Plural. -"Impertinente Sachlichkeit." Treffender Begriff. Ja, sollte am besten die Linie bleiben. Händedruck. Stilles Kopfnicken.

kikl

3. Juli 2021 19:29

"Weit wahrscheinlicher vermutlich, daß ein absolutistischer Monarch einzeln und für sich „vernünftig“, so aber gleichsam zum Wohle seiner Landeskinder entscheidet, als daß die es kraft einer Art von Schwarmintelligenz verstünden."

Wir hatten lange genug eine Quasi-Monarchin Merkel, die das Land zugrunde richtet. Ich glaube, dass die Konzentration der Macht in einer Person das Schlimmste in diesen Menschen heraufbeschwört, siehe Stalin, Hitler, ...

"Schwarmintelligenz" ist zwar ein Modebegriff, es ist aber kein Zufall, dass besondere Leistungen in der Regel in einem besonderen Umfeld entstehen. Die Suche nach der Wahrheit setzt den offenen Streit um die Wahrheit und damit die Meinungsfreiheit voraus. In diesem Umfeld der Meinungsfreiheit herrscht keine Angst.  Das "Genie" fällt nicht vom Himmel sondern bildet sich in einem kommunikativen Umfeld aus.

Die "Schwarmintelligenz" des Volkes und damit das Funktionieren der Volksherrschaft setzt voraus, dass im ganzen Land ein Umfeld geschaffen wird, in dem offen und kreativ um die Wahrheit gestritten wird. Davon sind wir meilenweit entfernt in Zeiten von penetranter Staatspropaganda auf allen Frequenzen (ÖRR), massiver Zensur und systematischer Einschüchterung und Diffamierung von Andersdenkenden. Auch deshalb ist Deutschland keine funktionierende Demokratie.

Der_Juergen

3. Juli 2021 19:36

Bei all dem Schönen und Wahren, das in diesem Beitrag steht, habe ich schon überzeugendere Artikel von Heino Bosselmann gelesen. Neben dem bereits von @Bettinger gerügten, seltsamen Absatz über den "Kapitolsturm" irritiert mich vor allem, dass Bosselmann - offenbar beifällig - Rushdies Ausspruch "Gott exis­tiert nicht, solan­ge wir nicht verein­ba­ren, daß er exis­tiert." anführt.

Die Leugnung einer objektiven Realität ist meiner Überzeugung nach die entscheidende Schwäche bei Kant und bei dem von mir als Meister der deutschen Sprache sowie aufgrund seines tiefen Mitgefühls mit der Kreatur ansonsten hochgeschätzten Schopenhauer. Wenn ich die Anekdote recht in Erinnerung habe, sagte der junge Schopenhauer anlässlich seiner Audienz bei Goethe: "Die Sonne würde nicht existieren, wenn wir sie nicht sähen", worauf er die Antwort erhielt: "Vielmehr würden Sie nicht existieren, wenn die Sonne Sie nicht sähe."  Gott als Schöpfer des Universums bestand sehr wohl schon lange, bevor er Menschen schuf, die über sein Vorhandensein nachdachten.

@Amazonbesteller

Der "Pompeji, der Lava speit", liegt zweifellos unweit der Stadt Vesuv? Dort, wo Italien die Halbinsel Mittelmeer umspült?

heinrichbrueck

3. Juli 2021 19:49

Eine gute Dorfpredigt. Und ein gutes Beispiel, wie das Pseudochristentum jede weiße Politik sabotiert. Sprachliche Interpretationsspielräume. Chaos dort, wo der Nullzins nicht erst erfunden werden mußte.
Es ist wirklich die Frage, was wir erlebt haben. Aber einen Sturm auf das Capitol? Wenn schon die vermeintlich erlebte Geschichte dermaßen gefälscht werden kann, wie zum Beispiel das 20. Jahrhundert, was ist die Vergangenheit dann wert? Wenn wir Gott nicht politisch mißbrauchen, folgt die Kultur der Biologie. 
Jeder Staat hat eine Agenda. Diejenigen, die dagegen sind, werden benachteiligt. Daran wird sich nichts ändern. "Mehrheitsentscheidungen"? Ich frage Petrus. 
Dem Sozialismus einen eigenen Willen anzudichten, ihn als gescheitert anzusehen, eine unstimmige These. Vielleicht wußte der Sozialismus Dinge, von denen die Sozialisten nichts ahnten. Was scheiterte denn, ein negativer Verlauf, also Dezimierung der Europäer, oder die positive Erwartung? 
Wo bleibt das eigene Denken? Immer diese Verausländerung, seit Segestes Anbiedrung an Rom, das Verharren in politisch selbstverschuldeter Unmündigkeit. 
Der Möntsch interessiert nicht. Es geht um deutsche Menschen. 
Linke und Rechte? Die Zerleger aller Dinge, alles in den Dreck zu ziehen, oder die Synthetiker? Kritische Kritik ohne nordischen Mehrwert. 
Die Realität und ihre Weigerung? Darf man die Auslese steuern? 

AmazonBesteller

3. Juli 2021 20:14

@Der_Juergen

 

Hahaha, ja, sie haben recht. Danke für den netten Hinweis. Sowas passiert mir leider öfter, da ich es nicht lassen kann, die Sätze kurz vor dem Absenden doch noch schnell zu ändern. Aber Vorsicht: Angeblich kann Pompeji jederzeit wieder ausbrechen.

Bei dem Kommentar von Franz Bettinger musste ich sofort an das Bild des römischen Soldaten denken.

Gustav Grambauer

3. Juli 2021 20:31

Der_Juergen

I

"Die Sonne würde nicht existieren, wenn wir sie nicht sähen" vs. "Vielmehr würden Sie nicht existieren, wenn die Sonne Sie nicht sähe."

Siehe: https://www.literaturhaus.ch/bibliothek/fundstueck/fundstueck-schopenhauers-farbenlehre-mit-und-gegen-goethe

Und beachte: "Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu danken. Aus gleichgültigen tierischen Hilfsorganen ruft sich das Licht ein Organ hervor, das seinesgleichen werde; und so bildet sich das Auge am Lichte fürs Licht, damit das innere Licht dem äußeren entgegentrete. Hierbei erinnern wir uns der alten ionischen Schule, welche mit so großer Bedeutsamkeit immer wiederholte: nur von Gleichem werde Gleiches erkannt, wie auch der Worte eines alten Mystikers, die wir in deutschen Reimen folgendermaßen ausdrücken möchten:

   Wär` nicht das Auge sonnenhaft, 
   Wie könnten wir das Licht erblicken? 
   Lebt` nicht in uns des Gottes eigne Kraft, 
   Wie könnt' uns Göttliches entzücken?

Jene unmittelbare Verwandtschaft des Lichtes und des Auges wird niemand leugnen, aber sich beide zugleich als eins und dasselbe zu denken, hat mehr Schwierigkeit. Indessen wird es fasslicher, wenn man behauptet, im Auge wohne ein ruhendes Licht, das bei der mindesten Veranlassung von innen oder von außen erregt werde.

Gustav Grambauer

3. Juli 2021 20:33

II

... Wir können in der Finsternis durch Forderungen der Einbildungskraft uns die hellsten Bilder hervorrufen. Im Traume erscheinen uns die Gegenstände wie am vollen Tage. Im wachenden Zustande wird uns die leiseste äußere Lichteinwirkung bemerkbar, ja wenn das Organ einen mechanischen Anstoß erleidet, so springen Licht und Farben hervor." - Goethe: "Zur Farbenlehre", Einleitung, Hervorhebung von mir

"Wär` nicht das Auge sonnenhaft ..." findet sich in einer feinsinnig abgewandelten Form auch später (1827) in den Xenien wieder:

   "Wär nicht das Auge sonnenhaft,
   Die Sonne könnt es nie erblicken;
   Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
   Wie könnt uns Göttliches entzücken?" - Xenien, 667

Das "es" in der zweiten Zeile läßt sich nämlich in beiden Richtungen interpretrieren!

- Gugra

Waldgaenger aus Schwaben

3. Juli 2021 21:00

Wir sind der Vorstimmung unterworfen, aber nicht gänzlich, wenige Momente unseres Daseins sind wir frei, diese aber bestimmen den Lauf des eigenen Schicksals und manchmal auch das anderer.

Tiere, Pflanzen, Sterne, die gesamte belebte und unbelebte Welt sind Darsteller eines gewaltigen Schauspiels. Sie betreten die Bühne, spielen ihre fest vorgegebene Rolle und treten wieder ab, ohne vom Stück, der Bühne und dem Autor zu wissen.

Doch wir Menschen, wir können die Rolle verlassen und eine andere spielen. Der Autor hat uns nach seinem Bilde geschaffen und uns diese Freiheit gelassen.  In den höchsten Momenten unseres Leben erkennen wir diese Freiheit ohne jeden Zweifel.

Der_Juergen

3. Juli 2021 21:05

@Grambauer

Danke, das sind wirklich nützliche Hinweise.

Gustav Grambauer

3. Juli 2021 21:32

Korrigiendum: die Xenien sind sogar früheren Datums, von 1797. "1827", wohl von einem anderen Zusammenhang her abgetippt, hätte mir sofort auffällig sein sollen, da war Jogoe schon tot, Frischil erst recht.

- Gugra

Gracchus

3. Juli 2021 21:52

Zusammengefasst:

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
  den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
  und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Laurenz

3. Juli 2021 23:09

Empfinde den Artikel HBs überhaupt nicht als "Predigt", eher als richtig. Wie man sich denken kann, stören mich die Bibel-Zitate, denn entweder gelten sie nicht für uns, oder sie gelten nur für "uns". Viel treffender wären die Nornen gewesen, die unbarmherzig unsere Schicksalsfäden stricken (etwas anderes ist auch immer gelogen) & Gracchus hat es fast, also fast korrekt formuliert. Die Frage ist, wie gut wir unser Schicksal aushalten. Jeder bleibt doch zeitlebens nicht an seinen Stärken hängen, sondern immer an den persönlichen Schwächen, die herausfordern, auch wenn nötig, sogar den eigenen Volkscharakter zu umgehen, zB die Nibelungentreue. Mich am degenerierten Monotheismus aufzuhalten, der als Preis für ungesunde Zivilisation anzusehen ist, erspare ich mir. Wer selbst Spiritualität erleben will, ist immer im Jetzt & nicht im verfälschten Jetzt vor 2.000 Jahren. Denn jetzt ist immer der wichtigste Augenblick im Leben eines Sterblichen. Und erlösen kann sich jeder immer nur selbst. Vermag man das nicht, landet man im Orkus des Universums. Wer sich hier auf andere verläßt, ist verlassen. Was Franzens Tyrann angeht, so ist das immer Glückssache. Kann man haben, ist aber eher selten.

Gotlandfahrer

3. Juli 2021 23:46

https://youtu.be/imuXBjxIz9Y

Wenn das schon immer aussichtslos war, will ich wenigstens mit Verachtung für sie sterben. 

Gracchus

4. Juli 2021 01:08

@Laurenz

Bei meiner Antwort versuche ich mich jedweder Polemik zu enthalten, auch wenn ich darauf gefasst bin, reine Polemik zurückzubekommen. 

Man kann aber eben an ihrer Antwort gut den Unterschied markieren. In ihrer spirituellen Weltsicht gibt es keine Barmherzigkeit; das Universum, in dem sie leben, ist gegenüber seinen Kreaturen völlig gleichgültig. Es ist gnadenlos. 

Die christliche Erfahrung ist eine andere. Es würde heute niemand mehr an Jesus Christus glauben, wenn er nicht selber die göttliche Barmherzigkeit, Liebe und Gnade erfahren hätte. 

 

 

 

Laurenz

4. Juli 2021 05:32

@Gotlandfahrer

Könnten Sie das bitte näher erklären? Kein Schwein wollte zu diesem Zeitpunkt für einen Versager des Hauses Hohenzollern kämpfen, geschweige sterben. Und das soll sich bis zum heutigen Tage geändert haben?

Laurenz

4. Juli 2021 05:36

@Gracchus @L. (1)

Ich will keine zeitschnur-Debatte führen, denn die ist zwar an sich legitim, aber wäre nie repräsentativ, genausowenig wie ich selbst repräsentativ bin. Der "Schamanismus" ist zwar weltweit auf dem Vormarsch, wächst aber nur sehr langsam, weil er, seinem Wesen gemäß, nicht reguliert, nicht organisiert ist. Und jegliche "Mission" ekelte mich an, das ist mit eigener Kultur & Patriotismus auf unserem Planeten unvereinbar. Ich habe nur die eindeutige, degenerative Historie (Shintoismus > Vielgötterei > Monotheismus > Marxismus-Materialismus) zitiert, weil ich, im Gegensatz zu Ihresgleichen, keine rhetorische Debatte führen will. Sie & Ihresgleichen haben die Debatte, über den Zeitgeist hinaus, längst verloren, aber wie führen Verlierer den Krieg? Sie schlagen um sich & mein Beitrag würde nicht durchgehen. Was hätte ich davon? Mich besser fühlen, weil ich Sie alle an Ihrer Achillesferse erwischen würde & ich Ihnen überlegen bin? Gewiß nicht. Also lassen Sie mich nur so viel sagen: Das Universum ordnet alles seiner eigenen Bewußtseinswerdung unter. Castaneda spricht in seinen Werken bezüglich der Spiritualität von tief empfundener abstrakter Liebe. Aber die kann & will ich in der Kürze dieser Debatte nicht erklären.

Laurenz

4. Juli 2021 05:46

@Gracchus @L. (2)

Und was den Menschen angeht, so leiden Sie, Gracchus, an einer egoistischen Fehlwahrnehmung. Was mußte die Menschheit in 2.000 Jahren an "göttlicher Unbarmherzigkeit", - Haß & - Ungnade, Dunkelheit & Schmerz erfahren, damit Ihre persönliche Interpretation einer christlichen Heilsgeschichte eingebildet werden kann? Da kann man sich auch gleich der wahren Mentalität unseres Seins stellen. Und das in Anbetracht dessen, daß wir alle geistig mißbraucht & in unserer Kindheit früh geprägt wurden, auch ich. Bleiben wir bei der Liebe. Trotz Ihrer Lehre blieb die Liebe ein rares Gut, denn alle suchen nach ihr. Die am meisten eminente Frage nach der eigenen Liebe bleibt trotz mißbräuchlicher Prägung auf der Strecke. Was brauchen Sie noch, um Ihr völliges Versagen zu vergegenwärtigen, zu erkennen, daß Sie nur Opfer einer beabsichtigten global-politischen Wirkung wurden? Aber niemand will seine Lebenslügen debattieren, Sie doch auch nicht. Warum provozieren Sie & Ihresgleichen dann immer, obwohl dann, wie im linken Zeitgeist, die Zensur zuschlagen muß? Meine Bitte um eine rein säkulare Debatte bleibt unerhört. 

Maiordomus

4. Juli 2021 06:18

@Bosselmann. Wenn das, was Sie schreiben, Ausdruck von antidemokratischem und antirechtsstaatlichem Rechtsextremismus ist, gilt auch für die Artikel der hier schreibenden Frauenfraktion einschliesslich ihrer Ehegatten, dann bin ich gerne auch ein dem Verfassungsschutz unterworfener "Rechtsradikaler", als derjenige ich indes vor 50 Jahren im eigenen Land immerhin fichiert war. Meine erste Stellenbewerbung als Gymnasiallehrer wurde denn auch deswegen trotz Rang 1 nach der Probelektion übrigens neu ausgeschrieben, und auch meine einzige Anstellung überhaupt erfolgte gegen den Einspruch eines Vertreters einer Gewerkschaft von Öffentlichrechtlichen, was für mich ein Grund ist, in Sachen Höcke immer wieder hervorzuheben, dass eine Anstellung von ihm an einer Universität oder an einem Gymnasium verfassungsrechtlich bedeutsamer wäre als ein Parlamentsmandat, mein voller Ernst. Das Schulzimmer ist und bleibt wichtiger als ein Parlament, in dem hauptsächlich "aus dem Fenster" gesprochen wird, nicht zuletzt von der AfD. Auf eines würde ich wetten: Bärbock hält intellektuell mit den hier schreibenden Frauen nicht mit.. 

Maiordomus

4. Juli 2021 06:27

@Laurenz. Hätten Sie die drei Bände Deutsche Mythologie durchgearbeitet, von den Brüdern Grimm, die Bibel mal so gelesen wenigstens wie Ernst Jünger oder auf dem Niveau des Papyrologen Carsten Peter Thiede, meines verstorbenen Freundes, überdies das Gilgamesch-Epos, würden Sie Ihre unqualifizierten Urteile über die besagten Texte, die wie Dantes Göttliche Komödie (Jubiläum im September -. bedeutendstes Schriftstück des Mittelalters, was auch Nietzsche aufgefallen ist) vielleicht etwas differenzieren, weil Sie im Prinzip ja nicht dumm sind. Es geht bei jeder Zeile dieser Bücher um die Möglichkeit der Selbsterkenntnis des Menschengeistes. Mit Bekenntnissen a priori muss es eigentlich nichts zu tun haben. Ob Jesus überhaupt Religionsstifter war oder gar "Kirchengründer" (was Hans Küng mit einigen Gründen in Frage stellt), würde ich ohnehin offen lassen. 

Laurenz

4. Juli 2021 08:35

@Maiordomus L.

"bedeutendstes Schriftstück des Mittelalters, was auch Nietzsche aufgefallen ist) vielleicht etwas differenzieren, weil Sie im Prinzip ja nicht dumm sind."

Meine Dummheit spielt doch keine Rolle, ich kann auch strunzhohl sein, das tut doch nichts zur Sache.

Wenn ich auch zur Geschichte meines Volkes der einstigen Dichter & Denker stehe, so muß ich bei der Erfolgsbewertung der von Ihnen geschätzten historischen Schreiberlinge nicht wirklich Zeit auf Anatol Broders historischer Schopenhauer-Bande verwenden. Was haben diese Tintenkleckser denn in der Realität politisch bewirkt? Exakt, nichts. Nicht nur ich bin blöd, wir verblöden allgemein.

Da verbleibe ich doch lieber im jetzigen Sein, als mich einstiger Größe, die nicht auf unserem Mist gewachsen ist, hinzugeben. Sie haben bis jetzt meine Sicht der Dinge nicht verstanden, Maiordomus. Ich weiß es viel mehr zu schätzen, wenn Sie aus sich selbst etwas kreieren, zu Papier bringen, als sich auf Hinz & Kunz zu berufen. Die SiN beleuchtet angemessen historische Autoren, auch in volkspädagogischer Hinsicht. Aber im wesentlichen schreiben die Autoren aus sich selbst, ohne sich auf irgendeiner Vergangenheit auszuruhen. Das schätze ich sehr.

RMH

4. Juli 2021 09:45

Auch diesen Text von H.B. empfinde ich als gelungen. Ich schließe mich der allg. Debattenkritik in Bezug auf den Absatz, in dem sich dieser Satz befindet, an:

"Noch jede Demokratie ..."

Diese These kann ich historisch nicht nachvollziehen. Das dt. Kaiserreich bspw. war eine Demokratie mit einem Rechtsstaat, der besser funktionierte als heute, und es wurde von außen gesprengt, nicht von innen. Die Weimarer Rep. ohne der von außen aufgegeben Bürde von Versailles und ohne Druck eines radikalen, auf Verbreitung der Revolution ausgerichteten Bolschewismus (von außen) - wie wäre sie wohl geendet?

Für andere Länder fällt mir auch kein Beispiel ein, welches diese These untermauern kann. Spirituell und esoterisch betrachtet, kann der Satz hingegen wiederum Sinn machen, aber so wurde er nicht formuliert. Wie auch immer, diesen Absatz hätte auch ich gestrichen, einen Rushdie auch nicht zitiert (das Wesen des Glaubens ist nicht Übereinkunft, sondern ein individuelles ja oder nein, Selbst Agnostizismus ist nicht mit Relativismus zu verwechseln), aber die Gedanken des Textes sind gut und keine Predigt. Einer Polarisierung brauche ich in meinem Verständnis übrigens nicht - es würde eine Sammlung und Solidarisierung der eigenen Kräfte genügen.

Maiordomus

4. Juli 2021 10:45

@RMH. In einem Punkt mit Ihnen  wohl einverstanden: einen Salman Rushdie halte ich für überschätzt, eine Einschätzung, zu der ich schon vor 32 Jahren gestanden bin, bei einer kritischen 90seitigen politologischen Studie zum Thema  "Fundamentalismus". Da war Orwell schon eine ganz andere Nummer. @Laurenz. Auch Shakepeare hat politisch in England und auf der Welt nichts verändert, bloss in Sachen Einschätzung des Menschen, auch des politischen Menschen, alles, aber auch wirklich alles, richtig gesehen. Hier nicht von Autoren mit grossem Horizont lernen wollen hiesse, vgl. auch Dante, dumm bleiben zu wollen. Der letztere hat wohl (ausser Schopenhauer) am besten verstanden, was es mit der "Hölle" für eine Bewandtnis haben könnte; genau dies erkannte Nietzsche an Dante, in dem er die Tiefenstruktur der ersten 33 Gesänge analysierte. Für die Hölle gilt: "Auch mich erschuf der ewige Hass." Womit wir bei der heutigen "Hass"-Debatte angekommen wären. So wie heute z.B. "Hass im Netz" denunziert wird, erfolgt dies immer aus ehrlichem Hass auf diejenigen, die etwas anderes hassen als die "Hass"-Bekämpfer...

Andreas Walter

4. Juli 2021 12:01

Demokratie leidet an den gleichen Problemen (Schwächen) wie auch der Marxismus. Aus dem Grund sind ihnen sowohl der Kapitalismus wie auch der real existierende Nationalsozialismus (China, Deutschland im NS) immer überlegen. Der real existierende Nationalsozialismus hat sich darum auch immer davor gehütet, zu nivellierend, zu gleichmacherisch zu sein. Die DDR war auch schon zu viel Sozialismus, konnte darum auch nichts werden. Nord Korea und Cuba das Gleiche. Bei der Monarchie kommt es wie auch in einer Diktatur auf den Monarchen an, ob er oder sie die Goldene Mitte trifft - oder eben nicht. Genug Gold für die Oberschicht und ihre Generäle, aber auch genug Brot und Spiele für's Volk und die Armee.

Gott existiert (ebenso wie auch diese Goldene Mitte), selbst wenn niemand an sie glaubt.

Emanationen der geistigen, seelischen und spirituellen Welt sind nämlich unzerstörbar, sind zeitlos und raumlos. Wie auch meine Gedanken. Dass manche davon seltener als andere sind, oder auch seltsamer, spielt für ihre grundsätzliche Existenz keine Rolle. Sie sind. Selbst die, die bisher noch niemand aufgegriffen, bisher gedacht oder sogar bereits ausgesprochen oder sogar beschrieben hat, sind auch schon da.

So wie die Zahl Pi auch schon immer die Zahl Pi war, auch schon ewig vor ihrer ersten groben Berechnung durch Archimedes. "Von" Ewigkeit "zu" Ewigkeit, Amen.

 

Laurenz

4. Juli 2021 14:56

@Andreas Walter

Stimme Ihnen absolut zu: Die Demokratie ist, da hat HB historisch Recht, immer am Scheitern, aber nicht weil sie utopisch wäre, sondern an der Demokratie-Verweigerung der Mächtigen oder durchaus durch ein Diktat der Siegermächte.

@Maiordomus

Es ist ja nicht so, daß ich nichts gelesen hätte. Mir gefiel immer, auch wenn er politisch-philosophisch scheiterte, Francis Bacon. Und ich genieße auch die Exkurse von GK & EL, weil es dort, auch historisch, immer was Neues zu entdecken gibt. Und die Vorträge/Debatten sind nie abgehoben. Aber explizit für Sie unseren Großen aus Ffm: 

“Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Doktor gar
Und ziehe schon an die zehen Jahr
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum-
Und sehe, daß wir nichts wissen können!

Laurenz

4. Juli 2021 15:07

@RMH

Seit der II. Reichsgründung, spätestens seit dem Berliner Abkommen von 1878, wurden die Hohenzollern, Habsburger & Romanows außenpolitisch an der Nase durch die Manege geführt. Solange Bismarck da war, konnte er die besagte Dämlichkeit des verkommenen Hochadels ausgleichen. Friedrich III. war sicher ein mehr begabter Herrscher als sein Sohn, lebte aber zu kurz, um Einfluß nehmen zu können. Bis auf das Freimaurer-Verbot für Wilhelm II. konnte er nichts tun. Was wir heute erleben, ist immer noch ursächlich im totalen außenpolitischen Versagen der Reichsführungen Deutschlands & Habsburgs vor 1914 begründet. Wäre froh, die ganzen Reichsfreunde hier würden das mal zur Kenntnis nehmen & nicht kaiserlich in der eigenen Blase leben.

Andreas Walter

4. Juli 2021 17:25

@Laurenz

Wir sind eben keine Chinesen. "Die Texaner" ("Amerikaner") sind darum nicht zufällig "den Deutschen" so ähnlich, in ihrer "wilhelminischen" Großspurigkeit, Großmäuligkeit.

https://www.welt.de/geschichte/article148650776/So-deutsch-spricht-man-noch-im-Herzen-der-USA.html

Daran erkenne ich übrigens, wie antideutsch auch Heinrich Mann war, mit seiner Kritik an den europäischen Deutschen.

Doch auch dort, in den VSA, haben sich letztendlich "die Briten" (and "friends") durchgesetzt, nicht nur mit ihrer Sprache.

Die ganze Geschichte auch Deutschlands versteht man daher erst, wenn man sie mindestens ab 1871 betrachtet, besser aber sogar ab dann, als die Sachsen sogar in England mit deutschen Dampfmaschinen für Furore gesorgt haben, der Wirtschaftskrieg gegen das Empire auch damit begann.

Hier kann man ihn so ein bisschen nachvollziehen, den "ersten" deutschen Aufstieg, dem mit dem Krieg ab 1914 dann ein (erstes) Ende gesetzt wurde:

https://www.gewerkschaftsgeschichte.de/die-dampfmaschine-erobert-die-welt.html

Hahaha, hat nur nichts genützt, trotz Versailles.

 

Sandstein

4. Juli 2021 21:24

@carsten lucke

Wieso sollte hier keine Predigt gehalten werden dürfen? Ziehen Sie doch das raus, was Ihnen zuspricht. 
Für mich einer der schönsten Texte die ich seit langem gelesen habe, dafür von mir tausend Dank Herr Bosselmann! 
Vielleicht ist es ja einfach so, dass sich bestimmte Charaktere gekränkt fühlen, wenn sie “mit Gott belästigt“ werden. Verstehe nicht wie man bei einem solchen Bekenntnis Sachlichkeit einfordern kann. Stilles Kopfschütteln! 

Pit

4. Juli 2021 22:07

Wie immer in die Falle getappt :
System ist schlecht; auf dem System steht "Demokratie" drauf -> ergo: Demokratie ist schlecht.
Selbstbestimmung; Selbstbestimmung der Menschen, Selbstbestimmung des Volkes: ist also schlecht.

Falsch. Das Etikett ist falsch beschriftet, es ist der ubiquitäre ETIKETTENSCHWINDEL : das System ist nicht Demokratie, es ist die VORTÄUSCHUNG von Demokratie. Es ist keine Selbstbestimmung, sondern ein gigantischer Betrug der üblichen Verdächtigen.

Nun geht also der Rechte her und macht ne Menge Klimmzüge... uuh die Existenz Gott der pessimistische böse Mensch so nächtig raunend Verstand Aufklärung blaaahh...
und der Rechte steht jetzt also für dies : Selbstbestimmung ist schlecht.

Der ubiquitäre ETIKETTENSCHWINDEL ist das Problem. Niemand macht sich die Mühe der ERFOLGSKONTROLLE: wird denn eingelöst, was versprochen wurde? Wird denn das gemacht, was behauptet wird: DA wird man fündig. Nicht indem man sich leimen läßt und auf einmal all das für schlecht erklärt, was gerade gut für uns ist: 🙄  .

Gotlandfahrer

4. Juli 2021 23:05

@Laurenz:

Ihre Einschätzung teile ich nicht, aber ich habe damals noch nicht gelebt, vielleicht wissen Sie mehr. Mit "sie" meinte ich nicht die Hohenzollern. Mit dem Filmchen war eine Sehnsucht angedeutet, die womöglich damals wie heute in dieser Form umzusetzen nicht empfohlen werden kann.

micfra

5. Juli 2021 10:37

Sehr geehrter Herr Bosselmann,

Sie hätten auch Pfarrer werden können. Mir hat diese Predigt gut gefallen.

Es klingt wie eine Predigt zu Mohler:

'...ein Rechter wird man durch eine Art von "zweiter Geburt". Man hat sie durchlebt, wenn man sich - der eine früher, der andere später - der Einsicht öffnet, daß kein Mensch je die Wirklichkeit zu verstehen, zu erfassen und zu beherrschen vermag.'

Ihr

m.f.

 

Marc_Aurel

5. Juli 2021 10:51

„Und selbst wenn sie das Richtige erkannten, setzten sie es nicht unweigerlich um, sobald sich dieses Erkannte zwar als gut und richtig, aber dennoch gegen ihre kurzfristigen und egoistischen Interessen gerichtet erweist.“

So weit würde ich nicht einmal gehen: Würrden die tatsächlichen Umstände und Verhältnisse den Bürgern glasklar bewusst sein, dann darf man wohl davon ausgehen, dass sich viele davon durchaus vernünftig entscheiden würden, das heißt im Sinne den Ganzen unter Zurückstellung des Eigennutzes.

Damit sind wir aber schon beim zentralen Schwachpunkt des Systems Demokratie: der Zurverfügungstellung objektiver Entscheidungsgrundlagen. In der realexistierenden Demokratie bildet sich schnell eine Maschinerie heraus, deren Aufgabe es ist den Demokratieteilnehmer jeden Tag aufs Neue einzuseifen, denn auch in ihr gibt es Eliten und damit „Klassenkonflikte“ – die Demokratie neigt dazu in eine Oligarchie zu kippen. Das perfide an diesem System ist, das dem Wähler die Entscheidungen anderer (zu denen er gedrängt/hin manipuliert wird), mit etwas Geschick, glaubwürdig als seine eigenen verkauft werden können, da er ja letztendlich das Kreuz gesetzt hat.

Der_Juergen

5. Juli 2021 10:53

@Maiordomus

Jetzt sind Sie als Oberlehrer gefragt: In welcher Schrift hat Nietzsche "die Tiefenstruktur der ersten 33 Gesänge analysiert"? (Vermutlich eher der ersten 34, denn das "Inferno" hat 34 Gesänge, während Purgatorio und Paradiso je 33 aufweisen.)

Im übrigen rate ich auch Ihnen, von nutzlosen Debatten mit dem Blogschwätzer Abstand zu nehmen; Sie verschwenden damit bloss Ihre Zeit.

RMH

5. Juli 2021 14:27

Jetzt wird es zum Ende der Debatte nochmal interessant. Großes Nietzsche-Quiz. Ich nehme Antwort a) und sage "Zur Genealogie der Moral" und bin auf die weiteren Antworten gespannt.

Der_Juergen

5. Juli 2021 19:33

@RMH

In der "Genealogie der Moral", die ich, wenn auch vor Jahrzehnten, gründlich gelesen habe, findet sich mit Sicherheit keine Analyse der Tiefenstruktur der ersten 33 (oder 34) Gesänge der Divina Commedia. Ich bin fast sicher, dass Meister Maiordomus sich für einmal geirrt hat und eine solche Analyse bei Nietzsche nirgends auftaucht. 

Maiordomus

5. Juli 2021 19:56

@jürgen. Die These von der Hölle "Auch mich schuf der ewige Hass" stammt nach meiner Erinnerung aus der 1888 geschriebenen "Genealogie der Moral", wobei freilich Dante noch formuliert hatte: "Auch mich schuf die Ewige Liebe". Es ist indes gut, die tatsächlich 34 Gesänge der "Hölle" in der Tat, wie Nietzsche es vollzog, gegen den Strich zu interpretieren. Die "Hölle" bleibt einer der stärksten Texte aller Zeiten. Die  Ausführungen aus der "Genealogie" bei Nietzsche bleiben trotz der gefährdeten Schlussphase seines Schaffens ein später absoluter Höhepunkt und die wohl bis heute konsequenteste Kritik am Moralismus. Selbst der von mir geschätzte Thomas von Aquin kriegt von Nietzsche mehr ab als er er je von einem Kritiker zurecht einstecken müsste. In Sachen grosser Literatur fühle ich mich Ihnen in der Tat verbunden. Vermute gerne, dass Sie meine Einschätzung Shakespeares teilen, was die anthropologisch unbestechliche Menschenkenntnis betrifft. 

Der_Juergen

5. Juli 2021 22:32

@Maiordomus

Mich hat kein anderes Werk der Weltliteratur so beeindruckt wie das furchrbare "Inferno", nicht einmal die Odyssee, der Faust oder der Macbeth, den ich für Shakespeares grössten Wurf halte. Nicht so dramatisch, sondern fast schon friedlich ist im Vergleich dazu das Purgatorio mit seinen streckenweise fast übernatürlich grossartigen Bildern. Das Paradiso musste zwangsläufig sehr stark abfallen, weil, wie Schopenhauer schreibt, "unsere Welt kein Vorbild für so etwas bietet" (aus dem Gedächtnis zitiert) und weil man sich keine ewigen Wonnen vorstellen kann, die mit der Zeit nicht in Langeweile ausarten, zumal den Seligen ja keine sinnlichen Genüsse zuteil werden.

Die weitaus beste deutsche Dante-Übersetzung stammt von August Vezin. Einige Passagen, wie der Anfang des Inferno, werden von Stefan George zwar wesentlich besser übersetzt, aber George hat ja nur ausgewählte Passagen ins Deutsche übertragen. Er ahnte mit sicherem Instinkt, dass eine Gesamtübersetzung viele Jahre in Anspruch nehmen und ihm sehr viel Zeit zum Schaffen eigener Dichtung rauben würde.

Ich entnehme Ihrer Antwort übrigens, dass Sie sich, wie ich annahm, tatsächlich geirrt haben (was weiss Gott keine Schande ist) und es bei Nietzsche keine ausführliche Analyse des "Inferno" gibt. Gäbe es eine solche, wäre sie allgemein bekannt. Nietzshes Kommentar zur Inschrift auf Dantes Höllentor ist natürlich sehr treffend.

Gracchus

5. Juli 2021 22:35

Faszination für Dante stellt sich auch ein, wenn man die theologische Prämissen - die monströse Vorstellung einer ewigen Hölle zum Beispiel - nicht teilt. Dante selbst regt an, diese Hölle etwas gegen den Strich zu lesen, wenn ihn öfter Mitleid mit den Gemarteten ereilt. Es gibt eine lange deutsche Dante-Verehrung, daher auch viele Übersetzungen, aus denen diejenige des Philaletes' hervorzuheben ist, es handelt sich dabei um König Johann von Sachsen. 

Franz Bettinger

6. Juli 2021 00:05

"Wär nicht das Auge sonnenhaft …“ ist ein schöner Gedanke. Nur falsch. Das einzige, was das Auge mit der Sonne gemein hat, ist die äußere Form, das Kugelhafte. Und da rede ich noch gar nicht von den vielen anderen Augen-Varianten der Schöpfung, z.B. dem Auge des Tintenfisches; es ist unerklärlicher Weise (denn wir sind auch über Ecken nicht verwandt) fast identisch mit dem menschlichen Auge. (Der einzige Unterschied ist der, dass die Bild-Scharfstellung beim Säugetier-Auge per Linsen-Dilatation erfolgt, beim Tunfisch-Auge per Achsen-Verschiebung der starren Linse.) Von den Napf-Augen der Mollusken und den Facetten der Bienen ganz zu schweigen. In gewisser Weise ist auch ein Fußball sonnenhaft. Sorry to disturb.

Franz Bettinger

6. Juli 2021 04:11

Die Erklärung, warum die Leute selbst großen Unsinn mitmachen, ist einfach. Die Menschen sagen sich: „Warum gibt es denn die Masken-Empfehlung für Kinder? Doch nur, weil sie sinnvoll ist! Würden uns die Medien und nahezu das ganze Parlament Dinge empfehlen, wenn die Maßnahmen falsch wären? Nein, wir glauben nicht, dass Medien und Parlamentarier - also unsere Autoritäten - dumm oder böse sind.“ Das ist die Erklärung. Denn die einzige logische Konsequenz für die geballte Brutalität und Gleichschaltung der ganzen Gesellschaft wäre unerträglich: die Annahme nämlich, es liege eine große Absprache vor, eine verbrecherische Verschwörung gegen den einfachen Mann. Das können oder wollen die Leute nicht glauben. Dabei gab es Fehl-Informationen schon oft in der Geschichte. Sie sind quasi die Regel, siehe die historischen Gräuelmärchen, welche Teil einer jeden Kriegs-Propaganda sind. Beim Thema Krieg werden viele (auch Linke) der These von der Manipulation der Massen und der Lügenpresse noch zustimmen; in anderen Bereichen des Lebens (Religion, Wirtschaft, Umwelt, Medizin…) schon weniger. Man kann sich nicht vorstellen, dass einem die Mediziner, in erster Linie aber Big Pharma, seit zig Jahren systematisch unwirksame oder gar schädliche Therapien und unnütze Diagnostiken andrehen. Klima, Gender, Kriegsschuld, Rasse und demnächst UFOs - wir sind umstellt von Großlügen. Die Crux: Es gibt kaum furchtlose Denker.

RMH

6. Juli 2021 07:32

@F.B.,

als Mediziner, der damit anatomisch geschult ist und aus der Naturwissenschaft kommt, ist der gesamte Anschauungsaspekt bei Goethe zunächst nicht nachvollziehbar, bzw. stolpert man da "auf den ersten Blick" zu Recht über seine eigene Ausbildung. In Folge der stattgefundenen Trivialisierung bzw. des Glaubens an die sog. Naturwissenschaften spottet mittlerweile jeder Hilfslehrer jedoch völlig zu Unrecht über Goethes Farbenlehre.

Wenn man sich Goethe in diesen Belangen der Einfachheit (ganz einfach wird es nie) halber von einem sekundärliterarischen Standpunkt aus näheren will, empfehle ich die Lektüre von H. St. Chamberlains "Goethe", da wird einem der poetische, "anschauende" Standpunkt sehr verständlich erklärt und nahe gebracht.

Überhaupt ist H. St. Chamberlain - als vermeintlicher Gottvater des Rassismus und Antisemitismus verfemt - zu Unrecht vollständig aus dem Lektüre Kanon verbannt worden. Seine Werke über Kant, Wagner und Goethe sind nach wie vor schlicht nur anzuempfehlen. Die Form der guten, erklärenden Bücher über große Persönlichkeiten hat in der heutigen Zeit Rüdiger Safranski fortgeführt. Er ist eine Art Epigone von Chamberlain, auch wenn er das sicher nicht gerne hört (ich vermute, nachdem ich sowohl Chamberlain als auch Safranski mehr oder weniger komplett über die Jahrzehnte hinweg gelesen habe aber schwer, dass auch ein Safranski mindestens die drei genannten Werke von H. St. C. sehr, sehr gut kennt).

Maiordomus

6. Juli 2021 08:59

@Bettinger. Goethes Farbenlehre z.B. bezüglich "sinnlich-sittlicher" Wirkungen und dergleichen ist vor allem eine phänomenologische Leistung. Es kommt erkenntnistheoretisch stets darazf an, was man überhaupt wissen will, und insofern ist Goethes "Wissenschaft" a priori nicht schon unwissenschaftlich. Das mit den grossen Lügen und dass einzelne diese schon immer nicht geglaubt haben, ist eine Trivialität. Siehe hier noch der massenpsychologische Aspekt. Vgl. auch nur Kepler, seine Einstellung zum Hexenwesen einerseits und natürlich seine astronomische Leistung, bei welcher er sogar Galilei überlegen war, der vermutlich intelligenteste Deutsche, wie auch Einstein im Prinzip einräumte. Es ist aber klar, dass Parlamentsmehrheiten bestenfalls nahe bei unterer Durchschnittsintelligenz sind, was zwar nicht schlecht ist, aber gewiss nicht ein Hinweis, dass sie recht haben könnten oder gar müssten. 

Gustav Grambauer

6. Juli 2021 10:32

Franz Bettinger 

Ja, das Denken in Signaturen ist eigentlich im Goetheanismus angelegt, am plastischsten werden die, die so herangehen, die Ähnlichkeit des Gehirns mit einer Walnuß finden.

Jedoch beim Auge ist Goethe, wie mein obiges Zitat belegt, weniger von der Bildsprache als vom Phänomen des Lichtes selbst ausgegangen. Steiner ging darüber hinaus von der geistigen (!) Evolution, - nicht von der Evolution à la Darwin -, aus und fand, daß die Sonne unsere Augen wie zwei Wunden in unseren Kopf gebrannt habe (warum wir zwei Augen haben ist ein anderes Thema). Für ihn war das Auge per se ein Entzündungsprozeß, dies ist auch der Ausgangspunkt der anthroposophischen Augenmedizin.

Als Vertreter der geistigen Evolution denke ich auch, daß man das Auge mißvesteht, wenn man es in seiner eigentlichen Bestimmung als Sehorgan auffaßt: die Augen sind viel weniger zum Sehen ("Saugen" / Konsumieren, d. h. Nehmen) als vielmehr zum Strahlen (Wirken, d. h. Geben) angelegt. Ich kann und will hier nicht beuteilen, ob Braco ("The Gazer") seriös oder ein Scharlatan ist, aber in die Richtung läuft es fortan in der geistigen Evolution.

- G. G.

tearjerker

6. Juli 2021 10:47

@Bettinger: Goethes Farbenlehre, sein damit verbundener Ansatz und sein Streit mit den Anhängern Newtons wird in zwei Vorträgen des Philosophen Jochen Kirchhoff auf yt sehr schön dargestellt. Titel: Das Phänomen der Farben, Licht und Finsternis.

Laurenz

6. Juli 2021 16:46

 

@Franz Bettinger

Ich sehe die Unsinn-Erzeugung rein materiell begründet. Das Gedächtnis der Menschen ist kurz & jemand, der nach 1990 geboren wurde, kann in keiner Weise ermessen, was ihm an Kaufkraft durch den Euro gestohlen wurde. Andere Nationen machen die Enteignung durch Inflation schon wesentlich länger mir als wir. Die Wahl der regierenden Versager wird immer am aktuellen Wohlstand bemessen, der verlorene Wohlstand ist längst vergessen. Und solange dieser Noch-Wohlstand existiert oder keiner mehr Wohlstand verspricht, werden immer wieder dieselben Pappnasen gewählt werden.

Ganser geht in seinen neueren Vorträgen direkt auf die Funktionsweise des zentralen Nervensystems im Zusammenhang mit Propaganda ein, weil die reine oppositionelle Information & Datenmenge keine politische Wirkung erzeugt. Da helfen auch Deine Denker nicht https://youtu.be/NkuEhOxgEec oder hier https://youtu.be/7u_D3oeFzOc. 

Laurenz

6. Juli 2021 16:57

@Tearjerker

Warum halten Sich alle hier an Goethes Farbenlehre auf? Ich hatte diese sogar in der Schule, aber, sie ist eben wissenschaftlich falsch. Insoweit falsch, wie Physiker überhaupt nur unvollkommen das Phänomen des Lichts erklären können.

Die Farbenlehre Goethes mag maximal dazu dienen, die Unvollkommenheit und Begrenztheit unserer Wahrnehmung aufzuzeigen. Wenn Astro-Physiker aufgrund des Farbenspektrums eines Fixsterns steile Thesen aufstellen, können wir das glauben oder nicht, aber beweisbar ist es nicht, dadurch bleibt Astronomie viel mehr Astrologie als uns lieb ist. Im Grunde wissen wir nur, daß wir nichts wissen.

tearjerker

7. Juli 2021 15:16

@Harald Lesch gefällt Ihr Beitrag.

Volksdeutscher

8. Juli 2021 21:47

@Laurenz

Warum meinen Sie, Goethes Farbenlehre sei wissenschaftlich falsch?

Laurenz

8. Juli 2021 23:03

@Volksdeutscher @L.

Das war rein physikalisch gemeint. In der Farbpsychologie, wie in der ganzheitlichen Betrachtung der Natur, fand Goethe durchaus Anerkennung. Aber die Physik ist in Fragen des Lichts eben nur in Modellen erklärend. Und ehrlich gesagt, Hauptsache ist, die Sonne scheint für uns... und Mutter Erde läßt das durch davon, was wir brauchen.

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