1. April 2020

Die Romantik der Deutschen

Gastbeitrag

 

von Dušan Dostanić -- PDF der Druckfassung aus Sezession 95/ April 2020

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  • Sezession

Die Verbindung zwischen Romantik und Deutschtum ist ein Gemeinplatz. Man betrachtet den Deutschen Idealismus, zu dem oft die Romantik gezählt wird, als deutsche Philosophie, als eine »Philosophie der Deutschen« (Friedrich Romig). Nach dieser Deutung ist der deutsche Nationalgedanke die Frucht des Idealismus. Das Deutschtum ist daher eine geistige Angelegenheit, die in der Tradition der idealistischen Philosophie steht.

Dasselbe sagt man über die Romantik. Sie stellt »eine deutsche Affäre« dar (Rüdiger Safranski). Die Romantik beeinflußte die deutsche Kultur und Politik sehr stark und wirkte über ihre Epoche hinaus. Romantische Motive oder Ideen sind bei Ranke, Nietzsche, Jünger oder Stefan George zu finden. Man darf sich fragen, was die deutsche Kultur ohne Romantik überhaupt wäre.

Auf der anderen Seite haben manche Autoren der Romantik Nationalismus und Deutschtümelei vorgeworfen und in ihr die Wurzeln des Übels gesehen. Nach Georg Lukács hat die Romantik bei der Entstehung des Irrationalismus und des Fortschrittshasses die Hauptrolle gespielt und zum »deutschen Irrweg« wesentlich beigetragen. Das hieße, daß der romantische Geist etwas Gefährliches mit sich trage und daß er deshalb beseitigt werden müsse. Nach dem Zweiten Weltkrieg glaubte Lukács, daß die Folgen des »Sieges der romantischen Ideologie an der deutschen Psyche spürbar sind« (Georg Lukács).

Es scheint, daß die Verbindung von Romantik und Deutschtum unwiderlegbar ist. Die Freunde und Feinde der Romantik sind sich darüber einig und unterscheiden sich nur in Bezug auf die Bewertung der Bewegung. Für eine Seite ist sie »schönste Frucht des deutschen Geisteslebens«(Henning Ottmann), während für die andere die Romantik die deutsche Verdammnis darstellt.

Selbstverständlich war die Romantik kein rein deutsches Phänomen, aber es kann auch nicht verleugnet werden, daß die romantische Lebensauffassung ihren reifsten Ausdruck bei den Deutschen fand. Sie entstand in Deutschland gegen Ende des 18. Jahrhunderts als eine geistige Bewegung gegen die Aufklärung, gegen einseitigen Rationalismus, »rechnerische Wertempfindung« (Paul Kluckhohn), und als ein Versuch, neue religiöse Haltungen aufzubauen, die die religiöse, organische Einheitswelt aufrechterhalten.

Ausgehend von ihrer Kritik des linearen Fortschrittsdenkens, lehnte die Romantik eine strikte Trennung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ab. Die Zukunft gehe organisch aus der Vergangenheit hervor und stelle eine verjüngte Vergangenheit dar. Damit rehabilitiere sie Kontinuität und Tradition. Demnach ist die Vergangenheit kein Hindernis, sondern ein Wegweiser für die Zukunft. Dieser Wegweiser ist in Volksliedern, Sitten, Mythen zu finden. Dort sind die Quellen des Lebens. Bei Josef Görres kann man lesen: »Was suchst du bei den Toten? Ich suche das Leben; man muß tief die Brunnen in der Dürre graben, bis man auf die Quellen stößt.« In Vergangenheit und Überlieferung lebt das Wesen der Nation, und die deutsche Vergangenheit lebt und wirkt in den Deutschen weiter. Das romantische Interesse für die Geschichte war also auch das Interesse für die konkrete deutsche Geschichte. Jedes Volk hat seinen eigenen Charakter und der deutsche Charakter ist in der deutschen Geschichte eingeschrieben. Eichendorff schrieb entsprechend: »In der Geschichte gibt es nichts Willkürliches. Was sich belebend gestaltet, ist nicht eigenmächtige Erfindung Weniger, sondern aus dem Innersten des Volkes hervorgegangen.«

So haben die Romantiker den geistigen Reichtum des deutschen Mittelalters wiederentdeckt und hochgeschätzt. Sie haben damit auch auf die Besonderheit jedes Volkes hingewiesen. So lesen wir in Wilhelm Heinrich Wackenroders Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders (1796): »Warum verdammt ihr den Indianer nicht, daß er indianisch, und nicht unsre Sprache redet? Und doch wollt ihr das Mittelalter verdammen, daß es nicht solche Tempel baute wie Griechenland? (…) Begreifet doch, daß jedes Wesen nur aus den Kräften, die es vom Himmel erhalten hat, Bildungen aus sich herausschaffen kann, und daß einem jeden seine Schöpfungen gemäß sein müssen.« Verschiedene Seiten der Kultur eines Volkes seien Ausdrücke seines Charakters. Also hat die Romantik die nationale Eigentümlichkeit erkannt und in jedem Volk wie in jedem Mensch seine eigene Individualität gesehen.

In diesem Sinne betonte auch der romantische Philosoph und Staatsrechtler Adam Müller den Unterschied zwischen der romantischen und der französischen, revolutionären Idee der Nation. Ein Volk sei kein »Bündel ephemerer Wesen mit Köpfen, zwei Händen und zwei Füßen, welches in diesem (…) Augenblick auf der Erdfläche, die man Frankreich nennt, mit allen äußeren Symptomen des Lebens nebeneinander steht, sitzt, liegt«, sondern »die erhabene Gemeinschaft einer langen Reihe von vergangenen, jetzt lebenden und noch kommenden Geschlechtern, die alle in einem großen, innigen Verbande zu Leben und Tod zusammenhängen«. Für Müller ist ein Volk »schöne und unsterbliche Gemeinschaft«, die sich »in gemeinschaftlicher Sprache, in gemeinschaftlichen Sitten und Gesetzen, in tausend segensreichen Instituten« darstellt.

Die Romantik glaubte, daß das Volk eine Vorgegebenheit und natürliche Gemeinschaft, eine kulturell und geistig geprägte Einheit sei. Was die Menschen zusammenhalte, sei gemeinsamer Charakter und Geist, gemeinsame Herkunft und geschichtliche Erfahrung, wobei die gemeinsame Sprache als wesentliches Merkmal eines Volkes eine herausgehobene Rolle spielt.

Gemäß Schlegel ist die Sprache dasjenige Prinzip, »wovon die Geschichte anfangen, worauf sie sich allein gründen und wodurch sie die Genealogie der Nationen auffinden kann.« Daraus folge, daß Sprache und Nationalcharakter die erste und vollkommenste Bestimmung der natürlichen Grenzen gäben. Schlegel schrieb, »daß die Bildung des Landes eine organische sei, und also auch der Charakter der einzelnen Länder (…) aus einem inneren Organismus abzuleiten, und jegliches in seiner ganzen Individualität als organischer Körper aufzufassen und zu betrachten sei.« Er stellt fest, daß es der Natur viel angemessener sei, »daß das Menschengeschlecht in Nationen strenge abgesondert sei, als daß mehrere Nationen, wie dies in neueren Zeiten der Fall ist, zu einem Ganzen sollen verschmolzen werden.« So »ein unnatürlicher Zusammenhang« könne auch nicht dauerhaft »durch die gewaltsamsten und künstlichsten Einrichtungen für die Zukunft« erhalten werden. Vielmehr würde »die Vermischung der Sprachen, Sitten und Gesetze« – so Schlegel – »diese selbst immer mehr und mehr schwächen und auflösen, alle Anhänglichkeit, Beharrlichkeit, Treue und Liebe vernichten, und durch Verletzung des Nationalcharakters in seiner ursprünglichen reinen Gestalt die Grundbasis aller wahren Kraft und Energie der Nation erschüttern und untergraben.«

Görres sprach sogar von einem Instinkt aller Völker und aller Menschen, der jeden zu seinem Stamme treibe. Menschen fühlten sich einfach mit dem Gleichartigen verbunden. Dieser Trieb sei »ein Naturgebot, das allen künstlichen Verträgen vorangeht, die darauf notwendig sich gründen müssen, und, wenn anders, in sich selbst nichtig sind.« Daraus folgt, daß jeder Versuch, einen Weltstaat zu schaffen, auf naturwidriger Gewalt beruhen muß.

Doch bedeutete diese romantisch-nationale Vereinigungspolitik auf keinen Fall die Politik der Gleichmacherei oder Beseitigung regionaler Besonderheiten. Die Romantiker wollten keinen modernen zentralistischen, nivellierenden Staat. In ihrem Streben nach »wahrer Einheit und Eintracht« – so Schlegel – herrschte nicht der verderbliche Wahn, »sofort verschmelzen zu wollen, was einmal verschieden ist und es vielleicht noch lange bleiben muß«, sondern »daß alles Verschiedene friedlich und freundlich zusammenwirke und daß ein jeder auch die Ansprüche und Rechte des andern ehre und schonend beachte«. Sein politisches Ideal formulierte Friedrich Schleiermacher als »ein wahres deutsches Kaisertum, kräftig und nach außen hin allein das ganze deutsche Volk und Land repräsentierend, das aber wieder nach innen den einzelnen Ländern und ihren Fürsten recht viele Freiheit läßt, sich nach ihrer Eigentümlichkeit auszubilden und zu regieren.«

Diese Volksauffassung fand ihre entschiedene Begründung in der romantischen Religiosität. Für die Romantiker war die Welt ein unendliches Kunstwerk Gottes, wo alles Eigentümliche weiterexistieren mußte und wo jede Gleichschaltung mit dem Tod gleichzusetzen ist. Kurz gesagt, jedes Volk sei eine Schöpfung Gottes und Teil seiner Vorsehung. Jedes Volk habe seinen Standpunkt, von dem es die Welt betrachtet. Es solle seine eigenen Kräfte frei entfalten können. Gott habe jedes Volk auch mit eigener Bestimmung und eigener Mission geschaffen. Für Schleiermacher ist jedes Volk eine Stimme Gottes und »wer nicht von der Bestimmung seines eigenen Volkes erleuchtet ist, der kennt auch nicht so den eigentümlichen Beruf anderer Völker.« Volk ist also wie der Staat höhere, sinnvolle Größe, ein Ganzes mit eigener Individualität und Wirklichkeit.

Wenn das Volk als ein Werk Gottes aufgefaßt wird, ergibt sich, daß jedes Volk eine von Gott gestellte Aufgabe zu erfüllen habe. Wie jedes Volk hätten die Deutschen auch eine Berufung. Novalis schrieb, daß der Deutsche lange »das Hänschen« gewesen ist. »Er dürfte aber wohl bald der Hans aller Hänse werden. Es geht ihm, wie es vielen dummen Kindern gehen soll: er wird leben und klug sein, wenn seine frühklugen Geschwister längst vermodert sind, und er nun allein Herr im Hause ist.« Aber diese helle Zukunft hat nichts mit den Eroberungen zu tun. In Die Christenheit oder Europa zeigte Novalis, daß die deutsche Mission im Bereich des Geistes liege. Er dachte, daß die erneuerte Religiosität nur aus Deutschland kommen könnte. »Deutschland geht einen langsamen aber sichern Gang vor den übrigen europäischen Ländern voraus. Während diese durch Krieg, Spekulation und Parteigeist beschäftigt sind, bildet sich der Deutsche mit allem Fleiß zum Genossen einer höhern Epoche der Kultur, und dieser Vorschritt muß ihm ein großes Übergewicht über die andern im Lauf der Zeit geben.«

Aus der romantischen Volksauffassung folgt in politischer Hinsicht ein tiefer Erneuerungswille. Die Romantik strebte danach, eine Wiedergeburt Deutschlands zu initiieren und aus der Vergangenheit neue Kräfte zu gewinnen. Friedrich Schlegel ahnte es pathostrunken herbei: »Vielleicht wird der schlummernde Löwe noch einmal erwachen und vielleicht wird (…) die künftige Weltgeschichte noch voll sein von den Taten der Deutschen.«

Um seine Berufung zu erfüllen, müsse ein Volk auch im politischen Sinne frei und unabhängig sein. Wo Ludwig Tieck und andere die Idee der Erneuerung literarisch vertraten, faßte Adam Müller sie politisch-ökonomisch auf. Er ging davon aus, daß die ästhetische Erneuerung von der politischen Lage abhängen müsse. So wurde insgesamt eine klare patriotische Haltung eingenommen. In einem Brief betonte August Wilhelm Schlegel das Bedürfnis nach einer »wachen, unmittelbaren, energischen und besonderes einer patriotischen Poesie«. Als Novalis und Schlegel über den Republikanismus sprachen, verstanden sie darunter Vaterlandsliebe und »allgemeine Theilnahme am ganzen Staate, innige Berührung und Harmonie aller Staatsglieder.«

Dieser romantische Patriotismus folgt logischerweise aus der romantischen antiatomistischen Anschauung. Wenn der Mensch außerhalb des Staates nicht zu denken sei und niemand aus dem Zeitzusammenhang heraustreten könne, solle er sich mit ganzem Wesen der Gemeinschaft hingeben. Es sind die geistigen, persönlichen Bande, die Staat und Volk zusammenhalten.

Die Romantik sehnt sich nach Heimat, nach Liebe und Verwurzelung. Romantischer Patriotismus hat nichts mit dem »wohlverstandenen Interesse« der Aufklärung zu tun. Der Mensch liebt sein Vaterland nicht, weil es nützlich ist, sondern weil es sein Vaterland ist. Ein Ausdruck dieses Patriotismus ist bei Novalis zu finden: »Der Beste unter den ehemaligen französischen Monarchen hatte sich vorgesetzt, seine Unterthanen so wohlhabend zu machen, daß jeder alle Sonntage ein Huhn mit Reiß auf seinen Tisch bringen könnte. Würde nicht die Regierung aber vorzuziehn sein, unter welcher der Bauer lieber ein Stück verschimmelt Brod äße, als Braten in einer andern, und Gott für das Glück herzlich dankte, in diesem Lande geboren zu sein?« Schleiermacher definierte die Vaterlandsliebe als »nichts anders als ein Eingewurzeltseyn des Einzelnen im Ganzen, und das Bewußtseyn, daß der Einzelne in seinem eigentümlichen Leben nicht bestehen kann als nur im lebendigen Zusammenhang mit diesem und keinem anderen Ganzen.« Die aufklärerische Parole »Ubi bene ibi Patria« wurde auf den Kopf gestellt. Das Vaterland ist nicht dort, wo es dir gut geht, sondern nur im eigenen Vaterland bist du ganz zu Hause. Kleist war explizit, als er auf die Frage, warum er Deutschland liebe, mit einem einfachen Satz antwortete: »Weil es mein Vaterland ist«. Kurz gesagt, stellt die romantische Vaterlandsliebe eine Gegenkraft dar gegen die Nützlichkeitslogik des atomistischen Individualismus, gegen die Vorherrschaft des Wirtschaftlichen und gegen die allgemeine Funktionalisierung der Welt.

Daraus ergibt sich, daß die Freiheit des Volkes eine Pflicht ist, die sich aus der geistigen Bestimmung des Volkes ableitet. Staat und Volk zu dienen kann nicht nur als eine Pflicht des Königs oder der Armee betrachtet werden, sondern jeder Bürger muß diese Pflicht erfüllen. Die Verteidigung des Vaterlands ist eine Ehrensache. Müller schrieb, es müsse »für alle eine bewaffnete Überzeugung, eine Ehrensache werden oder sein, ein bestimmtes Vaterland zu haben; die Behauptung, daß man vaterlandslos sei und bloß einer allgemeinen kosmopolitischen Denker- und Urteiler-Zunft angehöre, muß beleidigen, wie die Behauptung, daß man geschlechtslos oder ehrlos sein. Was ist die Basis unsrer Ehrengesetze? Der Gedanke einer ewigen Bereitschaft, sein Leben an etwas Höheres zu setzen.«

Dieses Höhere, wovon Müller spricht, ist die National-Existenz. Wenn das Volk eine Stimme Gottes ist, so stellt die Vaterlandsverteidigung auch eine göttliche Aufgabe dar.

Selbstverständlich wurde auch der Kampf gegen Fremdherrschaft und universalistische Gleichmacherei als ein gerechter Kampf angesehen. Für Schlegel berechtigt das Prinzip absichtlicher Zerstörung der Naturalität »alle andern Völker, sich gegen diejenige, welche jenes Prinzip befolgt, zur gänzlichen Vertilgung derselben zu vereinigen.« Freiheitskampf als Gottesdienst!

Die geistige Fremdherrschaft wurde als das schlimmste betrachtet, was einem Volk passieren könne. Logischerweise folgt daraus, daß die Befreiung nur von den ursprünglichen und eigentümlichen Kräften eines Volkes ausgehen könne. Widerstand beginne im Geist.

Standen die Romantiker im Dienste des Imperialismus? Man muß eine solche Hypothese ablehnen. Schlegel hat explizit eine imperiale Machtpolitik verurteilt. Er meinte, daß kein vernünftiger Zweck des Krieges bleibt, als die natürlichen Grenzen für eine jede Nation zu finden. »Ein solcher Krieg allein ist dem Interesse einer Nation gemäß; alle andere Zwecke sind gegen das Nationalinteresse und bloß Privatinteresse des Monarchen.« Wer seine Macht über die natürliche Grenze ausbreiten und mehrere Nationen unterjochen wolle, ist für Schlegel ein Despot.

Obschon die Romantiker keine Kosmopoliten und entschiedene Gegner der Idee des Weltstaates waren, waren sie auf keinen Fall die Befürworter der Ausgrenzung oder des Isolationismus. Für sie war ein Staat nur durch seine Beziehung mit anderen Staaten möglich.

Die Romantiker wollten das deutsche Volk, seine Berufung und seine Besonderheiten ergründen, um analog auch die Eigenheiten der anderen Völker begreifen zu können. Nur wer sich selbst kenne, könne die Welt kennenlernen. So hegten die Romantiker ein reges Interesse für andere Völker.

Der Idee der »Berufung« ist eine Verbindung zur Menschheit überhaupt inhärent. Also glaubten die Romantiker, daß eine Zusammenarbeit zwischen den Völkern grundsätzlich notwendig sei. Vor allem dachten sie an eine nach mittelalterlichem Vorbild erneuerte christliche Ordnung in Europa. »Nur die Religion kann Europa wieder aufwecken und die Völker sichern, und die Christenheit mit neuer Herrlichkeit sichtbar auf Erden in ihr altes friedensstiftendes Amt installieren«, schrieb Novalis. Er träumte von einem durch die Christenheit vereinten Europa, mit einer übernationalen Kirche und glaubte an die Notwendigkeit einer Gemeinschaft Europas. Ähnlich wie Novalis glaubte auch Adam Müller, daß der Patriotismus eine Voraussetzung für die wahre Menschheitsliebe sein müsse. Der Mensch könne laut Müller der Menschheit nicht direkt angehören, nicht »ohne Mittler, ohne ein besonderes christliches Vaterland, ohne eine besondere nationale Vereinigung.« Das Vaterland ist also der Dolmetscher, d. h. der »Vermittler unserer individuellen Natur mit der ewigen Natur der Menschheit, die sich im Staatenbunde ausdrücken soll«. Für Müller ging es um die Erneuerung des Mittelalterlichen Reichs und der Res Publica Christiana. Nach Müller kann »das lebhaft angefrischte, durch wahre Geschichte erneuerte Gedächtnis ihres gemeinschaftlichen Ursprungs, ihres ehemaligen Verbands« die europäischen Völker verbinden, ohne alte Eigenheiten zu zerstören und die natürliche Entwicklung zu hemmen.

Waren die Romantiker Nationalisten? Der Vorwurf, daß die Romantik ein Wegbereiter der Deutschtümelei sei, ist kaum berechtigt. Falls die Romantiker Nationalisten waren, war dieser Nationalismus nicht modern, nicht einseitig und nicht aggressiv. Sie wollten die geschichtlich gewachsene Individualität und Eigenheit ihres Volkes bewahren, ohne den anderen dabei irgendwas aufzuerlegen. Man kann auch sagen, daß sie dank ihres christlichen Universalismus die Gegner des modernen Nationalismus waren. Sie strebten nach einer Synthese von Nationalem und Universalem. Genau dieses »Zusammenhangs- und Einheitsdenken« macht ein wesentliches Merkmal des romantischen Weltbildes aus. Ihr Ziel war nicht nur die deutsche Vereinigung, sondern auch eine gesamteuropäische christliche Gemeinschaft. In diesem Sinne stellt die Romantik eine der schönsten Früchte der deutschen Kultur und eine unerschöpfliche Ideenquelle dar. 


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