Die Romantik der Deutschen

 

von Dušan Dostanić -- PDF der Druckfassung aus Sezession 95/ April 2020

 Gastbeitrag

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Die Ver­bin­dung zwi­schen Roman­tik und Deutsch­tum ist ein Gemein­platz. Man betrach­tet den Deut­schen Idea­lis­mus, zu dem oft die Roman­tik gezählt wird, als deut­sche Phi­lo­so­phie, als eine »Phi­lo­so­phie der Deut­schen« (Fried­rich Romig). Nach die­ser Deu­tung ist der deut­sche Natio­nal­ge­dan­ke die Frucht des Idea­lis­mus. Das Deutsch­tum ist daher eine geis­ti­ge Ange­le­gen­heit, die in der Tra­di­ti­on der idea­lis­ti­schen Phi­lo­so­phie steht.

Das­sel­be sagt man über die Roman­tik. Sie stellt »eine deut­sche Affä­re« dar (Rüdi­ger Safran­ski). Die Roman­tik beein­fluß­te die deut­sche Kul­tur und Poli­tik sehr stark und wirk­te über ihre Epo­che hin­aus. Roman­ti­sche Moti­ve oder Ideen sind bei Ran­ke, Nietz­sche, Jün­ger oder Ste­fan Geor­ge zu fin­den. Man darf sich fra­gen, was die deut­sche Kul­tur ohne Roman­tik über­haupt wäre.

Auf der ande­ren Sei­te haben man­che Autoren der Roman­tik Natio­na­lis­mus und Deutsch­tü­me­lei vor­ge­wor­fen und in ihr die Wur­zeln des Übels gese­hen. Nach Georg Lukács hat die Roman­tik bei der Ent­ste­hung des Irra­tio­na­lis­mus und des Fort­schritts­has­ses die Haupt­rol­le gespielt und zum »deut­schen Irr­weg« wesent­lich bei­getra­gen. Das hie­ße, daß der roman­ti­sche Geist etwas Gefähr­li­ches mit sich tra­ge und daß er des­halb besei­tigt wer­den müs­se. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg glaub­te Lukács, daß die Fol­gen des »Sie­ges der roman­ti­schen Ideo­lo­gie an der deut­schen Psy­che spür­bar sind« (Georg Lukács).

Es scheint, daß die Ver­bin­dung von Roman­tik und Deutsch­tum unwi­der­leg­bar ist. Die Freun­de und Fein­de der Roman­tik sind sich dar­über einig und unter­schei­den sich nur in Bezug auf die Bewer­tung der Bewe­gung. Für eine Sei­te ist sie »schöns­te Frucht des deut­schen Geisteslebens«(Henning Ott­mann), wäh­rend für die ande­re die Roman­tik die deut­sche Ver­damm­nis darstellt.

Selbst­ver­ständ­lich war die Roman­tik kein rein deut­sches Phä­no­men, aber es kann auch nicht ver­leug­net wer­den, daß die roman­ti­sche Lebens­auf­fas­sung ihren reifs­ten Aus­druck bei den Deut­schen fand. Sie ent­stand in Deutsch­land gegen Ende des 18. Jahr­hun­derts als eine geis­ti­ge Bewe­gung gegen die Auf­klä­rung, gegen ein­sei­ti­gen Ratio­na­lis­mus, »rech­ne­ri­sche Wert­emp­fin­dung« (Paul Kluck­hohn), und als ein Ver­such, neue reli­giö­se Hal­tun­gen auf­zu­bau­en, die die reli­giö­se, orga­ni­sche Ein­heits­welt aufrechterhalten.

Aus­ge­hend von ihrer Kri­tik des linea­ren Fort­schritts­den­kens, lehn­te die Roman­tik eine strik­te Tren­nung von Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukunft ab. Die Zukunft gehe orga­nisch aus der Ver­gan­gen­heit her­vor und stel­le eine ver­jüng­te Ver­gan­gen­heit dar. Damit reha­bi­li­tie­re sie Kon­ti­nui­tät und Tra­di­ti­on. Dem­nach ist die Ver­gan­gen­heit kein Hin­der­nis, son­dern ein Weg­wei­ser für die Zukunft. Die­ser Weg­wei­ser ist in Volks­lie­dern, Sit­ten, Mythen zu fin­den. Dort sind die Quel­len des Lebens. Bei Josef Gör­res kann man lesen: »Was suchst du bei den Toten? Ich suche das Leben; man muß tief die Brun­nen in der Dür­re gra­ben, bis man auf die Quel­len stößt.« In Ver­gan­gen­heit und Über­lie­fe­rung lebt das Wesen der Nati­on, und die deut­sche Ver­gan­gen­heit lebt und wirkt in den Deut­schen wei­ter. Das roman­ti­sche Inter­es­se für die Geschich­te war also auch das Inter­es­se für die kon­kre­te deut­sche Geschich­te. Jedes Volk hat sei­nen eige­nen Cha­rak­ter und der deut­sche Cha­rak­ter ist in der deut­schen Geschich­te ein­ge­schrie­ben. Eichen­dorff schrieb ent­spre­chend: »In der Geschich­te gibt es nichts Will­kür­li­ches. Was sich bele­bend gestal­tet, ist nicht eigen­mäch­ti­ge Erfin­dung Weni­ger, son­dern aus dem Inners­ten des Vol­kes hervorgegangen.«

So haben die Roman­ti­ker den geis­ti­gen Reich­tum des deut­schen Mit­tel­al­ters wie­der­ent­deckt und hoch­ge­schätzt. Sie haben damit auch auf die Beson­der­heit jedes Vol­kes hin­ge­wie­sen. So lesen wir in Wil­helm Hein­rich Wacken­ro­ders Her­zens­er­gie­ßun­gen eines kunst­lie­ben­den Klos­ter­bru­ders (1796): »War­um ver­dammt ihr den India­ner nicht, daß er india­nisch, und nicht uns­re Spra­che redet? Und doch wollt ihr das Mit­tel­al­ter ver­dam­men, daß es nicht sol­che Tem­pel bau­te wie Grie­chen­land? (…) Begrei­fet doch, daß jedes Wesen nur aus den Kräf­ten, die es vom Him­mel erhal­ten hat, Bil­dun­gen aus sich her­aus­schaf­fen kann, und daß einem jeden sei­ne Schöp­fun­gen gemäß sein müs­sen.« Ver­schie­de­ne Sei­ten der Kul­tur eines Vol­kes sei­en Aus­drü­cke sei­nes Cha­rak­ters. Also hat die Roman­tik die natio­na­le Eigen­tüm­lich­keit erkannt und in jedem Volk wie in jedem Mensch sei­ne eige­ne Indi­vi­dua­li­tät gesehen.

In die­sem Sin­ne beton­te auch der roman­ti­sche Phi­lo­soph und Staats­recht­ler Adam Mül­ler den Unter­schied zwi­schen der roman­ti­schen und der fran­zö­si­schen, revo­lu­tio­nä­ren Idee der Nati­on. Ein Volk sei kein »Bün­del ephe­me­rer Wesen mit Köp­fen, zwei Hän­den und zwei Füßen, wel­ches in die­sem (…) Augen­blick auf der Erd­flä­che, die man Frank­reich nennt, mit allen äuße­ren Sym­pto­men des Lebens neben­ein­an­der steht, sitzt, liegt«, son­dern »die erha­be­ne Gemein­schaft einer lan­gen Rei­he von ver­gan­ge­nen, jetzt leben­den und noch kom­men­den Geschlech­tern, die alle in einem gro­ßen, inni­gen Ver­ban­de zu Leben und Tod zusam­men­hän­gen«. Für Mül­ler ist ein Volk »schö­ne und unsterb­li­che Gemein­schaft«, die sich »in gemein­schaft­li­cher Spra­che, in gemein­schaft­li­chen Sit­ten und Geset­zen, in tau­send segens­rei­chen Insti­tu­ten« darstellt.

Die Roman­tik glaub­te, daß das Volk eine Vor­ge­ge­ben­heit und natür­li­che Gemein­schaft, eine kul­tu­rell und geis­tig gepräg­te Ein­heit sei. Was die Men­schen zusam­men­hal­te, sei gemein­sa­mer Cha­rak­ter und Geist, gemein­sa­me Her­kunft und geschicht­li­che Erfah­rung, wobei die gemein­sa­me Spra­che als wesent­li­ches Merk­mal eines Vol­kes eine her­aus­ge­ho­be­ne Rol­le spielt.

Gemäß Schle­gel ist die Spra­che das­je­ni­ge Prin­zip, »wovon die Geschich­te anfan­gen, wor­auf sie sich allein grün­den und wodurch sie die Genea­lo­gie der Natio­nen auf­fin­den kann.« Dar­aus fol­ge, daß Spra­che und Natio­nal­cha­rak­ter die ers­te und voll­kom­mens­te Bestim­mung der natür­li­chen Gren­zen gäben. Schle­gel schrieb, »daß die Bil­dung des Lan­des eine orga­ni­sche sei, und also auch der Cha­rak­ter der ein­zel­nen Län­der (…) aus einem inne­ren Orga­nis­mus abzu­lei­ten, und jeg­li­ches in sei­ner gan­zen Indi­vi­dua­li­tät als orga­ni­scher Kör­per auf­zu­fas­sen und zu betrach­ten sei.« Er stellt fest, daß es der Natur viel ange­mes­se­ner sei, »daß das Men­schen­ge­schlecht in Natio­nen stren­ge abge­son­dert sei, als daß meh­re­re Natio­nen, wie dies in neue­ren Zei­ten der Fall ist, zu einem Gan­zen sol­len ver­schmol­zen wer­den.« So »ein unna­tür­li­cher Zusam­men­hang« kön­ne auch nicht dau­er­haft »durch die gewalt­sams­ten und künst­lichs­ten Ein­rich­tun­gen für die Zukunft« erhal­ten wer­den. Viel­mehr wür­de »die Ver­mi­schung der Spra­chen, Sit­ten und Geset­ze« – so Schle­gel – »die­se selbst immer mehr und mehr schwä­chen und auf­lö­sen, alle Anhäng­lich­keit, Beharr­lich­keit, Treue und Lie­be ver­nich­ten, und durch Ver­let­zung des Natio­nal­cha­rak­ters in sei­ner ursprüng­li­chen rei­nen Gestalt die Grund­ba­sis aller wah­ren Kraft und Ener­gie der Nati­on erschüt­tern und untergraben.«

Gör­res sprach sogar von einem Instinkt aller Völ­ker und aller Men­schen, der jeden zu sei­nem Stam­me trei­be. Men­schen fühl­ten sich ein­fach mit dem Gleich­ar­ti­gen ver­bun­den. Die­ser Trieb sei »ein Natur­ge­bot, das allen künst­li­chen Ver­trä­gen vor­an­geht, die dar­auf not­wen­dig sich grün­den müs­sen, und, wenn anders, in sich selbst nich­tig sind.« Dar­aus folgt, daß jeder Ver­such, einen Welt­staat zu schaf­fen, auf natur­wid­ri­ger Gewalt beru­hen muß.

Doch bedeu­te­te die­se roman­tisch-natio­na­le Ver­ei­ni­gungs­po­li­tik auf kei­nen Fall die Poli­tik der Gleich­ma­che­rei oder Besei­ti­gung regio­na­ler Beson­der­hei­ten. Die Roman­ti­ker woll­ten kei­nen moder­nen zen­tra­lis­ti­schen, nivel­lie­ren­den Staat. In ihrem Stre­ben nach »wah­rer Ein­heit und Ein­tracht« – so Schle­gel – herrsch­te nicht der ver­derb­li­che Wahn, »sofort ver­schmel­zen zu wol­len, was ein­mal ver­schie­den ist und es viel­leicht noch lan­ge blei­ben muß«, son­dern »daß alles Ver­schie­de­ne fried­lich und freund­lich zusam­men­wir­ke und daß ein jeder auch die Ansprü­che und Rech­te des andern ehre und scho­nend beach­te«. Sein poli­ti­sches Ide­al for­mu­lier­te Fried­rich Schlei­er­ma­cher als »ein wah­res deut­sches Kai­ser­tum, kräf­tig und nach außen hin allein das gan­ze deut­sche Volk und Land reprä­sen­tie­rend, das aber wie­der nach innen den ein­zel­nen Län­dern und ihren Fürs­ten recht vie­le Frei­heit läßt, sich nach ihrer Eigen­tüm­lich­keit aus­zu­bil­den und zu regieren.«

Die­se Volks­auf­fas­sung fand ihre ent­schie­de­ne Begrün­dung in der roman­ti­schen Reli­gio­si­tät. Für die Roman­ti­ker war die Welt ein unend­li­ches Kunst­werk Got­tes, wo alles Eigen­tüm­li­che wei­ter­exis­tie­ren muß­te und wo jede Gleich­schal­tung mit dem Tod gleich­zu­set­zen ist. Kurz gesagt, jedes Volk sei eine Schöp­fung Got­tes und Teil sei­ner Vor­se­hung. Jedes Volk habe sei­nen Stand­punkt, von dem es die Welt betrach­tet. Es sol­le sei­ne eige­nen Kräf­te frei ent­fal­ten kön­nen. Gott habe jedes Volk auch mit eige­ner Bestim­mung und eige­ner Mis­si­on geschaf­fen. Für Schlei­er­ma­cher ist jedes Volk eine Stim­me Got­tes und »wer nicht von der Bestim­mung sei­nes eige­nen Vol­kes erleuch­tet ist, der kennt auch nicht so den eigen­tüm­li­chen Beruf ande­rer Völ­ker.« Volk ist also wie der Staat höhe­re, sinn­vol­le Grö­ße, ein Gan­zes mit eige­ner Indi­vi­dua­li­tät und Wirklichkeit.

Wenn das Volk als ein Werk Got­tes auf­ge­faßt wird, ergibt sich, daß jedes Volk eine von Gott gestell­te Auf­ga­be zu erfül­len habe. Wie jedes Volk hät­ten die Deut­schen auch eine Beru­fung. Nova­lis schrieb, daß der Deut­sche lan­ge »das Häns­chen« gewe­sen ist. »Er dürf­te aber wohl bald der Hans aller Hän­se wer­den. Es geht ihm, wie es vie­len dum­men Kin­dern gehen soll: er wird leben und klug sein, wenn sei­ne früh­klu­gen Geschwis­ter längst ver­mo­dert sind, und er nun allein Herr im Hau­se ist.« Aber die­se hel­le Zukunft hat nichts mit den Erobe­run­gen zu tun. In Die Chris­ten­heit oder Euro­pa zeig­te Nova­lis, daß die deut­sche Mis­si­on im Bereich des Geis­tes lie­ge. Er dach­te, daß die erneu­er­te Reli­gio­si­tät nur aus Deutsch­land kom­men könn­te. »Deutsch­land geht einen lang­sa­men aber sichern Gang vor den übri­gen euro­päi­schen Län­dern vor­aus. Wäh­rend die­se durch Krieg, Spe­ku­la­ti­on und Par­tei­geist beschäf­tigt sind, bil­det sich der Deut­sche mit allem Fleiß zum Genos­sen einer höhern Epo­che der Kul­tur, und die­ser Vor­schritt muß ihm ein gro­ßes Über­ge­wicht über die andern im Lauf der Zeit geben.«

Aus der roman­ti­schen Volks­auf­fas­sung folgt in poli­ti­scher Hin­sicht ein tie­fer Erneue­rungs­wil­le. Die Roman­tik streb­te danach, eine Wie­der­ge­burt Deutsch­lands zu initi­ie­ren und aus der Ver­gan­gen­heit neue Kräf­te zu gewin­nen. Fried­rich Schle­gel ahn­te es pathos­trun­ken her­bei: »Viel­leicht wird der schlum­mern­de Löwe noch ein­mal erwa­chen und viel­leicht wird (…) die künf­ti­ge Welt­ge­schich­te noch voll sein von den Taten der Deutschen.«

Um sei­ne Beru­fung zu erfül­len, müs­se ein Volk auch im poli­ti­schen Sin­ne frei und unab­hän­gig sein. Wo Lud­wig Tieck und ande­re die Idee der Erneue­rung lite­ra­risch ver­tra­ten, faß­te Adam Mül­ler sie poli­tisch-öko­no­misch auf. Er ging davon aus, daß die ästhe­ti­sche Erneue­rung von der poli­ti­schen Lage abhän­gen müs­se. So wur­de ins­ge­samt eine kla­re patrio­ti­sche Hal­tung ein­ge­nom­men. In einem Brief beton­te August Wil­helm Schle­gel das Bedürf­nis nach einer »wachen, unmit­tel­ba­ren, ener­gi­schen und beson­de­res einer patrio­ti­schen Poe­sie«. Als Nova­lis und Schle­gel über den Repu­bli­ka­nis­mus spra­chen, ver­stan­den sie dar­un­ter Vater­lands­lie­be und »all­ge­mei­ne Theil­nah­me am gan­zen Staa­te, inni­ge Berüh­rung und Har­mo­nie aller Staatsglieder.«

Die­ser roman­ti­sche Patrio­tis­mus folgt logi­scher­wei­se aus der roman­ti­schen anti­a­to­mis­ti­schen Anschau­ung. Wenn der Mensch außer­halb des Staa­tes nicht zu den­ken sei und nie­mand aus dem Zeit­zu­sam­men­hang her­aus­tre­ten kön­ne, sol­le er sich mit gan­zem Wesen der Gemein­schaft hin­ge­ben. Es sind die geis­ti­gen, per­sön­li­chen Ban­de, die Staat und Volk zusammenhalten.

Die Roman­tik sehnt sich nach Hei­mat, nach Lie­be und Ver­wur­ze­lung. Roman­ti­scher Patrio­tis­mus hat nichts mit dem »wohl­ver­stan­de­nen Inter­es­se« der Auf­klä­rung zu tun. Der Mensch liebt sein Vater­land nicht, weil es nütz­lich ist, son­dern weil es sein Vater­land ist. Ein Aus­druck die­ses Patrio­tis­mus ist bei Nova­lis zu fin­den: »Der Bes­te unter den ehe­ma­li­gen fran­zö­si­schen Mon­ar­chen hat­te sich vor­ge­setzt, sei­ne Untertha­nen so wohl­ha­bend zu machen, daß jeder alle Sonn­ta­ge ein Huhn mit Reiß auf sei­nen Tisch brin­gen könn­te. Wür­de nicht die Regie­rung aber vor­zu­ziehn sein, unter wel­cher der Bau­er lie­ber ein Stück ver­schim­melt Brod äße, als Bra­ten in einer andern, und Gott für das Glück herz­lich dank­te, in die­sem Lan­de gebo­ren zu sein?« Schlei­er­ma­cher defi­nier­te die Vater­lands­lie­be als »nichts anders als ein Ein­ge­wur­zelt­seyn des Ein­zel­nen im Gan­zen, und das Bewußt­seyn, daß der Ein­zel­ne in sei­nem eigen­tüm­li­chen Leben nicht bestehen kann als nur im leben­di­gen Zusam­men­hang mit die­sem und kei­nem ande­ren Gan­zen.« Die auf­klä­re­ri­sche Paro­le »Ubi bene ibi Patria« wur­de auf den Kopf gestellt. Das Vater­land ist nicht dort, wo es dir gut geht, son­dern nur im eige­nen Vater­land bist du ganz zu Hau­se. Kleist war expli­zit, als er auf die Fra­ge, war­um er Deutsch­land lie­be, mit einem ein­fa­chen Satz ant­wor­te­te: »Weil es mein Vater­land ist«. Kurz gesagt, stellt die roman­ti­sche Vater­lands­lie­be eine Gegen­kraft dar gegen die Nütz­lich­keits­lo­gik des ato­mis­ti­schen Indi­vi­dua­lis­mus, gegen die Vor­herr­schaft des Wirt­schaft­li­chen und gegen die all­ge­mei­ne Funk­tio­na­li­sie­rung der Welt.

Dar­aus ergibt sich, daß die Frei­heit des Vol­kes eine Pflicht ist, die sich aus der geis­ti­gen Bestim­mung des Vol­kes ablei­tet. Staat und Volk zu die­nen kann nicht nur als eine Pflicht des Königs oder der Armee betrach­tet wer­den, son­dern jeder Bür­ger muß die­se Pflicht erfül­len. Die Ver­tei­di­gung des Vater­lands ist eine Ehren­sa­che. Mül­ler schrieb, es müs­se »für alle eine bewaff­ne­te Über­zeu­gung, eine Ehren­sa­che wer­den oder sein, ein bestimm­tes Vater­land zu haben; die Behaup­tung, daß man vater­lands­los sei und bloß einer all­ge­mei­nen kos­mo­po­li­ti­schen Den­ker- und Urtei­ler-Zunft ange­hö­re, muß belei­di­gen, wie die Behaup­tung, daß man geschlechts­los oder ehr­los sein. Was ist die Basis uns­rer Ehren­ge­set­ze? Der Gedan­ke einer ewi­gen Bereit­schaft, sein Leben an etwas Höhe­res zu setzen.«

Die­ses Höhe­re, wovon Mül­ler spricht, ist die Natio­nal-Exis­tenz. Wenn das Volk eine Stim­me Got­tes ist, so stellt die Vater­lands­ver­tei­di­gung auch eine gött­li­che Auf­ga­be dar.

Selbst­ver­ständ­lich wur­de auch der Kampf gegen Fremd­herr­schaft und uni­ver­sa­lis­ti­sche Gleich­ma­che­rei als ein gerech­ter Kampf ange­se­hen. Für Schle­gel berech­tigt das Prin­zip absicht­li­cher Zer­stö­rung der Natu­ra­li­tät »alle andern Völ­ker, sich gegen die­je­ni­ge, wel­che jenes Prin­zip befolgt, zur gänz­li­chen Ver­til­gung der­sel­ben zu ver­ei­ni­gen.« Frei­heits­kampf als Gottesdienst!

Die geis­ti­ge Fremd­herr­schaft wur­de als das schlimms­te betrach­tet, was einem Volk pas­sie­ren kön­ne. Logi­scher­wei­se folgt dar­aus, daß die Befrei­ung nur von den ursprüng­li­chen und eigen­tüm­li­chen Kräf­ten eines Vol­kes aus­ge­hen kön­ne. Wider­stand begin­ne im Geist.

Stan­den die Roman­ti­ker im Diens­te des Impe­ria­lis­mus? Man muß eine sol­che Hypo­the­se ableh­nen. Schle­gel hat expli­zit eine impe­ria­le Macht­po­li­tik ver­ur­teilt. Er mein­te, daß kein ver­nünf­ti­ger Zweck des Krie­ges bleibt, als die natür­li­chen Gren­zen für eine jede Nati­on zu fin­den. »Ein sol­cher Krieg allein ist dem Inter­es­se einer Nati­on gemäß; alle ande­re Zwe­cke sind gegen das Natio­nal­in­ter­es­se und bloß Pri­vat­in­ter­es­se des Mon­ar­chen.« Wer sei­ne Macht über die natür­li­che Gren­ze aus­brei­ten und meh­re­re Natio­nen unter­jo­chen wol­le, ist für Schle­gel ein Despot.

Obschon die Roman­ti­ker kei­ne Kos­mo­po­li­ten und ent­schie­de­ne Geg­ner der Idee des Welt­staa­tes waren, waren sie auf kei­nen Fall die Befür­wor­ter der Aus­gren­zung oder des Iso­la­tio­nis­mus. Für sie war ein Staat nur durch sei­ne Bezie­hung mit ande­ren Staa­ten möglich.

Die Roman­ti­ker woll­ten das deut­sche Volk, sei­ne Beru­fung und sei­ne Beson­der­hei­ten ergrün­den, um ana­log auch die Eigen­hei­ten der ande­ren Völ­ker begrei­fen zu kön­nen. Nur wer sich selbst ken­ne, kön­ne die Welt ken­nen­ler­nen. So heg­ten die Roman­ti­ker ein reges Inter­es­se für ande­re Völker.

Der Idee der »Beru­fung« ist eine Ver­bin­dung zur Mensch­heit über­haupt inhä­rent. Also glaub­ten die Roman­ti­ker, daß eine Zusam­men­ar­beit zwi­schen den Völ­kern grund­sätz­lich not­wen­dig sei. Vor allem dach­ten sie an eine nach mit­tel­al­ter­li­chem Vor­bild erneu­er­te christ­li­che Ord­nung in Euro­pa. »Nur die Reli­gi­on kann Euro­pa wie­der auf­we­cken und die Völ­ker sichern, und die Chris­ten­heit mit neu­er Herr­lich­keit sicht­bar auf Erden in ihr altes frie­dens­stif­ten­des Amt instal­lie­ren«, schrieb Nova­lis. Er träum­te von einem durch die Chris­ten­heit ver­ein­ten Euro­pa, mit einer über­na­tio­na­len Kir­che und glaub­te an die Not­wen­dig­keit einer Gemein­schaft Euro­pas. Ähn­lich wie Nova­lis glaub­te auch Adam Mül­ler, daß der Patrio­tis­mus eine Vor­aus­set­zung für die wah­re Mensch­heits­lie­be sein müs­se. Der Mensch kön­ne laut Mül­ler der Mensch­heit nicht direkt ange­hö­ren, nicht »ohne Mitt­ler, ohne ein beson­de­res christ­li­ches Vater­land, ohne eine beson­de­re natio­na­le Ver­ei­ni­gung.« Das Vater­land ist also der Dol­met­scher, d. h. der »Ver­mitt­ler unse­rer indi­vi­du­el­len Natur mit der ewi­gen Natur der Mensch­heit, die sich im Staa­ten­bun­de aus­drü­cken soll«. Für Mül­ler ging es um die Erneue­rung des Mit­tel­al­ter­li­chen Reichs und der Res Publi­ca Chris­tia­na. Nach Mül­ler kann »das leb­haft ange­frisch­te, durch wah­re Geschich­te erneu­er­te Gedächt­nis ihres gemein­schaft­li­chen Ursprungs, ihres ehe­ma­li­gen Ver­bands« die euro­päi­schen Völ­ker ver­bin­den, ohne alte Eigen­hei­ten zu zer­stö­ren und die natür­li­che Ent­wick­lung zu hemmen.

Waren die Roman­ti­ker Natio­na­lis­ten? Der Vor­wurf, daß die Roman­tik ein Weg­be­rei­ter der Deutsch­tü­me­lei sei, ist kaum berech­tigt. Falls die Roman­ti­ker Natio­na­lis­ten waren, war die­ser Natio­na­lis­mus nicht modern, nicht ein­sei­tig und nicht aggres­siv. Sie woll­ten die geschicht­lich gewach­se­ne Indi­vi­dua­li­tät und Eigen­heit ihres Vol­kes bewah­ren, ohne den ande­ren dabei irgend­was auf­zu­er­le­gen. Man kann auch sagen, daß sie dank ihres christ­li­chen Uni­ver­sa­lis­mus die Geg­ner des moder­nen Natio­na­lis­mus waren. Sie streb­ten nach einer Syn­the­se von Natio­na­lem und Uni­ver­sa­lem. Genau die­ses »Zusam­men­hangs- und Ein­heits­den­ken« macht ein wesent­li­ches Merk­mal des roman­ti­schen Welt­bil­des aus. Ihr Ziel war nicht nur die deut­sche Ver­ei­ni­gung, son­dern auch eine gesamt­eu­ro­päi­sche christ­li­che Gemein­schaft. In die­sem Sin­ne stellt die Roman­tik eine der schöns­ten Früch­te der deut­schen Kul­tur und eine uner­schöpf­li­che Ideen­quel­le dar. 

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