1. April 2021

Tina Uebel: Dann sind wir Helden

Ellen Kositza

Tina Uebel: Dann sind wir Helden. Roman, München: C.H. Beck 2021. 269 S., 23 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Möglicherweise wäre ich nie auf die Schriftstellerin, Bergsteigerin und Weltreisende Tina Uebel aufmerksam geworden. Sie ist eine der unüberschaubar vielen Kulturschaffenden, die so durch die Gegend wuseln, Veranstaltungen organisieren, mitwerkeln, publizieren. Wenn da nicht Frau Uebels fulminanter, erschütternder Aufsatz in der Zeit vom 13. Juni 2018 gewesen wäre! Er titelte: »Der große Verlust. Wie die politische Korrektheit meine Arbeit als freie Schriftstellerin einschränkt.« Und der bot Tacheles, er nannte nämlich auch Roß und Reiter.

Frau Uebel zählte hier mannigfaltige Beispiele auf, wo und inwiefern sie und Kollegen von Redaktionen und Lektoren daran gehindert wurden, die bereiste Welt so darzustellen, wie sie sich eben darbot. Nein, bitte nichts über Hahnenkampf in Kolumbien, nichts über Walfang bei den Inuit und bitte niemals »schwarzen Humor«! Bitte nicht über die Welt berichten, wie sie ist, sondern nur so, wie sie sein sollte! Diese Frau, die diese Gemengelage so konsterniert wie belustigend darstellte, war mir grundsympathisch. Ich las mich ein. Der Gleichklang erwies sich als tragfähig. Diese Frau mit der wilden blonden Mähne: was für eine Menschenkennerin! Eine weitere heimliche Freundin!

Nun ihr neuer Roman: In ihn stolpert man ein wenig hinein, das Buch wirkt zunächst konfus. Wir haben hier a) Kathrin, quasi entsorgte, also überflüssig gewordene Mutter und Ehefrau, die mit ihrem schüchtern begonnenen Videokanal (»Auf meiner Veranda«) voll durchstartet: gefühliges Alltagsgelaber, aber massenkompatibel. Es hagelt Likes und Follower. Dann haben wir b) Jero, einen Bergführer durch die Schweizer Alpen. Manchmal begleitet er Familien, gelegentlich ehrgeizige Sportler auf ihren Touren. Jero weiß, daß diese Gipfel nicht »cool« sind und selfietauglich. Sie sind im Grunde: menschenfeindlich, wenigstens ignorant, stumme Herrscher. Dennoch geht Jero wertschätzend mit seiner Klientel um. Er ist ein Profi. Dann haben wir c) Jürg Beltrane, einen Motivationscoach, der göttergleich verehrt wird, eine Figur wie aus einem Juli-Zeh-Roman. Er spricht seine Botschaften hier zwischendurch ein. Er tut es sehr authentisch. Es geht um Belange wie »Mut«, »Risiko« oder »Freuen«. Beltrane sorgt für Empowerment: Du willst es? Du schaffst es! d) geht es um Ruth, im persönlichen Mittelalter, kinderlos. Sie war offenkundig erfolgreiche Powerfrau in Hamburg. Jetzt zieht sie wandernd und stur »gen Osten«. Sie geht, nein klettert an ihre Grenzen. Sie wird sie vielfach überschreiten. Sie ist nicht gewappnet, sie ist nur zäh und opferwillig. Zuletzt haben wir e) Simon. Er ist der Sohn von a) Kathrin. Noch-Schüler, hochbegabt. Für Mama »der Kleine«, tatsächlich längst erfahren in mancher Hinsicht. Er wird anläßlich der G 20-Proteste in Hamburg zu großer Form auflaufen. Er wird auf die Knie fallen vor diesem einen Mann, der inmitten des Chaos vor einer Ampel stehenbleibt und auf Grün wartet. Denn in Wahrheit ist der überreifende Sinn und jegliches Korsett allen hier längst abhanden gekommen.

Lose Fäden verbinden unsere fünf Protagonisten. Wir finden siebzig knappe Kapitel vor, in einem Buch, das letztlich zu einem Sog wird. Bei Jeros meist sportlichen Klienten geht es oft um Höhenangst und um unterschiedliche Arten der Schwäche: »Jero weiß, daß jenseits der Angst die vollkommene Freiheit liegt, und nur dort.« Diese Leute hier wagen den Schritt. Ihr Scheitern ist, wenn, dann fast heroisch. Ein grandioser Roman!

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Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


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