1. April 2021

Joachim Lottmann: Sterben war gestern.

Ellen Kositza

Joachim Lottmann: Sterben war gestern. Aus dem Leben eines Jugendforschers. Roman, Köln: KiWi 2021. 351 S., 12 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Endlich ein Lottmann wieder, nach vielen Jahren! Was soll man denn sonst lesen, auf ÖPNV-Fahrten oder einfach mal zwischendurch? Herrn Lottmanns literarisches Alter ego, Dr. Johannes Lohmer, hatte ein bißchen gelitten nach seinem letzten Buch, beziehungsweise dem von Lottmann.
Alles Lüge (s. Sezession 78, 2017) war von »den Rechten« äußerst positiv als vergnügliche Lektüre besprochen worden. Das konnte nur Ärger geben beim Hauptauftraggeber der beiden, der taz. Dr. Lohmer sollte sich also gefälligst läutern. Es fällt ihm sichtlich schwer, gerade zu Corona-Zeiten. Lohmer möchte mit diesen »Querdenkern« nicht verwechselt werden – schwierig, wenn man gerade das Attribut zum eigenen Merkmal gemacht hat und über »die Seuche« eigentlich spotten will.
Lohmer hat nun den Auftrag, die Lage und die Sicht der Jugend zu erkunden. Er trifft vor allem auf wokes Geblüt, auf »thesenstarke Polithelden«, die »dieselbeSprache wie die Regierung« sprechen, nämlich: Hände waschen, Hygiene, Nazis raus, gegen Diskriminierung.
Im Rahmen seines Forschungsauftrags begegnet ihm vielerlei: eine blutjunge Influencerin mit Hang zu älteren Männern (Lohmer/Lottmann sind deutlich fünfzig plus), eine junge Dame namens Hildegard Eisenbahner (hatte die Vornamenswahl, statt etwa »Rachel«, »wohl mit der Angst vor Antisemitismus zu tun«?), die er für ihre Gesprächsbereitschaft zynisch mit Schekel entlohnt.
Dr. Lohmer macht in diesem zu 80Prozent wirklich witzigen Buch wieder viel durch: familiär, erotisch wie ideologisch. Sein erzlinker, seit Jahrzehnten schon spaßbefreiter Bruder, ein prominenter Filmemacher, stirbt (in Wahrheit) an Corona. Hildegard verdreht Lohmer den Kopf. Und dann muß er sich noch umständlich von »Peter Laub« (»in echt« wohl Matthias Matussek) distanzieren, einem alten Freund, der nun der »Rechten« zugerechnet wird. Soviel Pein, soviel Lesefreude! Das Spielstück zur Stunde.
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Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


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