1. April 2021

Felix Dirsch: Rechtskatholizismus – ein typologischer Überblick

Gastbeitrag

von Sophie Liebnitz -- Felix Dirsch: Rechtskatholizismus. Vertreter und geschichtliche Grundlinien – ein typologischer Überblick, 2020. 112 S., 17,95 €

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Der Philosoph, Politikwissenschaftler und Theologe Felix Dirsch ist ein ausgewiesener Kenner der katholischen Sozialphilosophie. Mit dem vorliegenden schmalen, aber außerordentlich inhaltsreichen Band legt er einen Überblick über das Titelthema vor, der dem Leser historische und systematische Orientierung bietet. Zunächst überrascht seine Erläuterung des Katholizismus-Begriffs: Während im alltäglichen Sprachgebrauch kaum zwischen »katholischer Kirche« und K. unterschieden wird, bestimmt er letzteren als historische Reaktion auf den Umbruch der Französischen Revolution, also als vergleichsweise junges Phänomen.

Erst aus der folgenden »Ausdifferenzierung in verschiedene Teilsysteme« entsteht eine »Spannung, die eine Interessenvertretung für Katholiken nötig macht.« Diese ist nicht identisch mit der Amtskirche, die den Autonomiebestrebungen von Laien oftmals kritisch gegenübersteht. Dirsch betont, daß die Kirche sich aufgrund ihrer Fähigkeit zur »Complexio Oppositorum« (Carl Schmitt) grundsätzlich sowohl mit linken als auch mit rechten Strömungen verbinden kann. Voraussetzung ist allerdings, daß diese sich »nicht ausschließlich auf äußerlich-hierarchische Strukturen« kaprizieren und dabei wesentliche Glaubensinhalte vernachlässigen. Letzteres führte 1926 zur Zurückweisung von Charles Maurras’ Action française durch Papst PiusXI.

Dirsch arbeitet die natürliche Nähe zwischen konservativem Denken und Katholizismus besonders in Hinblick auf die katholische Soziallehre und die gemeinsame kritische Anthropologie heraus, die stets auf die Fehlbarkeit und die »Ergänzungsbedürftigkeit« des Menschen abhebt. Er hebt hervor, daß die anthropologische Ausrichtung der katholischen Soziallehre auf Gemeinwohl und »wechselseitige Unterstützungsbedürftigkeit« der Menschen dem universalistischen Humanismus den Boden entzieht. Das ist, im Augenblick von dessen scheinbar endgültigem Triumph, ein gutes Argument für eine eingehendere Beschäftigung mit diesem Lehrgebäude. Ein auf diese Klärung folgender historisch-typologischer Teil stellt vier Typen von Rechtskatholizismus vor, die ersten drei anhand ihrer bedeutenden Vertreter, den letzten unter der Überschrift »demokratischer Rechtskatholizismus der Gegenwart«. Es ist traurig und bezeichnend, daß diesem kein großer Name zugeordnet werden kann.

Historisch markiert ein ordnungspolitisch orientierter K. den Beginn, für den die Zeitgenossen der Französischen Revolution, Joseph de Maistre und Louis de Bonald, stehen. Die Ideen von de Maistres von der Kirche zunächst ungeliebtem Traktat Du Pape (1819) gingen später in das Erste Vatikanum ein. Dirsch beschreibt Bonald interessanterweise als frühen Vertreter eines sozialen Funktionalismus (hier verlaufen möglicherweise Verbindungslinien zu einem nicht religiös argumentierenden Denker wie Luhmann). Der zweite Abschnitt widmet sich nach einem großen historischen Sprung dem spanischen Diplomaten Juan Donoso Cortés und Carl Schmitt. Ersteren charakterisiert Dirsch als den »Denker des existentiell-dezisionistisch eingefärbten K. des 19. Jahrhunderts par excellence.« (Hier drängt sich ein Vergleich mit Kierkegaard auf.) Hellsichtig ist die Liberalismuskritik des Spaniers, die sich an dessen Unfähigkeit zu existentiellen Entscheidungen sowie am Überhang des Diskursiven festmacht (Dirsch weist zu Recht darauf hin, daß dieser Punkt unter verschiedenen Vorzeichen bei Habermas und Schmitt wiederkehrt).

Einen ganz anderen Aspekt wiederum verkörpert der österreichische Staatstheoretiker und Volkswirtschaftler Othmar Spann, dessen Denken in faszinierender Weise die organizistischen Anschauungen der Romantik wiederbelebt. Dirsch ordnet ihn unter »rechtskatholischer Universalismus und die Suche nach der verlorenen Ganzheitlichkeit« ein. Spann ist damit, ungeachtet seiner katholischen Positionierung, ein typisch moderner Denker, denn die Moderne ist wesentlich gekennzeichnet durch die rastlose Suche nach einer real oder vermeintlich verlorenen Totalität, ein Motiv, das in der Romantik seinen Einstand gibt und danach bis heute nie wieder abgetreten ist. Den Rechtskatholizismus der Gegenwart beschreibt Dirsch in Hinblick auf seinen demokratischen Charakter und den fast verzweifelten Widerstand gegen den »Verfall basaler Ordnungsstrukturen«. Sein Überblick ist dabei so gehaltvoll wie deprimierend und leitet zum abschließenden Ausblick auf die heute anstehenden »primären Aufgaben« über.

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