Jens Jäger: Das vernetzte Kaiserreich

Jens Jäger: Das vernetzte Kaiserreich. Die Anfänge von Modernisierung und Globalisierung in Deutschland, Reclam jun. 2020. 259 S., 22 €

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

Der 150. Geburts­tag des Kai­ser­reichs war für die Bun­des­re­pu­blik des Jah­res 2021 eine frem­de Ange­le­gen­heit. Die Anspra­che des Bun­des­prä­si­den­ten lief dar­auf hin­aus, das Kai­ser­reich im Anschluß an Hein­rich August Wink­lers Geschichts­deu­tung als vor­de­mo­kra­ti­sches Kon­strukt des Mili­ta­ris­mus zu cha­rak­te­ri­sie­ren, mit dem uns glück­li­cher­wei­se nicht mehr all­zu­viel verbinde.

Aber neben der Sor­ge, daß der »Anblick von Reichs­kriegs­flag­gen auf den Stu­fen des Reichs­tags­ge­bäu­des« ein Mene­te­kel des Un-ter­gangs der BRD sein könn­te, kam auch der Bun­des­prä­si­dent nicht umhin, die Moder­ni­tät und die Dyna­mik des Kai­ser­reichs zu erwäh­nen. Neben der Erzäh­lung vom Obrig­keits­staat als Vor­läu­fer des NS-Staa­tes hat sich eine Deu­tung eta­bliert, die dem Kai­ser­reich ein zwei­tes Gesicht gönnt. Der His­to­ri­ker Jens Jäger (*1965), der in Köln lehrt, wid­met sich die­ser zwei­ten Erzäh­lung. Auch wenn er das mit den flos­kel­haf­ten Begrif­fen »Ver­net­zung« und »Glo­ba­li­sie­rung« tut, so muß man ihm zugu­te hal­ten, daß er nicht den Feh­ler des Bun­des­prä­si­den­ten macht, jedem posi­ti­ven Aspekt des Kai­ser­reichs sofort einen nega­ti­ven an die Sei­te zu stellen.

Jäger erzählt die Geschich­te eines jun­gen Staa­tes mit lan­ger Geschich­te, des­sen Gren­zen kei­nen natür­li­chen Schutz boten und der auf­grund sei­nes wirt­schaft­li­chen und demo­gra­phi­schen Wachs­tums nicht nur eine unglaub­li­che Dyna­mik ent­wi­ckel­te, son­dern auch dar­auf ach­ten muß­te, die sozia­len Flieh­kräf­te im Zaum zu hal­ten. Neben der Land­flucht droh­te die Aus­wan­de­rung von fast drei Mil­lio­nen Deut­schen das Reich um die Früch­te des Wachs­tums zu brin­gen. Die Mobi­li­tät schlug sich nicht nur in den zuneh­men­den Rei­se­mög­lich­kei­ten nie­der, son­dern auch in einem Boom der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel. Die Post­kar­te trat ihren Sie­ges­zug in die­sen Jah­ren an, in denen auch die Medi­en­ge­sell­schaft gebo­ren wur­de. Sie schaff­te es mit ihrem aus­dif­fe­ren­zier­ten Ange­bot an Publi­ka­tio­nen, die Mas­sen­ge­sell­schaft mit der Idee des Kai­ser­tums zu ver­söh­nen. Nicht ohne Grund ging Wil­helm II. als Medi­en­kai­ser in die Geschich­te ein.

Die welt­wei­te Ver­net­zung, die sich nicht nur im Rei­sen (was nur weni­gen mög­lich war), son­dern vor allem in der Bericht­erstat­tung nie­der­schlug, führ­te aber nicht zum Uni­ver­sa­lis­mus, wie man es sich heu­te zu erwar­ten ange­wöhnt hat, son­dern zu einem sich ver­stär­ken­den Natio­nal­ge­fühl. Weil das Deut­sche Reich ein Bun­des­staat war, der die Tra­di­tio­nen sei­ner Glied­staa­ten respek­tier­te, kam der Impuls dazu aus der »Mit­te« der Gesell­schaft, wäh­rend der Staat sich prag­ma­tisch zurück­hielt. Ver­lus­ter­fah­run­gen gab es auch damals. Die Hei­mat­schutz­be­we­gung orga­ni­sier­te sich gegen die Glo­ba­li­sie­rung, um die Ver­wer­fun­gen der indus­tri­ell gepräg­ten Mas­sen­ge­sell­schaft zu heilen.

Erstaun­lich ist Jägers nüch­ter­ne Dar­stel­lung der kolo­nia­len Bemü­hun­gen des Rei­ches, die von ihm in den Kon­text der dama­li­gen Auf­fas­sung von Wirt­schaft und Kul­tur­mis­si­on gestellt wer­den. Zwei Exkur­se beleuch­ten die Inter­na­tio­na­li­sie­rung der Straf­ver­fol­gung und der Frau­en­be­we­gung, wor­an sich die Pro­zes­se der Ver­net­zung gut beschrei­ben las­sen. Letzt­end­lich sieht Jäger in den heu­te gemein­hin als Defi­zit betrach­te­ten, man­geln­den poli­ti­schen Par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­kei­ten der Bür­ger den Impuls für die Ver­net­zung unter­ein­an­der, die das Grün­den von Ver­ei­nen und das bür­ger­schaft­li­che Enga­ge­ment zu nie wie­der erreich­ter Blü­te brach­ten. Das Kai­ser­reich war damit nicht nur modern, son­dern hält auch für unse­re Zeit zumin­dest eini­ge beden­kens­wer­te Lek­tio­nen bereit: Der Par­tei­en­staat erstickt das Enga­ge­ment der Bür­ger. Ver­net­zung und Glo­ba­li­sie­rung sind kei­ne Ein­bahn­stra­ße zum Universalismus.

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Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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