Autorenporträt Arnold Gehlen

von Till Kinzel -- PDF der Druckfassung aus Sezession 96/ Juni 2020

 Gastbeitrag

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Man hat den 1904 in Leip­zig gebo­re­nen und 1976 in Ham­burg gestor­be­nen Arnold Geh­len mit unter­schied­li­chen Eti­ket­ten ein­zu­sor­tie­ren ver­sucht. Er sei ein »Anti-Rous­se­au«, ein »Denk­meis­ter der Kon­ser­va­ti­ven«, der »Vor­den­ker eines neu­en Rea­lis­mus« – so lau­ten eini­ge Ein­schät­zun­gen, an die es anzu­knüp­fen gilt. Denn Geh­len, der sich selbst als einen »Kom­men­ta­tor des Ruins« betrach­te­te, gehört zu den immer noch unab­ge­gol­te­nen Den­kern, zu jenen, deren Denk­re­sul­ta­te und Denk­hal­tun­gen immer wie­der neu gesich­tet und aktua­li­siert wer­den sollten.

Geh­len kam von der Phi­lo­so­phie her: zunächst von der Lebens­phi­lo­so­phie, dann aus den Gefil­den des deut­schen Idea­lis­mus. Früh geprägt durch die Aus­ein­an­der­set­zung mit Nietz­sche und Sche­ler, Fich­te und Scho­pen­hau­er, beweg­te er sich rasch in die Rich­tung einer Sozio­lo­gie als Wirk­lich­keits­wis­sen­schaft, wie sie in der zeit­ge­nös­si­schen Sozio­lo­gie etwa bei Hans Frey­er kon­kret wur­de. Wäh­rend aber Frey­er vor allem geschicht­lich dach­te, war Geh­lens Ansatz anthro­po­lo­gisch. Es kam dadurch zu einer bemer­kens­wer­ten Ver­schie­bung, die zugleich den Abschied von der Pra­xis der klas­si­schen deut­schen Phi­lo­so­phie bedeu­te­te, wenn auch unter Bewah­rung eini­ger ihrer Inten­tio­nen und Denkmotive.

Geh­len habe sich von der uner­gie­bi­gen abs­trak­ten Phi­lo­so­phie abge­wandt, um Phi­lo­soph zu blei­ben – so Ernst Forst­hoff und Rein­hard Hörstel – und dies geschah bezeich­nen­der­wei­se durch die Rezep­ti­on des ame­ri­ka­ni­schen Prag­ma­tis­mus in sei­nem Haupt­werk Der Mensch von 1940, das den Men­schen als Hand­lungs­we­sen begriff: »Da der Prag­ma­tis­mus die bis­her ein­zi­ge erschie­ne­ne Phi­lo­so­phie ist, wel­che grund­sätz­lich den Men­schen als han­deln­des Wesen sieht, so ist sei­ne Auf­fas­sung zunächst ein­mal jeder ande­ren vorzuziehen.«

Die­ser Ein­stel­lung ent­spricht es, wenn Geh­len 1952 an den Kom­mu­nis­ten Wolf­gang Harich, der ihm damals allen Erns­tes ein Ordi­na­ri­at an der Ber­li­ner Hum­boldt-Uni­ver­si­tät anzu­bie­ten ver­such­te, schreibt, er wis­se nicht sehr viel Meta­phy­si­sches, er habe kei­ne Theo­rie und sei in die­ser Hin­sicht völ­lig unbe­fan­gen. Die­ses Pathos der unbe­fan­ge­nen Sach­lich­keit liegt sei­nem Ver­such zugrun­de, eine »empi­ri­sche Phi­lo­so­phie« zu kon­sti­tu­ie­ren, die aller­dings, wie Geh­len nur zu gut wuß­te, »in Deutsch­land stets abge­lehnt wor­den« war. Auch wenn die­se Zurück­füh­rung von Phi­lo­so­phie auf Empi­rie durch Aus­klam­me­rung alles Meta­phy­si­schen ein höchst pro­ble­ma­ti­sches Kon­strukt dar­stellt, ist damit auch Sub­stan­ti­el­les ver­bun­den: Das Pathos des Rea­li­täts­sin­nes, das sich gegen den Erfah­rungs­ver­lust in der moder­nen Indus­trie­ge­sell­schaft rich­tet, zwingt dazu, sich kei­ner Erkennt­nis zu ver­schlie­ßen, die es über den Men­schen gibt. Genau das aber macht eine Phi­lo­so­phi­sche Anthro­po­lo­gie aus, die sich mit den Kon­sti­tu­ti­ons­be­din­gun­gen gesell­schaft­li­cher Ord­nung, aus­ge­stal­tet und sta­bi­li­siert durch Insti­tu­tio­nen, befaßt.

Alle Anthro­po­lo­gien stel­len Defi­ni­ti­ons­ver­su­che zu einer »Beschrei­bung des Men­schen« (Hans Blu­men­berg) dar, die sich auf­grund ihrer unter­schied­li­chen Akzent­set­zun­gen oft zu wider­spre­chen schei­nen. Doch ist dies kei­nes­wegs gewiß, und Geh­lens zunächst ein­mal sche­ma­ti­sche Ant­wort wird in jedem Fal­le zu beden­ken sein. Er bestimmt den Men­schen des­we­gen als han­deln­des Wesen, weil er mit Nietz­sche gespro­chen das »nicht fest­ge­stell­te Tier« ist, also gera­de nicht a prio­ri in allen Eigen­schaf­ten bestimm­bar. In die­sem Punkt trifft sich Geh­len ein Stück weit mit der Anthro­po­lo­gie-Skep­sis bei Karl Jas­pers, die sich aus der grund­sätz­li­chen Nicht-Fest­stell­bar­keit des Men­schen speis­te. Aber aus die­sem Umstand folg­te nun für Geh­len gera­de die Bestim­mung des Men­schen als Wesen der Zucht – nicht im Sin­ne einer bio­lo­gi­schen Züch­tung, son­dern als Wesen, das sich selbst »noch Auf­ga­be ist« und zu sich selbst Stel­lung bezieht. Die Erzie­hung des Men­schen muß daher ergänzt wer­den durch die »Selbst­zucht«, ver­stan­den als »In-Form-Kom­men und In-Form-Blei­ben«. Weil aber die­ses In-Form-kom­men und In-Form-Blei­ben miß­lin­gen kann, ist der Mensch – das ist die Kehr­sei­te der Medail­le – auch das »gefähr­de­te oder ›ris­kier­te‹ Wesen«. Von die­ser ele­men­ta­ren Ein­sicht zehrt noch die Kul­tur­kri­tik von Etho­lo­gen wie Kon­rad Lorenz oder Ire­nä­us Eibl-Eibes­feldt, denen man heu­te eben­so ungern Gehör schenkt wie Gehlen.

Alles, was man vom Men­schen weiß, macht gegen­über mar­xis­ti­schen Uto­pien skep­tisch, auch wenn man mit Geh­len »oft dem Phan­tas­ti­schen und Uto­pi­schen eine mora­li­sche Wür­de nicht abspre­chen kann«. Die anthro­po­lo­gi­sche Ein­sicht Geh­lens läßt ihn zurück­schre­cken sowohl davor, vom ein­zel­nen Men­schen zu groß, als auch zu klein zu den­ken. Gera­de das »Ernst­neh­men mensch­li­cher hoher Mög­lich­kei­ten« kön­ne näm­lich höchst destruk­tiv wir­ken: »Wer das Gefühl der Frei­heit und der gro­ßen Bestim­mung des Men­schen enthu­si­as­tisch rea­li­sie­ren, wer die­se unge­heu­re Ent­las­tung dahin­strö­mend dar­le­gen will, wer in die­sem Gedan­ken sein Herz höher schla­gen fühlt, der ist nach einem rät­sel­haf­ten Ver­häng­nis der Schritt­ma­cher der Guil­lo­ti­ne.« Geh­lens Urteil ist hier von beklem­men­der Schär­fe, denn er sieht in jener Form des Idea­lis­mus das Bild der Blau­en Blu­me der Roman­tik, die in die­ser Spiel­art gera­de­zu in die »Teu­fels­bo­ta­nik« gehö­re, da ihr Stand­ort »in der Nähe von Richt­stät­ten und Gas­kam­mern« liege.

Die Vor­stel­lung einer unkon­trol­lier­ten »Pro­duk­ti­vi­tät« von Men­schen, die sich als nicht ent­frem­det ver­ste­hen, beun­ru­hig­te ihn zutiefst. Denn wenn auch Insti­tu­tio­nen wie Ehe, Eigen­tum, Kir­che und Staat die Men­schen von ihrer »eige­nen unmit­tel­ba­ren Sub­jek­ti­vi­tät«, wie immer die­se sich dar­stel­len wür­de, ent­frem­de­ten, schütz­ten die­se Insti­tu­tio­nen die Men­schen auch vor sich selbst. Und Geh­len fügt in cha­rak­te­ris­ti­scher Wei­se hin­zu: »für einen hohen und ver­gleichs­lo­sen see­li­schen Ein­satz doch Platz las­send, ohne ihn zu fordern.«

Geh­lens Phi­lo­so­phi­sche Anthro­po­lo­gie stell­te in ihrer Anwen­dung als Lage­ana­ly­se den pro­non­cier­tes­ten Ver­such dar, im 20. Jahr­hun­dert »Stand­or­te im Zeit­strom« – so der Titel der Geh­len-Fest­schrift von 1974– zu mar­kie­ren. Inso­fern ist sein Denk­an­satz immer mehr als nur ein wis­sen­schaft­lich neu­tra­ler, denn Sozio­lo­gie in Geh­lens Sin­ne ist nicht nur anthro­po­lo­gisch geer­det, son­dern fühlt sich her­aus­ge­for­dert, Zeit­dia­gno­se zu bie­ten. Auf sol­che Stand­or­te – geis­tig und insti­tu­tio­nell – kommt es heu­te viel­leicht mehr denn je oder doch min­des­tens so sehr an wie eh und je. Ein Staat, der wie in Deutsch­land sei­ne Legi­ti­mi­täts­res­sour­cen so leicht­fer­tig und mit atem­be­rau­ben­der Geschwin­dig­keit ver­spielt wie spä­tes­tens und weit­hin erkenn­bar seit 2015, unter­gräbt sich selbst viel effi­zi­en­ter, als irgend­wel­che angeb­li­chen »Ver­fas­sungs­fein­de« es könn­ten, die er zur Sta­bi­li­sie­rung sei­ner hyper­mo­ra­lisch umge­deu­te­ten Staats­rä­son öffent­lich­keits­wirk­sam an den Pran­ger stellt. Auch in die­sem Bereich hat sich die von Geh­len schon vor 50 Jah­ren kon­sta­tier­te »Trans­for­ma­ti­on ins Mora­li­sie­ren als Erkennt­nis­er­satz« vollzogen.

Geh­lens Ver­mächt­nis des kal­ten Blicks bedeu­tet auch, sich nicht in den Sog der Mora­li­sie­run­gen hin­ein­zie­hen zu las­sen. Die­ser Blick ent­fal­tet nicht zuletzt dann sei­ne Kraft, wenn man mit und im Anschluß an Geh­len erkennt, wie sich die Ver­qui­ckung anthro­po­lo­gi­scher Grund­la­gen mit moder­nen Medi­en­ap­pa­ra­tu­ren voll­zieht. Die anthro­po­lo­gisch gege­be­ne Welt­of­fen­heit setzt sich unter die­sen Bedin­gun­gen um in eine spe­zi­fi­sche Form der Welt­fremd­heit, denn obwohl oder viel­mehr weil mit Unter­stüt­zung der Medi­en stän­dig zahl­lo­se »Infor­ma­tio­nen« auf die Men­schen ein­pras­seln (gleich­sam eine Mas­sa­ge durch Tau­sen­de­Ham­mer­schlä­ge am Tag), wähnt sich über die Welt infor­miert, wer zugleich einen aku­ten Erfah­rungs­ver­lust erlei­det. Die­ser Erfah­rungs­ver­lust ver­schärft sich noch dadurch, daß eine »wache Pres­se- und Rund­funk­po­li­zei« dar­an arbei­tet, »außer Kurs oder wenigs­tens unter Druck« zu set­zen, was nicht in das erwünsch­te Ein­heits­den­ken der Zusam­men­halts­ideo­lo­gie unter dem Vor­zei­chen einer huma­ni­ta­ris­tisch über­dehn­ten Mora­li­sie­rung fällt. Kein Wun­der, daß auch hier wie damals gilt, was Geh­len klar erkann­te: »Da schar­fe Pro­fi­lie­run­gen, vor allem geis­ti­ge, eo ipso Distanz schaf­fen, und da man das nicht will, so wird das Aus­sprech­ba­re randunscharf und man muß sich in vagen Ideen aufhalten (…)«.

Die Para­do­xie unse­rer Zeit besteht dar­in, daß die Moral­hy­per­tro­phie, die sich nach Geh­len eigent­lich »gegen­über den noch funk­tio­nie­ren­den Auto­ri­tä­ten kri­tisch ver­hält«, inzwi­schen von den Auto­ri­tä­ten des links­ideo­lo­gisch-huma­ni­ta­ris­tisch unter­wan­der­ten Staa­tes selbst über­nom­men wur­de: Die Hyper­mo­ral der »Welt­of­fen­heit« und eines Huma­ni­ta­ris­mus ohne Ober­gren­ze ist das zivil­re­li­giö­se Dog­ma, mit­tels des­sen die Arti­ku­la­ti­on legi­ti­mer eige­ner Inter­es­sen des Staats­vol­kes denk­un­mög­lich gemacht und damit unter­bun­den wer­den soll. Die damit ver­bun­de­ne hyper­mo­ra­lisch bewehr­te Dis­kurs­ver­schat­tung ist ele­men­tar für den Erhalt bzw. die Schaf­fung einer Ideo­lo­gie des »Zusam­men­halts«, die sich noch zur Zer­stö­rung einer natio­na­len Iden­ti­tät auf deren Res­sour­cen stützt. Denn ent­ge­gen einem frü­her zwar nicht selbst­ver­ständ­li­chen, aber doch weit­hin akzep­tier­ten Prin­zip der poli­ti­schen Bil­dung, das in der Gesell­schaft Kon­tro­ver­se müs­se auch kon­tro­vers dis­ku­tiert wer­den, ist heu­te jeg­li­che Kon­tro­ver­se an sich uner­wünscht und wird im Zwei­fels­fall als Dis­kus­si­ons­or­gie stig­ma­ti­siert, unter will­fäh­ri­ger Betei­li­gung sol­cher Insti­tu­tio­nen, die Geh­len und Schelsky noch für die Trä­ger einer insti­tu­tio­na­li­sier­ten Herr­schafts­kri­tik in Form einer »Gegen-Aristokratie«hielten. Der von den Mas­sen­me­di­en sich selbst erteil­te »Auf­trag zur Kri­tik« rich­tet sich heu­te nicht mehr gegen die Auto­ri­tä­ten selbst, son­dern gegen jene, die von die­sen Auto­ri­tä­ten eine ech­te Staats­ge­sin­nung einfordern.

Geh­lens Dik­tum: »Wer von uns ver­langt, uns vom eige­nen Zustand zu tren­nen, will uns den sei­ni­gen auf­hal­sen«, bleibt als grund­le­gen­de Mah­nung gül­tig und bekommt unter Bedin­gun­gen einer gewoll­ten Mas­sen­ein­wan­de­rung mit ihren unum­kehr­ba­ren Effek­ten beson­de­re Bri­sanz. Denn poli­ti­sche Bil­dung fun­giert heu­te mit weni­gen Aus­nah­men als Ein­übung in die Distan­zie­rung vom Eige­nen. Kul­tur besteht aber dar­in, der Wirk­lich­keit Dau­er abzu­rin­gen. Sie kann des­halb nicht in einer Dau­er­di­stan­zie­rung vom Eige­nen bestehen und auch nicht in einem Zer­ar­bei­ten und Ver­damp­fen aller außer­ra­tio­na­len Bin­dun­gen. Auf­klä­rung in die­sem Sin­ne einer »Eman­zi­pa­ti­on des Geis­tes von den Insti­tu­tio­nen« hat damit einen emi­nent gefähr­li­chen Effekt.

Im Sin­ne Geh­lens ist die­se Akzent­set­zung gleich­be­deu­tend mit der Zer­stö­rung der Pro­duk­ti­vi­tät des Ent­las­tungs­ef­fekts, den Insti­tu­tio­nen wie Ehe, Fami­lie, Arbeit, Recht, Wis­sen­schaft und Staat bewir­ken. Denn die­ser Ent­las­tungs­ef­fekt hängt wesent­lich mit einem »auto­ma­ti­schen Schon­ver­stän­digt­sein« zusam­men. Die­ses Schon­ver­stän­digt­sein ist aber das Resul­tat davon, »daß jun­ge Men­schen in ver­nünf­ti­ge Ein­rich­tun­gen hin­ein­wach­sen, die von lan­gen Erfol­gen legi­ti­miert sind«. Geschieht dies nicht, so Geh­len, wür­den »uner­setz­ba­re Erb­schaf­ten ver­schlis­sen: die Dis­zi­plin, die Geduld, die Selbst­ver­ständ­lich­keit und die Hem­mun­gen, die man nie logisch begrün­den, nur zer­stö­ren und dann nur gewalt­sam wie­der auf­rich­ten kann.« Vor die­sem Hin­ter­grund – man beach­te Geh­lens Apo­stro­phie­rung ver­nünf­ti­ger Ein­rich­tun­gen! – wird deut­lich, wie grob fahr­läs­sig die Vor­stel­lung ist, man kön­ne und sol­le die Grund­la­gen unse­res gesell­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens täg­lich neu und natür­lich im mul­ti­kul­tu­rel­len Sin­ne aus­han­deln. Denn ein sol­ches Aus­han­deln ist bereits iden­tisch mit dem Ver­schleiß der Legi­ti­mi­täts­res­sour­cen. Die aber darf ein Staat nicht ver­spie­len, der sei­ne zen­tra­len Funk­tio­nen glaub­wür­dig aus­fül­len soll, etwa in Fra­gen der Sicher­heit, die des­halb so wich­tig ist, weil sie ein vor­po­li­ti­sches Bedürf­nis dar­stellt. Geh­len räum­te die­sem Gesichts­punkt der Sicher­heit daher aus anthro­po­lo­gi­schen Grün­den eine wich­ti­ge Rol­le ein, was er von Aris­to­te­les gelernt haben will, aber sicher auch ein Resul­tat der inten­si­ven Aus­ein­an­der­set­zung mit Hob­bes war.

Es gehört zu den nach­hal­tig bedeut­sa­men Resul­ta­ten der Phi­lo­so­phi­schen Anthro­po­lo­gie Geh­lens, daß er Insti­tu­tio­nen für die »tra­gen­den Gebil­de der mensch­li­chen Kul­tur« hält, die eben des­halb auch Sub­jek­ti­vis­men (nicht: Sub­jek­ti­vi­tät) ein­däm­men hel­fen. Denn es gehört zu dem in Insti­tu­tio­nen ver­kör­per­ten Ethos, daß die Zufäl­lig­keit des Affekts abge­trennt wird, der sich die Men­schen sonst unent­frem­det hin­ge­ben wür­den, wenn sie sich nicht mehr selbst in die Zucht neh­men. Insti­tu­tio­nen sind für Geh­len Bän­di­gun­gen der stets gege­be­nen Ver­falls­be­reit­schaft des Men­schen – und Poli­tik hät­te dies in Rech­nung zu stellen.

In einem Sam­mel­band der Wal­ter-Ray­mond-Stif­tung zum 65. Geburts­tag Geh­lens mit dem Titel Füh­rung in einer frei­heit­li­chen Gesell­schaft bestimm­te Her­bert Weh­ner Poli­tik als »das ›In-Ord­nung-brin­gen‹ und ›In-Ord­nung-hal­ten‹ der Ange­le­gen­hei­ten, auf deren Ord­nung alle ange­wie­sen sind.« Und er füg­te hin­zu: »Das dafür Not­wen­di­ge mög­lich zu machen suchen und um die Prio­ri­tä­ten zu rin­gen und auch zu kämp­fen, das gehört zur Politik.«

Wenn heu­te an Arnold Geh­len erin­nert wird, geschieht dies nicht zuletzt des­halb, weil die Ange­le­gen­hei­ten, auf deren Ord­nung alle ange­wie­sen sind, nicht mehr in adäqua­ter Form in Ord­nung gehal­ten wer­den. Man kann und muß dies nüch­tern ohne »die heu­te so pene­tran­ten Appel­le, Schwung­rad­vor­stel­lun­gen, Päd­ago­gis­men und Uto­pien« – so Geh­len schon 1963 – kon­sta­tie­ren. Für die Kon­ser­va­ti­ven ist die­se Lage aber ein Dilem­ma, weil der von ihnen an sich bejah­te Staat sie selbst in eine Ent­frem­dung treibt, die sie nicht wol­len. Den­noch wird sich nur durch Stär­kung der »Gegen­hal­te« im Staat selbst bei gleich­zei­ti­ger Aus­trock­nung einer staat­lich geför­der­ten »Zivil­ge­sell­schaft« ver­hin­dern las­sen, daß sich »die vol­le Aggres­si­vi­tät der guten Sache« auf Dau­er stellt.

Geh­lens Kri­ti­ker haben zwar sei­nem letz­ten Buch Moral und Hyper­mo­ral vor­ge­wor­fen, es sei ein »Mach­werk aus dem Geist fins­te­rer Res­sen­ti­ments« (Harich). Aber damit ver­kennt man ekla­tant das außer­or­dent­li­che Poten­ti­al der »Spu­ren und Fähr­ten« gera­de in die­sem Werk Geh­lens, die es erlau­ben, »daß man sich in höchst unsi­che­rem Gelän­de bes­ser zurecht fin­det« (Karl Korn). Geh­len-Lek­tü­re ist daher höchst »hilf­reich«. Wir brau­chen Geh­len-Leser, um die mas­sen­me­di­en­haf­te Bewußt­s­eins­struk­tur auf­zu­bre­chen, die das Fort­be­stehen des gegen­wär­ti­gen »Rei­ches der Ver­rückt­heit« garantiert.

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