1. Juni 2020

In Zeiten der Ermüdung

Gastbeitrag

von Adolph Przybyszewski -- PDF der Druckfassung aus Sezession 96/ Juni 2020

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

  • Sezession

»Durch das Haus des Sesshaften, heißt es bei Vilém Flusser, brausen Orkane von Daten und Nachrichten, durchlöchern es und machen es unbewohnbar. Ungehindert dringen sie in die menschlichen Behausungen ein, verwischen die Grenzen, die Privates von Öffentlichem trennen und Heimat von Fremdem. Die Nationen, Vaterländer, Werte und Heimaten verlieren sich in einem kybernetischen Raum, einer immateriellen Sphäre. In ihr sind alle gleichgültig, ob sie sich an der Erde ihrer Väter festkrallen oder sich leichten Herzens vom virtuellen Wind forttragen lassen. Alle sind zum Nomadendasein verurteilt, Flusser würde sagen: ›befreit‹.«

Diese bemerkenswerte Aufzeichnung findet sich in den Arbeitsnotizen des sächsischen Filmemachers Lutz Dammbeck zu seinem Film Das Netz aus dem Jahr 2004, den er 2015 durch einen weiteren Film namens Overgames gleichsam ergänzte. »Die Millionen gegenwärtiger und zukünftiger Migranten wären dann«, so fährt er fort, »der Vorposten einer Zukunft, in der alle nach dem Zusammenbruch der Sesshaftigkeit wieder Nomaden würden.«

Die Technik der digitalisierten Kommunikation beschleunigt indessen nur einen Globalisierungsprozeß, der seit längerem statthat und mit dem Aufkommen des Internets auch durch neue Schlagworte wie ›global village‹ gekennzeichnet wird – meist mit positiver Wertung. Der elektronische Verbund ›neuer Medien‹ entspricht einem »sich weltweit ausdehnenden Handelsnetz« und arbeitet ihm zu. »Dieses Netz ist die Voraussetzung für einen einheitlichen, formalisierten und globalisierten Einheitsmarkt. Für dessen unaufhörliche Ausdehnung stellen allerdings die Existenz von Staaten, Nationen und Grenzen Hindernisse dar. Folgerichtig müssen diese nicht nur beseitigt, sondern auch die zu transportierenden Informationen, Waren und letztlich auch entwurzelte Menschen so geformt werden, dass sie problemlos durch dieses Netz fließen können.« Die Technologie liefert Normen- und Steuerungsmodelle für diesen ›flow‹, auch im Hinblick auf den Menschen selbst: Was solchen ›flow‹ behindert, wird folglich »als Irregularität und Systemstörung behandelt. ›Formatieren‹ und ›Ruhigstellen‹« seien daher mit Blick auf den störenden Menschen die Aufgaben, »für die von der Psychologie, der Psychiatrie, der Verhaltensforschung und zunehmend von der Entertainment- und Medienindustrie effektive und praktikable Lösungen erwartet werden.«

Das Notat Dammbecks umreißt etwas, das wir schon in Prognosen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts angelegt finden, etwa bei Friedrich Engels und Karl Marx – doch tritt jetzt eine zeitgeschichtlich und technologisch brisante Dimension hinzu. Der Film, den diese Notizen begleiten, befaßt sich nämlich nicht nur mit der Vorgeschichte und Entwicklung des Internets, sondern richtet den Blick zudem auf eine spezifische Vernetzung der wissenschaftlich-technologischen und ›kreativen‹ Segmente in der US-amerikanischen Gesellschaft mit Ökonomie und Militär zu einem schwer durchschaubaren psychotechnischen und -politischen Komplex. Ein erstes historisches Probestück und zugleich eine Blaupause für weitergehende Anwendungen lieferte dieser Komplex – so könnte man als eine wesentliche Aussageaus Dammbecks Filmen destillieren – im Projekt der Re-education der Deutschen, um sie von ihrem ›Sonderweg‹ ein für allemal abzubringen und störungsfrei in den globalen ›flow‹ einzubinden.

Lutz Dammbecks Film Das Netz durchzieht vor diesem Hintergrund ein roter Faden, der grundsätzlich und in mehrerlei Hinsicht zu denken gibt – es ist die obskure Geschichte eines Mannes, der aufgrund eigener Erfahrungen mit jenem psychotechnischen und -politischen Komplex in den Vereinigten Staaten zweifelsohne ›metapolitische‹ Überlegungen angestellt hat, um daraus radikale Konsequenzen abzuleiten: die Geschichte Ted Kaczynskis, des sogenannten Unabombers. Er soll Vertreter der nordamerikanischen Universitäten und Luftfahrt mit Briefbomben attackiert haben (UNiversities and Airlines), wichtige Exponenten also des technologisch-ökonomischen Fortschritts hin zur globalen Vernetzung, Formatierung und Programmierung des Menschen, den manche begrüßen, er indes vehement als Freiheitsverlust ablehnt. Kaczynski, ein weit überdurchschnittlicher Mathematiker, der als Stipendiat in Harvard studiert, in Michigan promoviert und dann in Berkeley an der Universität gelehrt hatte, zog sich Ende der 1960er Jahre aus dem Betrieb zurück, um etwas später dann in einer selbstgebauten Hütte in den Bergwäldern von Montana zu leben und in lokalen Bibliotheken die Schriften der Klassiker in den Originalsprachen zu lesen, so geht zumindest die Mär. Dort soll er im Laufe der Jahrzehnte auch seine tod- und verderbenbringenden Postsendungen vorbereitet haben, für die er nach einer langen Fahndung, vom eigenen Bruder dem FBI preisgegeben, für den Rest seines Lebens ins Gefängnis mußte. Schlüssel des Fahndungserfolgs war ein technikfeindliches Manifest, für dessen Publikation er unter dem Namen eines ominösen ›Freedom Club‹ anbot, den terroristischen Aktivismus einzustellen, auch wenn Dammbecks Film am Ende statuiert: »Ted Kaczynski bestreitet bis heute, der Unabomber gewesen zu sein.« Ob er nun der Briefbombenattentäter war oder nur ein Trittbrettfahrer – Kaczynskis anarchisches Manifest liegt jedenfalls in einer von ihm ›autorisierten‹ Fassung auch auf Deutsch vor, und über die Qualitäten dieses merkwürdigen Textes läßt sich streiten.

Das Manifest propagiert die »Natur« als »ein perfektes Gegen-Ideal zur Technologie«, während das expandierende technisch-ökonomische System der Gegenwart den Menschen in seinen Augen in sklavische Abhängigkeit und zugleich seelische Zerstörung führt. Dies ist freilich kaum originell; Kaczynski hätte solches nicht nur in La technique ou l’enjeu du siècle von Jacques Ellul lesen können, sondern auch in Theodor Freyers Theorie des gegenwärtigen Zeitalters mit ihrem Verständnis von der Industrietechnik als einem ›sekundären System‹, oder anderswo – gerade die deutsche Zivilisationskritik ist ja, vor allem seit Ludwig Klages’ Manifest Mensch und Erde von 1913, über Walther Rathenau, Friedrich Georg Jünger, Martin Heidegger bis hin zu Herbert Marcuses Eindimensionalem Menschen reich an fundierten Einwänden gegen die dominierenden technologischen Glücks- und Erlösungsversprechen. Seinerzeit selten war jedoch Kaczynskis Kritik an einer nur vermeintlich nonkonformistisch oder gar revolutionär »linksgerichteten Ideologie«, die er als freiheitsfeindliche »totalitäre Kraft« kennzeichnet – viele ihrer Vertreter seien höchst defizitäre, »überangepaßte« Konformisten, die de facto als bornierte Agenten des universal ausgreifenden ökonomisch-technischen Zwangs- und Verführungssystems wirkten.

Er selbst plädiert nun dafür, zunächst alles aktiv zu befördern, was eine Globalisierung und Gleichschaltung der ökonomisch-technischen Entwicklungen vorantreibt, um ein dann um so anfälligeres, da weltweit vernetztes ›System‹ um so leichter aus einer umfassenden Krise heraus einer grundstürzenden Revolution entgegentreiben zu können. Eine solche Revolution wird in seinen Augen aber keine politische sein – den Gang in die traditionelle ›praktische‹ Politik schließt er dezidiert aus, seine eigenen, letztlich doch anarchistischen Ansätze können allerdings nicht recht überzeugen. Der von ihm ersehnte Zusammenbruch des globalen technisch-ökonomischen Systems soll am Ende doch auch eine – brachiale – Neuformatierung der menschlichen Gesellschaften bewirken: Kaczynskis Ideal läuft darauf hinaus, in der Katastrophe kleinere soziale Gruppierungen ebenso wie den Einzelmenschen freizusetzen, um künftig eine naturnahe und sinnerfüllte ›primäre‹ Existenz ohne ›sekundäre‹ technische Systemzwänge zu ermöglichen. Dies ist das Modell vieler Apokalyptiker– nach dem Untergang erhebt sich Conan, der Barbar, aus den Trümmern, und es geht alles wieder von vorne los.

Was wäre aber an Dammbecks Film und Kaczynskis Fall für uns heute, im Sinne einer Erkenntnis der eigenen Lage oder gar: ›metapolitisch‹, interessant? Zunächst scheint Kaczynskis Fall doch pathologische Züge aufzuweisen, ebenso wie er im Kern nur eine romantische Technikkritik reproduziert und damit den Menschen als geborenes Technik-Wesen verkennt, das seit den Tagen des Faustkeils auf technologische Expansion und eine entsprechend abstrahierende Systematik angelegt ist. Der radikale Zugriff des angeblichen Unabombers mit seiner Behauptung, einem ›Freedom Club‹ anzugehören, hat jedoch Potential bis hin zum Kult: Chuck Palahniuks bekannter Roman und David Finchers danach gedrehter Film Fight Club wandeln nicht nur und kaum zufällig den Namen von Kaczynskis angeblichem Geheimbund kenntlich ab, sondern transportieren auch wesentliche seiner zivilisationskritischen Thesen – die offensichtlich einen bestimmten Typus Mensch ansprechen.

Hier liegt mithin exemplarisch ein zivilisationskritisches Denken vor, das zwar theoretisch keiner politikwissenschaftlichen oder soziologischen Expertise genügen mag, aber im Hinblick auf unser Leben in der Polis zu Folgerungen kommt, die in manchem einleuchten. Es ist vor allem der Kampf für ein selbstbestimmtes, erfülltesLeben, ob als Einzelwesen oder Gruppierung, gegen eine übermächtige Struktur, deran Kaczynskis Fall und seinen popkulturellen Adaptionen positiv wie negativ zu faszinieren vermag. Je nach Format kann ein solcher Kampf großartig, schrecklich oder lächerlich wirken, als verzweifelt-tapferer Widerstandsakt, Querulantentum oder paranoide Projektion erscheinen. Betrachten wir die Prämissen und Folgen von Kaczynskis Handeln, ob er nun der Briefbomber war oder nicht, lassen sich folgende Thesen aufstellen:

  1. Politik – sei es für oder gegen eine bestimmte Lebensweise, für oder gegen Völker, Religionen, Wahl- oder Wirtschaftssysteme, sei es für Nationalstaaten, Staatenbünde oder Bundesstaaten – findet immer statt im Rahmen und unter den Bedingungen eines rasant expandierenden technisch dominierten ›Systems‹.
  2. Dieses technologische ›System‹ spielt, solange es funktioniert, immer mit bürokratischen und einer ähnlichen Logik folgenden anderen Teilsystemen zusammen, die nur eine bestimmte Bandbreite von politischen Optionen erlauben und wirksam werden lassen.
  3. Ein solches ›System‹ hat, solange es funktioniert, eine expansive, universalistische Tendenz, die zu einer Homogenisierung der Teilsysteme führt – Friedrich Georg Jünger nannte dies ›Perfektion der Technik‹.
  4. Solange dieses System funktioniert, ist jede offene, erklärte Sezession, die eine wahrnehmbare Störgröße bildet, für den Sezessionisten riskant und auf längere Sicht zum Scheitern verurteilt.
  5. Greift ein Sezessionist in solch aussichtsloser Stellung gar zu politischer Gewalt oder rechtfertigt diese öffentlich aus ideologischen Gründen, wird er zum Kriminalfall und zieht seine ganze Gruppierung oder Richtung mit sich in die Malaise.
  6. Hat der Sezessionist einiges Format, endet er nicht selten als Schauspieler einer ›Sache‹ oder seiner selbst wie Limonov in Rußland, als romantische Geste und Ritter von der traurigen Gestalt wie Yukio Mishima in Japan, bestenfalls also noch als Gegenstand von Kunst, Wissenschaft oder Popkultur. Damit stabilisiert er, als virtuelles Ventil, zudem unwillkürlich jenes ›System‹, gegen das er ankämpft.
  7. Spinnen wir den Gedanken weiter und brechen ihn auf unsere Polis herunter, ist die Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie aus der Feder des vormaligen Sozialdemokraten Robert Michels von 1911 hinzuziehen: Deren ehernes Gesetz der Oligarchie in der bürokratisch verfaßten Massenorganisation bezeichnet eine ähnliche systemische Grundbedingung. Solange das System einigermaßen funktioniert, gibt es kein Entrinnen – jede Partei funktioniert hier, sobald sie sich als Partei konstituiert hat, diesem Gesetz gemäß. Eine grundlegende Änderung ist davon nicht zu erwarten.

Was folgt daraus? Wer meint, etwas laufe grundlegend falsch in der Welt, in der wir gut und gerne leben, kann sich verhalten wie Kaczynski oder Mishima – dies wäre der romantische Aufstand, die Revolte, die immer Teil des von ihr bekämpften Betriebs bleibt und ihn nicht aushebeln kann. Eine Revolte, ja selbst ein Reformprojekt hat nur dann Erfolgsaussichten, wenn bereits eine Basis dafür vorhanden ist – also eine Krise das Bestehende so gründlich delegitimiert hat, daß die Pfründe nicht mehr zu halten sind, alles ins Rutschen gerät, zugleich genügend personelles Potential mit einer ähnlichen Mentalität und Lagebeurteilung zur Verfügung steht. Sich politisch verhalten hieße also, die heroisch-schöne Revolte zu unterlassen, weil sie wertvolle Kräfte verschwendet, und innerhalb des ›Systems‹ mit dessen Mitteln um Einfluß und Gestaltungsmöglichkeit zu ringen, also auch Parteien zu nutzen. Meint man indessen, daß insgesamt etwas grundlegend falsch läuft, steht man im Dilemma, durch politische Tätigkeit genau diesen Zustand mit der eigenen Leistung zu verstetigen, selbst dem ehernen Gesetz der Parteienoligarchie zu verfallen und damit Teil dessen zu werden, das früher oder später unweigerlich gegen die Wand fährt. Im Gefoppe und Getreibs der Zeit droht dann gar das Verfehlen des eigenen Lebens.

2013 entwarf der russische Romancier Vladimir Georgievič Sorokin in seinem Roman Telluria eine Zukunftswelt, in der Europa mit Rußland nach einem großen Krieg zerfallen ist in Kleinstaaten wie einst das Heilige Römische Reich nach dem Dreißigjährigen Krieg – die Katastrophe hat dort also bereits stattgefunden. Sorokins schrille Fiktion ist in ihrem Gehalt jedoch realistischer als Kaczynskis technikfeindliches Manifest, denn in seiner Romanwelt hat sich modernste Technik als Relikt und Ressource in einem Alltag erhalten, der ansonsten vormodern anmutet, ja sie hat magische Züge angenommen. Der Mensch und sein Begehr indessen bleiben dieselben: Kampf um Macht, Geld, Konsum und Sex allenthalben, ein Maßstab des Rechten und Richtigen ist in dieser konfusen Welt schwer zu erkennen. Sorokins literarische Vision klingt aber mit einer überraschenden Volte aus, indem sich die einzige Figur des letzten Kapitels dem ganzen Treiben der vorigen Kapitel entzieht, und zwar in den Wald hinein: »Dinge gibt’s, auf die sich gutverzichten lässt: Weiber, Kino, Blase, Pyramiden, Nägel, Krieg, Moneten, Obrigkeit. [...] Einzig vor der Sonne sich verneigen. Gekrault wird nur, was ein Fell hat. Geredet nur mit den Vögeln im Walde. Was braucht der Mensch mehr?«

Dieser einfache Roman-Russe geht einen ähnlichen Weg wie Kaczynski in der Realität vor ihm, nur verzichtet er mit seinem Waldgang auf jedwede Aktion: Er begibt sich schlicht jeder menschlichen Gesellschaft und wird zum Einsiedler. Dem skizzierten Dilemma, mit einer Revolte scheitern oder durch beharrliche Arbeit in einem menschenfeindlichen System dieses unwillkürlich stützen zu müssen, entgeht Sorokins Schlußgestalt durch radikale Verweigerung aller Teilhabe. Wenngleich diese Option einen mönchischen Zauber hat, steht sie doch für einen Abbruch – hier wäre man an einem Ende angelangt, man schlösse mit sich und seinem Geschlecht endgültig ab. Ein solches friedlich scheinendes Leben als »Gegen-Ideal zur Technologie« hätte etwas Vegetatives, und würde es auch noch so philosophisch geführt; es verkäme in einer Welt ohne Götter unweigerlich zu einem Überleben und schließlich Verdämmern.

Was bleibt also, wenn eine Revolte ebenso wie ein ›Ausstieg‹ aufgrund der Systemparameter illusionär oder vergeblich ist? Blicken wir auf die konkrete Lage, wie sie sich uns hier und jetzt darbietet, so sehen wir freilich eine Krise der Globalisierung, deren Reaktionsgeschwindigkeit durch jenes ominöse Virus als Katalysator nur beschleunigt wurde. Ihre Entwicklung und mittel- wie langfristigen Wirkungen sind keinesfalls mathematisch sicher prognostizierbar; sie nährt offensichtlich nicht nur Niedergangsfurcht, sondern auch Hoffnung, gleichviel ob man nun ein Aficionado der Globalisierung oder ein Partikularist, ein Anhänger der EU-Bürokratie oder des Nationalstaats ist – die Hoffnung stirbt auf allen Seiten immer zuletzt. Will man aber ernsthaft ›metapolitisch‹ über sich, die eigene Lage und Möglichkeiten des Handelns nachdenken, läßt man besser alle Hoffnung fahren, sonst betrügt man sich und die Seinen selbst. Ernst von Salomon erinnerte sich nach dem Zweiten Weltkrieg in seinem Fragebogen an eine Begegnung mit Ernst Jünger in den späten 1930er Jahren: »Ich fragte ihn, was er treibe, er sagte: ›Ich habe mir einen erhöhten Standort ausgesucht, von dem ich beobachte, wie sich die Wanzen gegenseitig auffressen.‹ Ich sagte etwas gereizt, nun, er habe sich immer gern auf einen anderen Stern zurückgezogen, worauf er sofort erwiderte: ›Ja, auf einen relativ anständigen, auf den Mars oder die Venus, nicht auf den Saturn, der hat Nebelstreifen, und außerdem sitzt da schon Spengler.‹« Was bei Jünger etwas kaltschnäuzig klingt, ist als geistige Haltung auch der heutigen Lage angemessen und legitim.

Es gibt kein Entrinnen aus dem stählernen oder digitalen Gehäuse, das vor Kaczynskis unbeholfenen Versuchen schon so viele Denker gerade in Deutschland gründlich analysiert haben, und es gibt in diesem Gehäuse kein Zurück zu einem Land oder Staat, wie er einmal gewesen sein soll. Wir leben nach dem Dreißigjährigen Krieg, in Zeiten der Ermüdung. Das Deutschland, das wir kannten, ist nicht mehr zu retten, es ist untergegangen – wir dürfen ihm nicht folgen, denn es heißt, so Otto Friedrich Bollnow, »daß der Mensch nicht nur nach Zeiten der Ermüdung einen neuen Anlauf nehmen muß, sondern daß er auch nach fehlgelaufenen Entwicklungen und Zeiten, in denen ihm sein Leben entglitten ist, zurückkehren und neu beginnen muß, daß der Mensch also in seinem Leben immer wieder von vorn beginnen muß, und zwar nicht infolge eines vermeidbaren Fehlers, sondern weil es so zum Wesen des menschlichen Lebens gehört.«

In Zeiten der Ermüdung müssen wir einkehren und über einen neuen Anlauf nachdenken, aus den Häusern der Seßhaften heraus.


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