In Zeiten der Ermüdung

von Adolph Przybyszewski -- PDF der Druckfassung aus Sezession 96/ Juni 2020

»Durch das Haus des Sess­haf­ten, heißt es bei Vilém Flus­ser, brau­sen Orka­ne von Daten und Nach­rich­ten, durch­lö­chern es und machen es unbe­wohn­bar. Unge­hin­dert drin­gen sie in die mensch­li­chen Behau­sun­gen ein, ver­wi­schen die Gren­zen, die Pri­va­tes von Öffent­li­chem tren­nen und Hei­mat von Frem­dem. Die Natio­nen, Vater­län­der, Wer­te und Hei­ma­ten ver­lie­ren sich in einem kyber­ne­ti­schen Raum, einer imma­te­ri­el­len Sphä­re. In ihr sind alle gleich­gül­tig, ob sie sich an der Erde ihrer Väter fest­kral­len oder sich leich­ten Her­zens vom vir­tu­el­len Wind fort­tra­gen las­sen. Alle sind zum Noma­den­da­sein ver­ur­teilt, Flus­ser wür­de sagen: ›befreit‹.«

Die­se bemer­kens­wer­te Auf­zeich­nung fin­det sich in den Arbeits­no­ti­zen des säch­si­schen Fil­me­ma­chers Lutz Damm­beck zu sei­nem Film Das Netz aus dem Jahr 2004, den er 2015 durch einen wei­te­ren Film namens Over­games gleich­sam ergänz­te. »Die Mil­lio­nen gegen­wär­ti­ger und zukünf­ti­ger Migran­ten wären dann«, so fährt er fort, »der Vor­pos­ten einer Zukunft, in der alle nach dem Zusam­men­bruch der Sess­haf­tig­keit wie­der Noma­den würden.«

Die Tech­nik der digi­ta­li­sier­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on beschleu­nigt indes­sen nur einen Glo­ba­li­sie­rungs­pro­zeß, der seit län­ge­rem statt­hat und mit dem Auf­kom­men des Inter­nets auch durch neue Schlag­wor­te wie ›glo­bal vil­la­ge‹ gekenn­zeich­net wird – meist mit posi­ti­ver Wer­tung. Der elek­tro­ni­sche Ver­bund ›neu­er Medi­en‹ ent­spricht einem »sich welt­weit aus­deh­nen­den Han­dels­netz« und arbei­tet ihm zu. »Die­ses Netz ist die Vor­aus­set­zung für einen ein­heit­li­chen, for­ma­li­sier­ten und glo­ba­li­sier­ten Ein­heits­markt. Für des­sen unauf­hör­li­che Aus­deh­nung stel­len aller­dings die Exis­tenz von Staa­ten, Natio­nen und Gren­zen Hin­der­nis­se dar. Fol­ge­rich­tig müs­sen die­se nicht nur besei­tigt, son­dern auch die zu trans­por­tie­ren­den Infor­ma­tio­nen, Waren und letzt­lich auch ent­wur­zel­te Men­schen so geformt wer­den, dass sie pro­blem­los durch die­ses Netz flie­ßen kön­nen.« Die Tech­no­lo­gie lie­fert Nor­men- und Steue­rungs­mo­del­le für die­sen ›flow‹, auch im Hin­blick auf den Men­schen selbst: Was sol­chen ›flow‹ behin­dert, wird folg­lich »als Irre­gu­la­ri­tät und Sys­tem­stö­rung behan­delt. ›For­ma­tie­ren‹ und ›Ruhig­stel­len‹« sei­en daher mit Blick auf den stö­ren­den Men­schen die Auf­ga­ben, »für die von der Psy­cho­lo­gie, der Psych­ia­trie, der Ver­hal­tens­for­schung und zuneh­mend von der Enter­tain­ment- und Medi­en­in­dus­trie effek­ti­ve und prak­ti­ka­ble Lösun­gen erwar­tet werden.«

Das Notat Damm­becks umreißt etwas, das wir schon in Pro­gno­sen aus der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts ange­legt fin­den, etwa bei Fried­rich Engels und Karl Marx – doch tritt jetzt eine zeit­ge­schicht­lich und tech­no­lo­gisch bri­san­te Dimen­si­on hin­zu. Der Film, den die­se Noti­zen beglei­ten, befaßt sich näm­lich nicht nur mit der Vor­ge­schich­te und Ent­wick­lung des Inter­nets, son­dern rich­tet den Blick zudem auf eine spe­zi­fi­sche Ver­net­zung der wis­sen­schaft­lich-tech­no­lo­gi­schen und ›krea­ti­ven‹ Seg­men­te in der US-ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft mit Öko­no­mie und Mili­tär zu einem schwer durch­schau­ba­ren psy­cho­tech­ni­schen und ‑poli­ti­schen Kom­plex. Ein ers­tes his­to­ri­sches Pro­be­stück und zugleich eine Blau­pau­se für wei­ter­ge­hen­de Anwen­dun­gen lie­fer­te die­ser Kom­plex – so könn­te man als eine wesent­li­che Aus­sa­ge­aus Damm­becks Fil­men destil­lie­ren – im Pro­jekt der Re-edu­ca­ti­on der Deut­schen, um sie von ihrem ›Son­der­weg‹ ein für alle­mal abzu­brin­gen und stö­rungs­frei in den glo­ba­len ›flow‹ einzubinden.

Lutz Damm­becks Film Das Netz durch­zieht vor die­sem Hin­ter­grund ein roter Faden, der grund­sätz­lich und in meh­rer­lei Hin­sicht zu den­ken gibt – es ist die obsku­re Geschich­te eines Man­nes, der auf­grund eige­ner Erfah­run­gen mit jenem psy­cho­tech­ni­schen und ‑poli­ti­schen Kom­plex in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten zwei­fels­oh­ne ›meta­po­li­ti­sche‹ Über­le­gun­gen ange­stellt hat, um dar­aus radi­ka­le Kon­se­quen­zen abzu­lei­ten: die Geschich­te Ted Kac­zynskis, des soge­nann­ten Unab­om­bers. Er soll Ver­tre­ter der nord­ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten und Luft­fahrt mit Brief­bom­ben atta­ckiert haben (UNi­ver­si­ties and Air­lines), wich­ti­ge Expo­nen­ten also des tech­no­lo­gisch-öko­no­mi­schen Fort­schritts hin zur glo­ba­len Ver­net­zung, For­ma­tie­rung und Pro­gram­mie­rung des Men­schen, den man­che begrü­ßen, er indes vehe­ment als Frei­heits­ver­lust ablehnt. Kac­zyn­ski, ein weit über­durch­schnitt­li­cher Mathe­ma­ti­ker, der als Sti­pen­di­at in Har­vard stu­diert, in Michi­gan pro­mo­viert und dann in Ber­ke­ley an der Uni­ver­si­tät gelehrt hat­te, zog sich Ende der 1960er Jah­re aus dem Betrieb zurück, um etwas spä­ter dann in einer selbst­ge­bau­ten Hüt­te in den Berg­wäl­dern von Mon­ta­na zu leben und in loka­len Biblio­the­ken die Schrif­ten der Klas­si­ker in den Ori­gi­nal­spra­chen zu lesen, so geht zumin­dest die Mär. Dort soll er im Lau­fe der Jahr­zehn­te auch sei­ne tod- und ver­der­ben­brin­gen­den Post­sen­dun­gen vor­be­rei­tet haben, für die er nach einer lan­gen Fahn­dung, vom eige­nen Bru­der dem FBI preis­ge­ge­ben, für den Rest sei­nes Lebens ins Gefäng­nis muß­te. Schlüs­sel des Fahn­dungs­er­folgs war ein tech­nik­feind­li­ches Mani­fest, für des­sen Publi­ka­ti­on er unter dem Namen eines omi­nö­sen ›Free­dom Club‹ anbot, den ter­ro­ris­ti­schen Akti­vis­mus ein­zu­stel­len, auch wenn Damm­becks Film am Ende sta­tu­iert: »Ted Kac­zyn­ski bestrei­tet bis heu­te, der Unab­om­ber gewe­sen zu sein.« Ob er nun der Brief­bom­ben­at­ten­tä­ter war oder nur ein Tritt­brett­fah­rer – Kac­zynskis anar­chi­sches Mani­fest liegt jeden­falls in einer von ihm ›auto­ri­sier­ten‹ Fas­sung auch auf Deutsch vor, und über die Qua­li­tä­ten die­ses merk­wür­di­gen Tex­tes läßt sich streiten.

Das Mani­fest pro­pa­giert die »Natur« als »ein per­fek­tes Gegen-Ide­al zur Tech­no­lo­gie«, wäh­rend das expan­die­ren­de tech­nisch-öko­no­mi­sche Sys­tem der Gegen­wart den Men­schen in sei­nen Augen in skla­vi­sche Abhän­gig­keit und zugleich see­li­sche Zer­stö­rung führt. Dies ist frei­lich kaum ori­gi­nell; Kac­zyn­ski hät­te sol­ches nicht nur in La tech­ni­que ou l’enjeu du siè­cle von Jac­ques Ellul lesen kön­nen, son­dern auch in Theo­dor Frey­ers Theo­rie des gegen­wär­ti­gen Zeit­al­ters mit ihrem Ver­ständ­nis von der Indus­trie­tech­nik als einem ›sekun­dä­ren Sys­tem‹, oder anders­wo – gera­de die deut­sche Zivi­li­sa­ti­ons­kri­tik ist ja, vor allem seit Lud­wig Kla­ges’ Mani­fest Mensch und Erde von 1913, über Walt­her Rathen­au, Fried­rich Georg Jün­ger, Mar­tin Heid­eg­ger bis hin zu Her­bert Mar­cu­ses Ein­di­men­sio­na­lem Men­schen reich an fun­dier­ten Ein­wän­den gegen die domi­nie­ren­den tech­no­lo­gi­schen Glücks- und Erlö­sungs­ver­spre­chen. Sei­ner­zeit sel­ten war jedoch Kac­zynskis Kri­tik an einer nur ver­meint­lich non­kon­for­mis­tisch oder gar revo­lu­tio­när »links­ge­rich­te­ten Ideo­lo­gie«, die er als frei­heits­feind­li­che »tota­li­tä­re Kraft« kenn­zeich­net – vie­le ihrer Ver­tre­ter sei­en höchst defi­zi­tä­re, »über­an­ge­paß­te« Kon­for­mis­ten, die de fac­to als bor­nier­te Agen­ten des uni­ver­sal aus­grei­fen­den öko­no­misch-tech­ni­schen Zwangs- und Ver­füh­rungs­sys­tems wirkten.

Er selbst plä­diert nun dafür, zunächst alles aktiv zu beför­dern, was eine Glo­ba­li­sie­rung und Gleich­schal­tung der öko­no­misch-tech­ni­schen Ent­wick­lun­gen vor­an­treibt, um ein dann um so anfäl­li­ge­res, da welt­weit ver­netz­tes ›Sys­tem‹ um so leich­ter aus einer umfas­sen­den Kri­se her­aus einer grund­stür­zen­den Revo­lu­ti­on ent­ge­gen­trei­ben zu kön­nen. Eine sol­che Revo­lu­ti­on wird in sei­nen Augen aber kei­ne poli­ti­sche sein – den Gang in die tra­di­tio­nel­le ›prak­ti­sche‹ Poli­tik schließt er dezi­diert aus, sei­ne eige­nen, letzt­lich doch anar­chis­ti­schen Ansät­ze kön­nen aller­dings nicht recht über­zeu­gen. Der von ihm ersehn­te Zusam­men­bruch des glo­ba­len tech­nisch-öko­no­mi­schen Sys­tems soll am Ende doch auch eine – bra­chia­le – Neu­for­ma­tie­rung der mensch­li­chen Gesell­schaf­ten bewir­ken: Kac­zynskis Ide­al läuft dar­auf hin­aus, in der Kata­stro­phe klei­ne­re sozia­le Grup­pie­run­gen eben­so wie den Ein­zel­men­schen frei­zu­set­zen, um künf­tig eine natur­na­he und sinn­erfüll­te ›pri­mä­re‹ Exis­tenz ohne ›sekun­dä­re‹ tech­ni­sche Sys­tem­zwän­ge zu ermög­li­chen. Dies ist das Modell vie­ler Apo­ka­lyp­ti­ker– nach dem Unter­gang erhebt sich Conan, der Bar­bar, aus den Trüm­mern, und es geht alles wie­der von vor­ne los.

Was wäre aber an Damm­becks Film und Kac­zynskis Fall für uns heu­te, im Sin­ne einer Erkennt­nis der eige­nen Lage oder gar: ›meta­po­li­tisch‹, inter­es­sant? Zunächst scheint Kac­zynskis Fall doch patho­lo­gi­sche Züge auf­zu­wei­sen, eben­so wie er im Kern nur eine roman­ti­sche Tech­nik­kri­tik repro­du­ziert und damit den Men­schen als gebo­re­nes Tech­nik-Wesen ver­kennt, das seit den Tagen des Faust­keils auf tech­no­lo­gi­sche Expan­si­on und eine ent­spre­chend abs­tra­hie­ren­de Sys­te­ma­tik ange­legt ist. Der radi­ka­le Zugriff des angeb­li­chen Unab­om­bers mit sei­ner Behaup­tung, einem ›Free­dom Club‹ anzu­ge­hö­ren, hat jedoch Poten­ti­al bis hin zum Kult: Chuck Palah­n­i­uks bekann­ter Roman und David Fin­chers danach gedreh­ter Film Fight Club wan­deln nicht nur und kaum zufäl­lig den Namen von Kac­zynskis angeb­li­chem Geheim­bund kennt­lich ab, son­dern trans­por­tie­ren auch wesent­li­che sei­ner zivi­li­sa­ti­ons­kri­ti­schen The­sen – die offen­sicht­lich einen bestimm­ten Typus Mensch ansprechen.

Hier liegt mit­hin exem­pla­risch ein zivi­li­sa­ti­ons­kri­ti­sches Den­ken vor, das zwar theo­re­tisch kei­ner poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen oder sozio­lo­gi­schen Exper­ti­se genü­gen mag, aber im Hin­blick auf unser Leben in der Polis zu Fol­ge­run­gen kommt, die in man­chem ein­leuch­ten. Es ist vor allem der Kampf für ein selbst­be­stimm­tes, erfüll­tes­Le­ben, ob als Ein­zel­we­sen oder Grup­pie­rung, gegen eine über­mäch­ti­ge Struk­tur, deran Kac­zynskis Fall und sei­nen pop­kul­tu­rel­len Adap­tio­nen posi­tiv wie nega­tiv zu fas­zi­nie­ren ver­mag. Je nach For­mat kann ein sol­cher Kampf groß­ar­tig, schreck­lich oder lächer­lich wir­ken, als ver­zwei­felt-tap­fe­rer Wider­stands­akt, Que­ru­lan­ten­tum oder para­no­ide Pro­jek­ti­on erschei­nen. Betrach­ten wir die Prä­mis­sen und Fol­gen von Kac­zynskis Han­deln, ob er nun der Brief­bom­ber war oder nicht, las­sen sich fol­gen­de The­sen aufstellen:

  1. Poli­tik – sei es für oder gegen eine bestimm­te Lebens­wei­se, für oder gegen Völ­ker, Reli­gio­nen, Wahl- oder Wirt­schafts­sys­te­me, sei es für Natio­nal­staa­ten, Staa­ten­bün­de oder Bun­des­staa­ten – fin­det immer statt im Rah­men und unter den Bedin­gun­gen eines rasant expan­die­ren­den tech­nisch domi­nier­ten ›Sys­tems‹.
  2. Die­ses tech­no­lo­gi­sche ›Sys­tem‹ spielt, solan­ge es funk­tio­niert, immer mit büro­kra­ti­schen und einer ähn­li­chen Logik fol­gen­den ande­ren Teil­sys­te­men zusam­men, die nur eine bestimm­te Band­brei­te von poli­ti­schen Optio­nen erlau­ben und wirk­sam wer­den lassen.
  3. Ein sol­ches ›Sys­tem‹ hat, solan­ge es funk­tio­niert, eine expan­si­ve, uni­ver­sa­lis­ti­sche Ten­denz, die zu einer Homo­ge­ni­sie­rung der Teil­sys­te­me führt – Fried­rich Georg Jün­ger nann­te dies ›Per­fek­ti­on der Technik‹.
  4. Solan­ge die­ses Sys­tem funk­tio­niert, ist jede offe­ne, erklär­te Sezes­si­on, die eine wahr­nehm­ba­re Stör­grö­ße bil­det, für den Sezes­sio­nis­ten ris­kant und auf län­ge­re Sicht zum Schei­tern verurteilt.
  5. Greift ein Sezes­sio­nist in solch aus­sichts­lo­ser Stel­lung gar zu poli­ti­scher Gewalt oder recht­fer­tigt die­se öffent­lich aus ideo­lo­gi­schen Grün­den, wird er zum Kri­mi­nal­fall und zieht sei­ne gan­ze Grup­pie­rung oder Rich­tung mit sich in die Malaise.
  6. Hat der Sezes­sio­nist eini­ges For­mat, endet er nicht sel­ten als Schau­spie­ler einer ›Sache‹ oder sei­ner selbst wie Limo­nov in Ruß­land, als roman­ti­sche Ges­te und Rit­ter von der trau­ri­gen Gestalt wie Yukio Mishi­ma in Japan, bes­ten­falls also noch als Gegen­stand von Kunst, Wis­sen­schaft oder Pop­kul­tur. Damit sta­bi­li­siert er, als vir­tu­el­les Ven­til, zudem unwill­kür­lich jenes ›Sys­tem‹, gegen das er ankämpft.
  7. Spin­nen wir den Gedan­ken wei­ter und bre­chen ihn auf unse­re Polis her­un­ter, ist die Sozio­lo­gie des Par­tei­we­sens in der moder­nen Demo­kra­tie aus der Feder des vor­ma­li­gen Sozi­al­de­mo­kra­ten Robert Michels von 1911 hin­zu­zie­hen: Deren eher­nes Gesetz der Olig­ar­chie in der büro­kra­tisch ver­faß­ten Mas­sen­or­ga­ni­sa­ti­on bezeich­net eine ähn­li­che sys­te­mi­sche Grund­be­din­gung. Solan­ge das Sys­tem eini­ger­ma­ßen funk­tio­niert, gibt es kein Ent­rin­nen – jede Par­tei funk­tio­niert hier, sobald sie sich als Par­tei kon­sti­tu­iert hat, die­sem Gesetz gemäß. Eine grund­le­gen­de Ände­rung ist davon nicht zu erwarten.

Was folgt dar­aus? Wer meint, etwas lau­fe grund­le­gend falsch in der Welt, in der wir gut und ger­ne leben, kann sich ver­hal­ten wie Kac­zyn­ski oder Mishi­ma – dies wäre der roman­ti­sche Auf­stand, die Revol­te, die immer Teil des von ihr bekämpf­ten Betriebs bleibt und ihn nicht aus­he­beln kann. Eine Revol­te, ja selbst ein Reform­pro­jekt hat nur dann Erfolgs­aus­sich­ten, wenn bereits eine Basis dafür vor­han­den ist – also eine Kri­se das Bestehen­de so gründ­lich dele­gi­ti­miert hat, daß die Pfrün­de nicht mehr zu hal­ten sind, alles ins Rut­schen gerät, zugleich genü­gend per­so­nel­les Poten­ti­al mit einer ähn­li­chen Men­ta­li­tät und Lage­be­ur­tei­lung zur Ver­fü­gung steht. Sich poli­tisch ver­hal­ten hie­ße also, die hero­isch-schö­ne Revol­te zu unter­las­sen, weil sie wert­vol­le Kräf­te ver­schwen­det, und inner­halb des ›Sys­tems‹ mit des­sen Mit­teln um Ein­fluß und Gestal­tungs­mög­lich­keit zu rin­gen, also auch Par­tei­en zu nut­zen. Meint man indes­sen, daß ins­ge­samt etwas grund­le­gend falsch läuft, steht man im Dilem­ma, durch poli­ti­sche Tätig­keit genau die­sen Zustand mit der eige­nen Leis­tung zu ver­ste­ti­gen, selbst dem eher­nen Gesetz der Par­tei­en­olig­ar­chie zu ver­fal­len und damit Teil des­sen zu wer­den, das frü­her oder spä­ter unwei­ger­lich gegen die Wand fährt. Im Gefop­pe und Getreibs der Zeit droht dann gar das Ver­feh­len des eige­nen Lebens.

2013 ent­warf der rus­si­sche Roman­cier Vla­di­mir Geor­gie­vič Sor­okin in sei­nem Roman Tel­lu­ria eine Zukunfts­welt, in der Euro­pa mit Ruß­land nach einem gro­ßen Krieg zer­fal­len ist in Klein­staa­ten wie einst das Hei­li­ge Römi­sche Reich nach dem Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg – die Kata­stro­phe hat dort also bereits statt­ge­fun­den. Sor­okins schril­le Fik­ti­on ist in ihrem Gehalt jedoch rea­lis­ti­scher als Kac­zynskis tech­nik­feind­li­ches Mani­fest, denn in sei­ner Roman­welt hat sich moderns­te Tech­nik als Relikt und Res­sour­ce in einem All­tag erhal­ten, der ansons­ten vor­mo­dern anmu­tet, ja sie hat magi­sche Züge ange­nom­men. Der Mensch und sein Begehr indes­sen blei­ben die­sel­ben: Kampf um Macht, Geld, Kon­sum und Sex allent­hal­ben, ein Maß­stab des Rech­ten und Rich­ti­gen ist in die­ser kon­fu­sen Welt schwer zu erken­nen. Sor­okins lite­ra­ri­sche Visi­on klingt aber mit einer über­ra­schen­den Vol­te aus, indem sich die ein­zi­ge Figur des letz­ten Kapi­tels dem gan­zen Trei­ben der vori­gen Kapi­tel ent­zieht, und zwar in den Wald hin­ein: »Din­ge gibt’s, auf die sich gut­ver­zich­ten lässt: Wei­ber, Kino, Bla­se, Pyra­mi­den, Nägel, Krieg, Mone­ten, Obrig­keit. […] Ein­zig vor der Son­ne sich ver­nei­gen. Gekrault wird nur, was ein Fell hat. Gere­det nur mit den Vögeln im Wal­de. Was braucht der Mensch mehr?«

Die­ser ein­fa­che Roman-Rus­se geht einen ähn­li­chen Weg wie Kac­zyn­ski in der Rea­li­tät vor ihm, nur ver­zich­tet er mit sei­nem Wald­gang auf jed­we­de Akti­on: Er begibt sich schlicht jeder mensch­li­chen Gesell­schaft und wird zum Ein­sied­ler. Dem skiz­zier­ten Dilem­ma, mit einer Revol­te schei­tern oder durch beharr­li­che Arbeit in einem men­schen­feind­li­chen Sys­tem die­ses unwill­kür­lich stüt­zen zu müs­sen, ent­geht Sor­okins Schluß­ge­stalt durch radi­ka­le Ver­wei­ge­rung aller Teil­ha­be. Wenn­gleich die­se Opti­on einen mön­chi­schen Zau­ber hat, steht sie doch für einen Abbruch – hier wäre man an einem Ende ange­langt, man schlös­se mit sich und sei­nem Geschlecht end­gül­tig ab. Ein sol­ches fried­lich schei­nen­des Leben als »Gegen-Ide­al zur Tech­no­lo­gie« hät­te etwas Vege­ta­ti­ves, und wür­de es auch noch so phi­lo­so­phisch geführt; es ver­kä­me in einer Welt ohne Göt­ter unwei­ger­lich zu einem Über­le­ben und schließ­lich Verdämmern.

Was bleibt also, wenn eine Revol­te eben­so wie ein ›Aus­stieg‹ auf­grund der Sys­tem­pa­ra­me­ter illu­sio­när oder ver­geb­lich ist? Bli­cken wir auf die kon­kre­te Lage, wie sie sich uns hier und jetzt dar­bie­tet, so sehen wir frei­lich eine Kri­se der Glo­ba­li­sie­rung, deren Reak­ti­ons­ge­schwin­dig­keit durch jenes omi­nö­se Virus als Kata­ly­sa­tor nur beschleu­nigt wur­de. Ihre Ent­wick­lung und mit­tel- wie lang­fris­ti­gen Wir­kun­gen sind kei­nes­falls mathe­ma­tisch sicher pro­gnos­ti­zier­bar; sie nährt offen­sicht­lich nicht nur Nie­der­gangs­furcht, son­dern auch Hoff­nung, gleich­viel ob man nun ein Afi­ci­o­na­do der Glo­ba­li­sie­rung oder ein Par­ti­ku­la­rist, ein Anhän­ger der EU-Büro­kra­tie oder des Natio­nal­staats ist – die Hoff­nung stirbt auf allen Sei­ten immer zuletzt. Will man aber ernst­haft ›meta­po­li­tisch‹ über sich, die eige­ne Lage und Mög­lich­kei­ten des Han­delns nach­den­ken, läßt man bes­ser alle Hoff­nung fah­ren, sonst betrügt man sich und die Sei­nen selbst. Ernst von Salo­mon erin­ner­te sich nach dem Zwei­ten Welt­krieg in sei­nem Fra­ge­bo­gen an eine Begeg­nung mit Ernst Jün­ger in den spä­ten 1930er Jah­ren: »Ich frag­te ihn, was er trei­be, er sag­te: ›Ich habe mir einen erhöh­ten Stand­ort aus­ge­sucht, von dem ich beob­ach­te, wie sich die Wan­zen gegen­sei­tig auf­fres­sen.‹ Ich sag­te etwas gereizt, nun, er habe sich immer gern auf einen ande­ren Stern zurück­ge­zo­gen, wor­auf er sofort erwi­der­te: ›Ja, auf einen rela­tiv anstän­di­gen, auf den Mars oder die Venus, nicht auf den Saturn, der hat Nebel­strei­fen, und außer­dem sitzt da schon Speng­ler.‹« Was bei Jün­ger etwas kalt­schnäu­zig klingt, ist als geis­ti­ge Hal­tung auch der heu­ti­gen Lage ange­mes­sen und legitim.

Es gibt kein Ent­rin­nen aus dem stäh­ler­nen oder digi­ta­len Gehäu­se, das vor Kac­zynskis unbe­hol­fe­nen Ver­su­chen schon so vie­le Den­ker gera­de in Deutsch­land gründ­lich ana­ly­siert haben, und es gibt in die­sem Gehäu­se kein Zurück zu einem Land oder Staat, wie er ein­mal gewe­sen sein soll. Wir leben nach dem Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg, in Zei­ten der Ermü­dung. Das Deutsch­land, das wir kann­ten, ist nicht mehr zu ret­ten, es ist unter­ge­gan­gen – wir dür­fen ihm nicht fol­gen, denn es heißt, so Otto Fried­rich Boll­now, »daß der Mensch nicht nur nach Zei­ten der Ermü­dung einen neu­en Anlauf neh­men muß, son­dern daß er auch nach fehl­ge­lau­fe­nen Ent­wick­lun­gen und Zei­ten, in denen ihm sein Leben ent­glit­ten ist, zurück­keh­ren und neu begin­nen muß, daß der Mensch also in sei­nem Leben immer wie­der von vorn begin­nen muß, und zwar nicht infol­ge eines ver­meid­ba­ren Feh­lers, son­dern weil es so zum Wesen des mensch­li­chen Lebens gehört.«

In Zei­ten der Ermü­dung müs­sen wir ein­keh­ren und über einen neu­en Anlauf nach­den­ken, aus den Häu­sern der Seß­haf­ten heraus.

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