Kulturrevolution und Populismus – eine Bilanz

PDF der Druckfassung aus Sezession 96/ Juni 2020

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Alain de Benoist im Gespräch mit Bene­dikt Kaiser

SEZESSION: Mon­sieur Alain de Benoist, es gibt weni­ge Begrif­fe, die man in der Bericht­erstat­tung über Sie häu­fi­ger nennt als »Kul­tur­re­vo­lu­ti­on von rechts«. In Deutsch­land beti­tel­te man so eine Text­samm­lung, die erst­mals 1985 erschien, 2017 neu auf­ge­legt wur­de und sich seit­her kon­ti­nu­ier­lich gut ver­kauft. Wie steht’s um die rech­te Kulturrevolution?

ALAIN DE BENOIST: Als ich die­se For­mel benutz­te, vor über 30 Jah­ren, hat­te ich die Ideen­fa­mi­lie der deut­schen »Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on« im Kopf, die bekann­ter­ma­ßen von Armin Moh­ler inven­ta­ri­siert wur­de. Ich wür­de nicht zögern, den Begriff heu­te wie­der ein­zu­füh­ren, wobei ich ihm eine wei­ter­rei­chen­de Trag­wei­te zuwie­se. Ers­tens, weil ich davon über­zeugt bin, daß wir uns in einer Zeit befin­den, in der neue, trans­ver­sa­le Spal­tun­gen alte Spal­tun­gen erset­zen. In die­ser Situa­ti­on kön­nen sich Kon­zep­te, die unver­ein­bar schie­nen, mit­ein­an­der ver­bin­den. Begrif­fe wie »lin­ke Leu­te von rechts«, »kon­ser­va­ti­ve Sozia­lis­ten« usw. fin­den in die­ser Kon­stel­la­ti­on ihren Sinn. Eine wei­te­re Ebe­ne umfaßt die Vor­stel­lung, daß das, was heu­te erhal­ten wer­den soll­te, in unse­rer Zeit einen radi­ka­len gesell­schaft­li­chen Wan­del – eine Revo­lu­ti­on? – ver­lan­gen wür­de. Der Begriff der »Revo­lu­ti­on« muß nicht zwangs­läu­fig als Gewalt­akt ver­stan­den wer­den. In der Ver­gan­gen­heit gab es explo­si­ons­ar­ti­ge Revo­lu­tio­nen (bei­spiels­wei­se die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on), doch auch implo­si­ons­be­ding­te Revo­lu­tio­nen (etwa das Ende des sowje­ti­schen Sys­tems). In Anbe­tracht des all­ge­mei­nen Zustands der Gesell­schaft ent­spricht jede refor­mis­ti­sche Posi­ti­on einer Zusam­men­ar­beit mit der herr­schen­den Ideo­lo­gie. Die Gesell­schaft kann nicht mehr refor­miert wer­den, sie muß grund­le­gend ver­än­dert wer­den. Um der herr­schen­den Ideo­lo­gie ein Ende zu set­zen, muß sie durch eine ande­re Hege­mo­nie ersetzt wer­den, die auf neu­en Grund­la­gen beruht.

SEZESSION: Mit Erkennt­nis­sen Anto­nio Gram­scis haben Sie erklärt, daß Hege­mo­nie aber nur zu erlan­gen ist, wenn eine poli­ti­sche Bewe­gung ihre eige­nen Ideen im kul­tu­rel­len und im vor­po­li­ti­schen Raum als füh­rend zu set­zen ver­mag. Die­se Vor­stel­lung ist rechts der Mit­te auch 2020 kein Kon­sens; Ideen­po­li­tik wird bis­wei­len als über­be­wer­tet angesehen …

ALAIN DE BENOIST: Nun, Anto­nio Gram­scis gro­ßes Ver­dienst ist die Fest­stel­lung, daß in den »ent­wi­ckel­ten Län­dern« kei­ne wirk­li­che poli­ti­sche Revo­lu­ti­on statt­fin­den kann, ohne daß zuvor eine Ver­än­de­rung der Ord­nung der all­ge­mei­nen Kul­tur, der Wer­te und der intel­lek­tu­el­len und sozia­len Mythen statt­ge­fun­den hat. Das klas­si­sche Bei­spiel ist die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on, die nicht mög­lich gewe­sen wäre, ohne daß ihr die Phi­lo­so­phie der Auf­klä­rung vor­aus­ging: Die Autoren der Ency­clo­pé­die haben den Weg geeb­net. Gram­sci hat­te die Bedeu­tung kul­tu­rel­ler Hebel erkannt – daher sei­ne For­de­rung nach »orga­ni­schen Intel­lek­tu­el­len« und sein Inter­es­se, das er für die vor­herr­schen­den Wer­te in der sym­bo­li­schen Vor­stel­lung der Volks­schich­ten (clas­ses popu­lai­res) ent­wi­ckel­te.

Die­se Beob­ach­tung hat mich dazu ver­an­laßt, von »Meta­po­li­tik« zu spre­chen, was nicht immer rich­tig ver­stan­den wur­de. Mei­ner Mei­nung nach war Meta­po­li­tik kei­ne Metho­de, Poli­tik anders zu gestal­ten. Mit die­sem Begriff, den nicht ich erfun­den habe (er fin­det sich bereits 1784 bei einem Schü­ler Mon­tes­quieus), woll­te ich ver­su­chen, den­je­ni­gen mei­ner Freun­de, die der »poli­ti­schen Poli­tik«, dem Tages­ge­schäft, Vor­rang ein­räum­ten (»Für Ideen haben wir spä­ter noch Zeit«), klar­zu­ma­chen, daß man nie auf eine Dok­trin ver­zich­ten kann, die als Grund­la­ge für ein all­ge­mei­nes Welt­bild die­nen kann, das sich auf alle Berei­che des Wis­sens und Den­kens erstreckt. Mein gan­zes Leben lang habe ich mit Men­schen zusam­men­ge­ar­bei­tet, für die Ideen nach­ran­gig waren, die pri­mär »zusam­men­brin­gen« woll­ten (wäh­rend Ideen »spal­ten wür­den«) – oder, schlim­mer noch, die der Mei­nung waren, daß Ideen nur von Inter­es­se sei­en, wenn sie instru­men­ta­li­siert wer­den könn­ten. Um es ganz ein­fach zu sagen: Mein Ansin­nen war in ers­ter Linie, intel­lek­tu­el­le Arbeit in einem Umfeld wie­der­her­zu­stel­len, das die­se nicht gou­tier­te, indem ich mit Nach­druck bekräf­tig­te, daß es ohne eine gut struk­tu­rier­te Welt­an­schau­ung kei­ne nach­hal­ti­ge Wir­kung geben kann. Davon bin ich noch heu­te überzeugt.

Ein Beweis für die Gül­tig­keit des­sen, was Gram­sci über »kul­tu­rel­le Macht« sag­te, ist, daß sich die gro­ßen intel­lek­tu­el­len Revo­lu­tio­nen der Geschich­te letzt­lich als dau­er­haft erwie­sen haben. Alle mög­li­chen poli­ti­schen Revo­lu­tio­nen, die in ihrer Epo­che viel Lärm ver­ur­sach­ten, sind heu­te ver­ges­sen, wäh­rend wir immer noch die Fol­gen der car­te­sia­ni­schen Umwäl­zung, der Ideo­lo­gie des Fort­schritts, der kan­tia­ni­schen Revo­lu­ti­on, der Men­schen­rechts­re­li­gi­on usw. zu spü­ren bekom­men, die viel »lei­ser« daher­ka­men. Wie Nietz­sche in Also sprach Zara­thus­tra sag­te: »Gedan­ken, die mit Tau­ben­fü­ßen kom­men, len­ken die Welt.«

SEZESSION: Mein Ein­druck der Lek­tü­re Ihrer jüngs­ten Schrif­ten ist gleich­wohl, daß Sie heu­te die Auf­fas­sung ver­tre­ten, wonach eine Kul­tur­re­vo­lu­ti­on im »Augen­blick des Popu­lis­mus« nicht aus­rei­chend wäre. Anstatt die Gesell­schaft »von oben« (über per­so­nel­len und ideel­len Eli­ten­um­bau) zu ver­än­dern, wäre es die Auf­ga­be, neu­es Gemein­schafts­le­ben »von unten« her zu bestim­men und Gegen­be­we­gun­gen zur poli­tisch-media­len und wirt­schaft­lich füh­ren­den Klas­se auf­zu­bau­en. Erscheint die Kul­tur­re­vo­lu­ti­on veraltet?

ALAIN DE BENOIST: Der Auf­stieg des Popu­lis­mus in den letz­ten zwan­zig Jah­ren hat die­ses seit lan­gem bestehen­de Phä­no­men belebt und neu aus­ge­stal­tet. In ganz Euro­pa (und dar­über hin­aus) war der Auf­stieg von Popu­lis­men ein bedeut­sa­mer poli­ti­scher Pro­zeß, der sich fort­setzt. Ich den­ke dabei nicht nur an die popu­lis­ti­schen Par­tei­en und Bewe­gun­gen, son­dern an das, was Vin­cent Cous­se­diè­re als »Popu­lis­mus des Vol­kes« bezeich­net hat: Ein grund­le­gen­der, spon­ta­ner und im wesent­li­chen reak­ti­ver Popu­lis­mus, der popu­lis­ti­schen Bewe­gun­gen Treib­stoff lie­fert, sich aber nicht auf sie beschrän­ken läßt. Der wich­tigs­te Motor die­ses Popu­lis­mus des Vol­kes ist der Wunsch, eine bestimm­te Art der Sozia­bi­li­tät zu bewah­ren, die Herr­schaft über die Bedin­gun­gen sei­ner eige­nen sozia­len Repro­duk­ti­on zu behalten.

Die Grün­de für den zuneh­men­den Popu­lis­mus sind bekannt. In sozio­lo­gi­scher Hin­sicht führt die welt­wei­te Kapi­ta­li­sie­rung zu einer neu­en Form der Ver­ar­mung: Die Mit­tel­schicht, deren Ent­wick­lung durch den Kapi­ta­lis­mus in der Zeit des For­dis­mus geför­dert wur­de, um den Kon­sum zu stär­ken, befin­det sich in einer Pha­se der Deklas­sie­rung; es droht ihr Ver­schwin­den. Der unte­re Teil die­ser Mit­tel­schicht fällt auf das Niveau der Volks­schich­ten, deren For­de­run­gen sie teilt. Dies ist der Beginn des Ent­ste­hens eines neu­en his­to­ri­schen Blocks, zumal sich auch die sozio­geo­gra­phi­sche Kluft zwi­schen den glo­ba­li­sier­ten Metro­po­len und der Peri­phe­rie ver­tieft. Die Gesell­schaft hat sich von der Pyra­mi­den­struk­tur (wo die oben ange­häuf­ten Gewin­ne zumin­dest teil­wei­se auf allen Stu­fen der Pyra­mi­de ankom­men) zur Sand­uhr-Form ent­wi­ckelt (die Gewin­ne häu­fen sich wei­ter oben, Armut und Unsi­cher­heit wach­sen kon­ti­nu­ier­lich an der Basis, wäh­rend sich die Mit­tel­schicht ver­dün­ni­siert). Auf poli­ti­scher Ebe­ne ist der Popu­lis­mus das Ergeb­nis der Ent­täu­schung und Ent­mu­ti­gung, die das Spek­ta­kel einer poli­ti­schen Klas­se her­vor­ru­fen, die zu einer Olig­ar­chie gewor­den ist, die ent­ter­ri­to­ria­li­siert scheint und sich nicht um Völ­ker schert. Die Men­schen glau­ben nicht mehr an die Poli­ti­ker, an die »Exper­ten«, an die Medi­en, an die libe­ra­le Demo­kra­tie (die nur dem Namen nach»demokratisch« ist). Sie votier­ten nach­ein­an­der rechts und links, ohne daß ihre For­de­run­gen erfüllt wur­den. Dar­auf­hin ent­hiel­ten sie sich. Doch heu­te set­zen sie Hoff­nun­gen auf popu­lis­ti­sche Bewe­gun­gen, die um so leich­ter rekru­tie­ren kön­nen, als die Lin­ke den Sozia­lis­mus auf­ge­ge­ben und sich vom Vol­ke abge­schnit­ten hat. Es ist kein Zufall, daß der Popu­lis­mus auf Kos­ten der ehe­ma­li­gen gro­ßen »Regie­rungs­par­tei­en« reüs­siert, die die gro­ßen Trä­ger der alten Mit­te-Links-Mit­te-Rechts-Kluft waren und jetzt ver­schwin­den. Die­ses Phä­no­men zeigt, daß wir gera­de ein Zwi­schen­reich durch­le­ben, eine Über­gangs­pha­se. Die Kar­ten wer­den neu gemischt. Die alte poli­ti­sche Land­schaft ver­schwin­det suk­zes­si­ve. Die neue Land­schaft läßt sich noch nicht ganz erken­nen, aber die Din­ge wer­den klarer.

Die­sem Popu­lis­mus, dem ich kürz­lich ein Buch gewid­met habe, gilt mei­ne Auf­merk­sam­keit. Ers­tens, weil des­sen Vor­rü­cken heu­te das wich­tigs­te Ereig­nis im poli­ti­schen Leben dar­stellt. Zwei­tens, weil ich seit jeher den Begriff des Vol­kes ver­tre­te. Zwei Jahr­hun­der­te lang frag­ten sich Theo­re­ti­ker und Poli­ti­ker, wel­che Prio­ri­tät Staat, Nati­on und Volk haben und wie die­se drei Begrif­fe mit­ein­an­der ver­knüpft wer­den kön­nen. Ich erken­ne die Not­wen­dig­keit des Staa­tes an, bin aber kein Eta­tist. Die Nati­on im poli­ti­schen Sin­ne ist ursprüng­lich ein »lin­kes« Kon­zept (die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on weist ihr Vor­rech­te zu, die frü­her dem König zustan­den), das dann all­mäh­lich nach rechts über­ging. Da ich dem Jako­bi­ner­tum und dem Zen­tra­lis­mus feind­se­lig ent­ge­gen­tre­te, habe ich kein über­mä­ßi­ges Mit­ge­fühl mit dem Natio­nal­staat (die Deut­schen hat­ten womög­lich nicht genug Nati­on in ihrer Geschich­te, die Fran­zo­sen zu viel). Für mich steht das Volk an ers­ter Stel­le; es ist die Grund­la­ge für alles wei­te­re. Da ich kein Wohl­ge­fal­len für Dik­ta­tu­ren auf­brin­ge und die Macht des Him­mels heu­te nur noch eine Erin­ne­rung ist, bin ich zudem im Wort­sin­ne Demo­krat. Demo­kra­tie steht für die Macht des Vol­kes. In einer Demo­kra­tie besitzt das Volk allein Sou­ve­rä­ni­tät und Legi­ti­mi­tät. Ihm gehört die kon­sti­tu­tio­nel­le Macht. Natür­lich gibt es dabei ver­schie­de­ne Arten, das Volk zu defi­nie­ren. Rech­te inter­es­sie­ren sich in der Regel für die Men­schen als Eth­nos, wäh­rend Lin­ke in ers­ter Linie an den Men­schen als Demos inter­es­siert sind. Bei­de For­men sind mei­nes Erach­tens untrennbar.

Den Popu­lis­mus kenn­zeich­nen gleich­wohl nicht nur Qua­li­tä­ten. Popu­lis­ten haben gesun­de Instink­te, was gewiß gut ist (das ist bei Eli­ten viel sel­te­ner der Fall!), aber sie haben kaum kla­re Vor­stel­lun­gen. Des­halb ist die Arbeit der »orga­ni­schen Intel­lek­tu­el­len« wei­ter­hin von ent­schei­den­der Bedeu­tung. Eine Kul­tur­re­vo­lu­ti­on wird nicht ohne das Volk statt­fin­den, aber es braucht Theo­re­ti­ker, um den Sinn des his­to­ri­schen Moments, den wir erle­ben, mög­lichst vie­len Men­schen ver­ständ­lich zu machen. Ihnen müß­te die tie­fe­re Ursa­che des­sen auf­ge­zeigt wer­den, was sie ohne die­ses Wis­sen bedau­ernd hin­näh­men. Die kon­zep­tu­el­le und his­to­ri­sche Genea­lo­gie der herr­schen­den Ideo­lo­gie muß nach­ge­zeich­net wer­den, nicht zuletzt, weil nur so eine wirk­li­che Alter­na­ti­ve für Gesell­schaft und Leben, für den Blick auf die Welt, ent­wi­ckelt wer­den kann.

SEZESSION: Ist es denn mög­lich, »zwei­glei­sig« zu fah­ren –meta­po­li­ti­sche Kul­tur­re­vo­lu­ti­on und popu­lis­ti­sche Sammlung?

ALAIN DE BENOIST: Es gibt kei­ne Ent­we­der-Oder-Situa­ti­on in bezug auf die Unter­stüt­zung des Popu­lis­mus und der meta­po­li­ti­schen Kul­tur­re­vo­lu­ti­on. Bei­des ist not­wen­dig, weil sie ein­an­der ergän­zen. Ohne die Unter­stüt­zung eines gro­ßen Teils der Bevöl­ke­rung bleibt Theo­rie rei­ne Abs­trak­ti­on. Ohne die Unter­stüt­zung einer struk­tu­rier­ten Welt­an­schau­ung bleibt Popu­lis­mus rei­nes Unbe­ha­gen. Es muß jedoch klar­ge­stellt wer­den, daß die­se bei­den unter­schied­li­chen Fel­der nur schwer­lich von den­sel­ben Akteu­ren bear­bei­tet wer­den kön­nen. Es ist sel­ten, daß gro­ße Poli­ti­ker auch gro­ße Theo­re­ti­ker sind; die Qua­li­tä­ten, die man in bei­den Fäl­len braucht, sind nicht die­sel­ben. Es gibt Män­ner des Wis­sens, und es gibt Män­ner der Macht. Bei­de sind not­wen­dig. Eine Gesell­schaft, die aus­schließ­lich aus Intel­lek­tu­el­len besteht, wäre unhalt­bar, eine Gesell­schaft, die nur aus Akti­vis­ten besteht, ebenso.

SEZESSION: Sie schrei­ben in einem Ihrer Wer­ke, daß das Zeit­al­ter der Poli­tik vor­bei sei, »in der Ent­schei­dun­gen von oben nach unten getrof­fen wur­den«. Stre­be man eine Rück­kehr authen­ti­scher Poli­tik an, gel­te es, dies zu begrei­fen: »Die Poli­tik ist gefor­dert, von unten nach oben neu zu ent­ste­hen: durch eine Wie­der­her­stel­lung der gesell­schaft­li­chen Bin­dung und eine all­um­fas­sen­de Wie­der­be­le­bung der poli­ti­schen Dimen­si­on des Sozia­len, vor dem Hori­zont loka­ler Auto­no­mie, par­ti­zi­pa­ti­ver Demo­kra­tie, des Lebens in Ver­ei­nen und Gemein­schaf­ten, des Sub­si­dia­ri­täts­prin­zips.« Schön. Nur: wie kann man von unten her neue Gemein­schaf­ten stiften?

ALAIN DE BENOIST: Das ist die alte Fra­ge Lenins: »Was tun?« Bedau­er­li­cher­wei­se gibt es kei­ne end­gül­ti­ge Ant­wort. Wenn es unum­stöß­li­che Anlei­tun­gen gäbe, wie es Rezep­te für die gute Küche gibt, dann wären sie längst bekannt.

Das wich­tigs­te ist die Schaf­fung von Frei­räu­men, d. h. von Räu­men, die vor Zumu­tun­gen der Ein­wan­de­rung und der Glo­ba­li­sie­rung geschützt sind. Dies ist heu­te nur auf loka­ler Ebe­ne mög­lich: all­ge­mei­ne För­de­rung der direk­ten Demo­kra­tie, Akti­vie­rung der Staats­bür­ger­schaft, Ver­la­ge­rung der Pro­duk­ti­on und des Kon­sums auf loka­le und regio­na­le Kreis­läu­fe usw. Damit mei­ne ich nicht, daß man sich auf die »Zivil­ge­sell­schaft« besin­nen soll­te, die ein libe­ra­ler Begriff ist. Die Zivil­ge­sell­schaft ist jene Gesell­schaft, die nur aus pri­va­tem Blick­win­kel betrach­tet wird. Im Gegen­teil: Man muß auf die öffent­li­che Dimen­si­on set­zen, in der man sei­ne akti­ve Staats­bür­ger­schaft aus­üben kann.

Ein Ende der Poli­tik wird es nie geben, da sie ein Bestand­teil jedes kol­lek­ti­ven Lebens ist: Der Mensch ist von Natur aus ein poli­ti­sches und sozia­les Wesen. Was ver­schwin­det, sind über­leb­te poli­ti­sche For­men. Ins­be­son­de­re der Par­tei­en­geist, der im 20. Jahr­hun­dert tri­um­phier­te, hat sich erschöpft. Er wird durch ande­re For­men von Bewe­gun­gen oder Ver­ei­nen ersetzt. In Zei­ten Künst­li­cher Intel­li­genz und Sozia­ler Netz­wer­ke ver­än­dert sich die Poli­tik. Die Natur der Essenz des Poli­ti­schen indes bleibt: sei­ne plu­ra­le Dimen­si­on, sei­ne unwei­ger­lich kon­flik­tu­el­le, ago­na­le Dimen­si­on usw. Das libe­ra­le Ide­al besteht nun dar­in, die Wirt­schaft über die Poli­tik und die Ver­wal­tung der Din­ge über die Regie­rung der Men­schen zu stel­len. Die vor­herr­schen­de Ideo­lo­gie nennt dies »gute Regie­rungs­füh­rung«, was der Herr­schaft von Mana­gern, Tech­no­kra­ten und Exper­ten ent­spricht. Sie kön­nen jedoch nur die bes­ten Mit­tel bestim­men, um ein Ziel zu errei­chen, sie kön­nen nie­mals selbst bestim­men, was die­se Zie­le sein sollen.

SEZESSION: Nicht jeder Akteur des non­kon­for­men Lagers bewer­tet heu­te Gemein­schaf­ten so grund­sätz­lich posi­tiv wie Sie. Vor allem in Deutsch­lands poli­ti­scher Rech­ten gibt es einen vul­gär-libe­ra­len Trend, das Indi­vi­du­um zu ver­ab­so­lu­tie­ren und Kol­lek­ti­ve per se zu denun­zie­ren. Die Ach­se des Neo­kon­ser­va­tis­mus um Mar­ga­ret That­cher ent­kern­te den euro­päi­schen Kon­ser­va­tis­mus seit den 1980er Jah­ren um sozia­le und iden­ti­tä­re Inhal­te und ersetz­te die­se durch markt­li­be­ra­le Glau­bens­sät­ze. Ver­ant­wor­tungs­ethi­sche Staats­ori­en­tie­rung und soli­da­ri­sches Gemein­wohl­stre­ben wichen indi­vi­dua­lis­ti­schen Prä­mis­sen. Mit Man­fred Klei­ne-Hart­la­ge kann man zuspit­zen, daß vie­le selbsterklärte»Konservative« ledig­lich wert­kon­ser­va­tiv grun­dier­te Neo­li­be­ra­le dar­stel­len. Woher kommt das ideo­lo­gi­sche Selbst­ver­trau­en die­ser Leute?

ALAIN DE BENOIST: Das ist ein ganz wich­ti­ger Punkt. Der gesam­te Libe­ra­lis­mus ist aus der Phi­lo­so­phie der Auf­klä­rung her­aus ent­stan­den, eben­so wie sei­ne wich­tigs­ten Bestand­tei­le: Öko­no­mis­mus, Indi­vi­dua­lis­mus, Pro­gres­si­vis­mus, fer­ner die Vor­stel­lung, wonach der Mensch nur auf Erden weilt, um sei­nen per­sön­li­chen Nut­zen zu maxi­mie­ren. In der Ver­gan­gen­heit haben sich Rech­te und Libe­ra­le befeh­det. Die­se Aus­ein­an­der­set­zung ende­te, als sich bei­de Fami­li­en annä­her­ten, um dem sowje­ti­schen Kom­mu­nis­mus und moder­nen Tota­li­ta­ris­mus zu begeg­nen: Damals glaub­te man, die »freie Welt« zu ver­tei­di­gen, obwohl man den west­li­chen Libe­ra­lis­mus ver­tei­dig­te. Heu­te hat sich die Situa­ti­on wie­der­um ver­än­dert. Geo­po­li­tik fei­ert ihre Wie­der­kehr (die Logik des Lan­des ist nicht die Logik des Mee­res). Und der Zer­fall des hedo­nis­ti­schen Indi­vi­dua­lis­mus wird offen­sicht­li­cher. Sehen Sie sich in den USA die Ent­ste­hung der kom­mu­ni­ta­ris­ti­schen Bewe­gung an, und wie über­all all­mäh­lich die Vor­stel­lung von Gemein­schaft (und Gemein­wohl) wie­der­her­ge­stellt wird. Lei­der wird sich ein Teil der Rech­ten gewohn­heits­mä­ßig und aus Grün­den der Ver­tei­di­gung sei­ner mate­ri­el­len Inter­es­sen wei­ter­hin als »libe­ral« bezeich­nen, ohne zu erken­nen, daß der Libe­ra­lis­mus die indi­vi­du­el­le Frei­heit nur ver­tei­digt, um sie jeder Art von gemein­schaft­li­chem Pro­jekt ent­ge­gen­zu­set­zen. Vie­le popu­lis­ti­sche Erschei­nun­gen haben sich in die­ser Hin­sicht als ent­täu­schend erwie­sen, dar­un­ter Donald Trump, der sag­te, daß man den Kapi­ta­lis­mus nicht aus­brem­sen möch­te, oder Bra­si­li­ens Jair Bol­so­na­ro, der wäh­rend der Coro­na­vi­rus-Epi­de­mie mehr um die Ret­tung »der Wirt­schaft« als um die Ret­tung von Men­schen­le­ben besorgt war. Auch auf Matteo Sal­vi­ni muß man ver­wei­sen, der sich neu­er­dings fas­zi­niert von Ben­ja­min Netan­ja­hu prä­sen­tiert und von der Annä­he­rung an eine Ach­se Washing­ton – Riad – Tel Aviv raunt, um Chi­na und Ruß­land ent­ge­gen­zu­tre­ten. Das ist eine dra­ma­ti­sche und völ­lig inko­hä­ren­te Haltung.

Libe­ral­kon­ser­va­ti­ve sind Men­schen, die den Wirt­schafts­li­be­ra­lis­mus akzep­tie­ren, aber nicht den gesell­schaft­li­chen Libe­ra­lis­mus, so wie man­che Lin­ke den gesell­schaft­li­chen Libe­ra­lis­mus akzep­tie­ren, aber nicht den wirt­schaft­li­chen Libe­ra­lis­mus. Es wäre an der Zeit, anzu­er­ken­nen, daß die­se bei­den For­men des Libe­ra­lis­mus, wie Jean-Clau­de Michéa deut­lich gezeigt hat, untrenn­bar mit­ein­an­der ver­bun­den sind. Sie beru­hen auf der­sel­ben Ideo­lo­gie, auf der­sel­ben anthro­po­lo­gi­schen Vor­stel­lung. Libe­ral­kon­ser­va­ti­ve sind über­dies inkon­se­quent. Sie wol­len Mas­sen­ein­wan­de­rung begren­zen, aber fol­gen einer Dok­trin, deren Mot­to »Lais­ser fai­re, lais­ser pas­ser« lau­tet und die den frei­en Personen‑, Waren- und Kapi­tal­ver­kehr erfor­dert. Libe­ral­kon­ser­va­ti­ve trach­ten danach, die natio­na­le oder kul­tu­rel­le Iden­ti­tät just durch eine Ideo­lo­gie zu ver­tei­di­gen, die jede Form der kol­lek­ti­ven Iden­ti­tät mit der Begrün­dung ablehnt, daß Natio­nen und Völ­ker nur zufäl­li­ge Ansamm­lun­gen von Indi­vi­du­en sind (was Mar­ga­ret That­cher zu der Aus­sa­ge ver­lei­tet hat, daß es auch kei­ne Gesell­schaft gebe). Sie wol­len den Stel­len­wert der eige­nen Geschich­te bekräf­ti­gen und gleich­zei­tig der Theo­rie des Fort­schritts fol­gen. Sie wol­len sich auf die »Effi­zi­enz des Mark­tes« ver­las­sen, ohne zu sehen, daß der libe­ra­le, selbst­re­gu­lie­ren­de und selbst­re­gu­lier­te Markt das Ver­schwin­den von Gren­zen zwin­gend ver­langt. Sie wol­len »ein biß­chen Pro­tek­tio­nis­mus«, wäh­rend sie gleich­zei­tig Frei­han­del prei­sen. Aus Faul­heit, Unwis­sen­heit, Inkom­pe­tenz oder Oppor­tu­nis­mus ver­ste­hen sie nach wie vor nicht, daß die Haupt­ur­sa­che für alles, was sie vor­geb­lich bedau­ern, die welt­wei­te Ver­brei­tung eines kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems ist, des­sen Kern die Unbe­schränkt­heit (illi­mi­ta­ti­on) von Waren und Pro­fit, die Aus­beu­tung von Arbeits­kräf­ten und die all­ge­mei­ne Durch­set­zung der Herr­schaft des Gel­des ist, das sich in Kapi­tal ver­wan­delt und sich selbst nährt. Kurz gesagt: Sie gehö­ren zu jenen Men­schen, von denen der katho­li­sche Theo­lo­ge Jac­ques-Bénig­ne Bos­su­et sag­te, daß sie sich über Fol­gen beschwe­ren, deren Ursa­chen sie so schät­zen. Indem die Libe­ral­kon­ser­va­ti­ven sol­che Posi­tio­nen adap­tie­ren, gewäh­ren sie uns nicht viel Auf­schluß über den Cha­rak­ter des Libe­ra­lis­mus oder des Kon­ser­va­tis­mus, aber ver­ra­ten viel über die unwi­der­steh­li­che Nei­gung man­cher, sich selbst eine Ideo­lo­gie (oder Reli­gi­on) à la car­te aufzubauen.

Für einen gesun­den, authen­ti­schen Kon­ser­va­tis­mus, der von welt­an­schau­lich struk­tu­rier­ten Köp­fen for­mu­liert wird, kann der Libe­ra­lis­mus nur ein Feind sein. In der heu­ti­gen Welt ist er sogar der Haupt­feind. Die­je­ni­gen, die sei­ne Prin­zi­pi­en ver­tre­ten, sind nütz­li­che Idio­ten des gegen­wär­ti­gen Kom­ple­xes, die fak­ti­schen Kom­pli­zen der herr­schen­den Ideo­lo­gie. Ich für mei­nen Teil hal­te es zeit­los mit Arthur Moel­ler van den Bruck: »An Libe­ra­lis­mus gehen die Völ­ker zugrunde.«

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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