1. Juni 2020

Kulturrevolution und Populismus – eine Bilanz

Benedikt Kaiser

PDF der Druckfassung aus Sezession 96/ Juni 2020

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Alain de Benoist im Gespräch mit Benedikt Kaiser

SEZESSION: Monsieur Alain de Benoist, es gibt wenige Begriffe, die man in der Berichterstattung über Sie häufiger nennt als »Kulturrevolution von rechts«. In Deutschland betitelte man so eine Textsammlung, die erstmals 1985 erschien, 2017 neu aufgelegt wurde und sich seither kontinuierlich gut verkauft. Wie steht’s um die rechte Kulturrevolution?

ALAIN DE BENOIST: Als ich diese Formel benutzte, vor über 30 Jahren, hatte ich die Ideenfamilie der deutschen »Konservativen Revolution« im Kopf, die bekanntermaßen von Armin Mohler inventarisiert wurde. Ich würde nicht zögern, den Begriff heute wieder einzuführen, wobei ich ihm eine weiterreichende Tragweite zuwiese. Erstens, weil ich davon überzeugt bin, daß wir uns in einer Zeit befinden, in der neue, transversale Spaltungen alte Spaltungen ersetzen. In dieser Situation können sich Konzepte, die unvereinbar schienen, miteinander verbinden. Begriffe wie »linke Leute von rechts«, »konservative Sozialisten« usw. finden in dieser Konstellation ihren Sinn. Eine weitere Ebene umfaßt die Vorstellung, daß das, was heute erhalten werden sollte, in unserer Zeit einen radikalen gesellschaftlichen Wandel – eine Revolution? – verlangen würde. Der Begriff der »Revolution« muß nicht zwangsläufig als Gewaltakt verstanden werden. In der Vergangenheit gab es explosionsartige Revolutionen (beispielsweise die Französische Revolution), doch auch implosionsbedingte Revolutionen (etwa das Ende des sowjetischen Systems). In Anbetracht des allgemeinen Zustands der Gesellschaft entspricht jede reformistische Position einer Zusammenarbeit mit der herrschenden Ideologie. Die Gesellschaft kann nicht mehr reformiert werden, sie muß grundlegend verändert werden. Um der herrschenden Ideologie ein Ende zu setzen, muß sie durch eine andere Hegemonie ersetzt werden, die auf neuen Grundlagen beruht.

SEZESSION: Mit Erkenntnissen Antonio Gramscis haben Sie erklärt, daß Hegemonie aber nur zu erlangen ist, wenn eine politische Bewegung ihre eigenen Ideen im kulturellen und im vorpolitischen Raum als führend zu setzen vermag. Diese Vorstellung ist rechts der Mitte auch 2020 kein Konsens; Ideenpolitik wird bisweilen als überbewertet angesehen ...

ALAIN DE BENOIST: Nun, Antonio Gramscis großes Verdienst ist die Feststellung, daß in den »entwickelten Ländern« keine wirkliche politische Revolution stattfinden kann, ohne daß zuvor eine Veränderung der Ordnung der allgemeinen Kultur, der Werte und der intellektuellen und sozialen Mythen stattgefunden hat. Das klassische Beispiel ist die Französische Revolution, die nicht möglich gewesen wäre, ohne daß ihr die Philosophie der Aufklärung vorausging: Die Autoren der Encyclopédie haben den Weg geebnet. Gramsci hatte die Bedeutung kultureller Hebel erkannt – daher seine Forderung nach »organischen Intellektuellen« und sein Interesse, das er für die vorherrschenden Werte in der symbolischen Vorstellung der Volksschichten (classes populaires) entwickelte.

Diese Beobachtung hat mich dazu veranlaßt, von »Metapolitik« zu sprechen, was nicht immer richtig verstanden wurde. Meiner Meinung nach war Metapolitik keine Methode, Politik anders zu gestalten. Mit diesem Begriff, den nicht ich erfunden habe (er findet sich bereits 1784 bei einem Schüler Montesquieus), wollte ich versuchen, denjenigen meiner Freunde, die der »politischen Politik«, dem Tagesgeschäft, Vorrang einräumten (»Für Ideen haben wir später noch Zeit«), klarzumachen, daß man nie auf eine Doktrin verzichten kann, die als Grundlage für ein allgemeines Weltbild dienen kann, das sich auf alle Bereiche des Wissens und Denkens erstreckt. Mein ganzes Leben lang habe ich mit Menschen zusammengearbeitet, für die Ideen nachrangig waren, die primär »zusammenbringen« wollten (während Ideen »spalten würden«) – oder, schlimmer noch, die der Meinung waren, daß Ideen nur von Interesse seien, wenn sie instrumentalisiert werden könnten. Um es ganz einfach zu sagen: Mein Ansinnen war in erster Linie, intellektuelle Arbeit in einem Umfeld wiederherzustellen, das diese nicht goutierte, indem ich mit Nachdruck bekräftigte, daß es ohne eine gut strukturierte Weltanschauung keine nachhaltige Wirkung geben kann. Davon bin ich noch heute überzeugt.

Ein Beweis für die Gültigkeit dessen, was Gramsci über »kulturelle Macht« sagte, ist, daß sich die großen intellektuellen Revolutionen der Geschichte letztlich als dauerhaft erwiesen haben. Alle möglichen politischen Revolutionen, die in ihrer Epoche viel Lärm verursachten, sind heute vergessen, während wir immer noch die Folgen der cartesianischen Umwälzung, der Ideologie des Fortschritts, der kantianischen Revolution, der Menschenrechtsreligion usw. zu spüren bekommen, die viel »leiser« daherkamen. Wie Nietzsche in Also sprach Zarathustra sagte: »Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen, lenken die Welt.«

SEZESSION: Mein Eindruck der Lektüre Ihrer jüngsten Schriften ist gleichwohl, daß Sie heute die Auffassung vertreten, wonach eine Kulturrevolution im »Augenblick des Populismus« nicht ausreichend wäre. Anstatt die Gesellschaft »von oben« (über personellen und ideellen Elitenumbau) zu verändern, wäre es die Aufgabe, neues Gemeinschaftsleben »von unten« her zu bestimmen und Gegenbewegungen zur politisch-medialen und wirtschaftlich führenden Klasse aufzubauen. Erscheint die Kulturrevolution veraltet?

ALAIN DE BENOIST: Der Aufstieg des Populismus in den letzten zwanzig Jahren hat dieses seit langem bestehende Phänomen belebt und neu ausgestaltet. In ganz Europa (und darüber hinaus) war der Aufstieg von Populismen ein bedeutsamer politischer Prozeß, der sich fortsetzt. Ich denke dabei nicht nur an die populistischen Parteien und Bewegungen, sondern an das, was Vincent Coussedière als »Populismus des Volkes« bezeichnet hat: Ein grundlegender, spontaner und im wesentlichen reaktiver Populismus, der populistischen Bewegungen Treibstoff liefert, sich aber nicht auf sie beschränken läßt. Der wichtigste Motor dieses Populismus des Volkes ist der Wunsch, eine bestimmte Art der Soziabilität zu bewahren, die Herrschaft über die Bedingungen seiner eigenen sozialen Reproduktion zu behalten.

Die Gründe für den zunehmenden Populismus sind bekannt. In soziologischer Hinsicht führt die weltweite Kapitalisierung zu einer neuen Form der Verarmung: Die Mittelschicht, deren Entwicklung durch den Kapitalismus in der Zeit des Fordismus gefördert wurde, um den Konsum zu stärken, befindet sich in einer Phase der Deklassierung; es droht ihr Verschwinden. Der untere Teil dieser Mittelschicht fällt auf das Niveau der Volksschichten, deren Forderungen sie teilt. Dies ist der Beginn des Entstehens eines neuen historischen Blocks, zumal sich auch die soziogeographische Kluft zwischen den globalisierten Metropolen und der Peripherie vertieft. Die Gesellschaft hat sich von der Pyramidenstruktur (wo die oben angehäuften Gewinne zumindest teilweise auf allen Stufen der Pyramide ankommen) zur Sanduhr-Form entwickelt (die Gewinne häufen sich weiter oben, Armut und Unsicherheit wachsen kontinuierlich an der Basis, während sich die Mittelschicht verdünnisiert). Auf politischer Ebene ist der Populismus das Ergebnis der Enttäuschung und Entmutigung, die das Spektakel einer politischen Klasse hervorrufen, die zu einer Oligarchie geworden ist, die entterritorialisiert scheint und sich nicht um Völker schert. Die Menschen glauben nicht mehr an die Politiker, an die »Experten«, an die Medien, an die liberale Demokratie (die nur dem Namen nach»demokratisch« ist). Sie votierten nacheinander rechts und links, ohne daß ihre Forderungen erfüllt wurden. Daraufhin enthielten sie sich. Doch heute setzen sie Hoffnungen auf populistische Bewegungen, die um so leichter rekrutieren können, als die Linke den Sozialismus aufgegeben und sich vom Volke abgeschnitten hat. Es ist kein Zufall, daß der Populismus auf Kosten der ehemaligen großen »Regierungsparteien« reüssiert, die die großen Träger der alten Mitte-Links-Mitte-Rechts-Kluft waren und jetzt verschwinden. Dieses Phänomen zeigt, daß wir gerade ein Zwischenreich durchleben, eine Übergangsphase. Die Karten werden neu gemischt. Die alte politische Landschaft verschwindet sukzessive. Die neue Landschaft läßt sich noch nicht ganz erkennen, aber die Dinge werden klarer.

Diesem Populismus, dem ich kürzlich ein Buch gewidmet habe, gilt meine Aufmerksamkeit. Erstens, weil dessen Vorrücken heute das wichtigste Ereignis im politischen Leben darstellt. Zweitens, weil ich seit jeher den Begriff des Volkes vertrete. Zwei Jahrhunderte lang fragten sich Theoretiker und Politiker, welche Priorität Staat, Nation und Volk haben und wie diese drei Begriffe miteinander verknüpft werden können. Ich erkenne die Notwendigkeit des Staates an, bin aber kein Etatist. Die Nation im politischen Sinne ist ursprünglich ein »linkes« Konzept (die Französische Revolution weist ihr Vorrechte zu, die früher dem König zustanden), das dann allmählich nach rechts überging. Da ich dem Jakobinertum und dem Zentralismus feindselig entgegentrete, habe ich kein übermäßiges Mitgefühl mit dem Nationalstaat (die Deutschen hatten womöglich nicht genug Nation in ihrer Geschichte, die Franzosen zu viel). Für mich steht das Volk an erster Stelle; es ist die Grundlage für alles weitere. Da ich kein Wohlgefallen für Diktaturen aufbringe und die Macht des Himmels heute nur noch eine Erinnerung ist, bin ich zudem im Wortsinne Demokrat. Demokratie steht für die Macht des Volkes. In einer Demokratie besitzt das Volk allein Souveränität und Legitimität. Ihm gehört die konstitutionelle Macht. Natürlich gibt es dabei verschiedene Arten, das Volk zu definieren. Rechte interessieren sich in der Regel für die Menschen als Ethnos, während Linke in erster Linie an den Menschen als Demos interessiert sind. Beide Formen sind meines Erachtens untrennbar.

Den Populismus kennzeichnen gleichwohl nicht nur Qualitäten. Populisten haben gesunde Instinkte, was gewiß gut ist (das ist bei Eliten viel seltener der Fall!), aber sie haben kaum klare Vorstellungen. Deshalb ist die Arbeit der »organischen Intellektuellen« weiterhin von entscheidender Bedeutung. Eine Kulturrevolution wird nicht ohne das Volk stattfinden, aber es braucht Theoretiker, um den Sinn des historischen Moments, den wir erleben, möglichst vielen Menschen verständlich zu machen. Ihnen müßte die tiefere Ursache dessen aufgezeigt werden, was sie ohne dieses Wissen bedauernd hinnähmen. Die konzeptuelle und historische Genealogie der herrschenden Ideologie muß nachgezeichnet werden, nicht zuletzt, weil nur so eine wirkliche Alternative für Gesellschaft und Leben, für den Blick auf die Welt, entwickelt werden kann.

SEZESSION: Ist es denn möglich, »zweigleisig« zu fahren –metapolitische Kulturrevolution und populistische Sammlung?

ALAIN DE BENOIST: Es gibt keine Entweder-Oder-Situation in bezug auf die Unterstützung des Populismus und der metapolitischen Kulturrevolution. Beides ist notwendig, weil sie einander ergänzen. Ohne die Unterstützung eines großen Teils der Bevölkerung bleibt Theorie reine Abstraktion. Ohne die Unterstützung einer strukturierten Weltanschauung bleibt Populismus reines Unbehagen. Es muß jedoch klargestellt werden, daß diese beiden unterschiedlichen Felder nur schwerlich von denselben Akteuren bearbeitet werden können. Es ist selten, daß große Politiker auch große Theoretiker sind; die Qualitäten, die man in beiden Fällen braucht, sind nicht dieselben. Es gibt Männer des Wissens, und es gibt Männer der Macht. Beide sind notwendig. Eine Gesellschaft, die ausschließlich aus Intellektuellen besteht, wäre unhaltbar, eine Gesellschaft, die nur aus Aktivisten besteht, ebenso.

SEZESSION: Sie schreiben in einem Ihrer Werke, daß das Zeitalter der Politik vorbei sei, »in der Entscheidungen von oben nach unten getroffen wurden«. Strebe man eine Rückkehr authentischer Politik an, gelte es, dies zu begreifen: »Die Politik ist gefordert, von unten nach oben neu zu entstehen: durch eine Wiederherstellung der gesellschaftlichen Bindung und eine allumfassende Wiederbelebung der politischen Dimension des Sozialen, vor dem Horizont lokaler Autonomie, partizipativer Demokratie, des Lebens in Vereinen und Gemeinschaften, des Subsidiaritätsprinzips.« Schön. Nur: wie kann man von unten her neue Gemeinschaften stiften?

ALAIN DE BENOIST: Das ist die alte Frage Lenins: »Was tun?« Bedauerlicherweise gibt es keine endgültige Antwort. Wenn es unumstößliche Anleitungen gäbe, wie es Rezepte für die gute Küche gibt, dann wären sie längst bekannt.

Das wichtigste ist die Schaffung von Freiräumen, d. h. von Räumen, die vor Zumutungen der Einwanderung und der Globalisierung geschützt sind. Dies ist heute nur auf lokaler Ebene möglich: allgemeine Förderung der direkten Demokratie, Aktivierung der Staatsbürgerschaft, Verlagerung der Produktion und des Konsums auf lokale und regionale Kreisläufe usw. Damit meine ich nicht, daß man sich auf die »Zivilgesellschaft« besinnen sollte, die ein liberaler Begriff ist. Die Zivilgesellschaft ist jene Gesellschaft, die nur aus privatem Blickwinkel betrachtet wird. Im Gegenteil: Man muß auf die öffentliche Dimension setzen, in der man seine aktive Staatsbürgerschaft ausüben kann.

Ein Ende der Politik wird es nie geben, da sie ein Bestandteil jedes kollektiven Lebens ist: Der Mensch ist von Natur aus ein politisches und soziales Wesen. Was verschwindet, sind überlebte politische Formen. Insbesondere der Parteiengeist, der im 20. Jahrhundert triumphierte, hat sich erschöpft. Er wird durch andere Formen von Bewegungen oder Vereinen ersetzt. In Zeiten Künstlicher Intelligenz und Sozialer Netzwerke verändert sich die Politik. Die Natur der Essenz des Politischen indes bleibt: seine plurale Dimension, seine unweigerlich konfliktuelle, agonale Dimension usw. Das liberale Ideal besteht nun darin, die Wirtschaft über die Politik und die Verwaltung der Dinge über die Regierung der Menschen zu stellen. Die vorherrschende Ideologie nennt dies »gute Regierungsführung«, was der Herrschaft von Managern, Technokraten und Experten entspricht. Sie können jedoch nur die besten Mittel bestimmen, um ein Ziel zu erreichen, sie können niemals selbst bestimmen, was diese Ziele sein sollen.

SEZESSION: Nicht jeder Akteur des nonkonformen Lagers bewertet heute Gemeinschaften so grundsätzlich positiv wie Sie. Vor allem in Deutschlands politischer Rechten gibt es einen vulgär-liberalen Trend, das Individuum zu verabsolutieren und Kollektive per se zu denunzieren. Die Achse des Neokonservatismus um Margaret Thatcher entkernte den europäischen Konservatismus seit den 1980er Jahren um soziale und identitäre Inhalte und ersetzte diese durch marktliberale Glaubenssätze. Verantwortungsethische Staatsorientierung und solidarisches Gemeinwohlstreben wichen individualistischen Prämissen. Mit Manfred Kleine-Hartlage kann man zuspitzen, daß viele selbsterklärte»Konservative« lediglich wertkonservativ grundierte Neoliberale darstellen. Woher kommt das ideologische Selbstvertrauen dieser Leute?

ALAIN DE BENOIST: Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Der gesamte Liberalismus ist aus der Philosophie der Aufklärung heraus entstanden, ebenso wie seine wichtigsten Bestandteile: Ökonomismus, Individualismus, Progressivismus, ferner die Vorstellung, wonach der Mensch nur auf Erden weilt, um seinen persönlichen Nutzen zu maximieren. In der Vergangenheit haben sich Rechte und Liberale befehdet. Diese Auseinandersetzung endete, als sich beide Familien annäherten, um dem sowjetischen Kommunismus und modernen Totalitarismus zu begegnen: Damals glaubte man, die »freie Welt« zu verteidigen, obwohl man den westlichen Liberalismus verteidigte. Heute hat sich die Situation wiederum verändert. Geopolitik feiert ihre Wiederkehr (die Logik des Landes ist nicht die Logik des Meeres). Und der Zerfall des hedonistischen Individualismus wird offensichtlicher. Sehen Sie sich in den USA die Entstehung der kommunitaristischen Bewegung an, und wie überall allmählich die Vorstellung von Gemeinschaft (und Gemeinwohl) wiederhergestellt wird. Leider wird sich ein Teil der Rechten gewohnheitsmäßig und aus Gründen der Verteidigung seiner materiellen Interessen weiterhin als »liberal« bezeichnen, ohne zu erkennen, daß der Liberalismus die individuelle Freiheit nur verteidigt, um sie jeder Art von gemeinschaftlichem Projekt entgegenzusetzen. Viele populistische Erscheinungen haben sich in dieser Hinsicht als enttäuschend erwiesen, darunter Donald Trump, der sagte, daß man den Kapitalismus nicht ausbremsen möchte, oder Brasiliens Jair Bolsonaro, der während der Coronavirus-Epidemie mehr um die Rettung »der Wirtschaft« als um die Rettung von Menschenleben besorgt war. Auch auf Matteo Salvini muß man verweisen, der sich neuerdings fasziniert von Benjamin Netanjahu präsentiert und von der Annäherung an eine Achse Washington – Riad – Tel Aviv raunt, um China und Rußland entgegenzutreten. Das ist eine dramatische und völlig inkohärente Haltung.

Liberalkonservative sind Menschen, die den Wirtschaftsliberalismus akzeptieren, aber nicht den gesellschaftlichen Liberalismus, so wie manche Linke den gesellschaftlichen Liberalismus akzeptieren, aber nicht den wirtschaftlichen Liberalismus. Es wäre an der Zeit, anzuerkennen, daß diese beiden Formen des Liberalismus, wie Jean-Claude Michéa deutlich gezeigt hat, untrennbar miteinander verbunden sind. Sie beruhen auf derselben Ideologie, auf derselben anthropologischen Vorstellung. Liberalkonservative sind überdies inkonsequent. Sie wollen Masseneinwanderung begrenzen, aber folgen einer Doktrin, deren Motto »Laisser faire, laisser passer« lautet und die den freien Personen-, Waren- und Kapitalverkehr erfordert. Liberalkonservative trachten danach, die nationale oder kulturelle Identität just durch eine Ideologie zu verteidigen, die jede Form der kollektiven Identität mit der Begründung ablehnt, daß Nationen und Völker nur zufällige Ansammlungen von Individuen sind (was Margaret Thatcher zu der Aussage verleitet hat, daß es auch keine Gesellschaft gebe). Sie wollen den Stellenwert der eigenen Geschichte bekräftigen und gleichzeitig der Theorie des Fortschritts folgen. Sie wollen sich auf die »Effizienz des Marktes« verlassen, ohne zu sehen, daß der liberale, selbstregulierende und selbstregulierte Markt das Verschwinden von Grenzen zwingend verlangt. Sie wollen »ein bißchen Protektionismus«, während sie gleichzeitig Freihandel preisen. Aus Faulheit, Unwissenheit, Inkompetenz oder Opportunismus verstehen sie nach wie vor nicht, daß die Hauptursache für alles, was sie vorgeblich bedauern, die weltweite Verbreitung eines kapitalistischen Systems ist, dessen Kern die Unbeschränktheit (illimitation) von Waren und Profit, die Ausbeutung von Arbeitskräften und die allgemeine Durchsetzung der Herrschaft des Geldes ist, das sich in Kapital verwandelt und sich selbst nährt. Kurz gesagt: Sie gehören zu jenen Menschen, von denen der katholische Theologe Jacques-Bénigne Bossuet sagte, daß sie sich über Folgen beschweren, deren Ursachen sie so schätzen. Indem die Liberalkonservativen solche Positionen adaptieren, gewähren sie uns nicht viel Aufschluß über den Charakter des Liberalismus oder des Konservatismus, aber verraten viel über die unwiderstehliche Neigung mancher, sich selbst eine Ideologie (oder Religion) à la carte aufzubauen.

Für einen gesunden, authentischen Konservatismus, der von weltanschaulich strukturierten Köpfen formuliert wird, kann der Liberalismus nur ein Feind sein. In der heutigen Welt ist er sogar der Hauptfeind. Diejenigen, die seine Prinzipien vertreten, sind nützliche Idioten des gegenwärtigen Komplexes, die faktischen Komplizen der herrschenden Ideologie. Ich für meinen Teil halte es zeitlos mit Arthur Moeller van den Bruck: »An Liberalismus gehen die Völker zugrunde.«


Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.


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