1. Juni 2020

Das Denken in langen Zyklen

Jonas Schick

PDF der Druckfassung aus Sezession 96/ Juni 2020

Damit der menschliche Körper funktionieren kann, muß er Nahrung aufnehmen und die darin enthaltenen Nährstoffe in Energie umwandeln. Jedes Individuum ist demzufolge sein eigenes kleines Kraftwerk. Was und wieviel in diesem Prozeß zugeführt wird, hat indes maßgeblichen Einfluß auf die Funktion und Ausgestaltung des Organismus. Auszugsweise zu nennen wären hier: Größe, Muskelmasse, Hautbild, Tumore, Diabetes oder Adipositas. Dieser Prozeß ist jedoch nicht nur auf der Individualebene aktiv, sondern vollzieht sich außerdem auf der Aggregatebene: Gesellschaften nehmen »Nahrung« zu sich, verstoffwechseln Teile davon zu Wärme bzw. Aktivität und scheiden einen »unbrauchbaren« Rest wieder aus. Die österreichische Sozialökologin Marina Fischer-Kowalski und Kollegen beschreiben diesen Vorgang als »gesellschaftlichen Stoffwechsel«.

Abgesehen von den expliziten ökologischen Folgen sind in diesem Prozeß Mechanismen angelegt, die in erheblichem Maße die soziale Organisation einer Gesellschaft beeinflussen – dies sowohl über kurzfristige als auch langfristige Zeiträume. In diesem Zusammenhang spricht der Umwelthistoriker Rolf Peter Sieferle von »sozial-metabolischen Regimen«, von denen die Menschheit bisher drei durchlaufen habe, wobei das letzte hier aufgezählte das aktuell herrschende darstellt: Jäger- und Sammlergesellschaften, Agrargesellschaften und Industriegesellschaften. War die Industriegesellschaft zuerst ein rein englisches und dann europäisches Phänomen, so ist sie heute global geworden und hat alle Völker und Staaten ergriffen.

Die Übergänge zwischen den Regimen vollziehen sich nicht stillschweigend, sondern lösen – in demselben Maße, wie sie sie voraussetzen – tiefgreifende gesellschaftlicheVeränderungen aus. Das betrifft die Demographie, die Ökonomie, die Herrschaftsstrukturen sowie die Technologie und Infrastruktur. Während beispielsweise Jäger- und Sammlergesellschaften qua ihrer Ernährungsweise große Räume mit kleinen Gruppen beanspruchten und wegen ihrer extremen Mobilität lediglich instabile Kulturkomplexe auszubilden vermochten, führte die Seßhaftwerdung – also die Entstehung von Agrargesellschaften – zu höheren Bevölkerungsdichten als auch aufgrund gesunkener Mobilität zur Genese stabiler Kulturkomplexe. Die damit verbundene Zunahme der Gruppengröße und Arbeitsteilung innerhalb der agrikulturellen Gesellschaften verlangte ferner nach Hierarchien und beendete die vergleichsweise egalitäre Organisation der Jäger und Sammler.

Außerdem war nun der Boden für eine ausgeprägte Traditionalisierung bereitet: Es bildeten sich spezifische Identitäten einzelner Kulturen heraus, die die Zugehörigkeit zu einer Gruppe exklusiv werden ließen, »mit der Doppelfunktion, daß eine neuartige Kombination von Solidarität und Verpflichtung, von Schutz und Gehorsam« (Sieferle) auftrat. Es wird deutlich, daß konservative Weltbilder im wesentlichen auf den Gesetzmäßigkeiten ebenjener Agrargesellschaften beruhen und in ihnen die unhintergehbaren Prinzipien seßhaften Lebens ausmachen. Das konservative Herausstreichen der ewigen Gültigkeit hierarchischer Ordnungen in Gesellschaften basiert auf der Erkenntnis, daß größere, komplexere Gruppen, die entscheidungsfähig bleiben wollen, zwangsläufig auf Herrschaftszentren zurückgreifen müssen, da sie ansonsten wieder in eigenständige, unstrukturiertere tribale Kleinstgruppen zerfallen.

Zugleich wurde der tiefgreifende soziale Wandel, der während des Übergangs vom nomadischen Dasein zum Ackerbau erfolgte, durch die Ablösung der passiven Entnahme aus dem natürlichen Ressourcenfluß mit einer kontrollierten Entnahme hervorgerufen. Diese planmäßige Bewirtschaftung brachte wiederum den Vorteil mitsich, eine kontinuierlichere Nahrungsversorgung zu ermöglichen, was simultan aber eine intensivere Nutzung der Umwelt und den stärkeren Einsatz von Arbeit nach sichzog– die Kulturlandschaft entsteht. Trotz ihrer gravierenden Unterschiede teilten beide »sozial-metabolischen« Regime den Rückgriff auf die stetig vorhandenen Solarenergieflüsse und damit das Grundmerkmal der Flächenabhängigkeit. In dieser elementaren Eigenschaft gründet die den Agrargesellschaften immanente Tendenz, auf einen stationären Zustand zuzulaufen – das Maßhalten ist für sie ein permanent gültiges Prinzip, da sein Mißachten negative Rückkopplungen erzeugt, die nicht mit Hilfe technischer Mittel in eine unbestimmte Zukunft verlegt werden können.

Die Industrialisierung sollte das maßgeblich ändern; denn anstatt »nur« die Art und Weise der Nutzbarmachung eines Energiestroms zu transformieren, ersetzte sie den solaren Energiefluß mit einer völlig neuen Quelle: den fossilen Energien. Die vorher unüberwindbare solarenergetische Grenze wurde mit dem Zugriff auf über Jahrmillionen gespeicherte Energie innerhalb eines Wimpernschlags überschritten. Die neu entfesselten Energiemassen lösten eine flutartige Dynamik aus, die die vergleichsweise stabilen Austauschprozesse der menschlichen Kulturen mit ihrer natürlichen Umwelt zerschlug und alle sozialen Arrangements der Agrargesellschaften zwangsläufig hinwegschwemmte. Die Eisenbahn ließ die Welt schrumpfen und unterstützte somit die Homogenisierung von Kulturräumen und damit die moderne Nationenbildung. Heute ist dieser Prozeß mit Individualmobilität (Automobil) und Flugzeug noch einmal verstärkt worden und läßt die einst »fortschrittlichen« Nationen zunehmend angestaubt wirken. Unter diesen Gesichtspunkten erscheint das deutsche Kaiserreich als kurzlebige Durchlaufstation – ein instabiles Amalgam aus traditionalen Restbeständen alter Zeiten und der aufkommenden bürgerlichen Gesellschaft, dessen Entstehung unter modernen Vorzeichen zeitgleich sein baldiges Ende in sich trug. Die Monarchie ist zu diesem Zeitpunkt ein bereits ausgehöhltes, anachronistisches Herrschaftssystem agrargesellschaftlichen Ursprungs, dessen Legitimation vom kapitalistischen Produktionssystem nachhaltig untergraben wird. Das ökonomisch prosperierende Bürgertum verdrängte den Adel als tragende Elite – Tugenden wandelten sich zu Werten. Seitdem hat die von der Industrialisierung angestoßene Transformation eine Umwälzung nach der anderen gezeitigt, jedoch bis heute keine Struktur hervorgebracht, die mit den stabilen Zuständen der vergangenen »sozial-metabolischen« Regime vergleichbar wäre. Die einzige Konstante ist ihr auflösender, unstetiger Charakter – die einzige feststehende Norm ist das mittels fossiler Energie gestattete Leben über die Verhältnisse.

Welche konkreten sozialen Veränderungen beispielsweise die Nutzung flüssiger Brennstoffe als Grundlage der Massenmotorisierung für traditionale Gesellschaft bedeutet, hat der finnisch-amerikanische Anthropologe Pertti J. Pelto in einer ausgiebigen Studie anhand der Skoltsamen im Norden Finnlands in den 1970ern untersucht. Die zentrale technologische Neuerung, die das bis dato ausschließlich am Rentierhüten orientierte Leben aus den Fugen geraten ließ, war das Schneemobil. Über einen Zeitraum von rund zehn Jahren, zwischen 1961 bis 1971, statteten sich alle 72 Haushalte der von Pelto studierten Gemeinde mit dem neuen Gefährt aus, um dieses für das Rentierhüten zu verwenden. Vor der Einführung des Schneemobils drehte sich das gesamte Leben der Skoltsamen um das Rentier. Die Kinder erhielten für ihren ersten Zahn ein Rentier; es gab ein »Namenstag-Rentier« und bei einer Hochzeit bekam das glückliche Paar etliche Rentiere geschenkt, damit der neue Haushalt mit einer kleinen Herde seinen Start nehmen konnte. Das Rentier bildete das zentrale Objekt der samischen Kultur und war die Basis ihrer relativen Autarkie. Nach der Einführung des Schneemobils reduzierte sich die Zahl der Rentiere aus verschiedenen Gründen. Außerdem war man nun stärker als zuvor auf die Außenwelt angewiesen, da nur über sie ein Erwerb von Schneemobilen und Benzin möglich war. Der Fall der Skoltsamen verdeutlicht, wie das fossile Energieregime und die mit ihm verbundenen Technologien es in kürzester Zeit vermögen, soziale Machtstrukturen zu verschieben und stabile Austauschbeziehungen zwischen Mensch und Natur zu unterbrechen.

In dem Moment, wo man die energetische Perspektive einnimmt bzw. soziale Prozesse anhand des »gesellschaftlichen Stoffwechsels« betrachtet, wird augenscheinlich, daß in den »sozial-metabolischen« Übergängen der eigentliche Antreiber von Revolutionen liegt, vor deren Wirkmacht Aufstände oder gestürzte Herrschaftshäuser zu Geplänkel verblassen bzw. als lediglich vordergründige und kurze Episoden vor einem weit aufgespannten sozio-energetischen Wirkungszusammenhang erscheinen. Unterdessen wohnen dieser Erkenntnis vor allem in Hinblick auf das Konzept der »Metapolitik« mehrere folgenschwere politische Implikationen inne. Geht man davon aus, daß Metapolitik »nichts anderes als eine politische Lagebeurteilung« ist, »die von der Frage ausgehen muß, wer der Feind ist, wo er steht und mit welchen Mitteln er den Kampf führt« (Erik Lehnert), so bietet die energetische Perspektive einen neuen theoretischen Rahmen zur Beurteilung dieser Lage, die vor folgenschweren Verkürzungen und Kurzsichtigkeiten bewahrt.

Als allererstes läßt sich eine klare Feindbestimmung vornehmen: Auf der Basis der oben dargelegten Prozesse ist der Feind eindeutig in der bürgerlich-liberalen Gesellschaft auszumachen. Sie ist zentraler Träger und zumindest vorübergehender Profiteur der industriellen Destabilisierung. Die 68er oder die Neue Linke sind alles Ablenkziele, die selbst nur kurzfristige Ausdrucksformen ebenjener Transformation darstellen. Demzufolge gibt es keinen stabilen Status quo ante in der Vergangenheit der BRD, auf den es zurückzukehren gelte, weil mit ihm rechte Gesellschaftskonzepte durchzusetzen wären. Vielmehr ist das bundesrepublikanische System nur ein weiteres Glied in der langen Kette der »großen Transformation«, die im späten 18. Jahrhundert mit einer gewissen Vorlaufzeit ihren Anfang nimmt. Ferner folgt daraus, daß die Form des Konservatismus, die sich mit den marktwirtschaftlichen Prinzipien des Liberalismus arrangiert, bereits verloren hat, da sie (energetische) Mechanismen inkorporiert, die die von ihr weiterhin wertgeschätzte traditionale Moral auflösen, womit sie selbst zu einem essentiellen Antreiber des von ihr kritisierten Zerfallsprozesses wird. Ihr gravierender Fehler liegt in einer fehlgeleiteten Feindbestimmung.

Das »rückhaltlose Befragen« fortführend, gelangt man außerdem zu dem Punkt, daß das beharrliche Insistieren vieler zeitgenössischer Rechter auf dem Nationalstaat als stabilem Fluchtpunkt vor der rasenden Bewegung der Transformation und ihrer Homogenisierung von Kulturen einen trügerischen Irrweg darstellt, insofern als die Nation Produkt und Agens ebenjenes industriellen Transformationsprozesses ist, den man mit ihrer Wiederinstandsetzung einzudämmen sucht. Von diesen klärenden Feststellungen ausgehend, ist es nun möglich, ein Alternativmodell zum Status quo zu konzipieren, das nicht Gefahr läuft, Mechanismen zu beinhalten, die den Prozeß antreiben, dessen Ende man herbeiführen möchte. Aktuell stecken wir noch mitten in der Transformationsphase, die die stabilen Normenstrukturen traditionaler Gesellschaften in volatile Verhandlungsobjekte verwandelt oder bereits umgewandelt hat. Indes ist nicht davon auszugehen, daß die einzigartige Entfesselung von Energien sich je in einem stationären Zustand einpendeln wird. Da der Status quo selbst transformativen Charakter trägt und in ihm keine zu verteidigenden Bestände existieren, muß zu einem »revolutionären« Ansatz gegriffen werden. Die politische Programmatik ist also auf die Zukunft auszurichten, in der eine gesellschaftliche Ordnung zu errichten ist, die die »große Transformation« unterbricht und es vermag, erneut feste Normenstrukturen und stabile kulturelle Bezugssysteme zu schaffen, deren Bewahrung lohnt. Die Betrachtung des gegenwärtigen Zustands anhand des »gesellschaftlichen Stoffwechsels« hilft dabei, die dafür notwendigen Maßnahmen, wie beispielsweise die Verringerung des Stoffdurchsatzes, zu erkennen.

Was die energetische Perspektive und der Fokus auf den »gesellschaftlichen Stoffwechsel« darüber hinaus verdeutlicht, ist, daß das politische Handeln der Rechten auf Langwierigkeit ausgelegt sein muß – also metapolitisch in bestem Sinne zu sein hat. Politische Epochen und der mit ihnen verbundene soziale Wandel wechseln sich nicht innerhalb von wenigen Jahrzehnten miteinander ab, sondern spannen sich über Jahrhunderte und sind dabei, wie wir gesehen haben, in das sie tragende »sozial-metabolische Regime« eingebettet. Ein Denken in Wahlzyklen oder ein Versteifen auf einen parlamentarischen Arm als einzigem Mittel, um Politik und Gesellschaft zu verändern, ist daher zum Scheitern verurteilt. Insgesamt sollte man in die parlamentarischen Instrumente nicht die höchsten Erwartungen setzen, da ihre Lösungskompetenzen eingeschränkt und sie Ausdruck von Stimmungen im Volk sind, denen sie eher hinterherrennen, als daß sie diese mit Absicht auf Langzeitwirkung beeinflußten. Es bedarf also immer außerparlamentarischer Akteure, um bleibende Strukturen zu schaffen, die auf die Gesellschaft als Ganzes wirken und sich dabei als Generationenprojekte verstehen, von deren Ergebnis wahrscheinlich, wenn überhaupt, erst die Enkel profitieren können. Zur Beeinflussung des »gesellschaftlichen Stoffwechsels« verspricht nur die auf Dauer angelegte Herangehensweise Erfolg.



Kommentare (0)