Mit dem Spießer rechnen

von Dirk Alt -- PDF der Druckfassung aus Sezession 96/ Juni 2020

 Gastbeitrag

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Im Kanon der abwer­ten­den Begrif­fe ist der des Spie­ßers sicher einer der am stärks­ten abge­nutz­ten. Von den klas­si­schen Lin­ken zur Deklas­sie­rung eines Klein­bür­ger­tums ver­wen­det, das angeb­lich den Nähr­bo­den für den Natio­nal­so­zia­lis­mus gebil­det habe, dien­te der Begriff im Zeit­al­ter jugend­li­cher Sub­kul­tu­ren und Genera­tio­nen­brü­che zur Abgren­zung gegen alles (ver­meint­lich) Bür­ger­li­che, als eine Nega­tiv­fo­lie, die ado­les­zen­ten Indi­vi­dua­li­sie­rungs­be­stre­bun­gen– so ein­heit­lich sie im Resul­tat auch waren – vor­teil­haf­te Kon­tu­ren ver­schaf­fen soll­te. Spä­tes­tens ab dem Moment, in dem der Begriff als nur hal­bi­ro­ni­sches Bekennt­nis zu über­schau­bar geord­ne­ten Lebens- und Wohl­stands­ver­hält­nis­sen und zur Rück­kehr in einen fami­liä­ren Mikro­kos­mos reha­bi­li­tiert wur­de (»Neo-Spie­ßer«), hat­te er sei­ne Schär­fe verloren.
In der heu­ti­gen Erwach­se­nen­welt fühlt sich durch ihn nur noch jene klei­ne Grup­pe ernst­lich belei­digt, die in jugend­lich-alter­na­ti­ven Lebens­ent­wür­fen ver­haf­tet geblie­ben ist. Und das ist bedau­er­lich, da der Begriff mei­nes Erach­tens her­vor­ra­gend dazu geeig­net ist, die Men­ta­li­tät und Ver­faßt­heit der auto­chtho­nen Mehr­heits­ge­sell­schaft zu beschrei­ben. Dies dürf­te bereits deut­lich wer­den, wenn wir als zen­tra­le dem Spie­ßer zuge­schrie­be­ne Eigen­schaft den Oppor­tu­nis­mus benen­nen, aus dem sich wei­te­re wohl­ver­trau­te Merk­ma­le erge­ben: Eng­stir­nig­keit, Eigen­nutz, Heu­che­lei und Hang zum Denun­zi­an­ten­tum. Wie sehr von einer Ver­spie­ße­rung der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Gesell­schaft und ihrer poli­ti­schen Kul­tur, ja von einer Spie­ßer-Repu­blik die Rede sein kann, soll im fol­gen­den unter Rück­griff auf eine oft zitier­te Defi­ni­ti­on aus der Feder Ödön von Hor­váths gezeigt wer­den; anschlie­ßend stellt sich die Fra­ge, wie mit dem Spie­ßer poli­tisch umzu­ge­hen sei.
Der pazi­fis­tisch-anti­fa­schis­ti­sche, für sei­ne uner­bitt­li­chen bis mis­an­thro­pi­schen Figu­ren­zeich­nun­gen berüch­tig­te Lite­rat Hor­váth, der sich dem »Auf­zei­gen des Bes­tia­li­schen« im Men­schen ver­schrie­ben hat­te, stell­te sei­nem Roman Der ewi­ge Spie­ßer die hier bei­gefüg­te Beschrei­bung eines Typus’ vor­an, auf den er sich spe­zia­li­siert hat­te. Wie kaum ein ande­rer ver­stand es Hor­váth, die Selbst­sucht, Bös­ar­tig­keit und Aso­zia­li­tät klein­bür­ger­li­cher sowie der Mit­tel­schicht ange­hö­ren­der Aufsteiger‑, Aus­beu­ter- und Mit­läufer­fi­gu­ren durch deren mora­li­sie­ren­den und rela­ti­vie­ren­den Jar­gon zu ent­lar­ven. Daß er damit anti­fa­schis­ti­sche Wir­kungs­ab­sich­ten ver­knüpf­te, tut der Treff­si­cher­heit die­ser Por­trai­tie­run­gen kei­nen Abbruch. Stellt man das durch­aus sen­si­ble Gerech­tig­keits­emp­fin­den in Rech­nung, das Hor­váth zu eigen war, so kann kein Zwei­fel dar­über bestehen, wo er den Spie­ßer heu­te ver­or­ten wür­de. Die Über­zeit­lich­keit des Spie­ßers resul­tiert ja gera­de aus des­sen äußer­li­cher Wan­del­bar­keit, die ihm die instinkt­mä­ßi­ge Aus­nut­zung der jewei­li­gen poli­ti­schen Kon­junk­tur erlaubt. Für die Ein­schät­zung des Spie­ßers als Hin­der­nis und Pro­blem ist die­ser Aspekt entscheidend.
Ein wei­te­rer Vor­teil der Hor­váth­schen Defi­ni­ti­on liegt dar­in, daß sie es erlaubt, die Ange­hö­ri­gen der unkor­rum­pier­ten tra­di­ti­ons- und hei­mat­be­wuß­ten Milieus, die dem Spie­ßer-Vor­wurf gemein­hin reflex­ar­tig aus­ge­setzt wer­den, die Ver­wur­zel­ten, Urteils­fä­hi­gen, Boden­stän­di­gen, Wohl­ge­ord­ne­ten und Gemein­schafts­ge­bun­de­nen – oder, modisch gespro­chen, Kom­mu­ni­ta­ris­ten / »Some­whe­res« – aus­zu­klam­mern: Jene Anstän­di­gen tau­chen bei Hor­váth, dem selbst Ent­wur­zel­ten, nicht auf und exis­tier­ten für ihn wahr­schein­lich auch nicht. Die Fra­ge, ob das Spie­ßer­tum eine anthro­po­lo­gi­sche Kon­stan­te dar­stellt oder ob es sich bei ihm im Gegen­teil um ein Pro­dukt des bür­ger­li­chen Zeit­al­ters han­delt, soll an die­ser Stel­le bei­sei­te­ge­las­sen wer­den – eben­so wie die his­to­ri­schen Wur­zeln des Begrif­fes, die uns all­zu weit von Hor­váth und vom Spie­ßer der Moder­ne wegführen.
Nimmt man die poli­ti­sche Nomen­kla­tur der Bun­des­re­pu­blik sowie die Mei­nungs­füh­rer des Medi­en­ap­pa­ra­tes und der soge­nann­ten Zivil­ge­sell­schaft in den Blick, so müß­te eine Typo­lo­gie, die ihnen gerecht wird, aus mei­ner Sicht drei gro­be Kate­go­rien umfas­sen. Wir haben es einer­seits, vor allem in Staat und Par­tei­en, mit einem wir­bel­lo­sen Funk­tio­närs­ty­pus zu tun, den man unter ande­rem an der amphi­bi­schen Käl­te erkennt, die er ver­strömt (Ange­la Mer­kel, Ursu­la von der Ley­en, Tho­mas Hal­den­wang), ande­rer­seits, vor­zugs­wei­se in Medi­en und Zivil­ge­sell­schaft, mit dem genau­en Gegen­teil, dem patho­lo­gisch schwerst­auf­fäl­li­gen und heiß­blü­ti­gen Fana­ti­ker (Phil­ipp Ruch, Caro­la Racke­te, Jut­ta Dit­furth). Die mit Abstand größ­te und zumeist gut abgrenz­ba­re Grup­pe bil­det aller­dings, hier wie dort, der Spießer.
Wie des­sen Aus­prä­gun­gen in Hor­váths Wer­ken – etwa Kobler und Schmitz in Der ewi­ge Spie­ßer, Alfred in Geschich­ten aus dem Wie­ner Wald oder Sla­dek der schwar­ze Reichs­wehr­mann – zeich­net sich auch der Spie­ßer der Gegen­wart einer­seits durch geis­tig-welt­an­schau­li­che Belie­big­keit, ande­rer­seits durch unge­hemm­te Anpas­sungs- und Aneig­nungs­be­reit­schaft aus. Sein größ­tes Bedürf­nis ist es, im Ein­klang mit sei­ner Zeit und deren kon­sti­tu­ti­ven Nor­men zu ste­hen. Dafür ist er bereit, jeden Mist zu beklat­schen, solan­ge es der rich­ti­ge Mist ist. Sein her­vor­ste­chen­des Merk­mal ist die Dumm­heit, wor­un­ter aber kei­nes­falls Lebens­un­tüch­tig­keit ver­stan­den wer­den soll, son­dern der Kom­fort geis­ti­ger Beschränkt­heit oder Selbst­be­schrän­kung. Die­se ange­bo­re­ne, aner­zo­ge­ne oder selbst­ver­ord­ne­te Träg­heit ist es, die ihm sein Dasein über­haupt erst ermög­licht, also ihn des­sen inne­re Wider­sprü­che hin­neh­men läßt oder sie vor ihm ver­birgt. Dies gelingt nicht immer. Gele­gent­lich beun­ru­higt ihn durch­aus die Ahnung der eige­nen Unzu­läng­lich­keit: Je stär­ker ihm die­se bewußt wird, um so unduld­sa­mer wird er.
Lebt er auch von der Lüge, so lebt er meist nicht schlecht; fol­ge­rich­tig ist er stets bestrebt, deren Herr­schaft zu insti­tu­tio­na­li­sie­ren. Da er nur vor­gibt, ein Frei­heits- und ein Gerech­tig­keits­emp­fin­den zu besit­zen, ist er gegen Per­ver­tie­run­gen des Frei­heits- und Gerech­tig­keits­be­grif­fes eben­so unemp­find­lich wie sein Geruchs­sinn gegen­über der Ver­we­sung. Dies mag nicht zuletzt mit einer ekla­tan­ten Phan­ta­sie­lo­sig­keit zusam­men­hän­gen, die sich an sei­ner aus­trock­nen­den Wir­kung auf die deut­sche Kul­tur­pro­duk­ti­on anschau­lich machen läßt: Hier­von legen die noto­ri­sche Epi­go­ne­rie und Falsch­heit des bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Film- und Medi­en­be­trie­bes ein­drucks­voll Zeug­nis ab. Da er selbst bes­ten­falls durch­schnitt­lich ist, sucht er auch sein Heil im Durch­schnitt­li­chen, bei sei­nes­glei­chen. Er trach­tet danach, sich über den ande­ren, vor allem über den weni­ger Durch­schnitt­li­chen zu erhe­ben, und die­se Bestre­bung wird um so stär­ker, je mehr Anlaß er zu dem Ver­dacht hat, daß der ande­re ihn durch­schaut. Das Erha­be­ne weckt sein Miß­fal­len ins­be­son­de­re dann, wenn es sich sei­nen Kon­sum­an­sprü­chen ent­zieht. Bezeich­nend sind in die­sem Zusam­men­hang sei­ne häu­fi­ge Vor­lie­be für Pro­fa­ni­sie­run­gen, für sexua­li­sier­ten Humor, für Furzwit­ze und Scheiß­haus­sprü­che, sein Gaf­fer­tum und sei­ne Schadenfreude.
Kaum etwas fürch­tet er mehr als Demas­kie­rung und Deklas­sie­rung– höchs­tens viel­leicht noch, beim Wort genom­men zu wer­den. Risi­ko­freu­dig ist er nur, wenn die Anrei­ze ent­spre­chend sind; er geht jedoch nie­mals mit einer ver­lo­re­nen Sache zugrun­de. Sei­ne hypo­chon­dri­sche Ver­an­la­gung bricht stets dann offen aus, wenn er sei­ne Pfrün­de bedroht sieht; sie ließ sich in der Ver­gan­gen­heit jedoch zumeist in sys­tem­kon­for­me Bah­nen len­ken, etwa auf eine dro­hen­de Revo­lu­ti­on von rechts, auf Pandemie‑, Kli­ma- oder Atom­ka­ta­stro­phen. Damit ist er der ent­schei­den­de Reso­nanz­bo­den für die Mas­sen­hys­te­rien, die unse­re Zeit prägen.

Fragt man nach den Ursa­chen hin­ter der Domi­nanz des Spie­ßers im heu­ti­gen Sys­tem, so ist der Haupt­grund wohl, wenig über­ra­schend, in jenem schlei­chen­den Pro­zeß zu sehen, der die tra­di­tio­nel­le Herr­schafts­le­gi­ti­ma­ti­on der Eli­ten aus­höhl­te. Denn im glei­chen Maße, wie der Gesin­nungs­mo­ra­lis­mus an die Stel­le von nach­prüf­ba­rem Sach­ver­stand, von Fähig­kei­ten, natür­li­cher Auto­ri­tät und ange­wand­ten Tugen­den trat, eröff­ne­te sich dem Spie­ßer ein immer brei­te­res Wir­kungs­feld, bis er schließ­lich Par­tei­en, Staat und Öffent­lich­keit gänz­lich durch­drun­gen hat­te. Nach und nach schuf er sich ein Umfeld aus sei­nes­glei­chen, das für sei­ne Ver­feh­lun­gen und Schwä­chen, für Heu­che­lei und über­führ­te Lügen, für pri­va­te Exzes­se, aka­de­mi­sche Pla­gia­te, Kor­rup­ti­on und fach­li­che Inkom­pe­tenz ein Höchst­maß wohl­wol­len­der Nach­sicht auf­bringt und ihn, muß er auch mal ins zwei­te Glied zurück­tre­ten oder das Betä­ti­gungs­feld wech­seln, vor ange­mes­se­ner Süh­ne schützt. Der gesell­schaft­lich-kul­tu­rel­le Gleich­schal­tungs­pro­zeß ist somit auch ein Pro­zeß der Ver­spie­ße­rung gewesen.

Wie ist nun mit ihm umzu­ge­hen? – Zunächst ein­mal: Wer die Macht errun­gen und gefes­tigt hat, wird sich der Umar­mung durch den Spie­ßer kaum erweh­ren kön­nen. Dies ist ein geson­der­tes, aus gegen­wär­ti­ger Sicht ein Luxus­pro­blem. Es besteht kein Zwei­fel, daß der Spie­ßer die glei­che Fah­ne, die er jetzt noch mit Füßen tritt oder sich wider­stands­los ent­win­den läßt, bei Ver­än­de­rung der Macht­ver­hält­nis­se mit Inbrunst wie­der schwen­ken wür­de: Mehr noch, er wür­de Schwarz-Rot-Gold, wenn es die Lage erfor­dert, beden­ken­los gegen Schwarz-Weiß-Rot (oder Ham­mer und Sichel) tau­schen, sich mit Eichen­laub, Tan­nen­grün und Wehr­macht-Devo­tio­na­li­en umge­ben (oder sozia­lis­ti­schem Rea­lis­mus, Karl-Marx-Büs­te und Ost­block-Memo­ra­bi­li­en) und sogar das Runen-Alpha­bet ler­nen (oder Rus­sisch), wenn es sei­nem Vor­an­kom­men nütz­lich wäre. Hier­in liegt natür­lich auch eine gute Nach­richt, denn ein­mal ein­ge­fan­gen, ist der Spie­ßer leicht zu beherr­schen (über­flüs­sig zu erwäh­nen, daß man sei­ne Macht­ba­sis nicht auf ihm begrün­den darf).

Was nun den Weg dort­hin angeht, so ist bereits deut­lich gewor­den, daß der Spie­ßer für revo­lu­tio­nä­re Bestre­bun­gen unbrauch­bar ist. Zwar wird man ihn in jedem sieg­rei­chen Lager fin­den, doch ist es aus­sichts­los, ihn für eine Bewe­gung gewin­nen zu wol­len, die ihm Opfer abfor­dert, ohne sie umge­hend zu kom­pen­sie­ren. Zu selbst­lo­sem Ver­hal­ten kann er ohne­hin nur durch die Dyna­mik und Sank­ti­ons­macht einer Grup­pe gezwun­gen wer­den, mit der er unlös­bar ver­ket­tet ist.

Nun kann man mit einer gewis­sen Berech­ti­gung argu­men­tie­ren, daß er als maß­geb­li­cher Teil des Pro­blems nicht Teil der Lösung sein kann. Doch stellt der Spie­ßer schon auf­grund sei­ner schie­ren Mas­se, die ein wahr­haft bun­des­re­pu­bli­ka­ni­scher Züch­tungs­er­folg ist, einen ent­schei­den­den Adres­sa­ten für die poli­ti­sche und meta­po­li­ti­sche Anspra­che dar. Ohne Umschwei­fe: Wer Deutsch­land ret­ten will, kommt am Spie­ßer nicht vor­bei. Die Ein­bin­dung des Spie­ßers bleibt gleich­wohl ein Balan­ce­akt, denn er wird sei­ne schlech­ten Eigen­schaf­ten, nur weil er – offen oder ver­deckt – ins oppo­si­tio­nel­le Lager wech­selt, kaum able­gen. Gibt man ihm Raum, so wird er die­sen frü­her oder spä­ter nut­zen, um sei­ne Eigen­schaf­ten zu ent­fal­ten. Dar­um ist es auch schäd­lich, Über­läu­fer der Sys­tem­par­tei­en und ‑insti­tu­tio­nen in expo­nier­te Posi­tio­nen des eige­nen Lagers zu pflan­zen; statt­des­sen sind eige­ne Eli­ten her­an­zu­zie­hen und zu bevor­zu­gen. Als Fuß­volk indes ist der Spie­ßer unver­zicht­bar. Dar­um muß man nied­rig­schwel­li­ge Ange­bo­te schaf­fen, die sei­ne Betei­li­gung erhei­schen: Das Inter­net bie­tet hier­für bekannt­lich die bes­ten Voraussetzungen.

Das grund­le­gen­de meta­po­li­ti­sche Ange­bot an den Spie­ßer, der Nor­ma­li­sie­rungs­pa­trio­tis­mus, liegt bereits auf dem Tisch und soll­te beharr­lich wie­der­holt wer­den. Doch darf man sich kei­nen Illu­sio­nen hin­ge­ben: Der Spie­ßer wird in der Mehr­zahl erst danach grei­fen, wenn sich ent­we­der das Sys­tem­ver­sa­gen emp­find­lich auf sei­ne Lebens­ver­hält­nis­se aus­wirkt oder ihm aus­rei­chen­de mate­ri­el­le Anrei­ze gebo­ten wer­den (Ämter, Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se). Davon, ihn mit letz­te­ren zu ködern, ist aus den oben geschil­der­ten Grün­den abzu­ra­ten; auch darf er nie zu offen­sicht­lich umwor­ben wer­den, da er andern­falls glau­ben wird, die Regeln bestim­men zu dür­fen. Zweck­mä­ßi­ger wird es sein, kon­ti­nu­ier­lich und gezielt, durch Publi­zis­tik und Aktio­nis­mus, sei­ne hypo­chon­dri­schen Nei­gun­gen zu sti­mu­lie­ren, ihn bei sei­nen Ver­lust­ängs­ten zu packen und, wo immer mög­lich, dar­auf zu sto­ßen, daß die Kata­stro­phe, die er ja selbst in lich­ten Momen­ten ahnt, mit­un­ter schon her­auf­zie­hen sieht, nicht erst in Jahr­zehn­ten, son­dern in Kür­ze bevor­steht, daß sie mit rasen­der Geschwin­dig­keit auf ihn zurollt und ihn unter sich begra­ben wird, wenn er sich jetzt nicht ermannt. Hier muß mit grel­len Far­ben gemalt wer­den, die sei­ner Über­rei­zung und Abstump­fung Rech­nung tra­gen. Für Kata­stro­phen­sze­na­ri­en ist er grund­sätz­lich emp­fäng­lich, da sie für ihn zugleich lust- und angst­be­setzt sind; solan­ge man ihm erlaubt, sich als Opfer zu füh­len (obgleich Sie und ich wis­sen, daß er schul­dig ist), wird er sich men­tal auf das Kom­men­de vor­be­rei­ten las­sen und abzu­wä­gen begin­nen, wie und wo er sich unter den ver­än­dern­den Bedin­gun­gen posi­tio­nie­ren soll. Das gespal­te­ne Bewußt­sein, das dar­aus resul­tiert (»links reden – rechts leben«, oder zumin­dest: »rechts wäh­len«), und des­sen seit 2015 fort­schrei­ten­de Ver­brei­tung sind viel­fach beob­ach­tet und beschrie­ben worden.

Kom­men wir zuletzt auf ein lang­fris­ti­ges Ziel zu spre­chen. Die Über­win­dung des Spie­ßers, d. h. die Umkeh­rung der gesell­schaft­li­chen Ver­spie­ße­rung kann selbst­re­dend nur auf meta­po­li­ti­schem Wege erreicht wer­den. Es gilt, den Spie­ßer unter das Dog­ma einer neu­en Leit­kul­tur zu zwin­gen, die jener »geis­tig-mora­li­schen Wen­de« ent­spre­chen könn­te, die Hel­mut Kohl den West­deut­schen in den frü­hen 1980er Jah­ren ver­ord­nen woll­te. Dabei liegt es auf der Hand, daß gemein­schaft­s­taug­li­che Wer­te, Treue und Ehr­ge­fühl nicht von oben durch­ge­setzt wer­den kön­nen. Um sie über­haupt zu begrei­fen, müs­sen sie erfah­ren wer­den – und sei es aus der Fer­ne. Daß inte­gre, authen­ti­sche Köp­fe aus dem oppo­si­tio­nel­len Milieu dank vir­tu­el­ler Kanä­le und Platt­for­men auf eine brei­te Zuschau­er­schaft ein­wir­ken und, unge­hin­dert durch Ver­zer­run­gen der Sys­temm­edi­en, ihre Strahl­kraft ent­fal­ten kön­nen, ist ein Hoff­nungs­zei­chen für die­je­ni­gen, die das Über­le­ben die­ser Repu­blik und eine Erneue­rung unse­res Vol­kes für mög­lich hal­ten. In dem Moment, indem die Tole­ranz gegen­über Blen­der­tum, Schein­hei­lig­keit und Medio­kri­tät ein Ende nimmt, in dem nicht mehr die Wort­hül­se zählt, son­dern das Wort, nicht mehr die Absichts­er­klä­rung, son­dern die Tat, und nicht mehr die Ver­spre­chung, son­dern deren Ein­lö­sung, wird auch das Spie­ßer­tum nach Hor­váth an jenen Platz ver­wie­sen sein, an den es gehört.

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