Die Kanzlerin sagte, sie würde uns alles erklären

PDF der Druckfassung aus Sezession 97/ August 2020

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Irgend­wo stand ein­mal: In Schnell­ro­da gehen sie zum Lachen in den Kel­ler. Nega­tiv ver­stan­den bedeu­te­te das wohl: Die­se Men­schen »dort« – also »wir« – hät­ten kei­nen Humor. Stimmt das? Eine Leh­re­rin hat­te mir in der drit­ten Klas­se ein Bon­mot Nico­las Cham­forts (1741 – 1794; Cham­fort starb übri­gens als Selbst­mör­der) ins Poe­sie­al­bum geschrie­ben: »Der ver­lo­rens­te aller Tage ist der, an dem du nicht gelacht hast.« Ich galt als über­aus erns­tes Kind. Jah­re spä­ter beklag­te ein Leh­rer mei­nen Eltern gegen­über, daß ich es bedau­er­li­cher­wei­se fer­tig­bräch­te, selbst über die erns­tes­ten Din­ge zu lachen. Man macht es sel­ten allen recht: Eine Lek­ti­on, die man gera­de als »ver­träg­li­cher« Mensch nicht früh genug ler­nen kann! Posi­tiv gewen­det hie­ße der Vor­wurf mit dem Kel­ler als Ort des schnell­ro­da­schen Lachens womög­lich: Die dort mei­nen es ernst. Die spa­ßen, die tak­tie­ren nicht.

Wie auch immer (und wie immer) liegt in sämt­li­chen Aus­le­gun­gen ein Fünk­chen Wahr­heit. Ulti­ma­tiv wahr ist, daß unser­eins, falls ihm zum Lachen zumu­te wäre und nur ein Anlaß fehl­te, bei Bernd Zel­ler nach­schlü­ge. Wir tun das ohne­hin mit eini­ger Regel­mä­ßig­keit. Zel­ler trifft unse­ren Humor. Er lie­fert uns mit sei­nen Kari­ka­tu­ren seit vie­len Jah­ren zudem einen rei­chen Zita­ten­schatz, aus dem wir schöp­fen, wenn wir uns rasch im Gewühl ver­bal zuzwin­kern wol­len. Bei­spiel? Wir sehen bei Zel­ler ein halb­at­trak­ti­ves, mit­tel­al­tes Ehe­paar beim spä­ten Früh­stück. Das Radio dudelt: »Wir begrü­ßen Sie zur Sen­dung ›Kon­tro­vers‹ mit dem The­ma ›Öko­dik­ta­tur jetzt sofort oder vor­her erst Demo­kra­tie abschaf­fen?‹«. Die Früh­stücks­frau, unge­trübt: »Mach aus, ich will kein Streit­ge­spräch.« Unser Kurz­ver­stän­di­gungs­wort: »Kon­tro­vers«. Oder: Mann und Frau am Tre­sen. Er mit flie­hen­dem Kinn und Bier, sie mit eng­ste­hen­den Augen und Likör­chen. Er defen­siv, sie offen­siv femi­nis­tisch: »Das ist eure typi­sche Art der Dis­kurs­ver­wei­ge­rung! Wenn ihr nicht wei­ter­wisst, sagt ihr etwas, wor­auf man nichts ent­geg­nen kann. Die­ses Aus­spie­len von Ratio­na­li­tät gegen Emo­ti­on macht mich nur trau­rig.« Geheim­wort: »Dis­kurs­ver­wei­ge­rung«. In einer ande­ren Kari­ka­tur hat Zel­ler ein­mal einen Info­stand­po­li­ti­ker-Typen sagen las­sen: »Wir machen Poli­tik für alle. Wem das nicht paßt, der hat hier nichts zu suchen«. Stich­wort: »Poli­tik für alle«.

Bernd Zel­ler wur­de 1966 in Gera gebo­ren, wo er noch heu­te lebt. Sein Stern­zei­chen ist die Waa­ge, das paßt. Er ist ein aus­glei­chen­der und aus­ge­gli­che­ner Typ. Kei­ne Zorn­fal­ten, kein hämi­sches Lachen. Ein net­ter, jugend­lich wir­ken­der Kerl ohne nen­nens­wer­te Fri­sur, mit net­tem Lächeln. Eine Zeit­lang trat er in der »Harald Schmidt Show« als »Unser Ossi« auf, er fun­gier­te auch als Wit­ze­s­chrei­ber für Schmidt. Zel­ler war Redak­teur sowohl beim ost­deut­schen Eulen­spie­gel, beim west­deut­schen Pen­dant Tita­nic als auch bei der Neu­auf­la­ge der par­don. Humor­hal­ber ein Irr­licht! Zel­lers treff­si­che­re Kari­ka­tu­ren wur­den sowohl auf Spie­gel online (links­li­be­ral) unter­ge­bracht als auch in Publi­ka­tio­nen der Fried­rich-Nau­mann-Stif­tung (libe­ral), im neu­en deutsch­land (links), in eigen­tüm­lich frei (radi­kal liber­tär), auf der Ach­se des Guten (eher kon­ser­va­tiv) und zuletzt auch in einer AfD-Mit­glie­der­zeit­schrift. Zel­ler bricht alle Kon­ven­tio­nen! Hat sich sei­ne humo­ris­ti­sche Stoß­rich­tung also über die Jah­re ver­än­dert? Nein. Eben nicht. Geän­dert haben sich bloß die Zei­ten, nicht Zel­lers Blickwinkel.

Den hier dar­ge­stell­ten Bild­witz hal­te ich für eines der zahl­rei­chen Glanz­stü­cke (wei­te­re in die­sem Heft auf den Sei­ten 30 bis 35). Im Vor­der­grund sehen wir zwei Frau­en. Extrem nor­ma­le Exem­pla­re. Kei­ne Influencer*innen, kei­ne Leu­te mit sicht­ba­rem Kar­rie­re­päck­chen. Die eine, mit unprä­ten­tiö­ser Fri­sur in Kinn­haar­län­ge, Klei­dungs­grö­ße »casu­al fit«, hält ein Buch in den Hän­den. Ein aktu­el­les Reclam? Einen Lebens­rat­ge­ber? Einen städ­ti­schen Event­pla­ner? Eine Han­dy­hül­le! Ihre stups­na­si­ge (muß man sagen: wei­ße?) Gesprächs­part­ne­rin mit nach­läs­sig gewupp­tem Dutt jeden­falls schaut ähn­lich halb­infor­miert, man will kaum sagen: naiv, aus der Wäsche. Ers­te­re sagt gemäß Sprech­bla­se: »Man weiß nicht, was man heu­te glau­ben soll.« Das ist der typisch ver­knapp­te Zel­ler-Stil. Er hät­te die Frau auch sagen las­sen kön­nen: »Oh, die­se Sprach­re­ge­lun­gen und Denk­ver­bo­te. Manch­mal bin ich ein­fach total unsi­cher, was okay ist und was bereits verletzt.«

Zel­ler ist nicht so. Er ist kein didak­ti­scher Wit­zema­cher. Kein Pre­di­ger, kei­ner, der den Gag erklärt, damit der Witz auch hun­dert­pro­zen­tig sitzt. Zel­ler setzt auf Asso­zia­ti­on, auf ein lei­ses Zwin­kern, auf das klan­des­ti­ne »weißt schon…«. Er ver­fügt über den pro­ba­ten Feder­strich dazu. Er phi­lo­so­phiert mit­tels sei­ner Wit­zig­keits­poe­to­lo­gie nicht mit dem Ham­mer, dem Mor­gen­stern oder auch nur dem Säbel – nein, er führt ein ele­gan­tes Flo­rett. Oder eben jene fei­ne Feder, die ihm ermög­licht, jenen auf­ge­klär­ten Mann mit Geheim­rats­ecken, beden­ken­trä­ge­ri­schen Naso­la­bi­al­fal­ten und ecki­gem Bril­len­ge­stell zu skiz­zie­ren, der den bei­den ahnungs­los sich bera­ten­den Frau­en die ulti­ma­ti­ve Lösung zuzischt, gewis­ser­ma­ßen als Akt der Zivil­cou­ra­ge: »Doch, das weiss man!«

Was weiß man denn? Zel­ler läßt es offen. Das sich offen­kun­dig jäh umwen­den­de Büro­kra­ten­ge­sicht vom Typus Fett­au­ge, das stets oben auf der Sup­pe schwimmt, sagt bereits alles. Man WEIß es ein­fach! Als ich Bernd Zel­ler frag­te, was das eigent­lich für Leu­te (Klein­bür­ger? Bil­dungs­hu­ber? Der »Main­stream?«) sei­en, die er zeich­nend ent­blößt oder »zur Kennt­lich­keit ent­stellt« (wobei: er zeich­net nie Mons­trö­ses), ant­wor­te­te er in aller Red­lich­keit: »Das sind die Leu­te, wie sie mir begeg­nen oder wie sie sich prä­sen­tie­ren. Also am häu­figs­ten sol­che, die gern alles rich­tig und nichts falsch machen wol­len. Gele­gent­lich jemand, der im Kon­trast dazu steht. Da wir die Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft haben, sind vie­le Jour­na­lis­ten und ande­re Höf­lin­ge dar­un­ter, die nicht wis­sen, daß sie Wen­de­häl­se vor der Wen­de sind.«

Ich frag­te Zel­ler wei­ter­hin: »Ihre sati­ri­sche Kar­rie­re ist viel­deu­tig, gera­de mit Hin­blick auf das poli­ti­sche Koor­di­na­ten­sys­tem. Ist Ihr Echo­raum eher links ange­sie­delt oder rechts? Oder gäbe es eine Art uni­ver­sa­les Geläch­ter, das sol­chen Zuord­nun­gen ent­flieht?« Zel­ler, frei­mü­tig: »Die Ein­tei­lung nach Par­tei­li­ni­en oder das Bedie­nen von Echo­räu­men hiel­te ich für schwä­chend. Ich neh­me die Per­spek­ti­ve ein, die eigent­lich die freie Pres­se haben müß­te: die des Bür­gers auf den Hof. Ja, und was es da eben zu sehen gibt, hängt vom Hof ab. Nicht von mir.« Unser der­zei­ti­ges Hof­ge­sche­hen schreit offen­kun­dig nach Bloß­stel­lung, auch wenn Zel­ler das gewiß »so nicht sagen« wür­de. Er zeich­net ja nur auf. Er gibt zu Pro­to­koll. Vor dem Gang in den Kel­ler, in dem wir eher ein »gal­li­ges Geläch­ter« (Moni­ka Maron) anstim­men, wis­sen wir also, daß wir dort Aus­blü­hun­gen fin­den, die ganz wun­der­ba­re Mus­ter ergeben. 

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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