1. August 2020

Autorenporträt Gert Ledig

Götz Kubitschek

PDF der Druckfassung aus Sezession 97/ August 2020

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Daß Debatten Schriftsteller oder Wissenschaftler dem Vergessen entreißen können, wissen wir seit dem Gezänk und Gezerre um Rolf Peter Sieferles Finis Germania als hauptsächlich Beteiligte nur zu gut. Ohne die Skandalisierung dieser »Nachtgedanken« wären sie als Band 50 der reihe kaplaken unseres Verlags zwar im üblichen Rahmen gelesen und ob ihrer rücksichtlosen Klarheit gelobt worden, aber nie zum Skandalbuch des Frühherbstes 2017 und zum bestimmenden Thema der Frankfurter Buchmesse des selben Jahres geworden. So aber trug dieses kleine Bändchen einen für uns eminent wichtigen Denker in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und verschaffte der mittlerweile auf sechs Bände angewachsenen Werkausgabe Sieferles eine um ein Vielfaches gewachsene Leserschaft.
Als der in England lebende Schriftsteller W. G. Sebald 1997 in Zürich seine Poetikvorlesung unter die Fragestellung »Luftkrieg und Literatur« stellte, fahndete wenig später der Literaturredakteur Volker Hage nach Verschollenem und stieß auf den Roman Vergeltung des Schriftstellers Gert Ledig (1921 – 1999). Er machte den Autor, der seit Jahrzehnten keiner mehr war, keiner mehr sein wollte, bei München ausfindig und bereitete für Suhrkamp eine Neuauflage des 1957 erschienenen Buches vor.
Debatten: Die von Sebald angestoßene war eine, eine richtige, eine, die in einem Korridor noch stattfinden konnte, der um Welten breiter war als er es heute wäre. Dabei ist diese Debatte erst gute zwanzig Jahre her und lag bereits mitten in jenen bleiernen Jahren, die anbrachen, als sich »die Linke« vom Schock der Wiedervereinigung und von ihrer intellektuellen Niederlage erholt hatte. W. G. Sebald hatte in seinen Vorlesungen im Züricher Puppentheater die Frage gestellt, ob das Bombardement deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg literarisch angemessen aufgegriffen und dargestellt worden sei. Immerhin war es ohne Vergleich in der Weltgeschichte und zugleich die größte Verheerung auf deutschem Boden seit dem Dreißigjährigen Krieg: Sie kostete weit über einer halben Million Zivilisten (vor allem Frauen, Kinder, alte Leute) das Leben und legte die aus dem Mittelalter heraus organisch gewachsene Städtelandschaft gezielt und geplant in Schutt und Asche.
Sebalds These lautete, es habe zwar »den ein oder anderen einschlägigen Text« gegeben, »doch steht das wenige uns in der Literatur Überlieferte sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht in keinem Verhältnis zu den extremen kollektiven Erfahrungen jener Zeit.« Kaum ein Stadtbewohner des Deutschen Reiches war von den grauenvollen Erfahrungen des immer präziser und effektiver ausgeführten Bombenterrors verschont geblieben. Sebald sah für die nachgeborenen »keine Möglichkeit, diese spezifisch deutsche Katastrophe in der Literatur nachzuvollziehen« und konstatierte »die Unfähigkeit einer ganzen Generation deutscher Autoren, das, was sie gesehen hatten, aufzuzeichnen und einzubringen in unser Gedächtnis.«
Nachdem diese Bestandsaufnahme in der Welt war, kam es zu einer alles in allem bestätigenden Auseinandersetzung. Das war damals (damals? Ja, es scheint ein Jahrhundert her zu sein!) noch möglich, wenngleich Sebald zunächst natürlich daraufhin abgeklopft wurde, ob er überhaupt befugt sei (moralisch, nicht wissenschaftlich!), die Beschäftigung mit deutschem Leid und alliierten Kriegsverbrechen auf die Agenda zu setzen (wobei sich sofort die Frage stellt, wo die Instanz ihren Sitz habe, die darüber befinden dürfe, wer »befugt« sei ... Sebald jedenfalls war befugt, das stellte man gleich fest: vier erzählerische Werke über deutsche Schuld und jüdisches Leid). Frank Schirrmacher dachte in der FAZ laut darüber nach, daß unter »Entlastungsverdacht« stehe, wer heute literarisch über Vertreibung und Bombenkrieg arbeite, und der Schriftsteller Maxim Biller stieß noch weiter vor, indem er schrieb, daß die wahre Katastrophe für die deutsche Nachkriegsliteratur nicht so sehr in den Lügen und dem Schweigen der Vätergeneration bestehe, sondern darin, »daß die Söhne schon bald von den Vätern das Lügen, das Schweigen und das Danebenstehen gelernt haben«.
Was nun durch die Debatte möglich wurde, war die Öffnung eines kleinen Zeitfensters für literarische Archivarbeit. Sei es, weil man Sebalds These widerlegen wollte, sei es aus echter germanistischer Neugier: Jedenfalls entstand eine Liste mit zwei Dutzend Werken, in denen der Bombenkrieg literarisch verarbeitet war, und unter diese Wiederentdeckungen zählte auch die bereits erwähnte Vergeltung aus der Feder Gert Ledigs.
Aber noch etwas entstand: 2002, vier Jahre nach der Züricher Luftkriegsdebatte, legte der Historiker Jörg Friedrich mit Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940 – 1945 die erste systematische und umfassende Darstellung der geplanten und wissenschaftlich durchgeführten Zerstörung der deutschen Städte vor. In der Auseinandersetzung um Sebalds Thesen war unter anderem auf diese Forschungslücke hingewiesen worden. Es liegt nahe, daß Friedrich erst durch diesen Fingerzeig auf sein Thema stieß. Der Brand wurde breit wahrgenommen, das Buch erlebte noch im Jahr seines Erscheinens elf Auflagen und wurde ein Jahr später um den Bildband Brandstätten ergänzt. Friedrich widersprach insgesamt der Behauptung, es habe sich beim alliierten Bombenterror um eine militärisch notwendige oder wenigstens sinnvolle Maßnahme gehandelt, die – so die zweite Legende – eine Reaktion auf den Bombenterror der deutschen Luftwaffe gewesen sei. Vielmehr habe es sich um ein völkerrechtlich zwar noch nicht verbotenes, moralisch aber auf jeden Fall geächtetes Terrorinstrument gehandelt. Das sei bereitsdurch die eine Tatsache belegt, daß man die punktuelle Wirkung von Sprengbombendurch die ungleich günstigere und zugleich verheerendere Entzündung der mittelalterlichen Stadtkerne potenziert habe. Friedrich vertrat den Standpunkt, daß, wer von deutschen Tätern spreche (und er hatte in seinen Büchern und Studien ausführlich und akribisch über sie gesprochen) von den deutschen Opfern nicht schweigen dürfe.
Gert Ledigs Vergeltung schweigt von diesen Opfern nicht, im Gegenteil. Dieser Roman verdichtet die Zerbombung eines Großstadtviertels auf die eine Stunde, in der auf die Zielmarkierung hin die erste Welle des Bomberstroms über dem Zielgebiet eintrifft und einen Bombenteppich legt. Erzähltechnisch tritt der seltene Fall ein, daß die Lesedauer (die Erzählzeit also) die Dauer der Ereignisse (die erzählte Zeit) um das drei- bis vierfache übersteigt. Das ist angemessen: Länger als die Stunde eines Verschütteten, als die Minute eines Verbrennenden, kann Zeit nicht andauern.
Die Lektüre ist im Sinn des Wortes atemberaubend. Ledig erzählt in knappen Absätzen und Kapiteln, ohne Einleitung oder Vermittlung, von einem Dutzend unterschiedlicher Schauplätze aus und in drei Höhenstufen: oben die Bomberbesatzung, deren fliegende Festung von einem deutschen Nachtjäger abgeschossen wird; in der Mitte die jugendliche Mannschaft einer Flakstaffel, deren Geschütze auf Flachdächern stationiert sind; unten die Menschen in den Bunkern und auf den Straßen – bis dorthin hinab, wo Verschüttete übereinander liegen, diese eine Stunde nicht mehr überstehen werden und einander noch Furchtbares antun.
Vergeltung war Ledigs zweiter Roman. Ein Jahr zuvor hatte er mit Stalinorgel ein gefeiertes Werk über den unübersichtlichen und aus einer bestimmten Perspektive betrachtet sinnlosen Kampf um einen Hügel vor Leningrad vorgelegt. Die erzählte Zeit umfaßte knapp zwei Tage – die Technik der Verdichtung und der Montage gleichzeitig ablaufender Handlungsstränge ist also in Stalinorgel bereits vollständig und gekonnt ausgeführt und wird in Vergeltung auf die Spitze getrieben.
Man könnte auch von Übertreibung sprechen: In diesem zweiten Roman ist Ledigs Sprache gewalttätig, seine Bilder sind Höllengemälde. Das mochte Mitte der fünfziger Jahre einer der Gründe dafür gewesen sein, daß Vergeltung weder von den Lesern noch von der Kritik angenommen wurde. In der Stalinorgel läßt Ledig ganz unterschiedliche Charaktere, Dienstgrade und Amtsträger auf die plötzlich eintretende Lageänderung, auf einen erfolgreichen Einbruch sibirischer Truppen in die deutsche Hauptverteidigungslinie, im Grunde unberechenbar reagieren. Ein Feldwebel verbrämt seine Flucht dienstlich, ein Major schlägt sich zum eingeigelten, letzten Widerstandsnest durch, ein Meldeläufer läuft über, ein Militärrichter verhängt Todesurteile, ein Platzkommandant bewährt sich, ein russischer Hauptmann sieht seinen Angriff zusammenbrechen. Ledig verteilt kaum Sympathien, bezieht kaum eine Position, unterscheidet kaum die deutschen von den russischen Soldaten, beendet Stränge, Leben, Schicksale lapidar.
Diese Knappheit wird in Vergeltung zum Stakkato, und Ledig gibt darin gleichzeitig seiner Neigung zur Wendung ins immer Katastrophalste so sehr nach, daß man die Arbeitsgeräusche eines Stilmittels sehr deutlich zu hören beginnt. Waren die Leidenden am Boden unterm Bombenhagel wirklich so enthemmt und bloß auf sich selbst zurückgeworfen, daß sie im Moment der Todesangst oder schon Todesnot auch das rohe Fleisch ihrer Seele hervorkehren und einander das antun mußten, was Bomben und Brand nicht vermochten? Es gibt ein Zuviel des Schrecklichen, und vermutlich erkannten sich die Leser von 1956 in Ledigs Schilderungen nicht wieder, hielten seine Bilder für eine seltsame Übertreibung, deren Antrieb sie nicht nachvollziehen konnten und wollten. Daß das Buch 1999, angeschoben durch eine begeisterte Besprechung im Literarischen Quartett, zu einem großen Erfolg wurde, mag mit einem simplen Umstand zusammenhängen: Die neue Leser- und Kritikergeneration hatte nicht mehr miterlebt und mitgelitten und hielt das krasse Schwarz mit sehr wenig Weiß für die Farbe der damaligen Zeit.
Die Stalinorgel verschaffte Ledig Zugang zur Gruppe 47, die damals das Maß aller Dinge war. In diesen zunächst öffentlichkeitsscheuen Zusammenkünften von Schriftstellern und Kritikern hatten sich die Autoren mit ihren Texten einem Ritual zu unterwerfen, über das der Vater der Gruppe, Hans Werner Richter, unerbittlich wachte: Jeder mußte einige Passagen vorzulesen und sich danach der schonungslosen Kritik der Kollegen und Fachleute zu stellen. Da auch Verleger geladen waren, wuchs der Gruppe über die Jahre die Macht zu, Autoren den Durchbruch zu bahnen oder sie zu vernichten. Ledig, 1921 geboren, Kriegsfreiwilliger, schwer am Kiefer verwundet und seither unfähig, deutlich zu sprechen, mied die Gruppe 47 und schlug die Einladungen aus. Er hatte Scheu vor der Eloquenz der anderen und war wohl ernsthafter, weniger versöhnt dem gegenüber, was ihm angetan worden war und was er hatte miterleben müssen. Er war nach seiner Genesung nicht mehr wehrtauglich gewesen und hatte unter anderem in München gearbeitet. Er gehörte zu denjenigen, die Front und Bombenkrieg aus eigenem Erleben kannten und war einer der wenigen, die über beides schrieben.
Ledig tat dies nicht ohne politischen Impuls: Er war Mitglied in der Kommunistischen Partei Deutschlands und arbeitete eine Zeit lang mit dem Ministerium für Staatssicherheit der DDR zusammen. Seine Stalinorgel nannte er eine Kampfschrift, und für den DDR-Rundfunk verfaßte er etliche Beiträge. Leider gibt das geradezu herrlich dilettantisch zusammengestellte Buch, das seine Tochter Petra nach Ledigs Tod im Eigenverlag herausgab, keinen Aufschluß über diese Ausrichtung, zu der auch Ledigs geplante Übersiedelung in den Osten gehörte (die er letztlich nicht vollzog). Ledigs Sympathien und Kontakte waren jedenfalls nichts, was Mitte der fünfziger Jahre auf irgendeine Gegenliebe im Westen hatte stoßen können.
Auf die sehr erfolgreiche Stalinorgel (die auch in zahlreiche andere Sprachen übersetzt wurde) und die verblüffend einhellig abgelehnte Vergeltung folgte nur ein Jahr später ein dritter Versuch: Faustrecht schildert ein paar Nachkriegstage in München, in dem zwei Frauen als Offiziershuren und drei ehemalige Soldaten als Schieber durchzukommen versuchen. Dieser Roman montiert keine Handlungsstränge mehr, sondern ist wie ein Kammerspiel aus einem engen Zimmer heraus durcherzählt – ungemein authentisch in den Dialogen und in der Atmosphäre einer totalen Niederlage, die sich bis in die Gemüter durchgefressen hatte: ein Durcheinander aus Hoffnungslosigkeit, absurden Chancen, Brutalität, existentieller Not und Lebensbruchstücken.
Faustrecht blieb ohne Echo, Ledig verstummte. Er arbeitete vier Jahrzehnte lang in der Werbung und in einem Planungsbüro, bevor Volker Hage ihn auffand und mit ihm zusammen die Neuausgaben aller drei Romane betrieb. Ledig starb, bevor sein später Erfolg einsetzte. Derzeit ist nur noch eine Taschenbuchausgabe von Vergeltung zu haben. Das Zeitfenster hat sich wieder geschlossen.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.


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