Corona-Pandemie, De-Globalisierung und Rückkehr der Nation

von Jan Moldenhauer -- PDF der Druckfassung aus Sezession 97/ August 2020

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Seit dem Aus­bruch der Welt­fi­nanz­kri­se im Jah­re 2008 befin­det sich die öko­no­mi­sche Glo­ba­li­sie­rung – also die Inten­si­vie­rung, Beschleu­ni­gung und geo­gra­phi­sche Aus­deh­nung welt­wei­ter Menschen‑, Waren- und Finanz­strö­me – in der Kri­se. Die seit eini­gen Jah­ren vor­herr­schen­den De-Glo­ba­li­sie­rungs­ten­den­zen wer­den durch die Coro­na-Pan­de­mie und ihre poli­ti­schen, wirt­schaft­li­chen, sozia­len und gesell­schaft­li­chen Fol­ge­wir­kun­gen wie durch ein Brenn­glas gebün­delt, offen­ge­legt und wei­ter verschärft.

Ers­ter Kri­sen­akt: Ver­brei­tung des Coro­na-Virus – Bei der lauf­feu­er­ar­ti­gen Ver­brei­tung des Coro­na-Virus rund um den Glo­bus han­delt es sich unstrei­tig um eine direk­te Fol­ge glo­ba­ler Rei­se- und Migra­ti­ons­be­we­gun­gen. Nach dem Aus­bruch der Pest in der zen­tral­chi­ne­si­schen Pro­vinz Hub­ei im Jah­re 1320 ver­gin­gen 28 Jah­re, bis der Krank­heits­er­re­ger die chi­ne­si­sche Küs­te und schließ­lich – durch den dama­li­gen Über­see- bzw. Kara­wa­nen­han­del ent­lang der Sei­den­stra­ße – Ita­li­en und ande­re Tei­le­Eu­ro­pas erreich­te und mit aller Wucht erfaß­te. Nach dem Aus­bruch des neu­ar­ti­gen Coro­na-Virus in der Groß­stadt Wuhan – und damit wie­der­um in der Pro­vinz Hub­ei – dau­er­te es nicht mehr 28 Jah­re, son­dern nur noch eini­ge Wochen, bis der Krank­heits­er­re­ger Euro­pa und ande­re Welt­re­gio­nen erreich­te. Wenn nicht Ursprung des Virus, so doch pri­mä­re Ursa­che der Coro­na-Pan­de­mie ist also die mit der öko­no­mi­schen Glo­ba­li­sie­rung ein­her­ge­hen­de welt­wei­te Ent­gren­zung des Per­so­nen­ver­kehrs. Dem­entspre­chend ist dem Glo­ba­li­sie­rungs­for­scher Ulrich Men­zel zufol­ge »ins öffent­li­che Bewusst­sein gedrun­gen, dass die Pan­de­mie auch ein Aus­druck von Glo­ba­li­sie­rung ist. All das hat den Glo­ba­li­sie­rungs­kurs radi­kal delegitimiert.«

Zwei­ter Kri­sen­akt: zusam­men­bre­chen­de Lie­fer­ket­ten und Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se – Bei räum­lich und zeit­lich ent­grenz­ten sowie nach dem »Just in Time«-Prinzip orga­ni­sier­ten Lie­fer­ket­ten, die der Mini­mie­rung von Lager­kos­ten zwecks Gewinn­ma­xi­mie­rung die­nen, und bei Pro­duk­ti­ons­pro­zes­sen für Vor‑, Zwi­schen- und End­pro­duk­te, die nach dem Prin­zip der Ver­ti­ka­len Spe­zia­li­sie­rung glo­bal auf­ge­split­tet sind, han­delt es sich um die Achil­les­fer­se der Han­dels­glo­ba­li­sie­rung. Bereits gering­fü­gi­ge Stö­run­gen kön­nen zu dras­ti­schen Ver­sor­gungs­eng­päs­sen füh­ren und Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se lahm­le­gen. Eben jene Schwach­stel­le wur­de durch die gras­sie­ren­de Coro­na-Pan­de­mie und damit ver­bun­de­ne welt­wei­te Lie­fer­ket­ten­zu­sam­men­brü­che und Pro­duk­ti­ons­aus­fäl­le scho­nungs­los offengelegt.

Die direk­ten Fol­gen die­ser Ent­wick­lung und damit ver­bun­de­ner Domi­no­ef­fek­te sind Mas­sen­ent­las­sun­gen, der Zusam­men­bruch des Welt­han­dels und eine glo­ba­le Rezes­si­on his­to­ri­schen Aus­ma­ßes. Dabei trifft ein welt­wei­ter Ange­bots­schock (auf­grund von Pro­duk­ti­ons­ein­brü­chen, Laden­schlie­ßun­gen und ande­rem) auf einen welt­wei­ten Nach­fra­ge­schock (unter ande­rem auf­grund von Aus­gangs­be­schrän­kun­gen und ein­bre­chen­dem Kon­sum­kli­ma). Erst rück­bli­ckend wird sich das gesam­te Aus­maß öko­no­mi­scher Ver­wer­fun­gen auf glo­ba­ler Ebe­ne, inner­halb der EU sowie der BRD exakt bemes­sen las­sen, vor allem, weil es sich um eine Rech­nung mit zahl­rei­chen Varia­blen und Unbe­kann­ten han­delt. Bei Errei­chen eines Kipp­punk­tes (»Tip­ping Point«) wer­den die Wirt­schafts­sys­te­me zudem nicht mehr pro­por­tio­nal, son­dern chao­tisch auf sich ver­än­dern­de Varia­blen und Wech­sel­wir­kun­gen reagie­ren, so daß es in der Fol­ge nicht mehr zu linea­ren, son­dern­zu nicht-linea­ren Sys­tem­re­ak­tio­nen kom­men wird.

Drit­ter Kri­sen­akt: Ver­schär­fung der Welt­fi­nanz­kri­se – Der glo­bal­kon­junk­tu­rel­le Ein­bruch infol­ge der Pan­de­mie wird nicht ohne Aus­wir­kun­gen auf die seit 2008 schwe­len­de Welt­fi­nanz­kri­se blei­ben. Die – sich bereits auf his­to­ri­schen Höchst­stän­den befind­li­che – welt­wei­te Ver­schul­dung von Pri­vat­haus­hal­ten, Unter­neh­men, Kom­mu­nen, Bun­des­län­dern / ‑staa­ten und Natio­nal­staa­ten wird sich in den kom­men­den Jah­ren dras­tisch erhö­hen. Welt­weit wer­den Pri­vat­haus­hal­te und Unter­neh­men Kre­di­te nicht mehr bedie­nen kön­nen, das Kre­dit­aus­fall­ri­si­ko für Ban­ken wird dem­entspre­chend stei­gen, zahl­rei­che Ban­ken wer­den (wei­ter) in Schief­la­ge gera­ten. Ein Wie­der­auf­flam­men der unge­lös­ten Euro- und Ver­schul­dungs­kri­se in der EU rückt somit in den Bereich des Wahrscheinlichen.

Ölför­der­län­der könn­ten eben­falls in finan­zi­el­le Schief­la­ge gera­ten. Am 20. April 2020 sack­te der Ölpreis für die Refe­renz­mar­ke Wes­tern Texas Inter­me­dia­te – infol­ge einer dra­ma­tisch ein­bre­chen­den Nach­fra­ge und anstei­gen­der Ölla­ger­be­stän­de – auf minus 38 Dol­lar (!) ab und fiel somit auf ein All­zeit­tief. Der Preis für die Refe­renz­mar­ke Brent fiel ana­log dazu auf 18 Dol­lar – ein für vie­le Ölför­der­län­der zu gerin­ger Preis, um davon auf lan­ge Sicht den jewei­li­gen Staats­haus­halt bestrei­ten zukönnen.

Dies­mal springt die Kri­se nicht – wie in den Welt­fi­nanz­kri­sen­jah­ren 2008 / 2009 – von den Finanz­märk­ten auf die Real­wirt­schaft über, son­dern von der Real­wirt­schaft auf die Finanz­märk­te. Zur Sta­bi­li­sie­rung neh­men zahl­rei­che Noten­ban­ken Zins­sen­kun­gen vor, kau­fen (Schrott-)Anleihen auf, flu­ten die Finanz­märk­te mit Bil­lio­nen­sum­men und erhö­hen somit im Ergeb­nis die im Umlauf befind­li­che Liqui­di­täts­men­ge. Hin­zu kom­men die bereits erwähn­ten Ret­tungs­pro­gram­me auf natio­na­ler aber auch auf supra­na­tio­na­ler Ebe­ne. In der Fol­ge wird – nach defla­tio­nä­ren Ten­den­zen zu Kri­sen­be­ginn – die Gefahr infla­tio­nä­rer Ten­den­zen signi­fi­kant zunehmen.

Die soeben beschrie­be­nen öko­no­mi­schen Fol­ge­wir­kun­gen der Pan­de­mie sind geeig­net, die De-Glo­ba­li­sie­rungs­ten­den­zen vori­ger Jah­re zu ver­stär­ken. »Sehr wohl«, schreibt der ehe­ma­li­ge Wirt­schafts­wei­se Bert Rürup, »dürf­te die­ses Virus aber den vor zehn Jah­ren ein­set­zen­den schlei­chen­den Trend zur De-Glo­ba­li­sie­rung beschleu­ni­gen – und in naher Zukunft womög­lich als ein neu­er Wen­de­punkt in der Wirt­schafts­ge­schich­te bezeich­net werden.«

Ulrich Men­zel erkennt in der Coro­na-Kri­se »die fina­le Ent­zau­be­rung der Glo­ba­li­sie­rung« und bezeich­net sie als »Trop­fen, der das Fass der Glo­ba­li­sie­rungs­kri­tik zum Über­lau­fen gebracht hat. Er ist nur das letz­te Glied einer gan­zen Ket­te von Anläs­sen, die die gro­ße Erzäh­lung vom Segen der Glo­ba­li­sie­rung radi­kal in Fra­ge stel­len.« In die­sem Kon­text nennt er u. a. die fort­dau­ern­de Welt­fi­nanz­kri­se und die Völ­ker­wan­de­rung gen Euro­pa mit Haupt­ziel­punkt Deutsch­land. Men­zel zufol­ge »ver­schmel­zen« die­se Ereig­nis­se »zu einem Amal­gam, für das in all sei­nen Facet­ten die Glo­ba­li­sie­rung ver­ant­wort­lich gemacht wird. Auf den Punkt gebracht wird es durch Bil­der, die Flücht­lin­ge mit Gesichts­mas­ken zei­gen – aus Angst vor Coro­na. Und so ganz neben­bei las­sen sich durch geschlos­se­ne Gren­zen nicht nur Viren, son­dern auch Flücht­lin­ge abwei­sen.« Der Poli­tik­wis­sen­schaft­ler resü­miert, daß die Pan­de­mie nicht nur als Aus­lö­ser einer welt­wei­ten und tief­grei­fen­den Welt­wirt­schafts­re­zes­si­on in die Geschich­te ein­ge­hen wer­de, »son­dern auch als der Punkt, an dem das Rad der Glo­ba­li­sie­rung wie­der ein Stück zurück­ge­dreht wur­de.« Und wei­ter: »Gera­de erle­ben wir ›dank‹ Coro­na: Man muss nicht jeden Preis zah­len, den die Glo­ba­li­sie­rung ver­langt. Es gibt ein Zurück, was auch immer das bedeutet.«

Letzt­lich mani­fes­tiert sich in der Glo­ba­li­sie­rungs­kri­se auch eine Sys­tem- bzw. Kapi­ta­lis­mus­kri­se. »Jede ›Deglo­ba­li­sie­rung‹«, schreibt die lin­ke Wirt­schafts­jour­na­lis­tin Ulri­ke Herr­mann, »wäre eine Revo­lu­ti­on. Selbst ein ›behut­sa­mer Rück­bau‹ wür­de den Kapi­ta­lis­mus zum Ein­sturz brin­gen. Die Glo­ba­li­sie­rung ist näm­lich kein bedau­er­li­cher Irr­weg, son­dern der Kern des Kapi­ta­lis­mus, wie schon Marx und Engels erkann­ten.« Dar­um sei die Welt »zur Glo­ba­li­sie­rung ver­dammt«. Hier wer­den die Grund­zü­ge einer links-libe­ra­len Metaideo­lo­gie – also einer gemein­sa­men Inter­es­sen­la­ge von Links­li­be­ra­len und Neo­li­be­ra­len – erkenn­bar, deren Kern­ele­ment in der lager­über­grei­fen­den Befür­wor­tung einer tota­len Ent­gren­zungs­po­li­tik besteht. Befürch­tet wird indes eine mit der De-Glo­ba­li­sie­rung ein­her­ge­hen­de »Kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­ti­on«. In die­sem Zusam­men­hang stellt sich die Fra­ge, wel­che Kern­zie­le vor dem Hin­ter­grund des nun ein­ge­tre­te­nen Ernst­falls von natio­nal­kon­ser­va­ti­ven (vor-)politischen Kräf­ten in Deutsch­land ver­folgt wer­den sollten.

I. Kern­ziel: Fes­tung Euro­pa und natio­na­le Grenz­kon­trol­len – Die Coro­na-Kri­se zeigt, daß euro­päi­sche Außen­gren­zen und natio­na­le Gren­zen wirk­sam geschützt wer­den kön­nen, wenn der poli­ti­sche Wil­le dazu vor­han­den ist. Im Zuge der Wie­der­ein­füh­rung natio­na­ler Grenz­kon­trol­len zur Ein­däm­mung des Virus kam die ille­ga­le Zuwan­de­rung nach Deutsch­land prak­tisch zum Erlie­gen. In gesund­heits­po­li­ti­scher Hin­sicht gilt es, das deut­sche Volk nicht nur vor der Ein­schlep­pung des Coro­na-Virus, son­dern auch vor ande­ren seit 2015 durch ille­ga­le Zuwan­de­rer ver­mehrt ein­ge­schlepp­te Krank­hei­ten wie bei­spiels­wei­se Tuber­ku­lo­se zu schützen.

Aus die­sem Grun­de muß das in Deutsch­land vor­herr­schen­de neo­li­be­ra­le Öko­no­mie­pri­mat – dem­ge­mäß es sich bei ille­ga­len Zuwan­de­rern um eine lohn­drü­cken­de Reser­ve­ar­mee des Kapi­tals han­delt – durch ein kon­ser­va­ti­ves Gesundheits‑, Sicher­heits- und Iden­ti­täts­pri­mat ersetzt wer­den, wobei sich letzt­ge­nann­te Prio­ri­tä­ten­set­zun­gen und öko­no­mi­sche Pro­spe­ri­tät kei­nes­falls wech­sel­sei­tig aus­schlie­ßen. Einer Stu­die des Ifo-Insti­tuts zufol­ge wären »die öko­no­mi­schen Kon­se­quen­zen einer Wie­der­ein­füh­rung von Per­so­nen­kon­trol­len an den Bin­nen­gren­zen im Schen­gen­raum« für Deutsch­land mit Fol­ge­kos­ten in Höhe von fünf bis 15 Mil­li­ar­den Euro per annum »über­schau­bar«.

II. Kern­ziel: Regio­na­li­sie­rung von Wirt­schafts­kreis­läu­fen – Glo­ba­li­sie­rungs­be­für­wor­ter prei­sen die angeb­li­chen Vor­zü­ge der welt­wei­ten Auf­split­tung von Liefer‑, Wert­schöp­fungs­ket­ten und Pro­duk­ti­ons­pro­zes­sen. Sie ver­wei­sen auf Lohn­kos­ten­vor­tei­le durch Pro­duk­ti­ons­ver­la­ge­run­gen in Nied­rig­lohn- bzw. Schwel­len­län­der, die zu nied­ri­gen Pro­duk­ti­ons­kos­ten und End­prei­sen bei­tra­gen sollen.

Dabei sind Lohn­kos­ten sowie kos­ten­trei­ben­de Umwelt­auf­la­gen in – sich in einem Indus­tria­li­sie­rungs­pro­zeß befind­li­chen – Schwel­len­län­dern wie Chi­na im Lau­fe ver­gan­ge­ner Jah­re suk­zes­si­ve gestie­gen bzw. ange­ho­ben wor­den. Des wei­te­ren haben Auto­ma­ti­sie­rungs- und Digi­ta­li­sie­rungs­ten­den­zen dazu bei­getra­gen, daß die Kos­ten­un­ter­schie­de von Pro­duk­ti­ons­stand­or­ten zuneh­mend weni­ger ins Gewicht fal­len. Die Fol­ge: Man kann eher schon mal dort pro­du­zie­ren, wo die Pro­duk­te am Ende auch ver­kauft wer­den. Abge­se­hen davon gehen stei­gen­de Lohn- bzw. Pro­duk­ti­ons­kos­ten – bei­spiels­wei­se durch eine Regio­na­li­sie­rung bzw. Re-Natio­na­li­sie­rung von Pro­duk­ti­ons­pro­zes­sen – stets mit Produktivitäts‑, Qua­li­täts- und Inno­va­ti­ons­an­rei­zen ein­her, wodurch die inter­na­tio­na­le Wett­be­werbs­fä­hig­keit von indus­tria­li­sier­ten Volks­wirt­schaf­ten wie der deut­schen letzt­lich gestärkt wird.

»Seit eini­ger Zeit«, schreibt der Öko­nom Hen­rik Mül­ler, »neh­men die Beschrän­kun­gen des inter­na­tio­na­len Han­dels wie­der zu. Regie­run­gen erklä­ren Bran­che um Bran­che für stra­te­gisch rele­vant, also schüt­zens­wert. […] Die Coro­na­kri­se lenkt nun den Blick auf immer wei­te­re Wirt­schafts­zwei­ge, wo das alte Kon­zept der natio­na­len Selbst­ver­sor­gung wie­der zum Maß­stab wer­den könn­te.« Wir hal­ten fest: Sofern der poli­ti­sche Wil­le dazu vor­han­den ist, ist es mit­hil­fe eines selek­ti­ven Pro­tek­tio­nis­mus durch­aus mög­lich, die Regio­na­li­sie­rung oder Rena­tio­na­li­sie­rung von Lie­fer­ket­ten sowie die Rena­tio­na­li­sie­rung der Pro­duk­ti­on von Gütern und Dienst­leis­tun­gen der natio­na­len Sicher­heit zu gewähr­leis­ten und wirt­schaft­li­che Kon­zen­tra­ti­ons­pro­zes­se zuguns­ten von Groß­kon­zer­nen zu verhindern.

III. Kern­ziel: Rück­kehr der Nati­on – Die Insti­tu­tio­nen der Euro­päi­schen Uni­on ver­sa­gen im Umgang mit der Coro­na-Kri­se – wie bereits beim Umgang mit Weltfinanz‑, Euro- und »Flücht­lings­kri­se« – dra­ma­tisch. Erneut zeigt sich, wie wich­tig funk­tio­nie­ren­de natio­na­le Struk­tu­ren – bei­spiel­wei­se ein ver­gleichs­wei­se funk­tio­na­les natio­na­les Gesund­heits­sys­tem – sind, wenn der Ernst­fall ein­tritt und supra­na­tio­na­le Insti­tu­tio­nen wie die EU und die WHO heil­los über­for­dert sind. Die von glo­ba­lis­ti­schen Eli­ten geschaf­fe­ne EU fun­gier­te in ver­gan­ge­nen Jah­ren als Trieb­rad inner­eu­ro­päi­scher Glo­ba­li­sie­rung. Nun ste­hen die EU-Archi­tek­ten vor dem Scher­ben­hau­fen eines kol­la­bie­ren­den Kolos­ses, der stets auf töner­nen Füßen stand. Wenn die EU-Insti­tu­tio­nen beim Ein­tre­ten und der Bewäl­ti­gung jed­we­der kri­sen­haf­ten Ent­wick­lung gran­di­os schei­tern, wel­che Exis­tenz­be­rech­ti­gung haben sie dann noch? Die­se Fra­ge stel­len sich immer mehr Bür­ger in den EU-Mit­glieds­staa­ten. Sie for­dern eine Rück­be­sin­nung auf das Prin­zip der Natio­nal­staat­lich­keit und damit ein Pri­mat des Natio­na­len über das Supranationale.

Wel­che Ansät­ze gibt es schon? Eine sta­bi­le Quer­front­bil­dung zwi­schen (alt-) lin­ken und (neu-) rech­ten De-Glo­ba­li­sie­rungs­be­für­wor­tern zur Ver­fol­gung der zuvor for­mu­lier­ten Ziel­stel­lun­gen erscheint gegen­wär­tig – zumin­dest aus deut­scher Per­spek­ti­ve – reich­lich unwahr­schein­lich. Unab­hän­gig davon kon­sta­tiert Ulrich Men­zel, daß das neo­li­be­ra­le Glo­ba­li­sie­rungs­kon­zept – ob frei­wil­lig oder unfrei­wil­lig, sei dahin­ge­stellt – nun­mehr mit­tels einer poli­ti­schen Zan­gen­be­we­gung ange­grif­fen wird: »Iro­ni­scher­wei­se wird die gro­ße Erzäh­lung der Glo­ba­li­sie­rung der­zeit sowohl von ihren ver­meint­li­chen Gewin­nern wie von ihren Ver­lie­rern mas­siv in Fra­ge gestellt: durch das kos­mo­po­li­ti­sche Milieu mit sei­ner Kri­tik an den Kon­se­quen­zen der Glo­ba­li­sie­rung für die Umwelt und durch das popu­lis­ti­sche Milieu mit der Kri­tik an Deindus­tria­li­sie­rung, Migra­ti­on und kul­tu­rel­lem Wan­del. Mani­fest wird dies nun durch Coro­na. […] Damit gera­ten die Prot­ago­nis­ten des neo­li­be­ra­len Para­dig­mas von zwei Sei­ten in die Defen­si­ve – und wer­den ten­den­zi­ell zur Min­der­heit. Wenn aber der glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­sche Dis­kurs von kos­mo­po­li­ti­scher wie von popu­lis­ti­scher Sei­te wei­ter an Zuspruch gewinnt, dann schwin­det auch die Bereit­schaft der Poli­tik, die Mit­tel, Regeln und Insti­tu­tio­nen zu unter­hal­ten, die den Rah­men für die Glo­ba­li­sie­rung set­zen. So haben Trump und Gleich­ge­sinn­te der­zeit leich­tes Spiel. Denn ohne Glo­bal Gover­nan­ce ver­liert auch die Glo­ba­li­sie­rung selbst an Durchschlagskraft.«

Ob die Coro­na-Pan­de­mie tat­säch­lich – wie von der eng­li­schen Zeit­schrift The Times sug­ge­riert – »die Toten­glo­cke für die Glo­ba­li­sie­rung läu­ten läßt« und ob das Läu­ten die­ser Glo­cke auch das Ende des Euro, der Euro­päi­schen Uni­on und die Wie­der­auf­er­ste­hung des Natio­na­len in Euro­pa bedeu­tet, wird die stets ergeb­nis­of­fe­ne Zukunft erwei­sen. Daß es sich bei der Coro­na-Kri­se um einen wei­te­ren Nagel im Sarg der öko­no­mi­schen Glo­ba­li­sie­rung han­delt, und daß durch sie bereits seit eini­gen Jah­ren wirk­mäch­ti­ge ent­schleu­ni­gen­de De-Glo­ba­li­sie­rungs­pro­zes­se wei­ter beschleu­nigt wer­den, steht hin­ge­gen fest.

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