1. August 2020

In memoriam Jean Raspail – eine Werkschau

Gastbeitrag

von Konrad Markward Weiß -- PDF der Druckfassung aus Sezession 97/ August 2020

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»Allmählich fangen Sie an, mir ernsthaft auf den Wecker zu gehen!« – keine Viertelstunde unseres ersten Gesprächs war vergangen, als nach einer Serie neunmalkluger Fragen zur Lage der Welt, Nation und Kirche der sonst so charmante, höfliche Grandseigneur ungehalten wurde. Es sollte das einzige Mal bleiben – trotz etlichen weiteren unvergeßlichen Besuchen und einer regen Korrespondenz. »Das ist außerhalb meiner Kompetenzen. Ich bin kein Philosoph, kein Experte, nicht einmal ein Intellektueller.« Und: »Sie haben die Gänseleberpastete verzehrt. Wozu wollen Sie jetzt noch die Gans kennenlernen? Alles was ich zu sagen hatte, ist in meinen Büchern.« Daher, in deren Sinne und mit ihren Worten, kein Nachruf auf die allzeit unprätentiös-selbstironische Gans, sondern eine Verkostung der Pastete; keine verkopfte Interpretation, sondern schlichte Kostproben – wobei deutschen Zungen bereits vertraute Spezialitäten gegenüber unübersetzten Gaumenfreuden in den Hintergrund treten.

»Ein Abenteuer, das über meine Existenz entschieden hat« steht 1949 am Beginn des langen Schaffens von Jean Raspail: Er durchquert im Kanu über 4500 Kilometer von Quebec über den Sankt-Lorenz-Strom und die Großen Seen bis zur Mündung des Mississippi auf den Spuren von Missionaren, Entdeckern und Waldläufern die einstigen französischen Besitzungen in Nordamerika. Als er mit En canot sur les chemins d’eau du roi (2005) die Feder aus der Hand legt, schließt sich ein halbes Jahrhundert später der Kreis. Der junge Pfadfinder hatte seinerzeit das Entdecken eines verlassenes Indianerdorfs als »Initiation« empfunden – und »ein verstecktes Tor durchschritten, das Zugang zu einem bestimmten Lebensweg eröffnet«.

Zunächst als noch recht prosaischer Reiseschriftsteller, von Feuerland bis Alaska, alsbald rund um die Welt; er dreht Filme, tingelt mit diesen im Rahmen der Vortragsreihe Connaissances de Monde durch Frankreich und hatte damit, so Madame Raspail, »ein sehr gutes Auskommen, bis er dann von seiner Feder leben konnte«.

Terres saintes et profanes (1960) markiert eine erste Wegscheide. »Lauwarm im Glauben«, bekennt Raspail, die heiligen Stätten des Christentums besucht zu haben,»zu viele andere, als daß mein Glaube unerschütterlich geblieben wäre«, hatte er davor gesehen, und zu viele unermeßliche Wüsten; doch die winzig kleine, in die Christus sich zurückgezogen hatte, erdrückt ihn »mit einem Gewicht, das keine Wüste der Welt jemals wird wiegen können«. In Byblos, der ältesten Stadt der Welt, sowie in Petra, erkundet er untergegangene Kulturen; und dann, angesichts der Kreuzritterburgen, bricht sich zum ersten Mal der raspailsche Duktus Bahn, wenn er beseelt den teils glorreichen, teils deplorablen, aber immer eigenen, abendländischen Spuren folgt; damals ergreift Raspail das letzte Glied der Kette in die eigene Vergangenheit und wird sie, gerade auch als schriftstellerisches Leitmotiv, nie wieder aus der Hand geben.

Noch bleibt er aber »grand reporteur«; seinen ersten Roman Les veuves de Santiago(1962) widmet er Jahrzehnte später handschriftlich zur Lektüre »auf eigene Verantwortung und Gefahr« – »ich wußte noch nicht, wie man es richtig anstellt«. Auch Secouons le cocotier (1966) versammelt noch Reportagen, über die Antillen, nicht ohne Gehalt, aber süffig wie der Punsch und Rum, denen gleich die erste gilt. Vermischte Chroniken wiederum erscheinen jahrelang meist auf der Titelseite der Tageszeitung Le Figaro, die mit ihren stilistischen und sprachlichen Ansprüchen den Autor schult und ihm politisch gewisse Zügel anlegt; Boulevard Raspail (1977) bildet eine Blütenlese, darunter L’Armada de la Dernière Chance von 1972 – ein Vorbeben ...

Raspail war längst zur Überzeugung gelangt, »daß eine andere Welt dabei ist, Schritt für Schritt ein Frankreich zu entwurzeln, das sich so all dessen beraubt sieht, was es bisher stets als sein Spezifikum postuliert hatte – seine Geschichte, Geist, Haltung, Stolz und Schönheit«. 1973 erscheint das donnernde, prophetische Heerlager der Heiligen, von den dominierenden Medien eher beschwiegen als verteufelt; sehr wohl trifft der Bannstrahl aber den Autor, dem nach dieser Zäsur der Ruch eines poète maudit anhängt. Das Buch verbreitet sich zunächst wie ein unterirdischer Fluß, wird dann über den Umweg des Auslands in Frankreich selbst zum »Longseller« und überschwemmt 2015 ff. mit 40 Jahren Verspätung auch die Leitmedien. Raspails mit Abstand erfolgreichstes und berühmtestes Werk ist zugleich sein untypischstes; in seiner höchstens durch Galgenhumor abgemilderten Drastik überfährt es den Leser, statt ihn wie sonst zu erheben.

Dieser raspailspezifische hohe Ton, im bald klassischen Vierklang aus Stolz, Ironie, Zärtlichkeit und Melancholie, der Werk und Autor gleichermaßen durchdringen sollte, wird erstmals deutlich in Die Axt aus der Steppe (1974), die er »Ursprung und Schlußfolgerung des Heerlagers« nennt. Über drei Kontinente folgt er den Spuren der Letzten ihrer Art, für die der Verlust der eigenen Identität der Todeskeim gewesen war – oder wäre: Von den Ureinwohnern Japans, dessen Katakomben-Katholiken und den letzten Samurai zur Halbgötter-Dämmerung der Uru in den Anden, vom langen Todeskampf der Westgoten bis zum knorrigen Ostfront-Veteranen und unbeugsam antikonziliären Landpfarrer im zähen Winterkrieg mit seinem Bischof. Dieser Doppelschlag von 1973 / 74 kündigt eine weitere Zäsur an: Wenn er von nun an aus dem reichen Fundus des »nomadischen Teils seines Lebens« schöpft, sind Bücher wie Bleu caraïbe et citrons verts (1980) nicht mehr Reiseberichte eines Autors, sondern Reiseliteratur eines Schriftstellers, insbesondere, als eine Art Fortsetzung der Axt, Pêcheur de Lunes (1990). An dessen Ende findet sich bereits das Motiv eines vermeintlichen bloßen Landstreichers in Südfrankreich, das wie so oft bei Raspails Faszinationen jahrelang reift, um später in einen Roman zu münden. Denn das ist von nun an sein eigentliches Genre: Indem er im Heerlager, so Philippe Hemsen, »eine Welt, die nur darauf zu warten scheint, der Apokalypse weiht, hat er sich von jener befreit, hinter sich die Türe zugeschlagen und das Tor zu seiner eigenen Welt sperrangelweit aufgestoßen«.

In Septentrion (1979) durchschreitet er es, bricht auf zur Reise in seine andere Welt, fernab der gesellschaftspolitischen Grabenkämpfe, mit einem letzten Blick zurück ins Heerlager – denn gerade noch rechtzeitig vor einer Invasion aus dem Süden dampft eine bunt zusammengewürfelte kleine Schar in einem antiken Zug durch Wälder und Steppen, Raum und Zeit. Die phantastische Reise führt in den namensgebenden Norden, jenseits der Grenze – zwei weitere Dauermotive Raspails: Vom einstigen französischen Pays d’en Haut um die großen nordamerikanischen Seen bis Patagonien, zwar ganz im Süden gelegen, aber mit allen Attributen des hohen Nordens. Sie alle liegen jenseits der Grenzen des erforschten, bewohnten Gebiets. »Henrick Oktavius Ulrich von Pikkendorf wurde zehn Monate später geboren, am 23. März 1670. Es hatte noch nicht aufgehört zu schneien. Der Schrei, den er ausstieß, als er die Welt entdeckte, war bis an die Grenze zu hören, denn ein wütender, umgekehrter Wind wehte ausnahmsweise von Süden nach Norden«.

Den Namen dieser Himmelsrichtung tragen auch Les royaumes de Borée (2003), unerschlossene, unendliche Weiten, die mitsamt ihren halbmythischen Waldbewohnern über Jahrhunderte Herrscher eines imaginären, vage baltendeutschen, Großherzogtums ebenso in ihren Bann schlagen wie deren treue Schwertträger. Alle finden sie 1945 ihr Ende, »an einem Tag, als die Sonne sich nur mit Mühe erhob«, über den Greueln der durch Ostpreußen marodierenden Sowjethorden, die Raspail erschütternd und erschüttert schildert; viel später erzählt er, daß man »den Rest für einen Moment vergessen und sich nur verneigen kann vor der Größe der Kämpfer und Zivilisten«. Entspringt Raspails Zuneigung zu deutschen Landen womöglich seiner Liebe zu verlorenen Sachen?

Mit diesem Spiel beginnt er nun Ernst zu machen, dazu mit Patagonien, dem Königtum, dem Traum von beiden und dem Traum an sich, denn »jede wirkliche, schöne und edle Kultur gründet sich auf den Traum« – dieses Wort von John Cowper Powys stellt der lebenslange Träumer mit offenen Augen Le Jeu du Roi (1976) voran.In einer menschenleeren Heide an der rauhen Atlantikküste Nordfrankreichs erschafft sich ein Knabe ein imaginäres Reich, an dessen Grenze ein Mann in einer halbverfallenen Festung ein nur unwesentlich realeres Königtum verkörpert. Der alte König in seinem Exil, der letzte einer traurigen Dynastie, findet im jungen Einzelgänger seinen Thronfolger, der der Masse trotzt und unbeschadet die Zerstörungen von 1968 übersteht. Beide stehen auf verlorenem Posten: »Ich gebiete über das Nichts. Der König ist allein. Was soll er mit Demut! Von Stolz muß er sich nähren, um zu überdauern ...« Und: »Der eigentliche Feind findet sich immer hinter den eigenen Linien, niemals davor« – in der Nacht vor Raspails Tod, am Höhepunkt der selbstzerstörerischen weißen Black-Lives-Matter-Massenhysterie eine gespenstische Lektüre.

Das Epos vom armen Winterkönig läßt den Schriftsteller nicht los: 1981 erscheint Moi, Antoine de Tounens, roi de Patagonie. Diesmal von Anfang an, erzählt Raspail die Geschichte des französischen Provinzadvokaten, der im 19. Jahrhundert sein tragisches Leben der von Beginn an zum Scheitern verurteilten Idee verschrieben hatte, im eisigen Süden von Chile und Argentinien die bedrängten Eingeborenenstämme als Orélie-Antoine I. unter seinem Königtum zu vereinen und zu befreien. Seine Herrschaft währt nur zwei Wochen, seine immer kläglicher scheiternden, aber unermüdlichen Restaurationsversuche bis zu seinem Tod. Am Ende des Romans vernimmt Raspail vom Grab Antoines augenzwinkernd die Berufung zum Generalkonsul von Patagonien; seither gehen ihm ohne jeden entsprechenden Aufruf abertausende Naturalisationsansuchen zu, unter anderem von Größen der Literatur, Wirtschaftsmagnaten und höchsten Militärs. Das »königliche Spiel« mit seinem Netz von Amtsträgern und Vizekonsuln rund um die Welt erbaut und amüsiert den Generalkonsul bis zum Schluß. Wie sagte Jean Anouilh einst treffend und mit großer Wertschätzung? »Sie sind ein Kind, Raspail!« Und zwar eines, das auch spielt wie ein Kind – nämlich ernsthaft: »Das Königreich Patagonien ist die Möglichkeit eines Auswegs in ein mystisches Land, wo die Ehre mehr zählt als das Fortkommen, die Freundschaft mehr als der Rang, das Abenteuer mehr als das Geld, das Leben mehr als die Gesundheit und die Freiheit mehr als alles andere«, würdigt Sylvain Tesson – letztes Jahr der meistgelesene frankophone Autor – auch dieses Werk Raspails unmittelbar nach dessen Tod in Le Figaro.

Patagonien! Feuerland! Ewiger Sehnsuchtsort für Jean Raspail; erbarmungsloser Zufluchtsort für jene Seenomaden, die in den eisigen Stürmen dieses flüssigen Labyrinths ihr armseliges Dasein fristeten. Die erste, zufällige Begegnung mit den Alakalufs, »in deren Sprache es kein Wort für Glück gab«, ist »das Fundament« von Qui se souvient des Hommes ... (1986), brennt sich dessen Urheber unauslöschlich ein und taucht quer durch sein Werk wieder und wieder aus dem strömenden Regen der Magellanstraße auf: »Ein wenig Glut auf dem Boden des Kanus, um das Feuer wiederauferstehen zu lassen, zwei zerlumpte Frauen, ein trauriges Kind, drei Ruderer mit leblosen Augen. Nichts hat mich diesen Unglückseligen näher gebracht, als den Graben von hundert Jahrhunderten ermessen zu haben, der mich von ihnen trennt. An dessen jenseitigem Ufer flohen sie, weiter noch zurück in die Vergangenheit.« Die Kritiken sind hymnisch, sprechen von einem »Meisterwerk der Humanität« und konzedieren: »Selbst die Rechte hat ein Herz«.

Und dieses kehrt immer wieder zurück, malt in Adios, Tierra del Fuego (2001) ein leidenschaftliches Panorama seiner Liebe am Ende der Welt und der Menschen, die es umtrieb: Magellan und Darwin, Schiffsfriedhöfe, tragisch gescheiterte Kolonisierungs- und Missionsversuche, ein mysteriöser Habsburger-Erzherzog, grausam-genialische Indianerschlächter und Pioniere, Admiral Graf von Spee und die»Dresden«, ein Kommilitone Bismarcks, der die Hymne Patagoniens komponiert, natürlich Orélie-AntoineI. sowie die grauen Wölfe von Admiral Dönitz und der verfemte Schriftsteller Saint-Loup.

Unmittelbar vor den literarischen Höhepunkten seines Schaffens schüttelt der Romancier kurz nacheinander zwei bemerkenswerte Außenseiter aus dem Ärmel – Les Yeux d’Irène (1983) signiert er bezeichnenderweise mit »von einem anderen Jean Raspail, aber demselben«. Raspail, ohnehin quer durch sein Werk hemmungslos selbstreflexiv, treibt dieses Spiel hier auf die Spitze: Der von der Kritik hochgelobte Roman beginnt mit exakt der gleichen Handlung wie die Sieben Reiter, aber etwas weniger brillant geschrieben; Szenen, die Raspail wortwörtlich in späteren Büchern wiederholt, verwirft der Ich-Erzähler, ebenfalls ein Schriftsteller, als lächerlich; vor allem aber steckt dieser in einer existenziellen Krise, weil er die Niederschrift dessen, was sein größter Wurf werden sollte, aus Selbstschutz abbrechen muß, denn: »Der Zug der Sieben Reiter war eine Verneinung des Lebens, war nur ein vergiftetes Lied vom Tod«. Statt dessen macht sich die alternde Hauptfigur mit einer womöglich letzten, blutjungen Liebe auf den weiten Weg zu einem Jugendfreund, seinerzeit eine der raspailtypischen Lichtgestalten: »Gott hat den Menschen nicht nur dazu geschaffen, um sich gelangweilt durch dieses Tal der Tränen zu schleppen, er duldet einige strahlende Ausnahmen, die die Regel bestätigen«. Das ungleiche Paar durchquert unterwegs eine entvölkerte, sterbende France profonde, gleichzeitig mit den endlosen Blechkolonnen des Urlauber-Rückreiseverkehrs, aber auf völlig anderen Wegen, im übertragenen wie im wörtlichen Sinn.

Le Président (1985) ist ein handfester Kriminalroman, zunächst vor dem Hintergrundvon Libération und Épuration – Epochen, die Raspail immer wieder von der damaligen »Häßlichkeit« Frankreichs und seiner Landsleute sprechen lassen. Durch einen Akt größter Niedertracht tritt Kain an die Stelle seines Zwillingsbruders und bringt es durch Skrupellosigkeit bis zum französischen Staatspräsidenten, dessen »einzig verbleibende Spur einer menschlichen Regung darin bestand, daß er sich selbst nicht mochte« – für Abel ein scheinbar übermächtiger Gegner ...

Es folgen Schlag auf Schlag Raspails vier bedeutendste Romane (Prophezeiungen werden separat geführt), ohnehin auf Deutsch erschienene Pflichtlektüren und zugunsten weniger bekannter Werke hier nur kursorisch behandelt:

Im stark autobiographischen und schonungslos uneitlen Die Blaue Insel (1988) erlebt Raspail 1940 aus nächster Nähe das Debakel Frankreichs und der Elterngeneration und spiegelbildlich sein eigenes, vor allem als gegen alle Wahrscheinlichkeit der wirkliche Krieg auf das Kriegsspiel einer Gruppe Halbwüchsiger einschwenkt. Hier begegnet man auch der wiederkehrenden archetypischen Frauengestalt Raspails: Elegant, hoch aufgeschossen, schlank, mit einer blonden Haarpracht, die »wie ein Komet« hinter der athletischen Amazone mit einem Hang zur nackten Adoration von Sonne, Wind und Regen herweht, und die ihre tölpelhaften Verehrer nach Belieben dominiert. In Sire (1991) reitet ein junger Bourbone um die letzte Jahrtausendwende von der Atlantikküste über St. Denis zu seiner geheimen Krönung in Reims; neben der romantischen Schönheit des Epos berücken die detaillierte Schilderung des Krönungszeremoniells samt Utensilien – und jene der Zerstörung der uralten Grablege französischer Könige durch den vor Haß rasenden revolutionären Mob. Für die Sieben Reiter (1993) genügt ein Satz: Sie vereinen, ohne ein Wort zu viel, alle Topoi Raspails auf dem Höhepunkt seiner schriftstellerischen Meisterschaft. Der Ring des Fischers (1995) zeigt, samt packender Schilderung der jahrhundertelangen meist realen Vorgeschichte, den Kreuzweg eines alten Mannes, der sich als letzter einer langen Reihe von Gegenpäpsten durch ein sterbendes ländliches Frankreich seinem eigenen Ende entgegen schleppt. Raspail gelingt das Kunststück, trotz schismatischer Grundprämisse den Leser – bei einem Minimum an entsprechender Disposition – im katholischen Glauben zu stärken.

Hurra Zara! (1998) wurde 2019 neu aufgelegt, nicht zuletzt wegen des zwischenzeitlichen Aufkommens einer gleichnamigen globalen Textilkette unter dem ohnehin treffenderen Titel Les Pikkendorffs, einem fiktiven Adelsgeschlecht germanischen Ursprungs mit Verzweigungen quer über den Kontinent. Die handschriftliche Widmung hält fest: »Hier geht es um EUROPA, das alte, das wahre, das einzige!« Raspail, den die »romantische Konzeption« der deutschen Duodezstaaten Zeit seines Lebens begeistert hatte, läßt von ihrem winzigen Stammfürstentum in einem Mäander der oberen Donau Pikkendorfs beiderlei Geschlechts sowie unterschiedlichster Nationalitäten und Professionen ausschwärmen, welche eine gewisse chevaleresk-ironische Haltung eint, die für ihn so fundamental war. Diese eigenwilligen Charaktere läßt er in Krieg und Frieden Schicksalsstunden des Kontinents, verschüttete Traditionen oder schlicht Momente abklappern, die Raspail in ihren Bann geschlagen hatten.

Le roi est mort, vive le roi! (erweitert 2019; dt. Übersetzung in Vorbereitung) ist ein kurzweiliger Monolog, gerichtet an »Monseigneur«, einen fiktiven jungen Bourbonen-Thronfolger, und eine Mischung aus royalistischem Manifest, Handlungsanweisung für eine geglückte und tour d’horizon der gescheiterten Restauration, von Bonnie Prince Charlie bis Mishima.

Schließlich: La Miséricorde (2018). Ein lange unveröffentlicht gebliebenes Romanfragment, ein dunkler Solitär, mit nur minimalem Bezug zum vertrauten Kosmos des Autors und dessen Leitmotiven. Zugrunde liegt die reale, entsetzliche Bluttat eines katholischen Landpfarrers im Frankreich der Fünfzigerjahre; die daran anknüpfende fiktive Handlung kreist um Schuld und Sühne, Beichte und Vergebung und die namensgebende Barmherzigkeit.

Das letzte Wort hat Jean Raspail seiner Novellensammlung Le son des tambours sur la neige (2002) entnommen: »Der Tod eines Schriftstellers, eines Romanciers, hat keine Ähnlichkeit mit irgendeinem anderen. Ein Schriftsteller ist eine Art zerstreuter, unordentlicher Schlosser, inmitten nicht zueinander passender Schlüssel und Schlösser, unter denen er sich sein ganzes Leben lang abmüht, den einen oder anderen Schlüssel zu finden, der das eine oder andere Schloß der Seele, des Herzens oder des Schicksals aufsperrt. Manchen gelingt es nie, was sie nicht daran hindert, zu schreiben. Aber allen bietet der eigene Tod – sofern er sich klar und in angemessener, der Reflexion zuträglichen Frist ankündigt – die einzigartige Gelegenheit, sich einen letzten Schlüssel nach eigenem Geschmack zu prägen, der unfehlbar jene letzte verschlossene Tür öffnen wird.

Woran denkt ein alter Schriftsteller, den man bereits ohne Bewußtsein wähnt, regungslos auf seinem Krankenhausbett, nur mehr flach und mühselig atmend, während ein ganzes Geflecht von Schläuchen aus seiner Nase, seinen Armen, seinenNieren herausragt und aus ihm eine Art Taucher auf einem postumen Tauchgang unter die Lebenden macht? Er jubiliert.«


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