Ökologische Betrachtungen (5) – »Die große Transformation«

PDF der Druckfassung aus Sezession 97/ August 2020

Der His­to­ri­ker und Uni­ver­sal­ge­lehr­te Rolf Peter Sie­fer­le (1949 – 2016) gehör­te einst zu den geach­tets­ten Per­sön­lich­kei­ten sei­ner Zunft und genoß den Ruf eines Pio­niers ener­ge­ti­scher Ansät­ze in der Umwelt­ge­schich­te. Jedoch ent­wi­ckel­te sich der in sei­nen Hei­del­ber­ger Stu­di­en­jah­ren als Vor­stand im Sozia­lis­ti­schen Deut­schen Stu­den­ten­bund (SDS) akti­ve Sie­fer­le über die 1990er Jah­re zuneh­mend zum Unru­he­stif­ter im vor bla­sier­ter Selbst­ge­wiß­heit strot­zen­den libe­ra­len Wis­sen­schafts­be­trieb der Bun­des­re­pu­blik. Der 1994 erschie­ne­ne Epo­chen­wech­sel, die 1996 ver­öf­fent­lich­ten bio­gra­phi­schen Noti­zen zur Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on und der 1997 gedruck­te Rück­blick auf die Natur rie­fen kein all­seits geteil­tes Wohl­wol­len mehr her­vor, son­dern, im Gegen­teil, man rümpf­te die Nase.

Unge­ach­tet des­sen, daß sei­ne in spä­ten Jah­ren offen­si­ver geäu­ßer­te Kri­tik am Uni­ver­sa­lis­mus bereits in sei­nen frü­hen Arbei­ten auf­blitz­te, zeig­te sich das von ihm ein­mal so ein­ge­nom­me­ne links­li­be­ra­le Estab­lish­ment ange­sichts sei­ner kon­ser­va­ti­ven Wen­dung über­rum­pelt und irri­tiert. Sie­fer­les Aus­sche­ren beant­wor­te­te es als­bald mit der mora­li­sie­ren­den Feind­mar­kie­rung, die man von ihm lei­dig gewohnt ist. Daß Sie­fer­le die Fron­ten gewech­selt hat­te, bemerk­te der Phi­lo­soph Lud­ger Heid­brink bereits 1994 in einer Rezen­si­on des Epo­chen­wech­sels in der Zeit. Sie­fer­le habe einen »hals­bre­che­ri­schen Sprung ins jahr­hun­der­te­lang bekämpf­te Lager des Par­ti­ku­la­ris­mus« voll­zo­gen. Spä­tes­tens pos­tum wur­de die­ser Fron­ten­wech­sel final besie­gelt, inso­fern als die Ver­öf­fent­li­chung sei­ner Noti­zen Finis Ger­ma­nia im März 2017 ihn end­gül­tig aus der links­li­be­ra­len BRD-Nomen­kla­tu­ra kata­pul­tier­te und ihm auch der letz­te Wohl­ge­son­ne­ne die­ses Lagers demons­tra­tiv den Rücken kehr­te. Jedoch war dies für sei­ne Bekannt­heit alles ande­re als abträg­lich, viel­mehr erlebt Sie­fer­le seit­dem eine zwei­te Kar­rie­re als »Lehr­meis­ter« der Neu­en Rech­ten. Das Publi­kum hat sich gewei­tet; sei­ne mes­ser­schar­fen Ana­ly­sen unse­rer »west­li­chen« Trans­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaf­ten libe­ra­ler Natur ver­las­sen die aka­de­mi­sche Nische und fal­len in einer restruk­tu­rier­ten Rech­ten auf frucht­ba­ren Boden. Sie lie­fern das theo­re­ti­sche Grund­ge­rüst, um die »Auf­lö­sung aller Din­ge« zu unter­bin­den und wie­der einen fes­ten kul­tu­rel­len Rah­men zu zie­hen, der den Men­schen in Ste­tig- und Sinn­haf­tig­keit setzt. Hier liegt es an der Rech­ten, das hin­ter­las­se­ne Lebens­werk des Den­kers ein­ge­hend zu stu­die­ren und somit den hoch­dy­na­mi­schen Wand­lungs­pro­zeß einer ent­or­ten­den Ver­flüs­si­gung theo­re­tisch zu durch­drin­gen. Ein wesent­li­cher Bau­stein des Fron­ten­wech­sels Sie­fer­les, das ursprüng­lich 1997 erschie­ne­ne Rück­blick auf die Natur – Eine Geschich­te des Men­schen und sei­ner Umwelt (Band 5), ist nun neben sei­ner For­schungs­ar­beit Fort­schritts­fein­de? – Oppo­si­ti­on gegen Tech­nik und Indus­trie von der Roman­tik bis zur Gegen­wart (Band 6) in der vom Landt­ver­lag ver­ant­wor­te­ten Werks­aus­ga­be erschie­nen und ist ein essen­ti­el­les Werk, um eben­je­nen hoch­dy­na­mi­schen Wand­lungs­pro­zeß in sei­ner voll­um­fäng­li­chen Kom­ple­xi­tät zu verstehen.

Wäh­rend der Titel eine rein öko­lo­gi­sche The­men­set­zung impli­ziert und der ein oder ande­re ein Plä­doy­er für den Natur­schutz erwar­ten mag, ent­hält die Schrift indes eine umwelt­be­zo­ge­ne Betrach­tung der Mensch­heits­ge­schich­te; also eine Rekon­struk­ti­on der kom­ple­xen Wech­sel­wir­kung zwi­schen mensch­li­chen Kul­tu­ren und deren natür­li­cher Umwelt. Sie­fer­le möch­te »einen roten Faden durch die Geschich­te zie­hen«, der »das schwie­ri­ge Ver­hält­nis zwi­schen Gesell­schaf­ten und ihrer natür­li­chen Umwelt« ord­net. Das umfaßt eine wei­te Span­ne, die von ihm in die drei Pha­sen der paläo­li­thi­schen Jäger- und Samm­ler­ge­sell­schaf­ten, der Agrar­ge­sell­schaf­ten und unse­rer indus­tri­el­len Gegen­wart ein­ge­teilt wer­den, wel­che er wie­der­um anhand von drei Schwer­punk­ten unter­sucht: Ener­gie­sys­te­me, kul­tu­rel­le Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on, Land­schaft. Jede der drei auf­ge­führ­ten Gesell­schafts­for­men ver­fügt über ein eige­nes Ener­gie­sys­tem, das wie­der­um mit der kul­tu­rel­len Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on zusam­men­fällt. Die­se bei­den prä­gen in ihrer Kom­bi­na­ti­on die Land­schaft. Sie­fer­le unter­schei­det hier zwi­schen der Natur­land­schaft der Jäger- und Samm­ler­ge­sell­schaf­ten, der Agri-Kul­tur­land­schaft der Agrar­ge­sell­schaf­ten und der tota­len Land­schaft der Trans­for­ma­ti­ons­ge­sell­schaf­ten unse­rer Zeit.

Es ist offen­sicht­lich, daß die Öko­lo­gie ent­lang sei­ner Ana­ly­sen durch­weg prä­sent ist, jedoch domi­niert die sozio-his­to­ri­sche Betrach­tung der mensch­li­chen Gesell­schaf­ten anhand ihrer Ener­gie­nut­zung den Rück­blick. Sie­fer­le voll­zieht dies mit enor­mer Dich­te; wie bereits im Epo­chen­wech­sel und in sei­nem bahn­bre­chen­den Krieg und Zivi­li­sa­ti­on ist unver­kenn­bar, wel­cher immense Wis­sens­fun­dus in das Geschrie­be­ne floß. Dabei geht er äußerst akri­bisch und struk­tu­riert vor. Nach­dem er in der Ein­lei­tung sei­ne Unter­su­chungs­ab­sich­ten und den roten Faden des Buches dar­ge­legt hat, führt er den Leser in die ver­schie­de­nen Bedeu­tungs­ebe­nen des Natur­be­griffs ein, um auf die­ser Grund­la­ge chro­no­lo­gisch durch die (ener­ge­ti­schen) Wesens­merk­ma­le und Beson­der­hei­ten der drei Gesell­schafts­ty­pen zu füh­ren. Selbst dem­je­ni­gen, dem die »Umwelt­ge­schich­te« vor­her kein Begriff war, wird das Werk so ein­fach zugänglich.

Dabei liegt die aus­ge­spro­che­ne Stär­ke des Buches in sei­nen »Neben­schau­plät­zen«. Die­se Pas­sa­gen – die auf den ers­ten Blick ledig­lich impli­zit mit dem über­span­nen­den The­ma in Ver­bin­dung ste­hen, jedoch die Dich­te des Wer­kes aus­ma­chen – sind gespickt von Ein­sich­ten, die die rech­te Theo­rie unter­mau­ern bzw. eine rech­te Theo­rie­bil­dung unter­stüt­zen: »Die Ins­ta­bli­tät der ega­li­tä­ren Gesell­schaft läßt kei­ne spe­zi­fi­sche Grup­pen­so­li­da­ri­tät auf­kom­men: Man ver­läßt die Grup­pe nicht nur, um Zwang und Ärger, son­dern auch, um even­tu­el­len Ver­pflich­tun­gen zu ent­ge­hen. Es han­delt sich bei die­sen ›urkom­mu­nis­ti­schen‹ Gesell­schaf­ten also um ega­li­tä­re Demo­kra­tien gesun­der Erwach­se­ner, die aus der Per­spek­ti­ve der Schwa­chen wenig attrak­tiv erschei­nen. […] Ega­li­tät und Frei­heit sind mit einer soli­da­ri­schen Ver­si­che­rung gegen Lebens­ri­si­ken nicht ver­ein­bar«, lau­tet bei­spiels­wei­se Sie­fer­les anthro­po­lo­gi­sches Urteil über die ver­gleichs­wei­se ega­li­tä­ren Jäger- und Sammlergesellschaften.

Unge­ach­tet die­ser immer wie­der ein­ge­streu­ten, prä­gnan­ten Durch­drin­gun­gen, die wesent­lich dazu bei­tra­gen, daß der Rück­blick neben dem Epo­chen­wech­sel eine Pflicht­lek­tü­re für die Neue Rech­te dar­stellt, läuft der Ord­nungs­ver­such der Geschich­te im drit­ten Kapi­tel »Die gro­ße Trans­for­ma­ti­on« sei­ner Spit­ze ent­ge­gen. Bei der minu­tiö­sen Zer­le­gung des Ent­ste­hungs­pro­zes­ses und der cha­rak­te­ri­sie­ren­den Spe­zi­fi­ka unse­rer Indus­trie­ge­sell­schaf­ten in ihre trans­for­ma­to­ri­schen Ein­zel­tei­le ist Sie­fer­le ganz in sei­nem Ele­ment und kommt zu dem Schluß, daß die »Gesell­schaft der Trans­for­ma­ti­ons­ära […] alle Bestän­de in Flüs­se und Funk­tio­nen« auf­löst. So man­cher Rech­te wird sich auf den Schlips getre­ten füh­len, wenn er dies­be­züg­lich auf­zeigt, daß die »Nati­on« selbst Agens eben­je­nes »Fort­schritts« und des an ihn gebun­de­nen, ega­li­sie­ren­den Homo­ge­ni­sie­rungs­pro­zes­ses ist, der ins Tota­le mün­det. Doch wie ist dem von rech­ter Sei­te aus kri­ti­sier­ten, dau­er­haf­ten Trans­for­ma­ti­ons­zu­stand, der Insta­bi­li­tät qua Ver­flüs­si­gung und Ent­or­tung zufol­ge hat, Ein­halt zu gebie­ten? Auf den bei­den letz­ten Sei­ten eröff­net Sie­fer­le dies­be­züg­lich eine Opti­on: »Wenn […] die stoff­li­chen Umsät­ze zurück­ge­hen, ist in der Tat mit einer ›Ent­schleu­ni­gung‹ und folg­lich mit neu­ar­ti­gen sti­lis­ti­schen Sta­bi­li­sie­run­gen zu rechnen.«

Denen, die das ver­flüs­si­gen­de Poten­ti­al in der »gro­ßen Trans­for­ma­ti­on« und die dar­aus resul­tie­ren­den Gefah­ren für das Gemein­we­sen erkann­ten, ist wie­der­um der sechs­te Band der Werkauga­be, Fort­schritts­fein­de?, gewid­met, der mit einem ein­ord­nen­den Nach­wort von IfS-Lei­ter Dr. Erik Leh­nert auf­war­tet. Er bie­tet sich als kom­ple­men­tä­re Lek­tü­re zum Rück­blick an, da er die gesell­schaft­li­chen Reak­tio­nen auf den in ihm expli­zier­ten »Fort­schritts­pro­zeß« in ihrer Viel­ge­stal­tig­keit nach­zeich­net. Hier­bei fokus­siert sich die ursprüng­lich im Rah­men eines For­schungs­pro­jekts ver­faß­te Stu­die, die zu Sie­fer­les Früh­wer­ken zählt (1984), auf die Zivi­li­sa­ti­ons­kri­tik an der »Moder­ne« und gibt damit ins­be­son­de­re Ein­bli­cke in die Geschich­te kon­ser­va­ti­ven Wider­stan­des gegen die »Zer­trüm­me­rung der alt­stän­di­schen Gesell­schaft« und sei­ner Argu­men­te gegen die­sen Vor­gang. In die­sem Kon­text wird auch bei Sie­fer­le zum wie­der­hol­ten Male deut­lich, daß der Natur- bzw. Hei­mat­schutz einer kon­ser­va­ti­ven Geis­tes­hal­tung ent­springt und erst in den 1970ern zum Anlie­gen lin­ker Bewe­gun­gen wur­de. Wie es dazu kom­men konnte?»Der moder­ne Kon­ser­va­ti­ve tritt für die schran­ken­lo­se Ent­wick­lung der Pro­duk­ti­on ein; er will nur noch das sozio­öko­no­mi­sche Sys­tem bewah­ren, das den indus­tri­el­len Fort­schritt garan­tiert.« Sie­fer­le zufol­ge ist er also selbst zum Teil der Maschi­ne­rie gewor­den, die er bis in die 1920er hin­ein noch bekämpf­te. Die Lek­tü­re Sie­fer­les wapp­net der­weil gegen­über die­sem tech­no­kra­ti­schen Irr­weg: Der Rück­blick ist Pflicht‑, die Fort­schritts­fein­de eine loh­nen­de Komplementärlektüre.

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