Tief im Westen – Eine Reise

von Wiggo Mann

PDF der Druckfassung aus Sezession 98/ Oktober 2020

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Wenn der Män­ner­bund die Keim­zel­le des Staa­tes ist, dann ist eine Rei­se­grup­pe, die nur aus Män­nern besteht, zumin­dest eine Vor­form davon. Es herrscht Arbeits­tei­lung bei der Durch­füh­rung – einer fährt, einer plant, einer pho­to­gra­phiert, die ande­ren kom­men mit – und Einig­keit über das Ziel der Rei­se, weil man sich sonst nicht gemein­sam auf den Weg machen wür­de. Am Anfang stand in die­sem Fall eine Vor­lie­be, die von allen Betei­lig­ten geteilt wur­de, auch wenn es eines Ansto­ßes bedurf­te, sich des­sen wie­der bewußt zu werden.

Es ging um den Bild­hau­er Arno Breker, der nicht nur ein gegen­ständ­li­cher Fels im Meer der Abs­trak­ti­on ist, son­dern durch sei­ne Staats­nä­he in den zwölf Jah­ren unse­rer Geschich­te zu einem umraun­ten Geheim­tip gewor­den ist. Das Arno-Breker-Land liegt seit 1945 nicht mehr in Ber­lin und Bran­den­burg, wo er damals wirk­te, son­dern tief im Wes­ten, zwi­schen Düs­sel­dorf und Köln. Dort­hin hat­te es den Meis­ter ver­schla­gen. Nun gibt es aus nahe­lie­gen­den Grün­den kein öffent­li­ches Muse­um, das sein Schaf­fen zeigt. Es gibt das Ate­lier in Düs­sel­dorf, das nur spo­ra­disch zu besich­ti­gen ist, und es gibt eine etwas wun­der­li­che Insti­tu­ti­on, die in dem Ruf steht, Breker zu prä­sen­tie­ren: das Muse­um Euro­päi­sche Kunst in Nör­ve­nich bei Köln. Dort erwar­te­te uns eine schö­ne Schloß­an­la­ge aus roten Back­stei­nen, deren mitt­ler­wei­le begrün­ter Was­ser­gra­ben beim Näher­kom­men eine dis­pa­ra­te Aus­wahl ver­schie­dens­ter Kunst­ge­gen­stän­de offenbarte.

Auf der Schloß­mau­er emp­fing uns ein Bron­ze­ad­ler und am Ein­gang der etwa acht­zig­jäh­ri­ge Haus­herr, Joe F. Boden­stein. Er schien über unse­re preu­ßisch-säch­si­sche Rei­se­grup­pe recht erfreut und ging gleich in medi­as res. Bei sei­nem Vor­trag konn­te die Befürch­tung auf­kom­men, daß er sich in sei­nen Erin­ne­run­gen ver­lie­ren wür­de. Aber er war hell­wach und ließ kei­nen unauf­merk­sam umher­schwei­fen­den Blick uner­mahnt. Er berich­te­te von sei­ner Kar­rie­re als AP-Jour­na­list im Nach­kriegs­deutsch­land, als der er viel her­um­kam und zahl­rei­che Leu­te ken­nen­lern­te, dar­un­ter Breker, des­sen Kunst­händ­ler er spä­ter wur­de. Auch wenn einem in Nör­ve­nich Breker auf Schritt und Tritt begeg­net, ist von der ursprüng­li­chen Pracht nicht viel übrig geblie­ben. Aus Grün­den, die im Dun­kel blie­ben, haben sich die Erben Brekers mit Boden­stein über­wor­fen und ein Groß­teil der Arbei­ten wie­der abgeholt.

Zunächst beweg­ten sich die Schil­de­run­gen Boden­steins etwas an der Ober­flä­che, nach­dem er aber Ver­trau­en gefaßt hat­te, hielt er sich mit dezi­dier­ten Wer­tun­gen nicht län­ger zurück. Das Schloß, das erst vor einem hal­ben Jahr­hun­dert in den Besitz der Fami­lie gelangt war, dien­te nicht nur als Ort gro­ßer Fei­er­lich­kei­ten, eine Tafel erin­nert an den Auf­ent­halt des heu­ti­gen spa­ni­schen Königs, son­dern seit 1985 als Muse­um, in dem 1990 eine Breker-Schau zu des­sen 90. Geburts­tag gezeigt wur­de. In sei­nen Aus­füh­run­gen ließ Boden­stein u. a. den Hin­weis fal­len, daß Schloß Nör­ve­nich 1944 / 45 der Wehr­macht als Laza­rett dien­te, in dem vor allem die Ver­wun­de­ten der Schlacht im Hürt­gen­wald, dem nächs­ten Ziel unse­rer Rei­se, behan­delt wurden.

Der Ent­schluß zu die­sem Ziel fiel aller­dings nicht auf den kurz­fris­ti­gen Wink Boden­steins hin, son­dern war durch die Lek­tü­re des Romans Pro­pa­gan­da von Stef­fen Kopetz­ky ange­regt wor­den. An die Aller­see­len­schlacht konn­ten sich eini­ge des poe­ti­schen Namens wegen noch erin­nern. Die gan­ze Schlacht im Hürt­gen­wald, die zwi­schen Sep­tem­ber 1944 und Febru­ar 1945 süd­west­lich von Aachen tob­te, war für uns ter­ra inco­gni­ta. Dabei ende­te die­se für die angrei­fen­den Ame­ri­ka­ner fast mit einer Nie­der­la­ge, die sie nur abwen­den konn­ten, weil ihnen unend­li­che Res­sour­cen an Men­schen und Mate­ri­al zur Ver­fü­gung stan­den. Der hohe Blut­zoll war für die Ame­ri­ka­ner trau­ma­tisch, in Deutsch­land ver­blaßt die Schlacht vor dem Hin­ter­grund des apo­ka­lyp­ti­schen Unter­gangs des Rei­ches im Osten zu einem Detail.

Glück­li­cher­wei­se gibt es in einem der Haupt­orte der Schlacht, mit dem laut­ma­le­ri­schen Namen Vos­sen­ack, ein vor­bild­li­ches Muse­um, das von einer Schar ehren­amt­li­cher Enthu­si­as­ten gegen vie­le Wider­stän­de unter­hal­ten wird. Bereits der Name, »Muse­um Hürt­gen­wald 1944 und im Frie­den«, dient wohl der Abwehr sol­cher reflex­ar­ti­gen Ver­ur­tei­lun­gen jeg­li­cher Erin­ne­rung an mili­tä­ri­sche Ereig­nis­se, in denen die ­Deut­schen kei­ner Ver­bre­chen bezich­tigt wer­den. Das Muse­um selbst prä­sen­tiert eine statt­li­che Anzahl von Boden­fun­den aus der Schlacht, zeigt in auf­wen­di­gen Diora­men ein­zel­ne Situa­tio­nen und erklärt den unüber­sicht­li­chen Ver­lauf der Schlacht im Detail. Letz­te­res ist des­we­gen nicht ganz ein­fach, weil die Ort­schaf­ten teil­wei­se mehr­fach am Tag den Besit­zer wech­sel­ten und es die Unüber­sicht­lich­keit des Gelän­des auch für die Zeit­zeu­gen fast unmög­lich mach­te, den Über­blick zu behal­ten. Gro­ßen Wert legt das Muse­um auf die Dar­stel­lung der ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen, die, größ­ten­teils kamp­fu­n­er­fah­ren, in eine Situa­ti­on geführt wur­den, die sie völ­lig über­for­der­te. Der Uner­bitt­lich­keit, mit der die Schlacht geführt wur­de, ste­hen Bei­spie­le gro­ßer Mensch­lich­keit zur Sei­te, etwa der deut­sche Leut­nant, der einen ame­ri­ka­ni­schen Ver­wun­de­ten, dem von sei­nen eige­nen Leu­ten nicht gehol­fen wur­de, ber­gen woll­te und dabei durch eine Mine töd­li­che Ver­wun­dun­gen erlitt.

Das Muse­um war der Anlaß für ein paar Abste­cher ins Gelän­de, das aller­dings mit dem von 1944 / 45 nicht mehr viel gemein­sam hat. Die Wege sind brei­ter und zahl­rei­cher, die Bäu­me sind auf­ge­fors­tet und die zer­stör­ten Orte wur­den dem Zeit­ge­schmack ent­spre­chend wie­der auf­ge­baut. Was man fin­det, sind umfunk­tio­nier­te, zer­stör­te und erhal­te­ne Befes­ti­gun­gen und Bun­ker­an­la­gen des West­walls. Was eben­falls ins Auge fällt, sind klei­ne Gedenk­stät­ten an Orten, an denen Jahr­zehn­te nach dem Krieg noch die Über­res­te von Gefal­le­nen gebor­gen wer­den konn­ten. Die deut­schen Gefal­le­nen sind vor allem auf den Kriegs­grä­ber­fried­hö­fen in Hürt­gen und Vos­sen­ack zu finden.

Die Ent­ste­hung von letz­te­rem ist einem ein­zel­nen Mann zu ver­dan­ken, einem Pio­nier­haupt­mann, der im Krieg alles ver­lo­ren hat­te und aus eige­nem Ent­schluß her­aus begann, die Toten zu ber­gen und zu bestat­ten. Es blieb der spä­ten Bun­des­re­pu­blik vor­be­hal­ten, sich auf einer Erläu­te­rungs­ta­fel des Fried­hofs von den Toten zu distan­zie­ren. Das Denk­mal, das an die 116. Pan­zer­di­vi­si­on (Wind­hund-Divi­si­on) erin­ner­te, eine fast schon zärt­li­che, kei­nes­falls krie­ge­ri­sche Dar­stel­lung der Kame­rad­schaft, ist mitt­ler­wei­le nicht mehr auf­zu­fin­den. Wie wir erfuh­ren, wur­de es in einer Nacht- und Nebel­ak­ti­on von Metall­die­ben ent­fernt, die womög­lich nicht mone­tär, son­dern poli­tisch moti­viert waren. Dazu paßt, daß dort, wo frü­her gekämpft wur­de, rie­si­ge Wind­kraft­an­la­gen den Sieg der Gegen­wart über die Erin­ne­rung illustrieren.

Zu einem ähn­li­chen Tri­umph führ­te die letz­te Sta­ti­on unse­rer Rei­se, die ehe­ma­li­ge NS-Ordens­burg Vogel­sang. Zu die­sem Ort zog uns weni­ger ein Hang zum Bösen, als das Inter­es­se, wie die Gegen­wart mit einem so impo­san­ten Zeug­nis des Wil­lens zur For­mie­rung einer aus den Fugen gera­te­nen Gesell­schaft umzu­ge­hen weiß. An der Ordens­burg kommt man nicht ein­fach so vor­bei, sie liegt gleich­sam im Nie­mands­land. Ein gewis­ser Bezug zu den ande­ren Sta­tio­nen unse­rer Rei­se ließ sich zudem nicht ver­leug­nen: Auch hier waren Staats­künst­ler am Werk, der Archi­tekt Cle­mens Klotz und der Bild­hau­er Wil­ly Mel­ler, und die Orts­wahl war dem Gedan­ken geschul­det, die West­gren­ze des Rei­ches durch eine Burg zu bewa­chen. Die­se etwas aus der Zeit gefal­le­ne Idee stand zumin­dest im Hin­ter­grund, als die ­NSDAP nach 1933 dar­an ging, Aus­bil­dungs­stät­ten für ihre Nach­wuchs­ka­der zu schaf­fen. Kei­ne alten Bur­gen soll­ten es sein, son­dern neue – aber eben Bur­gen. Daß die Burg Vogel­sang als ein­zi­ge der drei errich­te­ten öffent­lich zugäng­lich ist, hat sie beson­de­ren Umstän­den zu ver­dan­ken. Nach Ende des Zwei­ten Welt­kriegs, das die Burg schwer beschä­digt über­stan­den hat­te, über­nah­men die Bri­ten das Gelän­de und über­ga­ben es wenig spä­ter den Bel­gi­ern, damit die­se auch mal die Mög­lich­keit hat­ten, mit Pan­zern zu üben (was in ihrem klei­nen Land ja nicht mög­lich ist). Die Bel­gi­er bau­ten die Anla­ge, deren For­men­spra­che die NS-Ideo­lo­gie aus jeder Pore tropft, weit­ge­hend ori­gi­nal­ge­treu wie­der auf und gaben sie 2005 an die Bun­des­re­pu­blik zurück. Seit­her war unklar, was damit gesche­hen soll­te. Denn immer­hin han­del­te es sich um einen »Täter­ort«.

Mit die­ser Zuschrei­bung eröff­ne­te jeden­falls unser Füh­rer den Rund­gang durch die Burg. In dem Moment ahn­ten wir bereits, daß wir im wei­te­ren Ver­lauf auf einen Höhe­punkt geschichts­po­li­ti­scher Bewäl­ti­gung zusteu­ern wür­den. Es han­del­te sich bei die­sem Füh­rer um einen pen­sio­nier­ten Geschichts­leh­rer, für den Kon­tex­tua­li­sie­rung ein Fremd­wort war. Ahnungs­los, was die archi­tek­to­ni­schen und funk­tio­na­len Details betrifft, wuß­te er um so mehr über »Unmensch­lich­keit« der Aus­bil­dung zu berich­ten. Auf unse­re besorg­te Fra­ge, ob denn vie­le Lehr­gangs­teil­neh­mer bei der Aus­bil­dung umge­kom­men sei­en, muß­te er sich etwas kor­ri­gie­ren: Nicht die Aus­bil­dung sei unmensch­lich gewe­sen, son­dern die Ideo­lo­gie, unter der sie statt­fand. Auch die rasche Fer­tig­stel­lung der Anla­ge inner­halb von zwei Jah­ren sei typisch für tota­li­tä­re Regime. Ja, pflich­te­ten wir ihm bei, in der Demo­kra­tie dau­ert alles etwas län­ger – es sei denn, Elon Musk baut ein Tes­la-Werk in Brandenburg.

Merk­wür­dig wur­de es, als wir zur Turm­be­stei­gung auf­bra­chen und dabei die ehe­ma­li­ge Ehren­hal­le pas­sie­ren muß­ten. Pho­to­gra­phie­ren war dort ver­bo­ten, obwohl von die­sem Raum nichts mehr an die Ehren­hal­le erin­nert. Offen­bar traut man der Aura des Rau­mes auch heu­te noch nicht recht über den Weg. Der Aus­blick vom Turm ent­schä­dig­te uns dafür, zumal unser Füh­rer nach dem Auf­stieg erst­mal etwas ver­schnau­fen muß­te. Zum Abschluß der Füh­rung prä­sen­tier­te er uns ein ver­wa­sche­nes Farb­pho­to, auf dem ein paar alte Män­ner mit ihren Frau­en zu sehen waren. Die mit mora­li­scher Ent­rüs­tung unter­leg­te Fra­ge an uns, sei­ne Schü­ler, lau­te­te, um wen es sich dabei wohl han­deln könn­te? Es war ein Ehe­ma­li­gen­tref­fen … Vor sol­chen bewahrt uns mitt­ler­wei­le die Bio­lo­gie des Men­schen, die kaum einen älter als 110 Jah­re wer­den läßt. Und damit sich kei­ne nach­ge­wach­se­nen Ewig­gest­ri­gen an den Hin­ter­las­sen­schaf­ten in Vogel­sang erbau­en kön­nen, hat man mit­ten in die schö­ne Anla­ge, in den ehe­ma­li­gen Adler­hof, eine Art von Libes­kind-Wür­fel gewor­fen, in dem sich die sicher päd­ago­gisch wert­vol­le Aus­stel­lung befin­det. Wir hat­ten genug gese­hen und mach­ten uns auf den Weg.

 

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