Ökologische Betrachtungen (6): Schwarzes Gold

PDF der Druckfassung aus Sezession 98/ Oktober 2020

Erd­öl ist der Schmier­stoff der Moder­ne. Alles, was wir in unse­ren indus­tri­el­len Kon­sum­ge­sell­schaf­ten für selbst­ver­ständ­lich hal­ten, geschieht auf dem Rücken des über Jahr­mil­lio­nen aus orga­ni­schen Stof­fen ent­stan­de­nen, haupt­säch­lich aus Koh­len­was­ser­stof­fen bestehen­den Rohstoffs.

Er ist ver­ant­wort­lich für das »1950er-Syn­drom«, die Beschleu­ni­gung eines bereits durch die Indus­tria­li­sie­rung des 18. Und 19. Jahr­hun­derts aus­ge­lös­ten, rasen­den Pro­zes­ses der Ver­flüs­si­gung und Mobi­li­sie­rung aller Bestän­de sowohl mate­ri­el­ler als auch kul­tu­rel­ler Natur. Die aus Erd­öl gewon­ne­nen Stof­fe wur­den zum ent­schei­den­den Kata­ly­sa­tor der Öko­no­mie und der Glo­ba­li­sie­rung. Voll­kom­men augen­schein­lich tre­ten sie uns als Treib­stof­fe gegen­über: Kero­sin, Ben­zin, Die­sel usw. Flug­zeug, Auto, Schiff, Bag­ger, Trak­tor bewe­gen uns heu­te von A nach B oder ver­rich­ten (land­wirt­schaft­li­che) Arbeit, die frü­her von Tier und Mensch gestemmt wer­den muß­te. Stre­cken, für die Händ­ler und Rei­sen­de vor Jahr­hun­der­ten noch Wochen brauch­ten, sind mit der Hil­fe des Erd­öls inner­halb weni­ger Stun­den über­flo­gen. Der Raum ist geschrumpft, die Stre­cke verdampft.

Doch nicht nur für die Mobi­li­tät und als Kraft­stoff ist der Roh­stoff »Erd­öl« sys­tem­re­le­vant. Wäh­rend der Groß­teil des geför­der­ten Erd­öls in den Ver­kehrs- und Ener­gie­sek­tor wan­dert, wer­den rund 14 Pro­zent (13 Mil­lio­nen Bar­rel pro Tag) des Pri­mär­be­darfs von der Petro­che­mie ver­wer­tet. Die Inter­na­tio­nal Ener­gy Agen­cy (IAE) pro­gnos­ti­zier­te in einer Stu­die aus dem Jahr 2018, daß die­ser Bedarf bis zum Jahr 2050 erheb­lich anwach­sen wird: Cir­ca die Hälf­te des ange­nom­me­nen Wachs­tums der Ölnach­fra­ge wird aller Vor­aus­sicht nach auf das Kon­to der Petro­che­mie gehen.

»Petro­che­mie« bedeu­tet kurz und bün­dig die Her­stel­lung che­mi­scher Pro­duk­te aus Erd­öl und Erd­gas. Fast jede Ware, die wir im all­täg­li­chen Leben in den Hän­den hal­ten, ist das Ergeb­nis des Ein­sat­zes orga­ni­scher Che­mi­ka­li­en, die durch die Petro­che­mie gewon­ne­nen wur­den: Obst, Gemü­se, Medi­ka­men­te, Ver­pa­ckun­gen, Klei­dung, elek­tro­ni­sche Gerä­te, Solar­mo­du­le, Auto­rei­fen, Iso­lier­ma­te­ria­li­en: Alle ent­hal­ten sie eine Form von syn­the­ti­scher Faser, ölba­sier­te Alko­ho­le oder wur­den mit Dün­gern gezo­gen, deren Ursprungs­ort in Raf­fi­ne­rien rund um den Glo­bus liegt. Die Palet­te an che­mi­schen Ver­bin­dun­gen ist zwar breit und die Kom­ple­xi­tät der che­mi­schen Indus­trie gewal­tig; aber den­noch bil­den sie­ben Pri­mär­che­mi­ka­li­en den Kern ihrer Akti­vi­tät: Ammo­ni­um, Metha­nol, Ethy­len, Pro­py­len, Ben­zol, Toluol und ver­schie­de­ne Xylo­le. Folgt man der Spur die­ser Stof­fe, gelangt man unwei­ger­lich zu der Erkennt­nis, daß es kei­nen ein­zi­gen Aspekt unse­res moder­nen Lebens gibt, der nicht in Ver­bin­dung zum Erd­öl steht. Unse­re fos­si­le Abhän­gig­keit ist all­um­fas­send; Öl ist in jede Pore unse­rer Gesell­schaf­ten gedrun­gen und gelangt über die indus­tri­el­len Ver­wer­tungs­pro­zes­se und den all­ge­mei­nen Kon­sum zurück in die Umwelt – ent­we­der offen­sicht­lich als rie­si­ge Plas­tik­an­samm­lun­gen und Öltep­pi­che in Gewäs­sern oder unschein­bar als Mikro­plas­tik­par­ti­kel in Luft und Was­ser. Öl umgibt uns, klebt an uns und zir­ku­liert in uns.

In Anbe­tracht die­ser Gege­ben­hei­ten ­tre­ten die Defi­zi­te der »Ener­gie­wen­de«, wie schon so oft in die­ser Arti­kel­rei­he, offen­kun­dig zuta­ge, da in ihren Ziel­set­zun­gen die Abhän­gig­keit von der Petro­che­mie nur unzu­rei­chend bis gar nicht fokus­siert wer­den. Das fos­si­le Grund­fun­da­ment der che­mi­schen Indus­trie stellt zwei­fels­oh­ne den blin­den Fleck der aktu­el­len regen Dis­kus­si­on um die Ener­gie­ver­brauchs­sen­kung in den Kon­sum­ge­sell­schaf­ten dar. Damit über­sieht man – mög­li­cher­wei­se auf­grund kogni­ti­ven Ver­mei­dungs­ver­hal­tens, da man sich ansons­ten mit tief­grei­fen­de­ren Sys­tem­fra­gen kon­fron­tiert sähe – die All­ge­gen­wär­tig­keit des Roh­stoffs »Erd­öl«. Fer­ner blen­det man somit aus, daß die erneu­er­ba­ren Ener­gien in ihrer aktu­el­len tech­ni­schen Rea­li­sie­rung wie­der­um nur auf der Basis des fos­si­len Sys­tems funk­tio­nal sind. Die Bau­sub­stan­zen, die instal­lier­te Elek­tro­nik, die ver­leg­ten Lei­tun­gen – alles ent­springt letzt­lich aus der Pro­duk­ti­ons­ket­te der Petro­che­mie. Es ist ein fol­gen­schwe­rer Selbst­be­trug, der die Illu­si­on einer nach­hal­ti­gen Ent­wick­lung zemen­tiert, wie sie etwa die Ver­ein­ten Natio­nen in einem Stra­te­gie­pa­pier 2018 for­mu­lier­ten (»der Armut ein Ende berei­ten, den Pla­ne­ten beschüt­zen und Wohl­stand für alle sichern soll«). An der ele­men­ta­ren Insta­bi­li­tät des Sys­tems ver­mag eine sol­che Erklä­rung nichts zu ändern.

Zwar ist es gene­rell mög­lich, die oben genann­ten che­mi­schen Stof­fe auch über ande­re Roh­stof­fe als Öl oder Gas zu gewin­nen, jedoch gerät ihre Pro­duk­ti­on dadurch auf­wen­di­ger und teu­rer oder tritt im Fall von Bio­mas­se in Kon­kur­renz mit ande­ren Berei­chen, in denen Bio­kraft­stof­fe eine tra­gen­de Funk­ti­on über­neh­men sollen.

Der Wech­sel von der Koh­le- zur Petro­che­mie in der Mit­te des 20. Jahr­hun­derts ver­deut­licht das öko­no­mi­sche Dilem­ma, mit dem sich die Indus­trie­na­tio­nen auf der Suche nach Alter­na­ti­ven zur Petro­che­mie kon­fron­tiert sehen: Bis Anfang der 1950er Jah­re fuß­te die Che­mi­ka­li­en­pro­duk­ti­on der Indus­trie­na­tio­nen vor allem auf Koh­le, wobei man den fos­si­len Roh­stoff durch Ver­ga­sung, Schwe­lung und Ver­ko­kung in Kohlen­stoffmonoxid, Was­ser­stoff und Methan, Flüs­sigstof­fe wie Leicht­öl (Ben­zin), Mit­tel­öl (Die­sel), Phe­n­o­len und Pyri­din-Ver­bin­dun­gen sowie zum fes­ten Koks trans­for­mier­te. Mit Roh­öl als Aus­gangs­ba­sis lie­ßen sich die che­mi­ka­li­schen Gewin­nungs­pro­zes­se ver­ein­fa­chen und die Kos­ten erheb­lich sen­ken, wes­we­gen die Koh­le­che­mie in den 1970ern fast voll­stän­dig von der öl- und gas­ba­sier­ten Che­mie ersetzt wor­den war.

Nun sind etli­che Indus­trie­zwei­ge mit einem erheb­li­chen Kon­sum­um­fang von einer bil­li­gen Che­mi­ka­li­en­pro­duk­ti­on und einem ­ent­spre­chend hohen Pro­duk­ti­ons­vo­lu­men, wie sie mit der Petro­che­mie mög­lich wur­den, abhän­gig und sind wegen die­ser ihnen zuträg­li­chen ­Gege­ben­hei­ten über­haupt erst emer­giert – ein sich selbst ver­stär­ken­der rezi­pro­ker Pro­zeß also. Das ab der Jahr­tau­send­wen­de auf­ge­kom­me­ne Phä­no­men des Fast Fashion lebt bei­spiels­wei­se von bil­lig pro­du­zier­tem Poly­es­ter und Elasthan und ihrer Ver­füg­bar­keit in rau­hen Men­gen. Die Ver­teue­rung der che­mi­schen Aus­gangs­stof­fe oder ihre Ver­knap­pung bräch­te die­sen Kon­sum­ge­ne­ra­tor zum Erlie­gen. Eine wei­te­re Mög­lich­keit neben der Koh­le, die zudem preis­lich immer kon­kur­renz­fä­hi­ger wird, ist die Gewin­nung der orga­ni­schen Ver­bin­dun­gen aus Bio­mas­se. Davon ver­spricht man sich außer­dem einen Über­gang zur »nach­hal­ti­gen« und »öko­lo­gi­schen« Bio­öko­no­mie. Jedoch steht die­ses Alter­na­tiv­sze­na­rio vor dem Pro­blem der begrenz­ten Flä­che und damit vor einer unüber­wind­ba­ren Hür­de, die schon die Agrar­ge­sell­schaf­ten in ihre Schran­ken wies.

Der­zeit kann die Euro­päi­sche Uni­on nicht ein­mal ihren Bedarf an Bio­etha­nol aus der eige­nen Flä­che bedie­nen, wes­we­gen in Indo­ne­si­en der Urwald Palm­öl­plan­ta­gen wei­chen muß. Rech­net man dazu noch den Elek­tri­zi­täts- sowie den Wär­me­sek­tor, in dem Bio­mas­se eine ent­schei­den­de Rol­le ein­neh­men soll, und berück­sich­tigt die Kon­kur­renz mit die Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­ti­on, ver­steht man schnell, war­um wir am 22. August die­sen Jah­res den »Earth Over­shoot Day« (den Tag, an dem die Mensch­heit alle natür­li­chen Res­sour­cen auf­ge­braucht hat, die die Erde inner­halb eines Jah­res wie­der­her­stel­len und damit nach­hal­tig zur Ver­fü­gung stel­len kann,) erreicht hat­ten. In den benö­tig­ten Men­gen ist so auch die Bio­mas­se kei­ne geeig­ne­te öko­lo­gi­sche Alter­na­ti­ve zum Roh­öl, son­dern weist den Weg in den glo­ba­len mono­kul­tu­rel­len Acker.

Die Abhän­gig­keit von der Petro­che­mie ver­ge­gen­wär­tigt den Indus­trie- und Kon­sum­ge­sell­schaf­ten west­li­cher Pro­ve­ni­enz ihre kom­ple­xe Ver­flech­tung mit den fos­si­len Roh­stof­fen, derer sie sich frei­mü­tig bedient haben. Pro­duk­ti­ons­wei­sen, Tech­no­lo­gie­zwei­ge, ­Wohl­stands­ver­tei­lun­gen, Ver­sor­gungs­struk­tu­ren und Urba­ni­sie­rungs­pro­zes­se sind in Bezug auf die fos­si­len Ener­gie­trä­ger und ent­lang ihrer Bedürf­nis­se gewach­sen. Simul­tan wirft die­se Ver­ge­gen­wär­ti­gung die Fra­ge auf, ob eine gänz­li­che Sub­sti­tu­ti­on abseits der öko­lo­gi­schen Hin­der­nis­se die Fle­xi­bi­li­tät des Gesamt­sys­tem nicht über­stra­pa­ziert und damit sei­nen Zusam­men­bruch pro­vo­ziert, oder ob die fos­si­len Pfad­ab­hän­gig­kei­ten die Sub­sti­tu­ti­on abbrem­sen und ein­he­gen, wie es im Kon­text der »Ener­gie­wen­de« zu beob­ach­ten ist.

Außer Fra­ge steht zumin­dest, daß es dem­je­ni­gen, der die Umwelt­kri­se nach­hal­tig zu besei­ti­gen sucht, nicht an der »öko­lo­gi­schen« Sub­sti­tu­ti­on des der­zei­ti­gen Ver­brauchs­ni­veaus an che­mi­ka­li­schen Stof­fen gele­gen sein kann, da dies zum einen die Plas­tik­müll­pro­ble­ma­tik nicht löst und zum ande­ren auch eine Über­be­las­tung der Flä­che zufol­ge hät­te. Grund­sätz­lich mag die Bio­öko­no­mie der rich­ti­ge Ansatz zur Gewin­nung che­mi­ka­li­scher Stof­fe sein, indes erfüllt die­se nur dann ihren ange­dach­ten Zweck, wenn sie auf einem viel gerin­ge­ren Stoff­durch­satz ope­riert, als dies aktu­ell in der Petro­che­mie noch der Fall ist. Der Sub­sti­tu­ti­on muß dem­zu­fol­ge die Schrump­fung und das suk­zes­si­ve Ent­flech­ten der indus­tri­el­len Gesell­schaf­ten von ihren fos­si­len Pfad­ab­hän­gig­kei­ten vorausgehen.

 

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