#fck

PDF der Druckfassung aus Sezession 99/ Dezember 2020

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

All­tags­an­ek­do­te: Vor eini­ger Zeit kam ein Kind von einem bun­ten Fest mit vie­ler­lei Stän­den nach Hau­se. Es hat­te einen Sta­pel Auf­kle­ber mit­ge­bracht. Weiß auf Schwarz stand da fett »FCK«, dar­un­ter »AFD«. Das Kind dach­te, »ihr könnt die viel­leicht irgend­wie gebrau­chen.« Es ging davon aus, »FCK« hie­ße irgend­was Dyna­misch-Freund­li­ches. Viel­leicht im Sin­ne von »Los gehts, AfD!« oder »Allez, AfD«. Wer weiß schon als Kind, was gebräuch­li­che Abkür­zun­gen wie ca., etc. oder mfG bedeu­ten? Ich selbst wuß­te es lan­ge nicht. Ich hat­te »ca.« lan­ge als [tza] aus­ge­spro­chen und dach­te, das wür­de »nor­ma­ler­wei­se« bedeuten.

»Fck­nzs« oder »fck­afd« sind belieb­te soge­nann­te Hash­tags, wie sie bei­spiels­wei­se im sozia­len Netz­werk Twit­ter ver­wen­det wer­den. Haß­spra­che / Hate­speech geschieht heu­te gern kon­so­nan­tisch. Das »a« bei AfD ist eine Aus­nah­me. Bei den Anwen­dern die­ser simp­len Codes spielt ein unver­hoh­le­ner Stolz mit, die­se vokal­freie Geheim­spra­che zu beherr­schen. Man sagt etwas gleich­sam mit zusam­men­ge­bis­se­nen Zäh­nen, und schwupps, ent­springt »das Zau­ber­wort« (Josef von Eichendorff)!

Mir stel­len sich zwei Fra­gen: Die eine geht nach den ver­schwun­de­nen Voka­len; die ande­re nach dem nun also ver­schwie­mel­ten »fuck«, das wohl als »ficken«, also ein emi­nent sexu­el­ler Akt dechif­friert wer­den dürf­te. Tren­nen wir das eine von dem anderen.

Zunächst: Das alt­he­bräi­sche Alpha­bet aus dem 10. / 9. Jahr­hun­dert v. Chr., das in sei­ner Schreib­wei­se übri­gens den ger­ma­ni­schen Runen deut­lich stär­ker ähnelt als dem etwas älte­ren indisch / vedi­schen Sans­krit, kam mit sei­nen 22 »Buch­sta­ben« ohne Voka­le aus. Sämt­li­che bekann­te Kon­so­nan­ten­al­pha­be­te zäh­len zu den semi­ti­schen Schrift­sys­te­men. Dar­un­ter zäh­len auch die phö­ni­zi­sche, die ara­mäi­sche sowie eini­ge syri­sche und ara­bi­sche Schrif­ten. Laut Wiki­pedia dür­fen wir Kon­so­nan­ten­al­pha­be­te kei­nes­wegs des­halb für »defi­zi­tär hal­ten, weil ihnen Vokal­zei­chen fehl­ten.« Dies sei »unter Berück­sich­ti­gung der Struk­tur der semi­ti­schen Spra­chen und der Lese­tra­di­tio­nen in den (nord)semitischen Spra­chen des 1. Jahr­tau­sends v. Chr. ein­deu­tig nicht der Fall.« Nun gut. Viel­leicht ist die rein kon­so­nan­ti­sche Spra­che gar höher­wer­tig – mora­lisch jedenfalls?

Es ist nicht genau aus­zu­ma­chen, wann und womit die­ser vokal­freie Bot­schafts-Trend begann. Als 2018 die Deut­sche Fuß­ball­na­tio­nal­mann­schaft der Her­ren (ali­as »Die Mann­schaft) unter #Zsmmn (=Zusam­men) zu kom­mu­ni­zie­ren begann, war die Mode bereits bejahrt. Mei­ne Kran­ken­kas­se (Tech­ni­ker) sen­det ihren jun­gen Ver­si­cher­ten seit gut zwei Jah­ren ein betont »coo­les« Maga­zin titels »Mgzn« zu. Im Grun­de wirkt der Vokal­ver­zicht wie das läs­si­ge »Hä?« im Gegen­satz zum ordent­li­chen »Wie bit­te?« Ein klei­ner, peni­bel aus­ge­zir­kel­ter Akt der Rebellion!

Vor dem Kon­so­nan­ten­trend waren in der Wer­bung pho­ne­ti­sche ˈːɪʃə Umschrif­ten popu­lär, und wie­der­um davor wur­de der Blick poten­ti­el­ler Kon­su­men­ten auf ander­wei­tig schwer les­ba­re Bot­schaf­ten gelenkt. Kome toge­ter, ali­as »Come Tog­e­ther« des Ziga­ret­ten­an­bie­ters »West« dürf­te in den frü­hen Neun­zi­gern ein Vor­läu­fer des »Irri­tie­ren­den« gewe­sen sein.

Was irri­tiert, bannt den Blick. Nun also der Weg­fall der Voka­le. Es ent­steht ein Zischen oder etwas Abge­hack­tes. Es paßt zur Zeit. Man zischt sich an. Kein Blick­kon­takt, kei­ne Anre­de, nur die­ses in sei­ner laut­ma­le­risch plo­siv-fri­ka­ti­ven Kom­bi­na­ti­on ver­nich­ten­wol­len­de Zischen und Ver­här­ten. Ohne Voka­le klingt bei­na­he jedes Wort wie »bas­ta«, nur eben kon­so­nan­tisch: »Grm«, »Fck«, »Stp«! Also: fck statt fuck. Gemäß der Legen­de kommt der Ver­zicht auf das »u« daher, weil Dis­si­den­ten die stren­gen Zen­sur­maß­nah­men der pie­tis­ti­schen US-ame­ri­ka­ni­schen Medi­en­auf­sicht unter­lau­fen woll­ten. So sim­pel läßt sich tricksen.

Dabei sind sowohl die media­len Aus­ru­fe­zei­chen #Fck­nzs wie auch #Fck­afd gar nicht zum Aus­spre­chen gedacht. Beschimpft wird haupt­säch­lich digi­tal, ver­schrift­licht. Die pole­moge­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on läuft heu­te anonym. Da sind Schneid, Mus­keln oder der per­sön­li­che Ruf völ­lig wurst. Aggres­siv auf vir­tu­el­len Foren rum­plär­ren kann jeder, solan­ge es in den Rah­men der kom­mer­zi­el­len Regeln gra­de noch paßt. Nur eine klei­ne Por­ti­on Gra­tis-Mut benö­tigt es, bei sol­cher Ver­wün­schung auch Gesicht zu zeigen.

Der hier sich zur Schau stel­len­den Per­son, der wir bewußt kein Geschlecht »zuwei­sen« wol­len, käme sicher­lich kein kla­res »Halt! Nicht wei­ter!« oder eine Ansa­ge wie: »So, Freund! Und jetzt Du!« über die Lip­pen. Sie / er ist zu schlaff, zu lasch, zu fer­tig. Die­se Figur ist die Per­so­ni­fi­zie­rung des­sen, was heu­te »Haß­spra­che« genannt wird. Alles ist hier durch­ein­an­der, alles ist quer. Die soge­nann­te Fri­sur steht und hängt her­um, die Schul­tern hän­gen auch (wes­halb die Jacke ver­rutscht ist), dito die Augen­li­der. Der Schä­del sitzt wie halt­los auf dem Rest­kör­per, und zwi­schen den metal­lisch durch­sto­che­nen Gesichts­tei­len mag in die­sem trau­ri­gen Zustand kein arti­ku­lier­ter Laut her­vor­ge­bracht wer­den kön­nen. Nur ein Zischen, ein undeut­li­cher Wort­rest: »FCK NZS.« Wir sehen hier jeman­den, der offen­kun­dig jeden Halt im Leben ver­lo­ren hat. Jeman­den, der weiß, daß es ihm schlecht geht, der eben­falls weiß, daß er nicht die Kraft hat, das zu ändern und der daher nun einen Adres­sa­ten für all sein Unbill sucht. Ein Pro­test-Hemd für 19.99 € kann sich selbst eine arme Wurst leisten.

Aber war­um bloß »fck«? Wes­halb nicht »HLFT MR, CH BN M ND?« Ver­mut­lich, weil »am Ende sein« eine lan­ge Stre­cke bedeu­tet, auf der zunächst ein­mal not­wen­dig sol­che Ver­bal­ag­gres­sio­nen auftreten.

»Fuck« heißt über­setzt (Über­ra­schung!) »ficken«. Über­setzt wird das seit dem spä­ten Mit­tel­al­ter als »koi­tie­ren«. Es gibt hier­zu reich­lich sprach­ge­schicht­li­chen Stoff, der über das indo­ger­ma­ni­sche *peug, das latei­ni­sche »pun­ge­re« und »fige­re« (= ste­chen, annageln, durch­boh­ren) schließ­lich zum alti­ta­lie­ni­schen »ficar« mit eben die­ser Bedeu­tung »koi­tie­ren« gelangt.

Als Schimpf­wort ist »fck« / »fuck« deut­lich ein Ein­wan­de­rer. Es zählt kei­nes­wegs zu den urdeut­schen Ver­flu­chun­gen. Lan­ge Zeit wur­de hier­zu­lan­de vor allem sakra­men­tal geflucht. Ich mag hier nur Harm­lo­ses zitie­ren: »Him­mel­herr­gott­noch­mal«, »Jes­ses­Ma­ria«. Mit Luther kam spe­zi­ell im Deut­schen sehr prä­gnant ein skato­lo­gi­scher Aspekt hin­zu. Luther beflei­ßig­te sich, Abscheu aus­drü­ckend, gern ana­ler Gegen­den und deren Aus­schei­dun­gen. »Him­mel­ar­sch­und­z­wirn« wäre wie­der­um ein sehr arti­ges Bei­spiel, es gibt deut­lich def­ti­ge­re. Spä­tes­tens seit refor­ma­to­ri­schen Zei­ten »hat der Unter­leib Gott den Rang abge­lau­fen« (Urs Haf­ner, NZZ). In abwer­ten­der Absicht nutzt der Has­ser deut­scher Zun­ge mit Vor­lie­be Meta­phern der Po-Gegend: scheiß drauf; das Arsch­loch; der hat’s bei mir ver­schis­sen; er hat echt abge­kackt. Bei den Angel­sach­sen hin­ge­gen steht inter­es­san­ter­wei­se seit je die Vor­der­sei­te des Unter­leibs im Vor­der­grund der Flü­che: prick, cunt, slut, bitch, load of toss. Psy­cho­lo­gen mögen hier­aus ihre Schlüs­se zie­hen, es ist jeden­falls ein wei­tes Feld.

Was heißt es nun, wenn man einem (poli­ti­schen) Geg­ner wünscht, er möge nicht bekämpft, nicht besiegt, nicht wider­legt, son­dern »gefickt« wer­den? Orgi­as­ti­sche Freu­den wer­den nicht gemeint sein. Die zäh­len nicht zu den Din­gen, die man dem Feind wünscht. Da es wort­ge­mäß defi­ni­tiv um sexu­el­le Pene­tra­ti­on geht, kön­nen nur Ver­ge­wal­ti­gungs­ver­wün­schun­gen gemeint sein. Das ist nun kuri­os. Denn unter allen Par­tei­en gilt die AfD als die patri­ar­cha­lischs­te. Aus ihren Rei­hen hör­te man aber bis­lang kei­ne »FCK«-Aufrufe. Die Rech­ten träu­men nicht davon, irgend­wen zu nageln, zu pene­trie­ren, zu durch­sto­ßen. Es ist das links­grü­ne Milieu, das mit »Besorg’s‑Ihnen«-Wünschen sich her­vor­tut. Das ist doch viel­sa­gend? Hn st q m y pns. Was ver­trackt ist – wir wis­sen wenig dar­über, wel­che Gesäß­rich­tung der fran­zö­si­sche Fluch habi­tu­ell einnimmt.

 

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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