Wiederbelastung

PDF der Druckfassung aus Sezession 99/ Dezember 2020

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

»Sehnt ihr euch nicht manch­mal auch nach wil­de­rem Den­ken? Nach Ideen ohne fes­te Ord­nung, Uto­pien ohne bere­chen­ba­ren Sinn, nach Ecken und Kan­ten, an denen ihr euch sto­ßen könnt? Schämt ihr euch nicht, kei­ne Ant­wort zu haben auf die Fra­ge ›Was für eine Mei­nung ver­trittst du, die nicht auch die Mehr­heit teilt?‹ … Ich will Mut zum Zusam­men­hang, zur gan­zen Erzäh­lung. Die Spreng­köp­fe der Dekon­struk­ti­on haben wir lan­ge genug bewun­dert, jetzt ist wie­der Zeit für ein paar gro­ße Architekten.«

Die­se Sät­ze stam­men aus dem viel­dis­ku­tier­ten Buch Sie­ben Näch­te, das der damals neun­und­zwan­zig­jäh­ri­ge Publi­zist Simon Strauß im Som­mer 2017 vor­leg­te. Strauß (sein Vater ist der Schrift­stel­ler Botho Strauß) schil­dert auf knap­pen hun­dert­vier­zig Sei­ten den Ver­such, dem sein Leben prä­gen­den Unernst durch Selbst­aus­set­zung ein Ende zu berei­ten, die post­mo­der­ne Belie­big­keit zu unter­lau­fen und dem Ein­mün­den in ein vor­her­seh­ba­res Leben, in ein von Ord­nung gepräg­tes, ein­ge­ord­ne­tes Leben in einem geord­ne­ten Staat doch noch so etwas wie Bedeut­sam­keit und Über­ra­schung ent­ge­gen­zu­stel­len. Selbst­aus­set­zung (die­ses Wort kommt bei Strauß nicht vor) meint: Weil es in mei­nem Leben bis­her kei­ne von außen zuset­zen­de, gefähr­den­de, har­te Her­aus­for­de­rung gab, muß ich sie selbst insze­nie­ren, sie vor mich hin­stel­len, auf sie auf­lau­fen, auf­pral­len – und an die­ser Nicht-Not­wen­dig­keit zu rei­fen ver­su­chen, indem ich sie für die Dau­er die­ses Zustands zur Not­wen­dig­keit erklä­re und mich in eine Stim­mung der Bewäh­rung und der Bedeu­tung hineinsteigere.

Strauß beschreibt sich im Vor­spann als ehr­gei­zi­gen, von Hau­se aus mit Vor­schuß­lor­beer und dem nöti­gen Klein­geld aus­ge­stat­te­ten jun­gen Mann, als Begab­ten, der schon immer zu Krei­sen gehört und Krei­se mit­ge­stal­tet hat, aus denen her­aus sich die Ver­la­ge und Redak­tio­nen, die Kul­tur­sze­ne und das Feuil­le­ton der Groß­stadt ihren Nach­wuchs angeln. Vor­ge­bahn­te Wege, auf­ge­spann­te Rah­men, hin­ge­stell­te Lei­tern – sicht­bar seit Jah­ren, man ging trotz aller grö­ße­ren, wil­de­ren Plä­ne stracks dar­auf zu, und nun, viel­leicht nach einem letz­ten Abschluß, kurz vor einem ers­ten gro­ßen Ange­bot, einer ins Berufs­le­ben ein­mün­den­den Ent­schei­dung soll noch ein­mal »etwas gewagt werden«.

Wir erfah­ren, daß ein älte­rer Bekann­ter die Strauß­sche Sehn­sucht nach Bewe­gung, inne­rem Auf­stand, nach Expe­ri­ment erkannt und ihm vor­ge­schla­gen habe, in sie­ben Näch­ten die sie­ben Tod­sün­den zu durch­le­ben und noch vor dem Mor­gen­grau­en jeweils sie­ben Sei­ten über das Erleb­te zu schrei­ben: über Hoch­mut und Völ­le­rei, Faul­heit und Hab­gier, über Neid, Wol­lust und Zorn. Jedoch: Die ver­meint­lich gro­ßen Bil­der sind schlech­te Kopien, Strauß weiß das. Die Ver­suchs­an­ord­nun­gen, in die er sich ver­setzt sieht, sind zahn­los und zahm – zag­haf­te Schritt­chen ins Gewag­te, Ver­ruch­te, Aus­ge­las­se­ne, in die Her­aus­for­de­rung, die Gefühls­auf­wal­lung, ins Selbst­herr­li­che, Selbst­er­mäch­ti­gen­de oder wenigs­tens zutiefst Lebendige.

Nichts an und in die­sen sie­ben Näch­ten ist so gewagt oder ver­we­gen, so gefähr­lich oder jen­seits der Gren­ze, daß es auch nur einen Ansatz von lebens­ver­än­dern­der Wucht zulie­ße. Strauß spürt den Man­gel an Bewäh­rung, aber er hilft ihm nicht ab. Er hält das, was her­ein­bre­chen könn­te, auf Distanz, indem er es beschreibt, und wäh­rend er schreibt, sucht er nach dem Gefühl und dem Erle­ben, des­sen Aus­brei­tung und Macht­er­grei­fung er in den Stun­den zuvor ver­hin­der­te. Das alles ist ja zeit­lich begrenzt, ist gehegt, labor­haft, wie eine Art Sport arran­giert. Und weil Sie­ben Näch­te ein ehr­li­ches Buch ist, zer­platzt in der letz­ten Nacht, der Nacht des Zorns, des Jäh­zorns, alle Illu­si­on: Der Ich-Erzäh­ler fährt mit einem sei­ner engen Freun­de, dem engs­ten Freund wohl, durch die Stadt – der Freund steu­ert, läs­sig, abge­klärt, ins Busi­ness ein­stei­gend, die lan­gen Jah­re des gemein­sa­men Aus­pro­bie­rens und Mehr-Wol­lens iro­nisch und ein letz­tes Mal kom­men­tie­rend. Die Lebens­pha­se, die Jah­re der gro­ßen Ent­wür­fe und der Träu­me vom beson­de­ren Leben: Das alles wird als »Pha­se« abge­streift. Im Ich-Erzäh­ler wallt es – vor Zorn und Scham: »Und irgend­wann kom­men wir auf das Gan­ze zu spre­chen. Und er macht plötz­lich eine abfäl­li­ge Bemer­kung über mei­ne Ver­su­che, das Unge­nü­gen in Wor­te zu fas­sen, sagt in etwa: ›Immer nur Revo­lu­ti­on – du wie­der­holst dich, und es hat kei­ne Fol­gen, du mußt dich mehr rein­knien, sonst wird nichts dar­aus.‹ Er sagt das mit einer sol­chen Abge­klärt­heit, mit so viel Gift, dass ich am liebs­ten den Schei­ben­wi­scher von der Wind­schutz­schei­be rei­ßen und ihm in den Hals ste­cken würde.«

Woher rührt die Ver­let­zung? »Das Wich­tigs­te war ja stets gewe­sen, daß wir uns schüt­zend vor das Pathos des ande­ren stell­ten.« Das heißt nichts ande­res als: Wer als ers­ter begreift, daß die Pose, vom Vor­ge­bahn­ten abzu­bie­gen, irgend­wann albern wür­de, ver­letzt den­je­ni­gen tief, der die Illu­si­on noch auf­recht­hält. Denn: »Viel­leicht hat er ja doch recht. Viel­leicht ist Träu­men irgend­wann nicht mehr genug.« Ja, ganz sicher ist das irgend­wann nicht mehr genug. Aber wer dann der ers­te ist, der die­sen roman­tischs­ten aller Zustän­de albern nennt, führt den Dolch.

 

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Selbst­aus­set­zung und Selbst­er­re­gung, Kreis­bil­dung und Lock­ruf: Die­ses Kon­zept ist alt und erprobt und stand auf­grund sei­ner Unbe­re­chen­bar­keit schon immer unter dem Ver­dacht der Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit. Die Roman­tik hat es unter dem Begriff der Poe­ti­sie­rung, der Wie­der­ver­zau­be­rung der Welt gegen­auf­klä­re­risch ent­wi­ckelt. Sie umman­tel­te sozu­sa­gen die nack­te Ver­nunft, deren Wir­kung sie mit Dis­zi­plin, Aus­rech­nung und Lan­ge­wei­le beschrieb und zurück­wies. Die Roman­ti­ker brach­ten Schat­ten und Dun­kel, Geheim­nis und Risi­ko, Traum und Sehn­sucht, Uto­pie und Ver­schwen­dung in die aus­ge­leuch­te­ten und auf­ge­räum­ten Zim­mer. Sie spra­chen vom Ich und sei­ner Befä­hi­gung, ja sei­ner Pflicht zur Selbst­aus­set­zung, Selbst­er­re­gung, Selbst­ver­su­chung. Neben die Ver­nunft, den logos, auf den sie natür­lich nicht ver­zich­ten woll­ten, den sie also nicht ver­war­fen, aber in sei­ner Über­trie­ben­heit und Aus­schließ­lich­keit ablehn­ten, stell­ten sie eros und thy­mos, Lie­be und Kraft, Lei­den­schaft und Zorn.

Von der Roman­tik schlän­gelt sich eine Tra­di­ti­ons­li­nie auf die Jugend­be­we­gung zu. Grün­dung und Auf­stieg des Wan­der­vo­gels lie­gen in der Hoch- und Blü­te­zeit des Zwei­ten deut­schen Rei­ches, die­sem durch­or­ga­ni­sier­ten, durch­ge­plan­ten, moder­nen und über die Maßen effek­ti­ven Staats­ge­bil­de, in dem leben und arbei­ten zu dür­fen tat­säch­lich bedeu­te­te, daß es sich Jahr für Jahr kom­for­ta­bler anließ – wenn man sich nur an- und ein­paß­te und die Staats­ord­nung als die gedeih­li­che begriff. Das Vor­ge­bahn­te, das Erprob­te, das Bewähr­te; das Abge­fe­der­te, Siche­re, Bür­ger­li­che – das Spieß­bür­ger­li­che: Der Wan­der­vo­gel, 1896 gegrün­det und am Vor­abend des Ers­ten Welt­kriegs längst zu einer weit aus­grei­fen­den Bewe­gung gewor­den, rekru­tier­te sei­ne Anhän­ger und Aus­ge­stal­ter aus jenen Schich­ten und Milieus, denen anzu­ge­hö­ren bedeu­te­te, daß es all­zu­viel Risi­ko nicht mehr gäbe, wenn man sich an die Dienst­plä­ne von Mili­tär, Ver­ein, Vater, Gott und Kai­ser hielt.

Man kann den Vor­kriegs­wan­der­vo­gel als Auf­stand gegen die Lan­ge­wei­le beschrei­ben. Die Selbst­aus­set­zung wur­de wört­lich genom­men und umge­setzt: Sich auf das Not­wen­digs­te zu beschrän­ken, auf »Fahrt« zu gehen und den Kom­fort als unna­tür­lich und das Wah­re ver­de­ckend zurück­zu­wei­sen – das war das Pro­gramm aller Grup­pen, aller Ab- und Auf­spal­tun­gen die­ses schil­lern­den Gebil­des. Aber auch hier: eine Lebens­pha­se. Von vorn­her­ein und unge­schrie­ben galt, daß man kei­ne von Erwach­se­nen orga­ni­sier­te Jugend­pfle­ge wün­sche, son­dern selbst­er­rin­gen­de, selbst­be­stimm­te Jah­re oder bes­ser: Wochen und Wochen­en­den inner­halb die­ser Jah­re, die ja doch meis­ten­teils aus Schul­pflicht und außer­schu­li­schem Bil­dungs­pro­gramm bestan­den. Dane­ben aber, in den frei­en Tagen und den Feri­en, wur­de ein Jugend­reich auf­ge­spannt, in dem man erleb­te und selbst­ge­wählt erlitt, was die Stun­den­plä­ne nicht vorsahen.

Nach dem Ers­ten Welt­krieg wur­de dar­aus ein Pro­gramm, eine gegen die alte Ord­nung gerich­te­te, in Auf­ru­fen und Grund­satz­schrif­ten for­mu­lier­te Abwen­dung. Die nun straf­fer orga­ni­sier­ten Bün­di­schen sahen sich im Recht, weil es dem bür­ger­li­chen und (aus der Sicht eines Wan­der­vo­gels) deka­den­ten Staat nicht gelun­gen war, das Gemet­zel des Maschi­nen­kriegs ent­we­der zu ver­mei­den oder aus ihm eine heroi­sche, nicht in den Bür­ger­staat zurücksin­ken­de Kon­se­quenz zu zie­hen. Es gab also kei­nen Grund, die »alte Ord­nung« wei­ter­ma­chen zu las­sen, als sei nichts gesche­hen. Und mehr: Wache Köp­fe ahn­ten längst, wohin Maschi­ne, Fort­schritt, Kom­fort, Ver­nut­zung, Opti­mie­rung und Mas­sen­for­mie­rung füh­ren wür­den. Ihnen grau­te vor der tech­ni­schen und his­to­ri­schen Über­ra­schungs­lo­sig­keit, und die­ses Grau­en weck­te einen star­ken Impuls gegen ein Dasein als Räd­chen im Getrie­be und gegen ein Schick­sal als das vom Einen unter vie­len, dem auf die­se Wei­se sei­ne Beson­der­heit und sei­ne Bedeu­tung geraubt wür­den. Wenn näm­lich die­se Bedeu­tung inner­welt­lich gestif­tet wer­den soll­te, dann war nichts die­sem Vor­ha­ben abträg­li­cher als die Ein­eb­nung aller Wucht und Probe.

 

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Die Grund­strö­mung der inner­welt­li­chen Bedeu­tungs­fin­dung, mit der wir es seit der Auf­klä­rung zu tun haben, bezeich­net der Kul­tur­phi­lo­soph Peter Slo­ter­di­jk als »Apo­ka­lyp­se des Rea­len«. Mit der Infra­ge­stel­lung Got­tes, mit der ratio­na­len Ungläu­big­keit begann die Suche nach einer Real­tran­szen­denz, also nach einer Erlö­sungs­er­zäh­lung, die nicht mehr von oben gestif­tet, son­dern aus den Wir­kungs­kräf­ten der Geschich­te oder der mensch­li­chen Natur abge­lei­tet wer­den muß­te. Wo es kei­ne gött­li­che Wahr­heit mehr gibt, wird die Wirk­lich­keit zum Trä­ger und »Ver­wirk­li­cher« der Wahr­heit. Das bedeu­tet für die Lebens­dy­na­mik: Die Sicher­heit und Schick­sals­er­ge­ben­heit, die der in das Wel­ten­rad oder den Heils­plan Ein­ge­bet­te­te hat, die­se unent­rinn­bar gro­ße Erzäh­lung, wird abge­löst von einer Sinn-Unsi­cher­heit. Wo wäre Halt, da sich Got­tes Hand ent­zog? Aus die­ser Unru­he läßt sich ein neu­er Lebens­zu­griff ablei­ten: Wir sind nicht mehr auf­ge­ho­ben, wir ruhen nicht mehr in einer gro­ßen Ord­nung, wir müs­sen viel­mehr etwas tun, und zwar sofort, müs­sen auf die Suche und ans Werk gehen und wol­len, was uns am Ende zu sagen erlau­ben wird: Wir waren dabei, als eine gro­ße, wie­der­um schick­sal­haf­te Ord­nung errich­tet wur­de. Wir haben gro­ße Poli­tik gemacht und ohne zu zögern unse­re Exis­tenz dar­an geknüpft.

Slo­ter­di­jk faß­te die­se Aus­gangs­si­tua­ti­on in einem Text über »Hei­deg­gers Poli­tik« mit den Voka­beln »Rat­lo­sig­keit und Rast­lo­sig­keit« zusam­men. Er begrün­det dar­in Hei­deg­gers kurz­zei­ti­ge Betei­li­gung am natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Auf­marsch mit einer Art ich­be­zo­ge­ner Auf­wal­lung: Wir hät­ten es im Grun­de nur mit einem Flucht­ver­such aus einer unspek­ta­ku­lä­ren, lebens­lan­gen und lebens­lang­wei­li­gen Ein­ord­nung zu tun. Dies nun wäre, blie­be es beim Ich, kein beson­ders bemer­kens­wer­ter Vor­gang: Jeder Künst­ler, jeder, der sich beru­fen dazu sieht, aber auch jeder Wich­tig­tu­er ver­sucht ja, aus sich selbst den beson­de­ren Typ zu machen, also die Span­ne bis zum Tod best­mög­lich auf tie­fes Pflü­gen und unver­kenn­ba­re Spur hin zu nutzen.

Bloß: Hei­deg­ger ging, sich als sinn­stif­ten­der Phi­lo­soph begrei­fend, über das Ich hin­aus zum Wir. Sei­ne maß­geb­li­che Arbeit in den zwan­zi­ger und frü­hen drei­ßi­ger Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts habe, so Slo­ter­di­jk, dar­in bestan­den, die »exis­ten­ti­el­le Tem­po­ra­li­tät des Ichs« (also sei­nen Auf­trag bis zum Tod) mit der »seins­mä­ßi­gen Tem­po­ra­li­tät des Kol­lek­tivs« (also sein welt­for­men­des Werk) in eine not­wen­di­ge, mobi­li­sie­ren­de Bezie­hung zu set­zen. Slo­ter­di­jk sieht in die­ser Ver­knüp­fungs­leis­tung die eigent­li­che »Poli­tik« Hei­deg­gers. Auf­la­dungs­den­ken also, oder, mit dem Unter­ti­tel des Slo­ter­di­jk-Tex­tes gesagt: »das Ende der Geschich­te vertagen«.

Bedeu­tungs­auf­la­dung durch Brü­cken­schlag vom Ich zum Wir: Man wird sich, auf die­se Wei­se beauf­tragt, nicht mit einem Abar­bei­ten abge­ben, nicht mit einer Ein­ord­nung der Lebens­leis­tung in einen Staat. Man wird viel­mehr in der Über­zeu­gung leben und ans Werk gehen, daß es einen an der Zeit, an den Umstän­den ables­ba­ren Auf­trag gebe, den zu begrei­fen und zu schul­tern die epo­cha­le Auf­ga­be der jewei­li­gen Genera­ti­on sei und den an sich selbst exem­pla­risch zu erpro­ben und als Auf­trag zu for­mu­lie­ren die wesent­li­che Auf­ga­be der wachs­ten (und damit wich­tigs­ten) Köp­fe der Zeit sein müs­se – zu denen man zwei­fel­los gehöre.

Nun muß­te man nicht Hei­deg­ger sein und über die Seins­ge­schich­te nach­den­ken, um im Jah­re 1925 oder 1930 am eige­nen Leib zu spü­ren und mit einem Blick zu erfas­sen, daß sich das Kol­lek­tiv, also das deut­sche Volk, drin­gend wür­de mobil machen müs­sen: nach außen gegen das Ver­sail­ler Dik­tat, für die Revan­che und gegen die bol­sche­wis­ti­sche Gefahr; nach innen gegen die Ver­elen­dung, für sta­bi­le Ver­hält­nis­se und gegen die dem Ernst der Lage nicht ange­mes­se­ne demo­kra­ti­sche Hilflosigkeit.

Das bedeu­tet: Natür­lich waren auch ohne Hei­deg­gers Nach­den­ken längst poli­ti­sche Bewe­gun­gen dabei, ihre je eige­ne, mobi­li­sie­ren­de Lage­auf­fas­sung und Stim­mung als die ange­mes­se­ne und ret­ten­de her­aus­zu­stel­len, nach­zu­schär­fen und durch­zu­set­zen. Im libe­ra­len Ansatz sahen die­se Bewe­gun­gen kei­ne Lösung, eher mehr Ver­wir­rung, jeden­falls nichts Sinn­stif­ten­des und vor allem nichts Mobi­li­sie­ren­des, kei­ne gro­ße, form­ge­ben­de Idee. Das Frap­pie­ren­de ist nun, daß Hei­deg­ger erst sehr spät begriff, wie wenig die Ziel­rich­tung der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Mobil­ma­chung mit dem zu tun hat­te, was ihm vor­schweb­te. Ernst Jün­ger etwa, der viel stär­ker lage­be­zo­gen den neu­en Typ der Welt­er­mäch­ti­gung beschrieb, sah auf real­po­li­ti­scher Ebe­ne frü­her und kla­rer, wohin unter Hit­ler die Fahrt gehen wür­de. Hei­deg­ger hin­ge­gen hat­te den Dreck nicht ken­nen­ge­lernt und schweb­te. Aber auch er setz­te dann, und zwar bereits 1935, hart auf dem Boden auf und sah, daß sei­ne seins­ge­schicht­lich auf­ge­la­de­ne Erwar­tung an den neu­en Staat trog. Aber zunächst war er dabei.

Slo­ter­di­jks The­se lau­tet, daß Hei­deg­ger dar­um bemüht war, den Fol­gen sei­ner Ent­de­ckung vom »Ende der Geschich­te« aus­zu­wei­chen, also: der Bedeu­tungs­lo­sig­keit, der Span­nungs­lo­sig­keit und damit der ­Lan­ge­wei­le zu ent­kom­men. Die Grund­fra­ge dahin­ter: War es das? Wer­den wir nun alle unter­wor­fen, und zwar nicht von Rei­ter­hee­ren aus dem Osten, son­dern von einem Viel­zu­viel auf drei Ebe­nen: Mas­se Mensch, ent­fes­sel­te Ener­gie, über­ra­schungs­lo­se Büro­kra­tie? Kommt da noch etwas, das jen­seits von Pro­duk­ti­on und Kon­sum, Orga­ni­sa­ti­on und Ver­bes­se­rung, Fort­schritt und Ent­las­tung sinn­stif­tend wäre?

Was Hei­deg­ger nur ahnen konn­te, weiß Slo­ter­di­jk: In den letz­ten sie­ben, acht Jahr­zehn­ten ist es der Mas­se unse­rer Hemi­sphä­re ermög­licht wor­den, eine Anspruchs­hal­tung ein­zu­neh­men, die kei­nen Auf­schub mehr hin­zu­neh­men bereit ist, auf nichts mehr war­ten will und das drin­gen­de Bedürf­nis hat, nie­man­dem mehr zu Dank ver­pflich­tet zu sein: »Zu rea­len und prag­ma­tisch Letz­ten wer­den Indi­vi­du­en in der Kon­sum- und Erwerbs­ge­sell­schaft von dem Augen­blick an, in wel­chem sie in die Daseins­wei­se von her­kunfts­schwa­chen und nach­kom­mens­lo­sen Selbst­ver­zeh­rern einwilligen.«

Hei­deg­ger (und mit ihm etli­che ande­re Den­ker, Intel­lek­tu­el­le, Künst­ler) woll­te nicht in die Daseins­wei­se her­kunfts­schwa­cher und auf­trags­lo­ser Selbst­ver­zeh­rer ein­wil­li­gen. Gegen die Ent­las­tung des Ein­zel­nen durch Infra­ge­stel­lung des his­to­ri­schen Gewichts und der Erlaub­nis, zum Haus­schwein zu wer­den, stell­te er die For­de­rung nach Wie­der­be­las­tung. Was nun geschah, kann im Nach­gang nur als Miß­ver­ständ­nis oder Ver­zweif­lungs­akt beschrie­ben wer­den – oder als Rausch.

Hei­deg­ger ver­mu­te­te im Natio­nal­so­zia­lis­mus jenes authen­ti­sche Kol­lek­tiv, das dem Ende der Geschich­te, dem Bedeu­tungs­ver­lust des Ein­zel­nen, der impo­ten­ten Exis­tenz der Kon­su­men­ten ein Ende zu berei­ten in der Lage sei. Natio­nal­so­zia­lis­mus, Faschis­mus als seins­ge­schicht­li­cher Aus­druck, als neue Bewußt­s­eins­stu­fe, als neue, sogar heroi­sche Ver­bind­lich­keit, Wie­der­be­las­tung, Auf­la­dung – und er selbst einer der Deu­ter, einer der­je­ni­gen, die als Thy­mos­trai­ner am Ufer des rei­ßen­den Flus­ses ste­hend das Volk bei sei­nen Schwimm­übun­gen anlei­ten würden.

 

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An Hei­deg­ger kön­nen wir den Ver­such stu­die­ren, dem Bedeu­tungs­ver­lust durch Wie­der­be­las­tung und geschicht­li­che Auf­la­dung zu ent­kom­men. Der Antrieb ist ein nicht ent­wirr­ba­res Geflecht aus Ver­ant­wor­tungs­be­wußt­sein für die Lands­leu­te und der gro­ßen Angst vor der eige­nen Bedeu­tungs­lo­sig­keit, vor der Ver­sump­fung an sich und eine Art Selbstekel, auch zu den Lang­wei­lern zu gehö­ren. Dies nun ver­kop­pelt mit der Vor­stel­lung, wenigs­tens aus einem Volk, dem deut­schen Volk, eines for­men zu hel­fen, das nicht ver­sump­fen wür­de — was für ein Irrtum!

Was näm­lich in der Vor­stel­lung Hei­deg­gers ein his­to­risch hoch­ge­stimm­ter Aus­bruch aus dem beque­men Leben sein soll­te, war letzt­lich die Außen­si­che­rung der Welt­ver­nut­zung durch ein beson­ders begab­tes Volk mit den bru­tals­ten Mit­teln. Die Ent­täu­schung und Ernüch­te­rung, spä­ter: das Ent­set­zen dar­über, daß hier nicht der neue geschicht­li­che Typ vor­ge­schickt wor­den war, son­dern bloß der Bewoh­ner des am bes­ten orga­ni­sier­ten und aggres­siv abge­si­cher­ten Welt­ver­nut­zungs­ab­schnitts, setz­te bei Hei­deg­ger 1935 ein. Den wei­te­ren Ver­lauf ken­nen wir, und wir haben uns dabei das Rück­grat gebrochen.

 

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Schla­gen wir den Bogen zurück zu Simon Strauß und sei­nem Sie­ben Näch­te: Er ist vor dem Hin­ter­grund der Wucht, mit der Hei­deg­ger und ande­re sei­nes Kali­bers Stim­mungs­auf­la­dung betrie­ben und Hoff­nun­gen auf Wie­der­be­las­tun­gen setz­ten, tat­säch­lich jemand, der »aus der Geschich­te gelernt hat«. Er stellt ja sein Ein­mün­den­müs­sen in eine BRD-Kar­rie­re über­haupt nicht in Fra­ge – bloß hin­aus­zö­gern will er es noch ein wenig. Das ist die Bot­schaft, und der Ziel­punkt ist post­he­roi­sche Beru­hi­gung oder »Kris­tal­li­sa­ti­on«, wie Geh­len es aus­drück­te, jeden­falls: Zufrie­den­heit. Ein biß­chen Kon­sens­stö­rung, ein biß­chen inne­rer Auf­stand, ein biß­chen Pro­vo­ka­ti­ons­pro­fil – mehr soll und darf nicht mehr gewollt wer­den, denn alles, was dar­über hin­aus reicht und zu Kol­lek­tiv­auf­la­dun­gen führt, die das Ende der Geschich­te ver­ta­gen wol­len, wäre ver­ant­wor­tungs­los. –Die Fra­ge, die sich dar­aus ergibt, ist wie ein schril­ler Ton.

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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