Flucht nach vorn

PDF der Druckfassung aus Sezession 99/ Dezember 2020

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

In Götz Kubit­scheks Buch Pro­vo­ka­ti­on, das für vie­le mei­ner Genera­ti­on eine wich­ti­ge Lek­tü­re war, fin­det sich eine ein­präg­sa­me Meta­pher. Die Rede ist von der »Rol­le des erfolg­lo­sen Bela­ge­rers.« Kubit­schek führ­te sie in einem Vor­trag fol­gen­der­ma­ßen aus: »Man kann in der Rol­le des erfolg­lo­sen Bela­ge­rers hei­misch wer­den, und ich möch­te sagen: Die­se Rol­le ernährt selt­sa­mer­wei­se ihren Mann, und das ist ver­lo­ckend und hat furcht­ba­re Konsequenzen (…)«.

Sich in einer ren­ta­blen Pro­test­si­mu­la­ti­on ein­zu­rich­ten und an der ima­gi­nier­ten Front pri­mär die Nach­schub­lie­fe­run­gen zu ver­wal­ten ist tat­säch­lich die denk­bar ärgs­te Ver­falls­form des Wider­stands. Auch Rolf Peter Sie­fer­le beschreibt in sei­nem Epo­chen­wech­sel (zu dem gera­de ein digi­ta­ler Lese­kreis statt­fin­det) eine ähn­li­che Dyna­mik. Laut ihm weist die »sys­te­mi­sche Gesell­schaft« eine abso­lu­te Revo­lu­ti­ons­to­le­ranz auf, die jeden akti­ven Wider­stand gegen sie zur eige­nen Sta­bi­li­sie­rung nutzt. Die »vita­len Rebel­lio­nen« wer­den nach Sie­fer­le zu macht­lo­sen, maxi­mal stö­ren­den Ges­ten des Wider­stands. Es geht nur dar­um, einen Zip­fel an Auf­merk­sam­keit zu erhal­ten, die einem die eige­ne Exis­tenz bestä­tigt. Tat­säch­lich sta­bi­li­siert die­ser ziel­lo­se Pseu­do-Wider­stand – ob in Form des ohn­mäch­ti­gen Ter­rors oder des fol­gen­lo­sen Pro­tests – die sys­te­mi­sche Welt gera­de durch sei­nen schein­ba­ren Stör­fak­tor. Sie­fer­le: »Ihr Wunsch, die Sys­te­me zu ver­flüs­si­gen, schlägt in sein Gegen­teil um. Den Sys­te­men wer­den neue Ebe­nen ein­ge­zo­gen, ihre Kom­ple­xi­tät wird gestei­gert, was ihnen eine Zähig­keit ver­leiht, wel­che weit über das hin­aus­geht, was zuvor der Fall war.«

Tat­säch­lich müs­sen wir eine beein­dru­cken­de Fähig­keit des west­lich-libe­ra­len Wohl­fahrts­staa­tes zur Ein­bin­dung, Kom­mer­zia­li­sie­rung und Nutz­bar­ma­chung extre­mis­ti­scher Bewe­gun­gen fest­stel­len. Wäh­rend die fra­gi­le DDR jede Form einer offe­nen Rebel­li­on (von Rockern, über Hip­pies bis zu Skin­heads) unter­drü­cken muß­te, konn­te es sich die BRD »leis­ten«, all die­sen Grup­pen einen unter­schied­lich gro­ßen Spiel­raum zu gewäh­ren. Der west­li­che Libe­ra­lis­mus dul­de­te mit müt­ter­li­cher Lang­mut die extre­mis­ti­schen Bock­sprün­ge poli­ti­scher und kul­tu­rel­ler Rand­grup­pen. Am Ende wur­den sie gar zu Garan­ten und Beweis­ma­te­ri­al sei­ner »Bunt­heit«.

Jede west­li­che Groß­stadt, die etwas auf sich hält, »leis­tet« sich heu­te ein lin­kes Haus­pro­jekt wie ein feu­da­ler Schloß­herr eine Schmuck-Ere­mi­ta­ge. Das Erfolgs­re­zept der sys­te­mi­schen »Anti­fra­gi­li­tät« lau­tet: maxi­ma­le Dul­dung durch ideo­lo­gi­sche Indif­fe­renz bei gleich­zei­tig maxi­ma­ler Wohl­stands­stei­ge­rung, Ver­mark­tung und Kom­mer­zia­li­sie­rung. Die­se Stra­te­gie rot­te­te rebel­li­sche Ideo­lo­gien gründ­li­cher aus als die offe­ne Repres­si­on des Kom­mu­nis­mus. Die Bin­sen­weis­heit, daß die post­so­wje­ti­schen Län­der viel patrio­ti­scher, kon­ser­va­ti­ver und reli­giö­ser sind als der libe­ra­le Wes­ten, beruht auf deren Fra­gi­li­tät und dem damit ver­bun­de­nen offe­nen Totalitarismus.

Neh­men wir Kubit­scheks Meta­pher beim Wort und über­le­gen uns, wel­chen Nut­zen ein mili­tä­risch harm­lo­ses, feind­li­ches Feld­la­ger vor der Stadt für deren Herr­scher haben könn­te. Die nack­te Prä­senz des Fein­des »ante Por­tas« wäre der Grund dafür, die Stadt im stän­di­gen Bela­ge­rungs­zu­stand zu hal­ten. Sie wäre die Recht­fer­ti­gung für die inne­re Über­wa­chung, eben­so für den Erhalt des äuße­ren Schutz­walls. Rasch wird uns klar, was die­se meta­pho­ri­sche Ebe­ne in der Rea­li­tät bedeu­ten könn­te. Die hys­te­risch über­trie­be­ne »Gefahr« von Rechts, der »brown sca­re«, dient der »Frie­dens­volks­ge­mein­schaft gegen Rechts« als ideo­lo­gi­scher Kitt. Die Bewäl­ti­gungs­in­dus­trie braucht die »rechts­ex­tre­men Bela­ge­rer« als Anschau­ungs­ma­te­ri­al. Das Par­tei­en­kar­tell nutzt sie als Abschreckungsobjekte.

Gera­de da, wo Rech­te sich über unver­hält­nis­mä­ßi­ges Medi­en­echo für klei­ne Aktio­nen freu­en, sind sie womög­lich Opfer die­ser Dyna­mik. Sie wer­den in einem durch und durch über­wach­ten »Sze­ne­tier­park« vom ideo­lo­gi­schen Staats­ap­pa­rat als poli­ti­sche Nutz­tie­re gehal­ten. In ritua­li­sier­ten, peri­odisch wie­der­keh­ren­den »Schlä­gen gegen die rech­te Sze­ne« wird ein unglück­li­ches Opfer aus dem Gehe­ge gezo­gen und öffent­lich­keits­wirk­sam hin­ge­rich­tet, um als Sün­den­bock für die Erb­schuld der gan­zen Gesell­schaft zu büßen. Die Rol­le als erfolg­lo­ser Bela­ge­rer ist im schlimms­ten Fall zu einem unfrei­wil­lig sys­tem­sta­bi­li­sie­ren­den Bestand­teil der lin­ken Medi­en­ri­tua­le geworden.

Eine gan­ze Rei­he an rech­ten Den­kern (von Nils Weg­ner über Caro­li­ne Som­mer­feld und Rod Dre­her bis zu David Engels) emp­feh­len daher, die Füße still zu hal­ten. Ihr stra­te­gi­scher Mini­mal­kon­sens läßt sich fol­gen­der­ma­ßen zusam­men­fas­sen: Im Rah­men des Bestehen­den ist es abso­lut unmög­lich, akti­vis­tisch Wesent­li­ches zu ver­än­dern. Im Gegen­teil: Offe­ne Wider­stands­ak­te lie­fern dem Sys­tem den lebens­not­wen­di­gen Feind. Sie machen das eige­ne Poten­ti­al sicht­bar und set­zen es der Repres­si­on aus. Statt­des­sen sei mög­lichst scho­nen­der, laten­ter Auf­bau von nach­hal­ti­gen Struk­tu­ren das Gebot der Stun­de. Die eige­ne Posi­ti­on soll mate­ri­ell unter­mau­ert und ideo­lo­gisch ver­fei­nert wer­den, um die der­zei­ti­ge Pha­se zu »über­win­tern«. Indem man nicht mehr mit­spielt, wirkt man desta­bi­li­sie­rend und erhält die eige­ne Iden­ti­tät für eine Zeit danach.

Die­se Hal­tung ist auf meh­re­ren Ebe­nen zu kri­ti­sie­ren. Die The­se der Anti­fra­gi­li­tät und die Kla­ge über die kom­ple­xe moder­ne »Gesell­schaft des Spek­ta­kels«, die in einem Netz aus »Simu­la­cra und Simu­la­ti­on« eine klas­si­sche kom­mu­nis­ti­sche Revo­lu­ti­on unmög­lich mache, ist eine ganz spe­zi­fi­sche Erfah­rung des west­li­chen Mar­xis­mus. Sie ist auch Fol­ge des real­po­li­ti­schen Schei­terns im Augen­blick maxi­ma­ler meta­po­li­ti­scher Macht. Die Lin­ken hat­ten 1968 ihre Chan­ce. Die Uni­ver­si­tä­ten und die gesam­te Jugend­sze­ne waren ideo­lo­gi­siert und so radi­kal, daß sich in ihnen sogar ein hoch­funk­tio­na­les Ter­ror­netz­werk eta­blie­ren konn­te. Das Ergeb­nis der revo­lu­tio­nä­ren Mobi­li­sie­rung war am Ende nicht viel mehr als der hedo­nis­ti­sche Kul­tur­bruch hin zum »dio­ny­si­schen Indi­vi­du­um«, wie Sie­fer­le beschreibt.

Das Erbe von SDS, RAF und APO sind brei­te »Bünd­nis­se gegen Rechts«, staat­lich sub­ven­tio­nier­te »auto­no­me« Jugend­zen­tren und von Coca Cola finan­zier­te Kon­zer­te. Die­se Ver­schmel­zung der Lin­ken mit dem Gestell ist kein zufäl­li­ges Schei­tern, son­dern Ergeb­nis der Ideen­ge­schich­te. Lin­ke Ideo­lo­gie und libe­ra­le Wirt­schafts­form bil­den einen dyna­mi­schen Aggre­gats­zu­stand, des­sen schein­ba­re Wider­sprüch­lich­keit gera­de sei­ne Anti­fra­gi­li­tät aus­macht. Kapi­ta­lis­ti­sche Wirt­schaft und lin­ke Moral, der uni­ver­sa­le Markt und die uni­ver­sa­lis­ti­sche Jugend­re­bel­li­on bil­den eine Sym­bio­se. Im Satz »Wer mit 20 kein Revo­lu­tio­när ist, hat kein Herz, wer mit 40 immer noch einer ist, kein Hirn«, ist sie per­fekt zusam­men­ge­faßt. Das »links­re­vo­lu­tio­nä­re Herz« der Gesell­schaft und das »rechts­li­be­ra­le Hirn« har­mo­nie­ren, ver­eint durch die See­le des Uni­ver­sa­lis­mus in Auf­klä­rung und Fort­schritts­den­ken über alle Wider­sprü­che hin­weg. Die klas­si­sche Bio­gra­phie der links­be­weg­ten Akti­vis­tin, die aus rei­chem »konservativ«-bürgerlichen Eltern­haus stammt, ist daher kein Wider­spruch, son­dern äußerst folgerichtig.

Dem rech­ten Wider­stand fehlt die­se Erfah­rung des Schei­terns nach einem Zenit eben­so wie die der Sym­bio­se. Da sei­ne Ideen eine ande­re DNA in sich tra­gen, wer­den sie vom Kör­per der sys­te­mi­schen Gesell­schaft nicht ange­nom­men. Die links­ter­ro­ris­ti­sche Anti­fa ist auf eine ganz ande­re Wei­se in die sys­te­mi­sche Gesell­schaft ein­ge­bun­den als rech­te Akti­ons­grup­pen. Wäh­rend die staat­lich sub­ven­tio­nier­te, medi­al ver­harm­los­te Schlä­ger­grup­pe ein­ge­bun­den wur­de, ant­wor­te­te man auf rech­te Rebel­len immer schon mit Repres­si­on und tota­ler Dämo­ni­sie­rung. Die­se offe­ne Repres­si­on offen­bart eine poten­ti­el­le Fra­gi­li­tät des Sys­tems an der rech­ten Flan­ke. Die rebel­li­schen Rech­ten wer­den unter­drückt, hin­ge­hal­ten und ein­ge­hegt. Die Lin­ken sind ins Sys­tem ein­ge­fügt, die Rech­ten wer­den von ihm eingesperrt.

Für lin­ke Den­ker ist es nur fol­ge­rich­tig, die­sen Zustand als unaus­weich­lich hin­zu­neh­men. Weder der par­la­men­ta­ri­sche Weg noch die meta­po­li­ti­sche Revo­lu­ti­on oder der poli­ti­sche Ter­ro­ris­mus haben zum Erfolg geführt, obwohl sie sys­te­ma­tisch durch­ex­er­ziert wur­den. Auch das Gegen­mo­dell des »real exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus« fiel kei­nem Angriff von außen, son­dern der inne­ren Schwä­che zum Opfer. Das lin­ke Revo­lu­ti­ons­la­tein ist tat­säch­lich vor­erst am Ende. Rech­te soll­ten nicht den Feh­ler bege­hen, den revo­lu­ti­ons­theo­re­ti­schen Abge­sang post­struk­tu­rel­ler Lin­ker unge­se­hen zu über­neh­men. Sie hat­ten ihre Rebel­li­on gegen die sys­te­ma­ti­sche Gesell­schaft und haben auf allen denk­ba­ren Fron­ten ver­sagt. Rech­ter Wider­stand jedoch war nie­mals auch nur ansatz­wei­se so bedeu­tend, als daß man sei­ne Stra­te­gien als erprobt und geschei­tert betrach­ten könnte.

Gene­rell fehlt es im rech­ten Lager seit eh und je an Revo­lu­ti­ons­theo­rien. Dem inhä­rent reak­tio­nä­ren Den­ken scheint es nach wie vor fremd zu sein, die eige­nen Chan­cen und Mög­lich­kei­ten rea­lis­tisch zu betrach­ten, ver­schie­de­ne Wege zur Macht auf­zu­lis­ten und gegen­ein­an­der abzu­wä­gen. Die Fra­ge nach revo­lu­tio­nä­rem Sub­jekt und revo­lu­tio­nä­rer Situa­ti­on, die jeder mar­xis­ti­sche Theo­re­ti­ker in sei­nem Werk beant­wor­ten muß, wenn er ernst­ge­nom­men wer­den will, stellt sich in den meis­ten kon­ser­va­ti­ven Debat­ten gar nicht. Ihre Stra­te­gie oszil­liert meist zwi­schen eso­te­risch-reli­giö­sen Hoff­nun­gen auf einen Tag X, Roman­ti­sie­rung der Gewalt und des Bür­ger­kriegs sowie der völ­li­gen Resi­gna­ti­on und inne­ren Emigration.

Der Auf­ruf zum Abbruch der Akti­on und die Absa­ge an die poli­ti­sche Bewe­gung, der nun wie­der laut wird, ist Ergeb­nis des revo­lu­ti­ons­theo­re­ti­schen Vaku­ums. Hier will ich die bei­den offen­sicht­lichs­ten Schwach­stel­len die­ser Stra­te­gie aufzeigen.

Die Idee, man kön­ne durch Rück­zug in einen apo­li­ti­schen Raum das Über­le­ben der eth­no­kul­tu­rel­len Iden­ti­tät vom Staat abkop­peln, ist illu­so­risch. Oft wer­den hier migran­ti­sche Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten als Vor­bil­der ange­führt. Die­se sind in der Regel unpo­li­tisch und fokus­sie­ren sich ganz auf den Auf­bau aut­ar­ker Struk­tu­ren, die Erzie­hung ihrer Kin­der und die Bewah­rung ihrer Iden­ti­tät. Es gibt jedoch einen guten Grund, war­um die­se Stra­te­gie für Migran­ten funk­tio­niert. Die Anar­cho­ty­ran­nei unse­res Sys­tems ver­hält sich gegen die Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten, die patri­ar­cha­lisch, tri­ba­lis­tisch und eth­no­zen­trisch in den Nischen unse­res Wohl­fahrts­staa­tes leben, indif­fe­rent bis ver­ständ­nis­voll. Isla­mi­sche Ter­ro­ris­ten wur­den von uns dem­nach »an den Rand gedrängt«, gewalt­tä­ti­ge Migran­ten beka­men »zu wenig Chan­cen« etc.

Zudem ist die Erset­zung der Mehr­heits­ge­sell­schaft durch die­se tri­ba­lis­ti­sche Erset­zungs­mi­gra­ti­on das Ziel der der­zei­ti­gen Bevöl­ke­rungs­po­li­tik. Daß migran­ti­sche Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten exis­tie­ren, ist staat­lich gebil­ligt bis gewünscht. Ver­su­chen indi­ge­ne Iden­ti­tä­re, eige­ne Par­al­lel­struk­tu­ren zu bil­den, wird das jedoch sofort als aggres­si­ver, poli­ti­scher Akt gewer­tet. Daß die Hand­ball­na­tio­nal­mann­schaft oder gar der gan­ze »Osten« zu weiß sind, ist von der media­len Eli­te uner­wünscht. Selbst­ver­ständ­lich kann der sanf­te Tota­li­ta­ris­mus Fami­li­en nicht davon abhal­ten, vie­le Kin­der in die Welt zu set­zen. Doch für die indi­ge­ne Bevöl­ke­rung bedeu­tet die­ses Ziel auf­grund der ideo­lo­gi­schen Indok­tri­nie­rung, der wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on und der Über­frem­dung des Schul­sys­tems not­wen­dig einen orga­ni­sa­to­ri­schen Auf­wand. Das macht sicht- und angreif­bar. Der Kin­der­reich­tum migran­ti­scher Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten liegt dage­gen in der star­ken eth­no­re­li­giö­sen Prä­gung der Migran­ten, die sich in ihren Enkla­ven aller »Inte­gra­ti­on« zum Trotz sogar noch ver­stärkt. Jedes rech­te Kultur‑, Schul- oder Sied­lungs­pro­jekt auf deut­schem Staats­ge­biet wäre naiv, wenn es dar­auf setzt, nicht als poli­ti­scher Akteur ver­stan­den und bekämpft zu werden.

Fol­ge­rich­tig wird daher jedes Pro­jekt, das eth­no­kul­tu­rel­les Über­le­ben vom Staat abkop­peln will, wirt­schaft­lich rui­niert oder juris­tisch zer­schla­gen. Jeder Qua­drat­zen­ti­me­ter des deut­schen Staats­bo­dens und jedes Bit der digi­ta­len Kom­mu­ni­ka­ti­on wird über­wacht. Selbst im dich­ten Schwarz­wald kann sich ein Aus­stei­ger nur weni­ge Tage ver­ste­cken. Pri­va­te Chat­grup­pen füh­ren zu Raz­zi­en der poli­ti­schen Poli­zei. Die herr­schen­de Poli­tik sieht kei­ne patrio­ti­schen Enkla­ven vor und wird jeden Ansatz zu sol­chen Inseln zu ver­hin­dern wissen.

Das ein­zig Mög­li­che ist der Rück­zug ins pri­va­te Bie­der­mei­er. Die rech­te Land­flucht in die klein­fa­mi­liä­re Idyl­le wird gedul­det, solan­ge sie nicht zum Auf­bau sicht­ba­rer Par­al­lel­struk­tu­ren führt. Die Stadt­flucht geht auf Kos­ten der nächs­ten Genera­ti­on. Die Kin­der der Flie­hen­den wird es aber zum Stu­di­um und zur Arbeit zurück in die auf­ge­ge­be­nen Städ­te zie­hen. Die »Stra­te­gie« des Abkop­pelns hofft am Ende auf Scho­nung auf­grund der eige­nen Unsicht­bar­keit, die gleich­zei­tig ihre Wir­kungs­lo­sig­keit impli­ziert. Effek­ti­ve Pro­jek­te zur eigen­stän­di­gen Bil­dungs- und Bevöl­ke­rungs­po­li­tik wären für die Eli­ten weder ver­bor­gen noch harm­los. Nur im Wind­schat­ten akti­vis­ti­scher Kämp­fe, die als Schild und Ablen­kung den Fokus der Repres­si­on auf­fan­gen, ist ihre Bil­dung über­haupt möglich.

Die zwei­te offen­sicht­li­che Schwach­stel­le die­ser Stra­te­gie ist noch fata­ler, selbst wenn man es schaf­fen könn­te, von der Repres­si­on igno­rier­te Enkla­ven auf­zu­bau­en, in denen man einen »gro­ßen Zusam­men­bruch« aus­sit­zen könn­te. Wer ver­bürgt, daß die­ser jemals ein­tritt? Die meis­ten Vari­an­ten die­ses Den­kens impli­zie­ren, daß es einen inhä­ren­ten Selbst­zer­stö­rungs­trend des Bestehen­den gäbe. Ich bin in die­sem Punkt pes­si­mis­ti­scher. Wir befin­den uns in einer selt­sam sta­bi­len Syn­the­se der ratio­na­lis­ti­schen Sozi­al­tech­nik mit einer ata­vis­ti­schen Zivil­re­li­gi­on, des apo­li­ti­schen Hedo­nis­mus mit der uni­ver­sa­lis­ti­schen Moral. Statt einer schick­sals­haf­ten Kon­ver­genz der Kata­stro­phen, naht eher der »gro­ße Sab­bat« des letz­ten Men­schen. Ohne einen unab­seh­ba­ren »deus ex machi­na« mel­de­te sich die »Ver­haus­schwei­nung« in einer glo­ba­len, dena­tu­rier­ten, digi­ta­li­sier­ten, trans­hu­ma­nis­ti­schen Welt­ge­sell­schaft an. Das Ende der Geschich­te hat in den Zen­tren der mul­ti­kul­tu­rel­len Metro­po­len bereits begon­nen und brei­tet sich von dort über den Pla­ne­ten aus. Die Wüs­te wächst. Die Sehn­sucht und das Lei­den, aus denen unse­re Kri­tik erwächst, könn­ten für die­se Welt ein­fach unver­ständ­lich und irrele­vant sein.

Wor­in besteht nun eine stra­te­gi­sche Hand­lungs­op­ti­on für Kri­ti­ker die­ser schö­nen neu­en Welt? Ich stim­me akze­le­ra­tio­nis­ti­schen The­sen in eini­gen Punk­ten zu. Es gibt kein Zurück, die Brem­se ret­tet uns nicht, und wir kön­nen auch nicht vom fah­ren­den Zug absprin­gen. Ich sehe jedoch eine ent­schei­den­de Schwach­stel­le, die im ideo­lo­gi­schen Kern des Sys­tems liegt. Durch Ana­ly­se und geziel­ten Druck auf die­sen Schwach­punkt könn­te das Unvor­her­seh­ba­re erneut in die Geschich­te eintreten.

Unse­re Rol­le als erfolg­lo­ser Bela­ge­rer und unfrei­wil­li­ge ideo­lo­gi­sche Stüt­ze der Anti­fa-Gesell­schaft ist wie ein Schick­sal. Die Alter­na­ti­ve dazu ist nicht der Rück­zug in eine ver­lo­cken­de, aber irre­füh­ren­de Pseu­do­stra­te­gie des apo­li­ti­schen Bie­der­mei­ers und der rei­nen Meta­po­li­tik. Nur ein meta­po­li­ti­scher Ansatz, des­sen unver­brüch­li­ches Ziel die real­po­li­ti­sche Gestal­tungs­macht bleibt, ist die Opfer wert, die er mit sich bringt.

Wo liegt nun die rea­lis­ti­sche Hand­lungs­op­ti­on des rech­ten Lagers? Nur ein »metho­do­lo­gi­scher Pes­si­mis­mus« kann alle fal­schen Hoff­nun­gen auf einen »deus ex machi­na« besei­ti­gen, um den archi­me­di­schen Punkt offen zu legen, an dem wir anset­zen müs­sen. Jede Erwar­tung eines Zusam­men­bruchs, jedes Hof­fen auf Scho­nung durch den Geg­ner und jeder theo­re­tisch ver­klär­te »Fak­tor X« muß aus der Ana­ly­se aus­ge­schlos­sen wer­den. Auch die Beschwö­rung einer »schwei­gen­den Mehr­heit« und eines spon­ta­nen »Auf­wa­chens« gehört dazu. Statt­des­sen muß – frei von jeder Beschö­ni­gung – im fak­tisch Bestehen­den der inne­re Wider­spruch aus­ge­macht und ver­stärkt werden.

Über die­sen Ansatz­punkt kann und soll man wort­reich strei­ten. Ich ver­mu­te ihn im Wider­spruch zwi­schen der ver­spro­che­nen Mei­nungs­frei­heit und der herr­schen­den Leit­ideo­lo­gie. Die Demo­kra­tie, untrenn­bar mit der Idee eines Natio­nal­staa­tes und dem Volk als Abstim­mungs­ge­mein­schaft ver­bun­den, ist ein unver­zicht­ba­rer Teil der moder­nen Metaer­zäh­lung. Sie steht in kras­sem Wider­spruch zur Zivil­re­li­gi­on der Schuld und dem »Geist der Rache«, der den ideo­lo­gi­schen Kern unse­rer Gesell­schaft bil­det. Daß tat­säch­lich eine unde­mo­kra­ti­sche Ideo­lo­gie den Wes­ten beherrscht und als glo­ba­lis­ti­sche Ideo­lo­gie sei­ne Zukunft längst vor­ge­schrie­ben hat, ist mit der demo­kra­ti­schen Legi­ti­ma­ti­on der Macht unver­ein­bar. Eine kom­ple­xe Mei­nungs­kon­trol­le und Demo­kra­tie­si­mu­la­ti­on kaschiert den Kon­flikt zwi­schen demo­kra­ti­scher und uni­ver­sa­lis­ti­scher Metaer­zäh­lung. Ihr Wider­spruch bleibt solan­ge unsicht­bar, solan­ge die Mas­se dank media­ler Mei­nungs­kon­trol­le das wählt, was für sie vor­ge­se­hen ist. Abwei­chen­de Ent­schei­dun­gen wie der Bre­x­it, das »Nein« zum UN-Pakt und das »Ja« zu Trump sind Inter­fe­ren­zen. Sie wer­den als Betriebs­un­fäl­le gewer­tet, die durch »Auf­klä­rung«, sprich Pro­pa­gan­da, wie­der­gut­ge­macht wer­den müs­sen. Hier gerät das Sys­tem in Erklärungsnot.

Auf­ga­be eines rech­ten Akti­vis­mus muß es sein, die­se Momen­te in Quan­ti­tät und Qua­li­tät zu stei­gern. Durch geziel­te Pro­vo­ka­ti­on wird die nöti­ge offe­ne Zen­sur stän­dig erhöht wer­den, bis sie ent­we­der der Mei­nungs­frei­heit nach­gibt oder offen tota­li­tär wird. Die demo­kra­ti­sche Metaer­zäh­lung muß rekla­miert und gegen die uni­ver­sa­lis­ti­sche Ideo­lo­gie mobi­li­siert wer­den. Am Ende müs­sen die ideo­lo­gi­schen Ursu­pa­to­ren die direk­te Demo­kra­tie selbst für »rechts­ex­trem« erklä­ren. Die­se »Repres­si­ons­ak­ze­le­ra­ti­on« kann nur abso­lut legal, gewalt­frei und demo­kra­tisch sein.

Jede Form der Mili­tanz wirkt retar­die­rend und sys­tem­sta­bi­li­sie­rend. Sie recht­fer­tigt Repres­si­on, ver­rin­gert die Unter­stüt­zer­ba­sis und läßt das Wider­stands­po­ten­ti­al ver­küm­mern. Man muß den Geg­ner dazu brin­gen, die eige­nen Spiel­re­geln zu ver­let­zen. Gewalt­lo­sig­keit und Abgren­zung von jeg­li­chem Extre­mis­mus wer­den so zur schlimms­ten Dro­hung für die Eli­te. Der Druck muß so mode­rat wie mög­lich und so radi­kal wie nötig sein. Er muß für uns lang­fris­tig trag­bar, für den Geg­ner aber uner­träg­lich sein. Um ihn auf­recht­erhal­ten zu kön­nen, braucht es eben­falls Refu­gi­en, Rück­zugs­räu­me, Gegen­kul­tur und Theo­rie­ar­beit, die aber nicht als Selbst­zweck, son­dern als Ergän­zung fun­gie­ren. Gera­de weil der »Repres­si­ons­ak­ze­le­ra­tio­nis­mus« in sei­ner gewalt­lo­sen Front Auf­merk­sam­keit bin­det und Schlä­ge abfängt, kann der Frei­raum für sol­che Enkla­ven entstehen.

Die­ser Weg führt aber nicht in die länd­li­che Unsicht­bar­keit. Er führt uns in die Städ­te und die Uni­ver­si­tä­ten, auf die Stra­ßen und Dächer der geg­ne­ri­schen Macht­zen­tren. Er führt nicht weg von der Repres­si­on, son­dern mit­ten in sie hin­ein und durch sie hin­durch. Er ent­stellt das Sys­tem zur Kennt­lich­keit und macht sei­ne Fra­gi­li­tät sicht­bar. Der »Repres­si­ons­ak­ze­le­ra­tio­nis­mus« will kei­ne Brem­se zie­hen und kein Zurück zum sta­tus quo ante. Er ver­traut nicht naiv auf Rechts­staat­lich­keit und die Fair­neß des Geg­ners. Sei­ne Hoff­nung lebt im Wis­sen, daß wir, anders als die rebel­li­schen Lin­ken, noch nicht beim Ver­such der Ver­än­de­rung geschei­tert sind. Wir haben es noch nie wirk­lich ver­sucht. Es gibt kei­nen Grund zur Flucht, es sei denn, sie geht nach vorne.

 

Martin Sellner

Martin Sellner ist Kopf der österreichischen Identitären Bewegung.

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