Sind wir Teil des Plans?

PDF der Druckfassung aus Sezession 99/ Dezember 2020

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

Als wir 2017 damit beschäf­tigt waren, uns für den Ein­band von Mit Lin­ken leben vor einem »No-borders«-Graffito ablich­ten zu las­sen, latsch­te ein etwas ungus­tiö­ser jun­ger Mann an uns vor­bei, erkann­te den Licht­mesz und begann zu mot­zen: »Ihr seid doch eh kon­trol­lier­te Oppo­si­ti­on!« Der ernüch­tern­de Gedan­ke, daß auch unser neu­rech­ter Pro­test längst ein­ge­plant ist und daß er das Sys­tem, gegen das wir pro­tes­tie­ren, womög­lich sta­bi­li­siert, ärger­te mich. In der Tat schien ein paar weni­ge Jah­re lang der »Rechts­po­pu­lis­mus« an Ein­fluß zu gewin­nen, und unse­re außer­par­la­men­ta­ri­sche rech­te Oppo­si­ti­on beherrsch­te zumin­dest als Objekt den media­len Dis­kurs und bekam Lust auf poli­ti­sche Macht. Wer von der Macht zu kos­ten beginnt, kann nicht mehr gleich­zei­tig wahr­neh­men, wie die­se wirkt. Das Bild der Demo­kra­tie – lin­ke Regie­rung, rech­te Oppo­si­ti­on – hielt uns gefangen.

Es könn­te sein, daß das Jahr 2020 eini­ge Illu­sio­nen besei­tigt. Wer gegen­wär­tig Wider­stand gegen die »Coro­na­dik­ta­tur« oder den Gro­ßen Aus­tausch leis­ten will, sieht sich in der Posi­ti­on des Unter­le­ge­nen (wie Ste­phan Siber in einem Bei­trag im Heft 96 aus­ge­führt hat): Ihm steht eine glo­bal agie­ren­de, von oben nach unten durch­re­gie­ren­de Macht gegen­über. Groß­de­mons­tra­tio­nen gegen die Regie­rung, die Beru­fung auf ver­fas­sungs­mä­ßig garan­tier­te Bür­ger­rech­te und Sam­mel­kla­gen gegen die poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen kon­tern die Eli­ten durch Not­stands­ge­setz­ge­bung. Ent­schei­dend aber ist: die Oppo­si­ti­on dient als not­wen­di­ge Pro­jek­ti­ons­flä­che. Wenn das Volk rebel­liert, ist es selbst dar­an schuld, daß die Dau­men­schrau­ben enger ange­zo­gen wer­den. Die noto­risch unein­sich­ti­gen »Gefähr­der« braucht das Sys­tem außer­dem anschei­nend, um sei­ne Maß­nah­men zu rechtfertigen.

Die Vor­stel­lung vom sta­bi­li­sie­ren­den Wider­stand ist nicht neu. Die Anhän­ger der Kri­ti­schen Theo­rie der 1970er Jah­re hat­ten unter Her­bert Mar­cu­ses Schlag­wort von der »repres­si­ven Tole­ranz« ver­stan­den, daß ein »repres­si­ves« (also Frei­heit unter­drü­cken­des) poli­ti­sches Sys­tem tole­rie­re, daß es in ihm stän­dig Wider­stand gibt. Der Wider­stand steht also (ent­ge­gen sei­nem eige­nen Selbst­ver­ständ­nis) kei­nes­wegs außer­halb des Sys­tems, son­dern ist, so die hege­lia­ni­sche For­mel Ador­nos »immer schon dar­in auf­ge­ho­ben«. Das Sys­tem baue den Wider­stand ein­fach ein, und neh­me ihm so die revo­lu­tio­nä­re Wirk­sam­keit. So wer­de jeder Wider­stand in einem tech­no­lo­gisch hoch­ge­rüs­te­ten kapi­ta­lis­ti­schen Mas­sen­staat zum Instru­ment des Sys­tem­er­halts statt zu einem Instru­ment der Revo­lu­ti­on. Her­bert Mar­cu­se sprach von der »besieg­ten Logik des Protests«.

Der Gedan­ke einer »kon­trol­lier­ten Oppo­si­ti­on« ent­stammt einer ande­ren Denk­li­nie, die von den einen »Wahr­heits­be­we­gung«, von den ande­ren »Ver­schwö­rungs­theo­rien« genannt wird. Das pro­mi­nen­tes­te Bei­spiel der Len­kung einer con­trol­led oppo­si­ti­on ist die Figur des Gold­stein in Geor­ge Orwells 1984. Eine kon­trol­lier­te Oppo­si­ti­on dient dazu sicher­zu­stel­len, daß das herr­schen­de poli­ti­sche Sys­tem an der Macht bleibt, selbst wenn sich das Volk von den gegen­wär­ti­gen Macht­trä­gern ab- und der Oppo­si­ti­on zuwen­det. Sie wird bewußt auf­ge­baut, ihre Akteu­re geführt und finan­ziert, und zwar von den­sel­ben Mäch­ti­gen, die das herr­schen­de poli­ti­sche Sys­tem steu­ern. Die Oppo­si­ti­on ist also nur eine Schein­op­po­si­ti­on inner­halb des Rah­mens einer »Zuschau­er­de­mo­kra­tie« (Wal­ter Lipp­mann). Sie darf auf gewis­se Miß­stän­de kri­tisch hin­wei­sen, wes­halb ihr dann mit dem Sys­tem Unzu­frie­de­ne fol­gen, ver­schweigt aber die eigent­li­chen Hin­ter­grund­kräf­te als Ver­ur­sa­cher der Miß­stän­de. Sie absor­biert auf die­se Wei­se die Mög­lich­keit, das Sys­tem zu durch­schau­en und dadurch zu überwinden.

Bei­de Ansät­ze ope­rie­ren mit dem Begriff des »Sys­tems«. Um die­sen zu klä­ren, gehe ich auf Niklas Luh­manns Sys­tem­theo­rie zurück. Er beschreibt sozia­le Sys­te­me als Teil­be­rei­che der Gesell­schaft, die ope­ra­tiv geschlos­sen sind (also alles, was in ihrer Umwelt geschieht, nach dem sys­tem­in­ter­nen Code ver­ar­bei­ten, bei­spiels­wei­se das Poli­tik­sys­tem Macht / Ohn­macht oder Regie­rung / Oppo­si­ti­on) und zugleich umwelt­of­fen (also das, was in der Umwelt geschieht, beob­ach­ten kön­nen, z. B. wis­sen­schaft­li­che oder mora­li­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on in poli­ti­sches Klein­geld umwech­seln, so daß die Oppo­si­ti­on zum viro- oder ideo­lo­gi­schen »Super­sprea­der« gemacht wer­den kann). Das poli­ti­sche Sys­tem – das ist wich­tig zum Ver­ständ­nis des luh­mann­schen Ansat­zes – ist nicht das kon­kre­te Par­tei­en­sys­tem eines bestimm­ten Staa­tes, son­dern eine spe­zi­fi­sche Art der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Auch außer­par­la­men­ta­ri­sche Bewe­gun­gen kom­mu­ni­zie­ren im Code Macht / Ohn­macht, befin­den sich also inner­halb des poli­ti­schen Sys­tems. Solan­ge wir von Macht reden, sind wir poli­tisch. Mit Luh­mann ist es alles ande­re als erstaun­lich, wenn poli­ti­scher Wider­stand das Sys­tem sta­bi­li­siert, denn Gegen­be­ob­ach­tung ist in jeg­li­chem sozia­len Sys­tem funk­ti­ons­lo­gisch not­wen­dig: Es muß immer irri­tie­ren­de Kom­mu­ni­ka­tio­nen geben, die die Gren­ze des Sys­tems erst »tes­ten« und dann inte­griert werden.

Sind wir nun Teil des Plans? Auch die­ser Begriff schil­lert. Plä­ne sind, sys­tem­theo­re­tisch gedacht, Ver­zeit­li­chun­gen der Sys­tem­s­truk­tur. Der Nor­mal­zu­stand in einem jeden Sys­tem ist, daß Steue­rung statt­fin­det. Die­se ist also kein beson­ders per­ver­ser Fall von Ver­schwö­rung oder hin­ter­lis­ti­ger Rän­ke, son­dern die für kon­kre­te Akteu­re prin­zi­pi­ell nicht beob­acht­ba­re Hin­ter­grund­ar­beit des Sys­tems: Die eige­ne Kom­ple­xi­tät wird stän­dig unauf­fäl­lig redu­ziert, andern­falls das Sys­tem zum Erlie­gen käme. Plä­ne die­nen dazu, Ent­schei­dun­gen ohne son­der­li­ches Auf­he­bens (also ohne daß der Plan als sol­cher kom­mu­ni­ziert wird) von einer Ebe­ne auf die nächst­nied­ri­ge durch­zu­rei­chen. Ein Trai­ner gibt einem Spie­ler die Anwei­sung, einem ande­ren Spie­ler bei Gele­gen­heit etwas mit­zu­tei­len, aber nicht zu sagen, von wem der Tip stammt. Ein Leh­rer ver­tritt poli­ti­sche oder reli­giö­se Posi­tio­nen als Lehr­stoff, des­sen Schü­ler erfah­ren jedoch nie, was Minis­te­ri­en, Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten oder Didak­tik-Insti­tu­te davon wort­wört­lich zuvor fest­ge­legt haben, selbst der Leh­rer könn­te nicht retro­spek­tiv ange­ben, woher er sei­ne Posi­ti­on hat. Ein Offi­zier ermahnt einen Unter­of­fi­zier, sei­ne Mann­schaft neu­er­dings anders zu füh­ren. Die Mann­schaft ver­steht viel­leicht nicht oder kaum, daß die uner­war­te­te neue Situa­ti­on, in der sie ste­hen, gar nichts mit dem direk­ten Vor­ge­setz­ten zu tun hat, der die­se Situa­ti­on her­stellt. Man könn­te alle die­se All­tags­bei­spie­le als »Hin­ter­grund­mäch­te« beschreiben.

Für den Gesteu­er­ten unbe­merk­te Steue­rung fin­det auf allen Ebe­nen statt: im zwi­schen­mensch­li­chen All­tag, in Insti­tu­tio­nen wie Par­tei­en oder NGOs, in supra­na­tio­na­len Orga­ni­sa­tio­nen, auf der Ebe­ne der Koor­di­na­ti­on die­ser Orga­ni­sa­tio­nen, schließ­lich – struk­tu­rell genau­so unauf­fäl­lig und nor­mal – auf der Ebe­ne dar­über, wo nicht mehr von unten beob­acht­bar ist, woher die Befeh­le kommen.

Ich will auf die­ser obe­ren Ebe­ne ange­sie­del­te »Plä­ne« genau­er als geis­ti­ge Prin­zi­pi­en beschrei­ben. Blickt man auf die Sym­pto­me des poli­ti­schen Welt­ge­sche­hens, so las­sen sich mit der Zeit bestimm­te über­ge­ord­ne­te Prin­zi­pi­en dar­aus ablei­ten, deren Erschei­nungs­wei­sen stets mit der Macht ein­zel­ner über beein­fluß­ba­re ande­re zu tun haben. Ein sol­ches geis­ti­ges Prin­zip (unter zahl­rei­chen und grö­ße­ren ande­ren) ist die Illu­si­on von Kon­trol­le. Es han­delt sich dabei um einen psy­cho­lo­gi­schen Mecha­nis­mus, der ins­be­son­de­re in Situa­tio­nen wirkt, in denen der Mensch eigent­lich wenig oder kei­ne Kon­trol­le über die Ent­wick­lung der Ereig­nis­se hat. Grund­le­gen­de Vor­aus­set­zung ist »der Wil­le, ein bestimm­tes Ziel zu errei­chen« und »die wahr­ge­nom­me­ne Ver­bin­dung zwi­schen Ergeb­nis und eige­ner Handlung«.

Gelingt es nun einer Hin­ter­grund­macht, gleich auf wel­cher Ebe­ne, Sys­tem­kri­ti­kern den Ein­druck ihrer eige­nen Wirk­sam­keit zu ver­mit­teln, hat sie die­se über die Illu­si­on von Kon­trol­le zumin­dest teil­wei­se unter Kontrolle.

»Sobald sich eine ›Ver­schwö­rungs­theo­rie‹ im Netz ver­brei­tet, kann die geplan­te Ver­schwö­rung nicht mehr nach Plan statt­fin­den. Wür­de sie durch­ge­führt, wären die im Netz ver­brei­te­ten Theo­rien im Nach­hin­ein zur hell­se­he­ri­schen Wahr­heit geadelt. Wenn die Wahr­heit in die Lügen ein­si­ckert und von der Rea­li­tät bestä­tigt wird, kön­nen Ver­ant­wort­li­che zur Rechen­schaft gezo­gen wer­den. Das ris­kie­ren sie nicht. Also dis­po­nie­ren sie um. Die War­nun­gen im Netz haben die Coro­na-Dik­ta­to­ren also zu einer ande­ren Agen­da gezwun­gen. So funk­tio­niert das Inter­net. Ver­zwei­felt nicht, Freun­de, macht wei­ter!« schrieb ein Kom­men­ta­tor auf Sezes­si­on im Netz. Die­ser Glau­be an die eige­ne Wirk­sam­keit ist außer­or­dent­lich ver­füh­re­risch für Wahr­heits­su­cher und Info­krie­ger. Plan­än­de­run­gen wer­den ex post der eige­nen Akti­vi­tät zuge­schrie­ben statt dem Plan, der zwei­fels­oh­ne auch die »War­nun­gen im Netz« umfas­sen könnte.

Mar­tin Sell­ner beschreibt in sei­nem Bei­trag in die­sem Heft das poli­ti­sche Sys­tem der Bun­des­re­pu­blik als anti­fra­gil gegen­über lin­kem, aber poten­ti­ell fra­gil gegen­über rech­tem Wider­stand. Er sieht die Ver­letz­lich­keit dar­in, daß das Sys­tem sei­nem eige­nen Selbst­ver­ständ­nis als »frei­heit­li­cher Demo­kra­tie« immer stär­ker zuwi­der­han­deln muß durch immer stär­ke­re offe­ne Repres­si­on gegen rech­ten Wider­stand. Dar­aus lei­tet er eine Stra­te­gie der Pro­vo­ka­ti­on eben­die­ser Repres­si­on ab, denn – und hier denkt er klas­sisch mar­xis­tisch – jede »revo­lu­tio­nä­re Ver­än­de­rung wächst aus einem Wider­spruch zwi­schen der herr­schen­den Ideo­lo­gie und der rea­len Lage«.

Die Revo­lu­ti­ons­ma­schi­ne des im Ers­ten Welt­krieg gefal­le­nen fran­zö­si­schen His­to­ri­kers Augus­tin Cochin wur­de soeben ins Deut­sche über­setzt. Dar­in beschreibt Cochin die Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on aus den socie­tés pen­sées, den »Denk­ge­sell­schaf­ten«. Die­se berei­te­ten die Revo­lu­ti­on eigent­lich vor. Cochin beschreibt, wie zuerst das Anci­en Régime abge­räumt wur­de im Namen der »Frei­heit«, wodurch der Platz berei­tet wur­de für den nächs­ten Schritt, die Revo­lu­ti­on »der Ord­nung, sodaß die von uns beschrie­be­ne Maschi­ne ins Spiel kom­men konn­te. Die Funk­ti­on des zen­tra­len Räder­werks besteht tat­säch­lich dar­in, in jedem Moment, bei jeder Fra­ge, gegen jeden Wider­spruch das Argu­ment der voll­ende­ten Tat­sa­che zu ver­wen­den. Die Tabel­len und das Abha­ken [er bezieht sich hier auf die dama­li­ge Ver­wal­tungs­pra­xis, Anm. C. S., auch heu­te gibt es ver­teu­felt Ähn­li­ches] hat­ten kei­nen ande­ren Zweck. Das ist das Geheim­nis des Sys­tems – das ein­zi­ge, das die Ein­heit sichern kann.«

Cochins »Argu­ment der voll­ende­ten Tat­sa­che« läßt sich auch an der gegen­wär­tig ablau­fen­den glo­ba­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on beob­ach­ten. Nicht umsonst spricht der Grün­der des World Eco­no­mic Forum, Klaus Schwab, von der »vier­ten indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on«, die frei­lich kei­ne rein »indus­tri­el­le« oder öko­no­mi­sche ist, son­dern ein hybri­der Krieg gegen die Völ­ker durch mul­ti­pel auf­ein­an­der bezo­ge­ne Stra­te­gien: Kli­ma, Femi­nis­mus, Men­schen­rech­te, Migra­ti­on, Digi­ta­li­sie­rung, Plan­de­mie. Die Revo­lu­tio­nä­re sind die glo­ba­lis­ti­schen Eli­ten, nicht wir.

Die west­li­che Welt, so mei­ne Deu­tung der Gegen­wart mit Cochin, wird nach der »Revo­lu­ti­on der Frei­heit« (der Abräum­pha­se, deren Wucht seit den 60er Jah­ren rasant zunahm) gera­de in die nächs­te Revo­lu­ti­ons­pha­se über­führt: die­je­ni­ge der »Ord­nung«. Die­se Ord­nung gibt sich, als sei sie immer schon dage­we­sen. Sie braucht nicht mehr das Alte zu zer­stö­ren, denn das »neue Nor­mal« gilt, als habe es immer schon gegol­ten, als fait accom­pli. Die Pha­se der Umde­fi­ni­ti­on der Begrif­fe, Umer­zie­hung der Men­schen und des Umbaus der Wirt­schaft ist weit­ge­hend abge­schlos­sen, die voll­ende­ten Tat­sa­chen sind geschaf­fen. In die­sem Sta­di­um exis­tiert sys­tem­in­tern kein Wider­spruch mehr zwi­schen Demo­kra­tie als Prin­zip und der schon durch­ge­führ­ten Neu­de­fi­ni­ti­on von »Demo­kra­tie« samt All­tags­pra­xis. »Die Tat­sa­che stimmt in der Demo­kra­tie mit dem Prin­zip über­ein: es gibt kei­nen Herrn unter die­sem Regime, kei­ne Reprä­sen­tan­ten und Anfüh­rer. Das Volk ist frei.« (Augus­tin Cochin).

Die Revo­lu­ti­on der Ord­nung kann nicht mehr gestört wer­den, weder durch Auf­de­cken ihrer Maschi­ne­rie oder der »Feh­ler der Obrig­keit« noch durch Zuspit­zung ihrer »inne­ren Wider­sprü­che«. Es gibt kei­ne inne­ren Wider­sprü­che mehr. »Die Fra­gen, die Sehn­sucht und das Lei­den, aus denen neu­rech­ter Wider­stand erwächst, wer­den für kom­men­de Genera­tio­nen ein­fach unver­ständ­lich und irrele­vant gemacht«, schreibt Sell­ner. Das ist wahr, aber schon heu­te Wirklichkeit.

Wir weni­gen noch dar­an lei­den­den Ein­zel­nen, wir »tra­gi­schen Indi­vi­dua« (Rudolf Pann­witz) sind hyperapp­er­zi­pie­ren­de Über­bleib­sel. Glau­ben wir jedoch, es läge an uns selbst, daß die glo­ba­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on der Ord­nung auf­ge­hal­ten oder umge­kehrt wer­den könn­te, unter­lie­gen wir der oben geschil­der­ten Kon­trol­l­il­lu­si­on. Wer an die­ser Stel­le ein­wen­det, daß ich doch gar nicht wis­sen kön­ne, ob der »ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sche« oder rech­te Wider­stand illu­sio­när sei oder irgend­wann doch noch fruch­te, der ver­kennt das Wirk­prin­zip: gera­de die Mög­lich­keit, immer wie­der neu zu hof­fen, das eige­ne Han­deln sei womög­lich aus­schlag­ge­bend, ist der Köder.

Ist mein Befund nicht fürch­ter­lich defä­tis­tisch? Ich sprach über die­sen Vor­wurf mit dem oben erwähn­ten Ste­phan Siberm der mir fol­gen­den Gedan­ken nahe­leg­te: Defä­tis­mus heißt Mut­lo­sig­keit, Resi­gna­ti­on, Hoff­nungs­lo­sig­keit. Wenn ich erken­ne, daß ein Kampf mit den fal­schen Mit­teln geführt, aus­sichts­los ist, bin ich kein Defä­tist. Erkennt­nis­fort­schritt macht nicht hoff­nungs­los. Blie­be ich bei den alten Mit­teln (Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen, Akti­vis­mus, Info­krieg, Pro­vo­ka­ti­on, Gerichts­pro­zes­sen, Peti­tio­nen, Par­tei­ar­beit) und wür­de bemer­ken, daß sie nicht das Geplan­te bewir­ken, wüß­te aber nicht, daß es die fal­schen Mit­tel sind, hät­te ich allen Grund zur Hoff­nungs­lo­sig­keit. Dann könn­te man mir zu recht Defä­tis­mus vorwerfen.

Wenn ich aber weiß, daß ich nichts Äuße­res kon­trol­lie­ren kann, bin ich nicht ver­führ­bar, dies wie­der und wie­der zu ver­su­chen. Wenn ich sehe, daß das Sys­tem sich gera­de an uns sta­bi­li­siert, die Revo­lu­ti­ons­ma­schi­ne effek­tiv arbei­tet, wir die neue Ord­nung nicht mehr los­wer­den, kann ich das Gan­ze all­mäh­lich anneh­men als Wirk­lich­keit. Das ist beglei­tet von einem tie­fen Gefühl der Ohn­macht. Es ist das Gefühl, sich nicht mehr von sel­ber erhe­ben zu können.

»Selbst­ret­tung« heißt nicht pri­va­te Land- und poli­ti­sche Fah­nen­flucht, son­dern sich selbst in sei­ne Ver­fü­gung zu neh­men, erken­nend, daß man nur sich selbst not­dürf­tig unter Kon­trol­le brin­gen kann, und daß dies nicht ohne die Wir­kung der Gna­de mög­lich ist. Im Allein­sein wird sicht­bar: Wir sind nicht allein auf die­ser Welt. Wir sind Teil eines Plans, und zwar eines höhe­ren, der grund­sätz­lich sich des Bösen zum Guten zu bedie­nen weiß. Auch dies ist ein geis­ti­ges Prin­zip, ein wesent­lich grö­ße­res als das der Kontrollillusion.

»Der Gedan­ke an die­se Sach­ver­hal­te ist jeder jun­gen Genera­ti­on nahe­zu uner­träg­lich; und der inne­re Wider­stand gegen ihre Aner­ken­nung und gegen die ›Resi­gna­ti­on‹ derer, die sich ›abge­fun­den‹ haben ist gera­de­zu das unter­schei­den­de Merk­mal ech­ter Jugend­lich­keit. In die­sem Wider­stand aber lebt der unsterb­li­che Sinn des Men­schen für die ursprüng­li­che und ›eigent­li­che‹ Schöp­fungs­ord­nung der Welt, den der ech­te Christ auch dann nicht ver­liert, wenn er die inner­welt­lich unab­wend­ba­re Wirk­lich­keit der erb­sünd­li­chen Unord­nung, belehrt durch Erfah­rung, nicht nur ›begriff­lich‹, son­dern ›real‹ anzu­er­ken­nen gelernt hat« (Josef Pie­per, Vom Sinn der Tap­fer­keit, 1934).

 

Caroline Sommerfeld

Caroline Sommerfeld ist promovierte Philosophin und dreifache Mutter.

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