Über-Setzen: 100 Jahre Segen der Erde

von Jörg Seidel

PDF der Druckfassung aus Sezession 99/ Dezember 2020

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

Vor hun­dert Jah­ren erhielt der Nor­we­ger Knut Ham­sun den Lite­ra­tur­no­bel­preis für sein unsterb­li­ches Buch Segen der Erde. Die­ser Jahr­hun­der­t­ro­man gibt uns Gele­gen­heit, an einem Bei­spiel die Schwie­rig­keit des Über­set­zens zu ver­deut­li­chen. Wir wer­den sehen, daß nor­we­gi­sche Leser, die das Buch in der Ori­gi­nal­spra­che lesen kön­nen, ein ande­res lesen als deut­sche, eng­li­sche oder italienische.

Fol­gen­de The­se näm­lich: Der Reich­tum der eng­li­schen Spra­che, ver­gli­chen mit der deut­schen, ergibt sich aus zwei Tat­sa­chen: ihrem his­to­risch begrün­de­ten gro­ßen Wort­schatz und ihrer Kom­pakt­heit, d. i. die Fähig­keit, Din­ge in prä­gnan­ter Kür­ze auf den Punkt zu brin­gen. Deutsch hin­ge­gen bezieht sei­ne Attrak­ti­vi­tät aus der gram­ma­ti­schen Kom­ple­xi­tät. Es ist – neben dem anti­ken Grie­chisch – die abwä­gen­de, die phi­lo­so­phi­sche Spra­che schlecht­hin, wäh­rend sich Eng­lisch anschei­nend unauf­halt­sam als Welt­ver­kehrs­spra­che eta­bliert, als Spra­che der Schnel­lig­keit und Bewegung.

Dies sind, um es ver­ein­facht zu sagen, die Grün­de dafür, daß die deut­sche Meta­phy­sik seit Meis­ter Eck­hart bis hin zu Marx, Scho­pen­hau­er, Nietz­sche und Hei­deg­ger tief, auf­re­gend und umwäl­zend war (wäh­rend eng­li­sche Phi­lo­so­phie auf dem Kon­ti­nent fast immer als »lang­wei­li­ge« Ana­ly­ti­sche Phi­lo­so­phie rezi­piert wird und nur dort wirk­lich Auf­se­hen erreg­te, wo sie, wie etwa im Fal­le Ber­ke­leys, zu extre­men Ansich­ten gelang­te) und daß man einen guten Kri­mi oder flin­ke Wit­ze fast nur auf Eng­lisch zu Gesicht und Gehör bekommt. Die­sen zuge­ge­be­ner­ma­ßen etwas ober­fläch­li­chen Gedan­ken wei­ter­ge­spon­nen, wird man das Rus­si­sche und sei­ne Lite­ra­tur als emp­find­sam und beson­ders leidemp­find­lich auf­fas­sen kön­nen und das Fran­zö­si­sche als sen­si­bel und anre­gend. Einen Dos­to­jew­ski, Pas­ternak oder Solo­wjew kann es eben nur auf Rus­sisch geben, wie ein Vol­taire, Bau­de­lai­re und Proust nur auf Fran­zö­sisch denk­bar ist, und selbst noch Der­ri­da kaut inhalts­schwe­re Wör­ter wie der Con­nais­seur den gehalt­rei­chen Wein.

Spra­che »denkt«! Und was einer wie den­ken kann, das liegt ganz wesent­lich in sei­ner Spra­che ver­bor­gen. Das heißt auch, daß Über­set­zun­gen sprach­lich – also jen­seits der eigent­li­chen Über­set­zungs­qua­li­tät – stark dif­fe­rie­ren müs­sen. Das Ide­al – nur sel­ten erreicht – ist die adäqua­te Über­tra­gung. In den aller­meis­ten Fäl­len ist Über­set­zen ein Ver­lust­ge­schäft, in sehr sel­te­nen kann es aber auch einen Zuge­winn geben – und Ham­sun ist so ein Fall. Bestimm­te Spra­chen und / oder Autoren / Über­set­zer sind beson­ders gut in der Lage, gewis­se Text­for­men wie­der­zu­ge­ben. So hät­te ich etwa mei­ne Zwei­fel, ob Lam­pe­du­sas zau­ber­haft baro­ckes Il gat­to­par­do eine wirk­lich brauch­ba­re eng­li­sche Über­set­zung gefun­den haben kann, weiß umge­kehrt jedoch, daß eng­li­sche Kri­mis sich wun­der­bar ins Ita­lie­ni­sche über­tra­gen las­sen. Vie­le Jah­re lang las ich Ed McBain, fast alle sei­ner 100 Kri­mis um den 87th pre­cinct oder um Mat­thew Hope, und wohl die Hälf­te davon auf Ita­lie­nisch, weil And­rei­na Negret­ti die­sen Autor ­wirk­lich durch­drun­gen hat­te und weil sie über eine Spra­che ver­fügt, die ähn­lich schnell und poin­tiert agie­ren kann.

Ham­suns Spra­che ist nun kei­nes­wegs exal­tiert. Sie stellt den Über­set­zer nicht vor unlös­ba­re Kom­ple­xi­täts­pro­ble­me, wie das Tho­mas Mann tut oder – aus ande­ren Grün­den – James Joy­ce oder Hen­ry James oder Joseph Con­rad. Die ger­ma­ni­schen Spra­chen haben selbst­re­dend einen kla­ren Vor­teil. Grei­fen wir ganz will­kür­lich ein Bei­spiel her­aus – man könn­te das an nahe­zu jedem Satz vor­ex­er­zie­ren. Man darf aber auch das intrinsi­sche, unüber­wind­ba­re Pro­blem nicht aus­blen­den, daß es einer Leit­spra­che bedarf: Die ita­lie­ni­sche Über­set­zung muß also wie­der­um ins Deut­sche rück­über­setzt wer­den, zumin­dest für all jene, die des Ita­lie­ni­schen nicht mäch­tig sind. Neh­men wir einen unschul­di­gen Satz wie diesen:

 

»Sie tra­ten in die Hüt­te, aßen von ihrem Mund­vor­rat und tran­ken von ihrer Gei­ßen­milch; dann koch­ten sie Kaf­fee, den sie in einer Bla­se bei sich hat­te. Sie hat­ten es sehr behag­lich beim Kaf­fee, ehe sie schla­fen gin­gen. Nachts lag er da und war gie­rig nach ihr und bekam sie.«

 

Zur Erin­ne­rung: Isak hat­te sich ein Stück Land gero­det und dann kam irgend­wann Inger vor­bei, eine Frau mit Hasen­schar­te, und gesell­te sich ihm zu. Die Eng­län­der lesen:

 

»They went into the hut and took a bit of the food she had brought, and some of the goa­ts’ milk to drink; they then made cof­fee, that she had brought with her in a blad­der. Sett­led down com­for­ta­b­ly over their cof­fee until bed­ti­me. And in the night, he lay wan­ting her, and she was willing.«

 

Die Dif­fe­ren­zen sind zahl­reich. Poe­tisch auf­ge­la­de­ne, ver­zau­bern­de Voka­beln wie »Mund­vor­rat« und »Gei­ßenmlich« oder »ehe sie schla­fen gin­gen«, die den heu­ti­gen Leser zudem ganz anders anrüh­ren, als den vor 100 Jah­ren, wer­den im Eng­li­schen sehr pro­sa­isch und nahe­zu zeit­los mit »the food«, »goa­ts’ milk« oder »until bed­ti­me« wie­der­ge­ge­ben. Der zwei­te eng­li­sche Satz ver­zich­tet gänz­lich auf ein Sub­jekt und schafft dadurch ein ande­res Zeit­emp­fin­den, zer­hackt die Sze­ne­rie. Die gan­ze Sze­ne läuft auf den letz­ten Satz hin­aus: die bei­den wer­den ein Paar. Der eng­li­sche Über­set­zer ist mutig und nutzt die im Eng­li­schen oft ver­pön­te Kon­junk­ti­on »und« am Satz­an­fang, um die Kli­max her­aus­zu­ar­bei­ten. Umge­kehrt nutzt die deut­sche Über­set­zung die Kon­junk­ti­on gleich zwei Mal im Satz und betont damit die Fol­ge­rich­tig­keit des inti­men Aktes. Aber am offen­sicht­lichs­ten ist wohl der Unter­schied zwi­schen »war gie­rig nach ihr« und »lay wan­ting« sowie »bekam sie«, also pas­siv, ver­sus »she was wil­ling«, also aktiv. Die Ita­lie­ner lesen nun:

 

»Ent­ra­no nel­la capan­na, man­gi­a­ro­no le prov­vis­te por­ta­te da Inger e bev­vero il lat­te del­le cap­re di Isak; fece­ro anche scal­da­re del caf­fè che Inger ave­va in una vescia, e si ripo­sa­ro­no fino all‘ora dell son­no. La not­te, egli la desi­derò e la ebbe.« (16)

 

Wie zu erwar­ten, ist der Text der kür­zes­te. 56 eng­li­schen und 49 deut­schen ste­hen 43 ita­lie­ni­sche Wör­ter gegen­über. Aller­dings muß man vor­sich­tig sein, denn wie man sieht, prä­sen­tiert uns die ita­lie­ni­sche Über­tra­gung eine bis zur Unkennt­lich­keit ver­än­der­te Situa­ti­on. Deutsch und Eng­lisch kom­men bei­de ohne Namen aus, erset­zen sie durch Per­so­nal­pro­no­men, wäh­rend im Ita­lie­ni­schen gleich drei Mal die Namen fal­len! Sie trin­ken auch nicht ein­fach Zie­gen­milch, von der man nicht weiß, woher sie kommt, son­dern Milch von Isaks Zie­gen. Tat­säch­lich hat­te Isak sich Zie­gen, die ers­ten sei­ner Tie­re, zuge­legt. Das Wort »prov­vis­te« bedeu­tet »Vor­rä­te« und kenn­zeich­net einen wesent­li­chen Cha­rak­ter­zug Ingers, der dem eng­li­schen Leser voll­kom­men ent­geht. Im Ita­lie­ni­schen hat Inger die­sen Vor­rat gebracht (»por­ta­te da Inger«), ver­mut­lich mit Vor­satz (Ver­füh­rung), wäh­rend man im Deut­schen »nur« »von ihrem Mund­vor­rat« ißt, den sie zur Eigen­ver­sor­gung bei sich trug. Den­noch: »Mund­vor­rat« schlägt poe­tisch »Vor­rat«.

Den deut­schen Satz »Sie hat­ten es sehr behag­lich beim Kaf­fee, ehe sie schla­fen gin­gen« muß der Ita­lie­ner ganz anders emp­fin­den: »e si ripo­sa­ro­no fino all‘ora dell son­no« könn­te man (inhalt­lich) wort­wört­lich mit »und sie ruh­ten sich aus bis zur Stun­de des Schla­fes« über­set­zen, wobei die »Unbe­hol­fen­heit« des Deut­schen auf­fällt, die das schö­ne Wort »ripo­sa­re« wohl mit »sich aus­ru­hen« wie­der­ge­ben müß­te. Bis auf das ­Fina­le scheint hier fast alles miß­lun­gen, die­ses wie­der­um sitzt per­fekt (am Bild gemes­sen, nicht am Ori­gi­nal­text): Man hät­te auch schrei­ben kön­nen »Nel­la not­te« oder »Duran­te la not­te«, aber die kur­ze Form »La not­te«, gram­ma­tisch wahr­schein­lich sogar zwei­fel­haft, wirkt wie ein Kano­nen­schuß, wie eine Zäsur. Der Leser weiß hier schon, daß nun etwas Beson­de­res gesche­hen wird. »Egli la desi­derò e la ebbe« ist in sei­ner Anti­ki­sie­rung (»egli«, »ebbe«) und im stren­gen Prä­ter­itum fast von bibli­scher Schönheit.

Man sieht: es ist nicht schwarz und weiß. Jewei­li­ge Spra­che und Über­set­zer leis­ten von Zei­le zu Zei­le Unter­schied­li­ches und doch sum­miert es sich am Ende zu einem Gesamt­ein­druck. Das letz­te Wort soll­te frei­lich Ham­sun haben.

 

»De gik ind i gam­men og åt av hen­des nis­te og drak av hans gjeit­mælk; så kok­te de kaf­fe som hun had­de med in en blæ­re. De koset sig med kaf­fe før de gik til­sengs. Han lå og var grå­dig efter hen­de om nat­ten og fik hen­de.« (147)

 

Nur 47 Wör­ter benö­tigt Ham­sun! Und dabei leis­tet er sich sogar einen aus­gie­bi­gen Gebrauch der Kon­junk­ti­on »und«, die für ihn typisch ist und deren Beherr­schung eines sei­ner Erfolgs­ge­heim­nis­se war. Man kann mit ihr wun­der­bar Bewe­gun­gen erzeu­gen und Geschwin­dig­kei­ten kontrollieren. 

Hier kommt der ers­te Satz in Wel­len­form, der dem­nach eine inne­re Not­wen­dig­keit der kom­men­den Ent­wick­lung andeu­tet, die zwangs­läu­fig im Bett und damit im Sich-ver­spre­chen der bei­den enden muß. Das wird durch die Beto­nung des Nah­rungs­mit­tel­aus­tau­sches auch sym­bo­lisch ange­deu­tet: sie ver­mi­schen sich – sie trin­ken sei­ne Zie­gen­milch und ihren Kaf­fee. Man spürt förm­lich, wie die anfäng­li­che Scheu vor­ein­an­der einer­seits durch Geschäf­tig­keit (»und«) und ande­rer­seits durch Gemüt­lich­keit ver­lo­ren geht. Das Verb »at kose« – es sich gemüt­lich machen – dürf­te ety­mo­lo­gisch mit dem deut­schen »kosen« ver­wandt sein. Heu­te wird sein Äqui­va­lent, das däni­sche »hyg­ge« fast zur Ersatz­re­li­gi­on sti­li­siert. Wär­me und Satt­heit machen müde, aber die ero­ti­sche Span­nung, die sich schon aus der Situa­ti­on – allein mit einer Frau / einem Mann in einem Raum zu sein – ergibt, bleibt spür­bar. So mögen sie gele­gen haben, ver­schämt und gleich­zei­tig wis­send, was kom­men muß und wir wis­sen nicht, wie sie zuein­an­der fan­den. Viel­leicht ging es sogar mit Gewalt zu, denn das ger­ma­ni­sche »grå­dig« (»gie­rig«), das ist schon sehr expli­zit – zu sehr für den prü­den und libe­ra­len Eng­län­der, der dar­aus ein »wan­ting« mach­te und noch mehr für den galan­ten Ita­lie­ner, der die Lie­be ganz anders defi­niert und sei­nem Leser ein »wün­schen« oder »begeh­ren« (»desi­deró«, Prä­ter­itum) vor­gau­keln muß …

Das alles lie­ße sich ganz exem­pla­risch schon am Titel des Buches nach­wei­sen. Mar­kens Grø­de, die­se ein­fa­che Geni­tiv­kon­struk­ti­on, läßt im Ori­gi­nal meh­re­re Töne anklin­gen. Das alte deut­sche Wort »Mark«, das weit und geheim­nis­voll in die Tie­fe der Spra­che zurück­greift – Ste­fan Geor­ge hat­te das Wort in Poe­sie ver­zau­bert –, läßt eini­ges davon erah­nen. Im Nor­we­gi­schen ist es unter ande­rem »die Erde«, »der Boden«, »das Land« – alles mythi­sche Voka­beln. Im Sub­stan­tiv »Grø­de« ver­birgt sich das Verb »at gro«: »wach­sen«. Heu­te wird es vor allem im land­wirt­schaft­li­chen Sin­ne der »Ern­te« und der »Zucht«, »Wachs­tum« (»avling«) ver­stan­den. Wort­wört­lich über­setzt lau­te­te der Titel also »Der Erde Ern­te« oder »Des Lan­des Wachs­tum«, »Die Frucht des Ackers« oder »Ern­te des Fel­des« etc.

Die­sen Weg ging die eng­li­sche Über­set­zung mit »Growth of the Soil« – that’s it! »Il ris­ve­glio del­la ter­ra« hin­ge­gen, lie­fert ein ande­res Bild, denn »ris­ve­glio« ist ein­deu­tig und heißt »Erwa­chen«. Beim ita­lie­ni­schen Ham­sun erwacht also die Erde. 

Was die ers­te deut­sche Über­set­ze­rin Pau­li­ne Klai­ber dar­aus gemacht hat, ist ein Genie­streich! – das kon­no­ta­tiv rei­che, meta­phy­sisch auf­ge­la­de­ne und fast mys­ti­sche »Segen der Erde« (Ähn­lich nur noch das unga­ri­sche »Áldott anyaf­öld« – Geseg­ne­te Mut­ter­er­de!). Sie ver­leiht dem Buch damit eine qua­si-reli­giö­se Aura – und genau so muß man es lesen … aber nur auf Deutsch und auf Nor­we­gisch! An sol­chen Stel­len wird das Tie­fe und Mythi­sche der deut­schen Spra­che evi­dent. Sie reicht in eine ein­ma­li­ge See­len­ver­fas­sung hin­ab, in ein sin­gu­lä­res kul­tu­rel­les Ereig­nis und Wer­den, des­sen Schatz es zu bewah­ren gilt. Deut­sche Spra­che ist Phi­lo­so­phie, ist Meta­phy­sik, ist Mys­te­ri­um, ist Hei­mat und Hege. Wer auch nur eines davon besei­ti­gen oder rela­ti­vie­ren will, gräbt die Wur­zel aus, von der er lebt.

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