Mishimas Geste

PDF der Druckfassung aus Sezession 99/ Dezember 2020

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Als sich der 78jährige His­to­ri­ker Domi­ni­que Ven­ner am 21. Mai 2013 vor dem Haupt­al­tar der Kathe­dra­le von Not­re Dame de Paris eine Kugel in den Kopf schoß, ver­stan­den nur weni­ge Men­schen, war­um er dies getan hat­te. Für die bür­ger­li­chen Kon­ser­va­ti­ven war der ehe­ma­li­ge Akti­vist der OAS ein kran­ker und bedau­erns­wer­ter Mensch, für die Pres­se nichts wei­ter als ein »Rechts­ex­tre­mist«, der lächer­li­cher­wei­se gegen die »Homo-Ehe« pro­tes­tie­ren woll­te. Ein Blick in Ven­ners letz­te öffent­li­che Erklä­run­gen zeigt, daß es ihm um weit­aus mehr ging. Er woll­te mit allen Fasern sei­ner Exis­tenz eine Ant­wort auf die töd­li­che, her­ab­wür­di­gen­de Deka­denz des Abend­lan­des schlecht­hin geben: »Ich hal­te es für not­wen­dig, mich zu opfern, um uns aus der Lethar­gie zu rei­ßen, die uns gefan­gen hält. Ich ver­zich­te auf den Rest Leben, der mir noch bleibt, für einen grund­le­gen­den Akt des Protestes.«

Ven­ner hat­te die Tat mit der nüch­ter­nen Ziel­ge­richt­etheit eines Sol­da­ten oder anti­ken Stoi­kers aus­ge­führt. Eini­ge sei­ner Impul­se hat­te er jedoch aus dem Osten emp­fan­gen. In sei­nem letz­ten Buch, das den Titel Ein Samu­rai aus Euro­pa trägt, wid­me­te Ven­ner dem tra­di­tio­nel­len Japan ein aus­führ­li­ches Kapi­tel. Im Bus­hi­dō, dem »Weg des Krie­gers« der alten Samu­rai, erblick­te er ein vor­bild­li­ches krie­ge­risch-aris­to­kra­ti­sches Ethos, ver­edelt durch die Pra­xis des Zen, die dem Dasein im Hier und Jetzt gleich­zei­tig zu- und abge­wandt ist. Das Sym­bol des Samu­rai ist die fal­len­de Kirsch­blü­te, denn er muß imstan­de sein, sich mit der­sel­ben stil­len Leich­tig­keit von der Ver­haf­tung an sei­ne Exis­tenz zu lösen.

Das bedeu­tet auch, daß er jeder­zeit bereit sein muß, für sei­nen Herrn und sei­ne Ehre zu töten und zu ster­ben. Er ist, wie Jona­than Bow­den for­mu­lier­te, Pries­ter-Mönch und Kil­ler­ma­schi­ne in Per­so­nal­uni­on, stets dar­um bemüht, sei­ne inne­re und äuße­re Hal­tung zu bewah­ren. Das Ethos des Samu­rai kul­mi­niert im ritu­el­len Frei­tod durch Bau­ch­auf­schlit­zen, genannt »Hara­ki­ri« oder »Seppu­ku«, wie er seit dem 12. Jahr­hun­dert gebräuch­lich wur­de. Der Samu­rai, der sein Gesicht durch eine Pflicht­ver­let­zung, ein Ver­sa­gen oder einen Geset­zes­ver­stoß ver­lo­ren hat­te, konn­te auf die­se Wei­se die Ehre sei­nes Namens wie­der her­stel­len. Er konn­te damit auch die Treue zu sei­nem Fürs­ten bekräf­ti­gen, wenn die­ser es erlaub­te. Die­se Art des Todes war äußerst qual­voll und erfor­der­te eine enor­me Wil­lens­kraft. Voll­zo­gen im Fer­sen­sitz, wur­de dabei der Ober­kör­per ent­blößt und ein schar­fer Tan­tō-Dolch am Bauch unter­halb des Nabels ange­setzt. Der Schnitt erfolg­te von links nach rechts, mit einer abschlie­ßen­den ruck­ar­ti­gen Bewe­gung nach oben. Wäh­rend Blut und Ein­ge­wei­de aus sei­nem Leib quol­len, durf­te der Samu­rai kei­ne Mie­ne ver­zie­hen. Wenn er den Kopf senk­te, war dies das Signal an sei­nen Adju­tan­ten, ihn mit einem Schwert­hieb zu ent­haup­ten, um sein Lei­den zu ver­kür­zen. Zwar wur­de der Seppu­ku 1868 im Zuge der Moder­ni­sie­rung Japans unter Kai­ser Mei­ji (1852 – 1912) ver­bo­ten, aller­dings noch bis zum Ende des Zwei­ten Welt­kriegs praktiziert.

Das Bei­spiel der Samu­rai oder der anti­ken Römer zeig­te in Ven­ners Augen, daß der selbst­ge­wähl­te Tod »zugleich den stärks­ten Pro­test gegen eine Schan­de wie auch ein Ent­zün­den der Hoff­nung« bedeu­ten kann. Er ver­wies dabei expli­zit auf den 1925 gebo­re­nen Schrift­stel­ler Yukio Mishi­ma, der am 25. Novem­ber 1970 durch Seppu­ku aus dem Leben geschie­den war, gefolgt von sei­nem Adju­tan­ten Masakatsu Mori­ta. Ihre Tat war der ers­te und blieb der bis­lang letz­te ritu­el­le Selbst­mord in Japan seit 1945.

Die Unter­schie­de zu Ven­ner sind aller­dings erheb­lich: Mishi­ma war zum Zeit­punkt sei­nes Todes kein intel­lek­tu­el­ler Außen­sei­ter, son­dern einer der bekann­tes­ten und erfolg­reichs­ten Schrift­stel­ler sei­nes Lan­des, der als Roman­cier, Dra­ma­ti­ker, Lyri­ker und Essay­ist als Anwär­ter auf den Nobel­preis gehan­delt wur­de. Er galt als ego­zen­tri­scher Selbst­dar­stel­ler, der unzäh­li­ge Rol­len in sei­nem Reper­toire hat­te: Wenn er vor lite­ra­ri­schen Gesell­schaf­ten sprach, klei­de­te er sich wie erfolg­rei­cher Ban­kier, wenn er Jour­na­lis­ten in sei­ner stil­voll ein­ge­rich­te­ten Luxus­vil­la emp­fing, gab er den läs­si­gen Dan­dy. Er führ­te eine kon­ven­tio­nel­le bür­ger­li­che Exis­tenz mit Frau und Kin­dern, wäh­rend er im nächt­li­chen Tokio Schwu­len­bars fre­quen­tier­te. Der Body­buil­ding-Enthu­si­ast posier­te mit gestähl­tem nack­tem Ober­kör­per vor erst­klas­si­gen Pho­to­gra­phen, als grim­mi­ger Krie­ger mit gezück­tem Schwert oder in schwüls­ti­gen homo­ero­ti­schen Insze­nie­run­gen. Zusätz­lich war er ein ­preis­ge­krön­ter ­Ken­dō-Kämp­fer und spiel­te Haupt­rol­len in Yaku­za- und Samu­rai-Fil­men. Er war einer­seits tief in der japa­ni­schen lite­ra­ri­schen Tra­di­ti­on ver­wur­zelt, ande­rer­seits ein glü­hen­der Ver­eh­rer und Ken­ner euro­päi­scher Autoren wie Nietz­sche, Ril­ke, Oscar Wil­de oder Tho­mas Mann.

In den letz­ten fünf Jah­ren sei­nes Lebens kam eine neue Rol­le hin­zu, die aller­dings schon lan­ge auf ihre Ent­fal­tung gewar­tet hat­te. Wäh­rend sich die stu­den­ti­sche Jugend zuneh­mend nach links radi­ka­li­sier­te, bekann­te sich Mishi­ma zu rechts­ra­di­ka­len Posi­tio­nen und plä­dier­te für eine Rück­kehr zum Impe­ria­lis­mus, Mili­ta­ris­mus und Kai­ser­kult der Vor­kriegs­zeit. Er ver­sam­mel­te eine Trup­pe von etwa hun­dert rech­ten Stu­den­ten um sich, für die er gelb­brau­ne Uni­for­men mit gol­de­nen Knöp­fen ent­warf. Sie durf­ten mit Geneh­mi­gung der japa­ni­schen Streit­kräf­te in staat­li­chen Mili­tär­an­la­gen trai­nie­ren. Mishi­ma ver­stand die »Tate­no­kai«, die »Schild­ge­sell­schaft«, als kai­ser­treue »spirituelle«Armee, die den Geist der Samu­rai neu bele­ben soll­te. Die meis­ten Beob­ach­ter im In- und Aus­land sahen dar­in nur eine wei­te­re Eska­pa­de des noto­ri­schen Exzen­tri­kers. Und doch mach­te die­se »Ope­ret­ten­ar­mee« eines Tages Ernst, wenn auch auf eine völ­lig uner­war­te­te Weise.

Der bri­ti­sche Jour­na­list Hen­ry Scott Sto­kes hat die Gescheh­nis­se, 1985 packend von Paul Schra­der ver­filmt, minu­ti­ös über­lie­fert: Mishi­ma besuch­te am genann­ten Schick­sals­tag mit vier sei­ner engs­ten Getreu­en einen Gene­ral namens Mashi­ta in sei­nem Büro der Ichi­ga­ya-Kaser­ne in Tokio. Es war 11 Uhr vor­mit­tags, die fünf Män­ner erschie­nen in vol­ler Uni­form. Mishi­ma zeig­te Mashi­ta eines sei­ner wert­volls­ten Sammler­stücke: ein Schwert, des­sen frisch geschlif­fe­ne Klin­ge aus dem 17. Jahr­hun­dert stamm­te. Auf ein Signal­wort pack­ten die Schild­wäch­ter den Gene­ral, fes­sel­ten ihn auf einen Stuhl und ver­bar­ri­ka­dier­ten die Türen. Es war etwa 11 Uhr 30, als Mishi­ma durch eine zer­bro­che­ne Fens­ter­schei­be sei­ne For­de­run­gen stell­te: Punkt zwölf soll­ten sich sämt­li­che Sol­da­ten der Gar­ni­son, etwa tau­send Mann, vor dem Gebäu­de des Haupt­quar­tiers ver­sam­meln und schwei­gend eine Anspra­che anhö­ren. Danach soll­te ein Waf­fen­still­stand von neun­zig Minu­ten ein­tre­ten. Nach Ablauf die­ser Frist wer­de der Gene­ral unver­letzt frei­ge­las­sen wer­den. Soll­ten die­se Bedin­gun­gen nicht erfüllt wer­den, wer­de er, Mishi­ma, den Gene­ral töten und anschlie­ßend Selbst­mord bege­hen. Der Stab wil­lig­te ein, infor­mier­te jedoch auch die Poli­zei. Bald tra­fen unter Sire­nen­ge­heul gan­ze Wagen­ko­lon­nen und Hub­schrau­ber­ge­schwa­der bei der Kaser­ne ein. Mishi­ma und sei­ne Getreu­en hat­ten nun tra­di­tio­nel­le Stirn­bän­der ange­legt, wie sie auch von den Kami­ka­ze-Pilo­ten vor ihren Todes­flü­gen getra­gen wur­den. In der Mit­te der »hachi­ma­ki« prang­te die rote Son­ne Japans, flan­kiert von einem Leit­spruch der ­mit­tel­al­ter­li­chen ­Samu­rai: »Die­ne der Nati­on sie­ben Leben lang!«. Sie betra­ten durch ein Fens­ter den gro­ßen Bal­kon vor Mashi­tas Büro und ent­roll­ten Spruch­bän­der über die Brüstung.

Als Mishi­ma auf der Balus­tra­de erschien, die weiß behand­schuh­ten Hän­de her­aus­for­dernd in die Hüf­ten gestemmt, wur­de er von den ver­sam­mel­ten Sol­da­ten aus­ge­buht und beschimpft. Rund­um herrsch­te ohren­be­täu­ben­der Lärm: Hub­schrau­ber­don­ner, Sire­nen und Moto­ren von Poli­zei­au­tos, Pres­se­fahr­zeu­gen und Not­arzt­wa­gen. Mishi­ma brach sei­ne Rede nach weni­gen Minu­ten ab, denn nie­mand konn­te oder woll­te ihn hören. Er hat­te nichts Gerin­ge­res vor, als die Armee, die er als »Nip­pons See­le« ansprach, zu einem Putsch auf­zu­ru­fen, um end­lich ein Ende zu machen mit Fremd­be­stim­mung, Mate­ria­lis­mus und Libe­ra­lis­mus. Mit Atom­bom­ben zur bedin­gungs­lo­sen Kapi­tu­la­ti­on gezwun­gen, war die Kai­ser­lich-Japa­ni­sche Armee, die es einst mit Ruß­land, Chi­na und den USA auf­ge­nom­men hat­te, kas­triert und zur Pas­si­vi­tät ver­dammt wor­den. Sie trug nun den Namen »Selbst­ver­tei­di­gungs­streit­kräf­te« (Jiei­tai) und dien­te einem Land, das von der soge­nann­ten Libe­ral­de­mo­kra­ti­schen Par­tei regiert wurde.

Mishi­ma woll­te die Jiei­tai wach­rüt­teln: »Wir wer­den euch Wer­te zei­gen, die grö­ßer sind als Ach­tung vor dem Leben. Nicht Frei­heit, nicht Demo­kra­tie. Es geht um Nip­pon! Nip­pon, das Land der Geschich­te und der Tra­di­ti­on.« Er kam indes gar nicht dazu, die­se Sät­ze aus sei­nem Abschieds­ma­ni­fest vor­zu­tra­gen. »Habt ihr das Ethos der Krie­ger stu­diert?«, rief er den Sol­da­ten zu, wäh­rend über ihm die Poli­zei­hub­schrau­ber knat­ter­ten. »Kennt ihr den Sinn des Schwer­tes? Seid ihr Män­ner? Seid ihr Bushi? Ich sehe, ihr seid kei­ne Män­ner. Ihr wer­det nicht rebel­lie­ren. Mein Traum von der Jiei­tai hat sich nicht erfüllt.« Mishi­ma und Mori­ta schrien nun mit aller Kraft das drei­fa­che Tra­di­ti­ons-Salut: »Ten­no Hei­ka Ban­zai! Lang lebe der Kai­ser!« Anschlie­ßend stie­gen sie durch das Fens­ter in das Büro des Gene­rals zurück. Mishi­ma ent­klei­de­te sei­nen Ober­kör­per und streif­te sei­ne Hose ab. Er trug nun nur noch ein wei­ßes Len­den­tuch, bezog Stel­lung und setz­te den drei­ßig Zen­ti­me­ter lan­gen Dolch an sei­nem Unter­bauch an. Er rief erneut den ­drei­fa­chen Salut auf den Kai­ser. Dann ramm­te er den Dolch mit aller Wucht in die Bauch­de­cke und voll­ende­te unter größ­ter Anstren­gung den Quer­schnitt. Mori­ta, dem die Auf­ga­be der Ent­haup­tung mit dem anti­ken Schwert zufiel, ver­fehl­te Mishi­mas Kopf zwei­mal und streif­te nur sei­nen Rücken und sei­ne Schul­tern. Die­ser lag nun röchelnd auf dem roten Tep­pich, wäh­rend sei­ne Gedär­me her­vor­quol­len. Der drit­te Hieb trenn­te den Hals durch, aus dem eine Blut­fon­tä­ne schoß. Der Schild­wäch­ter Furu-Koga über­nahm das Schwert und schlug Mishi­mas Kopf ab. Dann war Mori­ta selbst an der Reihe.

Zu Mishi­mas offi­zi­el­ler Trau­er­fei­er in ­Tokio erschie­nen zehn­tau­sen­de Besu­cher, mehr als je zuvor zu einem sol­chen Anlaß. Das bedeu­te­te aller­dings nicht, daß sein Seppu­ku und sei­ne Bot­schaft gebil­ligt wur­den, ganz im Gegen­teil: die japa­ni­sche Gesell­schaft reagier­te über­wie­gend mit Ableh­nung auf die­se Tat eines offen­bar Wahn­sin­ni­gen – und war doch zutiefst erschüt­tert wor­den. Sei­nen gewalt­sa­men Akt ernst­zu­neh­men, so bemerk­te die Schrift­stel­le­rin Mar­gue­ri­te Your­ce­n­ar, bedeu­te­te für sie, »ihrer Apa­thi­sie­rung durch die Nie­der­la­ge und den Pro­zeß der Moder­ni­sie­rung eben­so abzu­schwö­ren wie der dar­auf fol­gen­den wirt­schaft­li­chen Pro­spe­ri­tät. Bes­ser war es da schon, in die­ser Ges­te ledig­lich eine heroi­sche und absur­de Mischung von Lite­ra­tur, Thea­ter und dem Bedürf­nis zu sehen, sich selbst ins Gespräch zu bringen.«

Es war jedoch gera­de ihr künst­le­risch-ritu­el­ler Cha­rak­ter, der Mishi­mas Tat weit über einen bloß poli­ti­schen Pro­test­akt hin­aus­hob. Sie voll­ende­te das meta­li­te­ra­ri­sche, extre­mis­ti­sche Gesamt­kunst­werk namens »Yukio Mishi­ma«, des­sen bür­ger­li­cher Name Kimita­ke Hirao­ka lau­te­te. »Yukio« war von dem japa­ni­schen Wort für »Schnee« abge­lei­tet, »Mishi­ma« ist eine Ort­schaft, die einen beson­ders pracht­vol­len Aus­blick auf den Gip­fel des Fuji­ja­ma bie­tet. Mishi­ma war sich völ­lig im Kla­ren, daß sein qui­chot­ti­scher Auf­tritt nur sym­bo­li­schen Cha­rak­ter hat­te und sich die Jiei­tai sei­ner neo-impe­ria­lis­ti­schen Rebel­li­on nicht anschlie­ßen wür­den. In die­sem Sin­ne hat­te er tat­säch­lich »Thea­ter« gespielt. Daß die Sol­da­ten ihm nicht ein­mal zuhör­ten, son­dern nur mit Zorn, Spott und Ver­ständ­nis­lo­sig­keit reagier­ten, war eine unge­plan­te, aber pas­sen­de dra­ma­tur­gi­sche Wen­de: Sie unter­strich sei­ne Ein­sam­keit und die abso­lu­te Unzeit­ge­mäß­heit sei­ner Akti­on. Ist das Opfer für eine edle Sache nicht noch schö­ner und vor­neh­mer, wenn die­se ret­tungs­los ver­lo­ren ist?

Das Stre­ben nach Schön­heit ist der ent­schei­den­de Schlüs­sel zu Mishi­mas dra­ma­ti­schem Abgang. Es han­delt sich dabei aller­dings um eine fremd­ar­ti­ge, erschre­cken­de Art von Schön­heit, die sich eben­so auf japa­ni­sche Tra­di­tio­nen wie auf per­sön­li­che Obses­sio­nen des Autors zurück­füh­ren läßt. Mishi­ma beton­te ger­ne das Dop­pel­ge­sicht der japa­ni­schen Kul­tur, die Dua­li­tät von »Chry­san­the­me und Schwert«, die das zar­tes­te und ele­gan­tes­te Raf­fi­ne­ment mit einer unge­heu­er­li­chen Bru­ta­li­tät und Grau­sam­keit zu ver­bin­den ver­steht. Die­se Sen­si­bi­li­tät allein kann sei­ne Tat jedoch nicht erklä­ren. Der frei­wil­lig aus dem Leben schei­den­de Mensch gibt sei­ner Nach­welt stets unlös­ba­re Rät­sel auf. Ven­ner hat­te in einem sei­ner letz­ten Tex­te Mar­tin Hei­deg­ger ins Spiel gebracht: »Wir soll­ten uns auch dar­an erin­nern, daß das Wesen des Men­schen in sei­ner Exis­tenz liegt, wie es Hei­deg­ger so geni­al in ›Sein und Zeit‹ for­mu­liert hat, und nicht in einer ›ande­ren Welt‹. Es ist im Hier und Jetzt, wo sich unser Schick­sal bis zur letz­ten Sekun­de ent­schei­det. Und die­se letz­te Sekun­de ist genau­so wich­tig wie der Rest eines Lebens. Des­halb müs­sen wir bis zum letz­ten Moment wir selbst sein.« Man selbst sein oder gar man selbst wer­den, indem man sich frei­wil­lig den Tod gibt – das ist ein para­do­xer Gedan­ke, der in den Erwä­gun­gen vie­ler berühm­ter »Selbst­mör­der« eine bedeu­ten­de Rol­le gespielt hat. Mishi­ma blieb für sein japa­ni­sches wie für sein euro­päi­sches Publi­kum ein Mys­te­ri­um, obwohl – oder auch gera­de weil – er von Anfang an alle Kar­ten mit einer ver­blüf­fen­den Offen­her­zig­keit auf den Tisch gelegt hatte.

Der obe­ren Mit­tel­schicht ent­stam­mend, müt­ter­li­cher­seits aris­to­kra­ti­scher Her­kunft, hat­te er die ers­ten zwölf Jah­re sei­nes Lebens als schwäch­li­ches und sozi­al iso­lier­tes Kind unter der erdrü­cken­den Obhut einer herrsch­süch­ti­gen, kran­ken Groß­mutter ver­bracht, die ihn sei­nen Eltern gera­de­zu ent­ris­sen hat­te und eher wie ein Mäd­chen als einen Jun­gen erzog. In sei­nem auto­bio­gra­phi­schen Roman Geständ­nis einer Mas­ke (1949) beschrieb er, wie sich zen­tra­le The­men sei­nes Lebens schon in frü­hes­ter Kind­heit ent­wi­ckelt hat­ten, ins­be­son­de­re sei­ne Fas­zi­na­ti­on für Krieg, Gewalt, Fol­ter und den Tod auf dem Schlacht­feld, der ihm um so schö­ner und edler erschien, je grau­sa­mer und schmerz­haf­ter er aus­fiel. »Mein Herz sehn­te sich nach Tod und Nacht und Blut«, schrieb er. Wäh­rend des Krie­ges war der Tod stän­dig prä­sent. Als Mishi­ma im Febru­ar 1945 ein­be­ru­fen wur­de, erschien er krank zur Stel­lung, und über­trieb noch sei­nen schwa­chen Gesund­heits­zu­stand durch fal­sche Anga­ben. Der Mili­tär­arzt erklär­te ihn für untaug­lich. Eine nagen­de Wun­de der Unzu­läng­lich­keit blieb zurück. Der jun­ge Mishi­ma hat­te sei­ne Chan­ce auf einen ehren­haf­ten Tod für den Kai­ser ver­paßt, und in der libe­ra­len, öko­no­misch ori­en­tier­ten Demo­kra­tie war kein Platz mehr für heroi­sche Ambi­tio­nen. In sei­nem Pro­sa­stück Die Stim­men der Gefal­le­nen kla­gen die Geis­ter der Kami­ka­ze den Kai­ser an, sei­ne Gött­lich­keit wider­ru­fen zu haben, womit auch ihr Opfer­gang der Sinn ver­lo­ren habe. Ihnen schlie­ßen sich die Geis­ter der Offi­zie­re des legen­dä­ren »Ni Ni Roku«-Putschversuches vom 26. Febru­ar 1936 an, deren Schick­sal Mishi­ma inten­siv beschäf­tig­te. Die­se Anhän­ger einer anti­mo­der­nis­ti­schen, fana­tisch natio­na­lis­ti­schen Frak­ti­on inner­halb der Armee hat­ten meh­re­re Regie­rungs­mit­glie­der ermor­det, die sie als kor­rupt erach­te­ten und das Par­la­ment, das Hee­res­mi­nis­te­ri­um und die Haupt­quar­tie­re der Poli­zei besetzt. Obwohl sie sich als kai­ser­treu dekla­rier­ten, lehn­te der vierund­rei­ßig­jäh­ri­ge Ten­nō ihre For­de­run­gen ab und befahl ihre Kapi­tu­la­ti­on. Die Anfüh­rer wur­den zum Tode ver­ur­teilt, zwei von ihnen begin­gen Selbst­mord. Der jun­ge ­natio­na­lis­ti­sche Held von Mishi­mas Roman Unter dem Sturm­gott, der im Jah­re 1932 spielt, ist ein enger Geis­tes­ver­wand­ter der Ni Ni Roku-Rebel­len, sei­ne Vor­bil­der rei­chen aber noch wei­ter zurück: Begeis­tert stu­diert er die Geschich­te des Shin­pū­ren-Auf­stan­des des Jah­res 1877, als sich eine Grup­pe von Samu­rai gegen die Mei­ji-Regie­rung erhob, die das Toku­ga­wa-Sho­gu­nat ent­mach­tet hat­te und die Ver­west­li­chung des Lan­des vor­an­trieb. Ihre Anfüh­rer wur­den ent­haup­tet oder begin­gen Seppu­ku. Ihnen fühl­te sich Mishi­ma inner­lich eben­so ver­bun­den wie den Offi­zie­ren des 26. Februar.

Der Ni Ni Roku-Auf­stand ist auch der Hin­ter­grund von Mishi­mas berüch­tigs­ter Erzäh­lung: Patrio­tis­mus (jap. Yuko­ku) aus dem Jahr 1960 schil­dert den Sui­zid eines jun­gen Offi­zie­res, der den Rebel­len nahe­steht, von ihnen aber nicht über den bevor­ste­hen­den Putsch infor­miert wur­de, da sie den Frisch­ver­mähl­ten scho­nen woll­ten. Nun läuft er in Gefahr, gegen sei­ne Kame­ra­den ein­ge­setzt zu wer­den. Ihm bleibt also nur ein ein­zi­ger ehren­haf­ter Aus­weg. Der poli­tisch-his­to­ri­sche Hin­ter­grund wirkt aller­dings nur wie ein belie­bi­ger Auf­hän­ger für den eigent­li­chen Kern der Erzäh­lung, die detail­ier­te, bei­na­he feti­schis­ti­sche Schil­de­rung des Hara­ki­ri, samt Blut, Schweiß, Erbro­che­nem und dem Gestank der her­aus­quel­len­den Ein­ge­wei­de. Zuvor voll­zieht der Offi­zier noch einen letz­ten lei­den­schaft­li­chen Lie­bes­akt mit sei­ner schö­nen, jun­gen Frau, die ihm selbst­ver­ständ­lich ohne mit der Wim­per zu zucken in den Tod folgt.

1966 insze­nier­te Mishi­ma eine Film­ver­si­on sei­ner Kurz­ge­schich­te, die noch um etli­che Gra­de erschre­cken­der, um nicht zu sagen: per­ver­ser aus­fiel als die­se selbst. The Rite of Love and Death, wie der inter­na­tio­na­le Titel lau­te­te, ist ein avant­gar­dis­ti­scher Stumm­film in kon­trast­rei­chem Schwarz­weiß, musi­ka­lisch unter­malt mit der Auf­nah­me einer »sym­pho­ni­schen Syn­the­se« von Wag­ners Tris­tan und Isol­de von Leo­pold Sto­kow­ski aus dem Jahr 1936. Schau­platz ist eine Nō-Thea­ter-Büh­ne, in deren Zen­trum ein Ban­ner mit den Schrift­zei­chen »rück­halt­lo­se Auf­rich­tig­keit« prangt. Der Film ist scho­ckie­rend rea­lis­tisch und zugleich streng sti­li­siert. Als der Offi­zier zuckend auf dem wei­ßen Boden zusam­men­bricht, umgibt ihn eine schwar­ze Blut­la­che, die einem kal­li­gra­phi­schen Mus­ter ähnelt: »Poe­sie, mit einem Sprit­zer Blut geschrie­ben«, wie Mishi­ma ein­mal for­mu­lier­te. Der Autor läßt kei­nen Zwei­fel dar­an, daß das Gezeig­te in all sei­ner Dras­tik als bewun­de­rungs­wür­di­ger, roman­ti­scher, ja ero­ti­scher Akt zu ver­ste­hen ist. Die Haupt­rol­le spiel­te er selbst, womit der halb­stün­di­ge Film gleich­sam zur Gene­ral­pro­be sei­nes spä­te­ren tat­säch­li­chen Sui­zids wurde.

Nicht zuletzt die­ser Film zeigt deut­lich, daß in Mishi­mas Kunst, Leben und Tod äußerst abgrün­di­ge Impul­se und extre­me inne­re Wider­sprü­che wirk­sam waren. Sei­ne Todes­sehn­sucht ver­band sich schon früh mit einer stark sado­ma­so­chis­tisch gefärb­ten Homo­ero­tik. Als der Elf­jäh­ri­ge in einem Buch zufäl­lig eine Abbil­dung des hei­li­gen Sebas­ti­an von Gui­do Reni ent­deck­te, einen von Pfei­len durch­bohr­ten nack­ten Jüng­ling mit eksta­ti­schem Gesicht­aus­druck, ergriff ihn eine blitz­ar­ti­ge sexu­el­le Erre­gung. Die Begier­de nach den schweiß­be­deck­ten, mus­ku­lö­sen Lei­bern von Arbei­tern, Matro­sen oder Sol­da­ten war wohl auch Kom­pen­sa­ti­on der tota­len Ent­frem­dung von sei­nem eige­nen Kör­per, die er in sei­nem Buch Son­ne und Stahl beschrieb. Dem­nach hat­te er sein Ich zuerst durch Wor­te erfah­ren und muß­te sich müh­sam »zur Rea­li­tät des Flei­sches« durch­rin­gen. Die­se war aber bereits »ver­ätzt von dem abs­tra­hie­ren­den Gift der Wor­te«, die Mishi­ma mit gefrä­ßi­gen wei­ßen Amei­sen ver­glich. Die Distanz zum eige­nen Kör­per mach­te die­sen zum Objekt, das es zu for­men galt wie ein Kunst­werk, durch das Licht der Son­ne und den Stahl der Hantelstangen.

Ab 1955 begann Mishi­ma mit kon­se­quen­tem Kraft­trai­ning, und bil­de­te vor allem sei­nem Ober­kör­per zu einer idea­len, »apol­li­ni­schen« Form. Durch die Ent­wick­lung sei­ner Mus­keln ent­deck­te er, daß der Leib sei­ne eige­ne Logik und Spra­che besitzt, die zur rei­nen Tat jen­seits der kor­rup­ti­ven Wor­te drängt. Der Kör­per erschien ihm nun als sicht­bar gewor­de­ner Geist: die Schön­heit der Tugen­den muß mit der Schön­heit des Kör­pers kor­re­spon­die­ren und umge­kehrt. Dies war aller­dings nur eine Etap­pe auf dem Weg zu sei­nem End­ziel, denn wie in sei­nem Roman Der Tem­pel­brand, in dem ein moder­ner Herostra­tos ein sakra­les archi­tek­to­ni­sches Meis­ter­werk nie­der­brennt, muß die abso­lu­te Schön­heit eines Tages unter­ge­hen, ja dio­ny­sisch ver­nich­tet wer­den. Der Opfer­tod eines häß­li­chen Kör­pers wäre in Mishi­mas ästhe­ti­schem Sys­tem unwür­dig und lächer­lich. Der Bauch, der ritu­ell auf­ge­schlitzt wer­den soll, muß mus­ku­lös und hart sein, nicht weich und schwabbelig.

Mit 45 Jah­ren war sich Mishi­ma bewußt, daß er den Zenit sei­ner kör­per­li­chen Schön­heit und Kraft über­schrit­ten hat­te und somit bald han­deln muß­te. Im Jahr sei­nes Todes voll­ende­te er auch sein lite­ra­ri­sches Meis­ter­werk, die Roman-Tetra­lo­gie Das Meer der Frucht­bar­keit, die den Nie­der­gang der japa­ni­schen Gesell­schaft über meh­re­re Genera­tio­nen hin­weg schil­der­te. Ohne Zwei­fel war es ihm ernst mit sei­ner Kri­tik am Nach­kriegs-Japan, das er im Ban­ne einer »grü­nen Schlan­ge« sah, ver­gif­tet durch Geld, Nihi­lis­mus und Kon­su­mis­mus. Aber Wor­te und die Kunst genüg­ten ihm nicht mehr. Es war ihm nicht gege­ben, zugleich ein gro­ßer Dich­ter und ein gro­ßer Krie­ger wie Ernst Jün­ger zu sein. Ohne Zwei­fel war auch er ein »radi­ka­ler déca­dent«, der »den ihn quä­len­den Wert­ni­hi­lis­mus nur ertra­gen« konn­te, weil er glaub­te, »daß sich das wirk­li­che Leben erst im Aus­nah­me­zu­stand ent­hüllt; im Krieg oder im Augen­blick der Gefahr«, wie Gün­ter Masch­ke über Dri­eu La Rochel­le bemerkt hat.

Mishi­ma woll­te gewiß ein auf­rich­ti­ges Fanal gegen die Deka­denz sei­ner Zeit set­zen. Vor allem aber soll­te sein Frei­tod die Gren­ze zwi­schen Kunst und Leben spren­gen, die lang ersehn­te Ver­ei­ni­gung von Geist und Kör­per, »Feder und Schwert«, Traum und Tat, Eros und Tha­na­tos voll­zie­hen und mit Blut besiegeln.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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