Kritik der Woche (4): Knörzers “Farben der Macht”

von Felix Dirsch -- Es gab und gibt konservative, gar rechte Soziologen.

 Gastbeitrag

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Vor der gro­ßen Wen­de der 1960er und 1970er Jah­re (ver­ein­zelt noch danach) gelang es ihnen, ihrer Dis­zi­plin maß­geb­li­che Impul­se zu ver­lei­hen. Gelehr­te wie Hans Frey­er, Arnold Geh­len, Hel­mut Schelsky, Fried­rich H. Ten­bruck und Erwin K. Scheuch haben etli­che Beträ­ge ver­faßt, die man ohne Zwei­fel als klas­sisch bezeich­nen kann: also als lan­ge her, aber nicht veraltet.

Geh­lens Ana­ly­sen der hyper­mo­ra­lis­ti­schen Grun­die­rung der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Kul­tur haben nicht zufäl­lig vor dem Hin­ter­grund will­kom­mens­kul­tu­rel­ler Hys­te­rie eine umfang­rei­che Neu­re­zep­ti­on erfah­ren. Eben­so haben Schelskys Anmer­kun­gen zur säku­lar­pries­ter­li­chen Intel­lek­tu­el­len­herr­schaft auch in Zei­ten, in denen jugend­li­che Pseu­do­pro­phe­ten die Polit­pro­mi­nenz medi­al vor sich her­trei­ben, nichts von ihrer Bedeu­tung verloren.

An sol­che Vor­ar­bei­ten kann ein Autor wie der Publi­zist Win­fried Knör­zer in einer ver­än­der­ten Situa­ti­on anknüp­fen, die er als „Hyper­mo­der­ni­tät“ umschreibt. Sei­ne Samm­lung unter­schied­li­cher Ein­zel­stu­di­en zur Gegen­warts­ge­sell­schaft ist unter dem Titel „Far­ben der Macht“ erschie­nen. Der Leser wird kei­ne sys­te­ma­ti­schen Betrach­tun­gen erwar­ten, wie sie die Inha­ber (auch per­so­nell) gut aus­ge­stat­te­ter Lehr­stüh­le, etwa Armin Nas­sehi, von Zeit zu Zeit vorlegen.

Knör­zers „rech­ter Blick“ auf die „Gesell­schaft der Glei­chen“ beginnt fol­ge­rich­tig mit Erör­te­run­gen über das Kon­trast­pro­gramm: die Sozia­li­tät der Unglei­chen. Die Erfor­schung von Eli­te-Mit­glie­dern, beson­ders deren Rekru­tie­rung und Funk­ti­on, ist immer schon ein reiz­vol­les The­ma für diver­se aka­de­mi­sche Dis­zi­pli­nen – gera­de unter demo­kra­ti­schen Bedin­gun­gen, die übli­cher­wei­se auf die Not­wen­dig­keit glei­cher for­ma­ler Aus­gangs­chan­cen achten.

Doch die natür­li­chen Ungleich­hei­ten, vom Alter über das Geschlecht bis zu den Fähig­kei­ten und Bega­bun­gen, zäh­len zur con­di­tio huma­na. Ein all­ge­mei­nes Aus­wahl­kri­te­ri­um der Gesell­schaft kann es schon des­halb nicht geben, weil sie wie­der­um in ver­schie­de­ne Sub­sys­te­me zer­fällt, obwohl Eigen­schaf­ten wie Kom­pe­tenz, Bil­dung und beson­de­re Befä­hi­gung bei allen wich­ti­gen Auf­ga­ben tra­di­tio­nell über­all unab­ding­bar schei­nen. In man­chen gesell­schaft­li­chen Berei­chen im gesell­schaft­li­chen Sta­di­um der „Hyper­mo­der­ni­tät“ hat man den Ein­druck, als ver­lie­re Leis­tung an Wert zuguns­ten ande­rer Kri­te­ri­en, etwa der so genann­ten Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit. Man kann hier jene „dys­funk­tio­na­len Effek­te“ am Werk sehen, die der Autor äußerst kun­dig in ver­schie­de­nen Kon­tex­ten beschreibt.

Wei­te­re The­men wer­den über­aus kom­pe­tent behan­delt und geben Ein­blick in dis­tink­te Zusam­men­hän­ge. Stell­ver­tre­tend sind zu nen­nen: Spe­zia­li­sie­rung, Ent­dif­fe­ren­zie­rung, Kom­ple­xi­tät, rechts­freie Räu­me, Luxus­geist, Kor­rup­ti­on, Emo­tio­nen, Authen­ti­zi­tät, Kapi­tu­la­ti­on der Kle­ri­ker, Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus und Gewalttabu.

Bei allen Erör­te­run­gen fällt auf, daß Knör­zer der übli­chen lin­ken Mora­li­sie­rung kei­ne rech­te ent­ge­gen­setzt, die mit­un­ter durch­aus zu ver­neh­men ist, bei­spiels­wei­se die Kla­ge über die Kin­der­ar­mut der Ein­hei­mi­schen. Stets lei­tet er ver­brei­te­te Ver­hal­tens­wei­sen aus den Bedin­gun­gen des sozia­len Sys­tems ab. Der Gebur­ten­schwund ist in einer Gesell­schaft, in der mate­ri­el­le Sym­bo­le hohes Pres­ti­ge ver­lei­hen, kaum zu ver­mei­den, läßt sich doch der Aus­fall an Ein­kom­men, etwa durch Kin­der­er­zie­hungs­zei­ten, wenn über­haupt nur unzu­rei­chend kompensieren.

Knör­zers Fähig­keit, gesell­schaft­li­che Zusam­men­hän­ge mit sys­tem­theo­re­ti­schen Instru­men­ta­ri­en zu deu­ten, sticht her­vor. Er ver­gißt über sol­che Ana­ly­sen nicht, nach­hal­ti­ge aktu­el­le Ver­än­de­run­gen der gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren, wie infol­ge von exzes­si­ver Migra­ti­on, ange­mes­sen und ehr­lich zu berück­sich­ti­gen. Die­ser Grund­zug macht sei­ne Dar­le­gun­gen gegen­über den übli­chen herr­schafts­kon­for­mis­ti­schen, wie sie der sozio­lo­gi­sche Haupt­strom ver­tritt, überlegen.

– – –

Win­fried Knör­zer: Far­ben der Macht. Der rech­te Blick auf die Gesell­schaft der Glei­chen, Lin­den­baum Ver­lag 2021. 352 S., 24.80 € – hier bestel­len.

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Kommentare (1)

Volksdeutscher

30. September 2021 19:36

Es gibt keine Chancengleichheit, weil die Menschen ungleich sind, es schon immer waren und es immer bleiben werden. Das ist eigentlich nichts Neues, was man nicht schon seit einer Ewigkeit wüßte und deshalb extra betonen müßte. Die Ungleichheit birgt die einem jeden zustehende Chance, sie ist die Herausforderung für einen jeden! Seine Chancen trägt ein jeder in sich in Form seiner Anlagen, Fähigkeiten, Begabungen. Er wird zu Leistungen nicht durch Rechte befähigt, er bekommt seine Chancen nicht von außen zugesteckt in Form eines Rechts. Das ist ein falsches, unrealistisches und nicht erfüllbares Versprechen sowie Verzeichnung der Verhältnisse und Zusammenhänge, kurz: die Blüte des perversen linken "Denkens". So etwas wie Chancengleichheit oder Recht auf gleiche Chancen gibt es nicht und darf es nicht geben. Dieses Pseuorecht muß man immer wieder entlarven als das, was es ist: Der Wille der Kurzgekommenen zur Macht durch Erschleichung von unverdienten Leistungen. Auch bekannt als das Ideal der Quotenidioten.