13. September 2021

Kritik der Woche (2): Roger Scruton posthum

Ellen Kositza / 16 Kommentare

Roger Scruton, eine der seltenen konservativen Edelfedern aus England, lebte von 1944 bis 2020. Sein letztes Buch ist nun auf Deutsch erschienen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Narren, Schwindler, Unruhestifter ist eine Abrechnung. Scruton nimmt sich "Linke Denker des 20. Jahrhunderts" vor (so der Untertitel) und zerpflückt ihre Ansätze, die, wen wundert's, auf falschen Annahmen gründen und in Utopien ausfransen.

Ich habe mich in meiner jüngsten Video-Rezension mit diesem Buch beschäftigt. Die "Kritik der Woche" ist diesmal also ein Filmchen. Bestellen kann man Narren, Schwindler, Unruhestifter bei Antaios, und zwar hier.

 


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.


Kommentare (16)

quarz

14. September 2021 01:34

Hier ein Vortrag, den Scruton 2017 in der "Bibliothek des Konservatismus" hielt. Im anschließenden Q&A gibt er auch kurz Auskunft darüber, warum er dieses Buch schrieb.

https://www.youtube.com/watch?v=PjPkQ5mgflo

Gracchus

14. September 2021 02:06

Ha! Lese ich gerade (im Urlaub - deshalb die späte Uhrzeit). Roger Scruton ist ganz nach meinem Geschmack. Ich habe bisher die Kapitel herausgepickt, die mir einigermaßen bekannte Denker behandeln. Zum Lachen sind insbesondere die über Lacan ("ein Psychiater aus der Hölle") und Habermas, dessen unverdauliche bürokratische Sprache aufgespießt wird. Was sagt es aus, wenn Habermas als der maßgebliche Denker der BRD gefeiert wird? 

Erhellend auch, wie er die Kritik von Adorno/Horkheimer an der Konsumkultur auf die altestamentarische Kritik am Götzendienst zurückführt. (Gerade die letzten Seiten der Minima Moralia zeigen Adornos kryptoreligiöse Seite, sogar das paulinische Als ob taucht auf, läuft aber ins Leere).

Gracchus

14. September 2021 02:13

Anders als EK meine ich aber, dass Scruton ein klassischer Liberalkonservativer ist. Warum? Weil er die Trennung von Staat und bürgerlicher Gesellschaft hervorhebt, die Herrschaft und Unabhängigkeit des Rechtssystems, den Wert von Zusammenschlüssen und Institutionen außerhalb des Staats. Was für deutsche Ohren besonders anstößig klingen mag: Nicht jedes Problem lässt sich politisch lösen. Wenn er die Auswüchse der Konsumkultur kritisiert, dann ist für ihn die Lösung: Wir müssen unsere Lebensweise ändern. Dies ist aber keine politische Aufgabe. Herrlich!

Herr K aus O

14. September 2021 07:23

Es ist der größte Coup des Kapitalismus, seinen jetzt globalisierten Würgegriff, als „Links“ darstellen zu können. Der Kapitalismus hat sich an die Spitze seiner Kritiker gestellt, läßt gnadenlose Kritik an sich gelten - um um so effektiver weiter machen zu können.

Black Rock soll mittlerweile der größte Besitzer von Mietwohnungen in Deutschland sein. Wie steht Black Rock zu einem weiteren Zuzug von „Mietern“ aus Afghanistan? Nun, alle wissen, dass Black Rock zuviel Macht hat, aber vielleicht unterstützt Black Rock Seawatch?

Würde Adorno die Deindustrialisierung in Deutschland wirklich begrüßen - als grüne Weltenrettung - oder würde er auf die enormen Gewinnchancen der Big Player hinweisen, wenn sie - ohne Arbeitskampf - ihre Jobs dahin bringen, wo die Löhne + Energie niedrig sind?

RMH

14. September 2021 09:17

@Herr K aus O,

"Black Rock soll mittlerweile der größte Besitzer von Mietwohnungen in Deutschland sein."

Erzählen Sie bitte keinen Fake aus Kreisen der Berliner Linken, hier mal halbwegs aktuelle Zahlen (immerhin aus 2019):

https://www.immobilienmanager.de/das-sind-die-groessten-wohnungseigentuemer-in-deutschland-06032019

https://www.anlegen-in-immobilien.de/mieterland-deutschland-warum-gibt-es-so-wenig-vermieter/

Gegen Bezahlung findet man noch aktuellere Zahlen.

Insgesamt sind die "arm aber sexy" Berliner es einfach nicht gewöhnt, normale Mieten zu bezahlen und denken, eine Wohnung fällt vom Himmel - und dann sind der pöhse Black Rock und andere Investoren schuld, die u.a. auch wegen den politisch verursachten niedrigen Zinsen in den Immobilienmarkt drängen, aber bestimmt nicht, um groß den Vermieter zu spielen (da geht es eher um Beteiligungen, die man auch wieder Grunderwerbsteuerneutral handeln und veräußern kann).

Und was soll das Ganze mit Scruton im Speziellen zu tun haben?

Der_Juergen

14. September 2021 09:22

@Herr K. aus O.

Hervorragender Kommentar. 

Laurenz

14. September 2021 11:53

@Herr K aus O

Was spielt es für eine Rolle, wenn Deutschland deindustrialisiert wird, solange man in Neu-Wandlitz wohnt?

wolfdieter

14. September 2021 12:03

Hab Auszüge davon im Netz gefunden und eigentlich beschlossen, es nicht zu kaufen – ich bin nicht und war nie Philosoph, Schlüsselbegriffe musste ich mit Suchmaschine ausfindig machen – aber nach der Vorrede: bin überzeugt. (Gekauft.)

quarz

14. September 2021 13:42

@Gracchus

"Weil er die Trennung von Staat und bürgerlicher Gesellschaft hervorhebt"

Er hat aber auch einen Lobgesang auf den Nationalstaat verfasst:

https://www.civitas.org.uk/pdf/EnglandAndTheNeedForNations.pdf

Andreas Walter

14. September 2021 14:31

Nachdem ich das Inhaltsverzeichnis des Buches im Netz gefunden hatte, habe ich mir die Biografien all der dort Erwähnten mal angeschaut.

(Hihihi, und bis auf Bergab habe ich auch alle gefunden)

Daraus wird ganz klar ersichtlich, was einen Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einem “Linken“ macht.

Benachteilige, vom Schicksal (oder von anderen Menschen oder/und durch widrige Umstände) geschlagene Menschen. Darum auch so unversöhnlich oder auch nur schwer zu trösten. Ein Meer voller Tränen, die man aber Fremden nicht zeigen will. Schon gar nicht den Furchtlosen, Zufriedenen. Alle Extremisten tragen grossen Schmerz und Trauer in ihren Biografien. Ein Problem, was aber selbst ein wohlwollender König (oder auch Diktator oder Prophet) nicht lösen kann. Wahrscheinlich kommt daher auch der Wunsch nach totaler Kontrolle, die aber wie maximale Freiheit aussieht, also unbemerkt bleiben soll.

Angefangen bei der pränatalen Diagnostik bis hin zu überraschenden Toten durch "Unfall" oder “Krankheit“. Alles störende, verstörende, verletzende und gefährliche, demütigende aus der Welt schaffen. Ein Hort der Glückseligkeit und Zufriedenheit. Doch für wen?

Andreas Walter

14. September 2021 15:20

Kleine Zwischenmeldung in "eigener" Sache.

Was habe ich bereits vor ein paar Tagen/Wochen geschrieben, stark vermutet?:

https://www.nzz.ch/zuerich/corona-und-nationalitaet-erstmals-liegen-genauere-zahlen-vor-ld.1645175?mktcid=nled&mktcval=165_2021-09-14&kid=nl165_2021-9-13&ga=1&trco=

https://www.stern.de/gesundheit/bautzens-impfquote-ist-miserabel--aber-die-inzidenz-super---wie-geht-das--30732994.html

“Die deutschlandweit niedrigste Ausländerquote haben der Erzgebirgskreis (2,0) und der Kreis Bautzen (2,1).“ Die Zeit Online, Sep. 2018

Oder Reisen und Verreisen die Bautzener etwa deutlich weniger als der Rest der Deutschen? Unwahrscheinlich. Weniger Partys und Grillfeste in Bautzen? Auch unwahrscheinlich.

Eine politisch unerwünschte Wahrheit? Beinahe schon erdrückend wahrscheinlich.

Herr K aus O

14. September 2021 16:32

@RMV

also: BlackRock hat schon große Aktienpakete bei Deutsche Wohnen usw.

Daher finde ich die Frage, wem es nützt, wenn berliner Linke für “Wir haben Platz” demonstrieren, nicht völlig uninteressant. Aus Sicht der berliner Linken ist das sicher humanitär, aus Sicht eines Mieters sinkt das Angebot, denn die Nachfrage steigt, d.h. die Mieten steigen (auch deswegen)

Und was das mit Scruton zu tun hat? Herzlich wenig, da haben Sie völlig recht. Aber irgendwie glaube ich auch nicht, dass diese Art von “Links” das Ergebnis von Adorno et al. ist. Immerhin hat Adorno Joan Baez mal in besten Manier zerlegt, was glauben Sie, was von Niedecken übrig wäre?

Gotlandfahrer

14. September 2021 17:44

Kann man "Narren, Schwindler, Unruhestifter" nicht im Sinne des Untersuchungsgegenstands frappierend kürzen zu "Linke"?   "Räuber", "Schänder" oder "Plünderer" griffe ja zu kurz. 

"Mit der Reflexion ihres Entstehungs- und der Antizipation ihres Verwendungszusammenhanges begreift sich die Theorie selbst als ein notwendiges katalysatorisches Moment desselben gesellschaftlichen Lebenszusammenhanges, den sie analysiert, und zwar analysiert sie ihn als einen integralen Zwangszusammenhang unter dem Gesichtspunkt seiner möglichen Aufhebung."

Dies ein schönes Beispiel für die zwanghafte Lebensverneinung der Linken durch Verkultung geschnörkelten Selbstbezugs und allseitiger Beliebigkeit außer des Existenten, also der Verunglimpfung von Tat und Tod.  Alles angesichts der Ahnung, bei Offenlegung ihrer Nichtigkeit dorthin zu wandern, wo man hingehört: In den Orkus.  Oder schlicht: Hier scheint das Selbstverständnis durch, nichts als blasierte, nichtsleistende aber anspruchstellende  Pose zu sein. Gut, ganz so schlicht war das jetzt auch nicht, ist halt komplex, das alles.  In jedem Falle Danke für das Zitat.

Unterm Strich ist der ganze Scheiß sowie so nur deswegen möglich, weil uns Europäern die Abwesenheit unserer Selbstsouveränität nicht klar ist.  Eigentlich ist Europa kein Gelände für Schmeißfliegen.  

Gracchus

14. September 2021 20:03

@quarz

Das widerspricht sich ja nicht. Auch für Scruton stellt politische Herrschaft ein Übel dar, aber eins, das sich nicht aus der Welt schaffen lässt. Am besten sieht er sie wohl in einem National- und Rechtsstaat aufgehoben.

 

Gracchus

14. September 2021 20:05

Dass Scruton fair argumentiert, zeigt sich mir daran, dass ich Lust bekomme, die letzten Schriften Foucaults zu lesen.

 

Laurenz

15. September 2021 09:26

@Gotlandfahrer

"weil uns Europäern die Abwesenheit unserer Selbstsouveränität nicht klar ist.  Eigentlich ist Europa kein Gelände für Schmeißfliegen."

Sie können davon ausgehen, daß die Ursprünge der Misere im Adel liegen. Der Adel konnte sich nach vielen tausend Jahren rechtlicher Herrschaft & 1.400 Jahren fürstlicher oder königlicher Herrschaft nicht vorstellen, daß jemand tatsächlich & erfolgreich versucht, diese Herrschaft zu beseitigen. Seit ca. 700-1.000 vor 0 gibt es Geld. Dem europäischen Adel erschien der Umgang mit Geld als profan & unfein. Man wollte sich damit nie beschäftigen. Geld diente dem Adel, wie uns auch, nur als Mittel zum Zweck, man schob die Beschäftigung mit dem Geld den "Krämerseelen" zu, so wie wir das auch tun. Deswegen werden wir heute von den Krämerseelen beherrscht. Und ich kann nicht feststellen, daß wir aus den Fehlern des Adels gelernt hätten.

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