Sezession
12. August 2009

Frau Lengsfeld ist jetzt die Vera

Ellen Kositza

vera lengsfeldGestern wurde allenthalben hochaufgeregt über das Wahlkampfplakat von Vera Lengsfeld (CDU) berichtet. Frau Lengsfeld strebt ein Direktmandat für den Berliner Wahlbezirk Friedrichshain-Kreuzberg an. Die plakatierte Parole lautet: Wir haben mehr zu bieten. Lengsfeld ist tief dekolletiert zu sehen, daneben Angela Merkel mit einem ebenso freizügigen Kleid.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Ihr nicht eben prall, aber doch schwer zur Aussicht gestellter Busen (Busen meint die Vertiefung zwischen den Brüsten, die hier freilich mit bedeckten Warzen zu sehen sind) hatte 2008 in Oslo für ein teils pikiertes, teils erfreutes ohlala gesorgt. Die FAZ zitierte gestern genüßlich einen Kommentator auf Lengsfeld Wahlkampfseite, der „Vera“ (Lengsfeld tritt hier tatsächlich als Duz-Kumpeline auf) fragt: „Sind Sie völlig verrückt geworden?“

Mein erster Impuls: hier mal ein Dutzend Politikerbildchen einzustellen, deren Gesichter bereits po-backige Assoziationen erwecken – ohne, daß denen jemand „Verrücktheit“ unterstellen würde.

Ein tieferer Blick in „Veras“ Abgründe belehrte mich eines Besseren. Tatsächlich war ich naiv davon ausgegangen, daß das Versprechen „mehr zu bieten“ und das moderat laszive Bild keinen inhaltlichen Zusammenhang ergeben sollten. Denn a) wo leben wir denn?, und b) sind die abgebildeten Dekolletés ja auch nicht soo verrucht und als Wahlargument nicht mitreißend genug..

Ich hab mich getäuscht. Die Vera nennt ihr 700fach aufgehängtes Busen-Plakat tatsächlich eine „bewußte Provokation“. Sie  möchte damit das Image der „Alte Männer-Bierbauch-Partei“ (sic!) aufpolieren und freut sich diebisch, daß schon Kreisverbände (JU?!) Interesse am Plakat bekundet hätten und daran, "wie prüde linke Männer immer noch sind".

 Du meine Güte, welch ein Profil schält sich hier heraus! Ein Brustbild als Selbstbild! Man begucke sich mal Veras Seite und schaue der Volksvertreterin eben nicht auf den Busen, sondern auf ihre Schreibe. Etwa:

Hey, Jungs, entspannt euch! Wo ist eure sexuelle Befreiung geblieben!

Lengsfeld schreibt trotzig-frohgemut, daß sich die gehässigen Kommentare auf ihrer Seite im „untersten Promille“ bewegen. Gemessen an der Besucherzahl, die sich allergrößtenteils in befremdetes Schweigen hüllen, stimmt das. De facto machen die bösen und mitleidigen Stellungnahmen hingegen etwa 50% aus - Prozent, wohlgemerkt; nicht Promille, auch wenn letzteres Raum für weitere Asoziationen gäbe.

Vera, finally:

Zum Schluß möchte ich den Respekt, den Halina Wawzyniak, die Bundestagskandidatin der Linken, mir gezollt hat, zurückgeben. Frau Halina (sic!) hat nicht nur mit ihrem Plakat bewiesen, daß sie mehr A… in der Hose hat als die meisten Genossen ihrer Partei, die steht auch für eine neue Diskussionskultur, die argumentiert und nicht niedermacht.

Argumente, Respekt , liebe Frau Vera, das ist in ihrem Fall wohl wirklich für'n A…


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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