Großverband

PDF der Druckfassung aus Sezession 100/ Februar 2021

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wie sich alles wun­der­sam fügt! Wir fei­ern die hun­derts­te Aus­ga­be die­ser Zeit­schrift – und (der Zufall will es) gleich­zei­tig, exakt aufs Datum, den zehn­ten Jah­res­tag eben­die­ses Pla­kats: Divi­si­on Antai­os in acht­und­drei­ßig Por­träts, acht­und­drei­ßig Schlag­wor­ten. Das Design ist heu­te viel­leicht erläu­te­rungs­be­dürf­tig. Es ori­en­tier­te sich am Stil einer Pop-art-Kam­pa­gne zuguns­ten Barack Oba­mas. Damals, Oba­ma war seit einem Jahr Prä­si­dent der Ver­ei­nig­ten Staa­ten und bereits Frie­dens­no­bel­preis­trä­ger, kur­sier­te unter Demo­kra­ten-Fans die­ses blau­weiß­ro­te (um weni­ge Grau­stu­fen ergänz­te) Meme des als mes­sia­nisch beju­bel­ten Halb­ke­nia­ners, unter­ti­telt mit den enig­ma­ti­schen Buch­sta­ben HOPE.

Als ob wir das nicht bes­ser, enig­ma­ti­scher könn­ten! Das Pos­ter wur­de uns damals, bei auf 2000 Stück limi­tier­ter Auf­la­ge, gera­de­zu aus den Hän­den geris­sen. In den Woh­nun­gen alter Weg­ge­fähr­ten hängt es bis heu­te gerahmt. Es wur­de seit­her x‑fach nach­ge­fragt, jedoch – es ist vergriffen.

Zur oben erwähn­ten wun­der­sa­men Fügung gehört eine coro­nabe­ding­te Durch­schnitts­hand­lung: Auch im Haus­halt der­je­ni­gen, die sowohl die Divi­si­on Antai­os ver­pfle­gen als auch seit 18 Jah­ren die Sezes­si­on druck­fer­tig machen, kam es in den ver­gan­ge­nen Mona­ten zu gründ­li­chen Durch­gän­gen in Dach­bö­den und Kel­lern. Und was schmieg­te sich da, leicht spinn­we­ben­um­flos­sen, zwi­schen Kis­ten mit der Auf­schrift »Puz­zles, unvoll­stän­dig« und »Grund­schul­kram«? Eine Rol­le Divi­si­on-Antai­os-Pos­ter, zehn Exem­pla­re ohne jede Alterungsspur.

Die­ses Samm­ler­ob­jekt zu inter­pre­tie­ren ist ein wenig so, als müß­te man einen Witz erklä­ren. Das Geheim­nis­vol­le, Umstrit­te­ne, schwer Deut­ba­re, sogar das Rau­nen­de gehört ja wesens­mä­ßig zu die­ser sagen­haf­ten Divi­si­on. Divi­si­on? Die­se paar Dut­zend Gesich­ter? Eine Divi­si­on, so belehrt uns das Volks­le­xi­kon Wiki­pe­dia, sei ein »mili­tä­ri­scher Groß­ver­band von 10 000 bis 30 000 Sol­da­ten, der sich aus meh­re­ren Regi­men­tern oder Bri­ga­den sowie ver­schie­de­nen Unter­stüt­zungs­trup­pen zusam­men­setzt.« Wür­de man durch­zäh­len, käme unse­re Divi­si­on (die eine euro­pa­wei­te ist) sicher auf eine solch fünf­stel­li­ge Zahl. Aufs Pla­kat gesetzt wur­den frei­lich nur weni­ge reprä­sen­ta­ti­ve Por­träts. Mar­tin Licht­mesz hat­te die­sen Kampf­bund (münd­lich funk­tio­niert auch der Wort­witz »Die Visi­on« sehr gut) damals fol­gen­der­ma­ßen eingeführt:

»Die DIVISION ANTAIOS blickt auf eine ruhm­rei­che Tra­di­ti­on von über 1000 Jah­ren und auf erstaun­li­che Waffen‑, Geis­tes- und Insze­nie­rungs­ta­ten zurück. Ihre Ange­hö­ri­gen ver­se­hen mehr oder weni­ger frei­wil­lig ihren Dienst: Dem freu­di­gen Strei­ter ist der gepreß­te zur Sei­te gestellt.«

Die freu­di­gen Strei­ter, die frei­wil­li­gen Kom­bat­tan­ten also, sind rasch aus­zu­ma­chen: Nament­lich sind es zen­tral der Den­ker (»Think«) Dr. Karl­heinz Weiß­mann, der in direk­ter Nach­bar­schaft zum »Tank« Dr. Erik Leh­nert (der in sei­nem frü­he­ren Leben als Pan­zer­auf­klä­rer dien­te) einen »Think­tank« bil­det. In schöns­tes Neu­deutsch über­setzt, ist das eine »Denk­fa­brik«, als die das Insti­tut für Staats­po­li­tik – das her­aus­ge­ben­de Organ der Sezes­si­on also – von Freund und Feind apo­stro­phiert wur­de und wird.

Es folgt eine Rei­he drun­ter mei­ne Wenig­keit. »Femme« als bei­geord­ne­te Paro­le ist ers­tens nahe­lie­gend. Unse­re Divi­si­on ist eine eher viri­le – nicht jedoch, daß sie Frau­en per se aus­schlie­ßen wür­de! Gemein­sam mit der Spe­zia­lis­tin für Geschlech­ter­ord­nun­gen, Camil­le Paglia (»Sexus«), reprä­sen­tie­re ich die stol­ze weib­li­che Min­der­heit inner­halb die­ses hete­ro­ge­nen Streit­hau­fens. Zwei­tens: ein hüb­sches Buch­sta­ben­spiel, reiht sich »Femme« doch an »Feme« an. Wie Paglia ist auch Ernst von Salo­mon, der Feme­chro­nist, selbst­re­dend ein »Gepreß­ter«. Zu den frei­wil­li­gen Strei­tern zähl­ten damals (heu­te wären min­des­tens noch Bene­dikt Kai­ser und Caro­li­ne Som­mer­feld unter den para­dig­ma­ti­schen Gesich­tern; um die jewei­li­gen Paro­len wäre man kaum ver­le­gen!) auch Mar­tin Licht­mesz (»Irr­licht«; Licht­mesz stieß aus einer völ­lig ande­ren Sze­ne zu uns) und Götz Kubit­schek. Kubit­schek bil­det mit so sprö­dem wie wider­stän­di­gen »Ego non« den Abschluß der Klam­mer, deren Anfang – nein, es ist nicht König Hein­rich, wie man ver­mu­ten könn­te! – hier mit dem Bam­ber­ger Rei­ter gesetzt ist.

Rund um das Divi­si­ons­per­so­nal ent­span­nen sich sei­ner­zeit so vie­le Dis­kus­sio­nen und soviel Rät­sel­ra­ten, daß man damit ein eige­nes hei­te­res Anek­do­ten­bänd­chen fül­len könn­te. Nur ein paar Bei­spie­le: Es gab einen Dis­ko­the­ken­be­trei­ber und Kon­zert­ver­an­stal­ter, der eine Zeit­lang im Ruch stand, »irgend­wie rechts« zu sein. Ein frag­los unbe­que­mer Zustand. Der­je­ni­ge war nun über­zeugt davon, unter der Paro­le »Fanal« abge­bil­det zu sein, und schrieb einen kom­pli­zier­ten Brief, in dem er sich so vor­nehm wie ver­ständ­nis­hei­schend ver­wahr­te, unse­rer Divi­si­on zuge­rech­net zu wer­den. (Wenn ich mich kor­rekt erin­ne­re, dach­te er, es wür­de als »Fanal« gewer­tet, daß er die slo­we­ni­sche Pop­grup­pe Lai­bach hat­te auf­tre­ten las­sen.) Tat­säch­lich hat­ten wir unter »Fanal« Chris­ti­an Böhm-Ermol­li abge­bil­det, die­sen radi­ka­len, hoch­be­gab­ten rech­ten Wie­ner Akti­vis­ten (sie­he Lutz Damm­becks Film Das Meis­ter­spiel), der sich drei­ßig­jäh­rig 1996 im Ster­be­haus sowohl von Beet­ho­ven als auch von Otto Wei­nin­ger (höchst­selbst bei uns unter »Gen­der« fir­mie­rend) das Leben genom­men hatte.

Für Irri­ta­ti­on sorg­te fer­ner der Slo­gan »A Noi!« Etli­che Divi­si­ons­an­ge­hö­ri­ge der zwei­ten Rei­he ver­mu­te­ten dahin­ter etwas irgend­wie Schwä­bi­sches – als wür­de der besag­te Schlacht­ruf eine dia­lek­ta­le Fas­sung von »Oh nein!« oder »Bloß nicht!« aus­drü­cken. In der Tat gab es zahl­rei­che 1848er-Revo­lu­tio­nä­re aus dem Schwa­ben­land – nur, der hier Abge­bil­de­te ist ein Mann des 20. Jahr­hun­derts, näm­lich der Dich­ter, Put­schist und Visio­när Gabrie­le D’Annunzio. Er ruft »Zu uns!« Und, lei­der, »Feu« stell­te auch nicht den jun­gen, sicher recht­schaf­fen begab­ten Sören M. dar, der uns 2008 einen Auf­satz mit dem Titel »Feu­da­lis­mus 2.0« ein­ge­reicht hat­te. Wir hat­ten die­sen Text aus ver­schie­de­nen Grün­den nicht dru­cken kön­nen – Sören dank­te nun für die Wür­di­gung. Zuge­ge­ben, das Ant­litz ist ver­wech­sel­bar, aber unser Feu­er galt dem fran­zö­si­schen Schrift­stel­ler Pierre Dri­eu la Rochel­le, der sei­ner­zeit mit den Deut­schen kol­la­bo­riert hatte.

Offen­kun­dig bot das Pla­kat jeden­falls ein schö­nes, intel­lek­tu­ell anspruchs­vol­les Rate­ver­gnü­gen. Zu den am meis­ten umrät­sel­ten Divi­si­ons­an­ge­hö­ri­gen gehör­ten außer­dem »Gott« (das Bild zeig­te den rumä­ni­schen Reli­gi­ons­phi­lo­so­phen Mir­cea Elia­de) und »Reich 4.0« (Grenz­gän­ger Hans-Diet­rich San­der, 1928 – 2017).

Nun: Was genau ist, meta­pho­risch gefragt, der Dreß­code die­ser Divi­si­on? Wer darf denn hier mit­mi­schen? Was muß er mit­brin­gen für die­se Trup­pe, die kei­nes­wegs ihre Leu­te »dort abholt, wo sie gera­de ste­hen«? Blut und Eisen sind es nun mal nicht. Hier ver­sam­meln sich auch »Unge­dien­te« im kon­ven­tio­nel­len Sin­ne, und Aus­län­der. Der Fak­tor »Dis­si­denz« trifft auf die meis­ten Kom­bat­tan­ten zu. Ob der Alte Fritz und der Bam­ber­ger sich hier zuord­nen lie­ßen, wäre frag­lich. Mög­li­cher­wei­se gab es Zei­ten, wo buch­stäb­li­che Dis­si­denz weder Opti­on noch not­wen­dig war.

Der Divi­si­on Antai­os und mit­hin auch die­sem Pro­jekt, der Sezes­si­on, geht es nie um ein prin­zi­pi­el­les »Dage­gen«. Nur: um die Din­ge in der Waa­ge zu hal­ten, ist genau dies eben meist das Erfor­der­li­che – näm­lich die Gegen­sei­te zu betre­ten, damit das Schiff nicht leck­schlägt: »Der Rech­te – in der Rich­te: ein Außen­sei­ter.« (Botho Strauß) Wer ganz genau wis­sen will, um wel­che Kampf­ge­fähr­ten es sich im ein­zel­nen han­delt, kann gern den ent­spre­chen­den Arti­kel nach­schla­gen, den anno 2010 unser Freund Ernst Jün­ger als Gast­bei­trag auf sezession.de ver­faß­te. Die Schlag­wör­ter »sezes­si­on divi­si­on antai­os« mögen zum Auf­fin­den genügen.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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